Part 14
Katherina stützte die Ellbogen auf den Tisch und sah regungslos mit glänzendem, leidenschaftlichem Blick dem Alten in die Augen. Eine eigentümliche Entschlossenheit lag plötzlich in diesem Blick. Doch alle ihre Bewegungen waren sicher, ihre Gesten kurz, unerwartet, schnell. Es war, als sei Feuer in ihr und wunderbar nahm sich das aus. Ihre Schönheit schien mit ihrer Erregung, mit ihrer Spannung zu wachsen. Sie lächelte und wie Perlen erglänzten ihre gleichmäßigen Zähne zwischen den Lippen. Ihr Atem war kurz und unterbrochen durch die Erregung. Ihre feinen Nasenflügel bebten. Der eine ihrer schimmernden Zöpfe, die sie zweimal um den Kopf geschlungen trug, hatte sich gelöst und gesenkt und bedeckte das linke Ohr und einen Teil der heißen Wange. Ihre Schläfen glänzten feucht.
„Sage mir wahr, Alter! Sag mir wahr, mein Guter, sag, bevor du deinen Verstand vertrinkst! Hier hast du meine weiße Hand! Nennen dich doch die Leute bei uns nicht umsonst einen Zauberer. Du hast aus Büchern gelernt und kennst jede schwarze Wissenschaft! So sieh dir jetzt die Linien meiner Hand an, Alterchen, und verkünde mir mein ganzes unseliges Los! Nur sieh zu, daß du die Wahrheit sagst! ... Nun, sage mir, wie du es weißt und meinst – wird dein Töchterchen glücklich sein oder verzeihst du ihr nicht und rufst ihr durch deine Zauberstücke herbes Leid auf den Weg? Sage, wird der Winkel warm sein, in dem ich mich einnisten werde, oder soll ich, wie ein Zugvogel, mein Leben lang gleich einer Waise bei guten Leuten Unterkunft suchen? Sage, wer ist mein Feind und hegt Arges gegen mich im Sinn? – und wer ist mein Freund und hat für mich nur Liebe im Herzen? Sage, wird mein junges heißes Herz sein Lebtag einsam bleiben und vor der Zeit verstummen, oder wird es ein anderes Herz finden, das ihm gleich ist, und im gleichen Pulsschlag der Freude mit ihm schlagen ... bis zu neuem Leid! Und sage mir, Alterchen, wenn du schon einmal wahrsagst, wo, unter welchem blauen Himmel, hinter welchen fernen Meeren und Wäldern mein heller Falke denn lebt, sag mir, wo, und ob er auch mit scharfem Auge nach seinem Falkenweibchen Ausschau hält, und ob er auch in Liebe wartet, ob er es auch heiß lieben oder ob er die Liebe bald verlernen und mich betrügen, oder ob er mich nicht betrügen und mir treu bleiben wird? Und dann sprich auch schon das Letzte und Allerletzte aus, Alter: sag, ist es uns beiden bestimmt, lang noch gemeinsam die Zeit zu verbringen, hier im armseligen Winkel zu sitzen, dunkle Bücher zu lesen? Oder wann werde ich von dir Abschied nehmen, mich tief vor dir neigen und dir für deine Gastfreundschaft danken, und dafür daß du mir Speise und Trank gegeben und mir Märchen erzählt hast? ... Aber sieh zu, daß du mir die Wahrheit sagst, lüge nicht! Die Zeit ist gekommen, jetzt steh für dich ein!“
Ihre Erregung war mit jedem weiteren Wunsche gewachsen, bis ihre Stimme bei den letzten Worten die Gewalt über sich verlor, als risse ein Wirbelsturm ihr Herz mit sich fort. Ihre Augen blitzten und ihre Lippen schienen leise zu beben. Und doch hatte aus ihrer Stimme zugleich ein boshafter Spott geklungen – wie eine Schlange wand er sich versteckt durch ihre Worte – und es war, als habe ein Schluchzen in ihrem Spott geklungen, der doch voll Lachen sein sollte. Sie hatte sich über den Tisch zu dem Alten gebeugt und sah ihm mit forschender Neugier in seine umflorten Augen. Ordynoff hörte, als sie verstummte, wie ihr Herz plötzlich heftig zu klopfen begann; er sah sie an und wollte aufjauchzen vor Entzücken, und war schon im Begriff, sich von der Bank zu erheben. Da traf ihn ein flüchtiger, kurzer Blick des Alten und wie gebannt, wie gelähmt blieb er auf seinem Platz: es war eine seltsame Mischung von Verachtung, Spott, ungeduldiger, ärgerlicher Unruhe und zugleich boshafter, arglistiger Neugier, die aus diesem flüchtigen jähen Blick aufblitzte, aus diesem Blick, unter dem Ordynoff jedesmal zusammenfuhr und der sein Herz stets mit Haß und ohnmächtiger Wut erfüllte.
