Sämtliche Werke 17

Part 16

Chapter 163,781 wordsPublic domain

Der junge Mann wollte nun seinerseits noch etwas fragen, doch der Herr im Waschbärpelz war bereits wieder verschwunden und sein geduldiger Zuhörer konnte ihm wieder nur verdutzt nachsehen.

„Ach, hol’ ihn der Teufel!“ dachte er schließlich bei sich, zog offenbar ärgerlich seinen Biberkragen fester um den Hals und nahm von neuem den unterbrochenen Spaziergang auf, ohne seine Vorsichtsmaßregeln zu vergessen oder die Tür des endlos hohen Hauses aus dem Auge zu lassen. Er ärgerte sich.

„Weshalb kommt sie denn noch nicht?“ dachte er. „Bald ist es acht Uhr!“

Da schlug die nächste Turmuhr auch schon acht.

„Ah, zum Teufel, das ist doch! ...“

„Entschuldigen Sie! ...“

„Verzeihen Sie, daß ich Sie so ... Aber Sie kamen mir so plötzlich vor die Füße, daß ich geradezu erschrak,“ entschuldigte sich der junge Mann, doch klang es diesmal schon fast unwirsch.

„Ich wende mich wieder an Sie. Natürlich muß ich Ihnen seltsam erscheinen ...“

„Haben Sie die Güte, sich ohne Umschweife zu erklären. Ich habe bis jetzt noch nicht erfahren können, was Sie eigentlich von mir wünschen ...“

„Ah, Sie haben wohl wenig Zeit? Sehen Sie mal. Ich werde Ihnen alles ganz offen erzählen, ohne ein überflüssiges Wort. Was soll ich tun! Die Umstände bringen bisweilen Menschen zusammen, die, was ihre Charaktere betrifft, im Grunde ganz verschieden sind ... Doch ich sehe, Sie sind ungeduldig, junger Mann ... Also, wie gesagt ... übrigens weiß ich nicht einmal, wie ich mich ausdrücken soll! Kurz, ich suche eine Dame – Sie sehen, ich habe mich schon entschlossen, alles zu sagen. Ich muß, wie gesagt, unbedingt erfahren, oder feststellen, wenn Sie wollen, wohin diese Dame gegangen ist. Wer sie ist, – das, denke ich, wird Sie nicht interessieren, junger Mann.“

„Nun, nun, weiter! weiter!“

„Weiter! Ihr Ton ist ja recht ... Das heißt, verzeihen Sie, vielleicht hat es Sie gekränkt, daß ich Sie ‚junger Mann‘ nannte ... aber ich versichere Ihnen, ich habe nichts ... mit einem Wort, wenn Sie mir einen unermeßlichen Gefallen erweisen wollten, dann also, wie gesagt: diese eine Dame ... das heißt, ich will nur sagen, daß sie eine anständige Dame ist, aus der besten Familie, mit der auch ich bekannt bin ... und da bin ich nun beauftragt ... ich, sehen Sie, ich habe selbst keine Familie ...“

„Nun und?“

„Also versetzen Sie sich in meine Lage, junger Mann! – Ach, wieder! Verzeihen Sie, bitte! Ich nenne Sie immer junger Mann! Jeder Augenblick ist dabei kostbar ... Stellen Sie sich vor, diese Dame ... aber können Sie mir nicht sagen, wer hier in diesem Hause wohnt?“

„Ja ... hier wohnen sehr viele.“

„Ja, das heißt, Sie haben vollkommen recht,“ versetzte schnell der Herr im Waschbärpelz und er lachte kurz auf, wie um die Situation zu retten. „Ich sehe, daß ich mich zu ungenau ausgedrückt habe. Doch weshalb schlagen Sie einen solchen Ton an? Wie Sie sehen, gebe ich doch offenherzig zu, daß ich mich nicht ganz treffend ausgedrückt habe, so daß Sie, wenn Sie ein hochmütiger Mensch wären, mich zur Genüge erniedrigt gesehen hätten ... Ich sage Ihnen, eine Dame von anständigem Lebenswandel, das heißt, nur ‚leichten Inhalts‘ ... Verzeihen Sie, ich bin so verwirrt. Ich rede ja, als spräche ich von Literatur! ... Da hat man sich nämlich jetzt eingeredet, daß Paul de Kocks Romane leichten Inhalts seien, während doch bei seinen Romanen das ganze Malheur, wie gesagt ... nun eben ...“

