Sämtliche Werke 15

Part 16

Chapter 163,799 wordsPublic domain

Nach und nach jedoch begann eine häßliche Überzeugung sich immer mehr in ihm festzusetzen, ja sie verfolgte ihn geradezu und peinigte ihn und stand doch mit jedem Tage unabweisbarer vor ihm, bis sie aus einem bloßen Verdacht zur Wahrscheinlichkeit und zu guter Letzt zur Gewißheit und Überzeugung für ihn wurde. Es schien ihm – und wie gesagt, zuletzt glaubte er selbst fest daran – es schien ihm, daß Katherinas Geist und Vernunft keineswegs gelitten hatten, daß aber Murin seinerseits auch nicht so unrecht hatte, wenn er sie ein „schwaches Herz“ nannte. Es schien ihm, daß irgendein verbrecherisches Geheimnis sie mit dem Alten verband, daß aber das Verbrechen selbst Katherina gar nicht recht zu Bewußtsein gekommen, eben wegen ihres reinen Herzens, und daß sie so in seine Gewalt geraten war. Wer waren sie? – er wußte es nicht. Aber ihn verfolgte die Vorstellung einer erbarmungslosen, eifersüchtigen Tyrannei, die der Alte mit der Beherrschung des armen schutzlosen Geschöpfs ausübte, und sein Herz erbebte in ohnmächtiger Empörung. Es schien ihm, daß der Alte, als ihr vielleicht einmal so etwas wie eine Ahnung des ganzen Zusammenhangs aufgegangen war, ihr dann arglistig das „Verbrechen“ vorgehalten hatte, ihre Schuld und ihren Fall, um dann listig das arme „_schwache_“ Herz zu quälen und den Tatbestand in schlauer Weise zu verdrehen, wobei er mit Absicht ihre Blindheit da, wo es ihm ratsam erschien, noch verstärkt und andererseits die Neigungen ihres heißen, verwirrten, unerfahrenen Herzens begünstigt haben mochte, bis er ihr auf diese Weise allmählich die Flügel gestutzt und die einst freie unabhängige Seele so weit gebracht, daß sie schließlich weder zu einer Selbstbefreiung durch eine Rettung ins wirkliche Leben, noch zu überhaupt einer Auflehnung gegen seine schlaue Gewaltherrschaft fähig war ...

Mit der Zeit wurde Ordynoff noch menschenscheuer, als früher, seine Deutschen hinderten ihn daran nicht im geringsten, was um der Gerechtigkeit willen nicht verschwiegen sei. Ab und zu aber machte er sich doch auf und ging hinaus, um dann lange ziellos durch die Straßen zu wandern. Es geschah das vornehmlich in der Dämmerstunde und dazu suchte er sich dann öde und entlegene Stadtteile auf, wo selten ein Mensch zu sehen war. An einem regnerischen Vorfrühlingsabend begegnete er in einer dieser Gassen Jaroslaw Iljitsch.

Der war inzwischen merklich magerer geworden, seine freundlichen Augen hatten ihren Glanz verloren und der ganze Mensch machte den Eindruck, als habe das Leben ihn enttäuscht. Er hatte es gerade sehr eilig und eine Angelegenheit vor, die angeblich keinen Aufschub duldete – war dabei durchnäßt und angeschmutzt, und an seiner sonst sehr anständigen, jetzt jedoch von der Witterung etwas blau angelaufenen Nase hing in beinahe phantastischer Weise ein Regentropfen. Außerdem trug er einen Backenbart, während er früher nur einen Schnurrbart gehabt hatte.

Dieser Backenbart und der Umstand, daß Jaroslaw Iljitsch im ersten Augenblick fast tat, als wolle er seinem alten Bekannten ausweichen, frappierten Ordynoff ... Und sonderbar! gewissermaßen schmerzte ihn das sogar und kränkte sein Herz, das doch bis dahin noch niemals des Mitleids anderer Menschen bedurft hatte. Der frühere Jaroslaw Iljitsch war ihm lieber gewesen, dieser gutmütige, dieser naive und – entschließen wir uns, es endlich offen auszusprechen – dieser etwas dumme Jaroslaw Iljitsch, der so gar keine Ansprüche machte auf Enttäuschungen oder Bereicherungen. Es ist doch unangenehm, entschieden unangenehm, wenn ein _dummer_ Mensch, den man einst vielleicht gerade wegen seiner Dummheit gern gehabt hat, _plötzlich klüger wird_! Übrigens verschwand das Mißtrauen, mit dem er im ersten Augenblick Ordynoff ansah, fast noch schneller, als dieser es wahrnehmen konnte.

