Sämtliche Werke 17

Part 17

Chapter 173,679 wordsPublic domain

„Ist sie es?“

„Ja, sie ist es! Aber weshalb regen Sie sich denn so auf? Was geht das Sie als fremden Menschen an?“

„Mein Herr, mein Herr!“ stammelte der Kleine im Waschbärpelz mit versagender, erstickender Stimme, aus der es fast wie ein Schluchzen klang. „Ich ... versteht sich, in der Verstörtheit ... Sie haben mich zur Genüge erniedrigt gesehen; doch jetzt ist es Nacht, aber morgen ... übrigens werden wir uns morgen sicherlich nicht wiedersehen, obschon ich mich nicht zu fürchten brauche, Ihnen zu begegnen – und übrigens bin ja gar nicht ich es, es ist nur mein Freund, wie gesagt, der auf der Wosnessenskij-Brücke wartet. Wirklich, Sie können mir glauben! Das ist seine Frau, wie gesagt, nicht meine Frau. Der arme Mensch! Ich ... ich versichere Ihnen! Ich bin sehr gut mit ihm bekannt; erlauben Sie, ich werde Ihnen alles erzählen. Ich bin sein Freund, wie Sie sehen, denn – würde ich anderenfalls so lebhaften Anteil an seinem Unglück nehmen? Und Sie sehen doch! – Ich habe ihm ja selbst gesagt, unzählige Mal gesagt: wozu heiratest du? Bist du nicht ein ehrenwerter Mensch, bist du nicht wohlhabend, bekleidest du nicht einen angesehenen Posten, weshalb also willst du das alles gegen die Launen einer Koketten eintauschen? oder zum mindesten doch aufs Spiel setzen? Hab ich nicht recht? Nein, aber, – ich heirate, sagt er, ich will Familienglück ... Da hat er jetzt sein Familienglück! Zuerst hatte er selbst Ehemänner betrogen, jetzt aber kam die Reihe an ihn, den Kelch zu leeren. Sie werden mich entschuldigen, diese Erklärungen hat mir nur die Notwendigkeit entrissen! ... Er ist ein unglücklicher Mensch, der jetzt selbst den Kelch leeren muß ...“

Hier begann die Stimme des Herrn im Waschbärpelz zu versagen und der junge Mann hörte so etwas wie ein Schluchzen, als ob sein Gefährte allen Ernstes zu weinen begonnen.

„Ach, daß der Teufel sie alle holte! Es gibt doch wahrlich genug Dummköpfe in der Welt! Wer sind Sie denn eigentlich?“

Der junge Mann knirschte vor Wut.

„Nein, das müssen Sie zugeben, das geht nicht ... ich handelte edel und offen ... Sie aber schlagen jetzt wieder einen solchen Ton an!“

„Nun, verzeihen Sie, – wie lautet denn Ihr werter Familienname?“

„Nein, wozu, was hat das hier mit dem Familiennamen zu schaffen?“

„Ah!!“

„Es ist mir ganz unmöglich, meinen Namen zu nennen ...“

„Kennen Sie Herrn Schabrin?“ fragte plötzlich der junge Mann.

„Schabrin!!!“

„Ja, Schabrin! Ah!!!“ Der junge Mann erlaubte sich, die Stimme des älteren ein wenig nachzuäffen. „Haben Sie jetzt begriffen?“

„Nein, wieso, was für ein Schabrin?“ stotterte mit hervorquellenden Augen der Herr im Waschbärpelz. „Durchaus nicht Schabrin! Er ist ein Ehrenmann, ich kenne ihn zufällig! Und Ihre Unhöflichkeiten kann ich mir nur durch Ihre Eifersucht erklären, die Sie vollkommen unzurechnungsfähig macht.“

„Ein Spitzbube ist er, aber kein Ehrenmann, eine käufliche Seele, ein Prozentschneider, ein Betrüger, der die Kasse bestohlen hat! Bald wird er vors Gericht gebracht werden!“

„Entschuldigen Sie,“ sagte der Herr im Waschbärpelz, der bleich geworden war, „Sie kennen ihn nicht; wie ich sehe, muß er Ihnen vollkommen unbekannt sein.“

