Sämtliche Werke 17

Part 15

Chapter 153,651 wordsPublic domain

Sie saß die ganze Nacht an seinem Bett. Mit dem Kranken wurde es immer schlechter. Wieder brach der Tag an, doch war keine Hoffnung mehr vorhanden, daß der Sterbende ihn überleben würde. Die alte Mutter ging wie eine Irrsinnige umher, als verstehe sie nichts mehr. Sie gab ihrem Sohn die Arzneien, die er dann nicht nehmen wollte. Der Todeskampf dauerte lange. Er konnte bald nicht mehr sprechen. Nur unzusammenhängende, heisere Laute drangen zuweilen aus seiner Brust. Bis zum letzten Augenblick sah er immer noch unverwandt Sina an, suchte er noch immer ihren Blick, und als seine Sehkraft zu schwinden begann, suchte seine unsicher irrende Hand immer noch ihre Hände, um sie zu drücken. Der kurze Wintertag verging. Und während der letzte Sonnenstrahl die Eisblumen des einzigen kleinen Fensters der Stube rot erglühen ließ, da verließ die Seele des Armen auf ewig seinen abgezehrten Körper.

Als die alte Mutter nur noch die Leiche ihres vergötterten Wassjä vor sich sah, schlug sie die Hände zusammen und warf sich mit einem Schrei auf den Toten.

„Das hast du getan, _du_ falsche, arglistige Schlange, _du_ hast ihn behext!“ schrie sie in ihrer Verzweiflung Sina zu. „_Du_, du verfluchte Verführerin, _du_, du Mörderin, _du_, du hast ihn umgebracht!“

Sina hörte sie nicht. Sie stand wie erstarrt über den Toten gebeugt. Endlich schien sie wieder zu sich zu kommen: sie bekreuzte ihn, küßte ihn und verließ fast mechanisch das Zimmer. Ihre Augen brannten und ihr schwindelte. Die Qual dieser zwei Tage und die zwei schlaflosen Nächte hatten ihren Kopf leer und tot gemacht. Unklar nur fühlte sie, daß ihre ganze Vergangenheit sich gleichsam von ihrem Herzen losriß und nun ein neues Leben begann, ein finsteres, drohendes ... Sie war kaum zehn Schritte gegangen, als Mosgljäkoff wie aus der Erde gewachsen vor ihr stand. Er schien sie erwartet zu haben.

„Sinaïda Afanassjewna,“ begann er in einem eigentümlich ängstlichen Geflüster und nachdem er sich eilig rings umgeschaut hatte, denn es war immerhin noch ziemlich hell. „Sinaïda Afanassjewna, ich bin natürlich ein Esel! Das heißt, wenn Sie wollen, bin ich jetzt nicht mehr ein Esel, denn, sehen Sie, es war schließlich doch edel von mir gehandelt. Aber ich bereue es dennoch, daß ich ein Esel war ... Übrigens habe ich mich da verhauen, glaube ich ... aber Sie werden es verzeihen ... das hat seine verschiedenen Gründe ...“

Sina sah ihn fast verständnislos an und setzte schweigend ihren Weg fort. Da das hohe Brettertrottoir für zwei nebeneinander nicht breit genug war und Sina nicht zur Seite trat, sondern ruhig in der Mitte ging, so trat Mosgljäkoff vom Trottoir herab und ging neben ihr im Schnee der Fahrstraße, während er ihr immer wieder ins Gesicht blickte.

„Sinaïda Afanassjewna,“ fuhr er fort, „ich habe es mir überlegt, und wenn Sie wollen, bin ich bereit, meinen Antrag zu wiederholen. Ich bin sogar bereit, alles zu vergessen, Sinaïda Afanassjewna, die ganze Schande, und ich bin auch bereit, zu verzeihen, aber nur mit einer Bedingung: daß, so lange, wie wir hier sind, das Ganze noch ein Geheimnis bleibt. Sie werden möglichst bald von hier fortfahren und ich heimlich gleichfalls; wir lassen uns irgendwo von einem Landpfarrer trauen, so daß es niemand hört und sieht und fahren dann sofort nach Petersburg, wenn möglich mit unterlegten Pferden, so daß Sie nur einen kleinen Koffer mitnehmen ... was? Sind Sie einverstanden, Sinaïda Afanassjewna? Sagen Sie schnell! Ich kann nicht so lange warten, man könnte uns sehen ...“

Sina antwortete nicht, sondern sah ihn nur an; sie sah ihn aber so an, daß er sofort alles begriff, den Hut zog und in der ersten Querstraße verschwand.

