Sämtliche Werke 16

Part 16

Chapter 163,759 wordsPublic domain

„Übrigens ist hier fast nichts zu erzählen. Sehen Sie mal: ich habe augenblicklich nur Schulden und dementsprechend keine Kopeke in der Tasche. Außerdem habe ich noch eine Schwester, ein Mädchen von ungefähr neunzehn Jahren. Sie ist Waise, wissen Sie, gänzlich mittellos und verdient sich selbst ihr Brot. Das ist zum Teil auch meine Schuld. Wir erbten vierzig Seelen. Da mußte ich wie verhext gerade damals zum Fähnrich avancieren! Nun, zuerst natürlich verpfändete ich die vierzig Seelen, dann brachte ich sie durch. Ich führte ein törichtes Leben, gab den Ton an, spielte den Lebemann, spielte auch am grünen Tisch, trank – mit einem Wort: töricht war’s, man schämt sich geradezu, daran zu denken. Jetzt bin ich zur Besinnung gekommen, habe mich anders bedacht: ich will nun ein ganz neues Leben beginnen. Zu diesem Zweck aber brauche ich unumgänglich eine Summe von hunderttausend Rubeln in bar. Da ich jedoch mit dem Offiziersdienst nichts verdienen würde, zu irgendeinem Beruf nicht begabt bin und fast gar keine wissenschaftliche Bildung habe, so bleiben mir nur zwei Möglichkeiten: entweder zu stehlen oder eine reiche Dame zu heiraten. Hergekommen bin ich so gut wie ohne Stiefel, und, wohl verstanden: ich bin zu Fuß gekommen, nicht mit Postpferden. Meine Schwester gab mir ihre letzten drei Rubel, als ich mich aus Moskau fortbegab. Hier lernte ich diese Tatjana Iwanowna kennen, und mir kam sofort ein Gedanke. Ich beschloß, mich zu opfern und sie zu heiraten. Sie müssen mir doch zugeben, daß das nichts anderes ist als – Vernünftigkeit. Zudem tue ich es ja mehr für meine Schwester ... das heißt, in erster Linie selbstredend für mich ...“

„Aber erlauben Sie, Sie wollen doch formell bei Tatjana Iwanowna anhalten?“

„Gott soll mich davor bewahren! Dann wäre ich ja am längsten hier gewesen, und auch sie würde nicht wollen. Schlage ich ihr dagegen eine Entführung vor, eine Flucht, so wird sie sofort einwilligen. Das ist die Hauptsache: es muß etwas Romantisches, etwas Effektvolles sein. Versteht sich, wir werden dann in kürzester Zeit gesetzmäßig getraut werden. Wenn man sie nur erst einmal herausgelockt hätte!“

„Aber wie können Sie so fest überzeugt sein, daß sie mit Ihnen entfliehen wird?“

„O, machen Sie sich deshalb keine Sorgen! Davon bin ich vollkommen überzeugt. Das ist ja gerade mein Grundgedanke, wenn ich so sagen darf, daß Tatjana Iwanowna tatsächlich fähig ist, mit jedem ersten besten eine Liebesgeschichte anzufangen, buchstäblich mit jedem, dem es nur einfällt, darauf einzugehen. Deswegen habe ich auch Ihnen zuerst das Ehrenwort abgenommen, diese Idee nicht zu Ihren eigenen Gunsten auszunutzen. Jetzt werden Sie, denke ich, begreifen, daß es von mir einfach Sünde wäre, wenn ich diese Gelegenheit nicht benutzen wollte, und noch dazu bei meinen Verhältnissen.“

„So ist sie denn also ganz und gar verrückt ... Ach! verzeihen Sie,“ unterbrach ich mich, plötzlich mich besinnend, „da Sie jetzt diese Absicht haben, so ...“

