Sämtliche Werke 16

Part 15

Chapter 153,644 wordsPublic domain

„Das ist wahr, Foma, ich fühle es selbst,“ bestätigte mein Onkel gerührt. „Aber schließlich ist doch nicht alles nur meine Schuld! Ich bin so erzogen worden, habe unter Soldaten gelebt. Aber ich schwöre dir, Foma, auch ich verstand zu fühlen und zu empfinden. Als ich aus meinem Regiment trat und von der Truppe Abschied nahm, da hatten alle meine braven Husaren Tränen in den Augen, mein ganzes Regiment weinte fast, und sie sagten, einen solchen Vorgesetzten würden sie wohl nie wieder bekommen! ... Und so dachte ich damals, daß auch ich vielleicht dennoch kein ganz verlorener Mensch sei.“

„Wieder ein egoistischer Zug! Wieder ertappe ich Sie auf einem Beweise Ihrer Eigenliebe, Sie brüsten sich, und bei der Gelegenheit machen Sie mir noch wegen der Tränen Ihrer Husaren einen Vorwurf. Wie kommt es, daß ich mich niemals mit Tränen anderer brüste? Und doch, und doch – ich hätte so manchen guten Grund dazu.“

„Weißt du, das ist mir nur so entschlüpft, Foma, ich erinnerte mich der alten, guten Zeit – da hielt ich’s denn nicht aus und erzählte es dir jetzt.“

„Die gute Zeit fällt nicht vom Himmel, sondern wir selbst schaffen sie uns: sie ist in unserem Herzen enthalten, Jegor Iljitsch. Weshalb bin ich denn immer glücklich und trotz meiner Leiden zufrieden? Weshalb bin ich ruhig und werde niemandes überdrüssig, ausgenommen vielleicht der Dummköpfe und der sogenannten _Gelehrten_, die ich nicht schone und nie schonen werde. Ich liebe die Dummköpfe nicht. Und was sind denn diese Gelehrten? ‚Ein Mann der Wissenschaft!‘ Seine ganze ‚Wissenschaft‘ besteht ja nur in seiner ‚Gewissenshaft‘! Nun, was hat _er_ denn vorhin gesprochen? Laßt ihn herkommen! Ihn und alle Gelehrten! Ich kann alles widerlegen! Ich werde alle ihre aufgestellten Gesetze widerlegen! Und vom Seelenadel, von allem Edlen – rede ich schon gar nicht!“

„Natürlich, Foma, ich glaube es dir! Wer zweifelt denn überhaupt daran?“

„Vorhin zum Beispiel bewies ich Verstand, Begabung, große Belesenheit, Kenntnisse des Menschenherzens, Kenntnis der zeitgenössischen Literatur, ich zeigte und bewies glänzend, wie ein talentvoller Mensch sogar aus irgendeiner Kamarinskaja ein hohes und interessantes Gespräch entwickeln kann. Und nun frage ich: Hat auch nur einer von ihnen allen das Ganze würdig zu schätzen verstanden? Nein, und nicht genug damit – sie wandten sich obendrein ab! Ich bin ja überzeugt, daß sie Ihnen schon gesagt haben, ich ‚wüßte nichts‘. Dabei hat aber in Wirklichkeit ein zweiter Machiavelli vor ihnen gesessen und ist nur deshalb von ihnen nicht als solcher erkannt worden, weil er noch arm und unbekannt war ... Nein, das soll ihnen nicht durchgehen! ... Ferner habe ich da noch von einem Korowkin gehört. – Was ist das nun wieder für ein Gänserich?“

„O, das ist, weißt du, ein kluger Mensch, ein Mann der Wissenschaft ... Ich erwarte ihn. Der wird dir aber sicherlich gefallen, Foma!“

„Hm! das bezweifle ich. Wahrscheinlich irgend so ein moderner Esel, der mit Bücherweisheit vollgepfropft ist. Die haben keine Seele, Oberst, die haben auch kein Herz! Was aber ist selbst Gelehrtheit, wenn sie keine Tugend hat?“

„Nein, Foma, nein! Wie er über Familienglück redet! – ich sage dir, das Herz begreift es ganz von selbst, Foma!“

