Sämtliche Werke 17

Part 14

Chapter 143,724 wordsPublic domain

Für schwache und leere Charaktere, die an ewige Unterwerfung gewöhnt sind und sich dann einmal entschließen, sich aufzulehnen und zu protestieren, mit einem Wort, fest und entschlossen zu sein – für diese Charaktere gibt es immer eine gewisse Grenze, die das nahe Ende ihrer kurzen Festigkeit und Entschlossenheit ist. Ihr Protest pflegt zu Anfang überaus energisch zu sein. Ihre Energie geht zuweilen sogar bis zur Raserei. Sie werfen sich gleichsam mit zugekniffenen Augen auf die Hindernisse und laden sich fast stets eine für ihre Kräfte zu große Last auf die Schultern. Hat aber dieser rasende Mensch eine nahe Grenze erreicht, so bleibt er plötzlich, gleichsam erschrocken über sich selbst, wie betäubt vor der furchtbaren Frage stehen: „Was habe ich da angerichtet?“ – worauf er alsbald seinen ganzen Heroismus verliert, womöglich sogar weint, sich erklären will, auf die Knie fällt, um Verzeihung bittet, fleht, es wieder beim alten sein zu lassen, jedenfalls aber nur schneller, so schnell als möglich! ... Fast dasselbe geschah auch mit Mosgljäkoff. Nachdem er sich empört, das Unglück heraufbeschworen, das er jetzt bereits nur sich allein zuschrieb, nachdem er seinem Zorn und seiner Eigenliebe Genüge getan und sich selbst in den eigenen Augen verhaßt gemacht hatte, stand er nun plötzlich, von Gewissensbissen niedergedrückt, vor dem unerwarteten Auftreten Sinas. Ihre letzten Worte vernichteten ihn endgültig. Aus dem einen Extrem ins andere hinüberzuspringen, war für ihn das Werk eines Augenblicks.

„Ich bin ein Esel, Sinaïda Afanassjewna!“ rief er in einem Anfall verzweifelter Reue aus. „Nein! Was Esel! Ein Esel ist noch nichts! Ich bin unvergleichlich schlechter als ein Esel! Aber ich werde Ihnen beweisen, Sinaïda Afanassjewna, ich werde Ihnen beweisen, daß auch ein Esel ein edler Mensch sein kann! Onkel! Ich habe Sie betrogen! _Ich_, _ich_, _ich_ allein habe Sie betrogen! Sie haben nicht geschlafen; Sie haben wirklich, in vollkommen wachem Zustande den Heiratsantrag gemacht, ich aber, ich Schuft, habe aus Rache, weil man mir einen Korb gegeben hatte, aus Rache Ihnen eingeredet, daß es Ihnen nur geträumt hätte.“

„Das sind ja seltsam interessante Dinge, die hier aufgedeckt werden!“ tuschelte Natalja Dmitrijewna ihrer Nachbarin Anna Nikolajewna ins Ohr.

„Mein Lieber,“ antwortete der Fürst, „be–ru–hige dich, bit–te. Du hast mich wirklich erschreckt mit deinem Geschrei. Ich versichere dich, daß du im Irr–tum bist ... Ich bin ja schließlich gern zu heiraten bereit, wenn es nun einmal gar so nötig ist – aber du hast mir doch noch selbst gesagt, daß es mir nur geträumt habe ...“

„O Gott, wie soll ich ihn jetzt überzeugen! Sagen Sie mir, sagen Sie mir, wie ich ihn jetzt überzeugen kann! Onkel, Onkelchen! Das ist doch eine wichtige Sache, das ist doch die wichtigste Familienangelegenheit! Überlegen Sie es sich doch nur! Denken Sie doch nach!“

„Mein Lieber, schön, wie du willst: ich den–ke nach. Wart mal, laß mich alles erst einmal mir ins Gedächtnis zurückrufen: zuerst träumte mir von meinem Kutscher Fe–o–fil ...“

„Ach, jetzt handelt es sich doch nicht um Ihren Feofil!“

„Nun ja, nehmen wir an, daß es sich jetzt nicht um ihn handle. Dann träumte mir von Napo–le–on, und dann war es so, als wenn wir getrunken hätten und eine Dame kam und aß den ganzen Zucker bei uns auf ...“

