Sämtliche Werke 17

Part 13

Chapter 133,684 wordsPublic domain

Ich finde keine Worte, um den Eindruck zu schildern, den Marja Alexandrownas unerwartete Mitteilung machte. Alle schienen erstarrt zu sein vor Verwunderung. Die treubrüchigen Freundinnen, die Marja Alexandrowna damit hatten einschüchtern wollen, daß sie bereits alles wußten, die sie mit der vorzeitigen Aufdeckung des Geheimnisses – und zwar nur in der Form von Andeutungen – zu vernichten meinten, waren jetzt ihrerseits durch diese dreiste Aufrichtigkeit vernichtet. Und dieses gewagte Spiel entbehrte auch nicht einer inneren Kraft: „Folglich wird der Fürst tatsächlich freiwillig Sina heiraten? Folglich ist er nicht in die Falle gelockt, nicht betrunken gemacht, nicht betrogen worden? Folglich wird er nicht heimlich, nicht hinterrücks verheiratet? Folglich fürchtet Marja Alexandrowna nichts und niemanden? Folglich läßt sich diese Heirat durch nichts mehr zerstören, denn der Fürst heiratet doch aus eigenem freien Willen!“ Einen Augenblick hörte man allgemeines Getuschel, das sich dann plötzlich in Freuderufen entlud. Als erste stürzte Natalja Dmitrijewna zu Marja Alexandrowna, um sie in ihre Arme zu schließen; ihr folgte Anna Nikolajewna und dieser Felissata Michailowna. Alle sprangen von ihren Plätzen auf, alle gerieten sie in ein unentwirrbares Durcheinander. Viele Damen waren bleich vor Wut. Sina wurde mit Glückwünschen überhäuft. Sogar an Afanassij Matwejewitsch klammerte man sich. Marja Alexandrowna breitete malerisch die Arme aus und drückte fast mit Gewalt die Tochter an ihre Brust. Nur der Fürst allein blickte mit einer gewissen sonderbaren Verwunderung auf die ganze Szene, wenn er auch immer noch liebenswürdig lächelte. Übrigens gefiel ihm der Tumult zum Teil sehr gut. Und als die Mutter ihr Kind umarmte, da zog er sein Schnupftuch hervor und wischte sich eine Träne aus seinem Auge. Natürlich stürzte man sich dann auch auf ihn mit Glückwünschen.

„Wir gratulieren, Fürst! Wir gratulieren!“ ertönte es von allen Seiten.

„Also Sie heiraten?“

„Sie heiraten also wirklich?“

„Lieber Fürst, dann heiraten Sie also?“

„Nun ja, nun ja,“ antwortete der Fürst, der mit den Glückwünschen und der Aufregung sehr zufrieden war, „und ich gestehe Ihnen, daß mir am meisten Ihre liebe Teil–nahme gefällt, die Sie mir jetzt bewei–sen und die ich nie-mals vergessen werde, nie-mals. Charmant, charmant! Sie haben mich sogar bis zu Trä–nen gerührt ...“

„Küssen Sie mich, Fürst!“ schrie lauter als das Geschrei aller anderen Felissata Michailowna.

„Und ich gestehe Ihnen,“ fuhr der Fürst fort, obschon er von allen Seiten beständig unterbrochen wurde, „am meisten wundert es mich, daß Marja Iwa–now–na, unsere ehr–würdige Gastgeberin, mit einer so frappie–renden Genau-igkeit meinen Traum erraten hat. Ganz als hätte sie ihn an meiner Stelle gesehen! Ein auf–fallender Scharfblick, in der Tat! Auf–fallender Scharf–blick!“

„Ach, Fürst, Sie reden wieder von Ihrem Traum!“

„Gestehen Sie nur, Fürst, gestehen Sie nur!“ drängten die ihn umringenden Damen.