Doch ungeachtet dieser Veränderung hatte er seine alten Gewohnheiten keineswegs aufgegeben, wie ja bekanntlich fast jeder Mensch seine Gewohnheiten ins Grab mitzunehmen pflegt: und so begann er denn auch jetzt wieder ganz im Tone des besten Freundes die Unterhaltung. Zunächst bemerkte er, daß er viel zu tun habe, dann, daß sie sich lange nicht gesehen. Darauf nahm aber seine Rede plötzlich eine ganz andere und jedenfalls ganz neue Wendung. Er begann von der Verlogenheit der Menschen im allgemeinen zu sprechen, von der Vergänglichkeit der irdischen Güter sowie von der irdischen Nichtigkeit überhaupt, die nur eine einzige Sorge kenne ... versäumte auch nicht, so ganz beiläufig Puschkin zu erwähnen, jedoch in fast herablassendem Tone, und sprach ferner von seinen guten Bekannten sogar mit einem gewissen Zynismus, worauf er zum Schluß sich noch ein paar Andeutungen über die Falschheit derjenigen erlaubte, die sich öffentlich Freunde nennen, während es in Wirklichkeit, solange die Welt stehe, überhaupt noch keine echte Freundschaft gegeben habe. Mit einem Wort, Jaroslaw Iljitsch war _doch_ klüger geworden!

Ordynoff widersprach ihm nicht, aber eine unsagbare, qualvolle Traurigkeit bemächtigte sich seiner: es war ihm, als habe er soeben seinen besten Freund begraben!

„Ach! Stellen Sie sich vor, da hätte ich es beinahe zu erzählen vergessen!“ unterbrach sich plötzlich Jaroslaw Iljitsch, als fiele ihm etwas ungeheuer Wichtiges ein. „Ich habe eine Neuigkeit! Erinnern Sie sich noch jenes Hauses, wo Sie mal kurze Zeit wohnten?“

Ordynoff zuckte zusammen und erbleichte.

„Können Sie sich denken, in diesem Hause hat man vor kurzem eine ganze Räuberbande entdeckt! – das heißt, verstehen Sie: eine ganze Bande! Schmuggler, Diebe, Spitzbuben der schlimmsten Art und weiß der Teufel was noch alles! Mehrere sind schon hinter Schloß und Riegel, den andern ist man erst noch auf der Spur. Die strengsten Weisungen sind erlassen! Und denken Sie sich weiter: – Sie erinnern sich doch wohl noch des Hausbesitzers? – so’n kleines Männchen, gottesfürchtig, dem Anscheine nach ein ehrwürdiger, durch und durch anständiger, alter Mann ...“

„Nun?“

„Tja – da urteilen Sie jetzt über die Menschheit! Gerade der ist das Haupt der Bande gewesen, der Anführer! Was sagen Sie dazu? Ist das nicht haarsträubend!“

Jaroslaw Iljitsch sprach mit Leidenschaft und verurteilte mit dem einen Sünder sogleich die ganze Welt, denn so ein Jaroslaw Iljitsch kann eben nicht anders, als nach einem Ding alle Dinge beurteilen, das liegt nun mal in seinem Charakter.

„Und jene? ... Und Murin?“ stieß Ordynoff atemlos hervor.

„Murin? Ach so – der! Nein, Murin war ein ehrwürdiger Alter ... Aber ... erlauben Sie mal! ... erlauben Sie mal! ... Sie werfen da ein neues Licht auf die Affäre ...“

„Wie denn? Gehörte er nicht auch zur Bande?“

Ordynoffs Herz schlug laut gegen seine Brust – er verging vor Spannung.

„Übrigens ... nein, wie denn das ... wie kommen Sie darauf?“ Jaroslaw Iljitsch richtete seine bleiernen Augen mit unbeweglichem Blick auf Ordynoff – ein Zeichen, daß er überlegte.