„Aber Onkelchen,“ unterbrach ihn Mosgljäkoff in einem Augenblick der Verfinsterung seines Gedächtnisses, „das hat Ihnen doch Marja Alexandrowna selbst nach dem Mittag von Natalja Dmitrijewna erzählt! Ich war ja doch hier, ich habe es ja selbst gehört! Ich hatte mich versteckt und sah und lauschte durch einen Türspalt ...“

„Was soll denn das heißen, Marja Alexandrowna!“ schrie Natalja Dmitrijewna dazwischen. „Dann haben Sie es also auch dem Fürsten erzählt, daß ich bei Ihnen Zucker aus der Zuckerdose gestohlen hätte! Dann komme ich also zu Ihnen, um hier Zucker zu stehlen?“

„Hinaus! Machen Sie, daß Sie fortkommen!“ schrie Marja Alexandrowna, zur Verzweiflung gebracht.

„Nein, nicht hinaus, Marja Alexandrowna, so dürfen Sie nicht mit mir sprechen! ... Also ich soll bei Ihnen Zucker stehlen? Ich habe schon lange gehört, daß Sie solche Gemeinheiten über mich erzählen! Mir hat Ssofja Petrowna alles ganz ausführlich erzählt ... Also ich stehle bei Ihnen Zucker? ...“

„Aber, ^mesdames^,“ rief der Fürst dazwischen, „das hat mir ja nur geträumt! Als ob mir nicht vieles träu–men kann? ...“

„Dieses verwünschte Dromedar!“ brummte Marja Alexandrowna halblaut.

„Was! Ich soll ein Dromedar sein?“ kreischte Natalja Dmitrijewna. „Und wer sind Sie denn, wenn man fragen darf? Ich weiß es schon längst, daß Sie mich ein Dromedar nennen! Ich habe wenigstens ... ich habe wenigstens einen Mann, Sie aber haben nur einen Tölpel ...“

„Nun ja, ich weiß, es war da auch von einem Dromedar die Rede,“ murmelte ahnungslos der Fürst, der sich seines Gesprächs mit Marja Alexandrowna entsann.

„Wie, auch Sie fangen an! Auch Sie wollen eine vornehme Dame beschimpfen? Wie wagen Sie es überhaupt? Wenn ich eine Schachtel bin, so sind Sie ein einbeiniger Krüppel ...“

„Wer, ich einbeinig?“

„Gewiß Sie! Und nicht nur, daß Ihnen ein Bein fehlt, Ihnen fehlen auch alle Zähne, damit Sie’s wissen!“

„Und außerdem ist er noch einäugig!“ schrie Marja Alexandrowna.

„Anstelle Ihrer fehlenden Rippen tragen Sie ein Korsett!“ fügte Natalja Dmitrijewna hinzu.

„Das ganze Gesicht ist auf Sprungfedern!“

„Kein einziges echtes Haar hat er auf dem Kopf!“

„Und der Schnurrbart ist dem Esel aufgeklebt!“ schrie Marja Alexandrowna.

„Aber ... aber die Nase lassen Sie mir doch we–nigstens, Marja Stepa–nowna!“ unterbrach der Fürst, den diese plötzlichen Offenbarungen ganz kopfscheu machten. „Mein Lieber! Du hast mich verraten! Du hast es erzählt, daß ich falsches Haar trage ...“

„Onkelchen!“

„Nein, mein Lieber, ich kann hier nicht länger blei–ben! Bring mich irgendwohin fort ... ^quelle société^? Wohin hast du mich eigentlich ge–bracht, Gott im Himmel!“

„Sie Idiot! Sie Schuft!“ schrie Marja Alexandrowna.

