Sämtliche Werke 15

Part 13

Chapter 133,825 wordsPublic domain

„So habe ich dir wohl noch nicht alles erzählt,“ sagte sie endlich mit stockender Stimme. „Höre weiter ... wirst du auch mir zuhören, du heißes Herz? Höre, was deine Schwester dir erzählt. Du hast noch wenig von ihrem Leid erfahren! Ich wollte dir erzählen, wie ich mit ihm ein Jahr verlebte, doch wozu ... Als aber dies Jahr vergangen war, da zog er mit seinen Freunden stromabwärts und ich blieb bei seiner Pflegemutter am Landungsort. Ich wollte dort bis zu seiner Rückkehr verweilen. Ich wartete einen Monat, wartete noch einen – da begegnete mir im Städtchen ein junger Kaufmann, und wie ich ihn erblickte, erinnerte ich mich meiner früheren goldenen Jahre. ‚Schwesterchen, liebes Schwesterchen!‘ sagte er, als er mich erkannte, ‚ich bin Aljoscha, dein Spielkamerad: die Alten verlobten uns als Kinder – weißt du noch? Hast du mich vergessen? Erinnere dich, ich bin aus demselben Ort wie du ...‘ – ‚Was sagt man dort von mir?‘ fragte ich. ‚Man sagt, du seist fortgegangen, habest deine Mädchenehre vergessen und dich einem Räuber, einem Seelenverderber hingegeben,‘ antwortete mir Aljoscha lachend. ‚Und was sagtest du von mir, Aljoscha?‘ ‚Vieles wollte ich dir sagen, als ich hierherkam,‘ – und sein Herz verwirrte sich – ‚vieles wollte ich dir sagen, aber jetzt, wo ich dich sehe, habe ich alles vergessen ... verdorben hast du mich!‘ sagte er leise. ‚So sei es denn, nimm auch meine Seele, und solltest du mein Herz auch verspotten und über meine Liebe lachen, du Schöne! ... Ich bin allein, habe mein Erbe und bin mein eigener Herr, und meine Seele ist mein, habe sie keinem verkauft, wie eine andere es getan, die ihr Gewissen begraben hat, und nicht zu kaufen brauchst du sie, umsonst gebe ich sie dir, denn verdienen läßt sie sich ja nicht, wie man sieht!‘ Ich lachte, und nicht ein- oder nur zweimal hat er mir das gesagt – einen ganzen Monat lebte er dort, ließ alles andere liegen, vergaß die Waren, entließ seine Leute, lebte dort ganz allein. Da tat er mir schließlich leid und ich sagte eines Morgens zu ihm: ‚Erwarte mich, Aljoscha, wenn die Nacht dunkelt, unten am Landungsplatz; laß uns dann zu dir fahren! Ich bin meines schalen Lebens hier überdrüssig!‘ Die Nacht kam, ich schnürte mein Bündelchen, und meine Seele begann sich zu sehnen und sie spielte mit meinen Gedanken. Da sehe ich – mein Herr tritt ein, ganz unerwartet, unverhofft! – ‚Sei gegrüßt,‘ sagte er. ‚Komm. Auf dem Fluß wird es heute Sturm geben, die Zeit drängt.‘ Ich folgte ihm; wir kamen an den Fluß, aber bis zu den Unsrigen war es weit. Da sehen wir – ein Boot hat angelegt und in ihm sitzt ein bekannter Ruderer, der jemand zu erwarten scheint. ‚Guten Abend, Aljoscha, Gott helfe dir!‘ sagt mein Herr. ‚Was, – hast dich verspätet oder willst du noch zu deinen Schiffen? Nimm uns mit, sei so gut und bringe uns zu den Unsrigen. Mein Boot ist nicht hier und ich kann nicht schwimmen.‘ – ‚Steige ein,‘ sagte Aljoscha, und mein ganzes Herz erbebte, als ich seine Stimme vernahm. ‚Setzt euch, der Wind ist für alle und in meinem Boot ist auch für euch noch ein Platz.‘ Wir stiegen ins Boot. Die Nacht war dunkel, die Sterne hatten sich versteckt, der Wind heulte und die Wellen wuchsen, vom Ufer aber waren wir bald schon über eine Werst weit entfernt. Wir schwiegen alle.