„Ja, Fürst, wozu verheimlichen, es ist Zeit, das Geheimnis aufzudecken!“ sagte Marja Alexandrowna entschlossen und streng. „Ich habe Ihre feinfühlige Allegorie, Ihr bezauberndes Zartgefühl verstanden, mit dem Sie mir andeuteten, daß Sie Ihre Verlobung zu veröffentlichen wünschten. Ja, ^mesdames^, es ist wahr: heute ist der Fürst _im wachen Zustande_ und nicht im Traum vor meiner Tochter niedergekniet und hat ihr in aller Form einen Heiratsantrag gemacht.“

„Ja, es war vollkom–men wie im Wachen und sogar mit denselben Neben–um–ständen,“ bestätigte der Fürst. „Mademoiselle,“ fuhr er fort, sich mit ungewöhnlicher Höflichkeit an Sina wendend, die eigentlich noch nicht zu sich gekommen war, „Mademoiselle! Ich schwöre Ihnen, daß ich nie–mals Ihren Namen zu nennen gewagt hätte, wenn er nicht von ande–ren vor mir genannt worden wäre. Es war ein be–zau–bernder Traum, und ich schätze mich dop–pelt glücklich, daß ich es Ihnen jetzt sa–gen kann. Charmant! Charmant! ...“

„Aber um’s Himmels willen, was ist denn das? Er redet immer noch von einem Traum?“ flüsterte Anna Nikolajewna der erregten und etwas bleichen Marja Alexandrowna zu.

Doch wehe! – Marja Alexandrowna zitterte das Herz auch ohne diese Fragen.

„Wie ist denn das?“ flüsterten die Damen untereinander und tauschten vielsagende Blicke aus.

„Aber ich bitte Sie, Fürst,“ hub Marja Alexandrowna mit schmerzlich verzogenem Lächeln an, „ich kann Ihnen nur sagen, daß Sie mich in Erstaunen setzen. Was ist das für eine sonderbare Traumidee, die Sie da haben? Ich sage Ihnen, ich war bis jetzt im Glauben, daß Sie nur scherzten, aber ... Wenn es ein Scherz sein soll, so ist er zum mindesten sehr unangebracht ... Ich werde ... ich will es Ihrer Zerstreutheit zuschreiben, aber ...“

„Das ist bei ihm vielleicht tatsächlich nur aus Zerstreutheit,“ meinte auch Natalja Dmitrijewna.

„Nun ja ... vielleicht auch aus Zerstreutheit,“ bestätigte der Fürst, der immer noch nicht begriff, um was es sich handelte und was man von ihm eigentlich wollte. „Und den–ken Sie sich, ich werde Ihnen sogleich eine A–nek–do–te erzählen. Dreimal ladet man mich ein, in Petersburg war es, zu einer Ein–sargung, es war ^une maison bourgeoise mais honnette^, und ich glaubte, es sei zu einem Namensfest. Das Namensfest war aber schon vor einer Woche gewesen. Ich bestellte also ein Kame–lienbukett für die Dame. Nun ja, ich kam hin und was sah ich? Ein eh–renwerter, bejahrter Mann lag auf dem Tisch, so daß ich mich nur wun–derte. Und ich wuß–te gar nicht, wo ich mein Bukett lassen sollte.“

„Aber Fürst, jetzt ist es uns doch nicht um solche Geschichten zu tun!“ unterbrach ihn Marja Alexandrowna ärgerlich. „Meine Tochter hat es nicht nötig, Freier zu angeln: aber heute nachmittag haben Sie ihr selbst hier an diesem Flügel einen Heiratsantrag gemacht. Ich habe Sie nicht dazu veranlaßt ... Ich kann sogar sagen, daß es mich überrascht hat ... Versteht sich, es kam mir damals schon der Gedanke, aber ich schob ihn auf bis zu Ihrem Erwachen. Doch ich bin Mutter ... sie ist mein Kind ... Sie haben soeben von einem Traum gesprochen und ich glaubte, Sie wollten in der Form einer Allegorie von Ihrer Verlobung erzählen. Ich weiß sehr wohl, daß man Sie vielleicht davon ablenken will ... und ich ahne sogar, wer es tut ... aber erklären Sie sich, Fürst, erklären Sie sich schneller, ausführlicher. Solche Scherze darf man sich nicht in einem vornehmen Hause erlauben ...“

„Nun ja, solche Scherze darf man sich nicht in einem vornehmen Hause erlauben,“ pflichtete ihr der Fürst ahnungslos bei. Übrigens wurde er doch etwas unruhig.

