Part 24
Sofort beeilten sich alle, den vernünftigen Rat zu befolgen. Alles lief kreuz und quer. Zuerst mußte das Licht angezündet werden. Herr Bachtschejeff zog einen Stuhl herbei, stellte ihn vor das Heiligenbild und kletterte höchst eigen hinauf, um das Licht einzusetzen. Der Stuhl jedoch war nicht für eine solche Last gedacht: er krachte in allen Fugen, und Herr Bachtschejeff rettete nur mit Mühe und Not sein Gleichgewicht. Doch ohne sich im geringsten über seinen Mißerfolg zu ärgern, trat er den Platz sofort höflich der Perepelizyna ab. Die dünne Jungfer erledigte die Sache denn auch im Augenblick: das Licht brannte. Und wie die Perepelizyna, so bekreuzte sich und verneigte sich das ganze Gefolge bis zur Erde. Hierauf wurde das Heiligenbild der Generalin gereicht. Der Oberst und Nastenjka knieten nochmals vor ihr nieder, und die Zeremonie vollzog sich unter gottesfürchtigen Vorhaltungen der Perepelizyna, die zu jedem ihrer Worte Unterweisungen hinzufügte: „Knien Sie jetzt nieder, küssen Sie jetzt das Heiligenbild, küssen Sie der Mutter die Hand!“ Nach den Verlobten hielt es auch Herr Bachtschejeff für seine Pflicht, das Heiligenbild zu küssen, worauf er die Hand der Generalin an die Lippen führte. Er befand sich mit einem Male in unbeschreiblicher Begeisterung.
„Hurra!“ schrie er immer von neuem. „Aber jetzt Champagner!“
Übrigens waren alle begeistert. Die Generalin weinte, doch waren es diesmal Tränen der Freude: die Verbindung, die Foma gesegnet hatte, wurde in ihren Augen ohne weiteres sowohl heilig wie auch möglich, und vor allen Dingen fühlte sie, daß Foma Fomitsch sich ausgezeichnet hatte und jetzt ganz sicher wieder bei ihr bleiben werde. Auch ihr Gefolge teilte – wenigstens äußerlich – die allgemeine Begeisterung. Mein Onkel ging bald zu seiner Mutter, um ihre Hände zu küssen; bald umarmte er mich, Bachtschejeff, Misintschikoff und Jeshowikin. Seinen Iljuscha hätte er um ein Haar erdrückt in seinen Armen. Ssaschenjka hing sich an Nastenjka und küßte sie unaufhörlich. Praskowja Iljinitschna weinte still. Als Herr Bachtschejeff das bemerkte, ging er zu ihr hin und küßte ihr die Hand. Der alte Jeshowikin wischte sich, in die entfernteste Ecke zurückgezogen, mit einem Zipfel seines karierten Schnupftuches gleichfalls Tränen aus den Augen. In der anderen Ecke schluchzte Gawrila und sah andächtig zu Foma Fomitsch auf. Falalei aber brüllte herzbrechend vor lauter Rührung, trat zu jedem Anwesenden und küßte ihm die Hand. Alle flossen über vor lauter Gefühl. Niemand vermochte zu sprechen. Niemand dachte an Erklärungen. Es schien alles schon gesagt zu sein. Nur freudige Ausrufe wurden laut. Im Grunde begriff zwar noch keiner so recht, was und wie es eigentlich geschehen war. Man wußte nur das eine: daß Foma Fomitsch alles getan und geordnet hatte, und daß eine unwiderrufliche Tatsache vor einem stand.
Noch waren keine fünf Minuten des allgemeinen Glücks vergangen, als plötzlich auch Tatjana Iwanowna erschien. Durch wen, durch welchen Spürsinn mochte sie oben in ihrem Zimmer Kunde von der Verlobung erhalten haben? Mit strahlendem Gesicht, mit Freudentränen in den Augen und in bezaubernd eleganter Toilette – sie hatte inzwischen doch Zeit und Lust dazu gehabt, sich umzukleiden – erschien sie in der Tür und flatterte wie eine Schwalbe zu Nastenjka, die sie krampfhaft in ihre Arme schloß.