Nachdenklich und mit einer eigentümlichen traurigen Neugier betrachtete der Alte seine Katherina. Sie hatte sein Herz getroffen, durchbohrt, das Wort war jetzt von ihr ausgesprochen – und doch hatte er nicht einmal mit einer Wimper gezuckt. Er lächelte nur, als sie verstummt war.
„Willst viel auf einmal erfahren, mein flügge gewordenes, mein flugbereites Vögelchen! Fülle mir schnell noch den tiefen Becher; und dann laß uns trinken: zuerst auf die Entzweiung und auf den guten Willen; sonst verderbe ich noch durch irgend jemandes bösen unsauberen Blick meinen Wunsch. Der Teufel ist stark! Wie weit ist’s denn bis zur Sünde!“
Er hob seinen Becher und leerte ihn. Je mehr er trank, um so bleicher wurde er. Seine Augen röteten sich und glühten wie Kohlen. Es war augenscheinlich, daß ihr fieberhafter Glanz und die plötzliche Totenblässe die Vorläufer eines baldigen neuen Anfalls waren. Der Wein aber war schwer und feurig. Auch Ordynoff fühlte von dem einen Becher, den er geleert, seinen Blick heiß und unsicher werden: sein durch das Fieber erregtes Blut konnte nicht lange dem Geist des Weines widerstehen und überstürmte sein Herz, quälte und verwirrte seinen Verstand. Seine Unruhe wuchs mit jeder Minute. Und er schenkte sich noch von dem schweren Wein in den Becher und trank einen Schluck, ohne selbst zu wissen, was er tat oder wie er gegen seine wachsende Erregung ankämpfen sollte, und das Blut jagte noch stürmischer durch seine Adern. Er war wie von einem Fiebertraum fortgerissen und vermochte kaum noch, trotz krampfhaftester Anspannung seiner ganzen Aufmerksamkeit, zu verfolgen, was zwischen dem Alten und Katherina vorging.
Der Alte klopfte laut mit dem Becher auf den Tisch.
„Schenk ein, Katherina!“ rief er, „schenk ein, böses Töchterchen, schenk ein, bis ich trunken bin! Beseitige den Alten, es ist auch genug für ihn! So ist’s recht, schenk ein, meine Schöne, ganz voll – so! Nun laß uns beide trinken! Warum hast du denn so wenig getrunken? Oder habe ich es nicht gesehen ...?“
Katherina entgegnete ihm etwas, doch Ordynoff begriff die Worte kaum, und der Alte ließ sie nicht zu Ende sprechen: er ergriff ihre Hand, als habe er nicht mehr die Kraft, all das zurückzuhalten, was seine Brust einschloß. Sein Gesicht war bleich und sein Blick umflorte sich bald, bald flammte er auf und dann brannte in ihm ein unheimliches Feuer. Seine farblosen Lippen zuckten und mit ungleichmäßiger, schwankender Stimme, aus der hin und wieder eine seltsame Begeisterung klang, sagte er zu ihr:
