Sämtliche Werke 15

Part 20

Chapter 203,689 wordsPublic domain

„Wassjä! Was ist dir! wen fürchtest du, Wassjä? Sprich!“ rief Arkadij und rang die Hände in Verzweiflung.

„Warum will man denn mich zu den Soldaten geben?“ flüsterte Wassjä weiter und sah fragend in die Augen seines Freundes, „warum mich? Was habe ich denn getan!“

Arkadij schauderte vor Entsetzen: er wollte, er konnte es nicht glauben. Wie gebrochen stand er da.

Im nächsten Augenblick faßte er sich wieder: „Das ist nur so, das ist vorübergehend!“ sagte er zu sich, bleich mit blauen, zitternden Lippen und kleidete sich an. Er wollte sofort zu einem Doktor laufen. Plötzlich rief ihn Wassjä. Arkadij stürzte zu ihm und umarmte ihn besorgt, wie eine Mutter ihr Kind ...

„Arkadij, Arkadij, sage es niemandem! Hörst du! Mein Unglück will ich allein tragen ...“

„Was hast du? Was hast du? besinne dich doch, Wassjä, besinne dich doch!“

Wassjä seufzte und leise Tränen liefen über seine Wangen.

„Warum sie vernichten? Was hat sie denn für eine Schuld daran? ...“ murmelte er gequält und herzzerreißend. „Meine Sünde ist es, meine Sünde! ...“

Er schwieg einen Augenblick.

„Lebe wohl, meine Geliebte! Lebe wohl, meine Geliebte!“ flüsterte er und wiegte seinen armen Kopf. Arkadij zuckte zusammen, raffte sich dann auf und wollte zum Doktor ... „Gehen wir! Es ist Zeit!“ rief Wassjä, der die Bewegung Arkadijs bemerkt hatte. „Gehen wir, Bruder, gehen wir! ich bin bereit! Du wirst mich begleiten.“ Er verstummte und sah Arkadij vernichtet und zugleich mißtrauisch an.

„Wassjä, komme mir nicht nach, um Gottes willen! Erwarte mich hier. Ich werde sofort, sofort zu dir zurückkehren,“ sagte Arkadij Iwanowitsch, der selbst den Kopf verloren hatte. Und er griff nach seiner Mütze, um nach dem Doktor zu laufen. Wassjä setzte sich wieder hin, er war still und gehorsam, nur in seinen Augen blitzte eine verzweifelte Entschlossenheit. Arkadij kehrte noch einmal zurück, ergriff vom Tisch das Federmesser, sah noch zum letztenmal nach dem Armen und lief zur Wohnung hinaus.

Es war acht Uhr morgens. Das Licht hatte bereits die Dämmerung im Zimmer verdrängt.

Er fand niemanden. Er lief eine ganze Stunde umher. Alle Ärzte, deren Adressen er von den Hausverwaltern erfuhr, bei denen er sich erkundigte, ob nicht ein Doktor im Hause wohne, waren bereits ausgefahren: in ihre Praxis oder in ihren privaten Angelegenheiten. Nur einen traf er schließlich zu Hause. Dieser fragte lange und umständlich seinen Diener, der Arkadij anmeldete: wer und woher der Herr sei, aus welchem Grunde er käme und aus welchen Verhältnissen der frühe Besucher zu sein scheine – bis er dann schließlich doch zu dem Entschluß kam, daß es ihm nicht möglich sei, ihn zu empfangen, da er viel zu tun habe und nicht ausfahren könne, und daher Arkadij sagen ließ, diese Art von Kranken müsse man in ein Krankenhaus bringen.

Da ließ der verzweifelte und erschütterte Arkadij, der ein solches Ergebnis denn doch nicht erwartet hatte, alles stehen und liegen, wie es war, alle Ärzte, die es auf der Welt gab, und begab sich nach Haus, in höchster Angst um Wassjä. Er lief in die Wohnung. Mawra wischte gerade den Fußboden auf, ganz, als wäre nichts geschehen und brach kleine Hölzchen entzwei, um den Ofen anzuzünden. Er stürzte ins Zimmer: aber Wassjä war nicht da!

