Part 11
„Ja, – oder nein: seine Frau, glaube ich. Ich weiß nur, daß es irgendein Frauenzimmer ist. Hab’ sie nur flüchtig vom Rücken gesehen und nicht weiter beachtet.“
„Hm! Sonderbar ...“
Der junge Mann verfiel in Nachdenken. Jaroslaw Iljitsch dagegen in angenehme Beschaulichkeit. Das Wiedersehen mit Ordynoff hatte ihn erfreut und fast gerührt, überdies war er sehr mit sich selbst zufrieden, da er eine so anregende Geschichte hatte erzählen können. Er saß, betrachtete Ordynoff und rauchte dazu. Plötzlich sprang er erschrocken auf.
„Mein Gott, da ist schon eine ganze Stunde vergangen und ich denke nicht mal daran! Bester, teuerster Wassilij Michailowitsch, ich danke dem Schicksal, daß es uns zusammengeführt hat, aber jetzt – jetzt muß ich eilen! Ist es erlaubt, Sie einmal in Ihrem Gelehrtenheim aufzusuchen?“
„Warum nicht, bitte, es wird mich sehr freuen. Vielleicht spreche ich auch einmal bei Ihnen vor, wenn ich Zeit finde ... ich weiß noch nicht ...“
„Was Sie sagen? – Wollen Sie wirklich? Damit würden Sie mich unendlich erfreuen! Sie glauben nicht, wie sehr es mich ehren würde!“
Sie verließen das Gasthaus. Als sie auf die Straße hinaustraten, stürzte ihnen Ssergejeff entgegen und meldete, daß William Jemeljanowitsch sogleich vorüberfahren werde – und sie erblickten auch tatsächlich ein Paar hellgelber Pferde und ein elegantes Wägelchen im Hintergrunde der Straße. Jaroslaw Iljitsch drückte die Hand seines „besten“ Freundes, ganz als gelte es, sie zu zerdrücken, griff an den Hut und eilte dem Gefährt des Würdenträgers entgegen, wobei er sich unterwegs noch zweimal nach Ordynoff umsah und ihm zum Abschied wiederholt zunickte.
Ordynoff empfand eine solche Müdigkeit in allen Gliedern, daß er kaum die Füße zu bewegen vermochte. Mit Mühe schleppte er sich nach Hause. An der Pforte traf er wieder den Hausknecht, der aus der Ferne aufmerksam seinen Abschied von Jaroslaw Iljitsch beobachtet hatte und nun sehr zuvorkommend tat. Doch Ordynoff ging ohne ein Wort an ihm vorüber. In der Tür stieß er mit einer kleinen grauen Gestalt zusammen, die gesenkten Blickes gerade aus Murins Wohnung trat.
„Herrgott, vergib mir meine Sünden!“ flüsterte das Kerlchen, indem es entsetzt zur Seite sprang.
„Verzeihen Sie, habe ich Sie verletzt?“
„N–nein, danke untertänigst für die Aufmerksamkeit ... O Herrgott, Herrgott!“
Und das kleine Männlein stieg murmelnd, sich räuspernd und fromme Sprüche flüsternd, mit äußerster Vorsicht die Treppe hinunter. Es war das der Hauswirt: derselbe, dem gegenüber der Tatar sich so überaus dienstfertig gezeigt hatte. Und jetzt erinnerte sich Ordynoff, daß er dieses gebrechliche Männlein bei Murin bereits an dem Tage gesehen hatte, als er einzog.
Er fühlte, daß die letzten Erlebnisse seine Nerven erschüttert und überreizt hatten; wußte auch, daß seine Phantasie und Empfindsamkeit aufs äußerste erregt waren, und er nahm sich daher vor, sich vor allem selbst nicht zu trauen. Allmählich verfiel er wieder in einen Zustand völliger Regungslosigkeit, der ihn wie ein Gefühl bleierner Schwere gefangen hielt und seine Brust wie mit einer Zentnerlast bedrückte, unter der sich sein Herz in dumpfer Sehnsucht quälte. Seine ganze Seele war voll von lautlosen, unversiegbaren Tränen ...