„Gott im Himmel!“ stotterte der erbleichte Fürst. „Ich habe im Au–genblick nur ein wenig verges–sen, weshalb ich herge–kom–men bin, aber ich werde mich dessen so–fort entsin–nen. Bring mich, ^mon ami^, bring mich irgendwohin fort, sonst zerreißt man mich hier noch. Zudem ... zudem muß ich schnell einen neuen Gedanken nie–der–schreiben ...“

„Gehen wir, Onkelchen, es ist noch nicht spät. Ich werde Sie sofort ins Gasthaus bringen und auch selbst mit Ihnen übersiedeln ...“

„Nun ja, ins Gast–haus. Adieu, ^ma charmante enfant^ ... Sie allein ... nur Sie allein ... sind gut und tugend–haft. Sie sind ein ed–les Mäd–chen! ... Gehen wir, mein Lieber ... Gott im Himmel!“

Doch ich will nicht das Ende dieser unangenehmen Szene nach dem Fortgang des Fürsten zu beschreiben versuchen. Mit Geschrei und Gezeter fuhren die Gäste ab. Marja Alexandrowna blieb schließlich allein zurück – unter den Trümmern ihres früheren Ruhmes. Ihre Macht, ihr Einfluß, ihre ganze Bedeutung – alles war an diesem einen Abend eingestürzt und untergegangen. Marja Alexandrowna sah ein, daß sie sich nie mehr zu derselben Höhe würde erheben können. Ihre langjährige despotische Herrschaft in der Gesellschaft war endgültig dahingeschwunden. Was blieb ihr jetzt noch übrig? – zu philosophieren? Nun, sie philosophierte nicht. Sie tobte innerlich die ganze Nacht. Sina war entehrt und der Klatsch würde kein Ende nehmen! Entsetzlich!

Als gewissenhafter Historiker muß ich noch vermerken, daß am meisten unter dieser Stimmung Afanassij Matwejewitsch zu leiden hatte. Zu guter Letzt verkroch er sich in eine Kleiderkammer, wo ihn dann bis zum Morgen furchtbar fror.

Endlich brach dieser Morgen an, doch auch der neue Tag sollte nichts Gutes bringen. Ein Unglück kommt bekanntlich nie allein.

XV.

Wenn das Schicksal einem einmal Unglück beschert, so hört es damit so bald nicht auf. Das ist eine altbekannte Tatsache. Als ob diese ganze Schmach und Schande nicht genug gewesen wäre für Marja Alexandrowna! Doch nein! Das Schicksal bereitete ihr noch anderes vor.

Am nächsten Morgen, noch vor zehn Uhr, verbreitete sich in der Stadt ganz plötzlich ein seltsames, fast unglaubliches Gerücht, das von allen mit auffallender Schadenfreude aufgenommen wurde, wie eben jeder ungewöhnliche Skandal oder jedes Pech, das unserem lieben Nächsten zustößt.

„Es ist doch wirklich ...! So weit jede Scham und jedes Gewissen zu verlieren!“ hieß es allgemein. „Sich dermaßen zu erniedrigen, sich dermaßen über jeden gesellschaftlichen Anstand hinwegzusetzen, dermaßen die Zügel schießen zu lassen!“ und ähnliches mehr.

Es war folgendes geschehen:

Früh am Morgen, fast um 7 Uhr, war ein armes altes Weib eilig ins Haus Marja Alexandrownas gekommen und hatte die Stubenmagd unter Tränen beschworen, das Fräulein, nur das Fräulein zu wecken, aber heimlich, so daß Marja Alexandrowna nichts davon erführe. Sina war im Augenblick erschienen, erschrocken und bleich. Die Alte hatte sich vor ihr niedergeworfen, ihre Füße geküßt und mit Tränen benetzt, und sie angefleht, zu ihrem kranken Wassjä zu kommen, der die ganze Nacht so schwer, so schwer geatmet habe, daß er vielleicht nicht einmal den Tag überleben werde. Die Alte hatte schluchzend erzählt, daß Wassjä selbst sie zu sich rufe, um noch vor dem Tode von ihr Abschied nehmen zu können, daß er sie bei allen heiligen Engeln beschwöre, bei allem was früher zwischen ihnen gewesen war, zu ihm zu kommen: wenn sie nicht käme, so würde er mit verzweifeltem Herzen sterben. Sina hatte sich sofort entschlossen, zu ihm zu gehen, obgleich doch die Erfüllung dieser Bitte alle früheren Gerüchte von ihrer Korrespondenz, jenem skandalösen Brief, ihrem anstößigen Betragen usw. bestätigen mußte.

