Part 12
„Ist es wahr, Pawel Alexandrowitsch, daß Sie den Abschied erhalten haben ... im Staatsdienst, versteht sich?“ fragte die naseweise Felissata Michailowna und blickte ihm spöttisch offen in die Augen.
„Den Abschied? Welch einen Abschied? Ich habe ganz einfach umgesattelt. Ich lasse mich nach Petersburg versetzen,“ antwortete Mosgljäkoff trocken.
„Nun, wenn es so ist, dann gratuliere ich,“ fuhr Felissata Michailowna fort. „Und wir erschraken schon, als wir hörten, daß Sie sich um eine Anstellung hier in Mordassoff bewerben würden. Hier sind doch die Stellen nicht sicher, Pawel Alexandrowitsch: eh man sich versieht, fliegt man.“
„Es sei denn eine Lehreranstellung in der Kreisschule; dort gäbe es noch eine Vakanz,“ bemerkte Natalja Dmitrijewna.
Die Anspielung war so deutlich, daß Anna Nikolajewna verlegen wurde und ihre boshafte Freundin heimlich mit dem Fuß stieß.
„Glauben Sie denn, daß Pawel Alexandrowitsch einwilligen würde, die Anstellung eines Kreisschullehrers anzunehmen?“ fragte Felissata Michailowna.
Mosgljäkoff fand keine Antwort. Da kehrte er ihnen den Rücken und wollte fortgehen, stieß aber im selben Augenblick mit Afanassij Matwejewitsch zusammen, der ihm gutmütig die Hand entgegenstreckte. Mosgljäkoff reichte ihm dummerweise nicht die Hand und verbeugte sich nur spöttisch auffallend tief vor ihm. Aufs äußerste gereizt trat er zu Sina, sah ihr haßerfüllt in die Augen und raunte ihr zu:
„Alles das haben wir Ihrer Güte zu verdanken. Warten Sie, heute abend noch werde ich Ihnen zeigen, ob ich ein Dummkopf bin oder nicht!“
„Weshalb aufschieben? Das sieht man ja auch jetzt,“ antwortete Sina mit lauter Stimme und maß ihren ehemaligen Freier mit Ekel verratendem Blick vom Kopf bis zu den Füßen.
Mosgljäkoff wandte sich schleunigst ab – ihre laute Antwort hatte ihn denn doch erschreckt.
„Kommen Sie von Borodujeff?“ entschloß sich schließlich Marja Alexandrowna zu fragen.
„Nein, ich komme von meinem Onkel.“
„Von Ihrem Onkel? Dann sind Sie also soeben beim Fürsten gewesen?“
„Ach, Himmel! Dann ist ja der Fürst schon aufgewacht? Und uns wurde gesagt, daß er noch schlafe!“ Natalja Dmitrijewna tat sehr verwundert, und der Blick, mit dem sie die Hausfrau streifte, war geradezu durchbohrend.
„Ängstigen Sie sich nicht um den Fürsten, Natalja Dmitrijewna,“ antwortete Mosgljäkoff, „er ist aufgewacht und, Gott sei Dank, wieder bei vollem Verstande. Vorher hatte man ihn betrunken gemacht, zuerst bei Ihnen, Natalja Dmitrijewna, und dann hier noch endgültig, so daß er beinahe seinen letzten Verstand verlor, der ja bei ihm ohnehin nicht groß ist. Jetzt aber haben wir uns beide zum Glück aussprechen können, und so vermag er denn wieder vernünftig zu denken. Er wird sogleich erscheinen, um sich von Ihnen, Marja Alexandrowna, zu verabschieden und für Ihre Gastfreundschaft zu danken. Morgen aber werden wir in aller Frühe ins Kloster fahren und von dort werde ich ihn persönlich nach Duchanowo begleiten, um ein abermaliges Umgeworfenwerden zu verhüten. In Duchanowo wird ihn aus meinen Händen Stepanida Matwejewna empfangen – die bis dahin unfehlbar aus Moskau zurückgekehrt sein wird – und dann ist es natürlich ausgeschlossen, daß er noch einmal eine Reise unternimmt – dafür garantiere ich.“
Während dieser ganzen Rede blickte Mosgljäkoff mit aufrichtigem Haß zu Marja Alexandrowna hinüber. Diese saß, als hätte sie vor Schreck die Sprache verloren. Ich muß zu meinem Schmerz gestehen, daß meine Heldin zum ersten Mal im Leben ernstlich bange wurde.