„Wie ist denn das?“ dachte er verwundert, „vorgestern abend war es ihr noch so nah gegangen und sie beschuldigte sich vor allen anderen ... nahm die ganze Schuld auf sich allein? Da sieht man, daß sie an jedem Tage anders ist!“

Inzwischen war in Mordassoff Ereignis auf Ereignis gefolgt. Eines davon war sogar sehr tragisch: der Fürst, den Mosgljäkoff ins Gasthaus gebracht hatte, war in derselben Nacht erkrankt, und sogar gefährlich erkrankt. In der Stadt erfuhr man es erst am nächsten Morgen. Kalist Stanislawitsch verließ den Kranken fast keinen Augenblick. Am Abend fand ein Konzilium aller Mordassower Ärzte statt. Die Aufforderung war ihnen in lateinischer Sprache zugesandt worden. Aber ungeachtet der lateinischen Sprache verlor der Fürst bereits das Bewußtsein, phantasierte, bat Kalist Stanislawitsch, eine gewisse Romanze zu singen und sprach von verschiedenen Perücken; mitunter schien er plötzlich zu erschrecken, worauf er jedesmal des längeren schrie. Die Ärzte kamen in ihrer Beratung dahin überein, daß sich beim Fürsten infolge der Mordassower Gastfreundschaft eine Magenentzündung eingestellt habe und diese mittlerweile – wahrscheinlich auf dem Wege ins Gasthaus – in den Kopf gestiegen sei. Auch wurde eine gewisse moralische Erschütterung nicht abgeleugnet. Das Resultat der Beratung war jedenfalls, daß der Fürst schon seit langer Zeit zum Sterben „disponiert“ gewesen und deshalb unfehlbar sterben werde. In letzterem hatten sie sich denn auch nicht geirrt: der arme Greis starb richtig am Abend des dritten Tages. Sein Tod überraschte die Mordassower nicht wenig: einen so ernsten Ausgang hatte niemand erwartet. Sie stürzten in Scharen zum Gasthause, wo die Leiche noch unaufgebahrt lag, sprachen viel, ereiferten sich noch mehr, schüttelten die Köpfe und es endete damit, daß die „Mörder des unglücklichen Fürsten“ – damit meinte man Marja Alexandrowna und deren Tochter – laut und schroff verurteilt wurden. Alle begriffen, daß dieser Zwischenfall allein schon von seiner skandalösen Seite eine unangenehme Verbreitung finden und womöglich noch in weite Kreise dringen konnte und – doch ist es wohl nicht gut möglich, alles wiederzugeben, was gesprochen und befürchtet wurde.

Während dieser ganzen Zeit lief Mosgljäkoff bald hierhin bald dorthin, bis ihm schließlich der Kopf rund ging. In dieser Stimmung war es, daß er dann auch mit Sina sprach. Seine Lage war in der Tat schwierig: er hatte den Fürsten in die Stadt gebracht, zuerst zu Marja Alexandrowna und von dieser ins Gasthaus, und jetzt wußte er nicht einmal, was er mit der Leiche tun sollte, wie und wo beerdigen, wen benachrichtigen? Sollte er sie nach Duchanowo bringen? Zudem war er doch gewissermaßen der „Neffe“ des Verstorbenen. Er zitterte, wenn er daran dachte, daß man vielleicht noch ihm die Schuld am Tode des Fürsten zuschreiben könnte.

„Die Geschichte kann ja dann noch bis nach Petersburg dringen, man kann sie sogar in der höchsten Gesellschaft erfahren!“ dachte er mit bangem Herzen.