„Bitte, genieren Sie sich nicht, ich habe Sie darum schon einmal gebeten. Sie fragen, ob Tatjana Iwanowna total verrückt sei? Was soll ich Ihnen darauf antworten? Natürlich ist sie _nicht_ verrückt; denn noch sitzt sie nicht in einer Irrenanstalt. Zudem vermag ich in dieser Manie für Liebesdinge eigentlich keinen besonderen Irrsinn zu sehen. Sie aber ist trotz allem ein ehrenhaftes Mädchen. Sehen Sie mal: vor einem Jahre war sie noch entsetzlich arm, hatte seit ihrer Geburt bei ihren Wohltäterinnen wie im Joch gelebt. Sie hat ein sehr gefühlvolles Herz, um ihre Hand hat niemand sie jemals gebeten ... Nun, Sie verstehen: Träume, Wünsche, Hoffnungen, die Leidenschaften, die sie beständig hat unterdrücken müssen, die ewigen Schikanen der sogenannten Wohltäterinnen – alles das zusammen konnte seinen empfindsamen Menschen sehr wohl aufreiben. Und dann plötzlich dieser Reichtum! Sie werden doch zugeben, daß so etwas nicht nur eine Tatjana Iwanowna aus dem Gleichgewicht bringen kann. Nun, und jetzt sind natürlich alle hinter ihr her, alle machen ihr den Hof, umschwärmen sie – und alle ihre Hoffnungen sind auferstanden. Was sie zum Beispiel beim Tee von dem Geck in der weißen Weste erzählte, – Tatsache, es ist wirklich buchstäblich alles so geschehen, wie Sie es gehört haben. Nach dieser Begebenheit können Sie sich auch das übrige denken. Mit Seufzern, Billets-doux, Gedichten können Sie sie sofort erobern, und wenn Sie dann noch heimliche Zusammenkünfte, spanische Serenaden und diesen ganzen Humbug hinzufügen, so können Sie sie zu allem bewegen. Ich habe auch schon einmal einen Versuch gemacht und sogleich ein nächtliches Stelldichein erreicht. Vorläufig habe ich mich aber bis zu günstigerer Zeit auf neutralen Boden zurückgezogen. Doch spätestens binnen vier Tagen wird man sie entführen müssen. Am Tage vor der Entführung fange ich mit dem Mumpitz an: Augendrehen, Seufzer und so weiter ... ich spiele nicht schlecht Gitarre und singe sogar. In der Nacht ein Stelldichein in der Laube und – beim Morgengrauen ist der Wagen bereit: ich locke sie hinaus, wir steigen ein und fahren los. Wie Sie sehen, ist hierbei nichts zu riskieren: sie ist mündig – und ganz abgesehen davon, wird es doch ihr freier Wille sein. Und wenn sie erst einmal mit mir entflohen ist, so heißt das natürlich, daß ... wir uns gegenseitig verpflichtet haben. Ich werde sie in eine gute, aber arme Familie bringen – ich kenne hier eine, vierzig Werst von hier – wo man sie bis zur Hochzeit auf den Händen tragen, doch keinen Menschen zu ihr lassen wird. Und ich werde inzwischen auch nicht unnütz die Zeit verlieren: nach spätestens drei Tagen müssen wir getraut sein – das läßt sich machen. Natürlich gehört dazu vor allen Dingen Geld. Aber ich habe schon berechnet: ich brauche nicht mehr als fünfhundert Rubel für das ganze Intermezzo, und zwar hoffe ich in der Beziehung auf Jegor Iljitsch: er wird sie mir geben, natürlich ohne zu wissen, um was es sich handelt. Haben Sie mich jetzt vollkommen verstanden?“

„Ja,“ sagte ich, da ich ihn allerdings nur zu gut verstanden hatte. „Aber sagen Sie doch, bitte, inwiefern ich Ihnen hierbei behilflich sein könnte?“

„O, in sehr vielem, ich bitte Sie! Sonst hätte ich Sie doch wahrlich nicht eingeweiht. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich sie in eine arme, aber sehr ehrenwerte Familie zu bringen beabsichtige. Sie nun können mir sowohl hier wie dort aushelfen, außerdem mein Trauzeuge sein. Ohne Ihren Beistand stehe ich gleichsam mit gebundenen Händen da.“

„Noch eine Frage: Warum haben Sie gerade mich Ihres Vertrauens gewürdigt? Sie kennen mich doch gar nicht, ich bin doch erst vor ein paar Stunden hier eingetroffen.“

„Ihre Frage,“ antwortete Misintschikoff mit dem liebenswürdigsten Lächeln, „Ihre Frage bereitet mir, offen gestanden, ein großes Vergnügen; denn sie bietet mir Gelegenheit, Sie meiner ganz besonderen Hochachtung zu versichern.“