Ohne der Mutter ein Wort zu sagen, hatte sie einen Pelz umgenommen und war dann mit der Alten fortgeeilt. Ihr Weg führte sie durch die ganze Stadt in eine der ärmsten Vorstädte Mordassoffs. Dort, am Ende einer einsamen Sackgasse stand eine alte, schiefe Hütte, deren Fenster mehr an Spalten oder Löcher erinnerten, und die ringsum von hohen Schneebergen umgeben war.

In einem kleinen, niedrigen Stübchen, das von muffigem Geruch erfüllt war und in dem der riesige Ofen genau die Hälfte des ganzen Raumes einnahm, lag in einem ungestrichenen Bretterbett auf einer fast nur zwei Finger dicken Matratze ein junger Mann, der mit einem alten Uniformmantel[2] zugedeckt war. Sein Gesicht war bleich und abgezehrt, seine Augen hatten den flackernden Glanz Fieberkranker, seine Hände waren schmal und dürr und das Handgelenk und die Arme waren wie Stöcke; er atmete schwer und rauh; seine Stimme war heiser. Man sah es ihm an, daß er einmal schön gewesen sein mußte, doch die Krankheit hatte die zarten Züge seines schmalen Gesichts entstellt, und es tat weh, ihn anzublicken, wie der Anblick eines jeden Schwindsüchtigen oder Sterbenden weh tut. Seine alte Mutter, die seit einem ganzen Jahr und fast bis zur letzten Stunde geglaubt hatte, daß ihr Wassenjka wieder gesund werden würde, mußte sich endlich sagen, daß ihr Sohn nicht mehr lange in dieser Welt bleiben konnte. Sie stand jetzt an seinem elenden Lager, die Hände gefaltet, von Schmerz gebeugt, tränenlos; sie sah ihn an und konnte sich doch nicht satt sehen an ihm – konnte es nicht begreifen, wenn sie es auch wußte, daß nach wenigen Tagen dort draußen auf dem Armenfriedhof die kalte, gefrorene Erde ihren Wassjä zudecken und weißer Schnee auf seinem Grabhügel liegen würde. Doch Wassjä sah sie jetzt nicht. Sein ganzes abgezehrtes Märtyrergesicht atmete Seligkeit. Endlich, endlich sah er diejenige vor sich, von der er ganze anderthalb Jahre im Wachen geträumt und die ihm in jedem Traum erschienen war, an die er Tag und Nacht, namentlich in den letzten langen, schweren Nächten seiner Krankheit, gedacht hatte. Er wußte, daß sie ihm verziehen hatte, da sie wie ein Engel Gottes in seiner Sterbestunde noch zu ihm gekommen war. Sie preßte seine Hände, weinte und lächelte ihm zu, sie sah ihn wieder mit ihren wundervollen Augen an und – und alles Vergangene, Unwiederbringliche begann in der Seele des Sterbenden aufzuerstehen. Das Leben flammte von neuem in seinem Herzen und es schien, als wolle es dem Armen, bevor es ihn verließ, noch einmal zu fühlen geben, wie schwer das Scheiden von ihm ist.

„Sina,“ sagte er, „Sinotschka! Weine nicht über mich, gräme dich nicht, sei nicht traurig darüber, daß ich bald sterben muß. Ich werde dich ansehen, – so wie jetzt – werde fühlen, daß unsere Seelen wieder beisammen sind, daß du mir verziehen hast, ich werde deine Hände küssen, wie früher – weißt du noch? – und ich werde sterben, vielleicht ohne den Tod zu spüren. Mager bist du geworden, Sina! Du mein Engel, mit welcher Güte du mich ansiehst ... Aber weißt du noch, wie du früher lachtest? Weißt du noch ... Ach, Sina, ich bitte dich nicht um Verzeihung, ich will dich nicht daran erinnern, was einmal gewesen ist, denn sieh, wenn du mir vielleicht auch verziehen hast, so werde ich mir doch nie verzeihen. Es hat lange Nächte gegeben, Sina, schlaflose, furchtbare Nächte, und in diesen Nächten habe ich hier in diesem Bett gelegen und gedacht, lange und viel, gedacht und da bin ich zur Einsicht gekommen, daß es für mich besser ist, zu sterben, bei Gott besser! ... Ich taugte nicht zum Leben, Sina!“

Sina weinte und preßte stumm seine Hand, als hätte sie ihn damit im Sprechen aufhalten wollen.

