Part 12
„Es war eine Nacht wie heute,“ begann Katherina, „nur viel dunkler und grausiger, und der Wind heulte durch unseren Wald, wie ich es noch nie gehört hatte ... begann schon in jener Nacht mein Verderben? ... Die Eiche vor unseren Fenstern brach. Ich weiß noch, der alte Bettler, der immer zu uns kam – er war schon ein ganz, ganz alter Mann – erzählte, daß er sich dieser Eiche noch aus seiner Kindheit erinnere: damals sei sie schon ebenso groß gewesen, wie dann, als der Sturm sie brach. In derselben Nacht – wie heute entsinne ich mich dessen noch! – wurden Vaters Barken auf dem Fluß von diesem Sturm zertrümmert, und als die Fischer zu uns gelaufen kamen – wir wohnten bei der Fabrik – da fuhr der Vater gleich selbst zum Fluß, obschon er krank war. Wir blieben allein, Mutter und ich. Wir saßen beide im Zimmer, ich schlummerte, Mutter aber war so traurig und weinte still ... und ich wußte, warum sie weinte. Sie war erst vor kurzem vom Krankenbett aufgestanden, war noch ganz blaß und sagte mir immer, ich solle ihr das Totenhemd nähen ... Plötzlich, um Mitternacht, höre ich: jemand klopft draußen an die Pforte. Ich sprang auf, alles Blut strömte mir zum Herzen – die Mutter schrie auf vor Schreck ... Ich sah nicht nach ihr hin, ich fürchtete mich, aber ich nahm die Laterne und ging selbst hinaus, um zu öffnen ... Das war er! Mir wurde bange, denn ich bangte mich immer, wenn er kam, und das schon von Kindheit an, soweit meine Erinnerung zurückreicht, seitdem ich überhaupt denken kann! Damals hatte er noch kein graues Haar: sein Bart war dunkel und sein Blick brannte wie Feuer. Bis dahin hatte er mich noch kein einziges Mal freundlich angesehen. Er fragte: ‚Ist die Mutter zu Hause?‘ Ich schloß die Pforte und sagte, daß der Vater nicht zu Hause sei. Er sagte darauf nur: ‚Ich weiß,‘ und plötzlich sah er mich an, so an ... zum ersten Male sah er so auf mich. Ich wandte mich zum Gehen, er aber stand immer noch. ‚Warum kommst du nicht herein?‘ – ‚Ich überlege,‘ sagte er. Langsam folgte er mir – als wir aber eintraten, fragte er plötzlich leise: ‚Warum sagtest du mir, daß der Vater nicht zu Hause sei, als ich nach deiner Mutter fragte?‘ Ich schwieg ... Die Mutter erstarrte, als sie ihn sah – und wollte dann zu ihm stürzen ... Er aber schenkte ihr kaum einen Blick – ich sah alles. Er war ganz naß und durchfroren – woher er kam und wo er sich aufhielt, das haben Mutter und ich nie gewußt. Damals hatten wir ihn schon ganze neun Wochen nicht gesehen ... Die Mütze warf er nun auf den Tisch, die Fausthandschuhe streifte er ab – neigte sich aber nicht vor den Heiligenbildern, bot keinen Gruß der Hausfrau – sondern setzte sich ans Feuer ...“
Katherina stützte den Kopf in die Hand, als bedrücke und quäle sie etwas, doch schon bald erhob sie ihn wieder und fuhr fort:
„Er fing an, mit der Mutter tatarisch zu sprechen. Ich verstand kein Wort. Früher hatte man mich immer fortgeschickt, wenn er kam; damals aber wagte die Mutter nicht, ihrem eigenen Kinde ein Wort zu sagen. Der Böse kaufte meine Seele, ich aber sah die Mutter an, als wäre ich stolz darauf. Ich merkte, daß sie von mir sprachen. Mutter begann zu weinen. Ich sah, wie seine Hand wieder an seinen Dolch fuhr – in der letzten Zeit hatte ich schon mehrmals seine Hand nach dem Dolch, den er vorn im Gürtel trug, greifen sehen, wenn er mit der Mutter sprach. Ich stand auf und griff nach seinem Gürtel, um ihm den Dolch zu entreißen. Er aber knirschte vor Wut und wollte mich fortstoßen – stieß mich auch vor die Brust, doch ich ließ nicht los. Ich dachte, jetzt sterbe ich auf der Stelle; es wurde mir dunkel vor den Augen und ich brach lautlos zusammen, aber ich schrie nicht auf. Und da sah ich, obschon mir fast die Sinne schwanden, – wie er seinen Gürtel abnahm und den Ärmel an der Hand aufstreifte, mit der er mich gestoßen, und den kaukasischen Dolch aus der Scheide zog und ihn mir reichte: ‚Da, schneide sie ab, die Hand, räche an ihr, was sie dir tat; ich aber, du Stolze, werde mich dafür tief bis zur Erde vor dir verneigen.