Sämtliche Werke 15

Part 18

Chapter 183,775 wordsPublic domain

Arkadij verstummte im Übermaß seiner Gefühle. Wassjä war durch seine Worte bis in die Tiefe seiner Seele erschüttert. Niemals hatte er solche Worte von Arkadij erwartet! Arkadij Iwanowitsch verstand es sonst nicht, sich auszudrücken, auch liebte er durchaus nicht zu schwärmen, und doch hatte er soeben die allerüberschwenglichsten Gedanken geäußert. „Wie werde ich für euch beide sorgen, wie euch verwöhnen,“ begann er jetzt von neuem. „Erstens, Wassjä, werde ich der Taufpate aller deiner Kinder sein, aller, ohne Ausnahme, und zweitens, Wassjä, muß man auch an die Zukunft denken. Man muß eine Wohnung mieten, Möbel kaufen, so viel, daß jeder von uns sein Zimmer hat. Weißt du, Wassjä, ich werde bereits morgen ausgehen und die Wohnungszettel studieren. Drei ... nein, zwei Zimmer, mehr haben wir nicht nötig. Ich glaube jetzt selbst, Wassjä, daß ich da heute Unsinn gesprochen habe, das Geld wird gewiß reichen. Warum denn auch nicht? Als ich ihr heute in die Augen sah, wußte ich sofort, daß es reicht! Alles für sie! Oh, wie werden wir arbeiten! Jetzt, Wassjä, kann man es wagen und fünfundzwanzig Rubel für die Wohnung zahlen. Gute Zimmer, mein Lieber, müssen es sein ... in guten Zimmern ist der Mensch fröhlich und hat heitere Gedanken! Und zweitens, Lisenka wird unser gemeinsamer Kassierer sein: nicht eine Kopeke wird unnütz verausgabt! Ich sollte künftig noch einmal in eine Kneipe gehen? Ja, für wen hältst du mich denn eigentlich?! Um nichts in der Welt! Man wird uns Zulage geben, uns Geschenke machen, wenn wir fleißig arbeiten! Und wie werden wir arbeiten, wie Büffel werden wir die Akten pflügen! ... Stelle dir nur vor ... (und die Stimme Arkadij Iwanowitschs wurde ganz schwach vor Seligkeit) – wenn plötzlich so fünfundzwanzig bis dreißig Rubel ins Haus kämen ... Nun, dann werden wir ihr Hütchen kaufen, einen Schal, neue Strümpfchen! Mir aber muß sie dafür durchaus ein Halstuch häkeln: sieh nur, wie schlecht das meine ist: gelb und abgetragen – hatte es zu meinem Unglück heute umgelegt! Ja, und du, Wassjä, bist auch gut: stellst mich gerade in dem Augenblick vor, wie ich noch mit dem Halstuch dastehe ... Doch, nicht darum handelt es sich! Ich, siehst du: ich werde für das Silber sorgen! Ich bin doch verpflichtet, euch ein Geschenk zu machen – meine Ehre verlangt es, und auch meine Eigenliebe! ... Meine Jahreszulage wird doch dazu reichen: hoffentlich wird man sie mir bald geben? Fürchte nichts, mein Lieber, ich werde euch echte silberne Löffel kaufen und gute Messer – die nicht aus Silber zu sein brauchen, doch ausgezeichnete Messer sein werden, und eine Weste werde ich kaufen, das heißt, eine Weste für mich: denn ich werde doch Trauzeuge sein! Du aber nimm dich mal jetzt zusammen, ich werde schon auf dich aufpassen, Bruder; heute und morgen, die ganze Nacht werde ich mit dem Stock hinter deinem Stuhl stehen, beende die Arbeit, Bruder beende sie schnell! Nun, und dann gehen wir beide zum Abend wieder hin, und wir werden glücklich sein ... werden Lotto spielen! ... Werden die Abende zusammen verbringen – hei, wird das schön werden! Pfui, Teufel! Wie ärgerlich, daß ich dir nicht helfen kann. Ich würde am liebsten alles, alles für dich abschreiben ... Warum haben wir nicht dieselbe Handschrift?“

„Ja!“ antwortete Wassjä. „Ja! Ich muß mich beeilen. Ich glaube, es wird jetzt elf Uhr sein – wir müssen uns beeilen ... An die Arbeit!“ Und Wassjä, der die ganze Zeit lächelnd zugehört und bin und wieder versucht hatte, durch irgendeine Bemerkung seine freundschaftlichen Gefühle zu Arkadij auszudrücken, kurz, der bis dahin mit Leib und Seele dabei gewesen war, verstummte plötzlich, wurde unruhig und schweigsam und fing beinah an zu laufen. Offenbar hatte irgendein schwerer Gedanke plötzlich seinen allzu heißen Kopf abgekühlt!