„Wohin? Wohin nur? Wohin mag der Unglückliche gelaufen sein?“ fragte sich Arkadij im höchsten Schreck. Und er fing an, Mawra auszufragen. Die aber wußte nichts, hatte Wassjä weder gehört noch gesehen. „Gott sei ihm gnädig!“ sagte Arkadij und lief zu den Kolomnaschen.

Jawohl: dort, nur dort konnte er sein!

Es war bereits zehn Uhr, als er bei ihnen ankam. Aber auch Lisenka und ihre Mutter hatten nichts gehört, nichts gesehen. Arkadij stand ganz verstört vor ihnen und fragte immer nur, wo Wassjä sei. Die Alte trugen ihre Füße nicht mehr, und sie fiel auf den Diwan hin. Lisenka, die am ganzen Körper zitterte, begann ihn über das Geschehene auszufragen. Doch – was sollte er ihr sagen? Arkadij Iwanowitsch versuchte, sich so schnell als möglich von ihnen loszumachen, er dachte sich irgendeine Ausrede aus, die ihm natürlich nicht geglaubt wurde, lief davon und ließ sie erschüttert und in Sorgen um Wassjä zurück. Er begab sich in sein Büro, um die Nachricht zu überbringen und darauf hinzuwirken, daß man so schnell als möglich Maßregeln ergriff. Unterwegs kam ihm der Gedanke, daß Wassjä ja zu Juljan Mastakowitsch gegangen sein könne. Das war wohl auch am ehesten anzunehmen! Arkadij hatte bereits vorher, noch bevor er zu den Kolomnaschen gegangen war, an diese Möglichkeit gedacht. Als er am Hause der Exzellenz vorübergefahren war, hatte er schon anhalten lassen wollen, aber er hatte dann doch wieder dem Kutscher befohlen, weiterzufahren. Er wollte lieber erst im Büro nach Wassjä fragen und erst dann, wenn er dort nicht sein sollte, sich zu Seiner Exzellenz begeben, und wär’s auch nur, um Bericht zu erstatten. Irgend jemand mußte es doch tun!

Kaum war er in den Vorraum eingetreten, als ihn auch schon einige jüngere Kollegen umringten, die alle im gleichen Rang mit ihm standen, und ihn fragten, was mit Wassjä geschehen sei? Und alle sprachen sie davon, daß Wassjä den Verstand verloren habe und sich einbilde, er müsse zu den Soldaten, weil er sich ein Versäumnis im Dienst habe zuschulden kommen lassen. Arkadij Iwanowitsch antwortete auf die Fragen, die auf ihn einstürmten, oder besser gesagt, er antwortete niemandem etwas Rechtes, und beeilte sich nur so schnell wie möglich in die inneren Gemächer zu kommen. Auf dem Wege dorthin erfuhr er, daß Wassjä im Kabinett Juljan Mastakowitschs sei, und daß sich die meisten der Vorgesetzten gleichfalls dorthin begeben hatten. Vor der Tür wurde er zurückgehalten. Einer von den höheren Beamten fragte ihn, was er wünsche? Doch ohne den Herrn recht zu erkennen, sagte er irgend etwas über Wassjä und ging geradeaus auf das Kabinett zu. Er war noch draußen, als er schon die Stimme Juljan Mastakowitschs hörte.

„Wohin wollen Sie?“ fragte ihn wieder jemand.