„Ach, also morgen in aller Frühe fahren sie fort? Wie denn das?“ fragte Natalja Dmitrijewna, sich an Marja Alexandrowna wendend.
„Wie kommt denn das?“ ertönte es naiv von allen Seiten. „Und wir haben gehört ... das ist doch wirklich sonderbar!“
Die Hausfrau wußte nicht mehr, was sie antworten sollte. Da wurde die allgemeine Aufmerksamkeit plötzlich durch den ungewöhnlichsten Zwischenfall abgelenkt: aus dem Nebenzimmer drang ein seltsames Geräusch und keifendes Geschrei an aller Ohren und plötzlich stürzte unvermutet unverhofft Ssofja Petrowna Karpuchina in Marja Alexandrownas Salon.
Diese Ssofja Petrowna war sicherlich die exzentrischste Dame in ganz Mordassoff: so exzentrisch war sie, daß die Gesellschaft der Stadt in jüngster Zeit beschlossen hatte, sie nicht mehr zu empfangen. Ich muß noch bemerken, daß sie regelmäßig an jedem Abend um sieben Uhr ein paar Gläschen kippte – für den Magen, wie sie es nannte. Nach dieser Stärkung befand sie sich dann gewöhnlich in der allerexzentrischsten Stimmung – gelinde ausgedrückt. Und in dieser Stimmung stürzte sie jetzt in den Salon Marja Alexandrownas.
„Ah, also so sind Sie, Marja Alexandrowna!“ schrie sie, „also so gehen Sie mit mir um! Beunruhigen Sie sich nicht, ich bin nur auf einen Augenblick gekommen, ich werde mich bei Ihnen auch nicht setzen. Ich bin absichtlich hergefahren, um mich selbst zu überzeugen, ob es wahr ist, was man mir erzählt hat. Ah! also Sie geben Bälle, Banketts, feiern Verlobungen, Ssofja Petrowna aber kann zu Hause sitzen und Strümpfe stricken! Die ganze Stadt ist eingeladen, nur ich nicht! Vorhin aber war ich für Sie ‚liebe Freundin‘ und ‚^mon ange^‘ als ich herkam, um zu erzählen, was bei Natalja Dmitrijewna mit dem Fürsten gemacht wurde. Und jetzt sitzt diese Natalja Dmitrijewna, über die Sie vorhin so geschimpft haben, und die über Sie geschimpft hat, als Gast in Ihrem Hause. Beunruhigen Sie sich nicht, Natalja Dmitrijewna! Ich brauche nicht Ihre Schokolade ^à la santé^ zu zehn Kopeken die Tafel. Ich trinke zu Hause öfter als Sie!“
„Das merkt man,“ antwortete Natalja Dmitrijewna.