Auch Arkadij Iwanowitsch wurde unruhig: auf seine dringlichen Fragen erhielt er kaum eine Antwort von Wassjä, dessen Ausrufe anderseits gar nicht mehr zur Sache gehörten.

„Ja, was fehlt dir denn, Wassjä?“ rief Arkadij endlich aus, als jener seine Schritte so beschleunigte, daß er ihm kaum zu folgen vermochte. „Bist du wirklich so in Sorge? ...“

„Ach, mein Lieber, wir haben genug geredet!“ antwortete ihm Wassjä ärgerlich.

„Verzweifle doch nicht, Wassjä,“ unterbrach ihn Arkadij, „ich habe es doch schon erlebt, daß du in einer kürzeren Frist noch viel mehr abgeschrieben hast ... Was willst du denn! Du bist doch so geschickt! Im äußersten Falle kannst du einfach etwas flüssiger schreiben: deine Abschrift braucht doch nicht wie gestochen zu sein. Du wirst’s schon schaffen! ... Wenn du dich jetzt aufregst, so wirst du nur zerstreut sein und die Arbeit wird dir schwer fallen ...“

Wassjä antwortete nichts oder murmelte nur etwas vor sich hin, und beide liefen voll Unruhe nach Haus.

Wassjä setzte sich sofort an die Arbeit. Arkadij Iwanowitsch verhielt sich ganz ruhig, er entkleidete sich vorsichtig und legte sich aufs Bett, ohne Wassjä aus den Augen zu lassen ... Angst überkam ihn ... „Was ist das nur mit ihm?“ dachte er bei sich, als er Wassjäs bleiches Gesicht mit den glänzenden Augen darin erblickte – diese Unruhe in all seinen Bewegungen – dies Zittern seiner Hand ... Verdammt, wirklich verdammt! Sollte ich ihm nicht raten, sich lieber zwei Stunden hinzulegen: vielleicht kann er seine Aufregung ausschlafen.“

Wassjä hatte gerade eine Seite beendet, er sah auf und sein Blick traf zufällig Arkadij. Doch sofort schlug er die Augen nieder und griff wieder zur Feder.

„Höre, Wassjä,“ begann plötzlich Arkadij Iwanowitsch, „wäre es nicht wirklich besser, wenn du dich ein wenig schlafen legtest! Sieh, du bist wie im Fieber ...“

Wassjä sah geärgert, sogar wütend zu Arkadij hinüber und antwortete nichts.

„Höre, Wassjä, was machst du mit dir? ...“ Wassjä schien sich zu besinnen.

„Sollte ich nicht Tee trinken, Arkascha?“ sagte er plötzlich.

„Wie das? Warum?“

„Tee gibt Kraft. Schlafen will ich nicht und werde ich auch nicht! Ich werde schreiben. Beim Teetrinken würde ich mich aber erholen, und ein Augenblick der Ermüdung wäre leichter zu überwinden.“

„Famos, Bruder Wassjä, famos! So gefällst du mir: ich selbst wollte dir schon den Vorschlag machen. Ich wundere mich nur, daß ich nicht früher darauf verfiel. Und – weißt du was? Mawra wird nicht aufstehen, um nichts in der Welt wird sie aufstehen ...“

„Ja! Das stimmt!“

„Ach, Unsinn, das tut auch nichts!“ rief Arkadij Iwanowitsch und sprang barfuß aus dem Bett. „Ich selbst werde den Ssamowar aufstellen ...“

Arkadij Iwanowitsch lief in die Küche und mühte sich um den Ssamowar; Wassjä schrieb unterdessen weiter. Dann kleidete sich Arkadij Iwanowitsch an, um in eine Bäckerei zu gehen, damit Wassjä sich zur Nacht stärken könnte. In einer Viertelstunde stand der Ssamowar auf dem Tisch. Sie tranken den Tee, aber zu einem Gespräch kam es nicht mehr. Wassjä war immer noch sehr zerstreut.