„Aber das ist doch keine Antwort auf meine Frage, Fürst! Ich ersuche Sie, mir entscheidend zu antworten: bestätigen Sie, bestätigen Sie es hier vor allen Anwesenden, daß Sie vorhin um die Hand meiner Tochter angehalten haben.“

„Nun ja, ich bin bereit zu bestätigen. Wie gesagt, ich habe das alles schon erzählt und Felissata Jakowlewna hat meinen Traum vollkom–men erraten.“

„Nicht Traum! nicht Traum!“ rief Marja Alexandrowna wütend aus. „Es war kein Traum, sondern Wirklichkeit, Fürst, Wirklichkeit, hören Sie: Wirklichkeit.“

„Wirk–lich–keit?“ rief der Fürst höchst verwundert aus und erhob sich vor Überraschung. „Da hörst du’s, mein Lieber! Was du vorhin pro–phezei–test, ist jetzt richtig eingetroffen!“ rief er Mosgljäkoff zu. „Aber ich versichere Sie, verehrte Marja Alexandrowna, daß Sie sich täuschen! Ich bin voll–kom–men ü–ber–zeugt, daß es mir nur ge–träumt hat!“

„Großer Gott!“ Marja Alexandrowna schlug die Hände zusammen.

„Beruhigen Sie sich, Marja Alexandrowna,“ mischte sich Natalja Dmitrijewna ein, „der Fürst hat es vielleicht nur vergessen ... er wird sich dessen wieder entsinnen.“

„Ich wundere mich über Sie, Natalja Dmitrijewna,“ entgegnete Marja Alexandrowna unwillig, „kann man denn so etwas vergessen? Wer vergißt denn so etwas? Ich bitte Sie, Fürst! Oder wollen Sie sich über uns lustig machen? Oder wollen Sie einem der Gecken nachäffen, wie sie zur Zeit der Régence in der Mode waren und die jetzt Dumas schildert? Irgend einen Fairelacour? Aber ganz abgesehen davon, daß es Ihren Jahren nicht ansteht, wird es Ihnen auch nicht gelingen! Meine Tochter ist keine französische Vicomtesse! Vorhin hat sie hier, sehen Sie, hier gestanden und Ihnen eine Romanze vorgesungen, und da sind Sie hier vor ihr niedergekniet und haben ihr einen Heiratsantrag gemacht. Ich phantasiere doch nicht! Ich schlafe doch nicht! Sagen Sie doch, Fürst: schlafe ich oder schlafe ich nicht?“

„Nun ja ... wie gesagt, vielleicht auch nicht ...“ antwortete der verwirrte Fürst. „Ich will nur sagen, daß ich jetzt, glaube ich, _nicht_ schla–fe. Vorhin, sehen Sie, schlief ich, und des–halb hat mir auch geträumt, weil ich, wie gesagt, schlief ...“

„Großer Gott, was ist das: schlief – schlief nicht, schlief nicht – schlief! Da soll der Teufel daraus klug werden! Sie phantasieren doch nicht, Fürst?“

„Nun ja, der Teufel soll daraus klug werden ... übrigens, ich glaube, daß ich jetzt ganz aus dem Kon–zept gekommen bin ...“ murmelte der Fürst mit unruhigen Blicken auf seine Umgebung.

„Aber wie haben Sie denn das im Traum sehen können, wenn ich Ihnen diesen Traum mit allen Einzelheiten erzähle, während Sie ihn doch noch keinem einzigen Menschen erzählt haben!“

„Aber es kann ja doch sein, daß der Fürst ihn doch schon irgend einem mitgeteilt hat,“ meinte Natalja Dmitrijewna.

„Nun ja, es kann ja doch sein, daß ich ihn jemand schon mitgeteilt habe,“ wiederholte der jetzt völlig konfus gewordene Fürst.

„Das ist mal eine Komödie!“ flüsterte Felissata Michailowna ihrer Nachbarin zu.

„Großer Gott! Da kann einem doch die letzte Geduld reißen!“ rief Marja Alexandrowna aus und sie rang die Hände vor Verzweiflung. „Sie hat Ihnen eine Romanze vorgesungen, eine Romanze! Glauben Sie denn, daß auch dies Ihnen nur geträumt hat?“

„Nun ja, in der Tat, es war, als hätte sie auch gesungen,“ murmelte der Fürst in Gedanken versunken.

Plötzlich belebte eine Erinnerung sein Gesicht.

