Part 21
Als ich Ihren Brief las, wunderte ich mich nicht wenig. Sie schreiben von Jewgenij Nikolajewitsch, bitten ihm eine Andeutung zukommen zu lassen, erwähnen aber mit keiner Silbe, weshalb und warum. Vorsicht ist ja freilich ganz lobenswert, aber mein Papier ist schließlich ebensoviel wert, wie Ihres, von mir aber weiß ich wenigstens, daß ich wichtige Papiere nicht meiner Frau zu Papilloten gebe. Ich begreife nicht, um es endlich auszusprechen, in welchem Sinne Sie mir eigentlich dies alles zu schreiben beliebt haben. Und überdies, da nun einmal die Rede davon ist: weshalb ziehen Sie denn mich in diese ganze Angelegenheit hinein? Ich habe keine Lust, meine Nase in alles und jedes hineinzustecken. Sie können ihm doch ebensogut selbst eine Absage geben! Ich sehe vorläufig nur das eine: daß ich mich mit Ihnen deutlicher auseinandersetzen muß. Inzwischen aber vergeht die Zeit. Ich muß mich sehr einschränken und weiß nicht, was ich tun soll, wenn Sie gewisse Bedingungen nebst Ihrem Versprechen nicht aufrechterhalten. Die Reise läßt sich nicht aufschieben, und Reisen kostet Geld. Außerdem quält einen noch die Frau, die mit aller Gewalt einen Samtmantel nach der neuesten Mode haben will. Was jedoch Jewgenij Nikolajewitsch betrifft, so beeile ich mich, Ihnen folgendes zu bemerken: habe gestern, ohne viel Zeit zu verlieren, gleich nochmals Erkundigungen über ihn eingezogen, als ich bei Pawel Ssemjonytsch Perepalkin auf Sie wartete. Er besitzt rund 500 Seelen im Jaroslawschen Gouvernement, und von der Großmutter hat er Aussicht, noch ein Gut in der Nähe von Moskau mit 300 Seelen zu erben. Wieviel er an barem Gelde besitzt, weiß ich nicht, denke aber, daß Sie hierüber selber besser Bescheid wissen dürften. Bitte Sie ferner, mir endgültig Ort und Zeit eines Zusammentreffens anzugeben. Sie schreiben, Iwan Andrejewitsch habe Ihnen gesagt, daß ich mit meiner Frau im Alexandertheater anzutreffen sei. Darauf kann ich nur erwidern, daß es Iwan Andrejewitsch nicht sehr auf die Wahrheit anzukommen scheint und man ihm und seinen Worten um so weniger Glauben schenken darf, als er noch vor nicht länger als drei Tagen seine eigene Großmutter um achthundert Rubel betrogen hat.
Habe die Ehre usw.
P. S. Meine Frau ist in anderen Umständen, außerdem ist sie schreckhaft und zeitweilig zur Melancholie geneigt. In den Theatern aber wird auf der Bühne zuweilen geschossen, oder künstlich, mit allerlei Maschinen, Donner erzeugt. Und deshalb, um meine Frau nicht der Gefahr des Erschreckens auszusetzen, besuche ich mit ihr keine Theater. Auch bin ich selbst kein großer Liebhaber theatralischer Aufführungen.
III.
(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)
Teuerster Iwan Petrowitsch, bester Freund!
Verzeihen Sie, verzeihen Sie, ich bitte Sie tausendmal um Vergebung, doch will ich mich ungesäumt rechtfertigen, soweit ich es kann.