„‚Sturm!‘ sagte endlich mein Herr. ‚Der bringt diesmal nichts Gutes! Einen solchen wie heut nacht habe ich auf dem Fluß noch niemals erlebt. Wir sind zu schwer für das Boot! Drei Menschen kann es bei diesem Sturm nicht tragen!‘ – ‚Ja, du hast recht, drei kann es nicht tragen, da ist einer von uns zu viel,‘ sagte Aljoscha, und in seiner Stimme klang ein verhaltenes Beben. ‚Nun was, Aljoscha?‘ sagte er, ‚ich kannte dich schon als kleines Kind, hab mit deinem seligen Vater Bruderschaft getrunken, haben uns Salz und Brot gegenseitig gebracht – nun sage mir, Aljoscha, könntest du ohne Boot von hier aus ans Ufer gelangen ... würdest du untergehen und dein Leben verlieren? – oder würdest du zur Not das Ufer erreichen?‘ – ‚Nein,‘ sagte Aljoscha, ‚ich würde es nicht erreichen.‘ – ‚Aber wer weiß, vielleicht ist die Stunde dir hold und du könntest es doch?‘ – ‚Nein, bei dem stürmischen Fluß kann ich es nicht wagen, ich fände meinen Tod in den Wellen.‘ – ‚So höre jetzt, Katherinuschka, meine schönste vielkostbare Perle!‘ wandte er sich da an mich. ‚Ich erinnere mich einer ähnlichen Nacht, doch wogte da nicht die Welle, die Sterne glänzten hell und der Mond schien ... Ich will dich nur so, ganz harmlos, fragen, ob du sie nicht vergessen hast?‘ – ‚Nein,‘ sagte ich. ‚Und wenn du sie nicht vergessen hast, dann wirst du dich wohl auch noch erinnern, wie ein Verwegener ein schönes Mädchen lehrte, ihre Freiheit zurückzugewinnen, wenn ihr jemand nicht mehr liebwert erscheint – was?‘ – ‚Auch das habe ich nicht vergessen,‘ sage ich, mehr tot als lebendig. – ‚Ah! hast also nichts vergessen! Nun sieh – für das Boot sind drei zu schwer. Sollte da nicht jemandes Stunde gekommen sein? Sag, meine Liebe, sprich es aus, dein Wort, meine Taube, du Süße ...‘

„Ich habe damals das Wort nicht gesagt!“ flüsterte Katherina erbleichend ... Sie beendigte die Erzählung nicht.

„Katherina!“ ertönte eine heisere dumpfe Stimme, Ordynoff fuhr zusammen. In der Tür stand Murin. Er stand regungslos, in die Pelzdecke gehüllt, stand totenbleich und sah sie mit starrem, fast irrsinnigem Blick an. Katherina erblaßte und auch ihr Blick hing starr, wie gebannt an ihm.

„Komm zu mir, Katherina!“ flüsterte der Kranke kaum vernehmbar und verließ das Zimmer. Katherina sah aber immer noch starr auf die Tür, als stehe er noch dort. Plötzlich jedoch stieg das Blut heiß in ihre bleichen Wangen und sie erhob sich langsam vom Bett. Ordynoff entsann sich der ersten Begegnung.

„Also auf morgen denn, mein Herz!“ sagte sie, und es klang wie ein seltsames leises Auflachen. „Also auf morgen. Vergiß aber nicht, wo ich stehen geblieben bin: ‚Wähle einen von beiden: wer ist dir lieb und wer nicht lieb von ihnen, du Schöne!‘ Wirst’s nicht vergessen? wirst eine Nacht dich gedulden?“ fragte sie, indem sie die Hände auf seine Schultern legte und zärtlich auf ihn herabsah.

„Katherina, geh nicht zu ihm, tu’s nicht! Er ist wahnsinnig, siehst du’s denn nicht!“ flüsterte Ordynoff, zitternd für sie.

„Katherina!“ rief Murins Stimme hinter der Wand.