„Ja, was ich sagen wollte,“ sagte er endlich, sich besinnend, „morgen muß man gehen und gratulieren.“

„Das hast du doch nicht nötig.“

„Nein, mein Lieber, das muß sein,“ sagte Wassjä ...

„Ich werde dich bei allen einschreiben. Wozu willst du gehen? Du, arbeite morgen! Heute arbeite noch bis fünf Uhr, wie ich’s dir gesagt habe, und dann lege dich schlafen. Denn sonst, wie wirst du morgen sonst aussehen? Ich würde dich um Punkt acht Uhr wecken ...“

„Ja, geht es denn an, daß du statt meiner mich überall einschreibst?“ fragte Wassjä halb und halb mit dem Vorschlage einverstanden.

„Ja, warum denn nicht? So machen es doch alle!“

„Ich fürchte eigentlich ...“

„Was denn, was?“

„Bei den andern, weißt du, tut es nichts, aber bei Juljan Mastakowitsch – er ist doch mein Wohltäter, Arkascha, und wenn er bemerkt, daß eine fremde Hand ...“

„Bemerkt! Wie töricht du bist, Wassjuk! Wie kann er denn das bemerken? ... Ich kann doch deinen Namen so gut kopieren und dieselbe Schleife dranmachen, bei Gott, du weißt doch. Wirklich, was soll er denn da bemerken?“

Wassjä antwortete nichts und beeilte sich, sein Glas zu leeren ... Darauf schüttelte er zweifelnd den Kopf.

„Wassjä, mein Junge! Ach, wenn es uns doch nur gelingen würde! Wassjä, was fehlt dir denn? Du machst mir Angst! Weißt du, ich werde mich nicht hinlegen, Wassjä, ich werde nicht einschlafen. Zeige mir doch, ob du noch viel zu schreiben hast?“

Wassjä blickte Arkadij Iwanowitsch so an, daß diesem das Herz weh tat und er kein Wort mehr herausbrachte.

„Wassjä! Was ist mit dir? Was hast du? Warum siehst du mich so an?“

„Arkadij, ich, weißt du, ich werde morgen doch selbst gehen und Juljan Mastakowitsch gratulieren.“

„Nun, so gehe doch!“ sagte Arkadij und sah ihn mit großen Augen in qualvoller Erwartung an.

„Höre, Wassjä, schreibe doch schneller, ich werde dir doch nichts Schlechtes raten, bei Gott, das tue ich nicht. Wie oft hat dir nicht Juljan Mastakowitsch selbst schon gesagt, daß ihm an deiner Handschrift am meisten die Leichtigkeit gefällt! Nur Skoroplechin liebt es, wenn die Schrift wie gemalt ist und wie eine Schönschreibevorlage aussieht, um sich das Papier dann unrechtmäßigerweise anzueignen und seinen Kindern mit nach Hause zu bringen – denn eine Vorlage für sie kann sich der Schafskopf wohl nicht kaufen! Aber Juljan Mastakowitsch verlangt immer nur: flüssig, flüssig, flüssig! Doch was hast du nur, Wassjä, ich weiß wirklich nicht, was ich dir noch sagen soll ... Ich fürchte mich fast ... Mit deiner Verzweiflung bringst du mich noch um!“

„Nichts, nichts!“ sagte Wassjä und fiel erschöpft auf seinen Stuhl zurück. Arkadij erschrak.

„Willst du Wasser, Wassjä? – Wassjä!“

„Laß nur, laß,“ sagte Wassjä, und drückte ihm die Hand. „Mir fehlt nichts, mir ist nur etwas traurig zumut, Arkadij. Ich kann es eigentlich selbst nicht sagen, warum. Höre, rede lieber von etwas anderem, erinnere mich nicht daran ...“

„Beruhige dich, um Gottes willen, beruhige dich doch, Wassjä. Du wirst’s schon beenden, bei Gott, wirst’s schon beenden! Und wenn nicht, – nun, was wäre denn dabei für ein Unglück? Tust ja, als wäre das ein wahres Verbrechen!“

„Arkadij,“ sagte Wassjä, seinen Freund so bedeutungsvoll ansehend, daß dieser wieder erschrak, denn noch nie hatte er Wassjä so tief innerlich aufgeregt gesehen. „Wenn ich allein gewesen wäre, wie früher ... Nein! Nicht das meine ich! Ich möchte es dir immer sagen, dir anvertrauen, wie einem Freunde ... Übrigens, wozu dich beunruhigen? ... Siehst du, Arkadij, den einen ist viel gegeben, andere verrichten nur Kleines, wie ich. Nun, wenn man von dir zum Beispiel Dankbarkeit und Anerkennung verlangte – und dir wäre es nicht möglich ...?“