„Mein Lieber!“ rief er aus, sich an Mosgljäkoff wendend, „ich hatte es ganz vergessen, dir vorhin zu sagen, daß sie tatsächlich noch so etwas wie eine Roman–ze sang und in dieser Romanze war die Rede von Schlössern und dann war dort auch noch irgend ein Troubadour! Nun ja, ich entsinne mich dessen ... so daß ich sogar wein–te ... Und jetzt bin ich in der größten Verle–genheit, denn es will mir scheinen, als ob es tatsächlich in Wirk–lich–keit gewesen wäre und nicht nur im Traum.“

„Offen gestanden, Onkelchen,“ bemerkte Mosgljäkoff möglichst ruhig, obgleich seine Stimme von innerer Aufregung zu zittern schien, „offen gestanden, mir scheint es, daß dieses ganze Problem sehr leicht zu lösen ist. Ich glaube, daß Sie tatsächlich Gesang gehört haben. Sinaïda Afanassjewna singt vorzüglich. Nach Tisch sind Sie hierher geführt worden und Sinaïda Afanassjewna hat Ihnen eine Romanze vorgesungen. Ich war damals nicht hier, Sie aber haben sich wahrscheinlich hinreißen lassen, haben an die guten alten Zeiten gedacht, wahrscheinlich an die Stunden, in denen Sie selbst Romanzen gesungen haben ... mit der Vicomtesse, von der Sie uns noch am Vormittage erzählten. Nun und dann, als Sie Ihr Schläfchen machten, hat Ihnen infolge der angenehmen Eindrücke geträumt, daß Sie verliebt seien und einen Heiratsantrag machten ...“

Marja Alexandrowna war einfach betäubt. Eine solche Frechheit hätte sie denn doch nicht für möglich gehalten.

„Ach, mein Lieber, das war ja auch tatsächlich so!“ rief der Fürst begeistert aus. „Gerade infolge der angenehmen Ein–drücke! Ich erinnere mich ganz deut–lich dessen, daß mir eine Romanze vorgesungen wurde ... deshalb wollte ich im Traum auch heiraten. Und die Vicomtesse war gleichfalls ... Nein, wie klug du das entwickelt hast, mein Lieber! Nun ja, ich bin jetzt voll–kom–men überzeugt, daß ich das alles nur im Traum gesehen habe! Marja Wassiljewna! Ich versichere Sie, daß es mir nur geträumt hat! Es war nur ein Traum. An–derenfalls würde ich nicht mit Ihren e–delsten Gefüh–len gespielt haben ...“

„Ah! Jetzt sehe ich, wer hier die Hand im Spiel hat!“ schrie Marja Alexandrowna, außer sich vor Wut, und sie wandte sich an Mosgljäkoff. „Sie sind es, mein Herr, Sie sind der Ehrlose, Sie allein haben das alles getan! Sie haben aus Rache dafür, daß Sie einen Korb erhielten, diesem unglücklichen Idioten den Kopf verdreht! Diese Schmach wirst du mir aber bezahlen, du gemeiner Mensch! Jawohl! Das wirst du mir bezahlen, bezahlen!“

„Marja Alexandrowna!“ schrie Mosgljäkoff, rot wie ein Krebs, „Ihre Worte sind dermaßen ... Ich weiß gar nicht mehr, wie Ihre Worte sind ... Ich weiß nur, daß keine vornehme Dame sich erlauben wird ... ich verteidige zum mindesten meinen Verwandten. Sie müssen doch zugeben, daß, einen alten Mann so zu umgarnen, so in die Falle zu locken ...“

„Nun ja, in die Falle zu locken,“ wiederholte der Fürst, der sich hinter Mosgljäkoff zu verstecken versuchte.

„Afanassij Matwejewitsch!“ kreischte Marja Alexandrowna mit einer ihr ganz fremden Stimme. „Hören Sie denn nicht, wie wir beschimpft und entehrt werden? Oder haben Sie sich bereits von jeder Pflicht uns gegenüber losgesagt? Sind Sie wirklich kein Familienvater, sondern nur ein lebloser Holzklotz? Was blinzeln Sie mich an? Ein anderer Gatte hätte schon längst die seiner Familie zugefügte Schmach mit seinem Blute abgewaschen! ...“

„Mütterchen!“ hub Afanassij Matwejewitsch wichtig an, offenbar sehr stolz darauf, daß man endlich auch seiner bedurfte. „Mütterchen! Hat dir das schließlich nicht wirklich nur geträumt und dann, nachdem du aufgewacht bist, hast du alles verwechselt und auf deine Art verdreht ... –“

