Part 17
„Ja?“ rief Arkascha, „und ich wollte dich vorhin schon darüber fragen, nun?“
„Nun! Ach, ich werde dir später alles erzählen. Sieh, bei Gott, jetzt habe ich selbst zu sprechen angefangen und ich wollte es doch nicht tun, bevor ich nicht wenigstens vier Blätter fertig gemacht. Mir fiel es aber plötzlich ein, das von dir und von ihnen! Ich kann auch, mein Lieber – ich kann gar nicht ordentlich schreiben: immer muß ich an euch denken ...“ Und Wassjä lächelte.
Es trat Schweigen ein.
„Pfui! Was für eine schlechte Feder!“ rief Schumkoff, schlug im Ärger auf den Tisch und nahm wieder eine andere.
„Wassjä! Höre! Nur ein Wort ...“
„Nun, aber schnell, zum letztenmal.“
„Hast du noch viel zu schreiben?“
„Ach, mein Lieber! ...“ Wassjä runzelte die Stirn, als gebe es keine schrecklichere und tötendere Frage auf der Welt, als diese. „Viel, furchtbar viel!“ antwortete er dann.
„Weißt du, ich habe eine Idee ...“
„Was für eine?“
„Nein, nein, schreibe nur.“
„Nun, was für eine? Sag doch!“
„Es ist bereits sieben Uhr, Wassjä!“
Dabei lächelte Nefedewitsch schelmisch und blinzelte Wassjä zu, wenn auch nur ganz schüchtern, da er nicht wußte, wie dieser es aufnehmen würde.
„Nun, was denn?“ sagte Wassjä und schien wirklich mit dem Schreiben aufhören zu wollen. Er sah ihm gerade in die Augen und war ganz bleich vor Erwartung.
„Weißt du, was?“
„Um Gottes willen, was denn?“
„Weißt du, du bist so erregt und wirst doch nicht viel arbeiten können ... Warte, warte, warte, ich sehe, ich sehe – so höre doch!“ beeilte sich Nefedewitsch und sprang, von seinem Gedanken gefaßt, vom Bett auf, um mit allen Kräften einer Erwiderung Wassjäs zuvorzukommen, „es ist vor allem nötig, daß du dich beruhigst und wieder von neuem Kräfte sammelst, ist’s nicht so?“
„Arkascha! Arkascha!“ rief Wassjä aus und sprang vom Stuhl, „ich werde die ganze Nacht aufbleiben und schreiben, bei Gott, das tu’ ich!“
„Nun ja, jawohl! doch gegen Morgen wirst du einschlafen ...“
„Ich werde nicht einschlafen, um nichts in der Welt ...“
„Nein, das geht, das geht nicht! Natürlich wirst du um fünf Uhr einschlafen! Und um acht Uhr werde ich dich wieder wecken. Morgen ist ein Feiertag, da kannst du dich hinsetzen und den ganzen Tag über schreiben ... Dann noch eine Nacht und – ist denn noch so viel übriggeblieben?“
„Da! sieh!“
Wassjä zeigte ihm zitternd vor Erwartung und Erregung das Heft: „Da! sieh!“
„Höre, Bruder, das ist nicht viel ...“
„Ja, mein Lieber, aber – es ist noch etwas,“ sagte Wassjä und sah dabei schüchtern, fragend Nefedewitsch an, als würde von dessen Entschluß alles abhängen: ob sie gingen oder nicht gingen?
„Wieviel?“
„– Zwei Bogen ...“
„Nun, ich glaube, damit wirst du auch fertig, bei Gott, du wirst fertig!“
„Arkascha!“
„Höre, Wassjä! Jetzt zum neuen Jahr sind doch alle in der Familie versammelt und nur wir beide sollten – so ohne Häuslichkeit und ganz verwaist ... Ach! Wassinjka!“
Nefedewitsch umarmte Wassjä und drückte ihn an seine Brust.