„Freilich, persönlich kenne ich ihn nicht, dafür kenne ich aber um so besser das Wesen seiner werten Person aus gewissen ihm sehr nahestehenden Quellen.“

„Mein Herr, aus welchen Quellen? Ich bin ... so zerstreut, wie Sie sehen ...“

„Ein Esel! Ein Dummkopf erster Sorte! Ein eifersüchtiger Pantoffelheld, der seine Frau nicht zu bewachen versteht – das ist er! Finden Sie sich damit ab, daß Sie jetzt erfahren haben, was er ist!“

„Ich bitte um Entschuldigung, aber Sie täuschen sich in Ihrem Eifer, junger Mann ...“

„Ach!“

„Ach!“

In der Wohnung Bobynizyn ließ sich wieder Geräusch vernehmen. Die Tür wurde aufgeschlossen, Stimmen wurden laut.

„Ach, das ist nicht sie, nein, das ist sie nicht! Ich erkenne ihre Stimme! Jetzt habe ich alles erfahren! ... Glauben Sie mir, das ist sie nicht!“ versicherte der Herr im Waschbärpelz fast beschwörend, während sein Gesicht so weiß wie die Wand hinter ihm wurde.

„Schweigen Sie!“

Der junge Mann drückte sich in den Winkel, um nicht gesehen zu werden.

„Mein Herr, ich eile: sie ist es nicht, das freut mich sehr.“

„Nun, nun, dann machen Sie, daß Sie fortkommen, gehen Sie!“

„Aber weshalb bleiben Sie denn hier?“

„Weshalb gehen Sie denn nicht?“

Die Tür wurde aufgemacht und der Herr im Waschbärpelz eilte wie der Blitz die Treppe hinab.

Am jungen Mann gingen ein Herr und eine Dame vorüber und sein Herz drohte stille zu stehen ... Er vernahm nur eine helle, bekannte Frauenstimme und dann eine rauhe Männerstimme, die ihm jedoch ganz unbekannt war.

„Das hat nichts auf sich, ich werde einen Schlitten nehmen,“ sagte die rauhe Stimme.

„Ach, nun ja, dann ja; gut, ich willige ein ...“

„Er wird bereits vor der Tür halten. Im Augenblick.“ Und damit verschwand der Herr. Die Dame blieb allein zurück.

„Glafira! Wo sind deine Schwüre?“ rief der junge Mann in der Pekesche, die Dame am Handgelenk fassend.

„Ach! Wer ist das? Sind Sie es? Sie, Tworogoff? Mein Gott im Himmel! Was tun Sie hier?“

„Wer war jener Herr?“

„Aber das ist ja doch mein Gemahl, gehen Sie, gehen Sie, er wird sogleich zurückkehren ... von Polowizyns. So gehen Sie doch fort, um Gottes willen, gehen Sie!“

„Polowizyns sind aus dieser Wohnung schon vor drei Wochen ausgezogen! Ich weiß alles!“

„Ach!“ Und damit eilte die Dame so schnell sie konnte die Treppe hinab. Der junge Mann holte sie aber doch noch ein.

„Wer hat es Ihnen gesagt?“ fragte die Dame.

„Ihr Herr Gemahl, meine Gnädigste, Iwan Andrejewitsch, der sich hier in nächster Nähe befindet, der – vor Ihnen steht, meine Gnädigste ...“

Iwan Andrejewitsch – so hieß der Herr im Waschbärpelz – stand in der Tat auf der Treppe dicht vor seiner Gemahlin.

„Ach, das sind Sie?“ rief der Herr Gemahl.

„Ah, ^c’est vous^?“ rief Glafira Petrowna, die mit ungefälschter Freude zu ihm stürzte. „O Gott! Was mir alles zugestoßen ist! Ich war bei Polowizyns; und kannst du dir vorstellen ... du weißt, sie wohnen jetzt an der Ismailoff-Brücke; ich sagte es dir, weißt du noch? Und dort stieg ich in einen Schlitten. Die Pferde scheuten, jagten dahin, zerschmetterten den Schlitten und ich wurde, keine hundert Schritt von hier, in den Schnee geschleudert; der Kutscher wurde aufs Polizeibureau gebracht; ich war natürlich außer mir. Zum Glück kam da Monsieur Tworogoff ...“

„Was?“

Mr. Tworogoff glich eher Loths Weib, nachdem es zur Salzsäule geworden, als Herrn Tworogoff.