‘ Ich legte den Dolch beiseite. Mein Herz begann dumpf zu schlagen, aber ich sah nicht nach ihm hin. Ich weiß noch, ich lächelte, sagte aber kein Wort und sah nur der Mutter in die traurigen Augen, und sah sie zornig an, während zugleich ein schlechtes Lächeln auf meinen Lippen blieb. Und die Mutter saß ganz bleich und totenstill ...“
Ordynoff lauschte mit unendlicher Spannung jedem Wort ihrer Erzählung. Doch allmählich legte sich ihre Erregung und ihre Rede wurde ruhiger. Die Erinnerung überwältigte das arme junge Weib und löste ihren Gram in ein Gefühl auf, das weit hinaus über das ganze uferlose Meer ihrer Sinne reichte.
„Er nahm die Mütze, ohne zu grüßen. Und ich nahm wieder die Laterne, um ihn hinauszugeleiten, indem ich der Mutter zuvorkam, die, obwohl sie noch krank war, doch aufstehen und ihm das Geleit geben wollte. Wir kamen zur Pforte, ich öffnete sie ihm, verscheuchte die Hunde, schwieg aber. Er blieb stehen und plötzlich nimmt er die Mütze ab und grüßt mich mit einem Gruß bis zur Erde. Zugleich sehe ich, wie er die Hand in den Mantel schiebt und aus der Brusttasche ein kleines, mit rotem Saffianleder überzogenes Kästchen hervorholt und es öffnet. Ich sehe hin: es sind echte Perlen. Sie sollten für mich sein. ‚Ich habe,‘ sagte er, ‚im Städtchen eine Schöne, der wollte ich zum Gruß diese Perlen bringen, doch nun habe ich sie nicht ihr gebracht: nimm sie, schönes Mädchen, schmücke mit ihnen deine Schönheit oder zertritt sie mit dem Fuß, wie du willst, aber nimm sie.‘ Ich nahm sie, aber zertreten wollte ich sie nicht – das wäre zuviel Ehre gewesen. So nahm ich sie tückisch und sagte kein Wort. Ich kehrte zurück in das Zimmer und legte sie vor der Mutter auf den Tisch – dazu hatte ich sie genommen! Sie schwieg lange Zeit und war wie ein Handtuch so bleich, und, es war, als hatte sie Furcht, mit mir zu sprechen. ‚Was bedeutet das, Katjä?‘ fragte sie endlich. Ich aber sagte: ‚Dir, Mutter, hat es der Kaufmann gebracht, mehr weiß ich davon nicht.‘ Und ich sah, wie ihr die Tränen über die Wangen herabrollten und wie das Atmen ihr schwer wurde. ‚Nicht mir, böses Töchterchen, nicht mir!‘ Ich weiß noch, so weh sprach sie die Worte, so weh, als sei ihre ganze Seele voll Tränen. Und ich sah auf – ich wollte mich zu ihren Füßen niederwerfen, aber statt dessen sagte ich, was mir der böse Geist plötzlich eingab: ‚Nun, wenn nicht dir, dann wohl dem Vater. Wenn er zurückkehrt, werde ich sie ihm geben und ihm sagen, daß Kaufleute hier waren und ihre Ware vergessen haben ...‘ Da brach sie in Tränen aus und weinte bitterlich ... ‚Das werde ich selbst tun, werde dem Vater sagen, was für Kaufleute hier waren und nach was für einer Ware sie fragten ... Ich werde es ihm schon sagen, wessen Tochter du bist, du Gottlose! Du bist nicht mehr meine Tochter, du bist eine arglistige Schlange! Als mein Kind verfluche ich dich!‘ Ich schwieg und keine Träne trat mir ins Auge ... Ach! es war alles wie erstorben in mir ... Ich ging hinauf in mein Mädchenzimmer und die ganze Nacht horchte ich auf den Sturm und zusammen mit dem Sturm, das fühlte ich, immer lauschend, entstanden in mir meine Gedanken.