„Abgemacht, Arkadij!“
„Wassjuk, ich wollte dir nur noch eines sagen. Siehst du, Wassjuk, mein Junge! Höre! Höre mich an!“
Arkadij hielt den Mund weit aufgesperrt, als könne er vor Begeisterung nicht mehr sprechen. Wassjä, der sich noch immer mit den Händen an Arkadijs mächtigen Schultern hielt, sah ihm gespannt in die Augen und bewegte seine Lippen, ganz als wollte er für ihn sprechen ...
„Nun!“ sagte er endlich.
„Stelle mich ihnen heute vor!“
„Arkadij! Ja: gehen wir hin! Trinken wir Tee bei ihnen! Aber weißt du was? Das neue Jahr freilich wollen wir nicht abwarten, wir wollen früher nach Haus kommen,“ rief Wassjä noch immer in aufrichtiger Begeisterung.
„Das heißt also: zwei Stunden, nicht mehr und nicht weniger! ...“
„Und dann – Trennung, bis ich meine Sache fertig habe! ...“
„Wassjuk! ...“
„Arkadij! ...“
In drei Minuten war Arkadij im Galaanzug. Wassjä brauchte sich nur etwas abzubürsten, da er sich mit solchem Eifer an die Arbeit gemacht hatte, daß er nicht einmal seinen Rock ausgezogen.
Sie beeilten sich, auf die Straße zu kommen, der eine noch freudiger als der andere. Der Weg ging auf die Petersburger Seite[3] nach Kolomna[4]. Arkadij Iwanowitsch schritt weit und kräftig aus, schon an seinem Gang konnte man seine Freude über das Glück Wassjäs erkennen. Wassjäs Gang war trippelnder, doch verlor er deshalb nichts von seiner Würde. Im Gegenteil, Arkadij Iwanowitsch hatte noch nie einen so vorteilhaften Eindruck von ihm gehabt. Er empfand, wie sie so gingen, fast eine gewisse Hochachtung vor ihm, und ein körperlicher Fehler Wassjäs, von dem der Leser bis jetzt noch nichts erfahren (Wassjä war nämlich ein wenig schief gewachsen) und der im Herzen Arkadij Iwanowitschs immer ein tiefes Mitgefühl für ihn erweckt hatte, trug zu einem nur noch größeren, nur noch innigeren Gefühl für seinen Freund bei. Arkadij Iwanowitsch hatte vor Freude weinen können, doch er beherrschte sich.
„Wohin, wohin, Wassjä? Hier ist es doch näher!“ rief er, als er sah, daß Wassjä in den Wosnessenskij-Prospekt abbiegen wollte.
„Komm nur, Arkascha, komm ...“
„Wirklich, es ist näher, Wassjä.“
„Arkascha, weißt du?“ begann Wassjä geheimnisvoll und mit vor Seligkeit flüsternder Stimme, „weißt du? Ich möchte nämlich Lisenka ein Geschenk mitbringen ...“
„Was für eines?“
„Hier, mein Lieber – an der Ecke – wohnt Mme. Leroux ... ein wundervoller Laden!“
„Was denn –“
„Ein Hütchen, mein Lieber, ein Hütchen. Heute morgen habe ich ein reizendes Hütchen gesehen: ich fragte nach der Fasson, und man sagte mir, Manon Lescaut heiße das Wunder! Die Bänder sind kirschfarben, und wenn das Hütchen nicht zu teuer ist ... Arkascha, und schließlich, wenn es auch teuer ist! ...“
„Du übertriffst wahrhaftig noch alle Poeten, Wassjä! Gehen wir also! ...“
Sie gingen und waren in zwei Minuten im Laden. Hier wurden sie von einer schwarzäugigen und lockenhaarigen älteren Französin empfangen, die sofort, beim ersten Blick auf ihre Käufer, ebenso lustig und glücklich zu werden schien, wie diese selbst waren, sogar noch lustiger und noch glücklicher, wenn das möglich gewesen wäre. Wassjä war bereit, Madame Leroux vor Entzücken sofort abzuküssen ...