Er sank wieder auf das Bett, das sie für ihn zurechtgemacht hatte, und begann von neuem zu lauschen. Deutlich unterschied er das Atmen zweier Menschen im Nebenzimmer, das eine war schwer, krankhaft, ungleichmäßig, das andere sanft, oft gar nicht vernehmbar, auch unregelmäßig, doch wie von innerer Erregung beherrscht: als schlage dort ein Herz in dem gleichen Verlangen, in der gleichen Leidenschaft. Hin und wieder hörte er ihre leisen, weichen Schritte und das Geräusch ihrer Kleider, und jede Bewegung ihrer Füße erweckte in seiner Brust einen dumpfen, qualvollen und doch süßen Schmerz. Endlich schien es ihm, als höre er ein leises Schluchzen und dann ein inbrünstiges Gebet. Da wußte er, daß sie vor dem Heiligenbilde auf den Knien lag und in Verzweiflung die Hände rang ... Wer war sie? Für wen betete sie? Welch eine verzweiflungsvolle Leidenschaft marterte ihr Herz? Weshalb quälte es sich und grämte es sich und ergoß es sich in so heißen und hoffnungslosen Tränen?
Er begann, alles, was sie zu ihm gesprochen, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, jedes Wort, das noch wie Musik in seinen Ohren klang, und auf jede Erinnerung, auf jeden Ausdruck, den er in Gedanken andächtig wiederholte, antwortete sein Herz mit einem dumpfen schweren Schlage ... Einen Augenblick schien es ihm, als sehe er das alles nur im Traum. Doch in demselben Augenblick erbebte auch schon sein ganzes Wesen bis ins Mark, daß er zu vergehen glaubte vor Schmerz und Sehnsucht, als er in der Erinnerung nun wieder ihren heißen Atem, ihre weiche Wange und ihren glühenden Kuß zu spüren meinte. Er schloß die Augen und verlor sich in seligen Gefühlen. Irgendwo schlug eine Uhr. Es wurde spät. Die Dämmerung sank.
Plötzlich war ihm, als neige sie sich wieder über ihn und sehe ihn an mit ihren wundersamen, klaren Augen, die feucht schimmerten von glänzenden Tränen und einem hellen Glück, so still und rein, wie der hohe unendliche Himmel an einem heißen Sommertage. Und aus ihrem Antlitz sprach eine so feierliche Stille und ihr Lächeln war eine solche Verheißung von unendlicher Seligkeit, war so voll Mitleid und Barmherzigkeit, und so voll kindlicher, vertrauensseliger Hingebung schmiegte sie sich an seine Schulter, daß ein Stöhnen sich seiner entkräfteten Brust entrang vor lauter Glück. Es war, als wolle sie ihm etwas sagen, etwas ihm anvertrauen. Wieder glaubte er, den Klang einer Stimme zu vernehmen, der sein Herz durchbohrte. Gierig atmete er die Luft ein, die ihr naher Atem erwärmte und gleichsam mit einer elektrischen Spannung für ihn erfüllte. In Sehnsucht streckte er die Arme aus, schöpfte tief Atem und schlug die Augen auf ... Sie stand vor ihm, über ihn gebeugt, bleich wie nach einem großen Schreck, am ganzen Körper vor Aufregung zitternd. Sie sprach etwas zu ihm, sie flehte und rang die Hände. Er umschlang sie mit seinen Armen, sie sank zitternd an seine Brust ...
IV.
„Was hast du? Was ist dir geschehen?“ fragte Ordynoff, plötzlich erwacht, sie immer noch in starker und heißer Umarmung an sich pressend. „Was fehlt dir, Katherina? Was ist dir zugestoßen, mein Lieb?“
Sie weinte leise und verbarg ihr glühendes Gesicht an seiner Brust. Lange Zeit vermochte sie nichts zu sprechen. Ihr ganzer Körper zitterte, wie nach einem großen Schreck.