„Warum nicht? Er wird mich ermorden, meinst du?“ fragte Katherina lachend. „Gute Nacht, mein Geliebter, mein lieber Bruder!“ sagte sie, zärtlich seinen Kopf an ihre Brust drückend, während plötzlich Tränen aus ihren Augen brachen. „Das sind die letzten Tränen. Verschlafe dein Leid, mein Geliebter, sollst morgen zur Freude erwachen!“ Und sie küßte ihn leidenschaftlich.

„Katherina, Katherina!“ flehte Ordynoff, und wollte vor ihr niederknien, um sie zurückzuhalten, „Katherina!“

Sie wandte sich noch einmal nach ihm um, nickte ihm lächelnd zu und verließ das Zimmer. Ordynoff hörte, wie sie bei Murin eintrat. Er hielt den Atem an und lauschte, doch kein Laut war zu vernehmen. Der Alte schwieg oder war vielleicht wieder bewußtlos ... Er wollte zu ihr gehen, doch seine Füße versagten ... Er verlor alle Kraft und sank erschöpft auf das Bett zurück ...

V.

Als er wieder zu sich kam, vermochte er zunächst gar nicht festzustellen: War es erste Morgen- oder späte Abenddämmerung? Das Zimmer lag fast vollständig im Dunkel. Das Lämpchen vor dem Heiligenbilde mußte erloschen sein. Er wußte nicht, wie lange er geschlafen hatte, er fühlte nur, daß sein Schlaf krankhaft gewesen war. Als er zu sich kam, strich er sich unwillkürlich mit der Hand über das Gesicht, als wolle er einen Traum und nächtliche Visionen verscheuchen. Doch als er aufzustehen versuchte, fühlte er sich am ganzen Körper wie zerschlagen und seine erschöpften Glieder versagten den Dienst. Sein Kopf schmerzte, ihm schwindelte, und Frostschauer überliefen seinen Körper, denen dann wieder glühende Fieberwellen folgten. Mit dem Bewußtsein kehrte auch die Erinnerung zurück und sein Herz krampfte sich zusammen und erzitterte, als er in einer Sekunde die ganze letzte Nacht wiedererlebte. Sein Herz schlug bei der Erinnerung so stark, und seine Empfindungen waren so heiß und unmittelbar, als wären nicht eine Nacht, nicht lange Stunden vergangen, seit Katherina ihn verlassen, sondern kaum eine Minute. Er fühlte, daß seine Augen noch von den Tränen brannten – oder waren es neue Tränen seiner heißen Seele? Und doch – wie ein Wunder schien ihm alles – in seinen Qualen lag für ihn eine Süße und Lust, obschon er gleichzeitig mit jedem Nerv seines Körpers fühlte, daß er eine solche Vergewaltigung ein zweites Mal nicht mehr ertragen würde. Es kam ein Augenblick, wo er fast den Tod fühlte und bereit war, ihn wie einen lichten Gast zu empfangen, der in weiblicher Gestalt ihm nahte: bis zu einer solchen Spannung war seine Empfindungsfähigkeit gesteigert, mit solch einer stürmischen und machtvollen Allgewalt wogte jetzt, nach dem Erwachen, seine Leidenschaft von neuem auf, und solch ein Entzücken, solch eine Begeisterung erfüllte seine Seele, daß sein Leben, bis in schwindelnde Höhen gesteigert, gleichsam im Begriff war, zusammenzubrechen und niederzustürzen, sofort zu verwesen und auf ewig zu vergehen ... Fast in demselben Augenblick, als wär’s eine Antwort auf seinen Schmerz, auf das Zittern seines Herzens, erklang eine Stimme, die ihm so bekannt schien, wie das innere Klingen und Tönen, das die Menschenseele in Stunden der Freude, in Stunden großen Glückes über ihr Dasein empfindet – es war die weiche, volltönende Stimme Katherinas. Ganz nah, fast wie am Kopfende seines Bettes begann ein Lied, zu Anfang leise und schwermütig. Dann hob sich die Stimme und senkte sich wieder, wie in leisem Verhallen, als vergehe sie und wiege dabei doch noch zärtlich die unruhvolle Qual des eigenen unterdrückten Verlangens, das in ihrem sich sehnenden Herzen für ewig gefangen war. Bald wieder schwang sie sich hoch empor und ergoß sich zitternd und glühend von einer Leidenschaft, die sich nicht länger zurückhalten ließ, in ein ganzes Meer von Entzücken, in ein Meer von zaubermächtigen, uferlosen Tönen, so selig, wie der erste selige Augenblick der Liebe. Ordynoff vernahm auch Worte: sie waren der rührend schlichte, zu Herzen gehende Ausdruck eines reinen, ruhigen, weil selbstverständlichen und klaren Gefühls – der Form nach alte, schon längst verklungene Worte, wie der Volksmund sie in früheren Zeiten gedichtet. Doch Ordynoff dachte nicht an ihren Sinn, er vergaß sie, er hörte nur die Töne, und aus den treuherzigen naiven Strophen des alten Liedes sprachen zu ihm ganz, ganz andere Worte – Worte, in denen dieselbe Sehnsucht zitterte, die seine eigene Brust erfüllte, Worte, die wie ein Widerhall der geheimsten und tiefsten, ihm selbst noch halb unverständlichen Regungen seiner Leidenschaft waren und die nun, da sie im Liede zu ihm drangen, ihm verrieten, wie sehr auch sie um dieselben wußte. Er glaubte, den letzten bangen Laut eines vor Liebe vergehenden Lebens zu hören, dann wieder die aufjauchzende Freude eines Willens, der seine Ketten gesprengt und licht und frei ins unermeßliche Meer unversehrbarer Seligkeit strebte; dann wieder war es ihm, als hörte er das erste zitternde Liebesgeständnis, unter Erröten und Tränen in heimlichem zagen Flüstern von Mädchenlippen, noch mit dem ganzen Duft süßer Scham; dann wieder stieg gleichsam der Wunsch einer Bacchantin auf, die stolz und froh ob ihrer Macht, unverhüllt, des Geheimnisses bar, mit sprühendem Lachen und trunken schweifendem Blick im Kreise sich umschaut ...