„Arkascha!“ flüsterte er diesem zu, als er mit seinem Blick all das Schöne und Hohe überflog, das an Holzständern auf dem großen Tisch des Geschäfts ausgestellt war. „Welche Wunder! Wie ist denn das? Dies hier zum Beispiel, dieses Bonbon hier, siehst du?“ Wassjä wies auf ein kleines, reizendes Hütchen, doch nicht auf dasjenige, welches er kaufen wollte, denn schon von weitem hatte dieses andere, am entgegengesetzten Ende, seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er starrte es so an, als wäre zu befürchten, daß es von jemandem gestohlen werden könnte oder als ob das Hütchen selbst, nur damit Wassjä es nicht bekommen sollte, in die Luft fliegen könnte.
„Dieses hier,“ sagte Arkadij Iwanowitsch und wies auf ein anderes Hütchen, „dieses hier ist meiner Meinung nach noch schöner.“
„Nun, Arkascha! Das legt dir Ehre ein: ich muß dir sagen, daß ich vor deinem Geschmack Achtung bekomme,“ bemerkte Wassjä, der scheinbar aus Liebe zu Arkascha auf dessen Geschmack einging. „Dein Hütchen ist wirklich reizend, aber sieh einmal her!“
„Welches ist schöner?“
„Sieh mal her!“
„Dieses?“ sagte etwas zögernd Arkadij.
Doch als Wassjä, der nicht fähig war, länger an sich zu halten, das Hütchen vom Holzgestell herunterholte, von dem es scheinbar selbst herunterfliegen wollte, als freute es sich – nach so langer Erwartung, in der seine Bänderchen, Rüschchen und Spitzen steif hatten dastehen müssen – über den guten Käufer: da entriß sich der mächtigen Brust Arkadij Iwanowitschs ein Schrei des Entzückens. Sogar Madame Leroux, die die ganze Zeit über ihre Würde gewahrt und während ihrer Auswahl zu allen Fragen des Geschmacks herablassend geschwiegen hatte, belohnte jetzt Wassjä mit einem begütigenden Lächeln und dieses Lächeln schien zu sagen: ja! Sie haben es getroffen, Sie sind des Glückes würdig, das Sie erwartet.
„So hat es in seiner Einsamkeit kokettiert und kokettiert!“ rief Wassjä aus, der seine ganze Zärtlichkeit auf das reizende Hütchen übertrug, „hat sich mit Absicht versteckt, der Schelm!“ Und er küßte es, das heißt, er küßte die Luft, die es umgab, denn er fürchtete sich, an seine Kostbarkeit auch nur zu rühren.
„So versteckt sich das wahre Verdienst,“ fügte Arkadij in seinem Entzücken hinzu, um mit dieser Phrase, die er am Morgen in einer Zeitung gelesen hatte, Humor in die Sache zu bringen. „Nun, Wassjä, wie steht es denn?“
„Vivat, Arkascha! Du spielst wohl heute den Geistreichen, um Furore zu machen, wie sich die Damen ausdrücken – nicht wahr, Madame Leroux, nicht wahr!“
„Was wünschen Sie?“
„Nicht wahr, meine liebe Madame Leroux!“
Madame Leroux blickte gütig lächelnd Arkadij Iwanowitsch an.
„Sie glauben nicht, wie ich Sie in diesem Augenblick vergöttere ... Erlauben Sie, daß ich Sie umarme ...“ Und Wassjä küßte wirklich die Ladenmadame.
Es gehörte Würde dazu, um sich in diesem Augenblick solch einem Heißsporn gegenüber nichts zu vergeben. Und vor allem: eine angeborene Liebenswürdigkeit und diese natürliche Grazie, mit der Madame Leroux die Begeisterung Wassjäs aufnahm, entschuldigte ihn, und sie verstand es, sich mit liebenswürdigem Geschick in die Situation zu finden! Es war ja auch überhaupt unmöglich, Wassjä im Ernste böse zu sein!
„Madame Leroux, welches ist der Preis?“
„Fünf Rubel,“ antwortete sie und rechtfertigte ihre Forderung mit einem neuen Lächeln.
