Part 19
„Wassjä, mein Lieber, was ist das mit dir? Was hast du?“ rief er aus, stürzte sich auf Wassjä und nahm ihn in seine Arme, „erkläre mir doch, ich verstehe nichts von deiner Traurigkeit, was hast du, mein armer Märtyrer? Sage mir doch alles, ohne Umschweife. Es kann doch nicht sein, daß dieses eine ...“
Wassjä preßte sich ungestüm an ihn. Sprechen konnte er nicht. Der Atem ging ihm aus.
„Schon gut, Wassjä, schon gut! Wenn du nicht fertig wirst, was ist denn dabei? Ich verstehe dich gar nicht, sag doch, was quält dich so? Siehst du, ich bin doch bereit, für dich alles ... Ach, mein Gott, mein Gott!“ sagte er, im Zimmer auf und ab gehend, während er nach allem griff, was ihm in die Hände kam, als suchte er ein Mittel, eine Hilfe für Wassjä. „Ich selbst werde morgen anstatt deiner zu Juljan Mastakowitsch gehen, werde ihn bitten, ihn anflehn, daß er dir noch einen Tag Frist gebe. Ich werde ihm alles auseinandersetzen, alles, alles, wenn es dich so quält ...“
„Gott bewahre mich davor!“ rief Wassjä aus und wurde weiß wie die Wand. Er konnte sich kaum auf den Füßen halten.
„Wassjä, Wassjä!“
Wassjä kam wieder zu sich. Seine Lippen zitterten; er wollte etwas sagen, konnte aber nur schweigend Arkadij die Hand drücken. Seine Hand war kalt. Arkadij stand vor ihm in quälender Erwartung. Wassjä sah ihn wieder an.
„Wassjä! Gott mir dir, Wassjä! Du zerreißt mir das Herz, mein Freund, mein Lieber.“
Ströme von Tränen stürzten aus Wassjäs Augen: er warf sich an die Brust seines Freundes.
„Ich habe dich betrogen, Arkadij!“ schluchzte er laut auf, „ich habe dich betrogen: vergib mir, vergib! Ich habe dich hintergangen ...“
„Wieso, Wassjä! Was heißt das?“ fragte Arkadij, außer sich vor Angst und Schrecken.
„Da! ...“
Und Wassjä warf mit einer verzweifelten Geste aus einem Kasten sechs dicke Hefte auf den Tisch, die genau so aussahen wie jenes, das er abschrieb.
„Was soll das?“
„Da, das Ganze müßte ich bis übermorgen fertigstellen. Ich habe nicht einmal ein Viertel davon!“
„Frage nicht, frage nicht, wie das kommen konnte!“ fuhr Wassjä fort, um selbst alles zu erzählen, was ihn so gequält hatte. „Arkadij, lieber Freund! Ich weiß selbst nicht, was mit mir geschehen war. Ich bin erst jetzt wie aus einem Traum erwacht. Ich habe drei ganze Wochen verloren. Ich bin ... immer ... zu ihr gegangen ... Mein Herz sehnte sich ... ich quälte mich ... mit der Ungewißheit ... und ich konnte, ich konnte nicht arbeiten. Ich dachte auch nicht einmal daran. Jetzt erst, wo das Glück wirklich für mich begonnen hat, – da bin ich aufgewacht.“
„Wassjä!“ begann Arkadij Iwanowitsch entschlossen, „Wassjä, ich werde dich retten! Ich begreife alles. Diese Sache ist kein Spaß. Ich muß dir helfen! Höre, höre mich an: ich gehe morgen zu Juljan Mastakowitsch ... Schüttle nicht den Kopf, nein, höre nur! Ich werde ihm alles erzählen, wie es gewesen ist, erlaube mir, daß ich es tue ... Ich werde ihm erklären ... ich werde alles wagen! Ich werde ihm deine Lage schildern, werde ihm erzählen, wie du dich quälst.“
„Wenn du dir nur sagen wolltest, daß du mich damit einfach vernichtest?“ erwiderte Wassjä, ganz starr vor Schreck.
Arkadij Iwanowitsch wurde blaß, doch er beherrschte sich und fing an zu lachen.