Ordynoff hielt es nicht aus bis zum Ende des Liedes und erhob sich vom Bett. Das Lied verstummte sogleich.

„Der gute Morgen und der gute Tag sind vorbei, mein Ersehnter!“ sagte Katherinas Stimme hinter der Wand, „also sage ich jetzt guten Abend zu dir! Steh auf, komm zu uns, erwache zu heller Freude: wir erwarten dich, ich und mein Herr, beides gute Leute und dir ergeben. Lösche mit Liebe den Haß, wenn das Herz uns die Kränkung noch nachträgt. Sage ein freundliches Wort! ...“

Ordynoff verließ bereits sein Zimmer, wußte aber eigentlich selbst kaum, daß er zu ihnen ging. Vor ihm öffnete sich die Tür und er sah und schaute und war wie geblendet von dem goldenen Lächeln der Wundersamen, die vor ihm stand. Er hörte und sah nichts und niemanden außer ihr. Im Augenblick war ihre Lichtgestalt der Inbegriff seines ganzen Lebens, seiner ganzen Freude.

„Zwei Sonnenröten sind schon vergangen, seit wir Abschied nahmen,“ sagte sie, und sie streckte ihm die Hände entgegen, „da sieh durch das Fenster, auch die zweite ist schon erloschen. Sie waren ähnlich dem Erröten eines schönen Mädchens,“ fuhr sie lachend fort, „die erste Morgenröte war wie die Glut, mit der das Mädchen zum erstenmal das Herz in der Brust schlagen fühlt; und die zweite wie wenn die Schöne ihre Scheu vergißt und das Blut feurig ins Antlitz steigen spürt. ... Tritt ein, tritt ein in unser Haus, du Junger! Was stehst du noch auf der Schwelle? Ehre werde dir zuteil und Liebe und als erstes ein Gruß vom Hausherrn!“

Und mit hellem Lachen erfaßte sie Ordynoffs Hand und führte ihn ins Zimmer. Befangenheit überkam sein Herz. Das ganze Feuer, das in seinem Inneren flammte, war wie im Augenblick erloschen, doch nur für einen Augenblick. Verwirrt senkte er das Auge, um sie nicht anzusehen. Er fühlte, sie war von so bezaubernder Schönheit, daß er ihren heißen Blick nicht würde ertragen können. Nein, so hatte er sie noch nie gesehen! Zum erstenmal sah er Freude und den Zauber des Lachens in ihrem Gesicht, und ihre dunklen Wimpern glänzten nun nicht mehr von vergossenen Tränen. Seine Hand lag bebend in ihren Händen. Hätte er den Blick erhoben, so würde er gesehen haben, daß Katherinas strahlende Augen mit triumphierendem Lächeln an seinen Mienen hingen, in denen sich deutlich Verwirrung und Leidenschaft widerspiegelten.