„Ich weiß nicht, ich weiß es nicht,“ brachte sie endlich kaum vernehmbar hervor, als stehe ihr das Herz still vor Angst, „ich weiß auch nicht, wie ich zu dir gekommen bin ...“ Und sie schmiegte sich noch fester an ihn, und in einem unbezwingbaren, krankhaften Gefühl küßte sie seine Schulter, seinen Arm, seine Brust. Endlich, wie in Verzweiflung, preßte sie die Hände vor das Gesicht und sank in die Kniee. Als aber Ordynoff sie in einem unsagbaren Gefühl von Beklemmung emporhob und sie neben sich niedersetzen ließ, da errötete sie heiß vor Scham und ihre Augen baten wie um Gnade, und das Lächeln, das sie auf ihre Lippen zwang, verriet, daß sie kaum zu versuchen wagte, die unbezwingbare Macht der neuen Empfindung zu brechen, denn der Versuch wäre ja doch fruchtlos gewesen. Plötzlich schien wieder etwas sie zu erschrecken: mißtrauisch schob sie ihn mit der Hand zurück, sah ihn kaum mehr an und antwortete gesenkten Blickes nur angstvoll und leise auf seine sich überstürzenden Fragen. –
„Hat dich vielleicht ein böser Traum geängstigt? Oder ist dir sonst etwas Böses zugestoßen? Sag doch! Oder hat er dich erschreckt? ... Er fiebert und phantasiert ... Vielleicht hat er im Fieber etwas gesprochen, was du nicht hättest hören sollen? ... Du hast etwas Furchtbares gehört? Ja? Oder war es nur ein Traum?“
„Nein ... ich schlief ja gar nicht,“ antwortete Katherina, mit Mühe ihre Aufregung niederringend. „Ich fand keinen Schlaf. Er aber schwieg, nur einmal rief er mich. Ich trat an sein Bett, sprach zu ihm, rief ihn – ich ängstigte mich so! – aber er hörte mich nicht und wachte nicht auf. Er ist sehr schwer krank, möge der liebe Gott ihm helfen! Da senkte sich wieder der Gram in mein Herz, bitterer Gram, und ich betete, betete! Und da, sieh, da kam das über mich ...“
„Beruhige dich, Katherina, sei ruhig, mein Lieb, sei ruhig! Wir haben dich gestern erschreckt ...“
„Nein, ich erschrak ja gar nicht!“ ...
„Was ist es denn? Ist dir denn das auch früher schon geschehen?“
„Ja, auch früher schon!“ Und sie erbebte und schmiegte sich wieder wie ein geängstigtes Kind an ihn. „Sieh, ich bin doch nicht umsonst zu dir gekommen,“ sagte sie, ihr Weinen unterbrechend, und dankbar drückte sie ihm die Hände, „und nicht umsonst wurde es mir so schwer, allein zu sein! Also nicht mehr weinen, weine auch du nicht, wozu solltest du um fremdes Leid Tränen vergießen! Spare sie für trübe Tage, wenn es dir in der Einsamkeit schwer wird und du keinen Menschen bei dir hast! ... Höre, hattest du eine Geliebte?“
„Nein ... vor dir – keine ...“
„Vor mir? ... Du nennst mich deine Geliebte?“
Sie sah ihn plötzlich mit Verwunderung an, wollte etwas sagen, schwieg aber und senkte den Blick. Leise stieg ihr die Röte ins Gesicht, das plötzlich wie in Flammenglut getaucht stand. Leuchtender, durch die vergossenen Tränen glänzten ihre Augen und eine Frage schien auf ihren Lippen zu schweben. Mit verschämter Schelmerei blickte sie ein-, zweimal zu ihm auf, dann senkte sie plötzlich wieder den Kopf.