Der junge Mann blickte mitleidig den Herrn im Waschbärpelz an, der sich schließlich rettungslos verwirrt hatte und ihn mit sinnlosem Lächeln ansah, während seine bebende Hand ohne jeden sichtbaren Grund immer wieder nach dem Aufschlag der Pekesche des anderen griff.

„Sie fragten, wer hier wohnt?“ fragte der junge Mann, ein wenig zurückweichend.

„Ja, Sie haben ja schon gesagt, hier wohnen viele.“

„Hier ... hier wohnt, wie ich zufällig weiß, unter anderen Ssofja Osstafjewna,“ sagte der junge Mann flüsternd und sogar mit einem gewissen Mitgefühl.

„Nun sehen Sie, sehen Sie! Sie wissen unbedingt etwas Näheres, junger Mann!“

„Ich versichere Ihnen, nein, ich weiß nichts ... Ich habe nur so kombiniert, so nach Ihrem verstörten Aussehen ...“

„Ich ... ich habe soeben erst von der Köchin erfahren, daß sie in dieses Haus hier geht; doch Sie sind in Ihrer Vermutung fehlgegangen, das heißt, ich will sagen, sie ist nicht zu Ssofja Osstafjewna gegangen ... sie kennt sie ja gar nicht ...“

„Nicht? Dann entschuldigen Sie ...“

„Man sieht, daß Sie das alles nicht interessiert, junger Mann,“ bemerkte der seltsame Herr mit bitterer Ironie.

„Hören Sie mal,“ begann der junge Mann etwas unsicher, „ich kenne allerdings nicht die Ursache Ihrer gegenwärtigen ... Verfassung, aber sagen Sie doch offen: Sie sind wohl hintergangen worden, nicht?“

Der junge Mann lächelte verständnisvoll.

„... Wir werden uns dann wenigstens schneller verstehen,“ fügte er lächelnd hinzu und seine ganze Gestalt verriet die großmütige Bereitwilligkeit, sogleich eine leichte Verbeugung zu machen.

„Sie vernichten mich! Aber wissen Sie – ich gestehe Ihnen ganz offen – Sie haben vollkommen erraten, um was es sich – ... Aber wem kann das nicht passieren! ... Ihre Teilnahme rührt mich tief. Unter jungen Leuten, nicht wahr, das werden Sie doch zugeben ... Übrigens bin ich ja nicht mehr ganz jung, aber, wissen Sie, die Gewohnheit, das Junggesellenleben, wie gesagt, unter uns Junggesellen, na, Sie wissen schon ...“

„O, versteht sich, selbstverständlich! Doch womit kann ich Ihnen nun dienen?“

„Ja sehen Sie! Sie werden zugeben, daß ein Besuch bei Ssofja Osstafjewna ... Übrigens weiß ich noch nicht einmal genau, zu wem sich diese Dame begeben hat, ich weiß nur, daß sie sich in diesem Hause befindet. Als ich Sie nun hier auf und ab gehen sah – ich selbst spazierte dort auf jener Seite – dachte ich, wie gesagt ... Sehen Sie, ich erwarte nämlich diese Dame ... ich weiß, daß sie hier ist – da wollte ich mit ihr zusammentreffen und ihr erklären, ihr vernünftig auseinandersetzen, wie wenig anständig, wie schändlich ... mit einem Wort, wie gesagt – Sie verstehen mich ...“