„Nastenjka, Nastenjka! Du hast ihn geliebt, ich aber habe es nicht einmal gewußt!“ rief sie aus. „O Gott! Sie haben sich geliebt, sie haben heimlich gelitten, ohne daß jemand es gewußt hätte! Man hat sie verfolgt! Welch ein Roman! Nastjä, mein Täubchen, sag mir die ganze Wahrheit: liebst du denn wirklich diesen – Toren?“
Statt einer Antwort umarmte Nastjä sie und küßte sie auf den Mund.
„O Gott, welch ein entzückender Roman!“ Tatjana Iwanowna klatschte in die Hände vor Freude. Hör, Nastjä, hör, mein Engel: alle diese Männer, alle bis auf den letzten sind sie undankbare Unmenschen, Ungeheuer und unserer Liebe nicht wert. Er aber ist vielleicht noch der beste von ihnen. „Komm her zu mir, du Tor!“ rief sie plötzlich meinem Onkel zu, sich an ihn wendend, und sie erfaßte seine Hand, um ihn zu sich zu ziehen. „Bist du wirklich verliebt? Bist du wirklich fähig zu lieben? Sieh mich an: ich will dir in die Augen sehen, ich will sehen, ob diese Augen lügen ... Nein, nein, sie lügen nicht – in ihnen leuchtet wahre Liebe. Oh, wie glücklich ich bin! Nastenjka, meine Freundin, hör mich an: du bist nicht reich – ich schenke dir dreißig Tausend. Nimm sie, um Christi willen! – ich bitte dich! Ich brauche sie nicht, ich habe sie nicht nötig! Es bleibt mir ja noch genug! Nein, nein, nein!“ wehrte sie heftig, als sie sah, daß Nastjä das Geschenk nicht annehmen wollte. „Schweigen Sie, Jegor Iljitsch, das geht Sie nichts an. Nein, Nastjä, ich habe es so beschlossen – sie dir zu schenken. Ich wollte dir immer schon ein Geschenk machen, aber ich wartete auf deine erste Liebe ... Und nun werde ich euer Glück sehen und mich mitfreuen. Du wirst mich kränken, wenn du es nicht annimmst, ich werde weinen, Nastjä ... Nein, nein, nein und nein, du darfst mir die Bitte nicht abschlagen!“
Tatjana Iwanowna war so glücklich, daß man ihr – wenigstens in diesem Augenblick – unmöglich ihre Bitte und ihr Geschenk abschlagen konnte: sie hätte einem zu leid getan. So tat man es denn auch vorläufig nicht ... man schob es auf. Darauf fiel sie der alten Generalin um den Hals, küßte sie, küßte die Perepelizyna – küßte alle. Bachtschejeff drängte sich in der höflichsten Weise zu ihr durch und bat sie, ihr die Hand küssen zu dürfen.
„Du mein Mütterchen, mein Täubchen! Verzeih mir altem Dummkopf, was auf der Rückfahrt geschah – ich kannte doch dein goldenes Herz noch nicht!“
„Ach, Sie Tor! Ich aber kenne Sie schon lange!“ sagte Tatjana Iwanowna mit schelmischer Koketterie, schlug Stepan Alexejewitsch mit dem Batisttüchelchen auf die Nase und flatterte wie eine Nixe davon, während ihr prächtiges Kleid ihn streifte.
Der Dicke trat ehrerbietig zurück.
„Ein vortreffliches Mädchen!“ sagte er gerührt. „Aber dem Deutschen ist ja die Nase wieder angeklebt worden!“ flüsterte er mir vertrauensvoll zu und sah mir froh in die Augen.
„Was für eine Nase? Welch einem Deutschen?“ fragte ich verständnislos.