„Nein, ich kann nicht deine erste Liebe sein,“ sagte sie, und „nein, nein,“ wiederholte sie nachdenklich mit leisem Kopfschütteln, und allmählich erschien wieder ein stilles Lächeln auf ihren Lippen, „nein, mein Lieber,“ fuhr sie fort, „ich werde nicht deine Geliebte sein!“
Und sie sah ihn an, aber da sprach plötzlich so viel Weh aus ihrem Gesicht, eine so hoffnungslose Trauer, und so überraschend brach aus ihrem Innersten Verzweiflung hervor, daß Ordynoff ein unbegreifliches krankhaftes Gefühl des Mitleids mit ihrem ihm unbekannten Leid erfaßte: und er sah sie an, wie einer, dessen Mitleid ihm selbst zur noch größeren Qual wird.
„Höre, was ich dir sagen werde,“ sagte sie mit einer Stimme, die ihm ins Herz schnitt, und sie nahm seine Hände und drückte sie, wie um aufsteigende Tränen zu ersticken. „Höre mich an, Lieber, und vergiß es nicht, was ich dir sage: bezähme du dein Herz und liebe mich nicht so, wie du mich jetzt liebst. Es wird dir dann leichter sein, du wirst dich vor einem argen Feinde bewahren und eine liebe Schwester gewinnen. Ich werde zu dir kommen, wenn du willst, werde dich liebkosen und es mir doch nicht zur Schande werden lassen, daß ich dich kennen gelernt habe. War ich doch auch Tag und Nacht bei dir, als du das böse Fieber hattest! Nimm mich als Schwester! Wir sind doch nicht umsonst einander gut und nicht umsonst hab’ ich unter Tränen für dich zur Gottesmutter gebetet! Eine andere wirst du nicht finden. Suche auf dem ganzen Erdenrund, durchsuche den Himmel – nein, glaube mir, du wirst keine zweite finden, die dir eine solche Geliebte sein wird, wie ich, wenn es Liebe ist, um was dein Herz bittet. Oh, glühend werde ich dich lieben, werde dich ewig so lieben wie jetzt, und werde dich deshalb lieben, weil deine Seele so rein ist, so hell, so ... so durchsichtig! – ich werde dich lieben, weil ich, als ich dich zum ersten Male sah, sogleich fühlte, daß du meines Hauses Gast bist, ein erwünschter, ein ersehnter Gast, und uns nicht ohne Grund um Aufnahme batest. Ich werde dich lieben, weil deine Augen lieben, wenn du einen ansiehst, und von deinem Herzen künden. Und wenn sie etwas sagen, dann weiß ich gleich alles, was in dir ist, und dafür möchte man dann das Leben hingeben, um dieser deiner Liebe willen, möchte alle Freiheit dem eigenen Willen nehmen, denn es ist süß, desjenigen Sklavin zu sein, dessen Herz man gefunden hat ... Aber _mein_ Leben, das gehört ja nicht mir, das ist schon fremdes Eigentum, und der Wille ist gebunden! Doch die Schwester nimm und sei mir ein Bruder und hilf mir mit deinem Herzen, wenn wieder das Schlimme mich anficht. Nur sorge du selbst, daß ich mich nicht zu schämen brauche, zu dir zu kommen und die lange Nacht wie jetzt bei dir zu bleiben. Hörst du mich? Hat auch dein Herz es gehört? Hast du auch alles verstanden, was ich dir sagte? ...“ Sie wollte noch etwas hinzufügen, sah zu ihm auf und legte die Hand auf seine Schulter, doch da war es, als verließe sie alle Kraft, aufschluchzend sank sie an seine Brust und in einem Weinkrampf tobte ihre Leidenschaft sich aus. Ihre Brust wogte, ihr Gesicht brannte wie in Glut.