Doch es war Afanassij Matwejewitsch nicht vergönnt, seine scharfsinnige Erklärung zu Ende sprechen zu können. Bis dahin hatten die Gäste noch an sich gehalten und sich nur mit verborgener Schadenfreude den Anschein würdevollen Ernstes gegeben. Jetzt aber brach alles in schallendes, unbändiges Gelächter aus. Marja Alexandrowna, die ihr ganzes Comme-il-faut vergaß, wollte sich wie es schien, auf ihren Gatten stürzen, um ihm sofort die Augen auszukratzen, wurde aber mit Gewalt zurückgehalten. Natalja Dmitrijewna aber benutzte die Gelegenheit, um noch etwas Gift hinzuzuträufeln.

„Ach, Marja Alexandrowna, vielleicht ist es auch wirklich so gewesen, seien Sie doch nicht so heftig,“ sagte sie mit honigsüßer Stimme.

„Was soll so gewesen sein? Was soll denn so gewesen sein!“ schrie Marja Alexandrowna, die noch nicht recht begriff.

„Ach Marja Alexandrowna, das kommt doch zuweilen vor ...“

„Was kommt zuweilen vor?“ fuhr Marja Alexandrowna auf.

„Vielleicht hat es Ihnen wirklich nur geträumt.“

„Geträumt? Mir? Geträumt? Und Sie wagen es, mir das offen ins Gesicht zu sagen!“

„Wieso, vielleicht ist es auch wirklich so gewesen,“ meinte Felissata Michailowna.

„Nun ja, vielleicht ist es wirk–lich so gewesen,“ murmelte auch der Fürst.

„Auch er noch! Er noch! Großer Gott!“ stöhnte Marja Alexandrowna, die Hände zusammenschlagend.

„Wie, Sie verzweifeln, Marja Alexandrowna! Denken Sie doch daran, daß Gott es ist, der uns Träume schickt. Und wenn Gott etwas will, dann will er allein es, und in seiner Hand liegt alles. Da lohnt es sich gar nicht mehr, sich zu ärgern.“

„Nun ja, da lohnt es sich gar nicht mehr, sich zu ärgern ...“ pflichtete der Fürst bei.

„Ja, halten Sie mich denn für verrückt?“ brachte Marja Alexandrowna vor Aufregung kaum noch hervor. Das ging denn doch über menschliche Kraft! Sie suchte schnell einen Stuhl und – „fiel in Ohnmacht“. Alles stürzte zu ihr.

„Sie ist ja nur aus Anstand in Ohnmacht gefallen,“ flüsterte Natalja Dmitrijewna ihrer Freundin Anna Nikolajewna ins Ohr.

In diesem Augenblick der größten Bestürzung und der höchsten Spannung trat plötzlich eine neue Person vor, eine, die bis dahin kein Wort gesprochen hatte, und die ganze Szene änderte mit einem Schlage ihren Charakter ...

XIV.

Sinaïda Afanassjewna war, im allgemeinen gesprochen, sehr romantisch veranlagt. Ich weiß nicht, ob das gerade daher kam, daß sie, wie Marja Alexandrowna behauptete, „diesen Dummkopf Shakespeare“ gar zu viel mit „ihrem Lehrer“ gelesen hatte, jedenfalls aber hatte sich Sina noch nie zuvor einen so außergewöhnlich romantischen, oder richtiger, heroischen Ausfall erlaubt, wie es der war, den ich jetzt wiedergeben will.

Bleich, mit Entschlossenheit im Blick, doch fast zitternd vor Aufregung trat sie, wunderbar schön in ihrer Empörung, mit langsamen Schritten vor. Mit langem, herausforderndem Blick schaute sie die Anwesenden ringsum an und wandte sich dann in der plötzlich eingetretenen Stille an die Mutter, die schon bei ihrer ersten Bewegung aus der Ohnmacht wieder erwacht war und die Augen weit aufgerissen hatte.

„Mama,“ sagte Sina, „wozu betrügen? Wozu sich durch Lügen erniedrigen? Es ist ja alles ohnehin schon so schmutzig, daß es sich wahrlich nicht der erniedrigenden Mühe lohnt, diesen Schmutz zu verdecken!“

„Sina! Sina! Was ist mit dir, mein Kind? Besinne dich!“ rief erschrocken Marja Alexandrowna aus, und sie sprang auf.