„Hm! Nun?“

„Ich tue es ja gar nicht für mich! Denken Sie nur nicht etwa ... O nein! Das ist eine ganz fremde Frau! Der Mann steht dort auf der Wosnessenskij-Brücke; er will sie hier überrumpeln, kann sich aber nicht entschließen, – er glaubt eben noch nicht, wie jeder Gatte ...“ Hier machte der Herr im Waschbärpelz wieder einen Versuch, zu lächeln. „Ich bin nur sein Freund. Und nicht wahr, Sie werden mir doch zugeben, daß ich als Mensch, der sich sozusagen einer gewissen, allgemeinen Achtung erfreut, nicht wohl derjenige sein kann, für den Sie mich zu halten offenbar geneigt sind, – das ist doch klar!“

„Selbstverständlich. Nun, und?“

„Also wie gesagt, ich bin hier auf der Lauer, ich bin beauftragt – Sie verstehen – Der arme Mann! Aber ich weiß, daß die listige junge Frau – ewig hat sie einen Paul de Kock unter ihrem Kopfkissen! – ich bin überzeugt, daß sie es doch verstehen wird, irgendwie unbemerkt durchzuschlüpfen ... Mir hat nämlich, offen gestanden, nur die Köchin gesagt, daß sie hierhergehe, und da bin ich denn wie ein Sinnloser hergestürzt, kaum daß sie es ausgesprochen hatte. Ich will ihrer habhaft werden, ich muß es, koste es, was es wolle! Ich habe ja schon längst Verdacht geschöpft. Deshalb wollte ich Sie fragen – Sie gehen hier auf und ab ... Sie ... Sie ... ich weiß nicht, wie ich ...“

„Ja, _was_ denn? Was wünschen Sie zu wissen?“

„Ja ... ja, ja ... Ich, ich habe leider nicht das Vergnügen, Sie zu kennen, und, offen gestanden, ich wage auch gar nicht, eine solche Neugierde zu bekunden, zum Beispiel, ... ich meine ... wer und ... was ... und weshalb ... Jedenfalls aber werden Sie erlauben, daß wir uns, wie gesagt ...“

Und der bebende Herr im Waschbärpelz ergriff die Hand des jungen Mannes und schüttelte sie kräftig und mit glühender Aufrichtigkeit.

„Freut mich, freut mich! Das hätte ich eigentlich sogleich tun sollen,“ fuhr er erregt fort, „aber man ist mitunter so zerfahren, daß man alles vergißt!“

Der Herr konnte vor Unruhe keinen Augenblick still stehen, blickte nach links, nach rechts, trat von einem Bein aufs andere, fast zappelnd vor Ungeduld, und griff, wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm, fortwährend nach einem Knopf oder einem Aufschlag der Pekesche des jungen Mannes.

„Sehen Sie mal,“ fuhr er fort, „ich wollte mich in voller Freundschaft an Sie wenden – verzeihen Sie die Freiheit – und wollte Sie bitten: könnten Sie nicht dort in jener Straße, an der anderen Seite des Hauses, wo sich der hintere Ausgang befindet, promenieren, so, wissen Sie, hin und her? Und ich – ich werde dasselbe tun, bloß hier, vor dem Haupteingang, damit sie nicht unbemerkt durchschlüpfen kann – verstehen Sie? Ich fürchte nämlich die ganze Zeit, sie könne vielleicht doch unbemerkt durchschlüpfen. Das aber darf auf keinen Fall geschehen. Und Sie, sobald Sie sie erblicken – rufen Sie mich schnell, schreien Sie und halten Sie sie auf ... Doch was sage ich! ich bin verrückt! Jetzt erst begreife ich die ganze Dummheit und Unanständigkeit meines Vorschlages!“