„Weshalb weinst du, mein Liebling?“ fuhr der Kranke fort. „Weil ich sterbe, nur weil ich sterbe? Aber das übrige, alles, alles übrige ist ja doch schon längst gestorben, längst begraben! Du bist klüger als ich, du hast ein reineres Herz als ich, und deshalb weißt du auch, daß ich ein schlechter Mensch bin. Kannst du mich denn lieben? Was mich das gekostet hat, diesen Gedanken zu ertragen, daß du es weißt, was für ein schlechter und leerer Mensch ich bin! Und wieviel Eigenliebe hierin war, vielleicht auch edelmütige ... ich weiß es nicht ... Du ... mein Freund, mein ganzes Leben war nur ein Traum. Ich habe nur geträumt, immer nur geträumt und nicht gelebt. Ich war stolz, ich verachtete die Masse ... Auf was aber war ich denn stolz vor den Leuten? Ich weiß es selbst nicht. Herzensreinheit? Edle Gefühle? Aber das war ja alles nur in Träumen, Sina, als wir Shakespeare lasen, als es aber zur Tat kam, da bewies ich glänzend meine ganze Herzensreinheit und meine erhabene Gesinnung! ...“

„Hör auf!“ unterbrach ihn Sina, „hör auf! ... Das war ja alles nicht so ... du marterst dich ganz unnütz!“

„Weshalb unterbrichst du mich, Sina! Ich weiß, du hast mir verziehen, und vielleicht schon vor langer Zeit; aber du hast über mich nachgedacht, das Urteil gefällt und begriffen, wer ich bin: das aber quält mich ja gerade. Ich bin deiner Liebe unwürdig, Sina! Du warst auch dann, als es zur Tat kam, als es handeln hieß, auch dann warst du ehrlich und großzügig: du gingst zu deiner Mutter und sagtest ihr, daß du mich und keinen anderen heiraten würdest, und du hättest dein Wort gehalten, denn bei dir ist Wort und Tat nicht zweierlei. Aber ich, ich! Als es zur Tat kam ... Weißt du, Sina, ich begriff ja damals gar nicht, was du für mich geopfert hättest, wenn es zur Heirat gekommen wäre! Ich konnte es damals überhaupt nicht begreifen, daß du als meine Frau vor Hunger vielleicht gestorben wärst. Ach, daran dachte ich ja keinen Augenblick! Ich glaubte nur, daß du mich heiraten würdest, mich, den großen Dichter – den zukünftigen, versteht sich – und ich wollte jene Gründe überhaupt nicht gelten lassen, die du hervorhobst, als du mich batest, mit der Hochzeit noch zu warten. Ich machte dir Vorwürfe, ich quälte, tyrannisierte, verachtete dich und schließlich kam es zu meiner Drohung, jenen Brief zu zeigen. Ich war nicht einmal nur ein Schuft in diesem Augenblick, ich war einfach ein Lump! O, wie du mich verachtet haben mußt! Es ist gut, daß du mich nicht geheiratet hast. Ich hätte dein Opfer nie begriffen, ich hätte dich gequält, dich wegen unserer Armut gepeinigt. Jahre wären vergangen! Vielleicht hätte ich dich sogar gehaßt – als Hindernis in meinem Leben! So aber, wie es jetzt ist, ist es viel besser! Jetzt haben wenigstens meine bitteren Tränen mein Herz gereinigt. Ach Sina! Behalt mich nur ein wenig lieb, so wie du mich früher lieb gehabt hast! Wenn auch nur in dieser letzten Stunde ... Ich weiß es ja, daß ich deiner Liebe unwürdig bin, aber ... aber ... Mein Liebling, mein Liebling, du!“

Während dieser ganzen Rede versuchte Sina mehrmals ihn zu unterbrechen, doch er beachtete es nicht. Ihn quälte das Verlangen, alles vor ihr auszuschütten, was er auf dem Herzen hatte, und so fuhr er denn fort zu sprechen, mühsam, atemlos, mit heiserer fortwährend erstickender Stimme.

