Part 23
„Sie geruhten sich die Seite zu beschädigen und hierauf begannen sie zu weinen. Da schirrte ich das Pferd aus und kam reitend her, um zu melden ...“
„Und Foma blieb dort liegen?“
„Sie erhoben sich und gingen mit dem Stöckchen weiter,“ schloß Gawrila, seufzte hierauf und senkte den Kopf.
Das Weinen und Schluchzen der Damen war unbeschreiblich.
„Sofort den Polkan!“ befahl der Oberst und stürzte aus dem Zimmer. Das Pferd wurde im Augenblick vorgeführt. Mein Onkel schwang sich, wie es nur ein Husar fertigbringt, auf das ungesattelte Pferd und sprengte davon – ohne Mütze, so wie er war. Der verhallende Hufschlag zeigte uns die Richtung an, in der er ritt.
Die Damen eilten zu den Fenstern. Zwischen Gestöhn und Wehklagen wurden weise Ratschläge erteilt. Es wurde von den Vorzügen eines heißen Bades gesprochen und von denen einer Einreibung mit Spiritus. Ferner sprach man von mildem Brusttee und davon, daß Foma seit dem frühen Morgen noch keinen Bissen zu sich genommen habe und folglich noch nüchtern sei. Die Perepelizyna fand seine vergessene Brille im Futteral, und dieser Fund machte einen ungewöhnlichen Eindruck: die Generalin stieß einen Schrei aus, entriß der Finderin das Andenken, um dann nach neuen Tränenströmen und ohne das Ding aus der Hand zu legen, wieder ans Fenster zu eilen und hinauszuspähen, ob der Entschwundene nicht schon zurückkehrte. Die Erwartung erreichte schließlich den höchsten Grad der Spannung ... In einer anderen Ecke versuchte Ssaschenjka Nastjä zu trösten: beide hatten sich eng umschlungen und weinten still. Nastenjka hielt Iljuschas Händchen umklammert und küßte zum Abschied immer wieder ihren kleinen Schüler. Iljuscha weinte mit offenem Mäulchen, ohne zu wissen, weshalb. Jeshowikin und Misintschikoff redeten etwas abseits sehr eifrig miteinander. Mir schien, daß Bachtschejeff beim Anblick der weinenden Damen gleichfalls den Tränen beängstigend nahe war. Ich trat an ihn heran.
„Nein, mein Lieber,“ sagte er, „Foma Fomitsch hätte sich vielleicht auch ohnedem von hier fortgemacht, nur war der rechte Augenblick offenbar noch nicht gekommen: noch hatte man ihm keine Ochsen mit goldenen Hörnern vor seine Equipage geschirrt! Keine Sorge, mein Lieber, der wird noch die Besitzer aus dem Hause jagen und selber hier bleiben!“
Das Gewitter war nämlich schon weitergezogen, weshalb Herr Bachtschejeff seine Meinung inzwischen geändert hatte.
Plötzlich erhob sich ein Geschrei: „Sie kommen, sie kommen! Sie bringen ihn!“ Und die Damen eilten mit Gekreisch zur Tür. Es waren kaum zehn Minuten nach dem Aufbruch meines Onkels vergangen. Aber wie war es denn möglich gewesen, Foma Fomitsch so schnell einzuholen? Das Rätsel sollte später sehr einfach gelöst werden: Foma war allerdings, nachdem er Gawrila zurückgeschickt hatte, mit seinem „Stöckchen“ weitergegangen. Als er sich dann aber so verlassen in der Einsamkeit bei Sturm, Donner, Blitz und Regen gesehen hatte, da hatte ihn der Mut gar schmählich im Stich gelassen, und er war unverzüglich Gawrila nachgelaufen. Jedenfalls hatte mein Onkel ihn schon in nächster Nähe des Gutshofes angetroffen. Sofort war ein Mann, der gerade vorüberfuhr, angerufen worden, und mit Hilfe von ein paar Bauern hatte man den ganz zahm gewordenen Foma in den Wagen gehoben. Und so wurde er denn glücklich in die offenen Arme der Generalin zurückgeführt, die fast den Verstand – ihren letzten – verlor, als sie sah, in welchem Zustande ihr Abgott sich befand. Er war nämlich noch bedeutend nasser und schmutziger als Gawrila. Ein entsetzliches Durcheinander war die erste Folge: die einen wollten ihn sogleich ins Schlafzimmer schaffen, damit er die Wäsche wechsele, die anderen sprachen von Holundertee und ähnlichen Stärkungsmitteln. Alles lief hin und her. Die Kopflosigkeit war allgemein. Alle sprachen zu gleicher Zeit, so daß man kein Wort verstehen konnte ... Doch Foma schien nichts zu sehen und nichts zu hören. Er wurde unter den Armen gestützt und langsam zu seinem Philosophenstuhl geführt, in den er sich erschöpft niedersinken ließ, um sogleich die Augen zu schließen. Jemand schrie, daß Foma Fomitsch sterbe. Darauf erhob sich ein entsetzliches Geheul. Am lautesten aber von allen heulte Falalei, der sich krampfhaft bemühte, durch die Mauer der Damen zu Foma vorzudringen, um ihm, wie er sagte, „die Händchen zu küssen“.