„Aber was denn, Wassjä! Was denn! So höre doch! Ich sehe ja, daß ich dich damit nur aufrege. Aber ich verstehe dich doch, ich weiß doch, was in dir vorgeht. Wir leben doch schon fünf Jahre miteinander, und schwach bist du, unverzeihlich schwach. Auch Lisaweta Michailowna hat es bereits bemerkt. Außerdem bist du ein Schwärmer, und das ist auch nicht gut: man kann da plötzlich ins Bodenlose fallen, mein Bruder! Höre mich an, ich weiß doch, was du möchtest! Du möchtest, daß Juljan Mastakowitsch außer sich vor Freude wäre: darüber, daß du heiratest – und womöglich sollte er einen Ball für dich geben ... Halt, halt! Du runzelst die Brauen. Siehst du, schon wegen dieser kleinen Bemerkung von mir bist du beleidigt, für Juljan Mastakowitsch beleidigt! Lassen wir ihn also beiseite. Ich verehre ihn nicht weniger als du. Du wirst mir aber doch nicht abstreiten und mir nicht zu denken verbieten, daß du nicht wünschtest – nun sagen wir: es gäbe keinen einzigen Unglücklichen auf der Erde, bloß weil du heiratest ... Gib es doch zu, mein Lieber, daß du nichts dagegen hättest, wenn ich, dein bester Freund, plötzlich in den Besitz von hunderttausend Rubel Kapital käme: und daß alle Feinde der Welt sich versöhnten, sich mitten auf der Straße vor Freude in die Arme fielen und, wenn möglich, hierher zu dir zu Gaste kämen! Lieber Freund, ich scherze nicht, es ist so! Ich habe dich schon längst erkannt. Weil du dich glücklich fühlst, willst du, daß sich alle glücklich fühlen sollen. Es fällt dir schwer, allein glücklich zu sein! Darum möchtest du mit aller Gewalt dich deines Glückes würdig erweisen und zur Beruhigung deines Gewissens sofort eine große Tat vollbringen! Nun, ich verstehe, wie du dich quälen mußt, daß gerade dort, wo du dein Können zeigen möchtest ... nun, sagen wir, daß dort deine Dankbarkeit, wie du dich ausdrückst, plötzlich versagt! Der Gedanke ist dir sehr peinlich, daß Juljan Mastakowitsch sich ärgern wird, wenn er erfährt, daß du in diesem Falle die Hoffnungen getäuscht hast, die er auf dich gesetzt. Dir ist es schmerzlich, daran zu denken, daß du Vorwürfe von dem hören wirst, den du für deinen Wohltäter hältst – und das gerade jetzt! Jetzt, da dein Herz voll Freude ist und da du nicht weißt, an wem du deine Dankbarkeit auslassen sollst! ... Ist es nicht so? nicht wahr, es ist so!“
Mit zitternder Stimme schloß Arkadij Iwanowitsch seine Rede, er schwieg und schöpfte tief Atem.
Wassjä blickte voll Liebe auf seinen Freund. Auf seinen Lippen lag ein Lächeln.
In Erwartung einer Hoffnung belebte sich sogar sein Gesicht.
„Also, höre mich an,“ begann von neuem Arkadij, auch seinerseits wieder von Hoffnung belebt, „so ist es denn nicht nötig, daß Juljan Mastakowitsch seine Zuneigung zu dir einbüßt. Ist es nicht so, mein Lieber? Hier liegt doch die Frage? Wenn dem aber so ist, dann werde ich,“ sagte Arkadij vom Stuhl aufspringend, „dann werde ich mich für dich opfern. Ich werde morgen zu Juljan Mastakowitsch gehen ... Widersprich mir nicht! Du, Wassjä, machst ja dein Versäumnis zu einem Verbrechen! Er aber, Juljan Mastakowitsch, ist großmütig und mildtätig, und denkt nicht so wie du! Er, Bruder Wassjä, wird uns anhören und aus dem Unglück helfen. Jawohl. Nun! Hast du dich beruhigt?“
Wassjä drückte mit Tränen in den Augen Arkadijs Hand.