Gestern, kurz vor sechs Uhr, gerade als wir in aufrichtigem Mitleid Ihrer gedachten, erschien ein Abgesandter von meinem Onkel Stepan Alexejewitsch, mit der Nachricht, daß es mit der Tante schlimm stehe. Um meine Frau nicht aufzuregen, sagte ich ihr kein Wort davon und fuhr unter dem Vorwande, etwas Unaufschiebbares vorzuhaben, zu meiner Tante. Mit dieser stand es in der Tat schlimm genug: kurz vor fünf hatte sie wieder einen Schlaganfall gehabt, den dritten im Laufe der letzten zwei Jahre. Karl Fedorytsch, ihr Hausarzt, erklärte, daß sie vielleicht nicht einmal diese Nacht überleben werde. Stellen Sie sich also meine Lage vor, verehrtester Freund! Die ganze Nacht auf den Beinen, Laufereien über Laufereien und obendrein noch Sorgen! Erst gegen Morgen streckte ich mich, völlig erschöpft, und zwar sowohl psychisch als physisch, bei meinem Onkel ein wenig auf dem Diwan aus, vergaß aber, vorher zu sagen, daß man mich rechtzeitig wecken solle, und erwachte erst um halb zwölf. Der Tante ging es besser. So fuhr ich denn nach Haus: meine Frau – nun, Sie können sich denken: die arme Seele hatte die ganze Nacht in der Ungewißheit über meinen Verbleib in begreiflicher Aufregung schlaflos zugebracht. Ich nahm ein paar Bissen, küßte das Kind, beruhigte meine Frau und begab mich zu Ihnen. Sie waren nicht zu Hause. Statt Ihrer traf ich bei Ihnen Jewgenij Nikolajewitsch an. Dann kam ich nach Haus zurück und jetzt sitze ich und schreibe an Sie. Murren Sie nicht und ärgern Sie sich nicht über mich, mein bester Freund! Schlagen Sie, fällen Sie mir meinetwegen das schuldige Haupt von den Schultern, nur entziehen Sie mir nicht Ihre Freundschaft. Von Ihrer Frau erfuhr ich, daß Sie am Abend bei Sslawjänoffs sein werden. Werde unbedingt auch hinkommen. Ich erwarte Sie mit größter Ungeduld.
Inzwischen verbleibe ich usw.
P. S. Unser Kleiner bringt uns fast zur Verzweiflung! Karl Fedorytsch hat ihm ein Abführmittelchen verordnet. Er fiebert, weint, gestern hat er niemand erkannt. Heute erkennt er uns zum Glück und stammelt wieder „Papa“, „Mama“ und schreit sein „Bu–ah“. Meine Frau ist in Tränen.
IV.
(Iwan Petrowitsch an Pjotr Iwanowitsch.)
Sehr geehrter Pjotr Iwanytsch!
Schreibe an Sie bei Ihnen, in Ihrem Zimmer, an Ihrem eigenen Schreibtisch; bevor ich jedoch die Feder ergriff, habe ich gute zweieinhalb Stunden auf Sie gewartet. Jetzt erlauben Sie mir aber, Ihnen, Pjotr Iwanytsch, in betreff dieser ganzen garstigen Angelegenheit einmal rückhaltlos meine Meinung zu sagen.
Aus Ihrem letzten Schreiben schloß ich, daß man Sie bei Sslawjänoffs erwartete und daß Sie mich quasi hinbestellten: ich erscheine also, warte geschlagene fünf Stunden, doch wer nicht kommt – sind Sie. Wie, soll ich mich zum Narren machen lassen? um fremde Menschen zu erheitern? oder was verlangen Sie von mir? Erlauben Sie, mein Herr ...