„Hm! Warten wir ab; wir können ja auch den Korowkin noch examinieren. Doch jetzt genug,“ schloß Foma, sich erhebend. „Noch kann ich Ihnen nicht ganz verzeihen, Oberst; Sie haben mich bis aufs Blut gekränkt. Aber ich werde beten, vielleicht wird Gott dann meinem gekränkten Herzen Frieden senden. Wir werden morgen noch darüber reden, jetzt aber erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe. Ich bin ermüdet und entkräftet ...“

„Ach, Foma!“ rief mein Onkel erschrocken aus, „nun habe ich dich auch noch ermüdet! Weißt du was, – willst du dich nicht etwas stärken, einen kleinen Imbiß nehmen? Ich werde ihn sofort bestellen.“

„Einen Imbiß nehmen! Hahaha! Einen Imbiß nehmen!“ war Fomas Antwort mit verächtlichem Lachen. „Zuerst wird man mit Gift getränkt, und dann wird man gefragt, ob man nicht einen Imbiß nehmen wolle! Die Wunden, die dem Herzen geschlagen sind, wollen Sie mit irgendwelchen gedämpften Pilzen oder eingemachten Früchten heilen! Was für ein armseliger Materialist Sie doch sind, Oberst!“

„Ach, Foma, ich wollte es doch, bei Gott, nur aus gutem Herzen ...“

„Schon gut. Genug davon. Ich gehe. Sie aber, gehen Sie unverzüglich zu Ihrer Mutter, knien Sie vor ihr nieder, schluchzen Sie, weinen Sie, erflehen Sie ihre Verzeihung, – das ist Ihre Pflicht, das müssen Sie!“

„Ach, Foma, ich habe ja die ganze Zeit nur daran gedacht. Sogar jetzt, als ich mit dir sprach, dachte ich die ganze Zeit daran. Ich bin bereit, bis zum Morgen vor ihr auf den Knien zu liegen. Aber bedenk doch auch, Foma, was man von mir verlangt! Das ist doch ungerecht, das ist doch grausam, Foma! Sei doch großmütig, mach mich vollkommen glücklich, denk doch nur nach, erlöse mich, und dann ... dann ... ich schwöre dir ...“

„Jegor Iljitsch, das ist nicht meine Sache,“ antwortete Foma. „Sie wissen, daß ich mich in diese Angelegenheit überhaupt nicht hineinmische. Das heißt, Sie sind ja, sagen wir, überzeugt, daß ich die Ursache sei; aber ich versichere Ihnen, daß ich mich von Anfang an vollkommen davon zurückgezogen und nichts damit zu tun habe und haben will. Hier handelt es sich einzig und allein um den Willen Ihrer Frau Mutter, sie aber will natürlich nur Ihr Bestes ... So gehen Sie denn hin, eilen Sie, und machen Sie Ihre Schuld durch vollkommenen Gehorsam wenigstens teilweise wieder gut ... Lasset nicht die Sonne über eurem Zorne untergehen! Ich aber ... ich werde die ganze Nacht für Sie beten. Schon seit langem weiß ich nicht mehr, was Schlaf ist, Jegor Iljitsch. Leben Sie wohl! Auch dir verzeihe ich, Alter,“ sagte er, zu Gawrila gewandt. „Ich weiß, daß du nicht aus eigenem Antriebe Böses getan hast. Vergib also auch du mir, wenn ich dir etwas zuleide getan haben sollte ... Lebt wohl, lebt alle wohl, und der Herr segne euch! ...“

Foma entfernte sich. Ich trat ins Zimmer.

„Du hast gelauscht!“ rief mein Onkel aus.