Von den Mordassowern war kein Rat zu holen: allen schien plötzlich bange zu sein, alle zogen sich von dem Toten zurück und ließen Mosgljäkoff in einer geradezu düsteren Einsamkeit sitzen. Da sollte aber etwas ganz Unvorhergesenes geschehen und die Sachlage von Grund aus ändern.

Am Morgen des zweiten Tages nach dem Tode des Fürsten traf in der Stadt ein vornehmer Herr ein. Von diesem Herrn sprach im Augenblick ganz Mordassoff, nur wurde nicht laut, sondern flüsternd und geheimnisvoll von ihm gesprochen, und als er durch die große Straße zum Gouverneur fuhr, da lauerte alles nur durch Türspalten und Gardinen auf den hohen Gast. Sogar unser Gouverneur, Pjotr Michailowitsch, soll etwas betreten gewesen sein und nicht gewußt haben, wie er sich zu ihm verhalten sollte. Dieser Gast war der ziemlich bekannte Fürst Schtschepetiloff, ein Verwandter des verstorbenen Fürsten K., ein noch junger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren mit Oberstenepaulettes und Achselschnüren. Diese Achselschnüre machten einen so mächtigen Eindruck auf die Beamtenwelt, daß selbst dem letzten Schreiber ein unheimliches Frösteln über den Rücken lief und alle sich strammer hielten. Der Polizeimeister, zum Beispiel, verlor ganz und gar den Kopf, d. h. nur bildlich gesprochen, versteht sich, also moralisch sozusagen. Physisch erschien er in eigener Person, wenn auch mit ziemlich langem Gesicht.

Im Augenblick wußte die ganze Stadt, daß Fürst Schtschepetiloff aus Petersburg gekommen und unterwegs über Duchanowo gefahren war. Da er den Fürsten dort nicht angetroffen hatte, war er ihm nachgefahren nach Mordassoff, wo ihn wie ein Keulenschlag die Nachricht vom Tode des Verwandten und die Gerüchte über die näheren Umstände und Ursachen seiner Krankheit trafen. Pjotr Michailowitsch – unser Gouverneur – soll sogar sehr verlegen gewesen sein, als er ihm die nötigen Aufschlüsse geben mußte. Übrigens gingen alle Mordassower mit gewissermaßen schuldbewußten Mienen umher. Hinzu kam noch, daß der angereiste Fürst ein so strenges, unzufriedenes Gesicht hatte, obgleich er doch unmöglich über die Erbschaft ungehalten sein konnte?!

Er nahm die Regelung der ganzen Sache sofort selbst in die Hand. Mosgljäkoff aber drückte sich schmählich vor dem wirklichen, nicht nur angeblichen Verwandten und verschwand – unbekannt wohin.

Es wurde zunächst angeordnet, die Leiche sofort ins Kloster zu schaffen, wo auch das Totenamt gehalten werden sollte. Der Fürst gab seine Anordnungen trocken, streng, kurz, aber nichtsdestoweniger taktvoll und sachlich.

Zum Totenamt wollte sich die ganze Stadt ins Kloster begeben. Unter den Damen hatte sich das unsinnige Gerücht verbreitet, daß Marja Alexandrowna persönlich in der Kirche erscheinen und vor dem Sarge kniend mit lauter Stimme um Vergebung ihrer Schuld flehen werde und daß es so nach dem Gesetz geschehen müsse. Natürlich war das Torheit und Marja Alexandrowna dachte nicht daran, in die Kirche zu gehen. Übrigens habe ich zu sagen vergessen, daß nach Sinas Rückkehr ins Haus, diese und ihre Mutter noch an demselben Abend aufs Gut gefahren waren, da Marja Alexandrowna einen weiteren Aufenthalt in der Stadt für unmöglich gehalten hatte. Von dort aus verfolgte sie aufgeregt die neuen Gerüchte, schickte ihre Leute in die Stadt, um Näheres über den eingetroffenen Fürsten in Erfahrung zu bringen – kurz, sie war die ganze Zeit wie im Fieber. Die Landstraße aus dem Kloster nach Duchanowo führte kaum eine Werst weit von dem Landhause Marja Alexandrownas vorüber und so konnte diese deutlich aus ihren Fenstern die lange Prozession verfolgen, die sich nach dem Totenamt aus dem Kloster auf das Gut begab, wo der Fürst beigesetzt werden sollte. Der Sarg wurde auf einem hohen Leichenwagen geführt, hinter ihm zog sich die endlose Reihe von Equipagen hin, die dem Leichenwagen bis zum Kreuzwege das Geleit gaben, um dann abzubiegen und in die Stadt zurückzufahren. Und lange noch zog die schwarze Schlittenreihe über die schon verschneiten Felder dahin, hinter dem hohen, schwarzen Leichenwagen, der sich nur langsam mit ehrfurchtgebietender Majestät weiterbewegte. Marja Alexandrowna vermochte nicht lange zuzusehen und trat fort vom Fenster.