Doch weiter: ich komme zu Ihnen am frühen Morgen, in der Annahme, Sie noch in Ihren vier Pfählen anzutreffen, und ahme also nicht gewisse und gelinde ausgedrückt irreführende Leute nach, die ihre Bekannten Gott weiß wo und in welchen Lokalen suchen, während man sie zu jeder anständig gewählten Tageszeit in ihrem Heim finden kann. Doch ich hatte nicht das Vergnügen, Sie in Ihrem Hause anzutreffen. Ich weiß nicht, was mich noch immer abhält, Ihnen unumwunden die Wahrheit zu sagen. Ich begnüge mich also mit der Bemerkung, daß Sie gerade kein Mann von Wort zu sein scheinen und daß Sie Ihr Versprechen jetzt wohl zurückziehen und gewisse Verabredungen und Bedingungen anscheinend verleugnen wollen. Nach Erwägung Ihres ganzen Verhaltens mir gegenüber, kann ich Ihnen nur gestehen, daß ich mich über Ihre Schlauheit entschieden wundern muß. Denn jetzt ist es mir vollkommen klar, daß Sie diese häßliche Absicht schon seit langer Zeit hegen. Für die Richtigkeit meiner Annahme dürfte als bester Beweis die Tatsache sprechen, daß Sie sich noch in der vorigen Woche in einer nahezu unstatthaften Weise jenes von Ihnen an mich gerichteten Briefes bemächtigt haben, in dem Sie selbst – zwar ziemlich dunkel und versteckt – die Bedingungen einer gewissen, Ihnen wohl noch erinnerlichen Abmachung schwarz auf weiß niedergeschrieben haben. Sie fürchten also Dokumente, vernichten sie und wollen mich an der Nase herumführen, wie’s scheint. Das aber werde ich nicht zulassen, denn bisher hat mich noch niemand für einen Narren gehalten, vielmehr hat ein jeder nur Gutes über mich geäußert. Jetzt sind mir die Augen geöffnet. Sie wollen mich irreführen, wollen mir mit Ihren Andeutungen in betreff Jewgenij Nikolajewitschs Sand in die Augen streuen, und während ich nach Ihrem mir bis jetzt noch unverständlichen Brief vom Siebenten dieses Monats eine Aussprache mit Ihnen suche, lassen Sie mich bald hierhin, bald dorthin zu einem Stelldichein laufen, zu dem Sie selbst gar nicht erscheinen: ja ganz augenscheinlich suchen Sie sich vor mir absichtlich zu verbergen. Sie denken wohl, mein Herr, daß ich unfähig sei, Ihre Ränke zu durchschauen? Sie versprechen mir alles mögliche für meine Ihnen sehr gut bekannten Dienstleistungen, versprechen Empfehlungen an verschiedene Personen usw., indessen verstehen Sie aber in einer mir selbst rätselhaften Art und Weise es so einzurichten, daß Sie sich sogar mit dem Anschein einer gewissen Berechtigung noch Geld von mir leihen und zwar in beträchtlicher Höhe und ohne irgendwelche Sicherheiten Ihrerseits, also einzig auf geheuchelte Freundschaft hin, wie dies noch in der jüngstvergangenen Woche geschehen ist. Jetzt jedoch, nachdem Sie das Geld erhalten haben, verbergen Sie sich vor mir und scheinen überdies von jenem Dienst nichts mehr wissen zu wollen, den ich Ihnen erwiesen, indem ich Sie mit Jewgenij Nikolajewitsch bekannt machte. Vielleicht rechnen Sie auf meine baldige Reise nach Ssimbirsk und hoffen, daß es vorher nicht zur Abrechnung zwischen uns kommen werde. Doch wenn das der Fall ist, dann erkläre ich Ihnen hiermit feierlichst und bekräftige es mit meinem Ehrenwort, daß ich, wenn es darauf hinausläuft, bereit bin, meinetwegen noch ganze zwei Monate in Petersburg zu verbleiben, daß ich mein Ziel aber erreichen und Sie schon aufzufinden wissen werde. Auch ich verstehe mitunter, einem Menschen zum Trotz etwas durchzusetzen. Zum Schluß jedoch erkläre ich Ihnen, daß ich, wenn Sie mir nicht heute noch befriedigende Erklärungen geben – zunächst schriftlich, nachher mündlich, unter vier Augen – und wenn Sie mir in Ihrem Brief nicht alle die Hauptbedingungen, die zwischen uns vereinbart wurden, schwarz auf weiß bestätigen und mir endlich nicht länger Ihre Hintergedanken bezüglich Jewgenij Nikolajewitschs vorenthalten: daß ich mich dann gezwungen sehe, Maßregeln zu ergreifen, die Ihnen gewiß sehr unangenehm und auch mir nichts weniger als angenehm sein werden.
Gestatten Sie, daß ich verbleibe usw.
V.
(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)
11. November.
Mein bester, verehrtester Freund Iwan Petrowitsch!