„Murin kann nicht darunter gewesen sein. Er hat schon drei Wochen vorher mit der Frau Petersburg verlassen – ist in seine Heimat zurückgekehrt ... Ich erfuhr es vom Hausknecht ... jenem Tatarenfrechling, erinnern Sie sich?“

Ein schwaches Herz

In ihrer Wohnung im vierten Stock unter dem Dach lebten zwei junge Beamte, Arkadij Iwanowitsch Nefedewitsch und Wassjä Schumkoff.

Ich müßte nun eigentlich den Leser darüber aufklären, warum ich den einen Helden meiner Erzählung bei vollem Namen, den anderen dagegen nur bei seinem Rufnamen genannt habe, sonst könnte man dieses Verfahren leicht für unangebracht oder für allzu vertraulich halten. Das aber setzte wieder voraus, daß ich das Alter, den Rang und Beruf der handelnden Personen genau feststellte. Doch weil die meisten Schriftsteller mit einer derartigen Einleitung beginnen, so habe ich mir vorgenommen, die Erzählung sofort mit der Handlung anfangen zu lassen – nur, um nicht in die abgeschmackte Art der anderen zu verfallen oder wie einige behaupten werden, aus Eigendünkel und Einbildung.

So schließe ich denn meine Einleitung und beginne.

Um sechs Uhr am Vorabend des neuen Jahres kehrte Schumkoff nach Hause zurück. Arkadij Iwanowitsch, der auf seinem Bett lag, erwachte und blinzelte verstohlen den Freund an. Er bemerkte, daß dieser seinen besten Anzug trug und ein blitzblankes Vorhemd anhatte. Das setzte ihn natürlich in Erstaunen. Was beabsichtigte er wohl damit? Woher kam er? Obendrein hatte er heute nicht zu Hause gespeist!

Schumkoff zündete unterdessen Licht an und Arkadij Iwanowitsch erriet sofort, daß sein Freund ihn durch ein scheinbar unbeabsichtigtes Geräusch wecken wollte. Und so geschah es denn auch: Wassjä hustete zweimal, ging mehrmals im Zimmer auf und ab, und ließ ganz zufällig seine Pfeife aus der Hand fallen, als er sie in der Ecke am Ofen ausklopfte. Arkadij Iwanowitsch mußte lachen.

„Nun ist’s aber genug, du Schlauberger!“ sagte er.

„Arkascha, du schläfst nicht?“

„Ja, weißt du: Genau kann ich’s dir nicht sagen; doch scheint es mir, daß ich nicht schlafe.“

„Ach, Arkascha! Guten Tag, mein Lieber! nun Bruderherz ... Du weißt nicht, was ich dir zu sagen habe!“

„Natürlich weiß ich’s nicht! Doch komm mal ein bißchen her zu mir!“

Wassjä kam sofort herbei, ganz als hätte er nur darauf gewartet, und ohne von den Absichten Arkadij Iwanowitschs auch nur etwas zu ahnen. Dieser ergriff ihn bei der Hand, drehte ihn geschickt um, drückte ihn rückwärts aufs Bett und begann ihn, wie man sagt, „zu würgen“, was ihm, dem immer fröhlichen Arkadij Iwanowitsch, ein ungeheueres Vergnügen zu machen schien.

„Hereingefallen!“ rief er, „hereingefallen!“

„Arkascha, Arkascha, was tust du mit mir? Laß los, um Gottes willen, laß los, ich verderbe mir meinen Anzug!“

„Das tut nichts: warum hast du auch deinen guten Anzug an? Sei ein andermal nicht so unvorsichtig und gib dich nicht selbst in meine Hände! Sprich, wo warst du, wo hast du gespeist?“

„Arkascha, um Gottes willen, laß mich los!“

„Wo hast du gespeist?“

„Ja, das wollte ich dir doch gerade erzählen!“

„Also erzähle!“

„Schön, aber laß mich erst los!“

„Nein, ich lass’ dich nicht los, bevor du nicht erzählt hast!“

„Arkascha, Arkascha! Ja, verstehst du denn nicht, daß es so unmöglich ist, ganz unmöglich!“ stöhnte der schwache Wassjä und versuchte vergeblich sich aus den kräftigen Armen seines Freundes zu befreien, „es gibt doch gewisse Angelegenheiten, die ...“