„Nein, wieso! Ich bitte Sie! ...“

„Nein, nein, versuchen Sie nicht, mich zu entschuldigen. Ich bin unzurechnungsfähig, ich ... ich kann meine Gedanken nicht mehr zusammenhalten! Das ist mir so noch nie passiert! Es ist, als hätte ich mein Todesurteil vernommen! Ich will Ihnen sogar gestehen – ich bin ganz offen und ehrlich mit Ihnen, junger Mann – ja, ich habe anfangs _Sie_ für den Liebhaber gehalten!“

„Sie wollen also, einfach ausgedrückt, wissen, was ich hier tue?“

„Aber mein Bester, Verehrtester, der Gedanke sei mir fern, daß _Sie_ der Betreffende sein könnten! Es sei, wie gesagt, fern von mir, Sie auch nur in Gedanken mit einem solchen Verdacht zu ... Aber ... aber können Sie mir Ihr Ehrenwort darauf geben, daß Sie kein Liebhaber sind? ...“

„Nun, gut: mein Ehrenwort, daß ich ein Liebhaber bin, nur nicht derjenige Ihrer Frau; anderenfalls wäre ich jetzt nicht auf der Straße, sondern bei ihr, wie Sie wohl zugeben werden.“

„Meiner Frau? Wer hat Ihnen das gesagt, junger Mann? Ich bin unverheiratet, bin, wie gesagt, Junggeselle, ich ... das heißt, nun ja ... ich bin selbst ein Liebhaber ...“

„Sie sagten, der Gatte ... warte dort auf der Brücke ...“

„Gewiß, gewiß – wenn ich es schon gesagt habe? Aber sehen Sie, es gibt noch andere ... Verwicklungen! Und Sie werden mir doch zugeben, junger Mann, daß eine gewisse Leichtfertigkeit, namentlich wenn sie beiden Charakteren eigen ist, das heißt, ich meine ...“

„Schon gut, schon gut, aber um was ...“

„Das heißt, ich bin durchaus nicht der Gatte ...“

„Ganz recht, das haben Sie schon gesagt. Aber jetzt bitte ich Sie, nachdem ich Sie beruhigt habe, auch mir Ruhe zu gönnen, und damit Ihnen das leichter wird, verspreche ich Ihnen nochmals, Sie sogleich zu rufen. Doch jetzt werden Sie wohl die Güte haben, sich zurückzuziehen und mir den Weg gefälligst frei zu geben. Ich warte nämlich gleichfalls.“

„O, bitte, bitte, sofort, sofort werde ich mich entfernen! Ich kann Ihnen die leidenschaftliche Ungeduld Ihres Herzens nur zu gut nachfühlen. Ich verstehe das, junger Mann. O, wie gut ich Sie jetzt verstehe!“

„Ja, was ...“

„Auf Wiedersehen! ... Übrigens, verzeihen Sie, junger Mann, ich komme wieder zu Ihnen ... Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ... Geben Sie mir noch einmal Ihr Ehrenwort, daß Sie nicht der Liebhaber sind!“

„Herr des Himmels! ...“

„Nur noch eine Frage, die letzte: ist Ihnen der Familienname des Mannes Ihrer ... das heißt, ich wollte sagen, derjenigen bekannt, für die Sie sich interessieren?“

„Selbstverständlich ist er mir bekannt, jedenfalls ist es nicht der Ihrige. Doch jetzt basta!“

„Aber woher kennen Sie denn meinen Namen?“

„Hören Sie, ich gebe Ihnen einen Rat: machen Sie, daß Sie davon kommen. So verlieren Sie nur Ihre Zeit und sie kann inzwischen tausendmal unbemerkt aus dem Hause schlüpfen ... Was wollen Sie denn noch? Die, die Sie suchen, ist in einem Fuchspelz und trägt einen Kapotthut, und die, die ich suche, hat einen karierten Umwurf und ein hellblaues Samthütchen ... Was wollen Sie mehr?“

„Ein hellblaues Samthütchen! Aber sie hat ja gleichfalls einen karierten Umwurf und ein solches Hütchen!“ rief der lästige Herr bestürzt aus, der plötzlich wie angewurzelt vor dem jungen Manne stand.