„O, zuviel Ehre!“

„Nein, sehen Sie mal, ich habe Sie vorhin, beim Tee, ein wenig studiert. Sie sind, nun ja, Sie sind heftig und ... und ... nun ja, und noch jung. Aber von einem bin ich durchaus überzeugt: Wenn Sie mir einmal Ihr Wort gegeben haben, keinem Menschen etwas davon zu erzählen, so werden Sie es auch halten. Sie sind kein Obnoskin – dies wäre Punkt eins. Punkt zwei: Sie sind ehrlich und werden mir meine Idee nicht stehlen, nicht wahr – natürlich ausgenommen den Fall, daß Sie etwa mit mir in aller Freundschaft einen entsprechenden Vergleich abschließen wollten. In dem Fall wäre ich vielleicht einverstanden, Ihnen meine Idee abzutreten, oder vielmehr: Tatjana Iwanowna. Und ich würde sogar bereit sein, Ihnen bei der Entführung eifrig beizustehen, nur mit der Bedingung, daß Sie mir einen Monat nach der Trauung eine Summe von fünfzigtausend Rubel bar zahlen, selbstredend nach einer vorhergehenden Sicherstellung durch eine Schuldverschreibung ... doch ohne Prozente.“

„Wie! Sie bieten die Dame jetzt bereits mir an?“

„Selbstverständlich kann ich sie abtreten ... wenn Sie es sich überlegen sollten und zulangen wollen. Freilich verliere ich dabei, aber ... Doch die Idee gehört nun einmal mir, und für Ideen nimmt man doch Geld. Und schließlich, drittens, habe ich Sie gewählt, weil mir keine andere Wahl übrigbleibt. Lange zu zögern aber erscheint mir, nachdem ich mir über die hier herrschenden Zustände klar geworden bin, mehr als gefährlich. Hinzu kommt, daß bald die Fastenzeit vor Mariä Himmelfahrt beginnt und dann nicht getraut wird. So, jetzt haben Sie mich hoffentlich ganz verstanden?“

„Vollkommen, und ich verspreche Ihnen nochmals, Ihr Geheimnis heilig zu halten. Ihr Helfershelfer kann ich aber in dieser Angelegenheit nicht sein, was Ihnen unverzüglich mitzuteilen ich für meine Pflicht halte.“

„Wieso, weshalb nicht?“

„Sie fragen noch?“ rief ich heftig aus, endlich den Gefühlen, die sich in mir angesammelt hatten, freien Lauf lassend. „Sehen Sie denn nicht ein, daß eine solche Handlung schuftig, unehrenhaft ist? Gut, nehmen wir an, Sie rechneten ganz richtig, wenn Sie sich auf die Unklugheit und die unglückliche Manie dieses Mädchens stützen, aber – ebendies müßte Sie doch als Ehrenmann davon abhalten! Sie sagen ja selbst, daß Tatjana Iwanowna ein ehrenwertes Mädchen sei, wenn sie auch lächerlich ist. Und nun plötzlich wollen Sie ihr Unglück benutzen, um ihr hunderttausend Rubel abzuzapfen! Sie werden doch gewiß nicht ihr wirklicher Mann sein, der seine Pflicht in jeder Beziehung erfüllt. Sie werden sie unfehlbar verlassen ... Das ist aber so wenig ehrenhaft, daß ich, verzeihen Sie, eigentlich nicht begreife, wie Sie sich haben entschließen können mir die Rolle eines Helfershelfers zuzumuten!“

„Donnerwetter, das ist mir mal eine Romantik!“ rief Misintschikoff aus, während er mich mit ehrlicher Verwunderung ansah. „Übrigens handelt es sich hier wohl nicht so sehr um Romantik, sondern – Sie scheinen einfach nicht zu begreifen, um was es sich handelt. Sie sagen, es sei unehrenhaft, vergessen aber, daß alle Vorteile nicht auf meiner, sondern auf ihrer Seite sind ... Bedenken Sie doch nur ...“

„Ja, natürlich, wenn man von Ihrem Standpunkt aus urteilt, dann ergibt sich womöglich noch, daß Sie die großmütigste Tat begehen, wenn Sie Tatjana Iwanowna heiraten,“ antwortete ich mit sarkastischem Lächeln.

