Sämtliche Werke 15

Part 22

Chapter 221,004 wordsPublic domain

Ich schließe meinen Brief. Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt. Jetzt füge ich nur noch einen Satz hinzu: wenn Sie, mein Herr, nicht in der kürzesten Frist nach Empfang dieses Briefes mir, erstens, ungeschmälert den ganzen Ihnen von mir geliehenen Betrag, in Summa 350 Rubel, zurückerstatten, und zweitens alle mir Ihrem Versprechen gemäß zustehenden Beträge auszahlen, so werde ich Mittel und Wege zu finden wissen, Sie dazu zu zwingen, wenn es sein muß, sogar durch öffentliche Anklage; denn ausdrücklich nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß mir der Schutz der Gesetze zu Gebote steht; und zum Schluß möchte ich Ihnen noch mitteilen, daß ich gewisse Papiere und damit Beweise in Händen habe, die, sobald sie nicht mehr im Besitz Ihres ergebensten Dieners verbleiben, Sie und Ihren Namen in den Augen der ganzen Welt doch recht tief in den Schmutz herabziehen könnten.

Gestatten Sie usw.

VII.

(Pjotr Iwanowitsch an Iwan Petrowitsch.)

15. November.

Iwan Petrowitsch!

Nach Empfang Ihres bäuerischen und zugleich mehr als seltsamen Sendschreibens, wollte ich dasselbe im ersten Augenblick einfach zerreißen und fortwerfen – habe es aber einstweilen doch als Rarität aufbewahrt. Im übrigen tun mir unsere Mißverständnisse und Unannehmlichkeiten von Herzen leid. Eigentlich war es meine Absicht, Ihnen überhaupt nicht zu antworten. Aber die Notwendigkeit zwingt mich dazu – eben die Notwendigkeit, Ihnen hierdurch mitzuteilen, daß es mir ganz entschieden nichts weniger als angenehm sein würde, Sie jemals wieder in meinem Hause zu sehen; das gleiche gilt von meiner Frau: ihre Gesundheit ist nicht ganz auf der Höhe und der Geruch von Schmierstiefeln ist ihr schädlich. Anbei retourniert sie Ihrer Frau Gemahlin mit bestem Dank ein Buch, den „Don Quijote“, der bei uns liegengeblieben war. Was aber Ihre Galoschen betrifft, die Sie angeblich bei Ihrer letzten Anwesenheit in unserem Hause vergessen haben wollen, so muß ich Ihnen zu meinem Bedauern mitteilen, daß man sie bisher nirgends gefunden hat. Inzwischen werden sie noch gesucht. Sollten sie jedoch nicht zu finden sein, so werde ich Ihnen neue kaufen.

Im übrigen habe ich die Ehre usw.

VIII.

(Am 16. November erhält Pjotr Iwanowitsch durch die Stadtpost zwei Briefe. Er erbricht den ersten und entnimmt dem Kuvert ein zierlich zusammengefaltetes blaßrosa Blättchen. Die Handschrift ist die seiner Frau. Gerichtet ist es an Jewgenij Nikolajewitsch, geschrieben den 2. November. Im Kuvert befindet sich sonst nichts. Pjotr Iwanowitsch liest:)

Lieber Eugène! Gestern war es völlig unmöglich. Mein Mann war den ganzen Abend zu Haus. Komm aber morgen unbedingt um Punkt elf. Um halb elf fährt mein Mann nach Zarskoje und wird erst um ein Uhr zurückkehren. Ich habe mich die ganze Nacht geärgert. Danke für die Zusendung der Nachrichten. Welch ein Haufen Papier! Hat sie das wirklich alles selbst geschrieben? Übrigens, der Stil geht an. Noch einmal: Hab Dank. Ich sehe, daß du mich liebst. Sei mir nicht böse wegen gestern und komm morgen unbedingt! A.

(Pjotr Iwanowitsch erbricht den zweiten Brief.)

Pjotr Iwanytsch!

Mein Fuß hätte ohnehin niemals mehr Ihre Schwelle überschritten: Sie haben ganz überflüssigerweise Ihr Papier verschmiert.

In der nächsten Woche verreise ich nach Ssimbirsk, doch als unschätzbarer und bester Freund verbleibt Ihnen: Jewgenij Nikolajewitsch. Wünsche angenehmen Zeitvertreib. Wegen der Galoschen bitte ich, sich nicht zu beunruhigen.

IX.

(Am 17. November erhält Iwan Petrowitsch durch die Stadtpost gleichfalls zwei Briefe. Er erbricht den ersten und entnimmt ihm einen eilig und flüchtig beschriebenen Zettel. Die Handschrift ist die seiner Frau. Adressiert ist er an Jewgenij Nikolajewitsch, geschrieben den 4. August. Außer dem Zettel enthält das Kuvert nichts weiter. Iwan Petrowitsch liest:)

Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Jewgenij Nikolajewitsch! Möge Gott Ihnen auch dieses Gute vergelten. Werden Sie glücklich, das Los, das mir zufällt, ist grausam, grauenhaft! Es war Ihr Wille. Wäre Tantchen nicht gewesen, ich hätte mich Ihnen nicht so anvertraut. Lachen Sie nicht über mich, und auch nicht über Tantchen. Morgen werden wir getraut. Tantchen ist froh, daß sich ein guter Mensch gefunden hat, der mich ohne Mitgift nimmt. Heute hab’ ich ihn mir zum erstenmal aufmerksam angesehen. Er ist, glaube ich, ein guter Kerl. Man läßt mir keine Zeit. Leben Sie wohl, leben Sie wohl ... Mein Liebling Sie!! Denken Sie manchmal auch an mich, ich – ich werde Sie nie vergessen. Leben Sie wohl! Ich unterschreibe diesen letzten Brief wie meinen ersten ... wissen Sie noch?

Tatjana.

(Im zweiten Brief steht folgendes:)

Iwan Petrowitsch!

Morgen erhalten Sie neue Galoschen. Ich bin nicht gewohnt, fremdes Eigentum aus fremden Taschen hervorzuholen, und ebensowenig ist es meine Art, allerlei Fetzen auf den Straßen aufzusammeln.

Jewgenij Nikolajewitsch wird in den nächsten Tagen nach Ssimbirsk reisen, im Auftrage seines Großvaters, für den er dort einiges erledigen soll, und da hat er mich denn gebeten, ihm zu einem Reisegefährten zu verhelfen. Wollen Sie nicht?

Fußnoten

[1] Bei Petersburg. E. K. R.

[2] Der Petersburger nimmt seine Hauptmahlzeit um 6 bezw. 7 Uhr nachmittags ein. E. K. R.

[3] Stadtteil von Petersburg.

[4] Vorort von Petersburg. E. K. R.

[5] „Verstand schafft Leiden“. E. K. R.

Anmerkungen zur Transkription

Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. Zweite Abteilung: Fünfzehnter Band R. Piper & Co. Verlag, München, 1920. Siebentes bis zwölftes Tausend

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

Newskij (Newski) Petjä (Petja) Ssergejeff (Sergejeff)

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 246]: ... ihn rückwärts auf Bett und begann ihn, wie man ... ... ihn rückwärts aufs Bett und begann ihn, wie man ...