„Gib dein Händchen, du Schöne! Ich werde dir wahrsagen, werde dir die ganze Wahrheit sagen. Ich bin wirklich ein Zauberer, da hast du dich nicht geirrt, Katherina! Dein goldenes Herz hat erraten, daß ich sein einziger Wahrsager bin und ihm die Wahrheit nicht verheimlichen werde, diesem schlichten, diesem unschlauen Herzen! Nur eines hast du nicht erkannt: nicht ich, der Zauberer, kann dich vernünftig machen! Vernunft ist keine Richtschnur für ein Mädchen, und wenn man ihm auch die ganze Wahrheit sagt, so ist es doch, als habe es nichts erfahren und begriffen! Ihr eigner Kopf – ist eine listige Schlange, wenn auch das Herz von Tränen überfließt! Jeden Weg findet sie selbst, zwischen Gefahren versteht sie kriechend sich durchzuschlängeln und ihren schlauen Willen zu erreichen! Manchmal erreicht sie auch wohl mit dem Verstande was sie will, wenn aber nicht – dann berückt sie mit ihrer Schönheit, und verwirrt mit ihrem dunklen Auge! Schönheit bricht die Kraft, und wenn das Herz auch von Eisen ist – sie zerspellt es mit ihrer Macht! Ob auch Leid und Sorge deiner harrt? Schwer ist Menschenleid! Doch nicht schwache Herzen werden von ihm heimgesucht. Das Unglück sucht sich, wenn es kommt, ein starkes Herz zum Wohnsitz aus, aus dem dann im stillen, aller Welt verborgen, manch blutige Träne rinnt, bösen Leuten ein Schaustück. Dein Leid aber, Mädchen, ist wie die Spur im Sande, die der Regen verwischt, die Sonne trocknet und der frische Wind verweht! Laß mich dir noch mehr sagen, dir wahrsagen: wer dich lieben wird, zu dem wirst du als Sklavin gehen, wirst selbst deinen Willen und deine Freiheit binden und ihm hingeben als Pfand und auch nie mehr zurückverlangen; wirst es nicht verstehen, zur rechten Zeit deine Liebe zu vergessen; ein Körnchen legst du hin und dein Verderber läßt es zur vollen Ähre wachsen und behält alles! Mein zärtliches Kind, mein Goldköpfchen, hast in meinem Wein dein Tränenperlchen begraben und dann doch nicht widerstanden und darüber gleich hundert andere vergossen, hast ein schönes Wort gesagt, dich an ihm berauscht und auf dein Leid gepocht. Doch ob deines Tränchens, des himmlischen Tautropfens, wirst du dich nicht zu grämen, wirst nicht zu trauern brauchen! Es wird dir in Überfluß wiedergegeben, und mit Wucherzinsen, dein Tränenperlchen, warte nur, in langer Nacht, in trauriger Nacht, wenn böser Kummer an deinem Herzen nagen wird und ein arger Gedanke – dann wird auf dein heißes Herz, für dies selbe Tränchen, eines anderen Träne fallen, eine blutige, nicht warme oder heiße, sondern eine glühende, wie von flüssigem Erz, und die wird dir deine weiße Brust blutig brennen, und bis zum Morgen, dem trüben, düsteren, wie er an Regentagen graut, wirst du dich auf deiner Lagerstätte wälzen und aus der frischen Wunde wirst du purpurnes Blut vergießen und nimmer wird dir diese Wunde bis zum vollen Morgen verheilen! Schenke mir noch ein, Katherina, schenke mir ein, meine Taube, für den klugen Rat! – weiter aber, denke ich, sind keine Worte mehr vonnöten ...“
Seine Stimme sank und bebte: es war, als wolle ein Schluchzen aus seiner Brust hervorbrechen ... Er schenkte sich selbst den Wein ein und stürzte ihn gierig hinab; dann klopfte er wieder mit dem Becher auf den Tisch. Sein trüber Blick flammte noch einmal auf.