„Ja, wie denn nicht? Aber das _ist_ es doch! Es ist doch tatsächlich eine großmütige Tat!“ rief Misintschikoff aus, der nun seinerseits in Hitze geriet. „Überlegen Sie es sich doch nur: erstens opfere ich mich und willige ein, ihr Mann zu sein – das kostet doch wohl etwas? Zweitens: ungeachtet dessen, daß sie blank und bar mehrere hunderttausend Rubel besitzt, werde ich nur einhunderttausend Rubel von ihr nehmen. Ich habe mir bereits mein Wort gegeben, daß ich, solange ich lebe, keine Kopeke mehr von ihr nehmen werde, obgleich ich es doch könnte: das aber kostet doch wiederum etwas – denken Sie nur nach: kann sie denn so ihr Leben ruhig verbringen? Damit sie ruhig leben kann, muß man ihr unbedingt das Geld abnehmen und ... müßte sie eigentlich in eine Irrenanstalt einsperren; denn sonst kann man sich darauf gefaßt machen, daß in jeder Minute irgendein Tagedieb, ein Schwindler oder Spekulant auftaucht, irgend so einer mit einem Spitzbart und Schnurrbart, mit einer Gitarre und mit Serenaden – wie etwa Obnoskin – der sie verführt, sie heiratet, ihr alles abnimmt und sie dann auf der Landstraße sitzen läßt. Hier, zum Beispiel, befinden wir uns in einem ehrenwertesten Hause – und dennoch hat man sie auch hier nur deshalb aufgenommen, weil man auf ihr Geld spekuliert. Vor diesen zweifelhaften Chancen muß man sie bewahren, beschützen, retten. Nun aber, begreifen Sie doch, sobald sie mich geheiratet hat, hört diese Berechnung sofort auf. Ich werde schon dafür Sorge tragen, daß kein Unglück sie wird treffen können. Nach der Trauung bringe ich sie zuerst nach Moskau in eine ehrenwerte, doch mittellose Familie – ich meine jetzt nicht jene, von der ich vorhin sprach –, nein, in eine andere Familie. Meine Schwester wird beständig bei ihr sein. Man wird sie nicht aus den Augen lassen. An Geld behält sie etwa zweihundertfünfzigtausend Rubel, vielleicht sogar dreihunderttausend: damit kann man, wissen Sie, doch leben! Alle Vergnügungen sollen ihr geboten werden, alle Zerstreuungen, Bälle, Maskeraden, Konzerte. Sie kann sogar von Liebesabenteuern träumen – wenn ich mich auch in der Beziehung natürlich sicherstellen werde: träume soviel du willst, in Wirklichkeit aber – nie und nimmer! Jetzt kann ein jeder sie beleidigen, dann aber kann das keiner mehr tun: sie ist meine Frau, Madame Misintschikoff, und meinen Namen gebe ich nicht zum Gespött hin! Denken Sie doch nur, was das allein wert ist – das kostet doch etwas! Selbstredend werde ich nicht mit ihr zusammen leben: sie in Moskau und ich irgendwo in Petersburg. Diese meine Absicht teile ich Ihnen gleichfalls im voraus mit; denn Ihnen gegenüber will ich ehrlich sein. Aber was hat denn das auf sich, daß wir getrennt leben? Überlegen Sie es sich doch nur, denken Sie an ihren Charakter und sagen Sie selbst: Ist sie denn überhaupt fähig, Frau zu sein und mit ihrem Mann zusammen zu leben? Kann man denn auch nur irgendeine Beständigkeit von ihr erwarten? Sie ist doch das leichtsinnigste Geschöpf der Welt! Sie bedarf ewig der Veränderung. Sie ist fähig, am nächsten Tage zu vergessen, daß sie vor vierundzwanzig Stunden mir angetraut worden ist. Ja, ich würde sie schließlich nur unglücklich machen, wenn ich mit ihr zusammen leben und strenge Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten verlangen wollte! Natürlich werde ich sie von Zeit zu Zeit besuchen, etwa einmal im Jahr oder auch öfter, aber nicht, um dann Geld von ihr zu verlangen – ich versichere Sie, daß ich nichts von ihr verlangen werde. Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich mehr als hunderttausend Rubel nicht nehmen werde, bestimmt nicht! Im Geldpunkt werde ich mehr als verständig sein. Wenn ich auf zwei, drei Tage zum Besuch komme, werde ich ihr sogar Vergnügen und nicht etwa Langeweile bereiten: ich werde mit ihr scherzen, werde ihr Geschichten erzählen, werde mit ihr Bälle besuchen, flirten, ihr Andenken schenken, Romanzen singen und einen Liebesbriefwechsel mit ihr eingehen. Sie wird doch einfach entzückt sein – von einem so romantischen, verliebten und liebenswürdigen Ehemann! Meiner Meinung nach ist es sogar sehr rationell: alle Männer sollten so verfahren. Den Frauen sind sie ja nur dann wertvoll, wenn sie abwesend sind, und wenn ich mein System durchhalte, werde ich gewiß in der süßesten Weise Tatjana Iwanownas Herz für ihr ganzes Leben einnehmen. Was könnte man ihr noch Besseres wünschen? Sagen Sie doch! Das ist ja ein Paradies, aber keine Erdenwirklichkeit!“

