Sämtliche Werke 17

Part 11

Chapter 113,760 wordsPublic domain

Nach zwei Stunden langte er endlich müde und abgequält beim Hause Marja Alexandrownas an. Als er die vielen Kutschen vor der Tür halten sah, wunderte er sich.

„Sind das etwa Gäste, sollte dort geladener Besuch sein?“ fragte er sich. „Zu welchem Zweck gibt sie denn heute eine Abendgesellschaft?“ Er erkundigte sich beim Diener und erfuhr, daß Marja Alexandrowna auf dem Gut gewesen und mit Afanassij Matwejewitsch – der in Frack und weißer Binde erschienen sei – zurückgekehrt war und daß der Fürst zwar geruht habe, aus dem Nachmittagsschläfchen zu erwachen, jedoch noch nicht nach unten zu den Gästen herabgestiegen wäre. Mosgljäkoff begab sich, ohne ein Wort zu sagen, hinauf zum Fürsten. Er befand sich gerade in einer Stimmung, in der ein Mensch mit schwachem Charakter fähig ist, sich zu allem zu entschließen, selbst zum schmählichsten Racheakt, ohne daran zu denken, daß er dann vielleicht sein ganzes Leben lang die Tat bereuen wird.

Er fand den Fürsten in einem bequemen Lehnstuhl sitzend vor seinem Reisenecessaire mit vollkommen kahlem Schädel, aber die Fliege und der Backenbart waren bereits angebracht. Seine Perücke befand sich in den Händen seines alten grauhaarigen Kammerdieners und besonderen Lieblings, Iwan Pachomytschs, der sie mit tiefernster, wichtiger und ehrfürchtiger Miene bürstete.

Der Fürst, der nach dem vielen Wein noch nicht recht zu sich gekommen zu sein schien, bot einen ziemlich traurigen Anblick dar: er schien ganz und gar erschlafft zu sein, blinzelte hin und wieder mit den Augen und sah Mosgljäkoff an, als sähe er ihn zum ersten Mal im Leben.

„Wie geht es Ihnen, wie fühlen Sie sich, Onkelchen?“ erkundigte sich dieser.

„Wie ... Ach das bist du!“ Schließlich erkannte ihn der Fürst. „Ich war ein wenig eingeschlafen. Ach Gott!“ – Er war im Augenblick belebt – „ich bin ja doch ... ich bin ja doch ohne Per–rücke!“

„O, beunruhigen Sie sich nicht, Onkelchen! Ich ... ich werde Ihnen helfen, wenn Sie meiner Hilfe bedürfen.“

„Nun sieh, da hast du jetzt mein Geheimnis erfahren! Ich habe doch ge–sagt, daß man die Tür verschließen muß. Aber, mein Freund, du mußt mir jetzt sogleich dein Eh–ren–wort geben, daß du mein Geheim–nis niemand aufdecken und niemand sagen wirst, daß ich fal–sches Haar habe.“

„O, ich bitte Sie, Onkelchen! Halten Sie mich denn für einen, der dazu fähig wäre?“ Mosgljäkoff wollte den Fürsten zu seinen weiteren Zwecken gewinnen ...

„Nun ja, nun ja! Doch ... Da ich sehe, daß du ein edler Mensch bist – mag es dann so sein, ich werde dich in Erstaunen setzen ... und dir meine Geheimnisse aufdecken. Nun, mein Lieber, wie gefällt dir mein Schnurrbart?“

„Vorzüglich, Onkelchen! Er ist geradezu wunderbar! Wie haben Sie ihn nur so lange und so tadellos erhalten können?“

„Überzeuge dich: er ist – fal–sch!“ sagte der Fürst mit triumphierendem Blick auf Mosgljäkoff.