„Ach, der Teufel! Na ja, das nennt man eben Zufall, mein Herr, so etwas kommt vor. Doch wozu rege ich mich auf! – Die, die ich erwarte, pflegt ja nicht dorthin zu gehen!“

„Aber wo ist sie denn jetzt – diejenige, die _Sie_ erwarten?“

„Interessiert Sie das?“

„Offen gestanden, ich habe nichts anderes ...“

„Pfui, Teufel! Sie haben ja, weiß Gott, überhaupt kein Schamgefühl! Na, zum Kuckuck, ich will es Ihnen sagen: die, die _ich_ erwarte, hat hier Bekannte in diesem Hause, im dritten Stockwerk des Vorderhauses. So, und was wollen Sie jetzt noch wissen? Jetzt fehlte nur noch, daß Sie auch die Namen zu hören wünschen!“

„Mein Gott! Auch ich habe Bekannte im dritten Stockwerk, hier im Vorderhause ... General ...“

„General? ...“

„Jawohl, ein General. Ich kann Ihnen, wenn Sie wollen, auch sagen, welch ein General ... es ist General Polowizyn.“

„Da haben wir’s! – Nein, der ist es nicht!“ versetzte er schnell gefaßt – im geheimen aber fluchte er ganz gotteslästerlich:

„Ach, der Teufel! da schlag’ doch der Henker drein!“

„Nicht die?“

„Nein.“

Beide schwiegen plötzlich und starrten verständnislos einander an.

„Na, zum ... was starren Sie mich denn so an?“ fuhr plötzlich der junge Mann auf, ärgerlich die Starrheit von sich abschüttelnd.

Der Herr im Waschbärpelz wurde unruhig.

„Ich, ich, offen gestanden ...“

„Nein, erlauben Sie mal, jetzt lassen Sie uns vernünftig reden. Die Sache geht uns beide an. Erklären Sie mir: wen haben Sie dort?“

„Das heißt, Sie meinen meine Bekannten?“

„Ja, Ihre Bekannten ...“

„Nun sehen Sie, sehen Sie! Ich sehe es ja Ihren Augen an, daß ich es erraten habe!“

„Teufel! Aber nein doch, nein! Hol’s der Teufel! Sind Sie denn etwa blind? Ich stehe doch leibhaftig vor Ihnen, also kann ich doch nicht bei ihr sein. Aber jetzt reden Sie endlich! Übrigens hol’s der Teufel, mir ist es schließlich auch gleichgültig, ob Sie reden oder nicht!“

Und der junge Mann drehte sich wütend auf dem Absatz um, schlug mit der Hand eine bezeichnende Gebärde und stampfte sogar mit dem Fuß auf.

„Ja, aber, ich sage ja nichts, ich bitte Sie, ich bin gern bereit, Ihnen als einem Ehrenmanne alles zu erzählen: anfangs ging meine Frau allein zu ihnen – sie ist mit ihnen verwandt, müssen Sie wissen – und ich ahnte natürlich nichts, das heißt, jeder Verdacht lag mir vollkommen fern. Gestern aber traf ich auf der Straße Se. Exzellenz: da mußte ich zu meiner Verwunderung vernehmen, daß sie bereits vor drei Wochen die Wohnung gewechselt hatten, meine Frau aber ... das heißt, was sage ich! – nicht _meine_ Frau, sie ist die Frau eines anderen – der Mann wartet, wie gesagt, dort auf der Wosnessenskij-Brücke. Diese Dame also hat aber gesagt, daß sie noch vor zwei Tagen bei ihnen gewesen sei und zwar hier in dieser Wohnung ... Die Köchin wiederum erzählte mir, daß die Wohnung Sr. Exzellenz ein junger Mann, Bobynizyn mit Namen, gemietet habe ...“