„Ja, Onkel, ich habe gelauscht! Und Sie, Sie konnten ‚Exzellenz‘ zu ihm sagen! ...“

„Was sollte ich tun, Freund! Ich bin sogar stolz darauf, daß ich es getan habe ... Das ist ja noch nichts im Vergleich zu seiner großen Heldentat! Welch ein edler, uneigennütziger, erhabener Mensch! Ssergei – du hast ja zugehört – so sag du mir doch, wie konnte ich da nur mit dem Gelde kommen! Ich begreife mich selbst nicht! Aber ich war nicht bei klarer Vernunft, ich war aufgebracht, ich verstand ihn nicht, ich beargwöhnte ihn, beschuldigte ihn ... Doch nein! – er konnte nicht mein Gegner sein – das begreife ich jetzt vollkommen ... Aber weißt du, hast du gesehen, welch einen edlen Ausdruck sein Gesicht hatte, als er das Geld zurückwies?“

„Gut, Onkel, seien Sie so stolz, wie Sie nur wollen, ich aber reise morgen: meine Geduld ist zu Ende! Zum letzten Male frage ich Sie: was verlangen Sie von mir? Wozu haben Sie mich hergerufen, und was erwarten Sie von mir? Und wenn nun alles zu Ende und besiegelt ist und ich Ihnen zu nichts mehr nütze bin – dann fahre ich eben. Ich ertrage solche Schaustücke nicht! Heute noch reise ich ab!“

„Freund,“ sagte mein Onkel eifrig, wie es so seine Art war, „wart nur noch zwei Minuten: ich werde jetzt zu meiner Mutter gehen ... ich muß dort zuerst ins reine kommen ... es ist eine wichtige, große, eine entscheidende Sache! ... Du aber geh in dein Zimmer und erwarte mich dort. Hier, Gawrila wird dich ins Sommerhaus führen. Du erinnerst dich doch noch? Es liegt dort mitten im Garten. Ich habe schon alles angeordnet, auch dein Koffer ist hingeschafft worden. Ich werde jetzt schnell zu meiner Mutter gehen, nur ihre Verzeihung erwirken, mich rasch entschließen – jetzt weiß ich, wie ich es anfassen muß –, und dann komme ich sofort zu dir und erzähle dir alles, alles, alles bis aufs Letzte, werde meine ganze Seele vor dir ausschütten! Und ... und auch wir werden noch einmal glückliche Tage erleben! ... Zwei Minuten, nur zwei Minuten, Ssergei!“

Er drückte meine Hand und verließ eilig das Zimmer. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich von Gawrila ins Sommerhaus führen zu lassen.

X.

Misintschikoff.

Das Sommerhaus, in dem man für mich ein Zimmer eingeräumt hatte, wurde aus alter Gewohnheit noch immer „das neue Haus“ genannt, obgleich es schon vor langen Jahren, noch von den früheren Besitzern des Gutes Stepantschikowo erbaut worden war. Es war dies ein nettes, einstöckiges Holzgebäude, das nicht weit vom Herrenhause im Garten lag. Von drei Seiten umstanden das Sommerhäuschen alte, hohe Lindenbäume, deren Äste das Dach überragten. Alle vier Zimmer dieses Sommerhauses waren gut möbliert und ausschließlich für etwaigen Besuch bestimmt. Als ich mich in dem mir zugewiesenen Gemach umsah, bemerkte ich zuerst meinen Koffer und dann auf dem Nachttisch neben dem Bett einen Bogen Postpapier, das von einem wahren Meister in der Schönschreibekunst beschrieben und mit Girlanden und Schnörkeln überreich verziert war. Die Anfangsbuchstaben und die Blumengewinde leuchteten sogar in bunten Farben. Alles in allem war es eine bewundernswerte kalligraphische Arbeit. Schon aus den ersten Zeilen ersah ich, daß es ein an mich gerichteter Bittbrief war, in dem ich ein „aufgeklärter Wohltäter“ genannt wurde. Als Überschrift stand: „Widopljässoffs Wehklagen.“ Wie sehr ich aber auch meine Aufmerksamkeit anstrengte, um wenigstens etwas von dem ganzen Schreiben zu begreifen, so waren doch alle meine Bemühungen umsonst: es war der reinste Blödsinn in hochtrabendem Dienerstil. Ich erriet nur ungefähr, daß Widopljässoff sich in einer bedauernswerten Lage befand, meine Hilfe erbat und in irgendwelchen Dingen große Hoffnungen auf mich setzte – „von wegen Eurer Bildung ...“ Zum Schluß bat er mich dann noch, zu seinen Gunsten auf meinen Onkel einzuwirken, und zwar – „kraft Eurer Maschine“, wie es buchstäblich in der letzten Zeile dieses Handschreibens geschrieben stand. Ich war noch in die Lektüre vertieft, als die Tür aufging und Iwan Iwanytsch Misintschikoff, mein Vetter dritten Grades, in das Zimmer trat.