„Aber ich bitte Sie, Ssofja Petrowna,“ rief Marja Alexandrowna aus, hochrot vor Zorn, „was ist heute mit Ihnen? So kommen Sie doch zur Besinnung, wenigstens!“
„Oh, keine Sorge um mich, Marja Alexandrowna, ich habe alles, alles erfahren!“ schrie Ssofja Petrowna mit ihrer schrillen, kreischenden Stimme, umringt von allen Damen, die sich an dieser unerwarteten Szene zu ergötzen schienen. „Ich habe alles erfahren! Ihre holde Nastassja ist selbst zu mir gelaufen, um mir alles zu erzählen. Sie haben diesen Jammerkerl, diesen Fürsten, eingefangen, haben ihn betrunken gemacht und dann gezwungen, bei Ihrer Tochter anzusprechen, ja, bei Ihrer Tochter, die niemand mehr heiraten will, und jetzt bilden Sie sich wahrscheinlich ein, daß auch Sie mit einem Schlage weiß Gott was für ein wichtiger Vogel geworden sind – eine Herzogin in echten Spitzen – daß Gott erbarm’! Oh, beunruhigen Sie sich nicht, ich selbst bin die Frau eines Obersten! Und wenn Sie mich nicht zur Verlobung einladen wollen, so pfeife ich auf Ihre Verlobung! Ich habe in vornehmeren Kreisen verkehrt als Sie. Ich habe bei der Gräfin Salichwatskij diniert, und der Oberkommissar Kurotschkin hat bei mir angesprochen! Als ob ich Ihre Einladung brauchte, – Gott bewahre! ...“
„Ssofja Petrowna,“ hub Marja Alexandrowna verhältnismäßig ruhig an, obgleich sie aus der Haut zu fahren meinte, „Sie können mir glauben, daß man nicht in einer solchen Weise in ein vornehmes Haus hineinstürmt und noch dazu in einem _solchen Zustande_, und wenn Sie mich jetzt nicht sofort von Ihrer Anwesenheit und Ihrem Redefluß befreien, so werde ich unverzüglich Maßregeln ergreifen ...“
„Ich weiß, ich weiß, Sie werden Ihren Dienstboten befehlen, mich hinauszugeleiten! Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde selbst den Weg hinausfinden. Leben Sie wohl, verheiraten Sie wen Sie wollen, Sie aber, Natalja Dmitrijewna, brauchen nicht über mich zu lachen: ich pfeife auf Ihre Schokolade! Ich bin zwar nicht hierher eingeladen worden, habe aber auch nicht vor Fürsten den Kasatschock getanzt. Und weshalb lachen Sie denn eigentlich, Anna Nikolajewna? Ssuschiloff hat sich inzwischen das Bein gebrochen, ist soeben erst nach Haus gebracht worden! Und wenn Sie, Felissata Michailowna, Ihrer barfüßigen Matrjoschka nicht sagen, rechtzeitig Ihre Kuh einzutreiben, damit sie nicht jeden Tag unter meinen Fenstern brüllt, so werde _ich_ Ihrer Matrjoschka die Beine brechen. Leben Sie wohl, Marja Alexandrowna, wünsche viel Glück! – Daß Gott erbarm’!“
Ssofja Petrowna verschwand. Alles lachte. Marja Alexandrowna wußte nicht, was sie tun oder sagen sollte.
„Ich glaube, sie hat wieder getrunken,“ flötete süßlich Natalja Dmitrijewna.
„Aber immerhin – diese Frechheit!“
„^Quelle abominable femme!^“
„Na – sie hat uns mal wieder erheitert!“
„Nein, aber welch skandalöse Dinge sie gesagt hat!“
„Nur – was sprach sie da von einer Verlobung? Was ist das für eine Verlobung?“ fragte Felissata Michailowna spöttisch.
„Aber das ist ja entsetzlich!“ entlud sich endlich Marja Alexandrowna. „Und diese Ungeheuer sind es ja gerade, die die unsinnigsten Gerüchte verbreiten! Nicht das ist erstaunlich, Felissata Michailowna, daß solche Damen sich in unserer Gesellschaft befinden, – nein, am erstaunlichsten ist, daß man diese Damen nicht entbehren zu können scheint, daß man sie überhaupt anhört, sie unterstützt, ihnen glaubt, sie ...“
„Der Fürst, der Fürst!“ riefen plötzlich alle Gäste ^unisono^.
„Ach, Gott! ^Ce cher prince!^“
„Nun, Gott sei Dank! Jetzt wird man doch endlich die ganze Wahrheit erfahren!“ flüsterte Felissata Michailowna ihrer Nachbarin zu.
XIII.