Nach einer Woche fuhr sie mit ihrer Tochter und ihrem Mann nach Moskau, und nach einem Monat erfuhr man in Mordassoff, daß ihr kleines Gut und ihr Haus in der Stadt verkauft werden solle. So hatte denn Mordassoff auf ewig seine tonangebende, seine bedeutendste Frau verloren! Natürlich ging es auch jetzt nicht ohne boshafte Bemerkungen ab. So wurde zum Beispiel behauptet, daß das Gut mitsamt Afanassij Matwejewitsch verkauft werde ...

Doch es verging ein Jahr, ein zweites und dann noch ein drittes und Marja Alexandrowna geriet fast ganz in Vergessenheit. Leider! So pflegt es nun einmal in der Welt zu gehen! Übrigens wurde noch erzählt, daß sie sich in einer anderen Gouvernementsstadt niedergelassen und in der Nähe derselben ein neues Gut gekauft habe, und daß sie dort selbstverständlich wieder alle beherrsche, daß Sina noch immer nicht verheiratet sei und Afanassij Matwejewitsch ... Doch wozu diese Gerüchte wiederholen – es ist ja kein wahres Wort an ihnen.

* * * * *

Drei Jahre sind seit dem Tage vergangen, an dem ich die letzte Zeile dieser schönen Geschichte aus der Mordassower Chronik geschrieben, und wer hätte es sich denken können, daß ich noch einmal mein Manuskript aufrollen und noch eine Nachricht zu meiner Erzählung würde hinzufügen müssen! Doch zur Sache! Ich beginne mit Pawel Alexandrowitsch Mosgljäkoff.

Nachdem er Mordassoff verlassen, war er nach Petersburg gefahren, wo er denn auch glücklich durch Protektion jene gute Anstellung erhalten hatte, die ihm schon früher versprochen worden war. Bald hatte er alle Mordassower Ereignisse vergessen und war in den Strudel großstädtischen Lebens – auf der Wassiljeff-Insel und am Galeerenhafen – untergetaucht, hatte gespielt und sich herumgetrieben, doch stets bemüht, mit dem Jahrhundert zu gehen, hatte sich verliebt und angehalten, hatte noch einmal einen Korb verwunden, und noch bevor er damit ganz fertig war, hatte er sich in seinem Leichtsinn und aus Langerweile entschlossen, an einer Expedition teilzunehmen, die in eines der Grenzgebiete unseres grenzenlosen Vaterlandes entsandt wurde, um dort irgend etwas zu revidieren oder zu einem ähnlichen Zweck – genau weiß ich es nicht. Die Expedition durchquerte glücklich alle Urwälder und Wüsten, traf schließlich nach langer Reise in der Hauptstadt des „fernen Grenzgebietes“ wohlbehalten ein und begab sich zum Generalgouverneur. Das war ein strenger General, von großem Wuchs und hager, ein alter Krieger mit vielen Narben, die er sich in Schlachten geholt, mit zwei Sternen auf der Brust und einem weißen Kreuz am Halse. Würdevoll und gemessen empfing er die Expedition und lud darauf alle Vertreter derselben zum Ball ein, der bei ihm am Abend desselben Tages zur Feier des Namenstages der Generalgouverneurin gegeben werden sollte. Mosgljäkoff war sehr zufrieden damit. Er warf sich in seinen tadellosesten Petersburger Ballanzug, in dem er großen Eindruck zu machen gedachte, und betrat in bester Laune mit leichten Schritten den festlich geschmückten Saal, wurde aber sofort etwas bescheidener, als er plötzlich so unerwartet viele Uniformen mit dick-gewundenen goldenen Raupen auf den Achselstücken und ordengeschmückte Staatsröcke vor sich sah. Zuerst mußte er der Frau Generalgouverneurin, von der er gehört hatte, daß sie jung und schön sei, seinen Bückling machen. Er begab sich flott und selbstbewußt zu ihr, doch plötzlich erstarrte er: vor ihm stand Sina in reicher Balltoilette und kostbarem Brillantenschmuck, stolz, schön und hochmütig.