„Ich hoffe, Sie werden mir gestatten, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ sagte er ungezwungen, doch äußerst höflich, und er reichte mir die Hand. „Vorhin habe ich Ihnen keine zwei Worte sagen können, und doch empfand ich schon im ersten Augenblick den Wunsch, Sie näher kennen zu lernen.“

Ich antwortete ihm sogleich, daß auch ich mich freue usw., obschon ich mich in der miserabelsten Laune befand.

Wir setzten uns.

„Was haben Sie denn da?“ fragte er, nach einem Blick auf das Blatt, das ich noch in der Hand hielt. „Etwa ‚Widopljässoffs Wehklagen‘? Na, natürlich! Ich war ja überzeugt, daß Widopljässoff unfehlbar auch Sie attackieren würde. Mir hat er gleichfalls so ein wunderbar bemaltes Blatt mit denselben ‚Wehklagen‘ überreicht. Sie sind von ihm wohl schon lange sehnsüchtig erwartet worden, so daß er Zeit genug gehabt hat, inzwischen dieses Gemälde herzustellen. Doch können Sie sich die Mühe sparen, sich darüber zu wundern: hier gibt es viel Sonderbares, und wenn man Lust zum Lachen hat, fände sich eine Unmenge Stoff dazu.“

„Nur zum Lachen?“

„Na, doch nicht etwa zum Weinen? Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen Widopljässoffs Leben erzählen, und ich wette, daß Sie lachen werden.“

„Offen gestanden, es ist mir jetzt nicht um Widopljässoff zu tun,“ antwortete ich etwas ungehalten.

Es war mir vollkommen klar, daß der Besuch Herrn Misintschikoffs und sein liebenswürdiges Gespräch – einen besonderen Zweck verfolgten und mein Herr Vetter dritten Grades sehr einfach meiner bedurfte. Im Teesalon hatte er finster und ernst ausgesehen, und nun war er plötzlich so aufgeräumt und sogar bereit, lange Geschichten zu erzählen. Man sah es ihm sofort an, daß er sich vorzüglich zu beherrschen verstand und, wie mir schien, ein Menschenkenner war.

„Dieser verdammte Foma!“ knirschte ich wütend und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich bin überzeugt, daß nur er allein die Quelle alles Übels hier ist, und daß jede Verrücktheit sich auf ihn zurückführen läßt! Dieser verfluchte Spitzbube!“

„Sie haben sich ja, wie es scheint, sehr über ihn geärgert,“ bemerkte Misintschikoff.

„Sehr über ihn geärgert!“ Ich geriet plötzlich in Wut. „Ich weiß, ich habe mich heute nachmittag hinreißen lassen und somit jedem das Recht gegeben, mich abfällig zu beurteilen. Ich sehe es jetzt sehr wohl ein, daß ich unnützerweise aus mir herausgegangen bin und in jeder Beziehung schlecht abgeschnitten habe; aber ich denke, es ist zum mindesten überflüssig, mir das obendrein noch zu verstehen zu geben! ... Auch begreife ich vollkommen, daß man so etwas in guter Gesellschaft nicht tut; aber, sagen Sie doch selbst, war es denn überhaupt möglich, nicht aus der Haut zu fahren? Das ist ja hier eine Irrenanstalt, genau genommen! und ... und ... schließlich ... Ach was! Ich fahre einfach fort und damit basta!“

„Rauchen Sie?“ fragte Misintschikoff ruhig.