Ich hörte schweigend und mit wachsender Verwunderung zu. Ich sagte mir, daß man Herrn Misintschikoff nicht gut widerlegen konnte. Er war von der Rechtlichkeit und Genialität seines Projektes fanatisch überzeugt und sprach von ihm mit der ganzen Begeisterung eines Erfinders. Es blieb nur noch ein peinlicher Punkt übrig, über den man sich unbedingt aussprechen mußte.

„Aber denken Sie denn gar nicht daran,“ fragte ich, „daß sie schon so gut wie die Braut meines Onkels ist? Wenn Sie sie nun entführen, dann nehmen Sie ihm die Braut fast am Tage vor der öffentlichen Verlobung fort und tun es außerdem noch mit seinem Gelde, das Sie von ihm zur Ausführung der gewagten Tat borgen wollen und werden.“

„Warten Sie, damit fange ich Sie gerade!“ rief Misintschikoff eifrig aus. „Ich habe diese Ihre Einwendung vorausgesehen. Aber erstens – und das ist die Hauptsache: Ihr Onkel hat ja noch nicht bei ihr angehalten, folglich brauche ich doch gar nicht zu wissen, daß man ihn mit ihr verkuppeln will. Zudem bitte ich, nicht zu vergessen, daß ich bereits vor drei Wochen meinen Entschluß gefaßt habe, also zu einer Zeit, als ich von allen Absichten der Generalin und Foma Fomitschs nichts ahnte. Folglich bin ich in moralischer Hinsicht durchaus im Recht, und genau genommen, mache nicht ich ihm, sondern macht er mir die Braut abspenstig, mit der ich – nicht zu vergessen! – inzwischen schon ein nächtliches Stelldichein in der Laube gehabt habe. Und dann erlauben Sie mal: Waren Sie nicht selbst außer sich darüber, daß man Ihren lieben Onkel mit dieser Tatjana Iwanowna verheiraten will? Und nun treten Sie plötzlich für diese Ehe ein, reden von Familienbeleidigung und Ehre! Im Gegenteil: ich verpflichte mir Ihren Onkel ganz außerordentlich, ich rette ihn gewissermaßen – das müssen Sie doch einsehen! Er denkt mit Ekel an diese Heirat – und hinzu kommt noch, daß er ein anderes Mädchen liebt. Und was wäre denn Tatjana Iwanowna für eine Frau für ihn? Und auch sie würde doch mit ihm nur unglücklich werden; denn – sagen Sie, was Sie wollen – man wird sie dann doch zum mindesten im Zaume halten müssen, damit sie wenigstens jungen Herren keine Rosen zuwirft! Und wenn ich sie in der Nacht entführe, so kann doch weder die Generalin noch ein Foma Fomitsch als Hindernis in den Weg treten. Ein einmal entführtes Mädchen aber zu heiraten, das ist auch gerade keine Ehre. Also – verpflichte ich mir Jegor Iljitsch nicht zu ewigem Dank? Wende ich nicht ein großes Unglück von ihm ab?“

Dieses letzte Argument machte allerdings einen sehr starken Eindruck auf mich.