Arkadij Iwanowitsch verlor fast den Mut und wäre beinahe schon umgekehrt – als er gerade durch die geöffnete Tür seinen armen Freund Wassjä erblickte. Und nun zwängte er sich durch die Tür in das Zimmer hinein. Dort herrschte große Aufregung und Verwirrung. Juljan Mastakowitsch schien sehr aufgeregt zu sein. Um ihn herum standen alle die höheren Beamten, sprachen hin und her und wußten nicht, wozu sie sich entschließen sollten. Weiter abseits stand Wassjä. In der Brust Arkadijs erstarb alles, wie er ihn so stehen sah. Wassjä stand da: bleich, mit erhobenem Kopfe, die Hände stramm an der Hosennaht, ganz als wäre er wirklich ein Rekrut und stände vor seinen Vorgesetzten. Er blickte starr Juljan Mastakowitsch in die Augen. Arkadij wurde natürlich sofort bemerkt, und da einige wußten, daß er Wassjäs Freund und Stubengenosse war, so meldete man dies sofort Seiner Exzellenz. Man führte Arkadij vor. Er wollte die ihm gestellten Fragen beantworten, aber als er auf Juljan Mastakowitsch sah und auf dessen Gesicht Trauer und Mitleiden erblickte, da schluchzte er laut auf wie ein Kind. Er tat noch mehr: er ergriff die Hand Seiner Exzellenz und drückte sie an seine Augen und benetzte sie mit seinen Tränen, so daß Seine Exzellenz genötigt war, sie ihm zu entziehen. Er winkte mit der Hand ab und sagte nur: „Schon gut, lieber Mensch, ich sehe, daß du ein gutes Herz hast.“ Arkadij schluchzte und warf den Umstehenden flehende Blicke zu. Ihm kam es so vor, als wären sie alle Brüder seines armen Wassjä, die ebenso um ihn trauerten, wie er selbst. „Wie – ja wie ist denn das mit ihm geschehen?“ fragte Juljan Mastakowitsch. „Weshalb hat er seinen Verstand verloren?“

„Aus Dan–Dan–Dankbarkeit!“ konnte Arkadij Iwanowitsch kaum antworten.

Diese Antwort setzte alle in Verwunderung: allen schien sie sonderbar und unverständlich: wie konnte wohl ein Mensch aus Dankbarkeit den Verstand verlieren? Arkadij versuchte es zu erklären, so gut er’s konnte.

„Gott, wie traurig!“ rief Juljan Mastakowitsch aus, „und dabei hatte die Arbeit, mit der ich ihn beauftragt, durchaus keine Eile. Wegen nichts hat sich der Mensch zugrunde gerichtet! ...“ Juljan Mastakowitsch wandte sich dann von neuem an Arkadij Iwanowitsch und fragte ihn noch weiter aus: „er bittet,“ sagte er und wies auf Wassjä, „daß man es nicht ‚Ihr‘, wohl irgendeinem jungen Mädchen, sagen möge – ist es seine Braut?“

Arkadij erzählte. In der Zwischenzeit bemühte sich Wassjä ersichtlich, über irgend etwas nachzudenken: mit der größten Anstrengung versuchte er, sich irgendeiner sehr wichtigen und nötigen Sache zu erinnern, von der er wohl glaubte, daß sie ihm im Augenblicke sehr zustatten käme. Mit fragenden und zugleich gequälten Blicken sah er seine Umgebung an, als hoffte er, andere würden sich vielleicht der Sache erinnern, die er vergessen hatte. Er richtete seine Augen auf Arkadij – und plötzlich flammte in seinen Augen eine Hoffnung auf. Er trat mit dem einen Fuß einen Schritt vor, ging dann noch drei Schritte weiter und schlug schließlich so stramm, wie es ihm möglich war, mit dem rechten Bein ans linke: so, wie es die Soldaten tun, wenn sie von einem Offizier gerufen und angesprochen werden. Alle warteten gespannt, was nun geschehen würde.

„Ich habe einen körperlichen Fehler, Eure Exzellenz, ich bin schwach und klein von Wuchs, und tauge nicht zum Dienst,“ stieß er endlich abgebrochen hervor.

Alle, die im Zimmer waren, fühlten wohl, wie sich ihnen in diesem Augenblick das Herz zusammenzog. Juljan Mastakowitsch war erschüttert, obgleich er sonst keinen allzu weichen Charakter hatte. „Führt ihn fort,“ sagte er und winkte mit der Hand ab.