„Fünf Tage vergingen. Dann kehrte gegen Abend der Vater heim, düster und böse, denn unterwegs hatte ihn die Krankheit noch mehr mitgenommen. Ich sah, den einen Arm trug er in der Binde – da erriet ich, daß der Feind seinen Weg gekreuzt hatte. Und der Feind hatte ihn krank gemacht. Und ich wußte auch, wer sein Feind war: Ich wußte alles! ... Mit der Mutter sprach er kein Wort, nach mir fragte er nicht, die Leute ließ er alle zusammenrufen und befahl, die Fabrik stillstehen zu lassen und das Haus vor Fremden zu hüten. Da ahnte mein Herz, daß in unserem Hause etwas nicht gut war. So wachten wir denn. Die Nacht verging langsam, wieder stürmte es draußen im Dunkeln und meine Seele wurde von Erregung geschüttelt. Ich öffnete das Fenster – mein Gesicht glühte, meine Augen weinten und mein Herz konnte keine Ruhe finden. Wie Feuer brannte es in mir! So – hinaus hätte ich mögen, hinaus aus dem drückenden Zimmer, und weit weg, bis ans Ende der Welt, wo die Blitze und Stürme entstehen, wo das Unwetter geboren wird! Meine Mädchenbrust bebte und zitterte ... plötzlich, es war schon spät – ich erwachte wie aus leichtem Schlummer ... oder hatte sich ein Nebel auf meine Seele gesenkt und mich verwirrt? – plötzlich höre ich, wie ans Fenster gepocht wird: ‚Mach auf!‘ – und ich sehe, ein Mensch ist an einem Strick heraufgeklettert. Ich ahnte sogleich, wer der späte Gast war, öffnete das Fenster und ließ ihn in mein einsames Zimmer. Das war _er_! Die Mütze nahm er nicht ab, setzte sich auf die Truhe, und sein Atem ging keuchend, als sei eine Meute von Verfolgern hinter ihm her gewesen. Ich stand und wußte, daß ich bleich war. ‚Ist der Vater zu Hause?‘ fragte er. – ‚Ja.‘ – ‚Und die Mutter auch?‘ – ‚Auch die Mutter,‘ sagte ich. ‚Dann sei jetzt ein Weilchen still ... Hörst du nichts?‘ – ‚Ich höre.‘ – ‚Was?‘ – ‚Ein Pfeifen unter dem Fenster!‘ – ‚Nun, willst du jetzt, schönes Mädchen, den Feind um seinen Kopf bringen? Willst du den Vater rufen und mich dem Verderben preisgeben? Deinem Mädchenwillen füge ich mich: was du willst, das geschehe! Hier hast du einen Strick, binde mich, wenn dein Herz dir befiehlt, für deine Mädchenehre einzustehen.‘ – Ich schwieg. – ‚Nun? Sprich doch, meine Schöne!‘ – ‚Was willst du?‘ fragte ich. – ‚Was ich will? Von meiner alten Liebe Abschied nehmen und einer neuen, einer jungen Liebe – dir, mein schönes Mädchen, meine Seele verpfänden ...