Der Fürst trat ein – ein wonniges Lächeln auf den Lippen. Die ganze Aufregung, in die Mosgljäkoff vor kaum zehn Minuten sein Hühnerherz versetzt hatte, verschwand spurlos beim Anblick der Damen. Er zerschmolz wie ein Bonbon. Man empfing ihn mit kreischenden Freuderufen. Im allgemeinen wurde unser Greis von Damen sehr verhätschelt. Sie gingen meist sehr familiär mit ihm um. Er hatte die Eigenschaft, sie mit seiner durchlauchtigsten Persönlichkeit ungemein zu zerstreuen. Felissata Michailowna hatte am Vormittag sogar behauptet – natürlich nur scherzweise –, daß sie bereit sei, sich auf seine Knie zu setzen, wenn es ihm angenehm wäre – denn er sei ein so „lieber, lieber alter Herr, ganz unsäglich lieb!“ Marja Alexandrowna verschlang ihn geradezu mit den Blicken, bemüht, wenigstens etwas aus seinem Gesicht zu erforschen – zu erraten, welchen Ausgang ihre kritische Lage nehmen würde. Eines war jedenfalls klar: Mosgljäkoff hatte etwas Gefährliches angerichtet. Ihr ganzer Plan war stark erschüttert ... Doch aus dem Gesicht des Fürsten war absolut nichts zu erraten: er war ganz derselbe wie immer.
„Ach Gott! Da ist ja der Fürst! Und wir haben Sie erwartet und erwartet!“ riefen einige der Damen aus.
„In größter Ungeduld, Fürst, in größter Ungeduld!“ flöteten andere.
„Das ist mir sehr schmei–chelhaft,“ lispelte der Fürst und setzte sich an den Tisch, auf dem der Ssamowar stand. Die Damen umringten ihn im Augenblick. Nur Anna Nikolajewna und Natalja Dmitrijewna blieben bei der Hausfrau sitzen. Afanassij Matwejewitsch lächelte ehrerbietig; Mosgljäkoff lächelte gleichfalls und blickte herausfordernd Sina an, die ihm jedoch nicht die geringste Beachtung schenkte. Sie trat zum Vater und setzte sich neben ihn am Kamin in einen Lehnstuhl.
„Ach, Fürst, ist es wahr, was man sagt, daß Sie uns verlassen wollen?“ fragte Felissata Michailowna.
„Nun ja, ^mesdames^, ich fahre fort. Ich will unverzüg–lich ins Aus–land fahren.“
„Ins Ausland, Fürst, ins Ausland?“ schrie alles im Chor, „was ist Ihnen eingefallen?“
„Ins Aus–land,“ bestätigte der Fürst gut gelaunt, „und wissen Sie, ich will namentlich wegen der neuen Ideen hin–fahren.“
„Wie das, wegen der neuen Ideen? – welcher neuen Ideen?“ fragten die Damen, die untereinander Blicke austauschten.
„Nun ja, wegen der neuen Ideen,“ wiederholte der Fürst noch einmal, offenbar sehr überzeugt. „Jetzt fahren alle wegen der neuen Ideen hin. Und so will auch ich mir neue Ide–en an–legen.“
„Wollen Sie nicht gar in die Freimaurerloge eintreten, mein bester Onkel?“ erkundigte sich Mosgljäkoff, der sich augenscheinlich vor den Damen durch geistreiche Bemerkungen auszeichnen wollte.
„Nun ja, mein Lieber, du hast dich nicht geirrt,“ antwortete der Onkel überraschenderweise. „Ich habe früher in alten Zeiten tatsächlich zu einer Frei–maurerloge gehört, im Aus–lande, wie gesagt, und ich habe sogar mei–ner–seits viele große Ide–en gehabt. Ich beab–sichtigte damals, viel für die zeitgenössische Aufklärung zu tun und in Frank–furt beschloß ich sogar, meinen Ssidor, den ich ins Aus–land mitgenommen hatte, frei zu geben. Er aber lief zu meiner Verwun–derung selbst von mir fort. Er war ein sehr son–der–barer Mensch. Später begegnete ich ihm einmal in Pa–ris. Er stol–zierte als Geck mit einer Mamsell auf den Boulevards. Er sah mich an und nickte mir mit dem Kopf zu. Und die Mamsell war so ein gewandtes, verführerisches Ding ...“
„Aber Onkelchen! Dann werden Sie ja diesmal, wenn Sie ins Ausland fahren, alle Ihre Bauern freigeben!“ rief Mosgljäkoff laut auflachend aus.