„Ach! Lebe, wie es sich leben läßt!“ rief er, „was vorüber ist, ist vorüber! Schenk mir ein, schenk mir noch einmal ein, noch einmal, und ganz voll, bis zum Rande, damit der Wein den wilden Kopf von den Schultern nimmt und die Seele in ihm ertränkt! Schläfere mich ein für die lange Nacht, der kein Morgen folgt, auf daß das Gedächtnis mir völlig schwinde! Getrunkener Wein ist wie verlebtes Leben! Da muß doch dem Kaufmann die Ware liegen geblieben sein, wenn er sie umsonst aus der Hand gibt! Würde er sie doch sonst nicht aus freiem Willen unter dem Preise hingeben, würde auch der Feinde Blut vergießen, auch unschuldig Blut würde fließen und auf den Kauf würde jener Käufer obendrein noch seine verlorene Seele hergeben müssen! Schenk ein, schenk mir noch ein, Katherina!“
Doch seine Hand, die den silbernen Becher hielt, schien plötzlich wie im Krampf zu erstarren und rührte sich nicht mehr. Er atmete schwer und mühsam, sein Kopf sank unwillkürlich auf die Brust. Noch einmal richtete er den Blick starr auf Ordynoff, als wolle er ihn zum letztenmal durchbohren, aber auch dieser Blick erlosch endlich und seine Lider senkten sich, als wären sie bleischwer. Tödliche Blässe breitete sich über sein Antlitz ... Ein paarmal zuckten noch seine Lippen und bewegten sich, als wollten sie etwas sagen – und plötzlich glänzte eine große heiße Träne an seinen Wimpern, hing, löste sich und rollte langsam über seine bleiche Wange herab ... Ordynoff hatte nicht mehr die Kraft, noch länger dies alles zu ertragen. Er erhob sich, trat schwankend einen Schritt vor, näherte sich Katherina und faßte sie am Arme; sie aber hatte nicht einmal einen Blick für ihn, und tat, als bemerke sie ihn überhaupt nicht ...
Es war, als verließe sie gleichfalls die Besinnung, als hielte ein besonderer Gedanke sie in seinem Bann oder als sei sie von einem einzigen starren Gedanken erfüllt. Sie sank an die Brust des schlafenden Alten, schlang ihren weißen Arm um seinen Hals und sah ihn regungslos an, als könne sie den Blick nicht losreißen von ihm. Sie fühlte es wohl gar nicht, als Ordynoff ihren Arm erfaßte. Erst nach einer Weile hob sie den Kopf und wandte das Gesicht ihm zu und sah ihn mit einem langen durchdringenden Blick an. Und dann rang sich, als begreife sie endlich, ein schweres, verwundertes Lächeln gleichsam mühselig, wie mit Schmerz aus ihrem Innersten hervor und erschien auf ihren Lippen ...
„Geh, geh fort,“ flüsterte sie, „du bist betrunken und böse! Du bist mir ein schlechter Gast!“ Und sie wandte sich wieder dem Alten zu und wieder hing ihr Blick wie gebannt an seinen Zügen.
Sie schien jeden Atemzug des Schlafenden zu bewachen, schien seinen Schlaf mit ihrem Blick liebkosen zu wollen. Ja, sie schien sogar ihren eigenen Atem zurückzuhalten, als wage sie kaum, ihr Herz schlagen zu lassen. In ihrem Gesicht, in ihrem ganzen Wesen lag eine solche Liebesverzückung, daß Ordynoff plötzlich von Verzweiflung, Wut, Zorn und rasendem Haß übermannt wurde ...
„Katherina! Katherina!“ rief er, wie mit Klammern ihren Arm umspannend.
Schmerz sprach aus ihrem Gesicht: sie erhob wieder den Kopf und sah ihn an, doch diesmal mit solch einem Spott und solch schamloser Verachtung, daß er sie anstarrte, ohne fassen zu können, was er sah. Sie wies auf den schlafenden Alten und sah – als wäre der ganze Hohn seines Feindes in ihre Augen übergegangen – sah mit einem Blick zu Ordynoff auf, unter dem in seinem Inneren irgend etwas mit schneidendem Schmerz zerriß und von dem es ihn mit Eiseskälte überlief.
„Was? er wird mich ermorden, meinst du?“ stieß Ordynoff hervor, außer sich vor Wut.
Und als hätte ihm ein Dämon etwas ins Ohr geflüstert – begriff er sie plötzlich ... und sein ganzes Herz lachte gellend dazu.