„Schon gut, Arkadij, schon gut,“ sagte er, „die Sache ist bereits beschlossen. Ich habe meine Sache nicht gemacht: gut! Nicht gemacht ist – nicht gemacht. Du aber brauchst deshalb nicht hinzugehen: ich selbst werde hingehen und ihm alles erzählen. Ich habe mich jetzt beruhigt, ich bin vollständig gefaßt. Doch du, nein, du sollst nicht gehen ... So höre doch ...“
„Wassjä, mein Lieber!“ rief Arkadij Iwanowitsch freudig aus, „meine Worte haben auf dich gewirkt: wie freue ich mich, daß du dich besonnen hast und dich zusammennehmen willst. Wie es mit deiner Sache auch stehen mag, was auch geschehen wird – ich bin bei dir, vergiß das nicht! Ich sehe, du willst nicht, daß ich mit Juljan Mastakowitsch darüber spreche – gut: ich werde nichts sagen, nichts, du selbst wirst es tun. Siehst du: du gehst morgen hin ... Oder nein, du wirst nicht hingehen, du wirst hier bleiben und schreiben, verstehst du? Ich werde aber doch herumhören, wie es mit der Sache steht, ob sie sehr eilig ist oder nicht, ob sie zum Termin fertig sein muß oder nicht, und wenn du den Termin versäumst, was daraus entspringen kann? Dann werde ich zu dir kommen und dir berichten. Siehst du, siehst du! Da haben wir schon eine Hoffnung; nun, stelle dir vor, daß die Sache keine Eile hat! Wie viel ist dann gewonnen! Juljan Mastakowitsch kann sie vielleicht überhaupt vergessen haben – und dann ist ja sowieso alles gerettet!“
Wassjä schüttelte bedenklich mit dem Kopf. Doch wandte er seinen dankbaren Blick nicht von dem Gesicht seines Freundes.
„Schon gut, schon gut! Ich fühle mich so schwach und bin so müde,“ sagte er dann seufzend, „ich möchte selbst nicht mehr daran denken. Sprechen wir von etwas anderem! Ich, siehst du, ich werde auch jetzt nicht mehr schreiben, ich werde nur noch die Seite beenden – bis zum Absatz. Höre ... Ich wollte dich schon längst fragen: wie kommt’s, daß du mich so gut kennst?“
Tränen tropften aus seinen Augen auf die Hand Arkadijs.
„Wenn du wüßtest, Wassjä, wie sehr ich dich liebhabe, so würdest du nicht danach fragen!“
„Ja, ja, Arkadij, ich weiß es nicht ... denn ich kann nicht verstehen, für was du mich so liebhast! Ja, Arkadij, du mußt wissen, daß deine Liebe mich geradezu erdrückt. Wie oft, wenn ich mich schlafen legte, habe ich an dich gedacht (denn ich denke immer an dich, bevor ich einschlafe) und mein Herz zitterte so heftig, so sehr ... so sehr ... Weil du mich so gern hast, und ich mein Herz nicht erleichtern und dir mit nichts danken konnte ...“
„Siehst du, Wassjä, siehst du, so bist du! ... Wie du dich wieder aufregst,“ sagte Arkadij, dem das Herz weh tat, wenn er an die gestrige Szene auf der Straße dachte.
„Schon gut. Du willst, daß ich mich beruhige und doch war ich noch niemals so ruhig und glücklich wie eben! Weißt du was? ... Höre, ich möchte dir gern etwas sagen, aber ich fürchte, dich zu kränken ... du bist immer gleich so gekränkt und schreist dann auf mich ein: ich aber bin dann so erschrocken ... Sieh, wie ich jetzt zittere, ich weiß gar nicht warum ... Höre, was ich dir sagen will. Ich glaube, ich habe mich früher selbst nicht gekannt – ja! Und die anderen habe ich erst gestern kennen gelernt. Ich, Bruder, ich verstand nicht, alles richtig zu schätzen. Das Herz in mir war verhärtet. Höre, wie ist das nur möglich, daß ich niemandem, niemandem auf der Welt etwas Gutes getan habe, weil ich es eben nicht tun konnte – sogar mein Äußeres ist unglücklich ... Alle aber haben mir Gutes erwiesen! Du als der erste: sehe ich’s denn nicht?! Ich habe nur immer geschwiegen, geschwiegen!“
„Wassjä, höre auf!“