„Stehe auf, Alter!“ sagte sie endlich, als käme sie selbst erst und mit einem Male zur Besinnung, „sage dem Gast ein freundliches Wort zum Gruß. Er ist unser Gast und mir so gut wie ein leiblicher Bruder! Stehe auf, stolzer Alter, sei nicht hochmütig, steh auf, entbiete ihm einen Gruß, fasse seine weiße Hand, bitte ihn an den Tisch!“

Ordynoff sah auf, und es war ihm, als käme er jetzt erst zu sich: er hatte Murin ganz vergessen, an seine Anwesenheit gar nicht gedacht. Die Augen des Alten, die wie in Todesahnen erloschen schienen, sahen ihn unbeweglich an, und mit einem stechenden Schmerzgefühl erinnerte sich Ordynoff jenes Blickes, der ihn das letztemal unter den buschigen überhängenden Brauen hervor getroffen hatte, und diese Brauen waren auch jetzt wieder wie in Qual und Grimm zusammengezogen. Ein leichtes Schwindelgefühl erfaßte ihn. Er sah sich um: und da erst kam ihm klar zum Bewußtsein, wo er sich eigentlich befand. Murin lag noch immer auf dem Bett, war jedoch fast vollständig angekleidet und es machte den Eindruck, als sei er bereits am Morgen aufgestanden und tagsüber ausgegangen. Um den Hals trug er wieder ein rotes Tuch, die Füße staken in Hausschuhen. Die Krankheit war offenbar überstanden, nur sein Gesicht war noch auffallend blaß und fast gelb. Katherina stand neben dem Bett, stützte sich mit der Hand auf den Tisch und sah aufmerksam von dem einen zum anderen: doch das freundliche Lächeln schwand nicht aus ihrem Gesicht. Es schien beinahe, als geschehe alles auf einen Wink von ihr.

„Ja! Das bist du,“ sagte Murin, indem er sich langsam erhob und auf das Bett setzte. „Du bist mein Mieter. Ich bin schuldig vor dir, Herr, habe gesündigt und dich, ohne es zu wollen, erschreckt – gestern, mit der Flinte. Wer konnt’s denn wissen, daß dich auch mitunter Krankheit heimsucht! Bei mir aber kommt das vor,“ fügte er mit rauher, von der Krankheit noch heiserer Stimme hinzu. Seine Stirn runzelte sich und unwillkürlich wandte er den Blick von Ordynoff ab. „Unglück pflegt sich nicht vorher anzumelden, wenn es kommt, schleicht es sich wie ein Dieb heran und ist da! Auch ihr hab’ ich vor kurzem beinahe das Messer in die Brust gestoßen ...“ brummte er, mit dem Kopf nach Katherina weisend. „Ich bin ein kranker Mensch, habe zuweilen meine Anfälle – nun, was ist da noch viel zu erklären, das mag dir genügen! Setz dich – wirst mein Gast sein.“

Ordynoff sah ihn immer noch unverwandt an.

„Setz dich, so setz dich doch!“ rief der Alte ungeduldig, „wenn’s ihr nun mal Freude macht! ... Hm! Da seid ihr nun also sozusagen Geschwister, seht doch mal an! Habt euch ja lieb, recht wie ein Liebespaar!“

Ordynoff setzte sich.