„Ja.“

„Dann werden Sie hoffentlich nichts dagegen haben, wenn auch ich rauche. Dort wird es nicht gestattet. Ich bin schon auf dem besten Wege, darüber melancholisch zu werden. Ich gebe gern zu,“ fuhr er fort, nachdem er sich eine Zigarette angesteckt hatte, „daß hier manches stark an eine Irrenanstalt erinnert; doch seien Sie versichert, daß ich mir nicht erlauben werde, Sie oder Ihr Auftreten zu verurteilen, und zwar deshalb nicht, weil ich an Ihrer Stelle vielleicht noch dreimal mehr in Wut geraten oder aus der Haut gefahren wäre als Sie vorhin.“

„Aber warum taten Sie es dann nicht, wenn Sie wirklich so ungehalten waren? Ich entsinne mich, im Gegenteil, noch ganz genau, daß Sie sehr kaltblütig waren. Ich will Ihnen sogar ganz offen sagen – es wunderte mich, daß Sie für meinen armen Onkel nicht eintraten, ihn nicht verteidigten, da er doch soviel Gutes ... allen und jedem erweist!“

„Sie haben recht: er hat vielen Gutes getan. Doch für ihn einzutreten, das halte ich in diesem Fall für vollkommen nutzlos: erstens würde es ihm nichts helfen und hätte gewissermaßen sogar etwas Erniedrigendes für ihn – und zweitens würde man mich dann am nächsten Tage vor die Tür setzen. Und nun will auch ich Ihnen etwas ganz offen gestehen: nämlich, daß meine Verhältnisse augenblicklich derart sind, daß ich die Gastfreundschaft, die ich hier genieße, sehr hoch einschätzen muß.“

„Ich verlange von Ihnen durchaus keine Aufschlüsse über Ihre Verhältnisse ... Aber übrigens, ich würde Sie gern etwas fragen wollen, da Sie ja doch schon einen ganzen Monat hier leben ...“

„Haben Sie die Güte, fragen Sie nur: ich stehe Ihnen jederzeit zu Diensten,“ antwortete Misintschikoff bereitwillig und rückte seinen Stuhl näher zu mir.

„Erklären Sie mir, bitte, eines: soeben hat Foma Fomitsch fünfzehntausend Rubel, die er bereits in der Hand hielt, verschmäht – ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“

„Wie das? Ist’s möglich!“ Misintschikoff war erstaunt. „Erzählen Sie doch, bitte!“

Ich erzählte, was ich gesehen und gehört hatte, verschwieg aber alles, was sich auf „Eure Exzellenz“ bezog. Misintschikoff hörte mir mit lebhafter Neugier zu; sein ganzes Gesicht schien sich zu verändern, als ich auf die Einhändigung der fünfzehn Tausend zu sprechen kam.

„Raffiniert!“ sagte er, als ich meine Erzählung beendet hatte. „Das hätte ich eigentlich von Foma gar nicht erwartet.“

„Jedenfalls – er hat das Geld zurückgewiesen! Wie soll man sich das erklären? Doch nicht mit seinem Seelenadel?“

„Er hat fünfzehn Tausend zurückgewiesen, um später dreißig Tausend zu nehmen. Übrigens – wissen Sie!“ fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu, „ich bezweifle es, daß Foma eine bestimmte Berechnung gehabt habe. Er ist doch ein unpraktischer Mensch – er ist in seiner Art gleichfalls so etwas wie ein Dichter. Fünfzehn Tausend ... hm! Sehen Sie: er hätte das Geld sicherlich genommen und behalten, nur: er widerstand nicht der Versuchung, Theater zu spielen, sich zu verstellen, sich in schönem Lichte zu zeigen. Ich sage Ihnen, er ist nichts als ein unendlich saurer, tränenreicher Schwamm bei unbegrenzter Eigenliebe!“

Misintschikoff geriet beinahe in Wut. Man sah es ihm an, daß er sich aufrichtig ärgerte; ja, es schien mir sogar, als beneide er Foma wegen der angebotenen fünfzehn Tausend. Ich beobachtete ihn genau.

„Hm! Dann muß man großer Veränderungen gewärtig sein,“ meinte er nachdenklich. „Jegor Iljitsch ist ja bereit, Foma anzubeten. Was kann man wissen ... vielleicht wird er sie noch heiraten – einfach aus Herzensrührung,“ sprach er durch die Zähne vor sich hin.