„Mr. Tworogoff erblickte mich hier und war so liebenswürdig, mich zu begleiten. Doch jetzt sind Sie hier, da kann ich mit Ihnen zu uns nach Hause fahren, und Sie, Mr. Tworogoff, erlauben wohl, daß ich Sie meiner ganzen Dankbarkeit versichere.“

Und damit reichte die Dame dem immer noch erstarrten Herrn Tworogoff die Hand, die sie aber so stark drückte, daß er fast aufgeschrien hätte.

„Mr. Iwan Iljitsch Tworogoff!“ stellte sie ihn ihrem Gatten vor. „Ein Bekannter von mir. Ich hatte das Vergnügen, ihn auf dem letzten Ball bei Skorlupoffs kennen zu lernen, – ich glaube, daß ich dir von ihm schon erzählt habe? Entsinnst du dich nicht, Coco?“

„Ach, aber gewiß, gewiß, mein Kind! Sehr gut entsinne ich mich!“ versicherte eilfertig der Herr im Waschbärpelz, der Coco genannt worden war. „Freut mich, freut mich ungemein!“

Und er drückte in aufrichtiger Freude die Rechte des Herrn Tworogoff.

„Mit wem reden Sie denn da? Was hat denn das zu bedeuten? Ich warte ...“ ertönte plötzlich eine rauhe Stimme.

Vor der Gruppe stand plötzlich ein endlos langer Herr, der ein Lorgnon hervorzog und den Herrn im Waschbärpelz aufmerksam zu betrachten begann.

„Ach, ^voilà^ Mr. Bobynizyn!“ rief die Dame in den süßesten Tönen. „Woher kommen Sie denn, wenn man danach fragen darf? Das nenne ich eine Begegnung! Denken Sie sich, mich haben die Pferde soeben aus dem Schlitten geworfen ... Doch hier mein Mann! Jean! Mr. Bobynizyn, den ich auf dem Ball bei Karpoffs kennen gelernt habe.“

„Ah, sehr, sehr, sehr angenehm! ... Ich werde sogleich ein Gefährt besorgen, mein Kind.“

„Ja, ja, tu’ es, Jean, tu’ es. Ich zittere noch, ich bebe von dem Schreck. Mir ist gar nicht wohl ... Heute abend auf dem Maskenball,“ flüsterte sie schnell Tworogoff zu ... „Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Herr Bobynizyn! Wir werden uns doch wohl morgen auf dem Ball bei Karpoffs wiedersehen?“

„Nein, pardon, ich werde dort nicht zu finden sein; ich werde morgen ... wenn es jetzt nicht geht ...“ brummte Herr Bobynizyn undeutlich zwischen den Zähnen, so daß der Nachsatz nicht zu verstehen war, machte mit seinem Riesenstiefel einen Kratzfuß, setzte sich in seinen Schlitten und fuhr von dannen.

Da fuhr schon ein zweites Gefährt vor: die Dame setzte sich hinein, doch der Herr im Waschbärpelz zögerte mit dem Einsteigen. Wie es schien, war er noch nicht recht fähig, eine Bewegung zu machen und mit völlig sinnlosem Blick sah er unverwandt den jungen Mann in der Pekesche an, worauf dieser nichts als ein Lächeln zur Erwiderung hatte, ein Lächeln, das auffallend wenig geistreich war.

„Ich weiß nicht ...“

„Es freut mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben,“ versetzte der junge Mann mit einem leichten Bückling, gewissermaßen um vorzubeugen, da er plötzlich so etwas wie einen Schreck oder wie Furcht verspürte, wie sie Gewissensbisse hervorzurufen pflegen ...

„Freut mich, freut mich sehr ...“

„Sie haben, glaube ich, eine Galosche verloren ...“

„Ich? Ach, richtig! Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Ich habe mir immer Gummigaloschen anschaffen wollen ...“

„In Gummigaloschen sollen aber die Füße transpirieren, sagt man,“ bemerkte der junge Mann, allem Anschein nach mit unbegrenzter Teilnahme.