„Na, dem verschriebenen doch, der seiner Dame das Händchen küßt, während diese sich eine Träne mit dem Schnupftuch aus dem Auge wischt. Mein Jewdokim hat sie ihm noch gestern zu Haus angeleimt. Als wir aber vorhin von der Jagd zurückkamen, schickte ich einen reitenden Boten ... Bald wird er hier sein. Ein großartiges Ding, sag’ ich Ihnen!“
„Foma!“ rief mein Onkel in fassungsloser Begeisterung aus, „du bist der Urheber meines Glücks! Womit kann ich es dir vergelten?“
„Mit nichts, Oberst,“ sagte Foma mit einer Asketenmiene. „_Fahren Sie fort, mir keine Beachtung zu schenken_, und seien Sie glücklich ohne Foma.“
Er fühlte sich offenbar verletzt – während des großen Gefühlsüberschwanges schien man ihn, und wenn auch nur einen Augenblick, beinahe vergessen zu haben.
„Das war ja nur die übergroße Seligkeit, Foma!“ rief mein Onkel aus. „Ich ... weiß kaum noch, wo ich bin, Freund! Höre, Foma: ich habe dich beleidigt. Mein ganzes Leben, all mein Blut würde nicht ausreichen, um diese Beleidigung wieder gutzumachen, und deshalb schweige ich lieber und versuche gar nicht, meine Tat zu entschuldigen. Wenn du aber jemals meines Kopfes, meines Lebens bedarfst, wenn jemand sich für dich in einen Abgrund stürzen muß, so befiehl nur, und du wirst sehen ... Ich sage nichts weiter, Foma!“
Und mein Onkel machte nur eine Handbewegung, da er die Unmöglichkeiten, in Worten noch etwas hinzuzufügen, das seinen Gedanken stärker ausdrücken könnte, vollkommen einsah. Dann blickte er Foma mit dankbaren, feucht schimmernden Augen an.
„Jetzt sieht man erst, was für ein Engel er ist!“ flötete honigsüß die Perepelizyna – bereit, Foma anzubeten.
„Ja, ja!“ stimmte ihr Ssaschenjka bei. „Ich wußte gar nicht, daß Sie ein so guter Mensch sind, Foma Fomitsch – und ich war so ungezogen zu Ihnen. Verzeihen Sie mir, Foma Fomitsch, und glauben Sie mir, daß ich Sie von ganzem Herzen lieben werde. Wenn Sie wüßten, wie ich Sie jetzt achte!“
„Foma!“ sagte Herr Bachtschejeff, „verzeih auch mir. Ich war dumm. Ich kannte dich nicht, ich kannte dich wahrhaftig nicht! Du, Foma Fomitsch, du bist nicht nur ein Gelehrter, sondern einfach – ein Held! Mein ganzes Haus steht dir zur Verfügung. Komm nur. Am besten aber, weißt du, komm gleich übermorgen zu mir; aber selbstverständlich lade ich auch die Braut und den Bräutigam ein ... Jawohl! – das ganze Haus zu mir! Dann wollen wir mal speisen – ich will nichts vorher loben, nur eines schicke ich voraus: bloß Vogelmilch kann ich euch nicht vorsetzen! Darauf gebe ich mein Wort!“
Währenddessen war Nastenjka zu Foma Fomitsch getreten und hatte ihn, ohne viel zu reden, umarmt und herzlich geküßt.
„Foma Fomitsch,“ sagte sie, „Sie sind unser Wohltäter, Sie haben so viel für uns getan, daß ich nicht weiß, wie ich es Ihnen entgelten soll ... Ich weiß nur, daß ich Ihnen die liebevollste und ehrerbietigste Schwester sein will ...“
Tränen erstickten ihre Stimme. Foma küßte sie auf die Stirn und war sehr gerührt.
„Meine Kinder, Kinder meines Herzens!“ sagte er. „Lebt, blüht, und in den Stunden des Glücks gedenkt bisweilen auch des armen Ausgestoßenen! Von mir aber sage ich, daß Unglück vielleicht die Mutter der Tugend ist. Das hat, glaube ich, Gogol gesagt, ein sonst leichtfertiger Schriftsteller, der aber mitunter gute Gedanken hat. Ausgestoßen werden – ist Unglück! Als unsteter Wanderer werde ich jetzt mit meinem Wanderstabe des Weges ziehen und – wer weiß? – durch mein Unglück vielleicht immer noch tugendreicher werden! Dieser Gedanke ist der einzige mir noch verbliebene Trost!“
„Aber ... wohin willst du denn gehen, Foma?“ fragte mein Onkel erschrocken.