„So werde ich dich denn kaufen, du Schöne, von deinem Kaufmann, wenn du meine Seele verlangst! Sei ruhig, nicht er wird morden! ...“
Das starre Lachen, das nicht aus ihrem Gesicht wich, wurde ihm fürchterlich. Der grenzenlose Hohn ihres Spottlächelns marterte ihm das Herz. Er wußte nicht mehr, was in ihm vorging, und was er fast mechanisch tat: er stützte sich an die Wand und nahm von einem Nagel einen altertümlichen kostbaren Dolch. Ein Ausdruck wie Verwunderung glitt über Katherinas Züge; zugleich jedoch trat der Ausdruck von Haß und Verachtung mit solcher Stärke in ihre Augen, daß er alles andere darüber vergessen ließ. Ordynoff sah sie an und ihm schwindelte ... Es war ihm, als zerre jemand an seiner Hand, die sich zu einer unsinnigen Tat erheben wollte, und als sei ein fremder Trieb in ihr. Er zog das Messer aus der Scheide ... Katherina folgte regungslos, wie in atemloser Spannung, seiner Bewegung ...
Er sah auf den Alten ...
Da schien es ihm plötzlich, als ob ein Augenlid des Alten sich langsam hebe und als ob durch die Wimpern, lauernd, ein Auge ihn lächelnd ansehe. Ihre Blicke begegneten einander, Auge ruhte in Auge. Minutenlang sah Ordynoff ihn an, ohne zu zucken ... Plötzlich aber schien es ihm, daß das ganze Gesicht des Alten lache und ein teuflisches Gelächter, das ihn eisig überlief und erstarren machte, im Zimmer erschallte. Ein scheußlicher nachtschwarzer Gedanke kroch wie eine Schlange durch sein Gehirn. Er erzitterte: das Messer entfiel seiner Hand und klirrte auf die Diele. Katherina schrie auf, wie aus einem Traume erwachend, wie nach einem furchtbaren Alb, und doch noch im Bann des Schreckbildes ... Der Alte erhob sich langsam, mit bleichem Gesicht, und stieß voll Ingrimm mit dem Fuß das Messer in die Ecke des Zimmers. Katherina stand totenblaß neben dem Bett und rührte sich nicht. Ihre Augen schlossen sich; ein dumpfer, unerträglicher Schmerz drückte sich in ihren Zügen aus; sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und mit einem erschütternden Aufschrei warf sie sich dem Alten zu Füßen ...
„Aljoscha! Aljoscha!“ rang es sich in äußerster Verzweiflung aus ihrer Seele.
Der Alte umfing sie mit seinen mächtigen Armen und erdrückte sie fast an seiner Brust. Als sie aber ihren Kopf so an ihn schmiegte, da lachte jeder Zug, jede Runzel im Gesicht des Alten ein so schamloses, entblößtes nacktes Lachen, daß Ordynoff nur fühlte, wie kaltes Entsetzen ihn ergriff. Betrug, Berechnung, eifersüchtige Tyrannei und Vergewaltigung dieses armen, dieses zerrissenen Herzens – das war es, was er an dem schamlosen Lachen begriff.
„Wahnsinnige!“ flüsterte er erschauernd, von Entsetzen geschüttelt, und stürzte hinaus.
VI.
Als Ordynoff am nächsten Morgen, noch blaß und erregt von dem Erlebnis der Nacht, gegen acht Uhr bei Jaroslaw Iljitsch eintrat – zu dem er übrigens aus einem ihm selbst völlig unklaren Grunde gegangen war – blieb er starr vor Überraschung auf der Schwelle stehen: denn im Zimmer erblickte er – Murin. Der Alte war noch bleicher als Ordynoff und schien sich vor Krankheit kaum auf den Füßen halten zu können, weigerte sich jedoch, trotz aller Aufforderungen Jaroslaw Iljitschs, der über den Besuch offenbar sehr erfreut war, auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Als Jaroslaw Iljitsch Ordynoff erblickte, entfuhr ihm ein Ausruf freudiger Überraschung, doch schon im nächsten Augenblick wich seine Freude einer recht merkbaren Verwirrung, die ihn ganz plötzlich überkam, so daß er mitten auf dem Wege zum nächsten Stuhl, den er wohl Ordynoff hatte anbieten wollen, ratlos stehen blieb. Man sah es ihm an, daß er nicht wußte, was er sagen oder tun sollte und daß er es zugleich als unpassend empfand, in dieser schwierigen Lage seine türkische Pfeife weiter zu rauchen. Trotzdem aber – so groß war seine Verwirrung – zog er in vollen Zügen den Rauch aus seinem Pfeifenrohr und zwar noch viel häufiger und heftiger, als es sonst seine Art war. Inzwischen trat Ordynoff ins Zimmer. Er warf einen flüchtigen Blick auf Murin und bemerkte in dessen Gesicht etwas Ähnliches wie das boshafte Lächeln vom letzten Abend, das Ordynoff auch jetzt wieder erbeben machte vor Wut und Empörung. Übrigens verschwand alles Feindliche sofort aus Murins Zügen und sein Gesicht nahm den Ausdruck vollständiger Verschlossenheit und Gelassenheit an. Langsam machte er eine sehr tiefe Verbeugung vor seinem Mieter ... Diese kurze Szene hatte indes das Gute, daß sie Ordynoff vollends zur Besinnung brachte. Er sah Jaroslaw Iljitsch mit scharfem Blick aufmerksam an, wie um aus dessen Antlitz sich Aufschluß über den Sachverhalt zu verschaffen. Jaroslaw Iljitsch freilich schien dieser forschende Blick äußerst peinlich zu sein.