„Jean! So komm doch endlich!“

„Ganz recht, sie sollen transpirieren, wie man hört. Sogleich, sogleich, Herzchen, im Augenblick, wir haben hier nur ein Gespräch zu beenden! Ja, gerade wie Sie zu bemerken beliebten: die Füße transpirieren ... Übrigens, verzeihen Sie, ich ...“

„O, ich bitte!“

„Freut mich, freut mich ungemein, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben ...“

Der Herr im Waschbärpelz setzte sich neben seine Gemahlin in den verdeckten Schlitten. Die Pferde griffen aus.

Der junge Mann aber stand noch lange unbeweglich und blickte dem entschwundenen Paare verwundert nach.

II.

Am Abend des nächsten Tages fand in der „Italienischen Oper“ irgendeine Aufführung statt. Der Saal war bereits brechend voll und der erste Akt hatte schon begonnen, als plötzlich noch jemand mit größter Geschwindigkeit eintrat und wie eine Rakete zu seinem Platz schoß. Dieser jemand war Iwan Andrejewitsch, der Besitzer jenes Waschbärpelzes. Noch nie hatte man ihm ein so großes Verlangen nach Musik angemerkt, wie er es jetzt offenkundig zur Schau trug. Das war aber um so befremdender, als man die Vorliebe Iwan Andrejewitschs, sich im Saale der „Italienischen Oper“ ein Stündchen von Gott Morpheus in den Armen wiegen zu lassen und sein Wohlbehagen in diesen Armen durch mehr oder minder vernehmbares Schnarchen zu bekunden, allgemein seit Jahren kannte. Auch hatte man ihn oft genug sagen hören, wie schön es sei, im Traum die Primadonna „so zärtlich wie ein weißes Kätzchen miauen zu wissen, ohne durch das Wiegenlied gestört zu werden“. Doch es war eigentlich schon lange her, daß er das gesagt hatte, mindestens ein halbes Jahr, wenn nicht länger. Jetzt war alles anders geworden! Jetzt konnte Iwan Andrejewitsch nicht einmal mehr nachts zu Hause in seinem Bette schlafen ...

Und so kam es denn wie eine Rakete in den Saal geschossen, dieses fast fünfzigjährige graue Männchen – das übrigens doch noch nicht ganz grau war. Mit einem Blick überflog er alle Logen im zweiten Rang, und – o, Entsetzen! Sein Herzschlag setzte aus: sie war hier! Sie saß in einer Loge mit General Polowizyn, dessen Gattin und Schwägerin. Und in derselben Loge befand sich noch der Adjutant des Generals – ein äußerst gewandter und liebenswürdiger Mann – und dann noch ein Herr in Zivil ...

Iwan Andrejewitsch strengte seinen Blick bis zur größtmöglichen Schärfe an, doch – o, Angst und Pein! Dieser Unbekannte in Zivil machte sich hinter dem Rücken des Adjutanten unsichtbar und blieb völlig unkenntlich.

Sie war hier und hatte doch gesagt, daß sie bestimmt nicht hier sein werde!

Gerade diese ... diese Duplizität, die Glafira Petrowna auf Schritt und Tritt an den Tag legte, war es, was den guten Iwan Andrejewitsch vernichtete! Und dieser Jüngling in Zivil, der brachte ihn vollends zur Verzweiflung. Wie ein tödlich Verwundeter sank er in seinen Sessel. Weshalb nur diese Verzweiflung, fragt sich wohl ein jeder? Die Sache war doch sehr einfach ...

Der Sessel, auf den sich Iwan Andrejewitsch in seiner Verzweiflung hatte niedersinken lassen, befand sich dicht an den Parterrelogen und in gerader Linie unter jener Loge, in der seine Frau und General Polowizyn nebst Familie saßen, so daß er zu seinem größten Ungemach nicht einmal sehen konnte, was dort vor sich ging. Wie verständlich ist’s daher, daß die Wut in ihm wie das Wasser in einem Ssamowar kochte! Vom ganzen ersten Akt vernahm er keinen Ton. Man sagt, das Beste an der Musik sei, daß man sie mit jedem beliebigen Gefühl in Einklang bringen könne: wer sich freut, höre Freude aus ihr heraus, der Traurige dagegen Trauer – was will man mehr? Doch in den Ohren Iwan Andrejewitschs begann ein ganzer Sturm zu heulen. Zum Überfluß erschallten noch von allen Seiten so entsetzliche Stimmen, daß er glaubte, sein Herz müsse zerspringen. Endlich war der erste Akt zu Ende. Doch siehe, im Augenblick, als der Vorhang sank, geschah mit unserem Helden etwas so Seltsames, daß die Feder sich fast sträubt, es niederzuschreiben.