Alle zuckten zusammen und richteten ihre Blicke auf Foma.
„Kann ich denn nach der mir zugefügten Kränkung noch in diesem Hause bleiben, Oberst?“ fragte Foma mit ungeheurer Würde.
Man ließ ihn nicht weitersprechen: ein wahrer Tumult erhob sich und verschlang jedes gesprochene Wort. Er wurde wieder in seinen Sessel gesetzt, wurde angefleht und beweint, und ich weiß nicht, was noch alles mit ihm getan wurde. Natürlich hatte er diesmal ebensowenig die Absicht, „dieses Haus“ zu verlassen, wie vor seinem Flug durch die Glastür oder wie am Abend vorher oder wie damals, als er im Gemüsegarten alle Rüben umgrub. Er wußte genau, daß man sich jetzt erst recht an ihn klammern werde, – gerade jetzt, nachdem er alle glücklich gemacht hatte, alle von neuem an ihn glaubten und bereit waren, ihn auf den Händen zu tragen und sich das noch zur Ehre anzurechnen. Wahrscheinlich war es seine feige Rückkehr – die sehr aus eigenem Antriebe geschehen war, als das Gewitter ihn erschreckt hatte – die nun seinen Ehrgeiz anstachelte und ihn trieb, den Helden zu spielen. In der Hauptsache aber war es natürlich die Versuchung, einen erhabenen Menschen darzustellen, – die war denn doch zu groß! Man konnte so schön reden, das eigene Unglück ausmalen, sich selbst erheben und loben – wie sollte man da der Versuchung widerstehen? Und so widerstand er ihr denn auch nicht: er wollte sich aus den Armen der ihn Zurückhaltenden reißen, verlangte einen Wanderstab, bat sogar, ihm seine Freiheit wiederzugeben, ihn seines Weges ziehen zu lassen: in „diesem Hause“ sei er entehrt und geschlagen worden, er sei nur aus dem Grunde zurückgekehrt, um erst noch das Glück der Zurückgebliebenen zu schaffen – wie könne er „im Hause der Undankbarkeit“ bleiben? Wie könne er „am selben Tische mit ihnen Kohl – wenn auch fettgekochten – zu essen fortfahren“? Kohl, der „mit Schlägen gewürzt“ war? Endlich ließ er sich besänftigen. Er wurde wieder in seinen Ruhestuhl gesetzt – doch seine Beredsamkeit hatte, wie sich zeigte, auch jetzt noch nicht ihr Ende erreicht.
„Hat man mich denn hier nicht beleidigt?“ rief er aus. „Hat man mir hier nicht die Zunge gezeigt? Haben denn nicht Sie, Sie selbst, Oberst, wie die ungezogenen Kinder in den Vorstadtstraßen mir täglich, stündlich die Faust gezeigt? Ja, Oberst! Ich bestehe auf diesem Vergleich, weil Sie mir diese Faust, wenn auch nicht physisch, so doch moralisch gezeigt haben. Eine moralische Faust ist aber in manchen Fällen sogar kränkender als eine physische. Von den Schlägen ganz zu schweigen ...“
„Foma! ... Foma!“ unterbrach ihn mein Onkel. „Martere mich nicht mit dieser Erinnerung! Ich habe dir gesagt, daß all mein Blut nicht genügen würde, um die Tat vergessen zu machen. Sei doch großmütig! Vergiß, vergib, bleibe hier und freue dich an unserem Glück! Es ist dein Werk, Foma ...“