‘ Ich lachte auf. Ich weiß selbst nicht, wie seine freche Rede mein Herz berühren konnte. ‚So laß mich jetzt, schönes Mädchen, nach unten gehen, mein Herz prüfen und dem Vater und der Mutter meinen Gruß entbieten,‘ sagte er und stand auf. Ich zitterte so, daß mir die Zähne aufeinanderschlugen, und ich mein Herz wie glühendes Eisen in der Brust fühlte. Und ich ging, öffnete ihm die Tür. Doch wie er schon über die Schwelle trat, nahm ich alle meine Kraft zusammen und stieß noch hervor: ‚Da hast du dein Geschmeide, und wage es nicht wieder, mir Geschenke zu bringen!‘ – und ich warf ihm das rote Kästchen mit den Perlen nach.“
Katherina hielt inne, um Atem zu schöpfen. Sie wechselte, wie schon oft während ihrer Erzählung, wieder die Farbe: ihre blauen Augen waren dunkel und glänzten seltsam. Plötzlich aber erblaßte sie von neuem und ihre Stimme senkte sich und bebte wie in verhaltener Trauer.
„Ich blieb allein,“ fuhr sie fort, „und es war mir, als habe mich ein Wirbelsturm erfaßt. Plötzlich höre ich rufen, schreien, höre wie über den Hof die Leute laufen, höre: ‚Die Fabrik brennt!‘ Ich rührte mich nicht, ich hörte nur, wie alle aus dem Hause liefen; ich selbst blieb allein mit der Mutter. Ich wußte, daß sie mit dem Tode rang, seit drei Tagen lag sie schon im Sterben, ich, ihre verfluchte Tochter, ich wußte es! ... Plötzlich tönte ein Schrei unter meinem Zimmer, nur ein ganz schwacher, leiser Schrei, der so klang, wie ein Kind aufschreit, wenn es im Traum erschrickt, und dann war wieder alles still ... Ich löschte das Licht aus – es überlief mich kalt in der Dunkelheit, ich bedeckte das Gesicht mit den Händen, ich fürchtete mich, mich umzusehen. Dann drang plötzlich wieder Stimmengewirr zu mir, lauter und lauter – von der Fabrik her kamen Menschen gelaufen. Ich beugte mich weit zum Fenster hinaus – und ich sah: da brachten sie den Vater, tot, und ich hörte noch, wie man sagte: ‚Von der Treppe fiel er, von der Treppe ... gerade in den siedenden Kessel – der Teufel muß ihn hinuntergestoßen haben!‘ Ich sank auf mein Bett; kein Glied rührte sich, aber ich wartete, doch wußte ich selbst nicht, auf was und auf wen ich wartete. Furchtbar war diese Stunde. Ich weiß nicht, wie lange ich so saß. Ich weiß nur, daß ich schließlich ein Gefühl hatte, als drehe sich alles rund um mich. Im Kopf empfand ich einen dumpfen Druck und der Rauch biß mir in die Augen. Und es freute mich, daß mir das Ende nahte. Da berührte plötzlich jemand meine Schultern und hob mich auf. Ich schlug die Augen auf und sah, so gut ich sehen konnte: _er_ war es – und ganz versengt waren seine Kleider und heiß, ich glaube, sie schwelten noch und rochen nach Rauch.