„Wärst du mir nicht begegnet, hättest du dich nicht in mich verliebt, so würdest du jetzt leben!“ sagte Sina. „Ach, warum, warum haben wir uns kennen gelernt!“

„Nein, mein Liebling, nein, mach dir deshalb keine Vorwürfe, weil ich sterbe,“ fuhr der Kranke fort. „Ich allein bin an allem schuld! Gott, wieviel Eigenliebe hierbei war! Wieviel Romantik! Hat man dir ausführlich meine ganze dumme Geschichte erzählt, Sina! Sieh, hier war vor drei Jahren ein Arrestant, ein großer Räuber und Mörder, als es aber zum Bestrafen kam, da zeigte es sich, daß er ein ganz kleinmütiger Mensch war. Er wußte, daß man einen Kranken nicht bestrafen würde und so verschaffte er sich Branntwein, tat gewöhnlichen Tabak hinein und trank ihn dann aus. Bald aber begann er so zu erbrechen, nur Blut und Galle, weißt du, und das dauerte so lange an, daß seine Lungen arg darunter litten. Er wurde ins Lazarett geschafft und nach einigen Monaten starb er an der Schwindsucht. Nun sieh, mein Liebling, ich dachte damals an ihn, an jenem Tage ... du weißt ... nach dem Brief ... und ich beschloß, mich ebenso zugrunde zu richten. Aber was meinst du wohl, weshalb ich gerade die Schwindsucht wählte? Ich hätte mich doch erhängen oder ertränken können? Glaubst du, daß ich den Tod fürchtete? Vielleicht ... Aber es will mir immer scheinen, Sina, daß es damals nicht ohne schwärmerische Dummheiten abging. Ich dachte doch immer daran, wie hübsch es sein würde, wenn ich im Bett liege, schwindsüchtig, todkrank, und du wirst dich martern, quälen, dir Vorwürfe machen, weil du mich schwindsüchtig gemacht hast; wie du denn in deiner Reue zu mir kommst, auf die Knie vor mir niederfällst ... Ich verzeihe dir, sterbe in deinen Armen ... Dumm, nicht wahr, Sina, furchtbar dumm!“

„Sprich nicht davon!“ bat Sina. „Sprich nicht davon! Du bist nicht so ... laß uns lieber an anderes denken, an unsere schönen, glücklichen Stunden.“

„Weh tut es mir, mein Freund, deshalb rede ich auch davon. Anderthalb Jahre lang habe ich dich nicht gesehen! Ich glaube, ich müßte jetzt meine ganze Seele vor dir ausbreiten! Ich bin ja doch die ganze Zeit seit jenem Tage ganz, ganz allein gewesen, und es hat, glaube ich, dennoch keine Minute gegeben, in der ich nicht an dich gedacht hätte, du mein Herzenslieb, mein Engel, an dem ich mich nicht sattsehen kann! ... Und weißt du, Sina, wie gern ich irgend so etwas getan hätte, etwas Großes, Gutes, um dich zu zwingen, deine Meinung über mich zu ändern. Ich glaubte ja bis zum letzten Augenblick nicht, daß ich sterben würde. Es warf mich ja nicht sofort nieder, ich ging ja noch lange mit einer kranken Brust umher. – Und wieviel lächerliche Wünsche ich hatte! Zum Beispiel dachte ich daran, plötzlich ein großer Dichter zu werden, in den ‚Vaterländischen Aufzeichnungen‘ ein Gedicht zu veröffentlichen, wie es bis jetzt noch keines gegeben hat. Ich wollte in ihm alle meine Gefühle ausgießen, meine ganze Seele, so daß ich überall, wo du nur sein mochtest, stets bei dir gewesen wäre, dich immerwährend an mich erinnert hätte durch meine Verse, und mein schönster Traum war, wie du dann endlich nachdenklich werden und dir sagen müßtest: ‚Nein, er ist doch kein so schlechter Mensch, wie ich glaubte!‘ Dumm, Sinotschka, dumm nicht wahr?“

„Nein, nein, Wassjä, nein!“ rief Sina beschwörend aus.