„Ist’s möglich? Nicht zu glauben! Nun, aber der Backenbart? Gestehen Sie es nur, Onkelchen, den färben Sie doch?“

„Färben? Ich färbe ihn nicht nur, er ist gleichfalls vollkommen – fal–sch!“

„Unmöglich! Nein, Onkelchen, Verzeihung, aber das glaube ich nicht! Sie wollen sich über mich lustig machen!“

„^Parole d’honneur, mon ami!^“ beteuerte der Fürst stolz. „Und denk dir, alle, aber auch alle lassen sich ganz wie du täuschen! Sogar Stepanida Matwejewna glaubt es nicht, obgleich sie ihn mir doch zuweilen selbst anbringt. Aber ich bin über–zeugt, mein Lieber, daß du mein Geheimnis bewahren wirst. Gib mir dein Ehrenwort.“

„Ehrenwort, Onkelchen, ich werde es keinem verraten. Und glauben Sie denn wirklich, daß ich dazu fähig wäre?“

„Ach, mein Freund, wie ich heute in deiner Abwesenheit gefallen bin! Fe–o–fil hat mich zum zweitenmal um–geworfen!“

„Zum zweitenmal? Wann denn das?“

„Tja, wir näherten uns schon dem Kloster ...“

„Ich weiß, Onkelchen, heute morgen.“

„Nein, nein, das war im ganzen vor zwei Stunden, nicht mehr. Ich fuhr ins Kloster, er aber warf die Kutsche um. Dieser Schreck! Mein Herz steht noch still davon.“

„Aber Onkelchen, Sie haben doch inzwischen geschlafen!“

„Nun ja, geschlafen ... dann aber fuhr ich ... wie gesagt, ich ... Also, wie gesagt, vielleicht habe ich das ... nein, wie son–derbar das ist!“

„Glauben Sie mir, Onkelchen, das haben Sie nur im Traum erlebt! Sie haben hier doch die ganze Zeit seit dem Mittag geschlafen.“

„Wirk–lich?“ – Der Fürst wurde nachdenklich.

„Nun ja, vielleicht habe ich das nur im Traum gesehen. Aber, wie gesagt, ich habe alles behalten, was mir geträumt hat. Zuerst träumte mir von einem grau–envollen Büffel mit langen Hörnern, dann von einem Staatsanwalt, gleichfalls, wie mir schien, mit Hör–nern ...“

„Das war wohl Nikolai Wassiljitsch Antipoff, Onkelchen?“

„Nun ja, vielleicht war er es. Und dann träumte mir von Napo–leon Buonaparte. Weißt du, mein Lieber, mir sagen alle, daß ich Napoleon Buonaparte ungemein ähneln soll ... und im Profil soll ich ... aus–ge–sproch–en wie ein gewisser ehemaliger Papst aussehen! Was findest du, mein Lieber, habe ich Ähnlichkeit von einem Papst?“

„Ich finde, daß Sie mehr Napoleon ähneln, Onkelchen.“

„Nun ja, das wäre ^en face^. Wie gesagt, ich finde es selbst auch, mein Lieber. Und ich sah ihn im Traum bereits auf der Insel sitzend, und wie gesagt, er war so ge–sprä–chig, so schlag–fertig, solch ein Witz–bold ... so daß er mich un–gemein erheitert hat.“

„Reden Sie von Napoleon?“ fragte Mosgljäkoff mit nachdenklichem Blick auf den Fürsten. Ihm war plötzlich ein sonderbarer Einfall gekommen, ein Einfall, über den er sich vorläufig noch nicht recht klar war.

„Nun ja, von Napoleon. Wir sprachen beide über Phi–lo–sophie. Und weißt du, mein Lieber, es tut mir sogar leid, daß die Eng–länder ... so streng mit ihm verfah–ren sind. Es ist ja wahr: hätte man ihn nicht an der Kette gehalten, so würde er sich wieder auf die anderen gestürzt haben. Ein toller Mensch! Aber es tut mir doch leid um ihn. Ich hätte ihn nicht so behandelt. Ich hätte ihn auf eine un–bewohnte Insel gesetzt ...“

„Weshalb denn auf eine unbewohnte?“ fragte Mosgljäkoff zerstreut.

„Nun, dann meinetwegen auch auf eine bewohn–te, aber auf eine, auf der nur vernünf–tige Menschen wohnen. Nun und dann hätte ich verschiedene Zerstreu–ungen für ihn arrangiert: Theater, Musik, Ballett ... und alles auf Kosten des Staates. Spazieren zu gehen hätte ich ihm natür–lich nur unter Auf–sicht erlaubt, denn sonst wäre er ja sofort wieder entschlüpft. Gewisse Pasteten soll er sehr geliebt haben. Nun, dann würde man ihm eben täglich diese Pasteten gebacken haben. Ich hätte sozusagen väterlich für ihn gesorgt. Er hätte es bei mir nicht schlecht gehabt! ...“

Mosgljäkoff hörte zerstreut dem Geschwätz des erst halberwachten Greises zu und trommelte mit seinen Händen vor Ungeduld. Er wollte das Gespräch auf die Heirat bringen. Eigentlich wußte er noch selbst nicht, weshalb er es wollte, doch ein unbezwingliches Rachegelüst kochte in seiner Brust. Plötzlich stieß der Greis einen leichten Schrei aus, einen Schrei der Überraschung.