„‚Ich bin gekommen, um dich zu holen, schönes Mädchen,‘ sagte er. ‚Führe du mich aus dem Verderben, wie du mich ins Verderben hineingeführt hast. Meine Seele habe ich heut für dich geopfert. Allein aber kann ich für die Sünde dieser verwünschten Nacht nicht Vergebung erflehen – es sei denn, daß wir zwei gemeinsam beten und bitten!‘ Und er lachte dann, der Böse! ‚Nun weise den Weg,‘ sagte er, ‚wie man von hier fortkommt, ohne gesehen zu werden!‘ Ich nahm ihn bei der Hand und führte ihn. Wir stiegen die Treppe hinunter, gingen leise durch den Korridor, ich schloß die Tür der Vorratskammer auf – die Schlüssel trug ich bei mir – und wies auf das Fenster. Dort lag der Garten. Da ergriff er mich, hob mich auf seinen starken Arm und schwang sich mit mir aus dem Fenster. Hand in Hand liefen wir weiter, lange liefen wir. Dann stand endlich der dichte dunkle Wald vor uns. Er blieb stehen und horchte. ‚Sie verfolgen uns, Katjä! Die Verfolger sind uns auf den Fersen, schönes Mädchen, aber nicht in dieser Stunde ist es uns bestimmt, unser Leben zu lassen! Küsse mich, schönes Mädchen, verheiße mir Liebe und ewiges Glück!‘ – ‚Wovon sind deine Hände blutig?‘ fragte ich. – ‚Sind meine Hände blutig, mein Lieb? Ich habe eure Hunde gemetzelt. Sie bellten zu laut für den späten Gast. Komm!‘ Und wir liefen weiter. Da sahen wir auf dem Waldweg meines Vaters Reitpferd, das hatte die Zügel zerrissen und war aus dem Stall gelaufen: es hatte nicht mit verbrennen wollen! ‚Das schickt uns Gottes Hilfe!‘ sagte er, ‚ich hebe dich, Katjä, aufs Pferd!‘ Ich schwieg. ‚Oder willst du nicht? Ich bin doch kein Unchrist, kein böser Geist, da sieh, ich bekreuzige mich, wenn du willst,‘ und er schlug auch wirklich das Kreuz. Dann schwang er sich aufs Pferd, hob mich zu sich hinauf und ich drückte mich an ihn und vergaß an seiner Brust alles um mich her, und es war ganz so, als hielte mich nur ein Traum umfangen. Als ich aber aus diesem Traum erwachte, da sah ich, daß wir an einem breiten, breiten Fluß waren. Er stieg ab, hob mich vom Pferde und ging zum Schilf: dort hatte er seinen Nachen versteckt. Zum Abschied klopfte er dem Tier noch den Hals: ‚Nun leb wohl, alter Freund!‘ sagte er, ‚geh, such dir einen neuen Herrn, die alten haben dich alle verlassen.‘ Das ging mir so nah! Ich schlang meine Arme um den Hals des Tieres und preßte das Gesicht an sein glattes Fell und küßte es. Dann stiegen wir in den Nachen, er nahm die Ruder und bald lag das Ufer weit hinter uns. Und sobald das Ufer nicht mehr zu sehen war, zog er die Ruder ein und schaute sich rings um auf dem Wasser. Und während er noch so schaute, murmelte er:
„‚Grüße dich, Mütterchen, du freier Strom, bist manches Gottesmenschen Ernährerin und mir meine Beschützerin! Hast du mein Gut auch bewahrt, meine Waren sanft getragen?‘ Ich schwieg und hatte den Blick gesenkt, denn mein Antlitz brannte vor Scham. ‚Hättest du doch lieber alles genommen, du stürmische, unersättliche,‘ murmelte er weiter, ‚und würdest mir nun dafür versprechen, meine schönste, vielkostbare Perle zu hüten und zu wiegen! Sag mir doch nur ein Wort, Mädchen, was bist du so stumm? – strahle Wärme, sei Sonne und verscheuche das Dunkel der Nacht!‘ Und er sagte es und lachte selbst dazu! Sein Herz brannte nach mir, ich fühlte es, aber doch wollte ich, in meiner Scham, das nicht dulden. Ich wollte etwas sagen, aber ich wußte nicht, wie ich es sagen sollte, und so sagte ich nichts. ‚Nun, wohlan, wie du willst!