„Aber ich bitte Sie, treten Sie doch näher, teuerster Wassilij Michailowitsch,“ brachte er endlich verwirrt hervor, „ich bitte Sie dringend, beehren Sie mich mit Ihrem Besuch ... Geben Sie diesen meinen einfachen Sachen hier ... die Weihe, indem Sie ihnen, wie gesagt, die Ehre antun ... wie gesagt ...“
Jaroslaw Iljitsch geriet mit seinen Gedanken und Worten in einige Unordnung, verlor den Faden, wurde bis über die Ohren rot vor Verwirrung und auch vor Ärger darüber, daß die schöne Phrase mißlungen war und daß er sie somit umsonst ausgespielt, sie für immer verdorben hatte. Mit Gepolter rückte er deshalb einen Stuhl bis mitten ins Zimmer.
„Ich werde Sie nicht lange aufhalten, Jaroslaw Iljitsch, ich wollte nur ...“
„Aber ich bitte Sie! Sie und mich aufhalten – Wassilij Michailowitsch! ... Doch – nicht wahr – ein Glas Tee? He! Bedienung! ... Und Sie, versteht sich, werden doch auch nicht ein Glas ablehnen!“
Murin nickte nur mit dem Kopf, wodurch er wohl zu verstehen gab, daß er das Angebot ganz selbstverständlich fand.
Jaroslaw Iljitsch schnauzte zunächst den eingetretenen Diener wegen seiner angeblichen Saumseligkeit an und bestellte dann in strengem Tone noch drei Glas Tee, worauf er sich auf den nächsten Stuhl neben Ordynoff niederließ. Nachdem er sich gesetzt, drehte er den Kopf wie eine Pappkatze bald nach rechts, bald nach links, sah von Murin zu Ordynoff und von Ordynoff zu Murin. Seine Lage war keineswegs angenehm. Offenbar wollte er etwas sagen, etwas vielleicht äußerst Kitzliges, wenigstens für den einen Teil; doch ungeachtet aller seiner Gedankenanstrengungen brachte er nichts über die Lippen ... Ordynoff schien auch nicht recht zu wissen, was er sagen, und noch viel weniger, was er denken sollte. Es gab einen Augenblick, wo sie plötzlich beide zugleich anfangen wollten. ... Währenddessen hatte der schweigsame Murin Zeit, sie aufmerksam zu beobachten und in sein Gesicht wieder den Ausdruck der Ruhe zu bringen ...
„Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen,“ begann plötzlich Ordynoff, „daß ich mich infolge eines unangenehmen Zwischenfalls gezwungen sehe, meine Wohnung zu verlassen, und ...“
„Ja denken Sie sich!“ unterbrach ihn Jaroslaw Iljitsch. „Ich war, offen gestanden, baff, als mir dieser ehrenwerte Mann hier von Ihrem Entschluß Mitteilung machte. Aber ...“
„Wie, _er_ hat es Ihnen bereits mitgeteilt?“ fragte Ordynoff verwundert, und blickte auf Murin.