„Ach, ^mon ami^! Ich habe ja ganz vergessen, dir zu sagen! Denk doch, ich habe heute einen Heiratsantrag gemacht!“

„Einen Heiratsantrag, Onkelchen?“ fragte Mosgljäkoff ungemein belebt.

„Nun ja, einen Hei–ratsantrag. Pachomytsch, du gehst schon? Nun gut. ^C’est une charmante personne ... Mais^ ... ich will dir gestehen, mein Lieber, ich habe un–über–legt gehandelt. Jetzt sehe ich es ein. Ach, Gott im Himmel!“

„Aber erlauben Sie, Onkelchen, wann haben Sie es denn getan?“

„Wie gesagt, mein Lieber, ich weiß noch nicht einmal genau, wann. Oder sollte mir das nur geträumt haben? Ach, wie son–der–bar das aber doch ist!“

Mosgljäkoff erzitterte vor Freude. Er hatte eine glänzende Idee!

„Aber wem und wann haben Sie denn den Heiratsantrag gemacht, Onkelchen?“ fragte er ungeduldig.

„Der Tochter des Hauses hier, ^mon ami^ ... ^cette belle personne^ ... wie gesagt, ich habe vergessen, wie sie heißt. Nur, sieh mal, ^mon ami^, ich kann doch unmöglich hei–raten! Was soll ich jetzt tun?“

„Gewiß, Sie würden sich unfehlbar zugrunde richten, wenn Sie heiraten wollten. Aber erlauben Sie eine Frage, Onkelchen: sind Sie denn auch überzeugt, daß Sie den Antrag wirklich gemacht haben?“

„Nun ja ... ich bin ü–ber–zeugt.“

„Wenn es Ihnen aber nur geträumt hat, ganz wie das, daß sie zum zweiten Mal mit der Kutsche umfielen?“

„Ach, Gott! Es ist wahr, vielleicht hat es mir auch nur geträumt! ... Jetzt weiß ich ja gar nicht, wie ich mich dort verhal–ten soll! ... ^Mon ami^, auf welchem Um–wege könnte man das nun genau erfahren, ob ich bei ihr angesprochen habe oder nicht? Denn sonst, denk doch nur, in welcher Lage ich jetzt bin!“

„Wissen Sie, Onkelchen, ich glaube, da ist überhaupt nichts zu erfahren.“

„Wieso?“

„Ich bin überzeugt, daß es Ihnen nur geträumt hat.“

„Der Meinung bin ich auch, ^mon ami^, um so mehr, als ich oft ähn–liche Träume habe.“

„Nun, sehen Sie. Und vergessen Sie nicht, daß Sie zum Frühstück ein wenig getrunken haben, dann zum Mittag wieder und schließlich ...“

„Nun ja, mein Lieber, das ist es gerade; vielleicht rührt es auch nur da–von her.“

„Und zudem, Onkelchen, wie sehr Sie auch entflammt gewesen sein mochten, einen so unüberlegten Heiratsantrag hätten Sie doch nie in Wirklichkeit machen können. So weit ich Sie kenne, sind Sie ein überaus vernünftiger Mensch und ...“

„Nun ja, nun ja.“

„Und denken Sie doch nur an eines: wenn das Ihre Verwandten erführen, die Ihnen doch ohnehin nicht gewogen sind – was würden die dazu sagen?“

„Gott im Himmel!“ rief entsetzt der Fürst aus. „Was würden die dazu sagen?“

„Ich bitte Sie! Alle würden wie ein Mann schreien, daß Sie es nicht bei vollem Verstande hätten tun können, daß Sie geistesschwach seien, daß man Sie unter Kuratel bringen müsse, daß man Sie betrogen habe, und zu guter Letzt würde man Sie irgendwo einsperren, wo Sie unter Aufsicht leben müßten.“

Mosgljäkoff wußte, womit man dem Alten den größten Schrecken einjagen konnte.