‘ sagte dafür er zu meinem scheuen Schweigen, sagte es wie mit Trauer, und war sehr niedergeschlagen. ‚Mit Gewalt läßt sich Liebe doch nicht erzwingen. Gott mit dir, du Hochmütige! Da sieht man, daß dein Haß gegen mich groß ist! Bin ich deinen blauen Augen so wenig liebwert erschienen, meine Taube?‘ Ich hörte es und Haß kam über mich, Haß aus Liebe; doch bezwang ich mein Herz und sagte: ‚Liebwert oder nicht liebwert, wie kann ich das wissen, wohl aber eine andere Törichte, Schamlose, die ihr reines Mädchenstübchen in dunkler Nacht entweiht, die ihre Seele für eine Todsünde verkauft und die ihr unkluges Herz nicht bezwungen hat. Das wissen vielleicht nur meine heißen Tränen und das sollte auch der noch wissen, der wie ein Verbrecher auf das Leid, das er verursacht, obendrein stolz ist und über ein Mädchenherz sich lustig macht!‘ Ich sagte es, vermochte dann aber nicht länger an mich zu halten und brach in Tränen aus ... Er schwieg, und sah mich nur an, daß ich wie ein Blatt erzitterte. ‚So höre denn, Mädchen,‘ sagte er dann, und seine Augen brannten auf mir, ‚es sind keine leeren Worte, die ich dir sage, sondern es ist ein großes Wort, das ich dir jetzt gebe: solange du mir Glück schenken wirst, so lange werde ich dir ein milder Herr sein, wenn du mich aber einmal nicht mehr liebhast, – so mache keine unnützen Worte, sage nichts, bemühe dich nicht: nur ein Zucken deiner Zobelbrauen, ein Blick aus deinem dunklen Auge, eine Bewegung deines kleinen Fingers laß genug sein und ich gebe deine Liebe frei und schenke dir deine goldene Freiheit zurück. Nur wird das zu derselben Stunde, du wunderbar Stolze, mein Leben enden und mir den Tod bringen.‘ Da lächelten alle meine Sinne zu seinen Worten ...“
In tiefer Erregung hielt Katherina in ihrer Erzählung inne. Sie holte schwer Atem, lächelte sinnend vor sich hin und wollte fortfahren, doch da begegneten ihre glänzenden Augen Ordynoffs fieberglühendem Blick, der wie gebannt an ihrem Antlitz hing. Sie zuckte zusammen, wollte etwas sagen, aber nur das Blut stieg ihr wieder ins Gesicht ... Und nun – wie fassungslos hob sie die Hände, umklammerte ihren Kopf und warf sich mit dem Gesicht auf das Kissen. – Alles erbebte in Ordynoff! Ein qualvolles Gefühl, eine Erregung, über die er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte und die unerträglich war, ergoß sich wie ein Gift durch alle seine Adern und wuchs, und wuchs: ein wilder und doch gefesselter Trieb, eine gierig verlangende, nicht zu ertragende Leidenschaft verschlang sein ganzes Denken und tobte durch alle seine Gefühle. Gleichzeitig aber begann eine unendliche, uferlose Trauer immer lastender sein Herz zu bedrücken. Mehr als einmal hatte er, während Katherina erzählte, aufschreien und ihr zurufen wollen, daß sie doch schweigen solle. Er wollte sich ihr schon zu Füßen werfen und sie unter Tränen anflehen, ihm seine früheren Liebesqualen, sein erstes, ihm selbst noch unverständliches reines Verlangen wiederzugeben, und er sehnte sich förmlich zurück nach den Tränen, die nun schon lange versiegt waren. Sein Herz verging vor Sehnsucht und es war ihm, als sei es blutüberströmt und schließe alle Tränen in sich ein, die seine Seele nicht mehr erlösen wollten. Er begriff kaum, was Katherina ihm erzählte, und das Gefühl, das das arme junge Weib in ihm erregte, machte seine Liebe irre und scheu. In diesem Augenblick verfluchte er seine Leidenschaft: sie drohte, ihn zu ersticken, sie marterte ihn und es war ihm, als fließe nicht Blut, sondern siedendes Blei durch seine Glieder.