Ihr Brief hat mich in tiefster Seele betrübt. Und Sie, der Sie mein bester, doch leider nur zu leicht ungerechter Freund sind, Sie schämen sich nicht, mir, der ich Ihnen doch von allen am meisten zugetan bin, so etwas zu schreiben – so übereilt zu urteilen, das Ganze nicht einmal zu erklären und mich dann mit so beleidigendem Argwohn zu kränken?
Doch ich beeile mich, Ihnen Rede zu stehen und Ihre Anschuldigungen von mir zu weisen.
Sie, Iwan Petrowitsch, haben mich gestern nur deshalb nicht dort angetroffen, weil ich ganz plötzlich und unvorhergesehenermaßen an ein Sterbelager gerufen wurde. Meine Tante Jewfimija Nikolajewna ist nämlich gestern um elf Uhr nachts sanft entschlafen. Zum Anordner der sämtlichen traurigen Obliegenheiten wurde ich durch einstimmigen Beschluß meiner Verwandten gewählt. Da gab es denn für mich so viel zu tun, daß ich Sie heute unmöglich treffen, ja nicht einmal ein paar Zeilen an Sie schreiben konnte. So tut mir das Mißverständnis, zu dem es zwischen uns gekommen ist, in der Seele leid. Meine Bemerkung über Jewgenij Nikolajewitsch, die von mir scherzhaft und mehr so nebenbei geäußert war, haben Sie ganz falsch verstanden und der Geschichte einen mich tief kränkenden Sinn untergeschoben. Sie kommen auch auf das Geld zu sprechen und verbergen nicht Ihre Befürchtungen. Was diese letzteren betrifft, so bin ich bereit, allen Ihren Wünschen und Forderungen nachzukommen, doch möchte ich Sie heute nur kurz daran erinnern, daß das Geld, die 350 Rubel, von mir in der vorigen Woche ausdrücklich nur unter gewissen Bedingungen von Ihnen genommen worden sind, und zwar nicht als Darlehn! In diesem Falle hätten Sie von mir unbedingt einen Wechsel oder eine Quittung erhalten. Zu einer Erörterung der weiteren von Ihnen angeführten Punkte will ich mich nicht herablassen. Ich sehe, daß alles nur auf einem Mißverständnis Ihrerseits beruht, erkenne darin Ihre gewohnte Übereiltheit in der Beurteilung menschlicher Verhältnisse, Ihre Hitzigkeit und rücksichtslose Offenheit. Ich weiß jedoch, daß Ihr Gerechtigkeitssinn und Ihr ehrlicher Charakter nicht lange bei solchem Mißtrauen verbleiben und Sie mir noch einmal als erster die Hand zur Versöhnung reichen werden. Sie sind in einem Irrtum befangen, Iwan Petrowitsch, in einem sehr großen Irrtum!
Doch ungeachtet dessen, daß Ihr Brief mich tief verletzt hat, wäre ich als erster bereit, heute noch mit meiner Entschuldigung zu Ihnen zu kommen, nur habe ich leider so viel zu tun – heute sogar noch mehr als gestern – daß ich schon halbtot bin und mich kaum noch auf den Füßen zu halten vermag. Zur Vollendung meines Unglücks hat sich nun auch noch meine Frau zu Bett legen müssen: ich befürchte eine ernste Krankheit. Was den Kleinen betrifft, so geht es ihm jetzt Gott sei Dank etwas besser. Doch ich schließe ... Die Geschäfte wollen erledigt sein und ich habe ihrer mehr als einen ganzen Berg!
Verbleibe, teuerster Freund,
Ihr usw.
VI.
(Iwan Petrowitsch an Pjotr Iwanowitsch.)
14. November.
Sehr geehrter Herr!
Drei Tage habe ich gewartet; habe mich bemüht, sie nützlich zu verbringen – indem ich, eingedenk der Regel, daß Höflichkeit und Anstand die erste Zierde eines jeden Menschen sind, Sie nach meinem letzten Schreiben vom Zehnten dieses Monats weder mit einem Wort noch einer Tat an mich erinnerte, einesteils um Ihnen Zeit zu geben, ungestört Ihrer Christenpflicht der Tante gegenüber nachzukommen, anderenteils auch deshalb, weil ich zu gewissen Erwägungen und Ermittelungen in der bewußten Angelegenheit selbst der Zeit bedurfte. Jetzt jedoch will ich nicht mehr zögern, mich endgültig und entschieden mit Ihnen auszusprechen.