„Was für Angelegenheiten?“

„Nun ja, Angelegenheiten, die, wenn man in solcher Lage von ihnen zu reden beginnt, allen Ernst verlieren. Es ist mir ganz unmöglich ... es würde nur lächerlich wirken und – die Sache ist doch durchaus nicht lächerlich, sondern sogar sehr ernst!“

„Auch noch ernst! Was du dir nicht ausgedacht hast! Du, erzähle mir lieber etwas, worüber ich lachen kann ... Etwas Ernstes, nein etwas Ernstes will ich jetzt nicht hören. Was bist du mir für ein Freund? Bitte, sage mir doch, was bist du für ein Freund!?“

„Arkascha, bei Gott, ich kann nicht!“

„Und ich will nichts davon wissen ...“

„Höre, Arkascha!“ begann Wassjä, der quer über dem Bett lag und sich mit aller Gewalt mühte, seinen Worten Nachdruck zu geben. „Arkascha, meinetwegen sag’ ich’s – nur ...“

„Nun, was denn ...“

„Ich habe – mich verlobt!“

Arkadij Iwanowitsch nahm schweigend und ohne ein Wort zu verlieren, Wassjä wie ein kleines Kind auf seine Arme, ungeachtet dessen, daß Wassjä durchaus nicht so klein war, sondern recht lang, wenn auch sehr mager, und trug ihn von einer Ecke des Zimmers in die andere, ganz als wiege er ein Kind.

„Und ich werde dich Bräutigam einwickeln wie einen Säugling,“ gab er zur Antwort. Doch als er bemerkte, daß Wassjä regungslos und ohne ein Wort zu sagen in seinen Armen lag, besann er sich und begriff, daß er in seinem Scherz offenbar zu weit gegangen war: er stellte ihn daher mitten ins Zimmer hin und streichelte ihm auf die freundschaftlichste Weise die Backe.

„Wassjä, du bist doch nicht böse?“

„Arkascha, höre ...“

„Wohl zum neuen Jahr?“

„Bös bin ich nicht – doch, warum bist du so ein Kraftrüpel, so ein Unmensch? Wie oft habe ich dir nicht gesagt: Arkascha, bei Gott, das ist nicht sehr witzig, durchaus nicht sehr witzig!“

„Nun sei nur nicht gleich böse!“

„Böse? ... Auf wen bin ich denn jemals böse! Aber gekränkt hast du mich doch, verstehst du das!“

„Wodurch denn gekränkt, auf welche Weise?“

„Ich bin zu dir gekommen, wie zu einem Freunde, mit voller Seele und um dir mein Herz auszuschütten, um dir mein Glück mitzuteilen ...“

„Ja, was für ein Glück denn? Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?“

„Nun, ich heirate doch!“ antwortete geärgert Wassjä, denn er war wirklich gekränkt.

„Du! Du heiratest! Ist das wahr?“ brüllte aus voller Kehle Arkascha. „Nein, nein ... was soll denn das? Und dabei vergießt er Tränen! ... Wassjä, du mein Wassjuk, mein Söhnchen, höre auf! Es ist also wirklich wahr?“ Und Arkadij Iwanowitsch umarmte ihn immer wieder von neuem.

„Nun, also verstehst du jetzt, was soeben in mir vorging?“ sagte Wassjä. „Du bist doch sonst gut zu mir, du bist doch mein Freund, ich weiß es. Ich kam zu dir voll Freude und Begeisterung und plötzlich mußte ich nun diese ganze Freude und diese ganze Begeisterung quer über dem Bette liegend, würdelos ... Du begreifst doch, Arkascha,“ fuhr Wassjä halblachend fort, „in einer so komischen Lage, in der ich in gewisser Hinsicht und in diesem Augenblick nicht einmal mir selbst angehörte ... Ich wollte doch diese Herzensangelegenheit nicht so erniedrigen ... Es fehlt nur noch, daß du mich gefragt hättest, wie sie heißt? Ich schwöre dir, ich hätte mir eher das Leben genommen, als dir in diesem Augenblick ihren Namen gesagt!“

„Aber, Wassjä, warum hast du mir denn das nicht gleich gesagt! Ich hätte ja sofort aufgehört mit dem Ulk!“ rief Arkadij Iwanowitsch in aufrichtiger Verzweiflung.