„Wassjä! Ich kann dich wahrhaftig nicht verstehen!“

„Ich bin niemals undankbar gewesen,“ fuhr Wassjä fort, als spräche er zu sich selbst. „Wenn ich nun aber nicht imstande bin, alles auszudrücken, was ich fühle, so ist es, als ob ... so hat es doch den Anschein, Arkadij, als wäre ich tatsächlich undankbar, und das bringt mich einfach um!“

„Was sagst du da, was! Besteht denn wirklich darin deine ganze Dankbarkeit, daß du genau zum Termin fertig geworden bist? Denke doch nach, Wassjä, was du da sagst! Wäre das wirklich die ganze Dankbarkeit?“

Wassjä verstummte und sah seinen Freund mit großen Augen an, als hätte dieser unerwartete Einwand alle Bedenken genommen. Er lächelte sogar, nahm aber sofort wieder eine nachdenkliche Miene an. Arkadij faßte dieses Lächeln als das Ende aller Schrecken auf, die Lebhaftigkeit aber, die wieder über Wassjä kam, als einen Entschluß zu etwas Besserem, und freute sich bereits sehr.

„Nun, Arkascha, du legst dich jetzt schlafen,“ sagte Wassjä. „Sieh nur, daß ich nicht einschlafe, das wäre ein Unglück. Ich mache mich also jetzt an die Arbeit ... Arkascha!“

„Was?“

„Nein, nichts, ich wollte nur ...“

Wassjä setzte sich hin, schwieg und schrieb. Arkadij legte sich schlafen. Weder der eine noch der andere hatte ihren Besuch vom Nachmittag erwähnt. Vielleicht fühlten sich alle beide ein wenig schuldig, die Zeit vergeudet zu haben. Arkadij Iwanowitsch war bald eingeschlafen – in Sorgen über Wassjä. Zu seiner Verwunderung erwachte er genau um acht Uhr morgens. Wassjä war auf seinem Stuhl gleichfalls eingeschlafen, die Feder in der Hand, bleich und übermüdet. Das Licht war niedergebrannt. In der Küche machte sich Mawra am Ssamowar zu schaffen.

„Wassjä, Wassjä!“ rief Arkadij erschrocken aus. „Wann bist du eingeschlafen?“

Wassjä riß die Augen auf und sprang vom Stuhl.

„Ach!“ sagte er, „ich bin nur so eingeschlafen! ...“

Er sah sofort nach seinen Papieren, nichts war ihnen geschehen, alles war in Ordnung; kein Tintenfleck, kein Talgfleck, vom Licht war nichts heruntergetröpfelt.

„Ich glaube, ich schlief um sechs Uhr ein,“ sagte Wassjä. „Wie kalt es in der Nacht ist! Trinken wir einen Tee und dann werde ich wieder ...“

„Bist du ruhig geworden?“

„Ja, ja, mir fehlt nichts!“

„Prost Neujahr, Wassjä.“

„Prost Neujahr, mein Lieber, prost Neujahr, wünsche dir gleichfalls alles Gute, mein Lieber.“

Sie umarmten sich. Wassjäs Lippen zitterten und seine Augen schwammen in Tränen. Arkadij Iwanowitsch schwieg: ihm war bitter zumut. Beide tranken sie eilig den Tee ...

„Arkadij! Ich habe beschlossen, selbst zu Juljan Mastakowitsch zu gehen ...“

„Aber er wird es ja doch nicht bemerken ...“

„Mich quält sonst das Gewissen, mein Lieber.“

„Du sitzt doch hier seinetwegen, seinetwegen quälst du dich ... Genug, Wassjä! ... Und ich, weißt du, mein Lieber, werde auch dahin gehen ...“

„Wohin?“ fragte Wassjä.