Sie erkannte ihn nicht. Ihr Blick glitt gleichgültig über sein Gesicht und sie wandte sich dann an einen anderen Herrn. Aufs äußerste bestürzt trat Mosgljäkoff zur Seite und stieß dort im Gedränge auf einen jungen Beamten, der vor sich selbst Angst zu haben schien, seitdem er sich auf dem Ball beim Generalgouverneur befand: Mosgljäkoff machte sich sofort daran, ihn auszufragen und so erfuhr er recht interessante Dinge. Zunächst erzählte jener, daß der Generalgouverneur erst vor zwei Jahren geheiratet habe, als er einmal aus dem „fernen Grenzgebiet“ nach Moskau gereist war, und daß seine junge Frau aus einem sehr reichen und vornehmen Hause stamme. Sie sei „wunderbar schön“, ja man könne sie sogar die schönste aller Schönheiten nennen, nur sei sie sehr stolz und tanze nur mit Generälen; – daß auf diesem Ball im ganzen neun Generäle, sowohl hiesige wie angereiste, seien, die wirklichen Staatsräte mit inbegriffen; – daß die Generalgouverneurin eine Mutter habe, die auch hier bei ihr lebe, und daß diese Frau Mutter aus der höchsten Gesellschaft stamme und sehr klug sein müsse; – daß aber selbst die Frau Mutter sich widerspruchslos dem Willen ihrer Tochter unterordne und der Generalgouverneur bis über die Ohren in seine junge Frau verliebt sei. Mosgljäkoff erkundigte sich wohl auch nach Afanassij Matwejewitsch, aber im „fernen Grenzgebiet“ hatte man keine Ahnung von ihm. Wieder etwas zu sich gekommen, ging Mosgljäkoff durch die anstoßenden Zimmer und fand bald auch Marja Alexandrowna, die prächtig aufgeputzt sich mit einem teuren Fächer zufächelte und äußerst lebhaft mit einem der höchsten Würdenträger sprach. Um sie herum hatte sich ein ganzer Kreis gebildet, offenbar Bewerber um ihre Gunst – und sie – sie war zu allen sehr liebenswürdig.