„Aber wenn er morgen bei ihr anhält?“ fragte ich. „Dann würde es doch zu spät sein – wenn sie seine offizielle Braut ist.“

„Selbstverständlich wäre es dann zu spät. Deshalb muß man auch schnell handeln, um dies zu verhüten. Weshalb und wozu habe ich Sie denn um Ihren Beistand gebeten? Allein würde es mir schwerfallen, vereint aber könnten wir alles gut einleiten und durchführen, können wir vor allem verhindern, daß Jegor Iljitsch bei ihr anhält. Man muß alles daransetzen, um das, wie gesagt, zu verhindern, muß im äußersten Fall – wenn’s nicht anders geht – Foma Fomitsch verprügeln und damit die allgemeine Aufmerksamkeit so ablenken, daß dann niemand mehr an Hochzeiten denkt. Selbstredend käme dieses Mittel nur für den äußersten Fall in Frage; wie gesagt, ich nahm es nur als Beispiel. Nun sehen Sie: In all diesen Beziehungen hoffe ich auf Sie.“

„Noch eine Frage, die letzte: Haben Sie außer mir niemandem etwas von Ihrem Plan gesagt?“

Misintschikoff kratzte sich ein wenig hinterm Ohr und schnitt eine überaus saure Grimasse.

„Ich will Ihnen gestehen,“ antwortete er, „daß diese Frage für mich schlimmer ist als die bitterste Pille. Das ist ja der Haken, daß ich meinen Plan schon einem anderen mitgeteilt habe ... Ich habe ... ich habe ... ich habe mir da einen verteufelten Brei eingebrockt! Und was glauben Sie wohl, wem ich ihn mitgeteilt habe? – _Obnoskin!_ Ich begreife es selbst nicht, ich kann es mir selber gar nicht glauben! ... Ja, ich weiß nicht einmal, wie es eigentlich kam! Er scharwenzelte hier herum ... ich kannte ihn noch nicht näher, und als die Eingebung mich beglückte, da war ich natürlich wie im Fieber – ... und da ich mir gleichzeitig sagte, daß ich ohne einen Helfershelfer nicht auskommen würde, so wandte ich mich eben an Obnoskin. ... Unverzeihlich von mir, unverzeihlich!“

„Nun, und Obnoskin?“

„O, er war mit Begeisterung zu allem bereit, aber am nächsten Morgen verschwand er. Nach drei Tagen erschien er wieder – diesmal aber mit seiner Frau Mutter. Mit mir spricht er seitdem kein Wort und er meidet mich sogar auffallend: er scheint mich geradezu zu fürchten. Ich begriff natürlich sofort, um was es sich handelte. Seine Mutter ist ein so abgefeimtes, durchtriebenes Frauenzimmer, wie man ein zweites schwerlich finden könnte. Ich habe sie schon früher gekannt. Er hat ihr natürlich alles erzählt. Ich schweige vorläufig und warte ab. Sie spionieren hier jetzt eifrig herum, und die Situation ist sehr gespannt ... Deshalb beeile ich mich auch.“

„Was befürchten Sie denn von ihnen?“

„Großes werden sie freilich nicht ausrichten; daß sie aber Unfug anstiften werden, davon bin ich überzeugt. Wahrscheinlich werden sie fürs Schweigen und vielleicht auch für ihren Beistand Geld fordern – darauf bin ich schon gefaßt. Aber mehr als dreitausend bar – kann ich unmöglich. Urteilen Sie selbst: Dreitausend den Obnoskins, fünfhundert blank und bar für die Trauung und Entführung; denn dem Onkel muß unverzüglich die ganze Summe zurückgegeben werden. Dann noch alte Schulden. Nun, meiner Schwester noch eine kleine Summe, nicht viel, aber immerhin etwas. Was bleibt dann von hunderttausend noch übrig? Das ist doch der reine Bankrott! ... Die Obnoskins sind übrigens heute fortgefahren.“

„Fortgefahren?“ fragte ich interessiert.