Es pflegt bisweilen zu geschehen, daß von der Brüstung einer der höchsten Logen ein Theaterzettel langsam herabfällt. Ist das betreffende Schauspiel langweilig und das Publikum unbeteiligt, so ist ihm damit eine willkommene Zerstreuung geboten. Geradezu teilnahmsvoll verfolgen die Blicke den im Zickzack zurückgelegten Flug des weichen, leichten Papiers, wobei sie mit besonderem Interesse die voraussichtliche Endstation ins Auge fassen, jenes ahnungslose Haupt, über dem buchstäblich das Verhängnis schwebt. Es ist allerdings auch sehr interessant zu beobachten, wie dieser Kopf dann plötzlich erschrickt, wie verwirrt er sich umblicken wird – denn der Betreffende wird im ersten Augenblick ganz unfehlbar betroffen und sehr verwirrt sein. Auch wegen der Operngläser, die die Damen so unvorsichtig auf den Logenbrüstungen liegen lassen, stehe ich jedesmal große Angst aus: ich kann den Gedanken nicht loswerden, daß sie sogleich und unfehlbar auf irgendjemandes vollständig unvorbereitetes Haupt herabfallen werden.

Doch Iwan Andrejewitsch widerfuhr etwas, das bisher noch keinem Menschen widerfahren oder das wenigstens noch nie beschrieben worden ist. Auf sein ahnungsloses Haupt – das seines Haarschmuckes schon ziemlich beraubt war – fiel kein Theaterzettel. Ich spüre, daß es mir eigentlich recht peinlich ist, das Ereignis wahrheitsgetreu wiederzugeben, denn es ist doch nichts weniger als höflich, zu sagen, daß auf das ehrenwerte, entblößte Haupt des eifersüchtigen und schwer gereizten Iwan Andrejewitsch tatsächlich ein so unmoralischer Gegenstand fiel, wie es z. B. ein süßduftender Liebesbrief ist. Wenigstens fuhr der arme Iwan Andrejewitsch, dessen Haupt alles andere eher als eine solche Überraschung erwartete, so heftig zusammen, als habe er auf seinem ehrenwerten Haupte zum mindesten eine lebende Maus oder ein anderes wildes Tier verspürt.

Daß der Brief ein Liebesbrief war – das sah man ihm nur zu deutlich an. Erstens war er auf zartem, verräterisch duftendem Papier geschrieben und zweitens war das Format so klein, daß eine Dame ihn in ihrem Handschuh hätte verbergen können. Gefallen war er offenbar während der Übergabe, vielleicht beim Überreichen eines Theaterzettels, unter dem der Brief geschickt und schnell verborgen worden war. Vielleicht war auch nur eine unbeabsichtigte Bewegung des Adjutanten die Ursache gewesen, daß der Brief aus dem Theaterzettel heraus fiel, bevor der Empfänger ihn bemerken und verbergen konnte. Jedenfalls erhielt der Jüngling in Zivil nur den Theaterzettel, mit dem er dann entschieden nichts anzufangen wußte. Fürwahr, eine höchst unangenehme Situation, doch muß man zugeben, daß die Lage Iwan Andrejewitschs noch um ein Bedeutendes unangenehmer war.

„^C’est prédestiné^,“ murmelte er, indes kalter Schweiß ihm aus den Poren trat und er den kleinen Brief krampfhaft in der Hand zusammenpreßte, als wenn ihm jemand das Kleinod hätte entreißen wollen, „^prédestiné^! Die Kugel wird den Schuldigen finden!“ zuckte es durch seine Gedanken. „Nein, das ist nicht das Richtige! Was habe ich verbrochen, daß ich mein Leben aufs Spiel setzen soll?“ überlegte er sofort weiter und ein Gedanke verdrängte den anderen. Doch wer vermag all die Gedanken aufzuzählen, die ein Gehirn nach solch einer Erschütterung gebiert!