Mosgljäkoff wagte es, sich vorzustellen. Marja Alexandrowna schien im ersten Augenblick etwas zusammenzuzucken, faßte sich aber sofort. Mit liebenswürdigem Lächeln geruhte sie ihn wiederzuerkennen, hierauf erkundigte sie sich nach Petersburger Bekannten und fragte ihn unter anderem auch, weshalb er nicht im Auslande sei. Die Stadt Mordassoff erwähnte sie mit keinem Wort, als wenn sie dieselbe nie gekannt hätte. Nachdem sie dann noch den Namen irgend eines wichtigen Petersburger Fürsten genannt und sich nach seinem Befinden erkundigt hatte – Mosgljäkoff hatte keine blasse Ahnung von dieser Persönlichkeit und inwiefern Marja Alexandrowna mit ihr bekannt sein konnte – wandte sie sich unauffällig an einen auf sie zutretenden Würdenträger, dessen Haupthaar schon silbrig glänzte, und nach einer kleinen Weile hatte sie den vor ihr stehenden Mosgljäkoff vollkommen vergessen. Mit sarkastischem Lächeln, den Hut in der Hand, kehrte er in den großen Ballsaal zurück. Er glaubte sich verletzt und sogar beleidigt und beschloß daher, nicht zu tanzen. Den ganzen Abend behielt er krampfhaft eine finster zerstreute Miene bei, sowie ein beißend teuflisches Lächeln. Malerisch an eine weiße Säule gelehnt – der Saal war wie absichtlich mit Säulen versehen – stand er während des ganzen Balles auf einem Fleck, ohne sich zu rühren und verfolgte nur Sina mit seinen Blicken. Leider aber waren alle seine Anstrengungen, ungewöhnlichen Stellungen, verzweifelten Mienen usw. – vergebliche Liebesmüh: Sina bemerkte ihn überhaupt nicht. So kehrte er denn endlich mit steifen Beinen, schmerzenden Füßen – vom langen Stehen – wütend, gereizt und mit mordsmäßigem Hunger – als Verliebter und Leidender konnte er doch nicht zum Souper bleiben! – wieder in sein Absteigequartier zurück. Er fühlte sich vollkommen erschöpft und gleichsam verprügelt. Lange noch ging er in seinem Zimmer auf und ab, in Gedanken an längst Vergessenes. Am nächsten Morgen mußte auf Grund einer inzwischen eingetroffenen Nachricht jemand von der Expedition abkommandiert werden und Mosgljäkoff bot sich mit Freuden dazu an. Als er die Stadt verließ, atmete er förmlich auf, jetzt erst fühlte er wieder neue Lebensgeister in sich. Auf der ungeheuren flachen Ebene lag der Schnee blendend weiß. Nur fern, fern am Horizont zogen sich wie ein dunkler Strich Wälder hin.

Die feurigen Pferde griffen frisch aus, daß es eine Lust war, und die Hufe schleuderten feste Schneestückchen auf die Schlittendecke.

Das Glockengeläut und Schellengeklingel klang weit durch die klare Winterluft. Mosgljäkoff wurde nachdenklich, schließlich träumerisch und dann schlief er seelenruhig ein. Erst bei der dritten Station erwachte er, frisch und gesund und mit ganz anderen Gedanken.

Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett

I.

„Verzeihung, mein Herr, gestatten Sie die Frage ...“

Der Vorübergehende zuckte zusammen und blickte etwas erschrocken einen Herrn in einem Waschbärpelz an, der ihn so ohne weiteres gegen acht Uhr abends auf der Straße anredete. Bekanntlich erschrickt jeder Petersburger, wenn ihn ein Unbekannter auf der Straße plötzlich anredet, auch wenn er es noch so höflich tut.

Also der Vorübergehende zuckte zusammen und erschrak ein wenig.

„Verzeihen Sie, daß ich Sie belästige,“ fuhr der Herr im Waschbärpelz fort, „aber ich ... ich, wirklich, ich weiß nicht ... Sie werden mich, hoffe ich, entschuldigen ... wie Sie sehen, bin ich etwas aus der Fassung gebracht ...“

Da erst gewahrte der junge Mann in der Pekesche – einem kürzeren Pelzüberrock –, daß der Herr im Waschbärpelz allerdings nichts weniger als gefaßt aussah. Sein runzliges Gesicht war bleich, seine Stimme unsicher, und seine Gedanken schienen sich gänzlich verwirrt zu haben: schnell und unüberlegt stieß er die Worte hervor, und man sah es ihm an, daß es ihm schwer fiel, sich mit einer Bitte an eine dem Rang und der gesellschaftlichen Stellung nach offenbar unter ihm stehende Persönlichkeit zu wenden. Hinzu kam noch, daß diese Bitte an und für sich höchst peinlicher Art war und von einem Herrn, der einen so soliden Pelz, einen so tadellosen dunkelgrünen Frack und so bedeutsame Abzeichen auf diesem Frack trug, zum mindesten befremdend erscheinen mußte. Alles dessen war sich der Herr im Waschbärpelz auch vollkommen bewußt, und es verwirrte ihn so sehr, daß er seinen eigenen Gefühlen nicht widerstehen konnte, seine Aufregung so gut es ging niederzwang und kurz entschlossen der peinlichen Szene, die er selbst heraufbeschworen hatte, ein Ende machte.