XVII.
Foma Fomitsch als Schöpfer des allgemeinen Glücks.
„Wohin hat man mich gebracht?“ fragte Foma endlich mit der Stimme eines Sterbenden – eines für die Wahrheit den Märtyrertod Sterbenden.
„Verd...!“ fluchte Misintschikoff halblaut neben mir, „als ob er nicht sähe, wo er ist! Jetzt wird er uns wieder Theater vorspielen!“
„Du bist bei uns, Foma, du bist im Kreise deiner Freunde!“ rief ihm mein Onkel zu. „Faß dich, beruhige dich! Weißt du, es wäre wirklich gut, wenn du jetzt deine Kleider wechseln wolltest, Foma, so kannst du dich noch erkälten ... Und willst du dich nicht etwas stärken – was meinst du? So, weißt du ... ein Gläschen, um dich zu erwärmen.“
„Malaga ... würde ich vielleicht trinken,“ stöhnte Foma und schloß wieder die Augen.
„Malaga? Ich weiß nicht, ob wir den gerade vorrätig haben ...“ sagte mein Onkel, mit unruhigem Blick sich nach Praskowja Iljinitschna umsehend.
„Aber natürlich doch!“ Praskowja Iljinitschna schien ordentlich gekränkt zu sein. „Ganze vier Flaschen haben wir noch!“ Und schlüsselklirrend eilte sie nach dem Wein, begleitet vom Geschrei aller Damen, die ihren Foma, ungefähr wie Fliegen einen Honigteller, belagerten. Dafür geriet freilich Herr Bachtschejeff so ziemlich in das letzte Stadium des Unwillens.
„Malaga! Malaga will er!“ fauchte er. „Na natürlich! Es muß doch unbedingt ein Wein sein, den sonst kein Mensch trinkt! Wer trinkt denn jetzt noch Malaga, außer vielleicht so ’m Schuft wie er! Pfui! ... Pfui! ... Aber was stehe _ich_ denn hier? Was habe _ich_ denn hier zu suchen? Worauf warte _ich_ denn noch?“
„Foma,“ hub mein Onkel an, verwirrte sich aber bei jedem Satz, „jetzt wäre es ... wenn du dich erholt hast und wieder mit uns zusammen ... Ich meine, ich will nur sagen, Foma, wie du vorhin, nachdem du das unschuldige Mädchen beleidigt hattest ...“
„Wo, wo ist sie, meine Unschuld?“ griff Foma sofort das Wort auf, als phantasiere er im Fieber. „Wo sind die goldenen Tage meiner Unschuld? Wo bist du, meine goldene Kindheit, als ich noch schuldlos und schön über die Wiesen dem ersten Frühlingsschmetterling nachlief? Wo, wo ist diese Zeit? Gebt mir meine Unschuld wieder, gebt sie mir wieder zurück ...“
Und Foma wandte sich mit ausgestreckten Armen der Reihe nach an alle Anwesenden, als hätte jemand von uns seine Unschuld in der Tasche gehabt. Bachtschejeff schien platzen zu wollen vor Wut.
„Hört doch, was der Mensch will!“ fauchte er empört. „Gebt ihm seine Unschuld wieder! Will er sie etwa abküssen? Vielleicht war er auch als Knabe schon so ein Räuber, wie jetzt! Könnte schwören, daß er’s war!“
„Foma!“ ... hub mein Onkel wieder an.
