Part 32
„Erheben wir uns,“ wandte sich der Rat an Herrn Goljädkin. Alle erhoben sich. Dann ergriff der Rat die Hand des Herrn Goljädkin des Älteren und Andrej Philippowitsch die Hand Herrn Goljädkins des Jüngeren und führten sie beide feierlich mitten durch die sie umgebende Menge. Unser Held sah verwundert um sich, doch man wies ihn sofort auf Herrn Goljädkin den Jüngeren, der ihm bereits die Hand entgegenstreckte.
„Man will uns wohl versöhnen,“ dachte unser Held, streckte ihm gleichfalls freundschaftlich seine Hände entgegen, und reichte ihm sogar seine Backe zum Kusse. Dasselbe tat auch der andere Herr Goljädkin ... Da schien es aber Herrn Goljädkin dem Älteren, daß sein treuloser Freund ein wenig lächelte: ganz so, als lächelte er schelmisch die sie umgebende Menge an und als tauchte etwas Böses in dem unedlen Gesicht Herrn Goljädkins des Jüngeren auf – die Grimasse des Judaskusses ...
Im Kopfe Herrn Goljädkins dröhnte es und vor seinen Augen wurde es dunkel: ihm schien eine endlose Reihe Goljädkinscher Ebenbilder mit großem Geräusch durch die Tür ins Zimmer zu strömen – doch es war schon zu spät! Der Judaskuß war schon gegeben worden, und ...
Da geschah etwas ganz Unerwartetes ... Die Türen des Saales wurden ausgerissen und auf der Schwelle erschien ein Mensch, bei dessen Anblick Herr Goljädkin zu Eis erstarrte. Seine Füße klebten am Boden. Ein Schrei erstarb auf den Lippen. Übrigens hatte Herr Goljädkin schon früher alles gewußt und Ähnliches geahnt ... Der Unbekannte näherte sich selbstbewußt und feierlich Herrn Goljädkin. Herr Goljädkin erkannte seine Gestalt nur zu gut. Er hatte ihn gesehen, nur zu oft gesehen, kürzlich noch gesehen ... Der Unbekannte war ein hochgewachsener Mensch in schwarzem Frack mit einem hohen Orden am Halse und trug einen schwarzen Backenbart. Es fehlte ihm nur noch die Zigarre im Munde, um die Ähnlichkeit voll zu machen. Der Blick des Unbekannten ließ, wie gesagt, Herrn Goljädkin vor Schreck erstarren. Mit wichtiger und feierlicher Miene ging der schreckliche Mensch auf unseren bedauernswerten Helden zu ... Unser Held reichte ihm die Hand. Der Unbekannte ergriff sie und zog ihn an sich. Mit verlorenem Ausdruck blickte unser Held um sich.
„Das ist ... das ist Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz, Doktor der Medizin und Chirurgie, Ihr alter Bekannter, Jakoff Petrowitsch!“ lispelte irgendeine widerliche Stimme Herrn Goljädkin ins Ohr. Er blickte sich um: er war es wieder, der abscheuliche, der in der Seele verderbte Doppelgänger Herrn Goljädkins. Eine boshafte Freude glänzte auf seinem Gesicht, triumphierend rieb er sich die Hände, triumphierend wandte er seinen Kopf ringsum, triumphierend trippelte er zu allen und jedem, und es schien beinahe, als wollte er vor Entzücken anfangen zu tanzen. Schließlich sprang er vor, entriß einem Diener das Licht, um Herrn Goljädkin und Krestjan Iwanowitsch zu leuchten. Herr Goljädkin hörte deutlich, wie alle, die im Saale waren, ihm folgten, sich ihm nachdrängten, sich gegenseitig stießen und einstimmig Herrn Goljädkin nachriefen: „Das hätte nichts zu sagen! er, Jakoff Petrowitsch, brauche sich nicht zu fürchten, da Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz doch sein alter Bekannter sei! ...“
Endlich traten sie auf die große hellerleuchtete Treppe hinaus. Auch hier war eine Menge Volk versammelt. Geräuschvoll wurde die Tür aufgerissen und Herr Goljädkin befand sich auf der Vortreppe mit Krestjan Iwanowitsch. Vor ihr stand eine Equipage, bespannt mit vier Pferden, die vor Ungeduld schnauften. Der schadenfrohe Herr Goljädkin der Jüngere lief die drei Stufen hinab und öffnete selbst den Wagen. Krestjan Iwanowitsch forderte mit einer Handbewegung Herrn Goljädkin auf, Platz zu nehmen.
Starr vor Schrecken blickte Herr Goljädkin zurück: die ganze hellerleuchtete Treppe war von Menschen besetzt: neugierige Augen blickten ihn von allen Seiten an. Selbst Olssuph Iwanowitsch saß auf dem obersten Treppenabsatz, saß ruhig in seinem Sessel und betrachtete voll Anteil und Aufmerksamkeit alles, was vorging. Alle warteten. Ein Gemurmel der Ungeduld lief durch die Menge, als Herr Goljädkin zurückblickte.