„... Ich will lieben, ich will den Menschen lieben,“ redete Foma unaufhaltsam weiter; „man gibt ihn mir aber nicht, man verbietet mir, ihn zu lieben, man nimmt ihn mir fort, den Menschen! Gebt mir, gebt mir den Menschen, damit ich ihn lieben kann! Wo ist dieser Mensch? Wo hat er sich versteckt dieser Mensch? Wie Diogenes suche ich ihn mit der Laterne, suche ihn mein ganzes Leben lang und kann ihn nicht finden ... und kann doch keinen anderen lieben, bevor ich nicht diesen Menschen gefunden habe. Wehe dem, der mich zum Menschenhasser gemacht hat! Da rufe ich nun: Gebt mir den Menschen, auf daß ich ihn lieben kann, und man schiebt mir Falalei zu! Werde ich denn einen Falalei jemals lieben können? Will ich denn Falalei lieben? Kann ich denn Falalei überhaupt lieben, selbst wenn ich es _wollte_? Nein!! Und warum nicht? Weil er Falalei ist. Warum liebe ich nicht die ganze Menschheit? Weil alles, was es auf der Welt gibt – Falalei ist oder Falalei ähnlich ist. Ich will keinen Falalei, ich hasse Falalei, ich speie auf Falalei, ich werde Falalei erwürgen, und wenn ich wählen soll, so werde ich eher Asmodei lieben als Falalei! Komm, komm her, du mein ewiger Peiniger, komm her!“ rief er plötzlich dem armen Falalei zu, der sich mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt hinter der Foma umgebenden Schar auf die Fußspitzen erhob und mit langgerecktem Hals über die Schultern der anderen lauerte. „Komm her! Ich werde Ihnen beweisen, Oberst,“ eiferte Foma und zog den vor Schreck fast bewußtlosen Falalei an der Hand zu sich heran, „ich werde Ihnen die Wahrheit meiner Worte über den ewigen Spott und die Beleidigungen beweisen! Sprich, Falalei, und sage die Wahrheit: wovon hat dir heute nacht geträumt? Sie werden sehen, Oberst, Sie werden Ihre Früchte sehen! Nun, Falalei, sprich!“
Der arme Knabe blickte sich zitternd vor Angst im Kreise um und suchte einen Retter in einem von uns, doch alle zitterten nur gleich ihm und harrten mit Bangen der Antwort.
„Sprich, Falalei, ich warte!“
Statt einer Antwort zog Falalei das Gesicht kraus, sperrte langsam den Mund auf und brüllte dann los wie ein junges Kalb.
„Oberst! Sehen Sie diesen Eigensinn? Halten Sie ihn wirklich für natürlich? Zum letztenmal wende ich mich an dich, Falalei, – antworte: wovon hat dir heute nacht geträumt?“
„Von ...“
„Sag von mir!“ raunte ihm Bachtschejeff ins eine Ohr.
„Von Euren Tugenden!“ raunte ihm Jeshowikin ins andere Ohr.
Falalei sah sich bloß um.
„Von ... von einer Ku– ... von einer weißen K ... u ... h“ brüllte er schließlich, und ein Strom von Tränen ergoß sich über seine roten Backen.
Alles stöhnte auf.
Foma Fomitsch jedoch war diesmal von ganz ungewöhnlicher Großmut.
„Wenigstens sehe ich deine Aufrichtigkeit, Falalei,“ sagte er, „eine Aufrichtigkeit, die ich bei den anderen nicht wahrzunehmen vermag. Gott mit dir! Wenn du mich absichtlich mit diesem Traum verspottest, auf Grund der Einflüsterung anderer, so wird Gott sowohl dich wie diese anderen dafür heimsuchen. Wenn du mich jedoch nicht verspotten willst, dann achte ich wenigstens deine Aufrichtigkeit; denn selbst in der niedrigsten aller Kreaturen, selbst in dir bin ich Gottes Ebenbild zu sehen gewohnt ... Ich verzeihe dir, Falalei! Meine Kinder, umarmt mich! Ich bleibe! ...“
„Er bleibt!“ rief alles begeistert aus.
„Ich bleibe und verzeihe! Oberst, belohnen Sie Falalei mit Zucker. Mag auch er an einem solchen Freudentage nicht traurig sein!“
Eine solche Großmut erschien geradezu wunderbar! _So_ sich zu sorgen und das noch dazu in einer _solchen_ Stunde, und um wen? – um Falalei!