„Du hast meinen Wunsch vollkom–men erraten, mein Lieber!“ antwortete der Fürst ohne zu zögern. „Es ist gerade meine Absicht, sie alle aus Leibeigenen zu freien Bauern zu machen.“
„Aber ich bitte Sie, Fürst, die werden dann doch alle im Augenblick von Ihnen fortlaufen, und wer wird Ihnen dann noch den Pachtzins zahlen!“ wandte Felissata Michailowna ein.
„Gewiß, alle werden fortlaufen,“ behauptete erregt Anna Nikolajewna.
„Gott im Himmel! Werden sie wirk–lich fortlaufen?“ fragte der Fürst verwundert.
„Unbedingt! Im Augenblick werden sie alle fortlaufen und Sie allein lassen!“ versicherte auch Natalja Dmitrijewna.
„Gott im Himmel! Nun, dann werde ich sie nicht freigeben. Wie gesagt, es war von mir auch nur so gemeint.“
„So ist es auch bedeutend besser, Onkelchen,“ meinte Mosgljäkoff.
Marja Alexandrowna hatte schweigend zugehört und beobachtet. Es schien ihr, daß der Fürst sie vollkommen vergessen hatte ...
„Erlauben Sie, Fürst,“ begann sie laut und würdevoll, „daß ich Ihnen meinen Mann vorstelle – Afanassij Matwejewitsch. Er ist absichtlich vom Gut hergekommen, sobald er nur gehört hatte, daß Sie bei mir abgestiegen seien.“
Afanassij Matwejewitsch lächelte und nahm eine strammere Haltung an. Er glaubte, daß man ihn gelobt habe.
„Ah, freut mich, freut mich!“ sagte der Fürst. „Afanassij Matwejewitsch! Erlauben Sie, mir fällt etwas ein ... Afana–ssij Matwe–itsch. Nun ja, das ist dieser, der auf dem Gut lebt. Charmant, charmant, freut mich wie gesagt. Mein Lieber!“ – er wandte sich an Mosgljäkoff – „das ist doch derselbe, weißt du noch, der in dem Verse vorkam. Wie war das doch? Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, so fährt die Frau ... nun ja, auch die Frau geht irgend wohin.“
„Ach, ganz recht! ‚Kaum ist der Mann zur Tür hinaus, da fährt die Frau schon aus dem Haus‘ – das ist ja aus dem Vaudeville, das im vergangenen Jahr hier gespielt wurde!“ griff Felissata Michailowna auf.
„Nun ja, wie gesagt: aus dem Haus. Ich ver–ges–se es immer. Charmant, charmant! Und Sie sind also derselbe? Freut mich, freut mich, Sie kennen zu lernen,“ sagte der Fürst und reichte Afanassij Matwejewitsch, ohne sich vom Stuhl zu erheben, die Hand. „Nun und wie geht es mit Ihrer Gesundheit?“
„Hm ...“
„Er ist gesund, mein Fürst, ganz gesund,“ antwortete Marja Alexandrowna eilig.
„Nun ja, das sieht man auch, daß er gesund ist. Und Sie leben immer auf dem Gute? Nun ja, es freut mich sehr. Und wie rote Wangen er hat und die ganze Zeit freut er sich ...“
Afanassij Matwejewitsch lächelte, verbeugte sich und klappte sogar die Absätze zusammen. Nach der letzten Bemerkung des Fürsten konnte er nicht mehr an sich halten und platzte plötzlich in der dümmsten Weise in lautes Lachen aus. Schallendes Gelächter erhob sich. Die Damen wieherten förmlich vor Vergnügen. Sina errötete heiß und blickte mit blitzenden Augen Marja Alexandrowna an, die ihrerseits fast barst vor Wut. Es war höchste Zeit, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.
„Wie haben Sie geruht, mein Fürst?“ erkundigte sie sich mit honigsüßer Stimme, während sie gleichzeitig durch einen zornigen Blick ihrem Gatten zu verstehen gab, daß er sich sofort auf seinen Platz niederzulassen hatte.