„Sieh doch, was du da für eine Schwester hast,“ fuhr der Alte lustig fort, und er lachte, daß man alle seine ausnahmslos noch weißen, schönen Zähne sehen konnte. „So tut doch zärtlich, meine Lieben! Hast du nicht eine schöne Schwester, Herr? Sprich doch, antworte! Da, sieh sie doch an, sieh, wie ihre Wangen glühen. So sage doch, daß sie eine Schönheit ist, rühme doch vor der ganzen Welt ihre Schönheit! Zeige, wie sehr dein Herz nach ihr verlangt!“

Ordynoff runzelte die Stirn und sah den Alten an. Der zuckte zusammen unter seinem Blick. In Ordynoffs Brust stieg eine blinde Wut auf. Mit geradezu tierischem Instinkt fühlte er, daß er seinen Todfeind vor sich hatte. Er begriff selbst nicht, was mit ihm geschah. Er vermochte nicht mehr zu denken –

„Sieh mich nicht an!“ erklang da Katherinas Stimme hinter ihm. Ordynoff blickte sich um.

„Sieh mich nicht an, sage ich dir, wenn der Böse dich zu Bösem verleitet – hab Mitleid mit deiner Liebsten,“ sagte Katherina lachend, und plötzlich legte sie ihm hinterrücks die Hände auf die Augen, – zog sie aber sogleich wieder zurück und bedeckte mit ihnen ihr eigenes Gesicht. Doch die flammende Röte leuchtete gleichsam durch ihre Finger: sie ließ die Hände sinken und mühte sich, offen und furchtlos den Blicken der beiden Männer standzuhalten. Die aber sahen sie beide nur schweigend an – Ordynoff mit einer gewissen verwunderten Liebe, die sein Herz zum erstenmal zu der Schönheit eines Weibes empfand, der Alte dagegen aufmerksam, forschend und kalt. Sein bleiches Gesicht verriet nicht das geringste, nur seine Lippen waren blaß und bebten leise.

Katherina war gleichfalls ernst geworden, trat an den Tisch und begann, die Bücher, Papiere, das Tintenfaß und alles übrige abzuräumen. Sie atmete schnell und ungleichmäßig. Von Zeit zu Zeit holte sie tief Atem, als sei’s ihr im unruhig schlagenden Herz eng und schwer. Schwer, wie die Woge am Ufer, senkte sich und hob sich von neuem ihre Brust. Sie sah nicht auf, und die dunkeln langen Wimpern glänzten seidig über ihren zarten Wangen ...

„Meine Königin!“ flüsterte Ordynoff. Er besann sich aber sofort, denn er fühlte den Blick des Alten auf sich ruhen. Wie ein Blitz, in einem Nu war dieser Blick aufgeflammt, gierig, bohrend, gehässig, feindlich, mit kalter Verachtung. Ordynoff erhob sich, aber eine unsichtbare Macht schien seine Füße gefesselt zu haben. Er setzte sich wieder. Und er drückte seine eigene Hand, als traue er nicht der Wirklichkeit, die ja vielleicht nur ein Traum sein konnte. Es war ihm, als ob ein Alb ihn bedrücke und als ob seine Augen in peinvollem und krankhaftem Dämmer geschlossen lagen. Doch sonderbar! Er wollte nicht erwachen!

Katherina nahm den Teppich vom Tisch, öffnete eine Truhe, der sie ein kostbares Tischtuch entnahm, das reich mit Stickereien in Seide und Goldfäden verziert war, und breitete es über den Tisch; dann holte sie aus dem Schrank eine altertümliche, aus schwerem Silber gearbeitete Kanne, an der nach alter Art die silbernen Becher hingen – stellte sie mitten auf den Tisch und nahm drei Becher von den Häkchen: einen für den Hausherrn, einen für den Gast und einen für sich selbst. Mit ernstem, fast nachdenklichem Blick sah sie auf den Alten, dann auf den Gast.

„Wer ist nun von uns einem anderen lieb oder nicht lieb?“ fragte sie. „Wer niemandem lieb ist, der soll mir lieb sein und wird mit mir aus einem Becher trinken. Mir aber ist jeder von euch lieb, lieb, wie ein Nahestehender: deshalb laßt uns auf die Liebe und die Eintracht trinken!“

„Trinken und die schwarzen Gedanken im Wein ertränken!“ sagte der Alte mit veränderter Stimme. „Schenke ein, Katherina!“

„Und dir auch?“ fragte Katherina, indem sie Ordynoff ansah.

Der schob schweigend seinen Becher hin.