„Ich habe dir gesagt, ich habe dir im voraus gesagt, Mama, daß ich diese ganze Schmach nicht ertragen werde,“ fuhr Sina fort. „Muß man sich denn wirklich noch mehr erniedrigen, noch mehr besudeln? Aber weißt du, Mama, ich nehme alles auf mich, denn ich bin die Schuldigste. Ich ... ich habe durch meine Einwilligung die Veranlassung zu dieser häßlichen Intrige gegeben! Du bist meine Mutter, du liebst mich; du glaubtest nach deiner Auffassung, so wie du es verstehst, mein Glück zu schaffen. Dir kann man noch verzeihen, mir aber, mir – niemals!“

„Sina, willst du denn wirklich erzählen? ... O Gott! Ich ahnte es, daß dieser Dolchstoß meinem Herzen nicht erspart bleiben würde!“

„Ja, Mama, ich werde alles erzählen! Ich bin beschimpft, wir alle sind beschimpft! ...“

„Du übertreibst es, Sina! Du bist außer dir und weißt nicht, was du sprichst! Und wozu willst du denn erzählen? Was hat das für einen Sinn? ... Die Schande fällt nicht auf uns ... Ich werde sofort beweisen, daß die Schande nicht auf uns fällt ...“

„Nein, Mama!“ rief Sina aus und ihre Stimme zitterte vor Zorn, „ich will nicht mehr schweigen vor diesen Leuten, deren Meinung ich verachte und die hergekommen sind, um sich über uns lustig zu machen! Ich will ihre Beleidigungen nicht länger ruhig hinnehmen. Keine einzige von ihnen hat das Recht, mich mit Schmutz zu bewerfen. Sie sind ja alle sofort bereit, noch hundertmal Schlimmeres zu tun, als ich oder du, Mama, getan haben. Dürfen sie, können sie überhaupt unsere Richter sein? ...“

„Das ist mal schön! Was die sich einbildet! Was soll denn das bedeuten! _Uns_ zu beleidigen?“ hörte man von allen Seiten.

„Sie scheint ja wirklich nicht zu wissen, was sie spricht!“ sagte Natalja Dmitrijewna.

Nebenbei bemerkt, diesmal hatte Natalja Dmitrijewna vollkommen recht. Wenn Sina diese Damen für unwürdig hielt, ihre Richter zu sein, weshalb würdigte sie sie dann solcher Geständnisse? Überhaupt handelte sie wohl etwas übereilt, – das war späterhin auch die Meinung der besten Köpfe in Mordassoff. Alles hätte noch gut werden können! Alles hätte beigelegt werden können! Es ist ja wahr: auch Marja Alexandrowna hatte sich selbst vieles eingebrockt an diesem Abend, und zwar nur durch ihre Überstürzung und ihren Hochmut. Man hätte ja den idiotischen Greis nur auszulachen gebraucht! Und eventuell vor die Tür zu setzen! Sina aber wandte sich, jeder gesunden Vernunft und der ganzen Mordassower Weisheit zuwider, an den Fürsten.

„Fürst,“ sagte sie zum Alten, der sich aus Ehrerbietung sogleich von seinem Platz erhob – dermaßen imponierte sie ihm in diesem Augenblick. „Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie uns! Wir haben Sie betrogen, wir haben Sie in die Falle gelockt ...“

„Wirst du denn nicht endlich schweigen, Unglückselige!“ rief Marja Alexandrowna in größter Verzweiflung dazwischen.

„Meine Gnädigste! Meine Gnädigste! ^Ma charmante enfant^ ...“ stotterte der Fürst maßlos bestürzt.

Doch der stolze, heftige und im höchsten Grade phantastische Charakter Sinas zog sie mit sich fort und ließ sie alle, von der Wirklichkeit geforderten Anstandsregeln vergessen. Sie vergaß sogar ihre Mutter, die sich während dieser Geständnisse ihrer Tochter innerlich geradezu in Krämpfen wand.