„Meine Stirn!“ sagte Wassjä halblaut vor sich hin, drehte sich linksum und ging aus dem Zimmer. Alle, die an seinem Schicksal Anteil nahmen, stürzten ihm nach. Auch Arkadij drängte sich mit ihnen hinaus. Man mußte noch auf den Wagen warten, der Wassjä ins Krankenhaus bringen sollte. Man führte ihn deshalb so lange in den Vorraum. Hier saß er schweigend da, offenbar in großen Sorgen. Wen er wiedererkannte, dem nickte er mit dem Kopfe zu, als wollte er sich von ihm verabschieden. Jeden Augenblick sah er nach der Tür und schien sich darauf vorzubereiten, daß man „jetzt“ sagte. Um ihn herum hatte sich ein enger Kreis gebildet: alle redeten sie und schüttelten mit den Köpfen. Viele wunderten sich über die Geschichte, die nun bekannt geworden war; die einen redeten voll Eifer darüber; andere wiederum bemitleideten Wassjä und lobten ihn, weil er ein so bescheidener, stiller junger Mann gewesen sei, und so viel versprochen hätte: man erzählte sich, wie strebsam er gewesen, wie wissensdurstig und lernbegierig. „Mit eigenen Kräften hat er sich aus niederem Stande emporgearbeitet!“ bemerkte irgend jemand. Mit Rührung sprach man auch von seiner Anhänglichkeit an die Exzellenz. Einige konnten sich nicht erklären, wie Wassjä sich nur in den Kopf gesetzt und darüber den Verstand verloren hatte, daß man ihn zu den Soldaten geben würde, wenn er seine Arbeit nicht beendete. Man erzählte sich, daß der Arme vor nicht langer Zeit noch ein Leibeigener gewesen sei und es nur Juljan Mastakowitsch, der in ihm Talent, Gehorsam und eine seltene Bescheidenheit entdeckt, zu verdanken hatte, daß er eine Anstellung erhielt. Kurz, es gab viele solcher Meinungen und Gespräche. Besonders bemerkbar durch seine Aufregung machte sich ein Kollege von Wassjä, ein Männchen von sehr kleinem Wuchs in den Dreißigern. Er war weiß wie ein Tuch, zitterte am ganzen Körper und lächelte so sonderbar, vielleicht, weil eine jede Skandalszene und ein jedes schreckliche Erlebnis die Zuschauer erschreckt und doch zugleich auch unterhält, fast erfreut. Dieser hier lief um den kleinen Kreis herum, der sich um Schumkoff gebildet hatte, und da er, wie gesagt, klein von Wuchs war, so stellte er sich auf die Zehenspitzen und faßte jeden am Rockknopf, dem gegenüber er sich das erlauben konnte, und versicherte allen, daß er wisse, woher das alles gekommen und daß es ein klarer, aber schwerer Fall sei, den man nicht so einfach behandeln könne: er erhob sich dann wieder auf die Fußspitzen und flüsterte seinem Zuhörer etwas ins Ohr, nickte mehrmals heftig mit dem Kopfe und lief wieder weiter. Schließlich nahm die Szene ein Ende. Ein Wärter und ein Arzt aus der Irrenanstalt erschienen. Sie gingen auf Wassjä zu und sagten ihm, daß er mit ihnen fahren müsse. Wassjä sprang sofort auf, sah sich eifrig und doch gleichzeitig fragend im Kreise um und folgte ihnen. Plötzlich schien er jemanden mit den Augen zu suchen! „Wassjä, Wassjä!“ rief schluchzend Arkadij Iwanowitsch. Wassjä blieb stehen und Arkadij näherte sich ihm. Sie umarmten sich beide zum letztenmal, und wollten von einander nicht lassen. Es war schrecklich anzusehen. Welch ein Schicksal preßte ihnen die Tränen aus den Augen! Worüber weinten sie beide? Wo lag das Unglück? Warum verstanden sie einander nicht mehr?