„Zu Artemjeffs, um auch ihnen zu gratulieren, auch für dich mit!“

„Schön, mein Lieber, schön! Nun! So werde ich also hier bleiben: ja, ich sehe, das hast du dir trefflich ausgedacht. Ich werde also hier bleiben und arbeiten und nicht feiertagsmäßig die Zeit verbringen! Warte nur noch ein wenig, ich werde gleich einen Brief schreiben.“

„Schreibe nur, schreibe, es hat ja noch Zeit. Ich werde mich erst waschen, rasieren und den Rock reinbürsten.“

„Wassjä, mein Bruder, weißt du, wir werden beide glücklich und zufrieden sein! Umarme mich, Wassjä!“

„Ach, wenn du das meinst, Bruder! ...“

„Wohnt hier der Herr Beamte Schumkoff?“ ertönte in diesem Augenblick ein Kinderstimmchen auf der Treppe.

„Hier, mein Kleiner, hier,“ antwortete Mawra und ließ den kleinen Gast eintreten.

„Wer ist da? Wer, wer?“ rief Wassjä, sprang vom Stuhl auf und stürzte ins Vorzimmer. „Petinka, du? ...“

„Guten Tag, habe die Ehre Ihnen zum neuen Jahre zu gratulieren, Wassilij Petrowitsch,“ sagte ein reizender schwarzlockiger Bengel von etwa zehn Jahren, „die Schwester läßt Sie schön grüßen, Mama auch, und die Schwester hat mir befohlen, Sie von ihr zu küssen ...“

Wassjä hob den kleinen Gesandten mit beiden Armen in die Luft und drückte einen langen leidenschaftlichen Kuß auf seine Lippen, die ganz Lisenkas Lippen ähnlich waren.

„Küsse ihn auch, Arkadij!“ wandte er sich an diesen und übergab ihm Petjä – und Petjä ging, ohne die Erde zu berühren, in die mächtige und heftige Umarmung Arkadij Iwanowitschs über.

„Mein Kleiner, willst du Tee?“

„Danke bestens. Wir haben bereits Tee getrunken! Heute sind wir früh aufgestanden. Die Unsrigen gingen zur Frühmesse. Die Schwester hat mich zwei Stunden lang angezogen, mich gewaschen und gekämmt und mir die Hosen genäht, die ich gestern abend, als ich mit Ssascha auf der Straße spielte, zerrissen hatte: wir spielten nämlich Schneeball zusammen, und da ...“

„Nu – nu – nu – nu!“

„Jawohl, die ganze Zeit hat sie mich aufgeputzt, mich zurechtgestutzt und dann mich abgeküßt: ‚gehe zu Wassjä, gratuliere ihm und frage ihn, ob er ruhig die Nacht verbracht hat, und noch ...‘ und ich sollte noch etwas fragen, ja! Ob die Sache schon beendet wäre, von der Sie gestern gesprochen ... gestern ... Ach, ich habe ja alles aufgeschrieben,“ sagte der Kleine, zog ein Blättchen aus der Tasche, – „ja, und ob Sie aufgeregt wären?“

„Ich werde fertig! Ich werde! Sag’s ihr, daß ich fertig werde, mein Ehrenwort drauf!“

„Ja und noch etwas ... Ach! Ich hab’s vergessen: die Schwester hat auch einen Brief und ein Geschenk geschickt, ja, und ich hätte es fast vergessen! ...“

„Mein Gott! ... Wo denn, mein Kind, wo? Da ist’s!? – ah! Sieh doch, mein Lieber, sieh, was sie mir schreibt, die Liebe, Gute! Weißt du, gestern habe ich bei ihr eine Brieftasche für mich gesehen: leider ist sie nicht fertig geworden, so schickt sie mir heute eine ihrer schwarzen Locken, die Brieftasche wird mir deshalb jedoch nicht verloren gehen. Sieh, Bruder, sieh nur!“

Und der aufgeregte Wassjä zeigte Arkadij Iwanowitsch eine schwarze Locke, küßte sie leidenschaftlich und legte sie dann in die Seitentasche, nahe dem Herzen.

„Wassjä! Ich werde dir für diese Locke ein Medaillon kaufen!“ sagte schließlich Arkadij Iwanowitsch.

„Und heute haben wir einen Kalbsbraten und morgen Kalbshirn. Mama will auch noch Kuchen backen ... Und wir werden nicht wieder Haferbrei essen,“ sagte der Knabe, und schloß seine Erzählung.

„Nein, was das für ein netter Kerl ist!“ meinte Arkadij Iwanowitsch. „Wassjä, du bist der glücklichste Sterbliche!“

Der Kleine trank seinen Tee, erhielt ein Briefchen, tausend Küsse und machte sich dann, frisch und fröhlich wie er gekommen war, auf den Heimweg.