Ich gestehe Ihnen offen, daß ich beim Lesen Ihrer zwei ersten Briefe allen Ernstes der Meinung war, Sie hätten wirklich nicht begriffen, was ich wollte; es war dies denn auch hauptsächlich der Grund, weshalb ich Sie unbedingt zu treffen und unter vier Augen zu sprechen wünschte, weshalb ich die Angelegenheit nicht dem Papier anzuvertrauen wagte und mir selbst die Möglichkeit einer Unklarheit in meiner schriftlichen Ausdrucksweise vorhielt. Wie Sie wissen, habe ich keine besondere Erziehung genossen und habe mir auch keine feinen Manieren aneignen können; hohles Geckentum aber ist mir fremd, denn die bittere Erfahrung hat mich gelehrt, wie trügerisch oft das Äußere sein kann, sowie, daß unter Blumen sich nicht selten Schlangen verbergen. Doch Sie haben mich verstanden; geantwortet aber hatten Sie mir nur deshalb nicht so, wie es sich gehörte, weil Sie in der Falschheit Ihrer Seele schon von Anfang an bei sich beschlossen, Ihr Ehrenwort zu brechen und damit auch das zwischen uns bestehende Freundschaftsverhältnis zu lösen. Der Beweis hierfür ist Ihr schändliches Benehmen mir gegenüber, ein Benehmen, das mir und meinen Interessen geradezu verderblich ist – was ich von Ihnen nie erwartet hätte und woran ich bis zu diesem Augenblick nicht habe glauben wollen, denn bestrickt, wie ich von Anfang unserer Bekanntschaft an durch Ihre guten Manieren war, durch Ihre feinen Umgangsformen, durch Ihre Sachkenntnis und nicht zuletzt auch durch die Vorteile, die mir aus Ihrer Bekanntschaft erwachsen konnten, nahm ich an, daß ich in Ihnen einen aufrichtigen Freund, einen echten Kameraden gefunden hatte, der mir wirkliches Wohlwollen entgegenbrachte. Jetzt jedoch habe ich erkennen müssen, daß es Menschen gibt, die unter einem trügerischen, glänzenden Äußeren in ihrem Herzen Gift verbergen, die ihren Verstand zu nichts anderem benutzen, als zum Ränkeschmieden wider ihren Nächsten und zu häßlichem, hinterlistigem Betruge, und die es deshalb stets umgehen, ihre Worte schwarz auf weiß zu geben und dabei ihre Stilgewandtheit nicht zu Nutz und Frommen ihrer Freunde und ihres Vaterlandes gebrauchen, sondern einzig zur Einschläferung und Umgarnung der Vernunft derjenigen, die sich auf Unternehmungen und Vereinbarungen mit Ihnen eingelassen haben. Ihre Falschheit mir gegenüber geht nur zu deutlich aus folgendem hervor.