„Wo, wo sind sie, jene Tage, als ich noch an die Liebe glaubte und den Menschen liebte?“ phantasierte Foma, „als ich den Nächsten umarmte und an seiner Brust Tränen vergoß? Jetzt aber – wo bin ich? Wo bin ich?“
„Du bist bei uns, Foma, beruhige dich!“ rief ihm mein Onkel zu. „Ich aber will dir jetzt folgendes sagen, Foma ...“
„Wenn Sie doch jetzt wenigstens schweigen wollten!“ keuchte haßerfüllt die Perepelizyna, deren kleine Schlangenaugen meinen Onkel böse anblitzten.
„Wo bin ich?“ fuhr Foma fort, „wer umgibt mich hier? Das sind ja Büffel und Stiere, die ihre Hörner gegen mich senken! Leben, was bist du? Ach, lebe, lebe, sei entehrt, geschmäht, gegeißelt, geschlagen, und wenn dann dein Grab zugeschüttet ist, dann erst kommen die Menschen zur Besinnung, und deine armen Knochen werden von einem Monument zerdrückt!“
„Himmlischer Vater, jetzt kommt er noch auf sein Monument zu sprechen!“ flüsterte Jeshowikin und schlug die Hände zusammen.
„Oh, errichtet mir kein Monument!“ phantasierte Foma ohne Unterlaß weiter, „errichtet mir keines! Ich brauche keine Monumente! Errichtet mir in Eurem Herzen Monumente ... das ist alles ... sonst aber verlange ich nichts, nichts, nichts!“
„Foma!“ unterbrach ihn mein Onkel, „so hör doch jetzt auf! Beruhige dich! Es ist kein Grund vorhanden, von Monumenten zu reden. Hör mich jetzt an ... Sieh, Foma, ich begreife, daß du vielleicht ... sagen wir, in edlem Feuer branntest, als du mir vorhin ... diese Vorwürfe machtest; aber du ließest dich zu weit fortreißen, Foma, du überschrittest jede Grenze – ich versichere dich, du hast dich geirrt, Foma ...“
„Werden Sie denn nicht endlich aufhören!“ schrie wieder die Perepelizyna, „wollen Sie denn den Unglücklichen ganz und gar töten, bloß weil er jetzt in Ihren Händen ist? ...“
Nach dem Beispiel der Perepelizyna fuhr auch die Generalin sofort auf, und mit ihr das ganze Gefolge: alle winkten sie meinem Onkel wie besessen mit den Händen zu, damit er nur endlich schweige.
„Anna Nilowna, halten Sie gefälligst selbst den Mund; ich weiß, was ich sage!“ fuhr mein Onkel mit entschlossener Stimme fort. „Es handelt sich um eine heilige Sache der Ehre und Gerechtigkeit ... Foma, ich weiß, du bist vernünftig. Du mußt unverzüglich das edelste Mädchen, das du beleidigt hast, um Verzeihung bitten.“
„Welches Mädchen? Welches Mädchen habe ich beleidigt?“ fragte Foma und sah sich mit verständnislosem Blick im Kreise um, als hätte er alles vergessen, was geschehen war, und als begreife er nicht, wovon man sprach.
„Ja, Foma, und wenn du jetzt freiwillig deine Schuld eingestehst, so werde ich, das schwöre ich, dir hier meinetwegen zu Füßen fallen und ...“
„Aber wen habe ich denn beleidigt?“ rief Foma leidenschaftlich. „Welches Mädchen? Wo ist sie? Wo ist sie? Wo ist dieses Mädchen? Erinnert mich doch, helft mir, sagt mir doch nur mit einem Wort, wer dieses Mädchen ist! ...“
Da trat Nastenjka verwirrt und geängstigt zu meinem Onkel und berührte ihn zaghaft am Ärmel.