„Nun, mein Lieber,“ meinte hocherfreut Arkadij Iwanowitsch, „siehst du, wie gut alles ist, siehst du! Alles wendet sich zum besseren, verzage nicht und klage nicht! Immer voran, Wassjä, mache Schluß mit dem Trübsinn! In zwei Stunden bin ich wieder zu Haus: zuerst fahre ich zu ihnen, dann zu Juljan Mastakowitsch.“

„Nun, lebe wohl, Lieber, lebe wohl ... Ach, wenn es so ist! ... Nun gut, gut, mache, daß du wegkommst,“ sagte Wassjä, „ich, mein Lieber, werde dann also bestimmt _nicht_ zu Juljan Mastakowitsch gehen.“

„Lebe wohl!“

„Wart, mein Lieber, wart: sage ihr ... Nun, alles was du willst – küsse sie von mir ... Du erzählst mir dann alles später, mein Lieber, alles ...“

„Nun, natürlich: jetzt wirst du ja wieder der alte! Seit gestern abend warst du noch gar nicht recht zu dir gekommen, hattest dich von all den Eindrücken noch gar nicht erholt. Nun aber Schluß! Kopf hoch, mein lieber Wassjä! Lebe wohl, lebe wohl!“

Endlich trennten sich die Freunde. Den ganzen Morgen über war Arkadij Iwanowitsch zerstreut und dachte nur an Wassjä. Er kannte dessen schwache und leicht erregbare Natur. Das Glück hatte ihn offenbar so erschüttert: jawohl, das war es, das Glück! Ich habe mich nicht getäuscht! sagte Arkadij zu sich selbst. Mein Gott! Er hat mir aber einen Schrecken eingejagt! Und woraus er nicht eine Tragödie macht! Was für ein Hitzkopf er ist! Wirklich, man muß ihm helfen! Jawohl: helfen!

Bei Juljan Mastakowitsch erschien Arkadij erst um elf Uhr, um in der Portiersloge seinen bescheidenen Namen der endlosen Reihe hoher Persönlichkeiten hinzuzufügen, die auf einem bereits vollgekritzelten weißen Bogen ihre Namen eingetragen hatten. Doch wie groß war seine Verwunderung, als unmittelbar vor seinem Namen die Unterschrift Wassjä Schumkoffs auftauchte! Nun – was ist denn mit ihm geschehen? dachte er erschrocken. Und Arkadij Iwanowitsch, der gerade vorher soviel Hoffnung geschöpft hatte, ging ganz bestürzt von dannen. Bereitete sich in der Tat ein Unglück vor? Was hieß das? Was sollte daraus werden!?

In Kolomna erschien er mit düsteren Gedanken und war anfangs sehr zerstreut. Erst als er mit Lisenka gesprochen hatte, kam er zur Besinnung und ging dann mit Tränen in den Augen fort: er war Wassjäs wegen wirklich in heller Angst. Er lief so schnell wie möglich nach Haus. Gerade an der Newa stieß er mit Schumkoff zusammen. Der lief gleichfalls mehr als er ging.

„Wohin?“ rief Arkadij Iwanowitsch.

Wassjä stutzte wie ein ertappter Verbrecher.

„Ich, mein Lieber, ich gehe nur so ... ich wollte nur ein wenig spazieren ...“

„Du hast es nicht ausgehalten, du willst nach Kolomna gehen? Ach, Wassjä, Wassjä! Warum bist du nur zu Juljan Mastakowitsch gegangen?“

Wassjä antwortete ihm nichts darauf, er winkte nur mit der Hand und sagte dann:

„Arkadij! Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht! Ich ...“

„Schon gut, Wassjä, schon gut! Ich weiß doch, wie das ist. Beruhige dich doch nur! Du bist seit gestern unruhig und aufgeregt! Es ist ja auch kein Wunder! Alle lieben dich, alle leben für dich, mit deiner Arbeit geht’s vorwärts, bald wirst du sie beendet haben, das wirst du bestimmt, ich weiß es: du bildest dir da nur so etwas ein, hast da irgendeine Angst ...“

„Nein, durchaus nicht, durchaus nicht ...“

„Erinnere dich doch, Wassjä, erinnere dich doch, wie es mit dir war, weißt du noch, als du befördert wurdest, du wußtest dich auch nicht vor Glück und vor Dankbarkeit zu lassen, verdoppeltest deinen Eifer und eine Woche lang verdarbst du doch nur die Arbeit! Dasselbe geschieht jetzt wieder mit dir ...“