„Schon gut, schon gut! Ich sage ja nur so ... Du weißt doch ... nur – weil ich ein so gutes Herz habe. Es ärgert mich ja bloß, daß ich es dir nicht so sagen konnte, wie ich’s wollte! Ich wollte dir doch eine Freude bereiten, dir alles schön und feierlich mitteilen, dich in alles einweihen ... Wirklich, Arkascha, ich liebe dich doch so sehr, daß ich, wenn du nicht wärest, so scheint es mir, überhaupt nicht heiraten würde, ja, vielleicht gar nicht auf der Welt sein möchte!“

Arkadij Iwanowitsch, der äußerst gefühlvoll war, weinte und lachte zugleich, als er das hörte. Wassjä gleichfalls. Beide umarmten sich immer wieder von neuem und vergaßen alles Gegenwärtige.

„Wie ist denn das nur, ja, wie ist denn das nur gekommen? Erzähle mir doch alles, Wassjä! Ich bin, mein Lieber, entschuldige, ich bin erschüttert, ganz und gar erschüttert, als hätte der Blitz mich getroffen, bei Gott! Doch nein, mein Lieber, nein, du hast dir ganz einfach was ausgedacht. Bei Gott, du lügst!“ brüllte Arkadij Iwanowitsch und blickte wirklich ganz mißtrauisch Wassjä an, aber als er auf dessen Gesicht nun wirklich die leuchtende Bestätigung seiner unumstößlichen Absicht, so schnell als möglich zu heiraten, bemerkte, warf er sich aufs Bett und begann sich vor lauter Entzücken so in ihm herumzuwälzen, daß die Wände zitterten.

„Wassjä, setz dich hierher zu mir!“ rief er, endlich sich im Bett aufrichtend.

„Ich, Bruderherz, ich weiß wirklich nicht – wie und womit beginnen!“

Beide sahen in freudiger Erregung einander an.

„Wer ist sie, Wassjä?“

„Eine Artemjewa! ...“ stieß Wassjä mit vor Glück zitternder und noch ganz schwacher Stimme hervor.

„Nein, wirklich?“

„Nun, ich habe dir doch schon über sie die Ohren vollgeredet! Du bemerktest nur von alledem nichts! Und so schwieg ich denn ganz! Ach, Arkascha, was es mich kostete, dir gegenüber das alles zu verbergen! – doch ich fürchtete mich, fürchtete mich zu reden! Ich dachte, es könnte am Ende alles auseinandergehen, und ich war doch so verliebt, Arkascha! Mein Gott, mein Gott! Weißt du, was das für Geschichten waren,“ begann er, und brach sogleich wieder vor Erregung ab, „sie war doch vor einem Jahr bereits einmal verlobt, er aber wurde plötzlich irgendwohin wegversetzt, ich kannte ihn auch – so einer, nun, Gott mit ihm! Er hat dann nichts mehr von sich hören lassen und war schließlich für sie verschollen. Sie wartete und wartete und wußte nicht, was das bedeuten sollte? ... Plötzlich, vor vier Wochen, kehrte er zurück – bereits verheiratet, und ohne sich bei ihnen auch nur sehen zu lassen. War das nicht roh? Gemein? Niemand war da, der für sie eintrat. Sie weinte und weinte, die Arme, und so verliebte ich mich denn in sie ... ja, ich war eigentlich schon lange, eigentlich schon immer in sie verliebt! Ich tröstete sie und ging wieder und wieder zu ihr. Nun, und da weiß ich denn selbst nicht, wie alles gekommen ist! Auch sie hatte mich recht liebgewonnen: und in der vorigen Woche, da hielt ich es nicht mehr aus, da mußte ich weinen, ich schluchzte und sagte ihr alles, sagte ihr, daß ich sie liebe – kurz, alles! ... ‚Ich würde Sie wohl auch lieben, Wassilij Petrowitsch,‘ sagte sie, ‚ich bin aber ein armes Mädchen, darum spotten Sie meiner nicht – ich wage es überhaupt nicht mehr, jemanden zu lieben.‘ Nun, mein Freund, verstehst du, verstehst du mich?! ... Da haben wir uns denn gegenseitig das Wort gegeben. Und ich habe überlegt, wie ich es der Mutter mitteilen wollte? Lisenka sagte, es sei sehr schwierig, ich möchte noch ein wenig warten: sie fürchtete sich, es selbst zu tun; ‚Mutter wird mich Ihnen jetzt noch nicht geben wollen,‘ meinte sie und weinte dazu. Ich sagte ihr weiter nichts. Heute habe ich es nun der Alten gestanden. Lisa kniete vor ihr nieder und ich auch ... Nun, und sie – segnete uns. Arkascha, Arkascha! mein Lieber! Wir wollen alle zusammen leben! Nein! Ich werde mich von dir um nichts in der Welt trennen!“