„Jegor Iljitsch, lassen Sie ihn, es ist nicht nötig, daß er sich entschuldigt! Wozu das alles?“ sagte sie mit bittender, gequälter Stimme. „Lassen Sie doch!“
„Ah! Jetzt besinne ich mich!“ rief plötzlich Foma aus. „Gott! Ich besinne mich! Oh, helft mir, helft mir, mich zu erinnern!“ flehte er, scheinbar in unbeschreiblicher Aufregung. „Sagt mir, ist es wahr, daß man mich von hier wie den räudigsten aller Hunde hinausgejagt hat? Ist es wahr, daß ich vom Blitz getroffen wurde? Ist es wahr, daß ich von hier auf die Treppe hinausgeworfen worden bin? Ist das wahr? Ist das alles wahr?“
Das Weinen und Gejammer der Damen war eine beredte Antwort auf seine Frage.
„Richtig, richtig!“ fuhr er fort, „ich entsinne mich jetzt, daß ich nach dem Blitz und nach meinem Sturz hergelaufen kam, verfolgt vom Donner, um hier meine Pflicht zu erfüllen und um dann auf ewig zu verschwinden! Erhebt mich! Wie erschöpft ich jetzt auch bin, ich muß sie erfüllen – meine letzte Pflicht!“
Man faßte ihn stützend unter die Arme und hob ihn aus dem Ruhestuhl. Er selbst nahm hierauf die Pose eines klassischen Redners an und streckte beschwörend seine Hand aus.
„Oberst!“ begann er, „jetzt bin ich wieder erwacht! Der Donner hat meine geistigen Kräfte nicht gänzlich vernichtet: es ist zwar noch eine gewisse Taubheit in meinem rechten Ohr vorhanden, aber die ist vielleicht nicht so sehr auf den Donner als auf den Sturz von der Treppe zurückzuführen ... Doch was hat das zu sagen! Und wen geht hier das rechte Ohr Foma Opiskins etwas an!“
Den letzten Worten verlieh Foma so viel traurige Ironie und begleitete sie mit einem so wehmütigen Lächeln, daß das Gestöhn der gerührten Damen unwillkürlich von neuem ertönte. Alle sahen sie mit bitterem Vorwurf, einige aber mit wahrem Haß auf meinen armen Onkel, der sich allmählich, beim Anblick eines so einmütigen Urteils, wie vernichtet zu fühlen begann. Misintschikoff spie heimlich aus vor Wut und trat ans Fenster. Bachtschejeff versetzte mir immer stärker werdende Rippenstöße: er konnte sich wirklich nicht mehr ruhig verhalten, der arme Dicke!
„Jetzt hören Sie alle meine Beichte!“ hub Foma mit erhöhter Stimme an und ließ stolz und entschlossen seinen Blick über die ganze Versammlung schweifen, „und gleichzeitig entscheiden Sie, Jegor Iljitsch, über das Schicksal des unglücklichen Foma Opiskin! Schon lange habe ich Sie beobachtet, habe ich Sie bangen Herzens beobachtet und alles bemerkt, alles, während Sie noch nicht einmal ahnten, daß ich Sie beobachtete. Oberst! Ich habe mich vielleicht geirrt, aber ich kannte Ihren Egoismus, Ihre unbegrenzte Eigenliebe, Ihre schreckliche Wollüstigkeit, und – wer wird mich deshalb verdammen können, daß ich unwillkürlich für die Ehre des unschuldigsten Wesens erzitterte?“
„Foma! ... Foma! ...“ fiel ihm mein Onkel ins Wort, da er mit Unruhe den gequälten Ausdruck in Nastenjkas Gesicht gewahrte.
„Nicht so sehr die Unschuld und die Vertrauenswürdigkeit dieses Mädchens ängstigten mich als gerade ihre Unerfahrenheit,“ fuhr Foma fort, als hätte er die Warnung meines Onkels überhaupt nicht gehört. „Ich sah, wie ein zärtliches Gefühl in ihrem Herzen erwachte und erblühte, gleich der Frühlingsrose, und ich dachte unwillkürlich an Petrarca, der da sagt: ‚Die Unschuld ist so oft nur um Haaresbreite vom Untergang entfernt.‘ Ich seufzte und litt, und wenn ich auch für dieses Mädchen, das rein wie eine Perle, wie ein kostbarer Edelstein ist, mein ganzes Blut als Bürgschaft hingegeben hätte – wer aber hätte mir für Sie gebürgt, Jegor Iljitsch? Da ich das zügellose Streben Ihrer Leidenschaften kannte, da ich wußte, daß Sie für deren kurze Befriedigung alles zu opfern bereit sind, – so versenkte ich mich plötzlich in einen Abgrund des Entsetzens und der Befürchtungen bezüglich des Schicksals dieses edelsten aller Mädchen ...“
„Foma! Wie hast du das nur denken können!“ rief mein Onkel erregt aus.