„Oh, ich habe sehr schön geschla–fen,“ sagte der Fürst, „und wissen Sie, ich habe einen ent–zück–enden Traum gehabt, einen entzück–enden Traum!“
„Einen Traum! Ach, ich habe es so gern, wenn man Träume erzählt,“ rief Felissata Michailowna aus.
„Und ich auch! Ich habe es auch sehr gern!“ stimmte ihr Natalja Dmitrijewna bei.
„Einen ent–zückenden Traum,“ wiederholte der Fürst mit süßem Lächeln, „dafür aber ist er das größte Geheim–nis!“
„Was, können Sie ihn denn nicht erzählen? Aber dann muß es ja ein ganz außergewöhnlicher Traum sein?“ fragte Anna Nikolajewna.
„Das größ–te Geheim–nis!“ wiederholte der Fürst, der mit Vergnügen die Neugier der Damen reizte.
„Dann muß er ja furchtbar interessant sein!“
„Ich wette, daß der Fürst im Traum vor irgend einer Schönheit auf den Knien gelegen und eine Liebeserklärung gemacht hat,“ rief Felissata Michailowna aus. „Nun, gestehen Sie nur, Fürst, daß es nichts anderes ist! Lieber Fürst, lieber guter Fürst, gestehen Sie es nur!“
„Gestehen Sie es, Fürst, gestehen Sie es!“ wurde von allen Seiten gebeten.
Der Fürst vernahm feierlich und mit wahrer Wonne diese Ausrufe. Die Annahme Felissata Michailownas schmeichelte seiner Eigenliebe ganz außerordentlich. Es fehlte nicht viel und er hätte sich die Lippen geleckt.
„Wenn ich auch gesagt habe, daß mein Traum das größ–te Geheim–nis ist,“ antwortete er schließlich, „so bin ich doch gezwungen, einzugestehen, daß Sie, meine Gnädigste, ihn zu meiner Ver–wun–derung vollkom–men erra–ten haben.“
„Erraten!“ rief Felissata Michailowna begeistert aus. „Nun, Fürst! Jetzt machen Sie, was Sie wollen, aber Sie müssen uns mitteilen, wer diese Schönheit ist!“
„Das müssen Sie unbedingt!“
„Ist es eine hiesige?“
„Ach, _lieber_ Fürst, sagen Sie es uns doch!“
„Lieber, guter, einziger Fürst, sagen Sie es uns, sagen Sie es uns!“ ertönte es von allen Seiten.
„^Mesdames, mesdames!^ ... Wenn Sie es wirk–lich so nachdrücklich wissen wollen, so kann ich Ihnen ... nur eines mitteilen, daß sie das bezau–berndste und, man kann wohl sagen, makelloseste Mädchen ist von allen, die ich kenne!“
Der Fürst zerfloß vor Wonne.
„Das bezauberndste! ... Und ... eine hiesige! Wer könnte das sein?“ fragten sich die Damen, die bedeutsame Blicke und Winke austauschten.
„Selbstverständlich doch diejenige, die hier als erste Schönheit gilt,“ sagte Natalja Dmitrijewna, rieb ihre roten Riesenhände und blickte mit ihren Katzenaugen vielsagend Sina an. Gleichzeitig wandten sich auch die Blicke aller anderen Sina zu.
„Aber wie denn, Fürst, wenn Sie solche Träume haben – weshalb heiraten Sie dann nicht in Wirklichkeit?“ fragte die naseweise Felissata Michailowna mit einem vielsagenden Blick ringsum.
„Und wie schön wir Sie verheiraten würden!“ griff eine andere Dame auf.
„Ach, _lieber_ Fürst, heiraten Sie doch, bitte, bitte!“
„Heiraten Sie, heiraten Sie!“ ertönte es von allen Seiten. „Weshalb sollen Sie denn nicht heiraten? ...“
„Nun ja ... weshalb soll ich denn nicht heiraten,“ meinte auch der Fürst, der von all diesen Ausrufen ganz konfus geworden war.
„Aber Onkel!“ rief plötzlich Mosgljäkoff dazwischen.