„Entschuldigen Sie, ich war mir meiner Handlungsweise nicht ganz bewußt. Aber Sie kennen mich nicht, glauben Sie mir, ich ... Verzeihen Sie, daß ich Sie aufgehalten habe ...“

Damit lüftete er den Hut und entfernte sich schnell.

„Aber ich bitte Sie, es hat nichts zu sagen ...“

Doch der kleine Herr im Waschbärpelz war bereits in der Dunkelheit verschwunden, und dem jungen Mann blieb nichts übrig, als ihm verdutzt nachzusehen.

„Was war das für ein Kauz?“ fragte er sich verwundert, stand noch ein Weilchen und vergaß dann den Vorfall, um sich wieder in seine eigenen Gedanken zu versenken, worauf er von neuem auf der Straße auf und nieder zu gehen begann, ohne dabei die Tür eines endlos hohen Hauses aus dem Auge zu lassen. Es war neblig geworden, was dem jungen Mann eine Sorge vom Herzen nahm, denn im Nebel mußte sein unermüdliches Hin- und Hergehen den Menschen weniger auffallen, abgesehen vielleicht von einem müßigen Droschkenkutscher, der in Ermangelung einer besseren Beschäftigung die Vorübergehenden beobachtete.

„Entschuldigen Sie!“

Der junge Mann zuckte wieder zusammen und sah zu seiner Verwunderung wieder jenen Herrn im Waschbärpelz vor sich stehen.

„Entschuldigen Sie, daß ich nochmals ...“ begann er von neuem, „doch Sie ... Sie sind ganz gewiß ein Ehrenmann! Beachten Sie mich weiter nicht ... ich meine, als Vertreter und Mitglied einer bestimmten Gesellschaftsklasse ... Übrigens war es nicht das, was ich sagen wollte. Aber ... fassen Sie die Sache menschlich auf ... Vor Ihnen, mein Herr, steht ein Mensch, der sich mit einer dringenden Bitte an Sie wenden muß ...“

„Wenn es in meiner Macht steht ... Um was handelt es sich?“

„Sie denken vielleicht, daß ich Sie um Geld bitten will!“ Der geheimnisvolle Herr verzog den Mund zu einem Lächeln, erbleichte und lachte hysterisch auf.

„Aber ich bitte Sie ...“

„Nein, ich sehe, daß ich Ihnen lästig falle! Verzeihen Sie, aber ich kann mich selbst nicht ertragen! Betrachten Sie mich als einen Unzurechnungsfähigen, einen fast Wahnsinnigen, denken Sie aber nicht etwa –“

„Aber zur Sache, zur Sache!“ unterbrach ihn der junge Mann, zwar in aufmunterndem Tone, doch mit merklich ungeduldigem Kopfnicken.

„Ah! Also so sind Sie! Sie – solch ein junger Mann wie Sie – erinnern mich an das Wichtige, ganz als wäre ich ein dummer Junge! Mein Gott, ich muß wirklich den Verstand verloren haben! ... Als was erscheine ich Ihnen jetzt in meiner Erniedrigung, sagen Sie es mir aufrichtig?“

Der junge Mann blickte ihn etwas betreten an, sagte jedoch nichts.

„Erlauben Sie, daß ich Sie ganz offen frage: haben Sie hier nicht eine Dame gesehen? Darin besteht meine ganze Bitte an Sie!“ sagte schließlich der Herr im Waschbärpelz kurz entschlossen.

„Eine Dame?“

„Jawohl, eine Dame.“

„Allerdings ... aber ich muß gestehen, es sind ihrer so viele hier vorübergegangen ...“

„Ganz recht,“ unterbrach ihn der geheimnisvolle kleine Herr mit einem bitteren Lächeln. „Ich bin etwas zerstreut und verwirrt im Kopf, es war nicht das, was ich sagen wollte; ich wollte Sie nur fragen, ob Sie eine Dame in einem Fuchspelz, mit einer Kapuze aus dunklem Samt und einem schwarzen Schleier gesehen haben?“

„Nein, eine solche habe ich nicht gesehen ... nein, ich glaube, eine solche nicht bemerkt zu haben.“

„Ah! dann – entschuldigen Sie!“