„Gott im Himmel!“ – Der Fürst zitterte wie ein Espenblatt. „Würde man mich wirklich einsperren!“

„Und deshalb sagen Sie sich doch selbst Onkelchen: wie hätten Sie einen so unüberlegten Heiratsantrag in Wirklichkeit machen können? Sie kennen doch Ihren eigenen Vorteil! Nein, ich behaupte konsequent, daß Sie das alles nur im Traum gesehen haben.“

„Unbedingt im Traum, un–be–dingt im Traum!“ bestätigte der erschrockene Fürst. „Nein, wie vernünftig du das erklärt hast, mein Lieber! Ich danke dir von Herzen dafür, daß du mich be–ruh–igt hast!“

„Und mich freut es sehr, daß ich Sie heute getroffen habe. Denken Sie doch nur: ohne mich hätten Sie sich tatsächlich täuschen, hätten Sie glauben können, daß Sie tatsächlich im wachen Zustande bei ihr angesprochen haben und dann – wären Sie jetzt als Bräutigam zu ihr nach unten gegangen! Denken Sie doch nur, wie gefährlich das gewesen wäre!“

„Nun ja ... gefährlich!“

„Denken Sie doch nur, daß dieses Mädchen dreiundzwanzig Jahre alt ist; niemand will sie nehmen und plötzlich kommen Sie, ein reicher und vornehmer Aristokrat, als Freier zu ihr! Aber die würden ja doch sofort zugreifen, würden beteuern, daß Sie wirklich angesprochen haben: und verkuppeln Sie womöglich mit Gewalt. Und dann werden sie hoffen, daß Sie vielleicht bald sterben ...“

„Wirklich?“

„Und dann denken Sie doch nur, Onkel: ein Mensch mit Ihren Vorzügen ...“

„Nun ja, mit meinen Vorzügen ...“

„Mit Ihrem Verstande und Ihrer Liebenswürdigkeit ...“

„Nun ja, mit meinem Verstande, ja! ...“

„Und dann, Sie sind – Fürst. Sie könnten doch eine ganz andere Partie machen, wenn Sie wirklich aus irgend einem Grund heiraten müßten. Und denken Sie nur daran, was Ihre Verwandten sagen würden!“

„Ach, ^mon ami^, sie würden mich ja dann ganz und gar vernichten! Ich habe von ihnen schon soviel Böses und Unheimliches erfahren ... Denk dir, ich vermute, daß sie mich sogar in eine Ir–ren–anstalt bringen wollten. Nun sag doch bloß, ^mon ami^, das geht doch nicht! Nun, was würde ich denn dort in der Ir–ren–anstalt an–fangen?“

„Versteht sich, Onkelchen, und deshalb werde ich Sie jetzt auch nicht verlassen, wenn Sie nach unten gehen. Dort sind Gäste.“

„Gäste? Gott im Himmel!“

„Beunruhigen Sie sich nicht, Onkelchen, ich werde bei Ihnen sein.“

„Nein, wie dankbar ich dir bin, mein Lieber, du bist geradezu mein Retter! Aber weißt du: ich werde lieber fortfahren.“

„Morgen, Onkelchen, morgen früh um sieben Uhr. Heute aber müssen Sie sich noch von allen verabschieden und sagen, daß Sie morgen fortfahren.“

„Ich werde un–be–dingt fortfahren ... wie gesagt, zum Pater Missaïl ... ^Mais, mon ami^, wenn sie mich nun aber verkup–peln wollen?“

„Fürchten Sie sich nicht, Onkelchen, ich werde bei Ihnen sein. Und schließlich, was man Ihnen auch sagen oder zu verstehen geben sollte, bleiben Sie dabei, daß es Ihnen nur geträumt hat ... wie es sich ja auch tatsächlich verhält ...“

„Nun ja, un–be–dingt geträumt! Nur, weißt du, ^mon ami^, es war doch ein be–zau–bernder Traum! Sie ist wun–der–bar schön und, weißt du, welche Formen ...“

„Nun, auf Wiedersehen, Onkelchen, ich gehe jetzt nach unten und Sie ...“

„Was! Du verläßt mich, du läßt mich allein zurück!“ rief der Fürst erschrocken aus.