Iwan Andrejewitsch saß vorläufig regungslos, als wäre er in der Tat das gewesen, was er zu sein schien: weder tot noch lebendig. Er war überzeugt, daß das ganze Publikum sein lächerliches Unglück bemerkt hatte, obschon gerade in dem Augenblick der Vorhang unter schallendem Applaus gefallen war und ein wahrer Sturm die Primadonna hervorrief. Doch er war so verwirrt und verlegen, daß er seinen Blick nicht zu erheben wagte, als wäre mit ihm das Schrecklichste geschehen, das ein Mensch sich nur ausdenken kann.

„Sehr gut gesungen!“ bemerkte er schüchtern zu seinem Nachbarn zur Linken, einem auffallenden Gecken.

Der Geck, der sich im höchsten Stadium der Ekstase befand, unermüdlich in die Hände klatschte und sogar mit den Füßen scharrte, warf nur einen flüchtigen, zerstreuten Blick auf Iwan Andrejewitsch, baute dann geschwind aus seinen Händen ein Schallrohr vor seinen Mund und rief dumpf brüllend den Namen der Sängerin. Iwan Andrejewitsch, der noch nichts Ähnliches vernommen hatte, war entzückt. „Nein, der hat nichts bemerkt!“ sagte er vollbefriedigt von sich selbst und wandte sich zurück. Doch der dicke Herr, der hinter seinem Rücken saß, stand jetzt, ihm seinerseits den Rücken zuwendend, und musterte durch sein Opernglas die Reihen der Logen. „Auch gut!“ dachte Iwan Andrejewitsch. In den Reihen vor ihm hatte man natürlich nichts gesehen. Schüchtern, doch voll froher Hoffnung wagte er einen Blick in die Parterreloge zu werfen, neben der er saß, zuckte aber plötzlich mit der unangenehmsten Empfindung zusammen, denn was er dort erblickt hatte, war wenig trostreich: er sah eine schöne Dame, die, im Sessel zurückgelehnt, krampfhaft ihr Taschentuch an die Lippen preßte und unbändig lachte.

„O, diese Weiber, diese Weiber!“ seufzte und knirschte Iwan Andrejewitsch und schlängelte sich schleunigst zur Ausgangstür, bemüht, dem Publikum nicht gar zu rücksichtslos auf die Füße zu treten.

Nun fragte es sich: wie kam Iwan Andrejewitsch darauf, anzunehmen, daß dieser Liebesbrief gerade aus der Loge im zweiten Rang stammte? Gab es doch über dem zweiten Rang noch einen und dann noch einen und dann noch die Galerie – im ganzen gab es fünf Ränge. Weshalb sollte er ausgerechnet aus jener bewußten Loge im zweiten Rang gefallen sein, warum nicht z. B. von hoch oben, von der Galerie, wo doch gleichfalls Damen saßen? Doch Leidenschaft ist etwas Außerordentliches und Eifersucht die außerordentliche Leidenschaft, die sich nicht irrt.

Iwan Andrejewitsch stürzte, kaum daß er die Tür erreicht hatte, ins Foyer, blieb bei der nächsten Lampe stehen, erbrach das Kuvert und las:

„Heute abend nach der Vorstellung in der G–straße im Hause K–offs, im dritten Stockwerk, rechts von der Treppe, Eingang von der Straße. Sei dort. ^Sans faute!^“

Die Handschrift war Iwan Andrejewitsch unbekannt, doch eines stand für ihn fest: daß es eine Bestellung zu einem Rendezvous war. Sein erster Gedanke war deshalb: „Vorbeugen, überrumpeln, das Übel verhüten, so lange es noch nicht zu spät war!“