„Da, da, nimm! Verwahre es!“ sagte Schumkoff und drückte Arkadij ein Stückchen Papier in die Hand. „Sie würden es mir fortnehmen. Bringe es mir später; bring es mir! hörst du; verwahre es gut“ ... Wassjä durfte nicht weiter sprechen. Man rief ihn. Er lief eilig die Treppe hinab und nickte allen mit dem Kopfe zum Abschied zu. Verzweiflung lag auf seinem Gesicht. Man setzte ihn in einen geschlossenen Wagen. Die Pferde zogen an und fort ging es. Arkadij öffnete das Stück Papier: Lisas schwarze Locke lag darin. Was mochte in Wassjä vorgegangen sein, als er sich von ihr trennte. Heiße Tränen stiegen Arkadij in die Augen: „Ach, arme Lisa!“

Nach Schluß des Büros ging er zu den Kolomnaschen. Ich kann nicht erzählen, was dort geschah! Sogar Petjä, der kleine Petjä, der doch noch nicht begreifen konnte, was mit dem guten Wassjä geschehen war, ging in die Ecke, bedeckte sein Gesicht mit den kleinen Händchen und schluchzte, als ob ihm sein Kinderherz brechen wollte. Es wurde Abend, als Arkadij nach Hause zurückkehrte. Als er über die Newa ging, blieb er einen Augenblick stehen und sah mit durchdringendem Blick über den Fluß in die rauchige, kaltneblige Ferne, die gerötet war von der letzten, blutig purpurnen Abendsonne.

Die Nacht senkte sich über die Stadt und die ganze unübersehbare tote Schneefläche der Newa glänzte, vom letzten Strahl der Sonne beschienen, in unendlichen Myriaden von diamantenen Funken. Es war eine Kälte von zwanzig Grad. Steifer Dunst ballte sich um die vielen jagenden Pferde und laufenden Menschen. Die Luft erzitterte beim geringsten Laut, und wie Riesen erhoben sich zu beiden Seiten der Ufer in den kalten Himmel die Rauchsäulen der Häuser, schoben sich und schichteten sich übereinander, während sie aufstiegen, und es war, als ob neue Gebilde und Gebäude über der alten eine neue Stadt in den Wolken bildeten ... als ob sich diese ganze Welt, mit all ihren Bewohnern, den starken und den schwachen, mit ihren Behausungen der Armen und den Palästen der Reichen und Mächtigen der Erde in dieser Dämmerstunde in einen phantastischen Traum verwandelte, der aus dem Dunst zu dem dunkelblauen Himmel aufstieg, um sich in ihm aufzulösen und im Wesenlosen zu vergehen ... Ein sonderbares Gefühl überkam den verwaisten Freund des armen Wassjä. Er schrak zusammen, und plötzlich strömte, durch ein mächtiges, ihm bis jetzt ganz ungeahntes Gefühl, eine heiße Blutwelle in sein Herz. Er begriff mit einem Male den Sinn des ganzen Geschehnisses, begriff, warum Wassjä sein Glück nicht tragen konnte und seinen Verstand verloren hatte. Seine Lippen zitterten, seine Augen glänzten, er erbleichte vor dem Neuen, das in ihm erstand ...

Seit der Zeit war Arkadij finster und verschlossen und hatte ganz seine frühere Fröhlichkeit verloren. Seine Wohnung wurde ihm unerträglich – er nahm sich eine andere. Nach zwei Jahren begegnete er ganz zufällig Lisenka in der Kirche. Sie war verheiratet: ihr folgte eine Amme mit einem Kinde auf dem Arm. Sie begrüßten einander und vermieden es lange Zeit, von der Vergangenheit auch nur zu sprechen. Lisa erzählte, daß sie glücklich und auch nicht mehr so arm sei wie früher, daß ihr Mann ein guter Mensch wäre und sie liebhabe ... Doch plötzlich, mitten in ihrer Rede, stockte sie, ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie wandte sich ab und senkte ihren Kopf über ein Betpult, um vor den Menschen ihre Trauer zu verbergen.

Ein Roman in neun Briefen

I.

(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)

Hochverehrter Iwan Petrowitsch, teuerster Freund!