„Ach, der Teufel! ach, der Teufel!“

„Mein Herr, ich bin außer mir, ich bin entsetzt!“

„Ach, hol’ Sie der Henker! Was geht das mich an, ob Sie außer sich sind oder nur entsetzt! Ach! Da, da schimmerte etwas Helles! Dort! ... Sehen Sie?“

„Wo? wo? Rufen Sie nur ‚Iwan Andrejewitsch‘ und ich komme sofort ...“

„Gut, gut. Ach, der Teufel, so etwas ist mir bisher doch noch nicht vorgekommen, Iwan Andrejewitsch!“

„Hier!“ schrie im Augenblick der Gerufene und kehrte wie der Wind zurück, atemlos vor Schreck und Aufregung. „Was? was? Wo?“

„Nein, diesmal rief ich nur so ... ich wollte bloß wissen, wie diese Dame heißt?“

„Glaf...“

„Glafira ...?“

„Nein, nicht ganz so, nicht gerade Glafira ... verzeihen Sie, aber ich kann Ihnen ihren Namen nicht nennen.“

Der ehrenwerte Mann war bei diesen Worten weiß wie Kalk.

„Nun ja, selbstverständlich heißt sie nicht Glafira, das weiß ich selbst, daß sie nicht Glafira heißt, auch jene heißt nicht Glafira ... Doch übrigens, bei wem ist sie denn dort?“

„Wo?“

„Dort! Herr des Himmels! Da schlag’ doch der Henker drein!“

Der junge Mann konnte buchstäblich nicht stille stehn vor Wut.

„Aha! Sehen Sie? Woher wußten Sie denn, daß sie Glafira heißt?“

„Ach, zum Teufel damit! Da hab’ ich nun auch Sie noch auf dem Halse! Aber Sie sagen doch selbst, daß diejenige, die _Sie_ suchen, nicht Glafira heißt! ...“

„Mein Herr, welch ein Ton!“

„Ach, zum Teufel, jetzt ist es mir wohl gerade um den Ton zu tun! Was ist sie denn? – Ihre Frau etwa?“

„Nein, das heißt ... ich bin unverheiratet ... Nur finde ich es anstößig, so einem unglücklichen Menschen, so einem Menschen, der – ich will nicht sagen: der jeder Achtung wert ist, aber zum mindesten doch so einem wohlerzogenen Menschen nach jedem Wort ‚hol’s der Teufel‘ zu sagen. Von Ihnen aber hört man ja überhaupt nichts anderes als ‚hol’s der Teufel, hol’s der Teufel‘!“

„Nun, ja, schon gut, hol’s der Teufel! Na, da haben Sie es wieder, freuen Sie sich darüber!“

„Sie sind vom Zorn geblendet und deshalb schweige ich. Mein Gott, wer ist das?“

„Wo?“

Sie hörten Geräusch und Lachen, zwei schmutzig gekleidete Mädchen traten aus dem Hause. Beide Herren stürzten ihnen entgegen.

„Nein! So sehen Sie doch! ...“

„Was wollen Sie?“

„Nein, das ist sie nicht!“

„Was, seid nicht auf die Bewußten gestoßen? – He! Droschke!“

„Wohin will sie denn, Fräulein?“

„Steige ein, Annuschka, ich werde dich hinbringen.“

„Ich muß aber dorthin, in jene Gegend. Fahr los! Aber daß du schnell fährst ...“

Die Droschke fuhr davon.