„Nein doch, wir müssen nur nach unten gehen und da ist es besser, wenn wir nicht zusammen erscheinen, zuerst ich, dann Sie.“

„Nun gut. Ich muß, wie gesagt, auch noch einen Gedanken niederschreiben!“

„Schön, Onkelchen, schreiben Sie also Ihren Gedanken nieder und kommen Sie dann ohne zu säumen. Morgen früh aber ...“

„Und morgen früh zum Priestermönch, un–be–dingt zum Prie–stermönch! Charmant, charmant! Aber weißt du, ^mon ami^, sie ist wun–derbar schön ... diese Formen ... und wenn ich nun einmal unbedingt heiraten müßte, so würde ich ...“

„Gott bewahre Sie davor, Onkelchen!“

„Nun ja, Gott bewahre mich davor ... Nun, auf Wiedersehen, mein Lieber, ich werde sogleich ... ich muß nur noch etwas niederschreiben. A pro–pos, ich wollte dich immer fragen: hast du Casanovas Memoiren gelesen?“

„Ja, ich habe sie gelesen – was ist denn?“

„Nun ja ... ich habe jetzt nur vergessen, was ich fragen wollte.“

„Sie werden sich dessen später entsinnen, Onkelchen. Auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen, ^mon ami^, auf Wiedersehen! Nur war es doch ein ent–zückender Traum, ein ent–zückender Traum! ...“

XII.

„Wir kommen alle zu Ihnen, alle, alle! Auch Praskowja Iljinitschna wollte kommen, und auch Luisa Karlowna wollte kommen,“ zwitscherte Anna Nikolajewna, in den „Salon“ eintretend. Neugierig blickte sie sich rings um.

Sie war eine hübsche kleine Dame, bunt, doch reich gekleidet und sie wußte es selbst vorzüglich, daß sie hübsch war. Sie war überzeugt, in einer Ecke des Salons den Fürsten mit Sina im Gespräch zu erblicken.

„Und auch Katerina Petrowna und Felissata Michailowna wollten kommen,“ fügte Natalja Dmitrijewna hinzu, eine Dame von kolossalen Dimensionen – sie war es, deren Formen dem Fürsten so sehr gefallen hatten – und die unwillkürlich an einen Grenadier erinnerte.

Sie trug ein auffallend kleines rosa Kapotthütchen, das ganz auf dem Hinterkopf saß. Seit drei Wochen war sie die beste Freundin Anna Nikolajewnas, der sie schon seit langem den Hof gemacht hatte und die sie allem Anschein nach wie einen einzigen Bissen hätte hinunterschlucken können – samt allen Knochen.

„Ich rede schon gar nicht von meinem – ich kann wohl sagen – Entzücken darüber, Sie beide endlich einmal bei mir zu sehen und noch dazu am Abend,“ flötete Marja Alexandrowna, nachdem sie sich vom ersten Schreck erholt hatte. „Aber sagen Sie doch bitte, welches Wunder Sie heute zu mir gerufen hat, während ich doch schon längst jede Hoffnung auf diese Ehre aufgegeben! ...“

„Ach Gott, Marja Alexandrowna, wie Sie wirklich sind!“ sagte Natalja Dmitrijewna süßlich, verschämt, geziert und fast piepend, was einen äußerst interessanten Gegensatz zu ihrer Erscheinung bildete.

„^Mais, ma charmante^ Marja Alexandrowna,“ zwitscherte wieder Anna Nikolajewna dazwischen, „wir müssen doch endlich mit unseren Vorbereitungen zu diesem Theater ins reine kommen! Heute noch sagte Pjotr Michailowitsch zu Kalist Stanislawitsch, es betrübe ihn sehr, daß wir nicht weiter kämen und uns immer nur stritten. Und da versammelten wir uns denn heute alle vier und dachten: fahren wir einfach zu Marja Alexandrowna und besprechen wir uns dort! Natalja Dmitrijewna hat auch die anderen benachrichtigt. Alle werden kommen. Und so können wir uns denn beraten und die Sache kommt dann endlich in Gang ... Dann darf man auch nicht mehr sagen, daß wir uns nur streiten, nicht wahr, ^mon ange^?“ fügte sie kokett hinzu und küßte Marja Alexandrowna. „Ach! sieh da! Sinaïda Afanassjewna! Sie werden aber mit jedem Tag schöner!“

Und Anna Nikolajewna eilte der eintretenden Sina entgegen, um sie zu küssen.

„Sie hat ja auch nichts weiter zu tun, als sich zu verschönen,“ meinte süß Natalja Dmitrijewna und rieb ihre großen Hände.