„Mein Leben!“ stammelte Ordynoff, dem die Erregung die Augen umflorte und den Atem benahm. „Meine Wonne ... du!“ flüsterte er, ohne zu wissen, was er sagte, ohne die Worte, ohne sich selbst zu begreifen, zitternd vor Furcht, mit einem Hauch den ganzen Zauber zu zerstören, den ganzen Sinnenrausch, und damit alles, was mit ihm geschah und um ihn war und was er eher für Unwirklichkeit als für Wirklichkeit hielt: so entrückt fühlte er sich! „Ich weiß nicht, ich verstehe dich nicht, ich habe vergessen, was du mir sagtest, alle Vernunft ist in mir erloschen – nur das Herz fühle ich ... meine Königin du!“ ...
Seine Stimme versagte vor Aufregung. Sie schmiegte sich immer fester, immer wärmer, glühender an ihn. Da erhob er sich taumelnd und, unfähig, sich noch länger zu bezwingen, wie entkräftet vor Seligkeit, sank er in die Knie vor ihr. Eine Erschütterung wie ein Schluchzen brach endlich schmerzhaft aus seiner Brust hervor und durchrieselte seinen ganzen Körper – und von der Fülle der noch nie empfundenen Verzückung bebte seine Stimme, die tief aus seinem Innersten hervordrang, wie der Ton einer Saite, die man in Schwingung gebracht.
„Wer bist du, wer warst du? Woher kommst du? Aus welchem Himmel bist du zu mir herabgestiegen? Es ist ja alles wie ein Traum, ich kann noch nicht glauben, daß du wirklich bist! Schilt mich nicht ... laß mich sprechen, laß mich alles dir sagen, alles! ... Ich habe schon lange einmal sprechen wollen ... wer bist du, meine Freude, sag? Wie hast du mein Herz gefunden? Erzähle mir, bist du schon lange meine Schwester? ... Wo warst du bisher, erzähl mir von dir, – erzähl mir, wo hast du früher gelebt, was hast du dort geliebt? Erzähle mir alles, ich will alles von dir wissen! Wo ist deine Heimat? Ist der Himmel dort wie bei uns? Wer war dir dort nahe, wer hat dich vor mir geliebt? Zu wem hat dich zuerst dein Herz gedrängt? ... Hast du deine Mutter gekannt und hat sie dich als Kind geliebkost und gepflegt oder bist du wie ich unter Fremden aufgewachsen? Sage mir, bist du immer so gewesen? Erzähl mir von deinen Träumen und Wünschen und was von ihnen in Erfüllung gegangen ist und was nicht – erzähle mir alles! ... Wer war der erste, den dein Mädchenherz liebgewann und wofür hast du es ihm hingegeben? Sage mir, was soll _ich_ dafür geben, was muß _ich_ dir geben ... für – dich?! ... Sag mir, mein Lieb, meine Sonne, mein Schwesterchen, sag mir, womit kann ich mir dein Herz verdienen?“
Seine Stimme versagte und er preßte den Kopf in ihren Schoß. Als er aber aufblickte, überlief es ihn vor Schreck: Katherina saß totenblaß und regungslos auf dem Bett, ihre Augen starrten mit leerem Blick über ihn hinweg in die Luft, nur ihre Lippen zitterten in stummem, unsagbarem Schmerz. Langsam erhob sie sich, wankte zwei Schritte vom Bett und fiel vor dem alten Heiligenbilde nieder ... sinnlose, unverständliche Worte entrangen sich stoßweise ihrer Brust. Sie schien ohnmächtig zu werden. Ordynoff hob sie auf, trug sie auf sein Bett und stand in atemloser Angst über sie gebeugt. Nach einer Weile schlug sie die Augen auf, bewegte sich, wie um sich auf den Ellbogen zu stützen, sah sich mit irrem Blick im Zimmer um, sah zu ihm auf und tastete nach seiner Hand. Sie zog ihn näher zu sich, ihre Lippen bewegten sich, als wollte sie etwas sagen, aber sie konnte nichts hervorbringen. Endlich brach sie in einen Strom von Tränen aus.