„Woher mögen die gekommen sein?“

„Herr des Himmels! Das ist ja, um ... Aber sollte man nicht hingehen?“

„Wohin?“

„Zu Bobynizyn, wohin denn sonst! ...“

„Nein, das geht nicht ...“

„Weshalb nicht?“

„Ich würde natürlich gehen, aber dann sagt sie etwas anderes, sie ... würde den Spieß umdrehen; ich kenne sie! Sie würde sagen, daß sie absichtlich gekommen sei, um mich bei irgend einer zu überraschen und damit würde sie alles mir in die Schuhe schieben.“

„Und dabei zu wissen, daß sie vielleicht dort ist! Ja aber, hören Sie – ich weiß nicht – aber weshalb schließlich nicht den Versuch riskieren? Hören Sie, gehen Sie zum General ...“

„Aber der wohnt doch nicht mehr hier!“

„Gleichviel! – begreifen Sie denn nicht? Sie ist doch hingegangen, und Sie gehen gleichfalls hin – verstehen Sie? Tun Sie, als wüßten Sie nichts von seinem Wohnungswechsel, als wollten Sie nur auf einen Augenblick bei ihm vorsprechen, um Ihre Frau abzuholen, nun und so weiter!“

„Und dann?“

„Nun und dann ertappen Sie eben wen Sie wollen bei Bobynizyn. Pfui Teufel, ist das aber ein Rüp...“

„Ja, aber was haben _Sie_ denn davon, wenn ich dort jemanden ertappe? Sehen Sie, sehen Sie!“

„Was, was? Kommen Sie wieder damit? Ach du Grundgütiger! Haben Sie denn schon jegliches Schamgefühl verloren, Sie ...“

„Ja, aber weshalb regen _Sie_ sich denn deshalb so auf? Offenbar wollen Sie wissen ...“

„Was? was will ich wissen? was? Ach nun, zum Teufel mit Ihnen, jetzt ist’s mir nicht um Sie zu tun! Ich kann auch allein gehen, gehen Sie, gehen Sie fort, bewachen Sie dort den Ausgang, laufen Sie, nun, aber schnell!“

„Mein Herr, Sie vergessen sich fast!“ rief der Herr im Waschbärpelz verzweifelt.

„Was? Was liegt daran, daß ich mich vergesse?“ fragte der junge Mann durch die Zähne, in seiner Wut mit geballter Faust auf den Herrn im Waschbärpelz eindringend. „Nun, was? Wem gegenüber vergesse ich mich?!“ knirschte er zornbebend.

„Aber, mein Herr, erlauben Sie ...“

„Nun, wer sind Sie, dem gegenüber ich mich vergesse, wer, wie ist Ihr Name?“

„Ich weiß nicht, ich ... wie ich das nennen soll, junger Mann. Wozu denn meinen Namen? ... Ich, ich kann es nicht ... Ich werde lieber mit Ihnen gehen. Also gehen wir, ich werde nicht zurückbleiben, ich bin zu allem bereit ... Nur, glauben Sie mir: ich habe wirklich höflichere Ausdrücke verdient! Man soll sich nie die Geistesgegenwart nehmen lassen. Wenn Sie aber durch irgendeinen Umstand aus der Fassung gebracht sind – und ich errate die Ursache – so brauchen Sie sich deshalb noch nicht zu vergessen ... Sie sind noch ein sehr, sehr junger Mann ...!“

„Eh, was geht das mich an, daß Sie alt sind! Machen Sie, daß Sie fortkommen, was laufen Sie hier herum? ...“

„Wieso, inwiefern bin ich denn alt? Ich bin doch noch gar nicht so alt! Allerdings, daß ich es schon weit gebracht habe, aber ... aber ich laufe durchaus nicht hier herum ...“

„Das sieht man, weiß Gott. So packen Sie sich zum Teufel ...“

„Nein, es bleibt dabei, daß ich mit Ihnen gehe; das können Sie mir nicht verbieten; ich bin gleichfalls beteiligt; ich gehe mit Ihnen ...“

„Aber dann still, ganz leise, schweigen Sie! ...“

Sie traten ins Haus und stiegen die Treppe hinauf zum dritten Stockwerk. Es war ziemlich dunkel.

„Warten Sie! Haben Sie Streichhölzer?“

„Streichhölzer? Was für Streichhölzer?“

„Zum ... rauchen Sie keine Zigaretten?“

„Ach, ja! Gewiß habe ich, hier, hier sind sie, sogleich ...“ Der Herr im Waschbärpelz befühlte hastig alle seine Taschen.