„Sogleich nach dem Tee. Ach, zum Teufel mit ihnen! Morgen aber, das werden sie sehen, werden Mutter und Sohn wieder erscheinen. Nun, wie ist’s denn, sind Sie einverstanden?“

„Ich ... verzeihen Sie,“ begann ich zögernd in dieser etwas peinlichen Lage, „ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Die Sache ist etwas kitzlig ... Ich werde das Geheimnis natürlich heilig halten – ich bin nicht Obnoskin ... aber, ich glaube ... Sie können sich nicht auf meinen Beistand verlassen.“

„Ich sehe,“ sagte Misintschikoff ruhig und erhob sich vom Stuhl, „ich sehe, daß Foma Fomitsch und die Großmama Ihre Geduld noch nicht erschöpft haben, und daß Sie, wenn Sie Ihren guten, durch und durch edlen Onkel auch lieben mögen, dennoch nicht genügend begriffen haben, wie sehr er gequält wird. Sie sind hier noch Neuling ... Aber nur ein wenig Geduld! Wenn Sie nur den morgigen Tag noch miterleben, werden Sie schon am Abend einwilligen; denn sonst ist doch Ihr Onkel rettungslos verloren – Sie verstehen mich? Man wird ihn unfehlbar zwingen, Tatjana Iwanowna zu heiraten. Und vergessen Sie nicht, daß er vielleicht morgen schon anhalten wird. Dann werden wir zu spät kommen – man müßte sich also eigentlich schon heute entschließen.“

„Glauben Sie mir, ich wünsche Ihnen den besten Erfolg, aber helfen ... ich weiß nicht recht ...“

„Schon gut. Warten wir bis morgen,“ entschied Misintschikoff mit etwas spöttischem Lächeln. „^La nuit porte conseil.^ Auf Wiedersehen! Ich werde morgen etwas früher zu Ihnen kommen, und Sie überlegen es sich inzwischen ...“

Er ging, irgend etwas vor sich hinpfeifend.

Ich trat fast unmittelbar nach ihm hinaus in den Garten, um mich zu erfrischen. Der Mond war noch nicht aufgegangen. Die Nacht war dunkel, die Luft warm und schwül. Die Blätter der Bäume regten sich nicht. Ungeachtet meiner entsetzlichen Müdigkeit wollte ich etwas gehen, mich zerstreuen und doch wieder meine Gedanken sammeln. Ich war aber noch keine zehn Schritte gegangen, als ich die Stimme meines Onkels vernahm. Er stieg mit einem anderen die Treppenstufen zum Sommerhaus hinan und sprach lebhaft. Ich kehrte sofort zurück und rief ihn. Der andere war Widopljässoff.

XI.

Äußerste Verwunderungen.

„Onkel!“ rief ich, „da sind Sie ja endlich!“

„Freund, ich wollte mich die ganze Zeit losmachen, um zu dir zu kommen. Laß mich jetzt noch den Widopljässoff abfertigen, dann können wir uns ruhig aussprechen. Ich habe dir viel zu erzählen.“

„Wie, Sie wollen sich noch mit Widopljässoff abgeben! Schicken Sie ihn doch zum Teufel, Onkel!“

„Nur noch fünf, höchstens zehn Minuten, und ich gehöre dir allein, Ssergei. Sieh: es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit.“

„Ach, der Kerl kommt doch sicherlich nur mit Dummheiten!“ meinte ich ärgerlich.

„Ja, was soll ich dir nun sagen, mein Bester? Hättest du dir nicht eine andere Zeit wählen können, um mir mit diesen Kleinigkeiten zu kommen! Hast du denn wirklich keine andere Zeit, um deine Klagen vorzubringen, Grigorij? Nun, was kann ich denn für dich tun? Hab doch _du_ wenigstens Mitleid mit mir! Ich werde ja doch von euch sozusagen wie eine Zitrone ausgepreßt, werde lebendig verzehrt, gierig verschlungen! Meine Kraft ist erschöpft, Ssergei!“

Und mein Onkel streckte die Arme auseinander, wie in aussichtsloser Verzweiflung.

„Was ist denn das für eine so wichtige Sache, daß sie sich nicht bis morgen früh aufschieben läßt? Ich hätte es dagegen so dringend nötig, mit Ihnen, Onkel, über Wichtiges zu reden ...“