„Mit schmerzendem Herzen habe ich Sie beobachtet. Wenn Sie wissen wollen, wie ich gelitten habe, fragen Sie Shakespeare: er wird Ihnen in seinem ‚Hamlet‘ von meinem Seelenzustande erzählen. Ich wurde argwöhnisch und unerträglich. In meiner Unruhe, in meinem Unwillen sah ich alles schwarz, aber, das war nicht dieses ‚Schwarz‘, von dem in der bekannten Romanze die Rede ist, das können Sie mir glauben. Deshalb hegte ich auch den Wunsch, _sie_ aus diesem Hause zu entfernen: ich wollte sie retten. Dies war der eigentliche Grund, weshalb Sie mich in der letzten Zeit so gereizt und mit der ganzen Menschheit zerfallen gesehen haben. Oh! wer wird mich jetzt mit dieser Menschheit wieder aussöhnen? Ich fühle, daß ich vielleicht anmaßend und ungerecht zu Ihren Gästen, zu Ihrem Neffen, zu Herrn Bachtschejeff gewesen bin, indem ich von ihm Kenntnis der Astronomie verlangte; aber wer kann mich wegen meines damaligen Seelenzustandes tadeln? Ich berufe mich nochmals auf Shakespeare und sage, daß die Zukunft mir wie ein finsterer Abgrund von unbekannter Tiefe erschien, auf dessen Grunde ein Krokodil lag. Ich fühlte, daß es meine Pflicht war, das Unglück zu verhüten, daß ich dazu berufen, daß ich dazu gesandt war, – doch was geschah? Sie begriffen die edelsten Beweggründe meiner Seele nicht und zahlten mir in dieser ganzen Zeit mit Bosheit, Undankbarkeit, Spott, Erniedrigungen ...“
„Foma! Wenn es so ist ... ich fühle ...“ unterbrach ihn mein Onkel in unsäglicher Erregung.
„Wenn Sie tatsächlich etwas fühlen, Oberst, so seien Sie so gut und lassen Sie mich zu Ende sprechen, ohne mich zu unterbrechen. Ich fahre fort: meine ganze Schuld bestand folglich darin, daß ich mich gar zu sehr um das Schicksal und das Glück dieses Kindes sorgte, – denn sie ist ja noch ein Kind im Vergleich zu Ihnen. Die höchste Liebe zur Menschheit machte mich in dieser Zeit fast zu einem Dämon des Argwohns und Zornes. Ich wäre fähig gewesen, mich auf die Menschen zu stürzen und sie zu zerreißen. Und wissen Sie auch, Jegor Iljitsch, daß ein jeder Ihrer Schritte meinen Argwohn noch bestärkte und mich von der Richtigkeit aller meiner Befürchtungen überzeugte? Wissen Sie auch, daß ich gestern, als Sie mich mit Ihrem Golde überschütteten, um mich auf diese Weise los zu werden, bei mir im stillen dachte: ‚Er will in mir, in meiner Person sein eigenes Gewissen entfernen, um dann bequemer das Verbrechen begehen zu können ...‘“
„Foma! Aber Foma ... Hast du das wirklich gestern gedacht?“ rief mein Onkel entsetzt aus. „Gott, und ich habe nichts geahnt!“
„Der Himmel selber flößte mir diesen Argwohn ein,“ fuhr Foma fort. „Und sagen Sie doch: was mußte ich denken, als der blinde Zufall mich noch am selben Abend zu jener Bank im Garten führte, was mußte ich fühlen, – o Gott! – als ich endlich mit eigenen Augen sah, daß alle meine Befürchtungen sich plötzlich bewahrheiteten und mir in der glänzendsten Weise recht gaben? Mir blieb nur noch eine Hoffnung, eine schwache, allerdings, aber es war doch immerhin eine Hoffnung! Und was mußte ich erleben?! Heute morgen zerstörten Sie sie selbst zu Schutt und Trümmer! Sie sandten mir Ihren Brief. Sie sprachen von der Absicht, sie zu heiraten, und Sie flehten mich an, von dem Gesehenen nichts verlauten zu lassen ... ‚Aber weshalb,‘ dachte ich, ‚weshalb hat er mir denn gerade jetzt geschrieben, nachdem ich ihn bereits überrascht habe, warum nicht früher? Weshalb ist er nicht früher eilends zu mir gekommen, glücklich und schön – denn die Liebe verschönt das Gesicht –, weshalb hat er sich nicht in meine Arme geworfen, warum ist er nicht an meiner Brust in Tränen grenzenlosen Glücks ausgebrochen, und weshalb hat er mir nicht alles, alles gestanden?