Sämtliche Werke 17

Part 24

Chapter 241,103 wordsPublic domain

Vor nicht langer Zeit traf in der Hauptstadt ein Ausländer ein, der ein lebendiges Krokodil mit sich führte, das jetzt in der Passage ausgestellt ist. Wir beeilten uns sogleich, den ausländischen Vertreter dieses neuen, nützlichen und belehrenden Gewerbezweiges, der unserem großen Vaterlande zugute kommt, hier in der Hauptstadt willkommen zu heißen. Da erschien plötzlich, eines Nachmittags gegen fünf Uhr, wie uns gestern gemeldet wurde, ein außergewöhnlich dicker Herr in nicht ganz nüchternem Zustande (gelinde ausgedrückt!), zahlte den Eintrittspreis, und kaum war das geschehen, so ging er zum Behälter und kroch dem Riesentier ganz einfach in den Rachen, ohne jemandem vorher etwas gesagt zu haben. Das Krokodil war durch seinen natürlichen Selbsterhaltungstrieb gezwungen, den Menschen zu verschlingen, da es doch wohl nicht ersticken wollte. Doch der verschlungene Unbekannte richtet sich im Magen des Ungeheuers sogleich häuslich ein. Weder die Bitten des verzweifelten Besitzers, noch das Geschrei seiner zahlreichen, unglücklichen Familie vermögen jetzt auf den Unbekannten Eindruck zu machen. Selbst der Ruf, man werde die Polizei holen, bleibt erfolglos. Aus dem Innern des Krokodils hört man nur Gelächter und die Drohung, die Bestie aufzuschneiden. (^Sic!^) Währenddem vergießt das arme Tier, das gezwungen war, eine solche Masse zu verschlingen, ganz vergeblich seine Tränen. „Ein ungebetener Gast,“ sagt ein altes russisches Sprichwort, „ist schlimmer als ein Tatar,“ und alle Tränen des Krokodils können an der Lage nichts ändern: der freche Mensch will seinen Aufenthaltsort nicht wieder verlassen. Wir wissen nicht, wie wir eine so barbarische Handlungsweise erklären sollen, was uns um so peinlicher ist, als sie, wie gesagt, unsere Unreife bezeugt und uns in den Augen aller Ausländer herabzieht. Damit haben wir wieder ein glänzendes Beispiel der Zügellosigkeit der russischen Natur. Jetzt fragt es sich nur: was wollte der ungebetene Gast damit erreichen? Etwa einen warmen und luxuriösen Aufenthaltsraum suchen? Aber es gibt doch unzählige schöne Häuser in der Stadt, die vorzüglich eingerichtet sind: sie haben billige und sehr bequeme Wohnungen, eine Wasserleitung, die die Mieter mit Newawasser versorgt, eine mit Gas erleuchtete Treppe, und nicht selten hält der Hausbesitzer auch noch einen Portier. Doch lenken wir bei der Gelegenheit die Aufmerksamkeit unserer Leser auch noch auf die rohe Behandlung des importierten Tieres. Natürlich wird es dem Krokodil schwer fallen, ein so großes Quantum zu verdauen; und so liegt es denn jetzt dort unbeweglich in seinem Behälter, hoch aufgeblasen von der übergroßen verschlungenen Portion, und erwartet unter unerträglichen Qualen den Tod. In Europa wird jede einem Tiere angetane Qual gesetzlich bestraft. Doch ungeachtet unserer ausländischen Erleuchtung, unserer neuen Trottoirs und neuen Häuser, sind _wir_ noch immer in Unwissenheit und Roheit befangen.