Sie stammelte ein paar Worte, aber das Schluchzen zerriß dieselben und erstickte ihre Stimme. Als sie dann wieder den Kopf hob, sah sie mit solch einer Verzweiflung Ordynoff an, daß er, der sie nicht verstand, sich näher über sie beugte, um keinen Laut aus ihrem Munde zu verlieren. Endlich hörte er sie deutlich flüstern:
„Ich bin verdorben, man hat mich verdorben, ich bin verloren!“
Ordynoff erhob jäh den Kopf und sah sie voll Bestürzung an. Ein gemeiner, scheußlicher Gedanke durchzuckte ihn. Und Katherina sah dieses plötzliche schmerzliche Zusammenzucken seines Gesichtes.
„Ja! Verdorben!“ stieß sie hervor, „ein böser Mensch hat mich verführt, – _er_, _er_ ist mein Verderber! ... Ich habe ihm meine Seele verkauft ... Warum, oh, warum hast du von der Mutter gesprochen! Wozu brauchtest du mich daran zu erinnern: Gott möge dir ... möge dir verzeihen! ...“
Und sie weinte still vor sich hin. Ordynoffs Herz schlug so todesweh, daß er vor Schmerz hätte aufschreien mögen.
„Er sagt,“ flüsterte sie geheimnisvoll, mit zurückgehaltenem Atem, „er sagt, wenn er stirbt, wird er kommen und meine sündige Seele holen ... Ich gehöre ihm, ich hab’ ihm meine sündige Seele verkauft ... Und jetzt quält er mich und liest mir aus seinen Büchern vor ... Dort, sieh, das ist sein Buch! Dort! Er sagt, ich habe eine Todsünde begangen ... Sieh, da liegt sein Buch, sieh ...“
Und sie wies mit Grauen auf einen großen Band. Ordynoff hatte nicht bemerkt, wie der in sein Zimmer geraten war. Er nahm ihn mechanisch – es war eines von jenen mit reichem Bilderschmuck ausgestatteten Büchern der Altgläubigen, wie er sie früher einmal gelegentlich gesehen hatte. Doch war er unfähig, seine Aufmerksamkeit auf irgend etwas zu lenken.
Sacht umfing er sie und redete ihr beruhigend zu.
„Denk nicht daran, laß das jetzt ... Man hat dich geängstigt und erschreckt ... ich bin ja bei dir ... Ruhe dich bei mir aus, mein Lieb, mein Licht!“
„Du weißt noch nichts! nichts!“ Sie umklammerte wieder seine Hände. „Ich bin ja immer so! ... Immer fürchte ich mich ... Aber du, nein, du quäle mich nicht, quäle mich nicht! ...“
„Ich gehe dann zu ihm,“ fuhr sie nach einer Weile fort. „Manchmal bespricht er mich einfach mit seinen eigenen Worten, ein anderes Mal nimmt er sein Buch, das größte, und liest mir vor – liest so drohende und strenge Worte! – ich weiß nicht, was es ist, und ich verstehe auch nicht jedes Wort, aber mich überkommt dann solch eine Angst, und wenn ich auf seine Stimme horche, ist es mir, als spräche das gar nicht er, sondern ein anderer, kein guter, sondern einer, den nichts erweicht und der so unerbittlich ist, daß es mir das Herz zermalmt und die Qual noch größer wird, als zu Anfang mein Gram war!“
„Geh nicht mehr zu ihm! Warum gehst du zu ihm?“ sagte Ordynoff, ohne sich dessen recht bewußt zu sein, was er sprach.