„Und dieser Hut hier, Madame Leroux,“ fragte Arkadij Iwanowitsch und wies auf den von ihm gewählten.
„Dieser: acht Rubel.“
„Aber erlauben Sie, erlauben Sie! Nun müssen Sie selbst entscheiden, Madame Leroux, welcher ist schöner, welcher niedlicher, welcher von den beiden würde Sie kleiden?“
„Dieser hier ist reicher, doch der, den Sie gewählt haben – ^il est plus coquet^.“
„Also, nehmen wir ihn!“
Madame Leroux legte ihn in einen Bogen feinen, dünnen Seidenpapiers und steckte es mit kleinen Stecknadeln fest. Das Papier aber, mit dem Hut, schien jetzt beinahe noch leichter zu sein als früher, ohne Hut. Wassjä nahm das Paket und wagte kaum zu atmen, er verabschiedete sich von Madame Leroux, sagte ihr noch etwas Liebenswürdiges und verließ den Laden.
„Ich bin ein Lebemann, Arkascha, ein geborener Lebemann!“ rief Wassjä draußen lachend aus. Das Lachen ging aber gleich darauf in einen kaum hörbaren nervösen feinen Ton über, den ein Lächeln begleitete – und Wassjä selbst wich allen Vorübergehenden ängstlich aus, als ob er sie mit einem Male im Verdacht hätte, der Versuchung, sein kostbares Hütchen zu zerknüllen, nicht widerstehen zu können.
„Höre, Arkadij, höre!“ begann er einen Augenblick später und etwas Feierliches, etwas unendlich Seliges lag in seiner Stimme. „Arkadij, ich bin so glücklich, ich bin so glücklich!“
„Wassinjka! Und wie ich glücklich bin, mein Liebling!“
„Nein, Arkascha, nein, deine Liebe zu mir ist grenzenlos, ich weiß es. Doch du kannst nicht den zehnten Teil von dem empfinden, was ich in diesem Augenblick fühle. Mein Herz ist so voll, so übervoll!! Arkascha! Ich bin ja meines Glückes gar nicht würdig! Ich weiß es, ich fühle es selbst. Womit habe ich es verdient,“ rief er mit einer Stimme aus, die voll war von verhaltenem Schluchzen, „was habe ich denn je Gutes getan, sage nur. Sieh doch, wieviel Menschen es gibt, wieviel Tränen, wieviel Kummer, wieviel Alltag ohne Feiertag! Und ich! Mich liebt ein solches Mädchen, mich ... Du wirst sie ja selbst sehen, wirst selbst ihr edles Herz erkennen. Ich komme aus niedrigem Stande, doch habe ich eine Stellung und ein festes Gehalt. Ich bin mit einem Gebrechen auf die Welt gekommen, bin schief gewachsen. Sie aber liebt mich, so wie ich bin. Juljan Mastakowitsch war heute so zärtlich, so aufmerksam, so höflich zu mir. Er spricht sonst selten mit mir – doch: ‚Nun, Wassjä,‘ sagte er heute (bei Gott, Wassjä nannte er mich) ‚wirst du in den Feiertagen auch durchgehen, wie?‘ Dabei lachte er. ‚Nein,‘ sagte ich zuerst, ‚Euer Exzellenz, ich habe zu tun.‘ Doch dann nahm ich mich zusammen und sagte: ‚Vielleicht werde ich mich auch mal amüsieren, Exzellenz!‘ – bei Gott, das sagte ich. Da gab er mir denn das Geld und sprach noch ein paar Worte mit mir. – Ich, Bruder, ich weinte beinah, die Tränen stürzten mir aus den Augen und er, er schien auch gerührt zu sein, klopfte mir auf die Schulter und sagte: ‚Fühle immer so, Wassjä, wie du jetzt fühlst‘ ...“
Wassjä verstummte auf einen Augenblick.
„Und nicht genug,“ fuhr Wassjä fort. „Ich habe es dir gegenüber noch nie ausgesprochen, Arkadij ... Arkadij! Du hast mir deine Freundschaft geschenkt, ohne dich wäre ich nicht auf der Welt, – nein, nein, sage nichts, Arkascha! Laß mich dir deine Hand drücken, gib, ich will dir danken!“ ... Wassjä konnte seinen Satz wieder nicht beenden.