„Ja, ja, Arkadij – doch ist das jetzt etwas ganz anderes, durchaus etwas anderes ...“

„Wieso denn, etwas anderes: ich bitte dich! Die Sache ist ganz sicher nicht so eilig, du aber quälst dich dermaßen ...“

„Nein, nein, ich bin nur so ... Nun, gehen wir!“

„Wie, so willst du nach Haus und nicht zu ihnen?“

„Nein, mein Lieber, mit diesem Gesicht kann ich dort nicht erscheinen ... Ich habe mich bedacht. Ich konnte es nur ohne dich so allein zu Hause nicht aushalten. Jetzt, da du wieder bei mir bist, werde ich mich hinsetzen und weiter schreiben. Gehen wir!“

Sie gingen und schwiegen eine Zeitlang. Wassjä hatte es jetzt wieder sehr eilig.

„Warum erkundigst du dich gar nicht nach ihnen?“ fragte Arkadij Iwanowitsch.

„Ach, ja! Nun, Arkaschenka, wie steht’s?“

„Wassjä, man erkennt dich gar nicht wieder!“

„Nun, tut nichts, tut nichts. Erzähle mir nur alles, Arkascha!“ bat Wassjä mit flehender Stimme, als wolle er jeder weiteren Erklärung ausweichen. Arkadij Iwanowitsch seufzte tief auf: er wußte mit Wassjä gar nichts mehr anzufangen.

Die Nachrichten von den Kolomnaschen belebten jedoch Wassjä wieder. Er sprach sogar sehr lebhaft von ihnen. Sie speisten beide zu Mittag. Die Alte hatte die Taschen Arkadij Iwanowitschs mit Kuchen vollgestopft und die Freunde waren lustig und guter Dinge, während sie sie aßen. Nach Tisch wollte Wassjä sich hinlegen, um dann die Nacht durcharbeiten zu können. Und so geschah es denn auch. Am Morgen hatte jemand Arkadij Iwanowitsch zum Tee aufgefordert, eine Einladung, die abzuschlagen nicht gut anging. Die Freunde trennten sich infolgedessen. Arkadij versprach, so früh als es eben nur anging, zurückzukommen, wenn möglich schon um acht Uhr. Diese drei Stunden Trennung kamen ihm selbst wie drei Jahre vor. Endlich machte er sich auf, um zu Wassjä zurückzukehren. Als er ins Zimmer trat, sah er, daß es dunkel war. Wassjä war nicht zu Haus. Er fragte Mawra. Mawra sagte, daß Wassjä die ganze Zeit geschrieben habe, darauf im Zimmer auf und ab gegangen sei, und schließlich vor einer Stunde ungefähr hinausgelaufen wäre – mit der Bemerkung, er käme in einer halben Stunde wieder: ‚wenn aber Arkadij Iwanowitsch inzwischen kommt, so sage du ihm,‘ schloß Mawra die Erzählung, ‚daß ich nur ein wenig spazierengegangen bin,‘ das aber habe er ihr drei- bis viermal ausdrücklich anbefohlen.

„Er ist sicher bei Artemjeffs!“ dachte Arkadij Iwanowitsch und schüttelte den Kopf.

Im nächsten Augenblick sprang er auf: er hatte eine neue Hoffnung. „Er ist wohl gar fertig geworden,“ dachte er, „ja: das wird es sein; und er hat es nicht länger ausgehalten und ist zu ihnen gelaufen. Übrigens, nein! Dann hätte er doch auf mich gewartet ... Sehen wir, wie es mit seiner Arbeit steht –“.

Er zündete das Licht an und begab sich an Wassjäs Schreibtisch: die Arbeit ging offenbar gut vonstatten und schien sich ihrem Ende zu nähern. Arkadij Iwanowitsch wollte sich noch näher davon überzeugen, als plötzlich Wassjä eintrat ...

„Ah! Du hier?“ rief er aus und schrak zusammen.

Arkadij Iwanowitsch schwieg. Er fürchtete sich, an Wassjä irgendeine Frage zu stellen. Der schlug die Augen nieder und begann schweigend seine Papiere zu ordnen. Schließlich begegneten sich beider Augen. Wassjäs Blick war flehend und gebrochen. Arkadij schrak zurück, als er ihn traf.