Es ist nun schon glücklich der dritte Tag, daß ich, man kann wohl sagen, regelrecht Jagd auf Sie mache, mein Bester, zumal ich Sie in einer höchst, höchst dringlichen Angelegenheit sprechen muß, während Sie leider für mich unauffindbar sind. Als wir gestern bei Ssemjon Alexejewitsch waren, erlaubte sich meine Frau einen kleinen Scherz auf Ihre Rechnung, indem sie bemerkte, daß Sie und Tatjana Petrowna eigentlich erstaunlich wenig Sinn für Häuslichkeit an den Tag legten: und es ist ja wahr, noch sind Sie keine drei Monate verheiratet, und schon hält es schwer, Sie einmal zu Hause anzutreffen. Wir haben alle herzlich darüber gelacht – natürlich nur auf Grund unserer aufrichtigen Zuneigung zu Ihnen. Doch ganz abgesehen von allen Scherzen, mein Teuerster, bin ich durch Sie in eine arge Hetze geraten. Ssemjon Alexejewitsch meinte, Sie würden vielleicht im Klub der „Vereinigten Gesellschaft“ auf dem Balle zu finden sein. Ich ließ daraufhin meine Frau bei der Gattin Ssemjon Alexejewitschs zurück und eilte selber nach dem Klub. Stellen Sie sich nun die Lage vor, in der ich mich befand: ich war auf dem Ball – allein – ohne Frau! Iwan Andrejewitsch, mit dem ich unten im Vestibül zusammentraf, zog natürlich sogleich (der Schuft!) bloß aus dem einen Umstande, daß ich, wie gesagt, allein eintrat, besondere Schlüsse auf die Art meiner Vorliebe fürs Tanzvergnügen, hakte sich daher ohne weiteres in meinen Arm und wollte mich schon mit Gewalt in den Tanzsaal schleppen, obschon sich seine flotte Seele, wie er vorausschickte, in der „Vereinigten Gesellschaft“ herzlich beengt fühlte und die diversen Patschuli- und Resedadüfte ihm bereits Kopfweh verursacht hätten. Doch weder fand ich Sie, noch Tatjana Petrowna. Dafür versicherte mir Iwan Andrejewitsch, und er schwor förmlich darauf, daß ich Sie unfehlbar im Alexandertheater antreffen werde, da man an dem Abend gerade Gribojedoffs Meisterstück[5] spiele.