„Wartet!“ rief plötzlich der Alte und erhob sein Glas. „Hat jemand von uns etwas Besonderes auf dem Herzen, so möge es nach seinem Wunsch in Erfüllung gehen!“

Sie stießen an und tranken.

„Nun laß uns beide trinken,“ sagte Katherina, sich an den Alten wendend, „trinken wir, wenn dein Herz mir gut ist! Trinken wir auf das erlebte Glück, laß uns die vergangenen Jahre grüßen! Aus dem Herzen, dem Glück in Liebe ein Gruß! So laß dir doch einschenken, Alter, wenn dein Herz noch immer für mich glüht!“

„Dein Wein ist stark, mein Täubchen, du selbst aber hast nur die Lippen benetzt!“ sagte der Alte lachend und hielt seinen Becher hin.

„Ich werde dir jetzt einschenken, du aber trinke den Wein bis zur Neige! ... Wozu leben, Alterchen, und ewig schwere Gedanken mit sich herumtragen! Das bedrückt nur das Herz. Gedanken kommen vom Kummer und Gedanken schaffen Kummer, im Glück da lebt man ohne Gedanken! Trink, Alter! Ertränke deine Gedanken!“

„Da muß ja in dir viel Kummer sich angesammelt haben, wenn du dich plötzlich so gegen ihn wappnen willst! Möchtest wohl mit einemmal allem ein Ende machen, meine weiße Taube? Ich trinke auf dein Wohl, Katjä! Aber du, hast auch du einen Kummer, Herr, wenn du erlaubst, zu fragen?“

„Was ich habe, das habe ich für mich,“ murmelte Ordynoff, ohne seine Augen von Katherina abzuwenden.

„Hast du gehört, Alterchen? Ich habe mich selbst lange nicht gekannt und an nichts zurückgedacht, da kam aber eine Stunde und ich erkannte alles und erinnerte mich an alles: da hab’ ich alles Vergangene mit unersättlicher Gier in der Seele nochmals erlebt.“

„Ja, es ist bitter, wenn man durch Vergangenes sich wieder durchzuarbeiten anfängt,“ bemerkte der Alte nachdenklich. „Was vergangen ist, ist wie getrunkener Wein! Was ist vergangenes Glück? Hat man einen Rock abgetragen, dann fort mit ihm ...“

„Dann ist ein neuer nötig!“ fiel ihm Katherina ins Wort, mit etwas erzwungenem Lachen, während zwei große Tränen an ihren Wimpern erglänzten. „Da sieht man, ein Menschenalter kann nicht in einem Augenblick vergehen, und ein Mädchenherz hat ein zähes Leben: das ist nicht so leicht erschöpft! Hast du’s erfahren, Alter? Sieh, da habe ich eine Träne in deinem Becher begraben!“

„War es denn viel Glück, für das du dein Leid verkauftest?“ fragte Ordynoff und seine Stimme zitterte vor Erregung.

„Du hast wohl, Herr, viel eigenes zu verkaufen,“ versetzte der Alte, „daß du dich ungebeten vordrängst.“ Und er lachte lautlos und boshaft und sah dabei Ordynoff frech an.

„Wofür ich es verkaufte, das war auch danach,“ antwortete Katherina mit einer Stimme, aus der eine gewisse Unzufriedenheit und Gekränktheit zu klingen schien. „Dem einen scheint es viel, dem anderen wenig. Der eine will alles hingeben, es wird ihm aber nichts dafür geboten; der andere verheißt nichts, und doch folgt ihm das Herz gehorsam. Du aber, mach deshalb niemandem einen Vorwurf.“ Sie wandte das Gesicht nach ihm hin und sah ihn traurig an. „Der eine ist so ein Mensch, der andere ein anderer – weiß man’s denn selbst, weshalb die Seele gerade zu dem einen drängt! Fülle deinen Becher, Alter! Trinke auf das Glück deiner lieben Tochter, deiner gehorsamen Sklavin, wie einst, als sie dich erst noch lieben lernte. Nun, erhebe den Becher!“

„Wohlan! So schenke auch dir ein!“

„Warte, Alter! Trink noch nicht, laß mich zuvor noch ein Wort sagen! ...“