„Wenn euch doch der Teufel holte! Dieses blödsinnige Theater hatte ich ganz vergessen! Sie scheinen, weiß Gott, klüger geworden zu sein!“ dachte Marja Alexandrowna, innerlich rasend vor Wut.

„Und hinzu kommt noch, mein Engel,“ fuhr Anna Nikolajewna fort, „daß jetzt dieser liebe Fürst bei Ihnen weilt. Sie wissen doch, in Duchanowo gab es ja früher ein Theater. Wir haben uns schon erkundigt und wissen jetzt, daß dort irgendwo noch alte Kulissen, ein Vorhang und sogar Kostüme vorhanden sind. Der Fürst war heute bei mir, aber ich war so überrascht, daß ich ganz vergaß, ihn zu fragen. Jetzt können wir hier das Gespräch aufs Theater bringen. Sie werden uns beistehen und der Fürst wird uns den ganzen Plunder herschicken – das werden Sie sehen! Denn bei wem könnten Sie wohl hier etwas in der Art einer Kulisse bestellen? Und die Hauptsache: wir wollen ja auch den Fürsten für unsere Aufführung gewinnen. Er muß unbedingt zur Kollekte beisteuern, – es ist doch für die Armen! Vielleicht wird er sogar eine Rolle übernehmen, – er ist doch so liebenswürdig und mit allem stets einverstanden. Dann würde alles wundervoll gehen!“

„Gewiß wird er eine Rolle übernehmen. Man kann ihn ja doch jede beliebige Rolle spielen lassen,“ bemerkte Natalja Dmitrijewna zweideutig.

Anna Nikolajewna hatte Marja Alexandrowna nicht betrogen: in jedem Augenblick kamen neue Gäste. Die Hausfrau konnte kaum eine jede der eintreffenden Damen begrüßen und alle die Ausrufe des Entzückens bewältigen, die von dem gesellschaftlichen Anstand oder dem guten Ton in solchen Fällen verlangt werden.

Ich will es nicht versuchen, alle Damen zu beschreiben. Ich sage nur, daß einer jeden ganz besondere Bosheit aus den Augen blitzte. Auf allen Gesichtern konnte man Erwartung und eine geradezu krankhafte Ungeduld lesen. Einige von ihnen waren entschieden mit der Absicht gekommen, Augenzeugen eines unerhörten Skandals zu sein, und sie würden sehr ungehalten gewesen sein, wenn es nicht zu einem solchen gekommen wäre. Äußerlich waren alle ungemein liebenswürdig, doch Marja Alexandrowna hatte sich nichtsdestoweniger auf einen heftigen Ansturm gefaßt gemacht. Fragen nach dem Fürsten regneten von allen Seiten; anscheinend war eine jede dieser Fragen sehr natürlich, aber dennoch enthielt jede eine leise Anspielung, verriet jede einen Hintergedanken. Es wurde Tee gereicht; man setzte sich. Eine Gruppe belagerte den Flügel. Sina wurde gebeten, etwas zu singen, sie aber antwortete trocken, daß sie nicht ganz gesund sei. Ihr bleiches Gesicht ließ die Antwort glaubwürdig erscheinen. Hierauf folgten viele mitleidige Fragen und gleichzeitig wurde auch noch nach anderem gefragt und anderes zu verstehen gegeben. Man erkundigte sich auch nach Mosgljäkoff und wandte sich mit diesen Fragen ausschließlich an Sina. Marja Alexandrowna verzehnfachte sich: sie sah alles, selbst das, was in der fernsten Ecke geschah, sie hörte, was jede Dame sprach, obgleich es ihrer etwa zehn waren, und sie antwortete unverzüglich auf alle Fragen und versteht sich – suchte nicht lange nach Worten. Sie zitterte für Sina und wunderte sich, daß sie noch nicht fortging, wie sie es sonst in ähnlichen Fällen stets zu tun pflegte. Auch Afanassij Matwejewitsch war inzwischen von den Gästen bemerkt worden. Sie pflegten ihn gewöhnlich alle zum besten zu haben, um auf diese Weise Marja Alexandrowna zu verletzen. Jetzt jedoch hofften sie, von dem dummen und aufrichtigen Gatten manches Nähere zu erfahren. Marja Alexandrowna beobachtete besorgt die Belagerung ihres „Tölpels“. Zudem antwortete er auf alle Fragen nur mit einem „Hm!“, tat es aber mit einer so unglücklichen und jämmerlich unnatürlichen Miene, daß sie aus der Haut zu fahren glaubte.