„Wassjä, wenn ich dich so ansehe, so kann ich es nicht glauben, bei Gott, ich schwöre es dir, ich kann es nicht glauben. Wirklich, es scheint mir immer ... Höre, wie kannst du dich denn verheiraten? und wie habe ich die ganze Zeit über von nichts wissen können, sag! Jetzt, mein Wassjä, kann ich dir auch gestehen, daß ich selbst zu heiraten gedachte: da du es aber bereits für mich tust, so ist das ja ganz gleich! ... Werde also glücklich, mein Lieber! ...“

„Ach, du, wie mir jetzt leicht und wohl zumut ist ...“ sagte Wassjä und ging vor Erregung im Zimmer auf und ab. „Nicht wahr, nicht wahr, du fühlst es doch auch? Wir werden arm sein, freilich, aber glücklich – und das ist kein Hirngespinst. Unser Glück wird kein papierenes sein, wie es in den Büchern steht, sondern wir werden in Wirklichkeit glücklich sein! ...“

„Wassjä, aber Wassjä, höre!“

„Was denn?“ sagte Wassjä und blieb vor Arkadij Iwanowitsch stehen.

„Mir kam nur der Gedanke – wirklich, ich fürchte mich eigentlich, ihn auszusprechen ... Verzeih mir und nimm mir meine Bedenken! Wovon wirst du leben? Ich bin ja, weißt du, außer mir vor Freude, daß du heiratest, kann mich vor Freude kaum lassen, doch – die Frage bleibt: wovon wirst du leben?“

„Ach, mein Gott, wie du auch bist, Arkascha!“ sagte Wassjä und sah mit tiefer Verwunderung Nefedewitsch an. „Was fällt dir denn ein? Sogar die Alte dachte kaum zwei Minuten lang nach, als ich ihr alles das klar machte. Frage sie doch, wovon _sie_ gelebt haben? Fünfhundert Rubel im Jahr! für drei! so viel beträgt die ganze Pension, mit der sie auskommen müssen! Davon lebt sie, die Alte und ein kleiner Bruder, für den noch die Schule bezahlt werden muß – siehst du, so lebt man eben! Wir beide aber, du und ich, wir sind wahre Kapitalisten, denn ich habe manches Jahr, wenn es gut ging, ganze siebenhundert verdient!“

„Höre, Wassjä, verzeih mir: ich denke, bei Gott, nur daran, wie das alles zu machen geht – aber welche siebenhundert sollen das gewesen sein? Nur dreihundert ...“

„Dreihundert! ... Und Juljan Mastakowitsch? Den hast du ganz vergessen!“

„Juljan Mastakowitsch! Das ist eine Sache, die nicht ganz stimmt, mein Lieber: das sind nicht dreihundert Rubel feststehenden Gehaltes, von denen einem ein jeder einzelne Rubel sicher ist. Juljan Mastakowitsch ist freilich ein großmütiger und großzügiger Mensch, ich verehre ihn und verstehe es, daß er so hoch gestiegen ist, und, bei Gott, ich liebe ihn, weil er dir zugetan ist und dir eine Arbeit bezahlt, für die er sonst nichts zu bezahlen, sondern einfach nur einen Beamten zu beauftragen brauchte – aber sage doch selbst, Wassjä! ... Höre mich an, Wassjä, ich rede doch keinen Unsinn; ich weiß auch, daß es in ganz Petersburg eine solche Handschrift wie die deine nicht wieder gibt, und ich bin gern bereit, das Beste anzunehmen,“ schloß, nicht ohne Wärme, Nefedewitsch, „aber wie, wenn du ihm plötzlich – Gott bewahre dich davor! doch nicht mehr so gefallen und ihn zufriedenstellen solltest und wenn er mit einem Male die Verbindung mit dir abbräche und einen anderen nähme! ... wer weiß, was im Leben nicht alles kommen kann. Dann ist Juljan Mastakowitsch für dich nichts mehr, dann ist er bloß – gewesen, Wassjä ...“