„Nun, was denn, was denn, Arkascha! ... Ich habe doch nichts ...“ unterbrach sich Wassjä, der vor Tränen kaum sprechen konnte. „Ich habe dir gestern von Juljan Mastakowitsch erzählt. Du weißt doch selbst, wie streng er sonst ist, und wie rauh. Du selbst hast manche Bemerkung von ihm einstecken müssen, mit mir aber hat er gestern gescherzt und mir sein gutes Herz gezeigt, das er allen anderen gegenüber verbirgt ...“
„Nun, Wassjä? Das zeigt doch nur, daß du dessen würdig bist.“
„Ach, Arkascha! Wie gern, wie gern würde ich dies Ganze erledigt haben! ... Ich vernichte ja mein Glück damit! Ich habe so ein Vorgefühl! Nein, nicht dadurch,“ unterbrach sich Wassjä, als er bemerkte, daß Arkadij nach dem dicken Papierstoß auf dem Tisch schielte, „das hat nichts zu sagen, das ist beschriebenes Papier, Unsinn! Diese Sache ist erledigt ... Ich, Arkascha, ich war heute bei ihnen ... Ich bin nicht hineingegangen. – Es war mir zu schwer zumut! Ich stand nur an der Tür. Sie spielte auf dem Klaviers, ich hörte es draußen. Siehst du, Arkadij,“ sagte er mit leiser Stimme, „ich wagte nicht einzutreten ...“
„Höre, Wassjä, was fehlt dir? Du siehst mich so seltsam an?“
„Nein, nichts! Mir ist nicht ganz wohl, meine Kniee zittern, das kommt daher, weil ich die Nacht über auf war! Ein Schleier liegt mir vor den Augen. Und hier, hier ...“
Er wies auf sein Herz und zugleich sank er auch schon ohnmächtig zusammen.
Als er wieder zu sich kam, wollte Arkadij strenge Maßregeln ergreifen. Er wollte ihn mit Gewalt ins Bett legen. Wassjä willigte aber nicht ein, Arkadij konnte reden, was er wollte. Er weinte, rang die Hände, wollte mit aller Gewalt weiterschreiben und seine Seite beenden. Um ihn nicht unnötig aufzuregen, ließ ihn Arkadij schließlich zu seinen Papieren.
„Siehst du,“ sagte Wassjä, sich auf seinen Platz setzend, „ich habe eine Idee, eine Hoffnung. Siehst du: ich werde ihm übermorgen nicht alles bringen. Von dem Rest sage ich ihm, daß es verbrannt ist oder verloren gegangen ... kurz ... – Nein, ich kann nicht lügen. Ich werde ihm lieber alles erklären, werde sagen, wie es gekommen ist, daß ich einfach nicht konnte. Ich werde ihm von meiner Liebe erzählen: er hat ja selbst erst vor kurzem geheiratet, er wird mich verstehen! Ich werde alles das, versteht sich, ihm bescheiden und demütig mitteilen, er wird meine Tränen sehen, sie werden ihn rühren ...“
„Ja, das ist klug von dir, gehe, gehe zu ihm, erkläre dich ihm ... Tränen sind dazu nicht nötig! Warum denn Tränen? Aber weißt du, Wassjä, du hast mir einen tüchtigen Schrecken eingejagt.“
„Schön, ich werde also gehen, ich werde also gehen. Jetzt aber laß mich schreiben, laß mich, Arkascha. Ich störe niemanden, laß auch du mich ruhig schreiben!“
Arkadij warf sich aufs Bett. Er traute Wassjä nicht, er traute ihm wirklich nicht. Wassjä war zu allem fähig. Doch um Entschuldigung bitten, warum!? Die Sache lag ja gar nicht so. Die Sache war doch die, daß Wassjä tatsächlich seine Pflicht nicht erfüllt hatte, daß er vor sich selbst schuldig war und seinem Schicksal gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte, daß Wassjä sich niedergedrückt und seines Glückes nicht würdig fühlte und daß er schließlich sich einen Vorwand suchte und seit dem gestrigen Tage, erschüttert durch die Plötzlichkeit aller Geschehnisse, wie er war, noch nicht recht zu sich kommen konnte: ja: so war es! sagte sich Arkadij Iwanowitsch. Deshalb muß man ihn retten, muß ihn mit sich selbst aussöhnen! Und Arkadij dachte noch lange nach und beschloß, unverzüglich zu Juljan Mastakowitsch zu gehen, wenn möglich schon morgen, und ihm alles zu erzählen.