Arkadij Iwanowitsch wollte schon Wassjä um den Hals fallen, doch überschritten sie gerade die Straße, und so hörten sie denn plötzlich, dicht hinter ihren Ohren den einschneidenden Ruf eines Kutschers: ‚Heda! Achtung!‘ und beide, erregt und erschrocken wie sie waren, liefen so schnell als nur möglich aufs Trottoir. Arkadij Iwanowitsch war eigentlich froh über diesen Zwischenfall. Den Überschuß an Dankbarkeit bei Wassjä erklärte er sich als einen Ausfluß des Augenblicks. Ihm war er peinlich, weil er meinte, daß er Wassjä bis jetzt noch gar nichts Gutes getan! Er schämte sich sogar vor sich selbst, weil Wassjä ihm für das Wenige so dankte! Doch, ein ganzes Leben stand ihm noch bevor – und Arkadij Iwanowitsch atmete frei mit einem großen Vorsatze auf ...
Man hatte es schon aufgegeben, sie zu erwarten! Ein Beweis: daß sie bereits beim Tee saßen! Und wirklich, manchmal ist ein älterer Mensch ahnungsvoller als die liebe Jugend. Lisenka hatte in allem Ernst behauptet, daß er nicht kommen werde, nicht kommen werde. „Mamenka! mein Herz fühlt es, daß er nicht kommen wird!“ aber Mamenka hatte im Gegenteil behauptet, ihr Herz fühle ganz genau, daß Wassjä keine Ruhe finden und deshalb ganz sicher gelaufen kommen würde, zumal er am Vorabend des neuen Jahres doch keinen Dienst mehr hatte! Als nun Lisenka die Tür öffnete, traute sie ihren Augen nicht: sie errötete über und über und ihr Herz schlug so heftig, wie bei einem gefangenen Vögelchen. Ja, sie war rot wie eine Kirsche, der sie überhaupt ähnlich sah.
„Mein Gott, welche Überraschung!“ Ein freudiges „Ach!“ kam über ihre Lippen. „Du Schelm, du Betrüger, du mein Lieber du!“ rief sie aus und fiel Wassjä um den Hals. Doch man stelle sich ihre Verwunderung vor, ihre plötzliche Verlegenheit: denn genau hinter Wassjä, als wollte er sich hinter ihm verstecken, stand, verwirrt wie er war, Arkadij Iwanowitsch. Aber Arkadij Iwanowitsch verstand es nicht, mit Frauen umzugehen: er war sogar sehr ungeschickt ... Einmal passierte es ihm, daß ... Doch davon ein andermal. Indessen, man versetze sich in seine Lage! Es ist nichts Lächerliches dabei: er stand im Vorzimmer, in Gummischuhen, im Mantel und in einer Mütze mit Ohrenklappen, um den Hals einen schrecklichen gelben Schal, der zum Überfluß hinten im Nacken dick geknotet und gebunden war, – dieser Knoten mußte nun gelöst und der Schal abgenommen werden, damit er selbst einen vorteilhaften Eindruck machen konnte ... denn es gibt nun einmal keinen Menschen, der nicht wünschte, einen vorteilhaften Eindruck zu machen! Und dieser Wassjä, dieser unerträgliche, unausstehliche, obgleich sonst so liebe, gute Wassjä, war jetzt ein ganz erbarmungsloser Wassjä! Schreien mußte er:
„Lisenka, hier stelle ich dir Arkadij vor! Wer das ist? Mein bester Freund, umarme ihn, küsse ihn, Lisenka, küsse ihn im voraus, wenn du ihn einmal kennst, wirst du ihn immer küssen ...“ Nun, was blieb da wohl dem armen Arkadij Iwanowitsch übrig? Er stand noch immer und versuchte seinen Schal aufzuknoten! Nein: diese Begeisterung Wassjäs war doch manchmal wirklich unangebracht und ganz gewissenlos! Freilich, freilich, sie bewies sein gutes Herz, aber ... immerhin – es war doch zu peinlich!