Einen Augenblick dachte er sogar daran, „die Schuldigen sogleich zu überführen, sofort, hier im Theater!“ Doch wie das anstellen? Iwan Andrejewitsch eilte sogar die Treppe hinauf zum zweiten Rang, besann sich aber zum Glück noch rechtzeitig und machte vor der Logentür wieder Kehrt. Er wußte entschieden nicht, wohin er sich wenden oder wo er sich überhaupt lassen sollte. In seiner Ratlosigkeit eilte er auf die andere Seite und blickte durch die offene Tür der gegenüberliegenden Loge. Tatsächlich: in jeder der fünf Logen, die sich in vertikaler Linie über seinem Platz befanden, saßen junge Damen und junge Herren. Der Liebesbrief hätte aus allen fünf zugleich fallen können, um so mehr, als Iwan Andrejewitsch die Insassen aller fünf gegen sich verschworen glaubte. Doch ungeachtet aller sichtbaren Möglichkeiten blieb Iwan Andrejewitsch bei seiner Überzeugung. Den ganzen zweiten Akt verbrachte er in den Korridoren, die er nach allen Richtungen durchirrte, ohne Seelenruhe finden zu können. Er eilte sogar an die Kasse, um vom Kassierer die Namen aller fünf Logeninhaber zu erfahren – doch leider war die Kasse schon geschlossen. Endlich erschallte Applaus, helle Stimmen, die Bravo und die Namen der Künstler riefen. Die Vorstellung war zu Ende. Doch Iwan Andrejewitsch hatte etwas ganz bestimmtes im Sinn: er griff nach seinem Waschbärpelz und eilte in die G–straße, um dort „an Ort und Stelle zu überführen, abzufangen, und überhaupt energischer vorzugehen als gestern“. Bald hatte er auch das Haus gefunden, und er war gerade im Begriff einzutreten, als plötzlich, fast unter seinem Arm, eine Männergestalt in einem geckenhaften Paletot durch die Tür schlüpfte und die Treppen zum dritten Stockwerk hinaufeilte. Iwan Andrejewitsch schien es, daß es der junge Fant von gestern gewesen sei, obschon er sein Gesicht weder jetzt noch am Abend vorher gesehen hatte. Sein Herz blieb stehen. Der Geck hatte bereits einen Vorsprung von zwei Treppen – wie ihn einholen, wie ihm zuvorkommen? Da hörte Iwan Andrejewitsch wie eine Tür schon geöffnet wurde – und zwar ohne Schlüssel, als sei der Betreffende erwartet worden. Iwan Andrejewitsch erreichte diese Tür, als der junge Mann kaum hinter ihr verschwunden und noch niemand sie von innen zugeschlossen hatte. Er gedachte sich zwar noch ein wenig zu sammeln, den bevorstehenden wichtigen Schritt zu erwägen, sich so manches zu überlegen, dies und jenes noch zu befürchten und sich dann erst zu etwas Endgültigem zu entschließen. Da wollte es das Schicksal, daß in dem Augenblick eine schwere Equipage vor das Haus rollte und plötzlich hielt. Die Paradetür wurde geräuschvoll aufgerissen und jemandes schwere Schritte begannen, begleitet von Husten und Gekrächz, langsam die Treppen empor zu steigen. Dieser Situation war Iwan Andrejewitsch nicht gewachsen: er klinkte die Tür auf und betrat mit der ganzen Feierlichkeit des hintergangenen, sich im Recht fühlenden Gatten das Vorzimmer einer fremden Wohnung. Eine Kammerzofe trat ihm sehr erregt entgegen, ihr folgte auf dem Fuß ein Diener, doch nichts vermochte Iwan Andrejewitsch aufzuhalten: er war im Recht, er war der Gatte!

Wie eine Bombe in eine harmlose Versammlung, so flog er in das nächste Gemach, durchschritt zwei fast dunkle Zimmer und befand sich plötzlich in einem Schlafgemach vor einer jungen schönen Dame, die ihn zitternd und verständnislos anstarrte. Da erschallten aber, noch bevor Iwan Andrejewitsch zu sich gekommen war, schwere Schritte im Nebenzimmer und näherten sich merklich der Tür: das waren dieselben Schritte, die Iwan Andrejewitsch unter sich auf der Treppe vernommen hatte.

„Gott! Da kommt mein Mann!“ rief die Dame entsetzt, bleicher als ihr Peignoir, und sie rang hilflos die Hände.