Ich eile hin: auch dort sind Sie nicht zu entdecken! Heute morgen dachte ich, Sie bei Tschistoganoff zu finden – trügerische Hoffnung! Tschistoganoff schickt mich zu Perepalkins – gleichfalls vergeblich. Mit einem Wort, ich fühle mich jetzt völlig, aber völlig abgehetzt, was Sie nach obiger Schilderung meiner Irrfahrten gewiß begreiflich finden werden: Sie können sich doch vorstellen, wie viel ich gelaufen bin! Jetzt habe ich zur Feder gegriffen – es bleibt mir eben nichts anderes übrig! Nur ist die Sache nicht zu schriftlicher Erledigung geeignet (Sie verstehen mich?). Besser wäre es, unter vier Augen ... Na, jedenfalls muß ich Sie unbedingt und zwar so bald wie möglich sprechen, und deshalb fordere ich Sie auf, heute mit Tatjana Petrowna zum Tee und Abendbrot zu uns zu kommen. Meine Frau wird sich über Ihren Besuch unendlich freuen. Wirklich, Sie werden mich damit, wie man zu sagen pflegt, bis zu meinem Lebensende verpflichten. Übrigens, mein Teuerster – da ich schon einmal zu schreiben begonnen habe, so sei’s denn auch geschrieben – ich sehe mich gezwungen, Sie schon jetzt etwas ins Gebet zu nehmen, jawohl teuerster Freund, sehe mich gezwungen, Ihnen eine anscheinend ganz unschuldige kleine Machenschaft vorzuwerfen, als deren äußerst boshaft ausgewähltes Opfer ich mich selbst betrachten muß ... Sie verkappter Bösewicht, Sie gewissenloser Mensch! Da führen Sie vor etwa einem Monat einen Ihrer Bekannten bei mir ein, nämlich Jewgenij Nikolajewitsch, versehen ihn mit Ihrer freundschaftlichen, das heißt für mich somit heiligsten Empfehlung, weshalb ich mich aufrichtig über die neue Bekanntschaft freue, den jungen Menschen mit offenen Armen empfange und dabei ahnungslos den Kopf in die Schlinge stecke. Das heißt, eine Schlinge ist es nun, genau genommen, gerade nicht. Immerhin haben Sie mir da, wie man zu sagen pflegt, eine böse Suppe eingebrockt. Von näheren Erklärungen will ich vorläufig Abstand nehmen – die Zeit drängt; und brieflich, wissen Sie, ist es auch nicht immer leicht, das richtige Wort zu finden. Infolgedessen geht denn meine inständige Bitte an Sie dahin, mein schadenfroher Freund und Kollege, daß ich Sie sozusagen um Ihre Meinung darüber bitte, ob es sich nicht irgendwie machen ließe – natürlich in aller Diskretion und Höflichkeit – daß man Ihrem jungen Mann unmißverständlich – doch natürlich ohne ihm zu nahe zu treten – unter vier Augen oder gar ganz heimlich – ungefähr und andeutungsweise zu verstehen gäbe, daß es in der Residenz noch viele andere Häuser außer dem meinigen gibt? Ich kann nicht mehr, mein Bester! Meine Kraft ist zu Ende! „Falle zu Füßen!“ wie unser polnischer Freund Ssimonewitsch sagt. Wenn wir uns sehen, erzähle ich Ihnen alles. Ich will damit nicht etwa gesagt haben, daß der junge Mann kein einnehmendes Wesen habe, oder daß, sagen wir, irgendwelche seiner sonstigen Eigenschaften abstoßend seien. Im Gegenteil, er ist sogar in jeder Beziehung ein sehr netter und liebenswürdiger Mensch. Doch – nun, gedulden Sie sich noch ein Weilchen, bis wir unter uns sind. Inzwischen aber, wenn Sie ihn vorher sehen sollten, dann geben Sie ihm um Christi willen einen Wink, Verehrtester. Ich würde es ja selbst tun, aber Sie wissen doch, wie ich bin: ich bringe es nicht fertig – da ist nun einmal nichts zu machen. Sie haben ihn doch nun einmal eingeführt und uns empfohlen. Übrigens werden wir uns ja heute abend zur Genüge aussprechen können. Daher vorläufig: auf Wiedersehen!

Verbleibe usw.

P. S. Mein Kleiner ist schon seit einer Woche nicht ganz gesund und mit jedem Tage wird es schlimmer. Es sind die Zähnchen: die fangen jetzt an, durchzubrechen. Meine Frau muß sich daher viel mit ihm abgeben und ist recht mitgenommen, die Arme. Kommen Sie unbedingt. Sie werden uns aufrichtig erfreuen, werter Freund.

II.

(Iwan Petrowitsch an Pjotr Iwanowitsch.)

Sehr geehrter Pjotr Iwanytsch!

Erhalte gestern Ihren Brief, lese ihn und staune! Sie suchen mich Gott weiß wo und bei wem, während ich einfach zu Hause bin. Bis zehn Uhr wartete ich auf Iwan Iwanytsch Tolokonoff, der aber nicht kam. Nach Empfang Ihres Schreibens rief ich sogleich meine Frau – wir kleiden uns an, ich nehme eine Droschke, scheue nicht die Ausgabe – und erscheinen bei Ihnen gegen halb sieben. Sie aber – sind nicht zu Hause: wir werden von Ihrer Frau empfangen. Ich warte bis halb elf. Länger kann ich nicht. Nehme meine Frau, bezahle wieder eine Droschke, bringe meine Frau nach Haus und begebe mich darauf allein zu Perepalkins, in der Hoffnung, Sie vielleicht dort anzutreffen, sehe mich aber in meiner Annahme wieder enttäuscht. Komme nach Haus gefahren, schlafe die ganze Nacht nicht, rege mich auf, fahre am Morgen wieder dreimal zu Ihnen, um neun, um zehn und um elf, stürze mich dreimal in Ausgaben, fahre hin und her, und wieder lassen Sie mich mit einer langen Nase abziehen.