„Ja, wir beide haben Sie betrogen, Fürst: meine Mutter, indem sie Sie veranlassen wollte, mich zu heiraten, und ich, indem ich auf ihren Vorschlag einging. Ihnen wurde bei Tisch immer wieder Wein eingeschenkt, ich willigte ein, zu singen und mich vor Ihnen zu verstellen ... Sie, der Schwache, Schutzlose, wurden, wie Pawel Alexandrowitsch sich ausdrückt, umgarnt, ja, umgarnt um Ihres Reichtums, Ihres Fürstentitels willen. Alles das war entsetzlich niedrig und ich will es büßen. Aber ich schwöre Ihnen, daß ich mich zu dieser Schändlichkeit nicht mit einer schändlichen Absicht entschlossen habe. Ich wollte ... Doch, was soll das! Es ist ja eine doppelte Schändlichkeit, sich in einer solchen Angelegenheit noch rechtfertigen zu wollen! Ich sage Ihnen nur, daß ich, wenn ich etwas von Ihnen genommen hätte, dafür Ihr Spielzeug, Ihre Dienstmagd, Ihre Tänzerin, Ihre Sklavin gewesen wäre ... Das hatte ich mir geschworen und heilig hätte ich meinen Schwur gehalten, das weiß ich!“

Sie verstummte für einen Augenblick, um Atem zu schöpfen. Die Gäste schienen alle sprachlos zu sein und hörten nur mit weit aufgerissenen Augen zu. Der unerwartete und ihnen ganz unverständliche Ausfall Sinas stieß sie alle förmlich vor den Kopf. Nur der Fürst war bis zu Tränen gerührt, obschon er kaum die Hälfte davon verstand, was Sina sagte.

„Aber ich werde Sie hei–raten, ^ma belle enfant^, wenn Sie es so gern wollen,“ stotterte er, „und es wird mir eine große Eh–re sein. Nur versichere ich Sie, das es wirk–lich gleich–sam wie im Traum gewe–sen ist ... Aber als ob man keine Träume hätte! Weshalb sich daher beun–ruhigen? Es ist mir sogar, als hätte ich noch nichts begrif–fen, ^mon ami^,“ fuhr er, sich an Mosgljäkoff wendend, fort. „Erkläre du es mir, bit–te! ...“

„Und Sie, Pawel Alexandrowitsch,“ unterbrach ihn Sina, sich gleichfalls an Mosgljäkoff wendend, „Sie, auf den ich eine Zeitlang fast schon wie auf meinen zukünftigen Gatten gesehen habe, Sie, der Sie sich jetzt so grausam an mir gerächt haben, – haben Sie sich wirklich zu diesen Leuten gesellen können, um mich herabzureißen und mit Schmutz zu bewerfen? Und Sie haben gesagt, Sie liebten mich! Doch nicht mir kommt es zu, Ihnen Vorwürfe zu machen! Ich bin schuldiger als Sie ... Ich habe Sie gekränkt und beleidigt, denn ich habe Sie tatsächlich mit Versprechungen hingehalten und was ich Ihnen heute nachmittag als Beweis des Gegenteils gesagt habe, war Lüge und Spitzfindigkeit. Ich habe Sie niemals geliebt und wenn ich mich entschlossen hätte, Sie zu heiraten, so hätte ich es nur getan, um irgendwohin fortfahren zu können, fort aus dieser verwünschten Stadt, und um diesen ganzen Schmutz hier endlich abschütteln zu dürfen ... Aber eines können Sie mir glauben, wenn ich Sie geheiratet hätte, wäre ich Ihnen eine gute und treue Frau gewesen ... Sie haben sich grausam an mir gerächt ... und wenn es Ihrem Stolz schmeicheln kann ...“

„Sinaïda Afanassjewna!“ unterbrach sie Mosgljäkoff.

„Wenn Sie mich immer noch hassen ...“

„Sinaïda Afanassjewna!!!“

„Wenn Sie mich jemals,“ fuhr Sina fort, die aufsteigenden Tränen unterdrückend, „wenn Sie mich jemals geliebt haben ...“

„Sinaïda Afanassjewna!!!“

„Sina, Sina! Mein Kind!“ jammerte Marja Alexandrowna.

„Ich bin ein Schuft, Sinaïda Afanassjewna, ich bin ein Schuft und weiter nichts!“ behauptete Mosgljäkoff und alles geriet in große Aufregung. Ausrufe der Verwunderung und des Unwillens wurden laut, doch Mosgljäkoff stand wie angewurzelt auf einem Fleck, augenscheinlich jedes Gedankens bar. Er konnte kein Wort mehr hervorbringen.