„Höre, Arkascha, ebenso kann sofort über uns die Decke einbrechen ...“

„Nun, freilich, freilich ... Ich will ja auch nichts ...“

„Nein, höre mich an: warum soll er mich denn verabschieden ... Nein, wirklich, höre mich doch nur an! Ich erledige ja alles pünktlich und peinlich: und er ist so gut zu mir, er hat mir doch, Arkascha, er hat mir doch heute noch fünfzig Rubel gegeben!“

„Ist’s möglich, Wassjä? eine Zulage?“

„Was, Zulage? Nein, so: einfach aus seiner Tasche. Er sagte: wie, mein Lieber, du hast bereits den fünften Monat kein Geld mehr erhalten. Wenn du welches brauchst, nimm es: denn ich bin, sagte er, mit dir sehr zufrieden ... bei Gott! Du arbeitest doch nicht umsonst für mich, sagte er, wirklich! Das hat er gesagt. Mir rollten die Tränen über die Backen, Arkascha. Großer Gott!“

„Höre, Wassjä, hast du denn die neue Abschrift fertiggestellt? ...“

„Nein ... noch nicht.“

„Wassinjka! Mein Lieber! Was hast du denn getan?“

„Höre, Arkadij, das tut doch nichts, ich habe noch zwei volle Tage Zeit bis zum Termin ...“

„Wie, hast du denn noch gar nicht angefangen?“

„Na ja, na ja! Du siehst mich ja mit einem Ausdruck an, daß sich mein ganzes Innere umdreht! Nun, was ist denn dabei? Du kannst einem so den Mut nehmen und schreist immer gleich: a–a–a!!! Überleg es dir doch: was ist denn dabei? Ich werde damit schon fertig werden, bei Gott, das werde ich ...“

„Aber wenn du es nun nicht wirst!“ rief Arkadij und sprang auf. „Gerade jetzt, da er dir heute eine Belohnung gegeben hat! Und obendrein willst du heiraten ... Oh, oh, oh! ...“

„Das hat nichts zu sagen, gar nichts,“ schrie fast verzweifelt Schumkoff, „ich werde mich sofort hinsetzen, noch in dieser Minute werde ich mich hinsetzen – das tut gar nichts!“

„Wie hast du es denn nur so vernachlässigen können, Wassjutka!“

„Ach, Arkascha! Konnte ich denn hier so ruhig still sitzen! Mein Zustand war doch so, daß ich kaum in der Kanzlei arbeiten konnte ... Ach! Ach! Heute werde ich die Nacht durcharbeiten, morgen wieder die Nacht durcharbeiten und übermorgen auch noch und dann – wird’s fertig sein! ...“

„Ist noch viel übriggeblieben?“

„Störe mich nicht, um Gottes willen, störe mich nicht! schweige mir davon!“

Arkadij Iwanowitsch ging leise auf den Fußspitzen zu seinem Bett, und setzte sich hin, darauf wollte er plötzlich wieder aufstehen, sagte sich aber sofort, daß er seinen Freund nicht stören dürfe und blieb sitzen: offenbar hatte ihn die Mitteilung so aufgeregt, daß er noch nicht mit sich zur Ruhe kommen konnte. Er blickte auf Schumkoff, der sah ihn an, lächelte und drohte ihm mit dem Finger. Darauf runzelte Schumkoff ganz furchtbar die Brauen, als läge darin die eigentliche Kraft und der gewünschte Erfolg seiner Arbeit, und richtete seine Augen dann wieder aufs Papier.

Es schien, daß auch er seine Erregung noch nicht überwunden hatte, er wechselte beständig seine Feder, rückte auf dem Stuhle hin und her, nahm sich zusammen, um wieder von neuem zu beginnen, doch seine Hand zitterte und versagte offenbar den Dienst.

„Arkascha! Ich habe ihnen auch von dir erzählt!“ rief er plötzlich, als wäre es ihm soeben eingefallen.