„Warum bin ich zu dir gekommen? Frag mich – ich weiß es nicht ... Er aber sagt mir immer: bete, bete, bete! Zuweilen stehe ich in dunkler Nacht auf und bete lange –, stundenlang. Oft übermannt mich der Schlaf, aber die Angst weckt mich wieder, immer wieder, und dann kommt es mir vor, daß ringsum ein dunkles Gewitter aufsteigt, daß mir Schlimmes droht, daß die Bösen mich zu Tode quälen und zerreißen werden, daß ich keines Menschen Hilfe zu erflehen vermag und mich niemand vor dem Furchtbaren retten kann. Meine Seele will sich selbst verzehren, und es ist, als wolle sich mein ganzer Körper in Tränen auflösen ... Dann fange ich wieder an, zu beten, und bete und bete, bis die Gottesmutter liebevoller auf mich herabschaut. Dann erst stehe ich auf und gehe halbtot wieder zu Bett, manchmal aber schlafe ich auch so vor dem Heiligenbilde kniend ein. Da kommt es denn vor, daß er erwacht und mich ruft ... und dann liebkost und tröstet und beruhigt er mich ... und dann wird mir wohl viel leichter. Ja, gleichviel was für ein Unglück auch noch käme, bei ihm fürchte ich mich nicht mehr. Er ist mächtig! Groß ist sein Wort!“
„Aber was, was ist denn dein Unglück?!“ ... fragte Ordynoff zitternd, mit Verzweiflung im Herzen.
Katherina erbleichte. Sie sah ihn wie eine zum Tode Verurteilte an, der man die letzte Hoffnung auf Gnade nimmt.
„Ich ... ich bin verflucht, ich bin eine Seelenmörderin, meine Mutter hat mich verflucht! Ich habe meine eigene Mutter umgebracht!“ ...
Ordynoff umschlang sie wortlos. Bebend schmiegte sie sich an ihn. Er fühlte, wie ein Zittern ihren Körper durchlief, als wolle sich ihre Seele diesem Körper entringen.
„Ich habe sie unter die feuchte Erde gebracht,“ sagte sie, ganz beherrscht von der Erinnerung und ihrer Aufregung – und sie schien das unwiderruflich Geschehene, unwiederbringlich Vergangene in diesen Augenblicken noch einmal zu erleben. „Ich wollte es schon lange sagen, aber er verbot es mir immer, bald mit Bitten, bald mit Vorwürfen und zornigen Worten. Zuweilen freilich beginnt er selbst, mich daran zu erinnern, als wäre er mein Feind und Widersacher. Mir aber kommt alles das – so auch heute nacht – wie stets und immer gegenwärtig vor ... Höre, höre mich! Das ist schon lange, sehr lange her, ich weiß nicht einmal mehr, wann es war, und doch steht es vor mir, als wäre es gestern gewesen, wie ein Traum der letzten Nacht, der bis zum Morgen mein Herz bedrückt hat. Der Gram macht die Zeit noch einmal so lang. Setze dich, setze dich hierher, ich werde dir mein ganzes Leid erzählen – verfluche mich, die ich schon verflucht bin ... Ich will dir mein ganzes Leben anvertrauen ...“
Ordynoff wollte sie aufhalten, wollte sie am Sprechen verhindern, doch sie faltete die Hände, wie um ihn bei seiner Liebe anzuflehen, ihr doch Gehör zu schenken, und dann fuhr sie in noch größerer Erregung fort. Ihre Erzählung war wirr und sprunghaft, ihre Stimme verriet den Sturm, der in ihrer Seele tobte, aber trotzdem verstand Ordynoff alles, denn ihr Leben war für ihn zu seinem eigenen Leben geworden, ihr Leid auch sein Leid. Er glaubte wieder seinen Feind vor sich zu sehen. Der Feind wuchs vor ihm auf mit jedem ihrer Worte und ward immer greifbarer, und es war ihm, als presse er mit ungeheurer Kraft sein Herz zusammen und spotte obendrein mit höhnischen Schimpfworten seiner Wut. Sein Blut begann zu sieden, drängte sich heiß in seine Gedanken und brachte sie in Verwirrung. Da war es ihm denn, als stehe der boshafte Alte aus seinem Traum plötzlich auf (Ordynoff war davon überzeugt) und stände leibhaftig vor ihm.