„Nun ja, mein Lieber, ich verstehe dich! Wie gesagt, ^mesdames^, ich bin nicht mehr fähig zu heiraten, und nachdem ich hier einen bezau–bernden Abend bei unserer liebenswürdigen Hausfrau verbracht habe, werde ich mich morgen früh zum Priestermönch Mis–saïl in die Ein–siedelei begeben und von dort dann direkt ins Ausland fahren, um bequemer die Fortschritte der europä–ischen Bildung verfol–gen zu können.“
Sina erbleichte und sah ihre Mutter an. Doch Marja Alexandrowna hatte sich schon entschlossen. Bis hierzu hatte sie nur „abgewartet“, geprüft, denn sie sagte sich, daß ihre Feinde sie überholt hatten. Endlich begriff sie alles und sie beschloß sofort, die hundertköpfige Hydra mit einem einzigen Schlage zu besiegen. Majestätisch erhob sie sich aus ihrem Lehnstuhl, trat mit festen Schritten an den Tisch und maß mit stolzem Blick ihre zwergenhaften Feinde. Feuer der Begeisterung leuchtete in diesem Blick. Sie hatte sich entschlossen, alle diese gehässigen Klatschbasen vor den Kopf zu stoßen, den Schurken Mosgljäkoff einfach zu vernichten, wie eine Schabe zu zerdrücken und mit einem einzigen entschlossenen und kühnen Schlage ihren ganzen verlorenen Einfluß auf den fürstlichen Idioten wieder zu erobern. Versteht sich, dazu gehörte eine ungewöhnliche kalte Frechheit, um die aber war Marja Alexandrowna nie verlegen.
„^Mesdames^,“ hub sie feierlich und majestätisch an (Marja Alexandrowna liebte überhaupt sehr Feierlichkeit), „^mesdames^, ich habe lange Ihrem Gespräch zugehört, Ihren heiteren und geistvollen Scherzen, und ich finde, daß es jetzt Zeit ist und die Reihe an mich kommt, auch ein Wort zu sagen. Wie Sie wissen, haben wir uns hier alle ganz zufällig zusammengefunden – und das freut mich so unsäglich, so unsäglich! Niemals würde ich mich entschlossen haben, das wichtige Familiengeheimnis als erste allen kund zu tun und es früher zu verbreiten, als es das gewöhnlichste Anstandsgefühl verlangt. Vor allem bitte ich deshalb meinen lieben Gast um Verzeihung. Es scheint mir aber, daß er selbst durch entfernte Anspielungen auf denselben Umstand aufmerksam machen will, was mich auf den Gedanken kommen läßt, daß ihm die formelle und feierliche Mitteilung unseres Familiengeheimnisses nicht nur keineswegs unangenehm sein würde, sondern von ihm geradezu gewünscht werde ... Nicht wahr, Fürst, ich täusche mich doch nicht?“
„Nun ja, Sie täuschen sich nicht ... und es freut mich, freut mich sehr ...“ sagte der Fürst, der nicht im geringsten begriff, wovon die Rede war.
Marja Alexandrowna hielt zur Erhöhung des Eindrucks einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen. Sie übersah die ganze Gesellschaft: alle Gäste horchten mit einer fast raubtierhaften Gier auf ihre Worte. Mosgljäkoff zuckte zusammen. Sina errötete und erhob sich, und Afanassij Matwejewitsch schneuzte sich, in Erwartung eines außergewöhnlichen Ereignisses, auf alle Fälle.
„Ja, ^mesdames^, ich bin mit Freuden bereit, Ihnen mein Familiengeheimnis anzuvertrauen. Heute, nach dem Mittagessen hat der Fürst, hingerissen von der Schönheit und ... den Vorzügen meiner Tochter, mir die Ehre erwiesen, um ihre Hand anzuhalten. Fürst!“ schloß sie mit einer Stimme, die von Tränen und Aufregung zitterte, „Sie dürfen nicht, Sie können mir wegen meiner Unbescheidenheit nicht böse sein! Nur die übergroße Freude hat es vermocht, meinem Herzen vorzeitig dieses liebe Geheimnis zu entreißen und ... welche Mutter würde mich deshalb verurteilen?“