Erstens: als ich in meinem Brief klar und unmißverständlich Ihnen, mein sehr verehrter Herr, die Lage schilderte, in der ich mich befand, und gleichzeitig – in meinem ersten Brief – die Frage an Sie stellte, was Sie mit einzelnen Ausdrücken und angedeuteten Absichten, vornehmlich in bezug auf Jewgenij Nikolajewitsch, gesagt haben wollten, da verstanden Sie es, das Wesentliche mit Stillschweigen zu übergehen und sich, nachdem Sie in mir Zweifel und Argwohn geweckt, ruhig wieder aus der Affäre zu ziehen. Darauf, d. h. nachdem Sie so etwas mit mir in Szene gesetzt hatten, was sich nicht einmal mit einem anständigen Wort bezeichnen läßt, schrieben Sie an mich und beklagten sich in wehleidigem Tone über mich bei mir selbst! Wie wünschen Sie wohl, daß man das nennen soll, mein Herr? Sodann, als mir jeder Augenblick teuer war und Sie mich im ganzen Weichbilde der Haupt- und Residenzstadt auf der Suche nach Ihnen umherlaufen ließen, schrieben Sie mir unter der Maske der Freundschaft Briefe, in denen Sie absichtlich mit keiner Silbe die Hauptsache berührten, sondern sich statt dessen ausschließlich in Nebensächlichkeiten ergingen: Sie schrieben mir von Ihrer, von mir allerdings unter allen Umständen sehr geachteten Gemahlin und teilten mir mit, daß der Arzt Ihrem Kleinen ein Abführmittelchen verordnet habe und daß bei ihm das erste Zähnchen durchgebrochen sei. Von allen diesen Dingen schrieben Sie in jedem Ihrer Briefe mit einer Regelmäßigkeit, die für mich geradezu kränkend war. Natürlich, ich will gern zugeben, daß die Qualen des eigenen Kindes jedes Vaterherz bedrücken können, doch wozu davon gerade dann reden, wenn es sich um ganz Anderes, Wichtigeres, Notwendigeres handelt? Ich schwieg und geduldete mich – so schwer es mir auch fiel. Jetzt aber, wo die Zeit Ihrer Inanspruchnahme durch den Todesfall Ihrer Tante verstrichen ist, glaube ich, es mir selbst schuldig zu sein, die Auseinandersetzung nun endlich und zwar unverzüglich herbeizuführen. Ferner haben Sie mir durch trügerische Angaben von Orten, an denen ich Sie sollte treffen können, und an denen ich Sie doch niemals traf, offenbar die Rolle Ihres Narren oder Spaßmachers aufzwingen wollen, der zu sein ich nicht die geringste Lust verspüre. Darauf, nachdem Sie mich noch vorher zu sich eingeladen und selbstverständlich vergeblich auf sich hatten warten lassen, teilten Sie mir mit, daß Sie zu Ihrer leidenden Tante abberufen worden seien, die um Punkt fünf Uhr nachmittags einen Schlaganfall gehabt habe, womit Sie anscheinend peinlich gewissenhaft den wahren Sachverhalt klarlegten. Zum Glück jedoch habe ich, sehr geehrter Herr, im Laufe dieser drei Tage Zeit gehabt, Erkundigungen einzuziehen, wodurch ich erfahren habe, daß Ihre Tante bereits am Abend des Siebenten, kurz vor Mitternacht, von einem Schlagfluß betroffen worden ist. Daraus ersehe ich, daß Sie sogar die Heiligkeit Ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen gemißbraucht haben, um andere Menschen zu betrügen. Endlich schreiben Sie in Ihrem letzten Brief vom Tode dieser Ihrer Tante, die nach Ihrer Angabe gerade zu der Stunde entschlafen sein soll, in der ich mich zwecks bewußter Unterredung auf Ihre eigene Aufforderung hin bei Ihnen einfinden sollte und mich in der Tat auch einfand. Doch hier übersteigt die Schändlichkeit Ihrer Berechnungen und Erfindungen jede Glaubwürdigkeit, denn, wie es mir, dank einem glücklichen Zufall, aus der sichersten Quelle zu erfahren gelungen ist, ist Ihre Frau Tante erst runde vierundzwanzig Stunden _nach_ der von Ihnen so gottlos angegebenen Sterbestunde um elf Uhr nachts entschlafen, nämlich den _elften_ November, und nicht den _zehnten_!
Ich käme schwerlich zu einem Ende, wenn ich noch alle anderen Beweise aufzählen wollte, die mir Ihre Falschheit offenbart haben. Doch für jeden unparteiischen Beurteiler dürfte allein schon dieser eine Zug genügen, daß Sie mich in jedem Ihrer Briefe ihren „aufrichtigen Freund“ nennen und mir alle möglichen Liebenswürdigkeiten sagen, was Sie meines Erachtens zu keinem anderen Zweck getan haben, als um mein Gewissen wie meine Vorsicht einzuschläfern.