„Teufel, das ist aber ein ... Ich glaube, diese Tür muß es sein ...“

„Ja, ja, ja, diese – diese – diese – diese ...“

„Diese – diese – diese – schreien Sie doch noch lauter! Können Sie denn nicht still sein? Halten Sie den Schnabel.“

„Mein Herr, ich bin an so etwas nicht gewöhnt, ich, ich muß mir Gewalt antun ... Sie sind ein ungezogener, frecher Mensch!“

Das Streichholz flammte zischend auf.

„Da, sehen Sie? Das Metallschildchen? Da steht ja: Bobynizyn; sehen Sie: Bobynizyn? ...“

„Ich sehe, ich sehe!“

„Lei–se! Was, ausgelöscht?“

„Ja, ausgelöscht.“

„Soll man klopfen?“

„Ja,“ entschied der Herr im Waschbärpelz.

„Dann klopfen Sie!“

„Nein, weshalb denn ich? Fangen Sie an, pochen Sie zuerst an die Tür.“

„Memme!“

„Sie sind selbst eine Memme!“

„So packen Sie sich doch!“

„Ich muß sagen, ich bereue es fast, Sie in das Geheimnis eingeweiht zu haben. Sie ...“

„Ich? Nun, was?“

„Sie haben meine Verstörtheit ausgenutzt, Sie haben gesehen, wie ich ...“

„Ach, zum Teufel damit! Ich finde Sie nur lächerlich und damit basta!“

„Weshalb sind Sie denn hier?“

„Und Sie? weshalb sind Sie denn hier?“

„Das ist mir mal eine schöne Moral!“ versetzte höchst unwillig der Herr im Waschbärpelz.

„Was reden Sie von Moral – was sind Sie denn selbst?“

„Sehen Sie, das ist eben unmoralisch von Ihnen!“

„Was?“

„Ja, Ihrer Meinung nach ist jeder beleidigte Gatte ein ... ein Pantoffelheld!“

„Sind Sie denn ein Gatte? Der Gatte wartet doch dort auf der Brücke? Weshalb regen Sie sich denn so auf? Weshalb mischen Sie sich überhaupt in fremde Angelegenheiten?“

„Mir aber will es scheinen, daß gerade Sie der Liebhaber sind! ...“

„Hören Sie, wenn Sie so fortfahren, muß ich gestehen, daß meiner Überzeugung nach kein anderer – Pantoffelheld sein kann, als gerade Sie! Es gibt aber auch noch eine andere Benennung dafür.“

„Das heißt, Sie wollen sagen, daß ich der Mann bin!“ versetzte der Herr im Waschbärpelz wie mit heißem Wasser übergossen und unwillkürlich einen Schritt zurückweichend.

„Ssst! Schweigen Sie! Hören Sie? ...“

„Das ist sie!“

„Nein!“

„Wie dunkel es hier ist.“

Auf der Treppe wurde es mäuschenstill. Aus der Wohnung Bobynizyns ließ sich allerdings Geräusch vernehmen.

„Weshalb sollen wir uns streiten, mein Herr?“ flüsterte der Kleine im Waschbärpelz.

„Ja, zum Teufel, Sie haben sich doch als erster beleidigt gefühlt!“

„Aber wie haben Sie mich auch behandelt!“

„Schweigen Sie!“

„Sie müssen mir doch zugeben, daß Sie ein noch sehr junger Mann sind ...“

„Schweigen Sie! zum ...“

„Gewiß, ich bin mit Ihrer Auffassung vollkommen einverstanden, daß der Gatte in einer solchen Lage ein Pantoffelheld ist ...“

„Aber, so schweigen Sie doch endlich! verflucht noch einmal!“

„Aber weshalb denn diese boshafte Verfolgung des unglücklichen Gatten? ...“

„Das ist sie!“

Doch in dem Augenblick verstummte das Geräusch.