„Marja Alexandrowna! Afanassij Matwejewitsch will mit uns überhaupt nicht mehr sprechen!“ rief ihr ein dreistes, scharfäugiges Dämchen zu, das entschieden nichts fürchtete und sich nie verwirren ließ. „Sagen Sie ihm doch, daß er zu Damen etwas höflicher sein muß.“

„Ich ... wirklich, ich weiß es selbst nicht, was heute mit ihm geschehen ist,“ antwortete Marja Alexandrowna, die ihr Gespräch mit Anna Nikolajewna und Natalja Dmitrijewna unterbrach, heiter lächelnd. „So verschlossen, so wortkarg habe ich ihn noch nie gesehen! Auch mit mir spricht er kaum ein Wort. Weshalb antwortest du denn Felissata Nikolajewna nicht, ^cher Athanase^?“

„Aber ... aber ... Mütterchen, du hast doch selbst ...“ stotterte der verwunderte Gatte. Er stand in diesem Augenblick gerade am brennenden Kamin, hatte die Hände in malerischer Pose – die er sich selbst ersonnen – untergebracht und schickte sich an, Tee zu trinken. Die Fragen der Damen verwirrten ihn dermaßen, daß er wie ein Mädchen errötete. Als er jedoch die ersten Worte zu seiner Verteidigung stotterte, fing er einen so vernichtenden Blick seiner Gattin auf, daß er vor Schreck fast die Besinnung verlor. Da er nicht wußte, was er tun sollte, andererseits aber sein Vergehen gut machen, gefallen und von neuem Achtung erringen wollte, so nahm er vorläufig nur einen Schluck Tee. Der Tee war aber heiß, und da er einen unverhältnismäßig großen Schluck genommen hatte, verbrannte er sich Mund und Kehle, ließ die Tasse fallen, der Tee ging in die Luftröhre, und er begann darauf so heftig zu husten, daß er das Zimmer verlassen mußte, während die Anwesenden in staunender Verständnislosigkeit zurückblieben. Mit einem Wort, der Hausfrau war alles „klar“, sie sagte sich, daß ihre Gäste bereits alles wußten und sich mit den schlimmsten Absichten bei ihr versammelt hatten. Die Situation war gefährlich: sie konnten in ihrer Gegenwart den schwachsinnigen Gatten in ein Gespräch verknüpfen und unangenehme Dinge durch ihn in Erfahrung bringen. Sie konnten ihr sogar den Fürsten streitig machen, konnten ihn ihr noch am selben Abend fortnehmen, d. h. einfach mitlocken. Jedenfalls war alles möglich. Vorläufig hatte ihr aber das Schicksal noch einen anderen Schlag zugedacht: in der Tür erschien Mosgljäkoff, den sie bei Borodujeff glaubte. Sie hätte alles eher als ihn an diesem Abend erwartet. Sie zuckte zusammen, als wäre sie gestochen worden.

Mosgljäkoff blieb in der Tür stehen und erschien beim Anblick der vielen Gäste etwas verwirrt zu werden. Er konnte seine Aufregung nicht bezwingen: man sah sie ihm wenigstens deutlich an.

„Ach, mein Gott! Pawel Alexandrowitsch!“ riefen mehrere Damen aus.

„Ach Gott! Das ist ja doch Pawel Alexandrowitsch! Aber wie, Marja Alexandrowna, Sie sagten doch, er sei zu Borodujeff gegangen? Uns wurde gesagt, daß Sie sich bei Borodujeff verborgen hätten, Pawel Alexandrowitsch!“ flötete Natalja Dmitrijewna.

„Verborgen?“ wiederholte Mosgljäkoff mit einem etwas verzerrten Lächeln. „Ein sonderbarer Ausdruck! Verzeihen Sie, Natalja Dmitrijewna, ich verberge mich vor keinem Menschen und wünsche auch keinen anderen zu verbergen,“ fügte er mit vielsagendem Blick auf Marja Alexandrowna hinzu.

Marja Alexandrowna erzitterte.

„Was, sollte auch dieser Esel sich auflehnen wollen?“ fragte sie sich und sah ihn prüfend von der Seite an. „Das wäre das Schlimmste ...“