Wassjä saß und schrieb. Der gequälte Arkadij Iwanowitsch legte sich von neuem auf sein Bett, um noch weiter über die Sache nachzudenken, schlief ein und erwachte erst beim Morgengrauen.
„Ach, Teufel! Wieder!“ rief er aus, als er Wassjä erblickte; der saß und schrieb.
Arkadij stürzte zu ihm, umarmte ihn und brachte ihn mit aller Gewalt auf sein Bett. Wassjä lächelte nur: seine Augen fielen ihm vor Müdigkeit zu. Er konnte kaum sprechen.
„Ich wollte mich selbst hinlegen,“ sagte er. „Weißt du, Arkadij, ich habe die Idee, daß ich’s doch noch beenden werde. Ich habe schneller, immer schneller geschrieben. Doch noch länger zu sitzen – dazu bin ich unfähig ... wecke mich um acht Uhr ...“
Er konnte nicht mehr weiter und schlief wie ein Toter ein.
„Mawra!“ wandte sich flüsternd Arkadij Iwanowitsch an die Magd, die gerade den Tee hereinbrachte, „er bat mich, ihn nach einer Stunde zu wecken. Das darf aber unter keiner Bedingung geschehen! Er soll womöglich zehn Stunden hintereinander schlafen, verstehst du?“
„Verstehe, Herr, verstehe.“
„Das Mittagessen brauchst du nicht zu bereiten, nicht das Holz hereinzuschleppen, überhaupt darfst du nicht lärmen, sieh dich vor! Wenn er nach mir fragen sollte, so sage ihm, ich sei in den Dienst gegangen, verstehst du?“
„Ich verstehe, Herr, verstehe, möge er sich ausruhen nach Belieben, was geht’s mich an! Ich freue mich über den Schlaf meines Herrn und bemühe mich, über ihn zu wachen. Was aber die zerschlagene Tasse anbelangt, wegen der Sie mir Vorwürfe machten – das war gar nicht ich, das war die Katze, die sie zerschlagen hat, ich werde es ihr noch zeigen!“
„Tss, sei still!“
Arkadij Iwanowitsch führte Mawra in die Küche, verlangte von ihr den Schlüssel und schloß sie dort ein. Darauf begab er sich in den Dienst. Auf dem Wege überlegte er sich’s, wie er sich bei Juljan Mastakowitsch melden lassen sollte und ob es nicht vielleicht anmaßend sei, es zu tun? Im Büro erschien er sehr schüchtern, fast zaghaft erkundigte er sich, ob Seine Exzellenz da sei; man antwortete ihm, nein, und Exzellenz würden heute wohl überhaupt nicht kommen. Arkadij Iwanowitsch wollte im ersten Augenblick zu ihm in die Wohnung gehen, doch fiel es ihm noch zur rechten Zeit ein, daß ja Juljan Mastakowitsch, wenn er hier nicht erschienen war, dann ganz bestimmt zu Hause dringend beschäftigt sein mußte. Er blieb also im Büro. Die Stunden schienen ihm unendlich lang zu sein. Unterderhand erkundigte er sich nach der Abschrift, mit der Schumkoff beauftragt worden war. Doch niemand wußte etwas von der Angelegenheit. Man wußte nur, daß Juljan Mastakowitsch ihn mit besonderen Aufträgen beschäftigte, mit was für welchen aber – das wußte niemand zu sagen. Schließlich schlug es drei Uhr und Arkadij Iwanowitsch stürzte nach Haus. Auf der Treppe des Dienstgebäudes redete ihn ein Schreiber an und sagte, daß Wassilij Petrowitsch Schumkoff um ein Uhr dagewesen sei und gefragt habe, ob er, Arkadij, da sei, und ferner, ob Juljan Mastakowitsch dagewesen wäre. Als Arkadij Iwanowitsch das hörte, nahm er eine Droschke und fuhr außer sich vor Angst und Schrecken nach Hause.