‘ Oder bin ich ein Krokodil, das Sie nur verschlungen, nicht aber Ihnen einen klugen Rat gegeben haben würde? Oder bin ich irgendein widerliches Insekt, das Sie nur gebissen, nicht aber Ihnen zu Ihrem Glück verholfen haben würde? ‚Bin ich sein Freund, oder bin ich ein ekelhaftes Gewürm?‘ Das war die Frage, die ich heute morgen an mich stellte! ‚Und wozu schließlich,‘ dachte ich, ‚wozu hat er aus der Hauptstadt einen Neffen hergerufen und mit diesem Mädchen verlobt, wenn nicht, um sowohl uns wie den leichtsinnigen Neffen zu betrügen und inzwischen heimlich die verbrecherischste aller Absichten auszuführen?‘ Nein, Oberst, wenn jemand mich in dem Gedanken bestärkt hat, daß Ihre Liebe verbrecherisch ist, so sind Sie es selbst, und nur Sie allein! Ja, Sie sind auch vor diesem Mädchen ein Verbrecher; denn durch Ihre Ungeschicklichkeit und Ihr eigensüchtiges Mißtrauen haben Sie sie der Verleumdung und häßlichem Argwohn preisgegeben!“
Mein Onkel schwieg, den Kopf gesenkt. Die Beredsamkeit Fomas behielt offenbar die Oberhand; denn mein Onkel wagte nichts mehr zu entgegnen und gab damit eigentlich schon zu, daß er der „große Verbrecher“ sei. Die Generalin und ihre Freundinnen hatten stumm und andächtig Fomas Rede angehört; die Perepelizyna blickte mit schadenfrohem Triumph auf die arme Nastenjka.
„Bestürzt, erregt, halbtot,“ fuhr Foma fort, „schloß ich mich heute ein und betete, daß Gott mich erleuchte! Endlich beschloß ich, Sie zum letzten Male und öffentlich zu prüfen. Vielleicht habe ich mich mit gar zu großem Eifer darangemacht, vielleicht habe ich mich gar zu sehr meinem Unwillen hingegeben! Doch für meine edelsten Absichten warfen Sie mich zur Tür hinaus! Noch als ich aus der Türe flog, dachte ich bei mir: ‚Sieh, so wird in der Welt die Tugend belohnt!‘ Hieran schlug ich auf die Erde, und was weiter mit mir geschah – dessen entsinne ich mich kaum noch.“
Gestöhn und Wehklagen unterbrachen Foma bei dieser tragischen Erinnerung. Die Generalin stürzte mit der Flasche Malaga, die sie vor einer Minute der zurückgekehrten Praskowja Iljinitschna aus der Hand gerissen hatte, zu Foma; dieser jedoch wies mit majestätischer Handbewegung die Flasche samt der Generalin zurück.
„Unterbrechen Sie mich nicht. Ich muß beenden. – Was nach meinem Sturz geschah – ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines, daß ich jetzt, durchnäßt und der Gefahr einer Influenza ausgesetzt, hier stehe, um Ihr beiderseitiges Glück zu schaffen. Oberst! Aus vielen Anzeichen, die ich jetzt nicht weiter erklären will, habe ich schließlich die Überzeugung gewonnen, daß Ihre Liebe rein und sogar erhaben ist. Und wenn auch gleichzeitig von einem geradezu verbrecherischen Mißtrauen gemartert, erniedrigt, der Beleidigung eines ehrenhaften Mädchens verdächtigt, desselben Mädchens, für das ich wie ein mittelalterlicher Ritter mein Blut bis auf den letzten Tropfen hingegeben hätte, entschließe ich mich nunmehr, Ihnen zu zeigen, wie Foma Opiskin sich für ihm zugefügte Beleidigungen rächt. Geben Sie mir Ihre Hand, Oberst!“
„Mit Vergnügen, Foma!“ rief mein Onkel aus. „Und da du dich jetzt deutlich über die Ehre des ehrenwertesten Mädchens ausgesprochen hast, so ... hier ist meine Hand, Foma, und gleichzeitig gestehe ich dir meine aufrichtige Reue ...“
Und mein Onkel reichte ihm von ganzem Herzen die Hand, ohne zu ahnen, was daraus entstehen sollte.