Sie warf sich über seine Brust und küßte seine Hände.

„Und wie mich die Eifersucht die ganze Zeit gequält hat! Ich glaube – ich wäre gestorben, wenn ich von deiner Hochzeit gehört hätte! Ich ließ dich beobachten, ich ließ spionieren ... sie tat es immer für mich (er wies mit dem Kopf auf die Mutter). Du hast doch den Mosgljäkoff nicht geliebt, nicht wahr, Sinotschka? Oh, mein Engel, du! Wirst du dich auch jemals meiner erinnern, wenn ich tot bin? Ich weiß, daß du mich nicht vergessen wirst ... aber es werden Jahre vergehen, dein Herz wird abkühlen, erkalten, es wird Winter in der Seele und dann wirst du mich doch vergessen, Sinotschka! ...“

„Nein, nein, niemals! Ich werde nie heiraten ... Du bist der erste ... der letzte ... ewig werde ich dich lieben!“

„Alles stirbt, Sinotschka, alles, sogar Erinnerungen ... Sogar unsere edelsten Gefühle sterben. An ihre Stelle tritt vernünftiges Denken. Weshalb dawider murren? Genieße das Leben, Sina, lebe lange, lebe glücklich. Liebe auch einen anderen, wenn du ihn lieb gewinnst – man kann doch nicht immerfort einen Toten lieben! Nur denk zuweilen auch an mich, nur hin und wieder einmal; an das Schlechte denk nicht, vergieb das Schlechte; aber es hat ja in unserer Liebe auch Gutes gegeben. Sinotschka! Oh, die wundervollen, unwiederbringlichen Tage! ... Hör mich, mein Engel, ich habe immer die Abendstunde und den Sonnenuntergang geliebt. Denke manches Mal an mich, wenn die Sonne untergeht! Oh, nein, nein! Wozu sterben! Oh, wie ich jetzt zu neuem Leben auferstehen wollte! Vergiß nicht, vergiß nicht, mein Lieb, vergiß nicht diese Zeit! Damals war Frühling, die Sonne schien so hell, die Blumen blühten, rings um uns schien es Feiertag zu sein ... Und jetzt! Sieh, sieh!“

Und der Arme wies mit seiner abgezehrten Hand auf das trübe, befrorene kleine Fenster. Dann ergriff er plötzlich Sinas Hände, preßte sie an seine Augen und schluchzte, schluchzte herzbrechend. Das Schluchzen schien seine kranke wunde Brust zu zerreißen.

Den ganzen Tag quälte er sich, litt und weinte. Sina tröstete ihn, so gut sie es konnte, denn auch sie war fast zu Tode gequält. Sie sagte, daß sie ihn nie vergessen und keinen so lieben werde, wie sie ihn geliebt. Er glaubte es ihr widerspruchslos, lächelte, küßte ihre Hände, doch die Erinnerungen an das Vergangene brannten in seinem Herzen und es war ihm, als würde er von ihnen wie zerrissen. So verging der ganze Tag. Marja Alexandrowna hatte inzwischen nicht viel weniger als zehnmal nachgeschickt und Sina flehentlich bitten lassen, wieder nach Haus zu kommen und sich in der Gesellschaft doch nicht ganz und gar unmöglich zu machen. Endlich in der Dämmerung, vor Angst kaum noch ihrer Sinne mächtig, entschloß sie sich, selbst zu Sina zu laufen. Sie ließ ihre Tochter in die andere Stube rufen und flehte sie fast auf den Knien an, diesen „letzten und größten Dolch nicht in ihr Herz zu stoßen“. Sina ging zu ihr hinaus: sie hörte wohl, was ihre Mutter sprach, begriff aber nicht den Sinn der Worte. Ihr Kopf schien ihr zerspringen zu wollen vor Schmerz. Schließlich mußte Marja Alexandrowna in größter Verzweiflung wieder fortgehen. Sina hatte beschlossen, in der Hütte bei dem Sterbenden zu übernachten.