Mein Onkel beeilte sich, dem Befehl sofort nachzukommen. Und schon erschien eine Zuckerdose in Praskowja Iljinitschnas Händen. Mein Onkel nahm zuerst zwei Stücke, dann drei, ließ sie in der Aufregung fallen, und da er schließlich einsah, daß er mit seinen zitternden Händen nichts machen konnte, so nahm er einfach die Dose und schüttete den ganzen Inhalt Falalei in die Bluse.
„Ach! Zur Feier eines solchen Tages! Halt fest, Falalei ... Das ist für deine Aufrichtigkeit,“ fügte er noch als „Moral“ hinzu.
Da erschien plötzlich Widopljässoff in der Tür und meldete: „Herr Korowkin!“
Alle waren überrascht. Der Besuch Korowkins kam gerade in diesem Augenblick äußerst ungelegen. Alle sahen fragend meinen Onkel an.
„Korowkin!“ rief er etwas bestürzt aus. „Natürlich, es freut mich ...“ fügte er mit scheuem Blick auf Foma hinzu; „nur weiß ich nicht, soll ich ihn jetzt, in diesem Augenblick herbitten lassen ...? Was meinst du, Foma?“
„Oh, nichts!“ sagte Foma gnädig, „fordern Sie den Korowkin nur auf, einzutreten, mag er an dem allgemeinen Glück teilnehmen.“
Kurz, Foma Fomitsch war die Güte selbst.
„Wage untertänigst zu melden,“ bemerkte Widopljässoff, „daß Herr Korowkin sich nicht in Ihrem gewöhnlichen Zustande zu befinden geruhen.“
„Was? Was faselst du da?“ fuhr mein Onkel erschrocken auf.
„Zu Befehl: der Herr befinden sich nicht in nüchternem Zustande ...“
Doch noch bevor mein Onkel den Mund auftun, erröten, erschrecken und sich besinnen konnte, fand das Rätsel schon seine Lösung: in der Tür erschien Herr Korowkin in höchsteigener Person, schob den Diener mit der Hand zur Seite und trat vor das verwunderte Publikum.
Es war ein mittelgroßer, dicker Herr von vierzig Jahren, mit dunklem, über den Kamm geschnittenem, grau untermischtem Haar, mit kleinen, geröteten Augen, einem roten, runden Gesicht, einer billigen Krawatte, die hinten mit einer Gummistrippe schloß, und in einem ungewöhnlich abgetragenen Frack, mit dem er im Heu und auf der Erde gelegen zu haben schien, und der unter den Armen bereits Risse hatte. Dazu denke man sich ein unmögliches Beinkleid und eine Mütze, die bis zur Unglaublichkeit fettig glänzte, und die er noch obendrein wie einen ^Chapeau claque^ mit gebogenem Arm weit von sich hielt. Dieser Herr nun war tatsächlich vollkommen betrunken. Er trat bis in die Mitte des Zimmers vor, blieb dann stehen und schwankte, die Nase gesenkt, wie in tiefem Nachdenken. Schließlich weiteten sich langsam seine Mundwinkel, und er lächelte übers ganze Gesicht.
„Verzeihen Sie, meine Verehrtesten,“ sagte er, „ich ... habe ... etwas (er knipste sich an den Kragen) hier hinabgegossen!“
Die Generalin setzte sofort die Miene beleidigter Würde auf. Foma, der in seinem Ruhestuhl lehnte, maß den exzentrischen Gast mit ironischem Blick. Bachtschejeff sah ihn verständnislos an, doch blickte durch diese Verständnislosigkeit ein gewisses Mitgefühl. Die Verwirrung meines Onkels war unbeschreiblich: er litt mit ganzer Seele für Korowkin.
„Korowkin!“ begann er zwar, „hören Sie! ...“
„^Attendez^ gefälligst!“ unterbrach ihn Korowkin. „Habe die Ehre, mich vorzustellen: ein Kind der Natur ... Aber was sehe ich? Hier sind ja Damen ... Aber warum hast du mir nicht gesagt, du Schuft, daß du hier Damen hast?“ fragte er, sich mit verschlagenem Lächeln an meinen Onkel wendend. „Tut nichts! Habe keine Angst! ... Stellen wir uns also auch dem schönen Geschlechte vor ... Vereh...ehrungswürdige Damen!“ begann er, während er nur mit Mühe die Zunge bewegte und bei jeder Silbe stecken blieb, „Sie sehen einen Unglücklichen vor sich, der ... nun ja, und dann so weiter ... Das übrige wird nicht ausgesprochen ... Musikkapelle! Eine Polka!“
„Wäre es Ihnen nicht recht, zunächst ein wenig zu schlafen?“ fragte Misintschikoff, der ruhig zu ihm trat.