„So glauben Sie, daß diese schändliche, diese widernatürliche Ehe mit diesem übergeschnappten, verdrehten Frauenzimmer wirklich zustande kommen wird?“

Misintschikoff warf mir einen forschenden Blick zu.

„Diese Schurken!“ rief ich heftig aus. Er schwieg.

„Übrigens haben sie es verstanden, ihre Idee recht gut zu begründen,“ bemerkte Misintschikoff. „Sie behaupten nämlich, daß er doch irgend etwas für die Familie tun müsse.“

„Als ob er noch zu wenig für sie getan hätte!“ Ich war empört. „Und auch Sie, auch Sie wagen noch zu sagen, daß es eine vernünftige Idee sei – eine dumme Gans zu heiraten!“

„O, ich stimme mit Ihnen darin vollkommen überein, daß sie eine dumme Gans ist ... Hm! Es freut mich, daß Sie Ihren Onkel so lieben ... auch ich kann es nachfühlen ... obschon man mit ihrem Gelde das Gut prächtig vergrößern könnte. Aber sie haben außerdem noch andere Gründe: sie fürchten, daß Jegor Iljitsch die Erzieherin seiner Kinder heiraten könnte – Sie entsinnen sich doch noch des interessanten jungen Mädchens, das nach Iljuscha eintrat?“

„Aber ... aber ist denn das möglich? Ist denn das anzunehmen?“ fragte ich erregt. „Es scheint mir vielmehr eine Verleumdung zu sein. Sagen Sie doch, um Gottes willen, es interessiert mich über alle Maßen ...“

„O, er ist bis über die Ohren verliebt! Nur verbirgt er es selbstredend.“

„Verbirgt es! Sie glauben, er will es verbergen? Nun, aber sie? Liebt auch sie ihn?“

„Sehr leicht möglich, daß auch sie ihn liebt. Und zudem sind ja alle Vorteile auf ihrer Seite: sie ist sehr arm.“

„Aber welche Anhaltspunkte haben Sie, um hier eine gegenseitige Liebe zu vermuten?“

„Da müßte man ja blind sein, wenn man das nicht sehen wollte. Hinzu kommt, daß sie, glaube ich, sich heimlich treffen. Es ist sogar behauptet worden, daß sie unerlaubte Beziehungen unterhielten. Aber erzählen Sie das, ich bitte Sie, nicht weiter. Ich sage es Ihnen nur unterm Siegel der strengsten Verschwiegenheit.“

„Wie kann man nur an so etwas glauben!“ rief ich unwillig aus. „Und Sie geben zu, daß Sie diesem Märchen Glauben schenken?“

„Selbstverständlich glaube ich es nicht ganz, ich bin nicht dabei gewesen. Aber es kann sehr leicht möglich sein.“

„Was! es kann möglich sein! Denken Sie doch nur an die Ehrenhaftigkeit, an die Ehre meines Onkels!“

„Einverstanden. Aber man kann sich doch vergessen – kann sich damit beruhigen, daß man später mit der Heirat unfehlbar alles wieder gutmachen wird. Das kommt ja häufig vor ... so läßt man sich denn hinreißen. Doch ich sage nochmals, daß ich durchaus nicht für die vollkommene Glaubwürdigkeit dieser Gerüchte einstehe, um so weniger, als man das Mädchen hier schon zur Genüge in den Schmutz zu ziehen versucht hat. So wurde zum Beispiel auch erzählt, daß sie mit Widopljässoff ein Verhältnis habe.“

„Mit Widopljässoff! – Da sehen Sie es ja! Ist das überhaupt denkbar? Ist es denn nicht ekelhaft, so etwas auch nur zu hören? Und Sie glauben es?“