„Geben Sie mir auch Ihre Hand,“ fuhr Foma mit milder Stimme fort, indem er sich durch den Kreis der ihn umgebenden Damen an Nastenjka wandte.
Nastenjka erschrak, verwirrte sich und blickte schüchtern zu Foma hinüber.
„Kommen Sie, kommen Sie, mein liebes Kind! Das ist unbedingt notwendig zu Ihrem Glück,“ fuhr Foma freundlich fort, während er immer noch die Hand meines Onkels in der seinen hielt.
„Was mag er wollen?“ fragte Misintschikoff leise.
Nastjä näherte sich schließlich, noch immer erschrocken und ängstlich, Foma Fomitsch und reichte ihm zaghaft ihr Händchen.
Foma nahm dieses Händchen und legte es in die Hand meines Onkels.
„_Ich vereinige und segne euch!_“ sagte er mit der feierlichsten Stimme. „Und wenn der Segen eines vom Leid erdrückten Märtyrers euch Nutzen bringen kann, so seid glücklich! Nun seht ihr, wie sich Foma Opiskin rächt! Hurra!“
Wir waren sprachlos. Diese Lösung kam so unerwartet, daß niemand sie verstand. Die Generalin glich einer Salzsäule mit einer Flasche Malaga in der Hand. Die Perepelizyna erbleichte und erzitterte vor Wut. Das übrige Gefolge schlug die Hände über dem Kopf zusammen und erstarrte in dieser Stellung. Mein Onkel fuhr zusammen und wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor. Nastjä war blaß wie eine Tote und stammelte zwar ein „aber das geht doch nicht ...“ – aber jetzt war es zu spät. Bachtschejeff war der erste – man muß ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen –, der in Fomas Hurra einstimmte, nach ihm ich, nach mir Ssaschenjka mit allem Jubel ihrer hellen Kinderstimme. Zugleich eilte sie zum Vater und umarmte und küßte ihn –, dann Iljuscha, dann Jeshowikin, und zum Schluß auch Misintschikoff.
„Hurra!“ schrie noch einmal Foma, „hurra! Und jetzt auf die Knie, meine Herzenskinder, auf die Knie vor der zärtlichsten der Mütter! Bittet um ihren Segen, und wenn es nötig ist, werde ich selbst mit euch vor ihr niederknien ...“
Mein Onkel und Nastjä, die einander noch nicht angesehen hatten und im ersten Schreck wahrscheinlich noch gar nicht begriffen, was mit ihnen geschah, knieten sogleich vor der Generalin nieder: die übrigen gruppierten sich um sie herum. Die Generalin stand wie betäubt, rührte sich nicht und schien nicht begreifen zu können, was sie tun sollte. Doch da half Foma: er kniete in eigener Person vor seiner Gönnerin nieder, was diese im Augenblick zur Besinnung brachte. Sie brach in Tränen aus und sagte, daß sie einverstanden sei. Der Oberst sprang auf und preßte Foma an seine Brust.
„Foma! ... Foma!“ rief er aus, doch seine Stimme versagte.
„Champagner!“ rief Herr Bachtschejeff. „Hurra!“
„Nein, nicht Champagner,“ unterbrach ihn die Perepelizyna, die inzwischen schon Zeit gehabt hatte, sich zu besinnen, sich die Sachlage zu überlegen und gleichzeitig auch die Folgen zu berechnen, – „jetzt muß man Gott ein Licht anzünden, vor dem Heiligenbilde beten und mit dem Heiligenbilde das Brautpaar segnen, wie alle Gottesfürchtigen es tun ...“