„Ach, nicht das ist mein Elend, was ich dir bis jetzt erzählt habe!“ sagte Katherina, sich wie nach einem plötzlichen Entschluß aufrichtend, „nicht das, nicht das!“ stieß sie mit einer Stimme hervor, in der ein neues, sie überwältigendes Gefühl zitterte und in der die ganze Qual ihrer Seele lag, die sich zu zerreißen schien. „Mein Leid und mein Jammer ist etwas ganz anderes! Was ist mir die Mutter, wenn ich auch auf der ganzen Welt keine zweite leibliche Mutter mehr finden kann! Was liegt mir daran, daß sie mich in einer bitteren Stunde verflucht hat! Was liegt mir an meinem früheren sonnigen Leben, an meinem warmen Stübchen und meiner Mädchenfreiheit! und was liegt daran, daß ich mich dem Bösen verkauft und meine Seele dem Verderben hingegeben habe, daß ich für das kurze Glück ewige Schuld trage! Ach, nein, das ist es nicht, obschon darin mein Verderben liegt! Aber bitter ist mir dies und es zerreißt mein Herz, daß ich seine Sklavin geworden bin, daß meine Entehrung und Schande mir Schamlosen lieb sind, daß das gierige Herz sich daran freut, seiner Schmach zu gedenken, als wäre sie eine Lust und ein Glück – das, nur das ist mein Elend, daß keine Kraft zur Empörung in ihm ist und kein Zorn über die ihm angetane Schmach! ...“
Der Herzschlag stockte in der Brust des armen Weibes und ein krampfhaftes Aufschluchzen erstickte ihre Worte. Ihr Atem strich heiß über ihre brennenden Lippen, ihre Brust hob und senkte sich und ihre Augen blitzten in wildem Zorn. Ihr ganzes Gesicht war dabei in diesem Augenblick so bezaubernd, es sprach solch eine Flut von Gefühl und Leidenschaft aus ihm und jeder Zug, jede Linie ihres Antlitzes bebte in einer so berauschenden Schönheit, daß alles feindliche Empfinden, das in Ordynoffs Brust aufstieg, sofort wieder verschwand. Sein Herz drängte zu ihr hin, wollte sich an ihr zitterndes Herz drücken und voll Leidenschaft in sinnlosem Rausch gemeinsam mit ihr in den Wellen desselben Sturmes untertauchen, in demselben Ausbruch unbeschreiblicher Raserei, gemeinsam mit ihr vergehen und, wenn es sein mußte, mit ihr sterben. Katherina begegnete dem flimmernden Blick Ordynoffs und lächelte, daß eine doppelte Flammenglut sein Herz durchloderte. Er wußte nicht mehr, was mit ihm geschah.
„Hab Erbarmen mit mir, hab Gnade!“ flüsterte er ihr mit verhaltener Stimme zu und beugte sich zu ihr nieder, so nah, so nah, daß sein Atem mit dem ihren zusammenströmte, während er ihr zugleich in die Augen sah. „Du richtest mich zugrunde! Ich weiß von deinem Leid nichts, meine Seele ist verwirrt ... Was geht es mich an, worüber dein Herz weint! Sage, was du verlangst ... ich werde es tun. So komm, laß, töte mich nicht, bring mich nicht um! ...“
Regungslos sah ihn Katherina an. Die Tränen waren versiegt auf ihren heißen Wangen. Sie wollte ihn unterbrechen, wollte seine Hand erfassen, wollte selbst etwas sagen und fand doch kein Wort. Ein seltsames Lächeln erschien langsam auf ihren Lippen, ja fast war es, als wolle ein Lachen hervorbrechen ...