Dieser strich sich über den Bart und lächelte vor sich hin.
„Ja, was sagen Sie dazu!“ fuhr Jaroslaw Iljitsch fort. „Übrigens – oder habe ich da vielleicht was mißverstanden? Jedenfalls muß ich sagen, daß – ich versichere Sie bei meiner Ehre! – daß in seinen Worten auch nicht der Schatten einer Sie kränkenden Äußerung enthalten gewesen ist ...“
Und Jaroslaw Iljitsch errötete hierbei und vermochte nur mit Mühe seine Erregung niederzuhalten. Murin, der sich an der Verwirrung Jaroslaw Iljitschs und seines Gastes inzwischen genugsam ergötzt zu haben schien, hielt es nun wohl für angemessen, auch mit der Sprache herauszurücken, und trat einen Schritt vor.
„Ich habe dieserhalb, Euer Wohlgeboren,“ begann er langsam, sich nach Bauernart vor Ordynoff verneigend, „Eure Wohlgeboren zu belästigen gewagt. Es ist nun mal so, Herr, es kommt schon so heraus – Sie wissen doch selber: wir – wollte sagen ich und meine Hausfrau – wir wären ja mehr als froh und würden auch kein Wort dawider reden ... Aber – was soll man da viel sagen – was hab’ ich denn für eine Wohnung, das wissen und sehen Sie doch selbst, Herr! Und was haben wir denn überhaupt – grad nur so viel, daß man satt wird, wofür wir denn auch genugsam dem Schöpfer danken und zu ihm beten, und ihn bitten, er möge uns seine Gnade auch fernerhin in diesem Maße zuteil werden lassen. Aber sonst, Herr, Sie sehen doch selbst, wie’s ist, was soll man da viel reden?“ Und Murin wischte sich nach echter Bauernart mit dem Ärmel ruhig den Bart.
Ordynoff fühlte nur, wie ihn Ekel erfaßte.
„Ja, es ist wahr, ich habe Ihnen auch schon von ihm erzählt: er ist krank, tatsächlich, ^ce malheur^ ... das heißt, Verzeihung, ich wollte ... ich beherrsche die französische Sprache nicht vollkommen, aber wie gesagt ...“
„Ja, wie ...“
„Ja eben, wie gesagt ... das heißt ...“
Ordynoff und Jaroslaw Iljitsch machten sich gegenseitig so etwas wie eine halbe Verbeugung, natürlich ohne sich deshalb von den Stühlen zu erheben, und Jaroslaw Iljitsch suchte das entstandene kleine Mißverständnis mit einem entschuldigenden Lachen zu verwischen, fuhr jedoch sogleich wieder fort:
„Übrigens habe ich mich soeben ausführlich bei ihm erkundigt, und wie er mir erklärte – und ich glaube ihm, da ich ihn als Ehrenmann kenne, aufs Wort! – daß die Krankheit jenes ... jungen Weibes ...“
Hier sah der gewissenhafte Jaroslaw Iljitsch – vermutlich um einen kleinen Zweifel zu beseitigen, der sich wieder auf Murins Gesicht gezeigt hatte, mit fragendem Blick zu ihm auf.
„Nun ja, unserer Hausfrau ...“
Der zartfühlende Jaroslaw Iljitsch begnügte sich sogleich mit der ihm zuteil gewordenen Erklärung und fuhr schnell fort:
„... Ihrer Hausfrau – das heißt, jetzt ist sie es ja nicht mehr, aber sie war es – also Ihrer ... das heißt, pardon, ich weiß nicht ... nun ja! Sehen Sie, sie ist eben krank und dem müssen Sie Rechnung tragen. Sie sagt, sie störe Sie ... in Ihrer Beschäftigung, und auch er ... Sie haben mir nämlich einen wichtigen Zwischenfall verschwiegen, Wassilij Michailowitsch!“
„Welch einen?“
„Ja – das mit der Flinte,“ sagte in der schonendsten Weise flüsternd Jaroslaw Iljitsch, wobei nur ein verschwindender Bruchteil, höchstens ein Milliontel eines Vorwurfs aus dem zart-freundschaftlichen Tonfall seiner Tenorstimme herauszuhören war.