„Ich sage Ihnen doch, daß ich es nicht glaube,“ antwortete Misintschikoff ruhig, „aber schließlich – hätte es ja auch vorkommen können. In der Welt kann alles vorkommen. Ich aber bin nicht zugegen gewesen, und überdies finde ich, daß es mich nichts angeht. Da Sie aber, wie ich sehe, an allen Dingen, die mit Ihrem Onkel zu schaffen haben, so lebhaften Anteil nehmen, so halte ich es für meine Pflicht, ausdrücklich hinzuzufügen, daß dieses Verhältnis mit Widopljässoff allerdings sehr wenig Wahrscheinliches für sich hat. Das ganze Gerücht scheint vielmehr nur ein Machwerk Anna Nilownas zu sein – der Perepelizyna. Sie hat natürlich nur aus Neid diesen ganzen Klatsch verbreitet, da sie früher selbst davon geträumt hat, Jegor Iljitsch zu heiraten – bei Gott! – und zwar, wie ich glaube, hauptsächlich deshalb, weil sie selbst die Tochter eines Majors ist. Jetzt hat sie ihre Hoffnung aufgeben müssen, und so ist auch ihre Wut danach. Doch, ich glaube – ich habe Ihnen bereits alles erzählt und dieses Thema erschöpft, und – offen gestanden – ich bin nichts weniger als ein Freund von solchen Klatschgeschichten. Außerdem verlieren wir über diesem Geschwätz die kostbare Zeit. Ich bin, sehen Sie mal, ich bin mit einer kleinen Bitte zu Ihnen gekommen.“

„Mit einer Bitte? O, ich bin gern zu allem bereit, was ich für Sie tun kann ...“

„Besten Dank; ich hoffe sogar, Sie gewissermaßen mit meinem Anliegen zu interessieren; denn wie ich sehe, lieben Sie Ihren Onkel und nehmen großen Anteil an seinem Schicksal, namentlich bezüglich seiner zukünftigen Ehe. Doch, vor _dieser_ Bitte habe ich noch eine andere Bitte an Sie.“

„Und das wäre?“

„Folgendes. Vielleicht werden Sie einwilligen, meine Hauptbitte zu erfüllen, vielleicht aber auch nicht. Daher würden Sie mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie die Güte hätten, mir vorher Ihr Ehrenwort als Edelmann und Ehrenmann zu geben, daß alles, was Sie von mir hören werden, zwischen uns bleibt, als größtes Geheimnis, und daß Sie in keinem Fall und mit Ausnahme keiner einzigen Person dieses Geheimnis verraten werden, sowie ferner, daß Sie die betreffende Idee nicht für sich benutzen werden, diese Idee, die ich jetzt notwendigerweise Ihnen mitteilen muß. Sind Sie damit einverstanden?“

Die Einleitung war recht feierlich. Ich erklärte mich mit seinen Bedingungen einverstanden.

„Nun, und?“ fragte ich dann.

„Die Sache ist im Grunde sehr einfach,“ begann Misintschikoff. „Ich will, sehen Sie mal ... ich will Tatjana Iwanowna entführen und sie dann heiraten. Kurz, es soll etwas in der Art eines spanischen Romans werden – Sie verstehen mich doch?“

Ich blickte Herrn Misintschikoff unverwandt in die Augen, und es dauerte etwas, bis ich die ersten Worte fand.

„Ich ... ich begreife nicht ...“ sagte ich endlich; „und außerdem,“ fuhr ich fort, „außerdem, da ich es mit einem vernünftigen Menschen zu tun zu haben glaubte ... habe ich keineswegs erwartet ...“

„Erwartet oder nicht erwartet,“ unterbrach mich Misintschikoff, „ins Unverblümte übersetzt, heißt das ungefähr soviel wie: daß sowohl ich wie mein Vorhaben dumm ist, nicht wahr?“

„Aber durchaus nicht ... nur ...“

„O, bitte sehr, tun Sie sich in Ihren Ausdrücken keinen Zwang an. Beunruhigen Sie sich nicht. Sie erweisen mir damit sogar ein großes Entgegenkommen; denn so gelangen wir schneller zum Ziel. Ich gebe übrigens gern zu, daß mein ganzer Plan so auf den ersten Blick etwas sonderbar erscheinen muß. Doch ganz abgesehen davon, versichere ich Sie, daß meine Absicht nicht nur keineswegs dumm, sondern sogar höchst vernünftig ist. Und wenn Sie so freundlich sein wollen, zuerst die Klarlegung der Verhältnisse anzuhören, so ...“

„O, bitte – ich bin sehr gespannt.“