Ich komme jetzt zu Ihrem Hauptbetrug und Treubruch, der in folgenden Punkten besteht: in Ihrem, in letzter Zeit unausgesetzt beobachteten Stillschweigen über alles das, was unsere gemeinsamen Interessen betrifft; ferner in der sträflichen Entwendung jenes Briefes, in dem Sie – allerdings nur andeutungsweise und mir nicht ganz verständlich – unseren beiderseitigen Vertrag nebst allen einzelnen Bedingungen auseinandergesetzt hatten; drittens in der Tatsache, daß Sie mich in einer nahezu barbarisch vergewaltigenden Weise um 350 Rubel anpumpten, ohne jede Quittung oder sonstige Bestätigung, also nur auf Grund meiner Eigenschaft als Ihr Kompagnon, sozusagen; und schließlich in Ihrer schändlichen Verleumdung unseres gemeinsamen Bekannten Jewgenij Nikolajewitsch.
Es ist mir jetzt auch vollkommen klar, was Sie mit der letztgenannten Verleumdung eigentlich bezweckten: nämlich mir zu beweisen, daß von dem Betreffenden, wie von einem – mit Verlaub zu sagen – Ziegenbock weder Milch noch Wolle zu gewinnen sei; d. h. daß man von ihm gar keinen Nutzen habe und daß er selber weder dies noch das, weder Fisch noch Fleisch sei, was Sie ihm in Ihrem Brief vom Sechsten dieses Monats deutlich als ein Gebrechen anrechnen. Ich aber kenne Jewgenij Nikolajewitsch als bescheidenen und gesitteten jungen Mann: und gerade das ist es, womit er einen für sich einnehmen, sich in der Gesellschaft Achtung gewinnen und es in seiner Laufbahn noch einmal zu etwas bringen kann. Auch ist es mir nicht unbekannt geblieben, daß Sie im Verlaufe von ganzen zwei Wochen jeden Abend beim Hasardspiel mit ihm mindestens mehrere Zehnrubelscheine, wenn nicht gar Hunderter, in Ihre Tasche geschoben und somit auf diese Weise Jewgenij Nikolajewitsch mörderlich gerupft haben. Jetzt aber scheint das alles von Ihnen vergessen zu sein und anstatt mir für das, was ich durch Sie ausgestanden habe, zu danken, eignen Sie sich auf Nimmerwiedersehen auch noch mein Geld an, indem Sie mich vorher durch den Antrag, Ihr Kompagnon zu werden, und durch die Aussicht auf verschiedene Vorteile, die mir dadurch erwachsen würden, zur Hergabe einer beträchtlichen Summe verlocken. Jawohl: nachdem Sie sich in so gesetzwidriger Weise von mir und Jewgenij Nikolajewitsch Geld angeeignet haben, vergessen Sie jeden Dank, den Sie mir schuldig sind, und gehen bis zur Verleumdung desjenigen, den ich allein durch meine Empfehlungen in Ihrem Hause eingeführt habe. Sie selbst dagegen fahren, nach den Aussagen Ihrer Freunde, bis auf den heutigen Tag fort, mit Jewgenij Nikolajewitsch ein Herz und eine Seele zu sein, ja, im Überschwang der Gefühle küssen Sie ihn womöglich und stellen ihn aller Welt als Ihren besten Freund vor, obschon es, wie ich hinzusetzen möchte, so leicht keinen einzigen Dummen geben wird, der nicht sofort und ganz genau erriete, auf was alle Ihre Absichten eigentlich hinauslaufen und was Ihre Freundschaftsbeteuerungen in Wirklichkeit wert sind. Ich wenigstens sage es offen, daß sie nichts als Lug und Trug bedeuten, Falschheit und Hohn auf alle Anstandsbegriffe und Menschenrechte, daß sie eine Schmähung Gottes sind und der Inbegriff aller Lasterhaftigkeit. Als Beispiel und Beleg hierfür nenne ich mich selbst! d. h. ich wollte sagen, die Erfahrungen, die ich mit Ihnen gemacht habe. – Wann habe ich Sie je beleidigt oder Ihnen sonst ein Unrecht angetan, daß Sie mich auf eine so tückische Art zu behandeln wagen?