Schumkoff war zu Hause. Er ging erregt im Zimmer auf und ab. Als er Arkadij Iwanowitsch erblickte, nahm er sich sofort zusammen und beeilte sich sichtlich, seine Erregung zu verbergen. Er setzte sich schweigend an die Arbeit. Offenbar wollte er den Fragen seines Freundes ausweichen. Fast schien er sich durch ihn belästigt zu fühlen und die Absicht zu haben, von seinen Entschlüssen jetzt nichts mehr verlauten zu lassen, da er sich, wie er wohl denken mochte, auf die Freundschaft des anderen ja doch nicht verlassen konnte. Arkadij fühlte das wohl und sein Herz krampfte sich zusammen. Er setzte sich aufs Bett und schlug ein Buch auf, das einzige, welches in seinem Besitz war – wandte aber keinen Blick von dem armen Wassjä. Wassjä schwieg hartnäckig, schrieb und blickte nicht auf. So vergingen einige Stunden und Arkadijs Qualen stiegen aufs höchste. Schließlich, gegen elf Uhr abends, erhob Wassjä seinen Kopf und sah mit stumpfem, unbeweglichem Blick Arkadij an. Arkadij wartete schweigend. Es vergingen zwei bis drei Minuten! Wassjä schwieg immer noch. „Wassjä!“ rief Arkadij endlich. Doch Wassjä gab keine Antwort. „Wassjä!“ wiederholte er und sprang vom Bett auf. „Wassjä, was fehlt dir? Was hast du?“ rief er aus und lief zu ihm hin. Wassjä hob den Kopf und sah ihn mit demselben stumpfen und unbeweglichen Ausdruck an. „Er hat einen Krampf!“ dachte Arkadij, und dabei überlief ihn ein Schauer. Er griff nach der Karaffe mit Wasser und goß Wassjä das Wasser über den Kopf, befeuchtete seine Schläfen, rieb ihm die Hände, und richtig, Wassjä kam wieder zu sich. „Wassjä, Wassjä!“ Arkadij brach in Tränen aus: er konnte sich nicht mehr beherrschen. „Wassjä, richte dich doch nicht zugrunde, besinne dich doch, Wassjä! ...“ Er verstummte und nahm Wassjä in seine Arme. Ein sonderbarer Ausdruck lag auf Wassjäs Gesicht: er rieb sich die Stirn und griff nach seinem Kopf, als fürchte er, daß er ihm zerspränge ...
„Ich weiß nicht, was mit mir ist!“ sagte er endlich, „ich glaube ... Aber beunruhige dich nicht, Arkadij, beunruhige dich nicht, es ist alles gut!“ fügte er, ihn mit traurigen Augen ansehend, hinzu. „Laß gut sein, laß gut sein!“
„Du – du beruhigst noch mich!“ rief Arkadij, dessen Herz in Stücke zerriß. „Wassjä,“ sagte er dann, „lege dich endlich zu Bett, schlaf ein wenig, was meinst du? Quäle dich doch nicht umsonst! Besser, du setzt dich nachher wieder an die Arbeit!“
„Schon gut, schon gut!“ wiederholte Wassjä, „ja: Ich werde mich hinlegen: schon gut; ja! Siehst du, ich wollte es nämlich beenden, aber jetzt habe ich mich doch bedacht ... ja ...“
Und Arkadij schleppte ihn zu Bett.
„Höre, Wassjä,“ sagte er entschlossen, „mit dieser Sache muß ein Ende gemacht werden! Sage mir, was hast du dir gedacht?“
„Ach!“ sagte Wassjä, winkte mit der Hand schwach ab und wandte seinen Kopf auf die andere Seite.
„Schön, Wassjä, schön! Entschließe dich, ich will nicht zu deinem Mörder werden, ich kann nicht länger schweigen! Du wirst nicht eher einschlafen, bis du dich nicht zu etwas Bestimmtem entschlossen haben wirst, ich weiß es.“
„Wie du willst, wie du willst,“ wiederholte rätselhaft Wassjä.
„Er ergibt sich,“ dachte Arkadij Iwanowitsch.
„Folge mir doch, Wassjä,“ sagte er, „denke daran, was ich dir gesagt habe: ich kann dich ja retten; morgen – morgen werde ich dein Schicksal entscheiden! Was sage ich: Schicksal!? Du hast mich so bange gemacht, Wassjä, daß ich schon anfange, deine Worte zu wiederholen. Was für ein Schicksal! Das ist ja Unsinn! Du willst nicht die Liebe und Zuneigung Juljan Mastakowitschs verlieren, ja! Und du wirst sie auch nicht verlieren, du wirst sehen ... Ich ...“
Arkadij Iwanowitsch hätte noch weiter gesprochen, aber Wassjä unterbrach ihn. Er richtete sich auf, umschlang schweigend mit beiden Händen Arkadij Iwanowitsch und küßte ihn.