‚Die Häuser sind zwar neu, doch unsere Vorurteile alt‘, um Gribojedoff zu zitieren. Leider entspricht nicht einmal dieses vollkommen der Wahrheit, denn auch die Häuser sind alt, wenn auch die Treppen neu sind. Jedenfalls erwähnen wir es in unserem Blatte nicht zum ersten Mal, daß im Hause des Kaufmanns Lukjanoff auf der Petersburger Seite die Treppenstufen, die aus der Küche in die Wohnung führen, schon seit langer Zeit verfault sind, und können heute nur hinzufügen, daß sie jetzt endlich eingefallen sind und daß die Soldatenfrau Afimja Skapidarowa, die die Bedienung übernommen hatte und stets Gefahr lief, von der Treppe zu fallen – namentlich wenn sie Wasser oder Holz hineintrug – gestern abend gegen halb neun Uhr tatsächlich mit der Suppenterrine gefallen ist und sich ein Bein gebrochen hat. Leider wissen wir noch nicht, ob Herr Lukjanoff jetzt endlich eine neue Treppe bauen lassen wird. Der Verstand eines Russen ist schwerfällig, doch können wir mitteilen, daß das Opfer dieser Schwerfälligkeit bereits ins Hospital gebracht worden ist. Desgleichen ermüden wir nicht, darauf aufmerksam zu machen, daß die Hausknechte, die auf der Wyburger Seite von den hölzernen Trottoirs den Schmutz fegen, den Vorübergehenden deshalb nicht die Stiefel zu beschmutzen brauchen, zumal es nur geringe Mühe kosten würde, den Schmutz, wie man es im Auslande tut, zu Haufen zusammenzufegen,“ usw. usw. ...

„Was bedeutet das?“ fragte ich, verständnislos Prochor Ssawitsch anblickend. „Was soll das alles?“

„Was?“

„Aber ich bitte Sie, anstatt unseren Iwan Matwejewitsch zu bedauern, bemitleiden sie hier das Krokodil!“

„Ja, was denn? Damit haben sie doch sogar ein Tier, ein unvernünftiges Tier bemitleidet. Inwiefern stehen sie jetzt noch Europa nach? Dort tut man es doch ebenfalls. Hi-hi-hi!“ kicherte der alte Sonderling, wandte sich jedoch sogleich wieder seinen Schriften zu und sprach kein Wort weiter.

Ich nahm die beiden Zeitungen, schob sie in die Tasche und versorgte mich außerdem noch mit mehreren alten Nummern der „Nachrichten“ und des „Woloß“. An diesem Tage verließ ich die Kanzlei früher als sonst. Zwar war bis zum Abend noch viel Zeit, doch wollte ich früher in die Passage gehen, um wenigstens von weitem zu sehen, was dort vorging, um Meinungsäußerungen des Publikums aufzufangen und die Menschen kennen zu lernen. Ich sagte mir, daß ich dort unfehlbar in ein großes Gedränge geraten würde und schlug deshalb auf alle Fälle den Mantelkragen hoch, denn aus irgend einem Grunde schämte ich mich, gesehen zu werden – so wenig haben wir uns an die „Öffentlichkeit“ gewöhnt! Doch ich fühle, daß ich kein Recht habe, im Hinblick auf dieses außergewöhnliche Ereignis, meine eigenen prosaischen Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Fußnoten

[1] Bekannter Musiker und Dirigent. E. K. R.

[2] In Rußland tragen die Lehrer der öffentlichen Schulen Uniform. E. K. R.

Anmerkungen zur Transkription

Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. Zweite Abteilung: Siebzehnter Band R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1918.

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Bandes verschoben. Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert.

Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen und Begriffe wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

Ssamowar (Samowar)

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen, zum Teil unter Verwendung späterer Ausgaben, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 38]: ... Lebemannsleben fleißig geübt hat. Übrigens, ... ... Lebemannslebens fleißig geübt hat. Übrigens, ...

[S. 53]: ... Zimmer eintretend! „Es ist er–staunlich, cher ami, ... ... Zimmer eintretend. „Es ist er–staunlich, cher ami, ...

[S. 87]: ... dann nur ein einziges Mal Leben ... aber ... ... dann nur ein einziges Mal im Leben ... aber ...