Endlich traten sie beide ins Zimmer ... Die Alte war unsagbar glücklich, die Bekanntschaft Arkadij Iwanowitschs zu machen: sie hätte so viel von ihm gehört, sie ... Doch sie beendete ihre Phrase nicht. Ein freudiges „Ach!“ durchtönte das Zimmer und unterbrach sie. Mein Gott! Lisenka stand vor dem enthüllten Hütchen, hielt naiv beide Hände gefaltet, und lächelte, lächelte ... Mein Gott, warum gab es bei Madame Leroux nicht noch ein viel, viel schöneres Hütchen!
Ach, aber wo konnte man wohl ein noch schöneres finden?! Ich spreche im Ernst! Mich bringt schließlich diese Undankbarkeit Verliebter wirklich zur Verzweiflung. Möchten die beiden doch endlich einsehen, daß es gar nichts Schöneres geben kann, als dieses Bonbon von Hütchen! Möchten sie einsehen – doch meine Verzweiflung war umsonst: sie sind bereits wieder alle mit mir einverstanden, es war ein Irrtum und weiter nichts! Ich bin bereit, ihnen zu vergeben. Meine Leser aber werden entschuldigen, wenn ich immer noch von dem Hütchen spreche: Ganz leicht und durchsichtig aus Tüll war es, mit breiten kirschroten Bändern und mit Spitzen bedeckt. Unter dem Tüll und den Rüschen hervor hingen hinten auf den Hals zwei Bänder herab ... Man mußte es ein wenig in den Nacken setzen. Und nun, nach alledem sehen Sie hin, ich bitte Sie! Sie aber scheinen nicht sehen zu wollen! ... Sie sehen zur Seite. Sehen, wie zwei Tränen gleich Perlen in den langen schwarzen Augenwimpern hängen und dort einen Augenblick erzittern und auf diesen Tüll niederfallen, der dünn wie Luft ist, auf diesen Tüll, aus dem das Kunstwerk Madame Lerouxs bestand ... Ich aber ärgere mich: denn nicht dem Hütchen galten diese beiden Tränen! ... Nein! eine solche Sache muß man ganz kaltblütig aufnehmen, nur dann kann man sie wirklich schätzen!
Man setzte sich. Wassjä setzte sich mit Lisenka zusammen und die Alte mit Arkadij Iwanowitsch. Man begann ein Gespräch und Arkadij Iwanowitsch behauptete sich durchaus. Mit Freuden lasse ich ihm Gerechtigkeit widerfahren. Es war das eigentlich von ihm nicht zu erwarten. Nach ein paar Worten über Wassjä verstand er es vorzüglich, von Juljan Mastakowitsch, Wassjäs Wohltäter, zu erzählen. Und so klug, so verständig sprach er, daß das Gespräch eine ganze Stunde lang nicht ins Stocken geriet. Man müßte es gehört haben, mit welchem Takt Arkadij Iwanowitsch einige Sonderheiten Juljan Mastakowitschs berührte, die eine mittelbare oder unmittelbare Beziehung zu Wassjä hatten. Dafür war die Alte auch ganz entzückt, aufrichtig entzückt von ihm: sie selbst gestand es Wassjä. Ausdrücklich rief sie ihn zu sich, um ihm zu sagen, daß sein Freund ein prächtiger, liebenswürdiger junger Mensch sei, und was die Hauptsache, so ein ernster, gesetzter junger Mann. Wassjä hätte am liebsten laut aufgelacht vor Vergnügen. Er dachte daran, wie der gesetzte Arkascha ihn noch vor einer Viertelstunde aufs Bett geworfen hatte! Darauf machte die Alte Wassjä ein Zeichen, leise und unbemerkt ins andere Zimmer zu kommen. Und dort handelte sie nun allerdings Lisenka gegenüber nicht richtig: sie zeigte nämlich Wassjä das Geschenk, das Lisenka ihm zum neuen Jahr machen wollte. Es war eine Brieftasche mit einer goldgestickten, wundervollen Zeichnung: auf der einen Seite war ein rennender Hirsch dargestellt, so natürlich, so ähnlich, so vorzüglich erfaßt. Auf der anderen Seite befand sich das Bild eines berühmten Generals, ebenso vorzüglich, ebenso ähnlich und naturgetreu. Ich kann es gar nicht schildern, dieses helle Entzücken Wassjäs.