„Schon gut!“ sagte er mit schwacher Stimme, „schon gut! Genug davon!“
Und wieder kehrte er seinen Kopf weg zur Wand.
„Mein Gott!“ dachte Arkadij. „Mein Gott! Was ist mit ihm? Er ist ganz und gar von Sinnen: was mag er vorhaben? Er wird sich ja zugrunde richten!“
Arkadij sah voll Verzweiflung auf ihn.
„Wenn er doch wirklich krank werden würde,“ dachte Arkadij, „das wäre vielleicht noch das Beste. Durch die Krankheit würde er dann aller Sorgen enthoben sein und man würde die Sache auf eine ganz ausgezeichnete Weise beilegen können. Doch was sage ich? Ach, du mein großer Gott ...“
Inzwischen schien Wassjä eingeschlafen zu sein. Arkadij Iwanowitsch freute sich über das gute Zeichen, wie er es auslegte, und beschloß bei sich, die ganze Nacht an Wassjäs Bett zu bleiben. Doch Wassjä schien nicht zur Ruhe zu kommen, er bewegte sich alle Augenblick, warf sich im Bett herum und öffnete von Zeit zu Zeit die Augen. Schließlich aber nahm die Müdigkeit doch überhand und er schlief ein wie ein Toter. Es war gegen zwei Uhr morgens, als Arkadij Iwanowitsch, mit den Ellenbogen auf den Tisch gestützt, auf seinem Stuhl ebenfalls einschlief.
Er hatte einen sehr unruhigen und sonderbaren Traum. Ihm war es, als wache er, während Wassjä noch immer auf dem Bett lag. Doch sonderbarerweise war das nur eine Verstellung von Wassjä, er hinterging Arkadij, stand vom Bett auf und setzte sich an den Schreibtisch. Schmerz ergriff Arkadij, er war tief traurig und konnte es kaum ertragen, als er so sehen mußte, wie Wassjä ihn hinterging. Er wollte nach ihm greifen, ihn rufen und aufs Bett zurücktragen. Wassjä schrie aber laut auf und als Arkadij zusah, hielt er nur seine Leiche im Arm. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, sein Herz klopfte heftig. Er erwachte und öffnete die Augen. Wassjä saß vor ihm am Tisch und – schrieb.
Arkadij wollte seinen Augen nicht trauen und blickte aufs Bett: aber nein, da war Wassjä nicht! Arkadij sprang auf, noch ganz unter dem Eindruck seines Traumes. Wassjä aber rührte sich nicht. Er schrieb immer weiter. Voll Entsetzen bemerkte plötzlich Arkadij, daß Wassjä immer nur mit der trockenen Feder übers Papier fuhr, die weißen Seiten umblätterte und sich eilte und eilte, ganz, als wäre er emsig an seiner Arbeit! „Nein, das da ist kein Krampf!“ dachte Arkadij Iwanowitsch und erzitterte am ganzen Körper. „Wassjä, Wassjä! Antworte mir doch!“ rief er und packte ihn an der Schulter. Doch Wassjä schwieg und fuhr fort, mit trockener Feder auf dem Papier weiter zu schreiben.
„Endlich, endlich schreibt meine Feder so schnell, wie ich will,“ sagte er und blickte Arkadij an.
Arkadij ergriff seine Hand und entriß ihm die Feder.
Ein Stöhnen kam aus Wassjäs Brust. Er ließ die Arme sinken und sah Arkadij an, dann griff er sich mit einem quälenden, traurigen Ausdruck an die Stirn, als wollte er einen schweren eisernen Ring entfernen, der dort lag und ließ dann leise, wie in Nachdenken versunken, seinen Kopf auf die Brust fallen.
„Wassjä, Wassjä!“ rief Arkadij Iwanowitsch verzweifelt. „Wassjä!“
Nach einiger Zeit sah Wassjä ihn an. Tränen standen in seinen großen blauen Augen und das bleiche Gesicht drückte eine unendliche Qual aus ... Er flüsterte etwas.
„Was, was sagst du?“ rief Arkadij und beugte sich zu ihm.
„Warum nur ich, warum nur ich?“ flüsterte Wassjä, „warum? Was habe ich denn getan?“