„Schlafen? Fragen Sie das in beleidigendem Sinne?“
„Durchaus nicht. Wissen Sie, es ist manchmal gut nach der Reise ...“
„Niemals!“ antwortete Korowkin voll Unwillen. „Du glaubst, ich sei betrunken? – nicht im geringsten! ... Aber übrigens, wo schläft man denn hier bei euch?“
„Gehen wir, ich werde Sie hinführen.“
„Wohin? In den Schuppen? Nein, Freund, mich betrügst du nicht! Dort habe ich schon übernachtet ... Aber übrigens, führ mich mal zu ... Warum soll man nicht gehen – mit einem guten Menschen? ... Ein Kissen ist nicht nötig ... ein Soldat braucht kein Kissen. Du könntest mir aber, Freund, einen Diwan, einen Diwan, weißt du, einen Diwan zusammenstellen ... Aber hör (er blieb stehen), du bist, wie ich sehe, ein witziger Bruder ... Komponier mir mal so etwas ... verstehst du? Etwas, um eine Fliege hinabzuspülen ... einzig, um eine Fliege hinabzuspülen, ein ... das heißt, ein Gläschen!“
„Schön, schön!“ sagte Misintschikoff.
„Schön ... Aber du, wart doch, man muß sich erst verabschieden ... Also: Adieu, ^mesdames^ und ^mesdemoiselles^! ... Sie haben mich, wie man sagt, durchbohrt ... Aber was! Werden uns später aussprechen ... nur wecken Sie mich, wenn es anfängt ... oder sogar fünf Minuten vor dem Beginn ... ohne mich aber bitte – nicht zu beginnen! Hören Sie? Nicht zu beginnen!“
Und der lustige Herr verschwand hinter Misintschikoff.
Alles schwieg. Niemand begriff, was geschehen war. Da begann plötzlich Foma leise, zunächst kaum hörbar zu kichern. Dann wurde dieses Kichern immer lauter, bis es schließlich in helles Lachen überging. Als die Generalin das sah, wurde sie sanftmütiger, wenn auch der Ausdruck gekränkter Würde immer noch in ihrem Gesicht verblieb. Allmählich erhob sich auf allen Seiten unwillkürlich Lachen und Fröhlichkeit. Mein Onkel stand wie betäubt auf einem Fleck, errötete fast bis zu Tränen und war eine Zeitlang zu keinem Wort fähig.
„Großer Gott!“ stieß er endlich hervor, „wer hätte das ahnen können! Aber ... aber das kann ja doch einem jeden passieren, Foma, glaube mir, er ist der ehrlichste, der edelste Mensch und außerordentlich belesen, Foma ... du wirst es selbst sehen! ...“
„Sehe schon, sehe schon,“ antwortete Foma, atemlos vor Lachen, „ungewöhnlich belesen ... belesen!“
„Und wie er spricht!“ bemerkte Jeshowikin halblaut.
„Foma! ...“ rief mein Onkel aus, doch das allgemeine Lachen verschlang seine Worte. Foma Fomitsch wälzte sich geradezu. Als mein Onkel diese Heiterkeit sah, stimmte auch er ein.
„Weiß Gott, ihr habt recht!“ sagte er lachend. „Du bist großmütig, Foma, du hast ein gutes Herz: du hast mich glücklich gemacht ... du wirst auch Korowkin verzeihen!“
Nur Nastenjka lachte nicht. Sie sah nur mit liebeleuchtenden Blicken zu ihrem Verlobten auf, als hätte sie ihm sagen wollen:
„Wie lieb du bist, wie gut, und wie lieb ich dich habe!“
XVIII.
Schluß.