Unterdessen war in dem anderen Zimmer die Zeit nicht ungenutzt verstrichen. Lisenka war zu Arkadij Iwanowitsch getreten, hatte ihm die Hand gereicht und ihm gedankt – und Arkadij Iwanowitsch hatte sofort begriffen, daß es sich um den teuren Wassjä handelte. Lisenka war tief bewegt: sie habe erfahren, sagte sie, daß Arkadij ein so treuer Freund ihres Verlobten sei, daß er ihn liebe und über ihn wache und ihn auf jeden Schritt mit seinen Ratschlägen unterstütze, so daß sie, Lisenka, es nicht unterlassen könne, ihm zu danken, und daß sie hoffe, Arkadij Iwanowitsch würde auch sie lieb haben, und wär’s auch nur halb so wie den Wassjä. Darauf fragte sie ihn, ob Wassjä auch seine Gesundheit in acht nehme, sprach von der Heftigkeit seines Charakters und über sein Unvermögen dem praktischen Leben gegenüber, sowie über seinen Mangel an Menschenkenntnis. Sie sagte weiter, daß sie auf ihn aufpassen und ihn vor allem bewahren würde, und daß sie hoffe, auch Arkadij Iwanowitsch werde sie nicht verlassen und bei ihnen bleiben.
„Wir werden alle drei zusammenbleiben und wie ein einziger Mensch sein!“ rief sie in naiver Begeisterung aus.
Doch die Zeit rückte vor und man mußte aufbrechen. Selbstverständlich versuchte man, die Gäste zurückzuhalten, doch Wassjä erklärte kurz und bündig, daß es nicht möglich sei, zu bleiben, und Arkadij Iwanowitsch bestätigte es. Man fragte natürlich: warum? und so erfuhren sie denn, daß es sich um eine Arbeit für Juljan Mastakowitsch handelte, eine sehr eilige, notwendige, unangenehme, die bis übermorgen früh fertiggestellt werden mußte, und daß sie noch sehr im Rückstande wäre. Das Mamachen seufzte, als sie das hörte, Lisenka aber erschrak sehr und trieb sogar selbst Wassjä zur Eile an. Der letzte Kuß verlor dabei nicht an Wert, er war kürzer, eiliger, aber um so heißer und heftiger. Endlich trennte man sich und die beiden Freunde gingen zusammen nach Haus.
Sofort, kaum daß sie auf der Straße waren, tauschten sie untereinander ihre Eindrücke aus. Ja, und es mußte wohl so sein, daß Arkadij Iwanowitsch sich sterblich in Lisenka verliebt hatte! Wem aber war das leichter verständlich, als dem glücklichen Wassjä? Arkadij Iwanowitsch gestand Wassjä sofort alles ein. Wassjä lachte und freute sich sehr darüber, und bemerkte, daß sie jetzt noch innigere Freunde sein würden, als ehedem. „Du hast mich sofort verstanden, Wassjä,“ sagte Arkadij Iwanowitsch, „so ist’s! Ich liebe sie, wie ich dich liebe, sie wird mein Schutzengel sein, ganz wie sie für dich einer ist und euer Glück wird auch auf mich übergehen und auch mich erwärmen. Sie wird auch meine Hausfrau sein, in ihre Hände lege auch ich mein Glück: möge sie für mich sorgen, wie sie es für dich tut. Ja, Freundschaft zu dir – Freundschaft auch zu ihr. Ihr beide werdet für mich ganz unzertrennlich sein, nur daß ihr eben statt ein Wesen, das du früher für mich warst, zwei Wesen sein werdet ...“