„Ich hoffe, daß hier nichts Tadelnswertes ... nichts, was Veranlassung zur Strenge geben, nichts, was sich auf meine dienstlichen Verhältnisse beziehen könnte –?“ brachte unser Held verwirrt hervor. Gemurmel und Geräusch erhob sich rings, alle schüttelten verneinend den Kopf. Tränen stürzten Herrn Goljädkin aus den Augen.
„Ist dem Fall – bin ich bereit ... ich vertraue mich vollkommen ... ich lege mein Geschick in die Hände Krestjan Iwanowitschs ...“
Kaum hatte Herr Goljädkin das gesagt, daß er sein Geschick in die Hände Krestjan Iwanowitschs lege, als ein fürchterlicher, ein ohrenbetäubender Freudenschrei dem ihn umringenden Kreise entfuhr und unheilverkündend aus der ganzen wartenden Menge widerhallte. Da faßten Krestjan Iwanowitsch und Andrej Philippowitsch, jeder von einer Seite, Herrn Goljädkin unter den Arm und setzten ihn in den Wagen, der Doppelgänger aber half, nach seiner verräterischen Angewohnheit, noch von hinterrücks. Der arme Herr Goljädkin warf zum letzten Male einen Blick auf alle und alles und stieg, zitternd wie ein Katzenjunges, das man mit kaltem Wasser begossen hat – wenn der Vergleich erlaubt ist – mit Hilfe der anderen in die Equipage. Sogleich nach ihm stieg auch Krestjan Iwanowitsch ein. Der Wagenschlag wurde zugeklappt. Ein Peitschenknall – und die Pferde zogen an ... alles lief in Scharen zu beiden Seiten mit ... alles geleitete Herrn Goljädkin. Gellende, ganz unbändige Schreie seiner Feinde folgten ihm als Abschiedsgrüße auf den Weg. Eine Zeitlang hielten noch mehrere Gestalten mit dem Gefährt gleichen Schritt und sahen in den Wagen hinein. Allmählich jedoch wurden ihrer immer weniger, bis sie schließlich verschwanden und nur noch der schamlose Doppelgänger Herrn Goljädkins übrig blieb. Die Hände in den Taschen seiner grünen Uniformbeinkleider, so lief er mit zufriedenem Gesicht bald links, bald rechts neben dem Wagen einher: hin und wieder legte er die Hand auf den Wagenschlag, steckte den Kopf fast durch das Fenster und warf Herrn Goljädkin zum Abschied Kußhände zu. Doch auch er wurde schließlich des Laufens müde und tauchte immer seltener auf – bis er endlich verschwand und fortblieb ...
Dumpf fühlte Herr Goljädkin sein Herz klopfen. Das Blut pochte heiß in seinem Kopf. Er empfand eine beklemmende Schwüle und glaubte, ersticken zu müssen. Er wollte die Kleider aufreißen und seine Brust entblößen, um sie mit Schnee zu kühlen. Dann kam endlich, wie ein großes Vergessen, Bewußtlosigkeit über ihn ...
Als er wieder zu sich kam, sah er, daß der Wagen auf einem ihm unbekannten Wege fuhr. Links und rechts zogen sich dunkle Wälder hin. Es war öde und leer. Plötzlich erstarrte er vor Schreck: zwei flammende Augen sahen ihn aus dem Dunkel an und in diesen zwei Augen funkelte teuflische Freude.
„Das ist gar nicht Krestjan Iwanowitsch. Wer ist das? Oder ist er es doch? Ja! Das ist Krestjan Iwanowitsch! Nur ist es nicht der frühere, sondern ein anderer Krestjan Iwanowitsch! Ein entsetzlicher Krestjan Iwanowitsch ist es! ...“
„Krestjan Iwanowitsch, ich ... ich bin, glaube ich, ein Mensch für mich ... und ein Nichts – Krestjan Iwanowitsch, ein Nichts von einem Menschen,“ begann unser Held zaghaft und zitternd, wohl, um durch seine Unterwürfigkeit und Demut den entsetzlichen Krestjan Iwanowitsch zum Mitleid zu bewegen.
„Sie bekommen von der Krone freie Wohnung, Beheizung, Beleuchtung, Bedienung, was wollen Sie denn noch?“ ertönte wie ein Todesurteil streng und furchtbar die Antwort Krestjan Iwanowitschs.
Unser Held stieß einen Schrei aus und griff sich an den Kopf. Das war es: und das hatte er schon lange geahnt!
Fußnoten
[1] Ein Stadtteil von Petersburg. E. K. R.
[2] Die Hauptstraßen auf Wassilij-Ostroff werden „Linien“ genannt. E. K. R.
[3] Diminutiv von Pjotr. E. K. R.
[4] Größte Kaufhalle in Petersburg. E. K. R.
[5] Eine der Meistererzählungen Gogols. E. K. R.
[6] Abkürzung von Glafira. E. K. R.
[7] (sprich: Lichatschi) die beste und teuerste Art Droschken in den größeren Städten. E. K. R.
[8] Der Vorwurf bezieht sich auf die Erzählung „Der Mantel“, die Warwara Alexejewna ihm gesandt und auf die sie ihn noch ausdrücklich aufmerksam gemacht hatte. Der Held der Erzählung – gleichfalls ein kleiner Beamter – gleicht Makar Alexejewitsch so auffallend, daß dieser glaubt, Gogol habe ihn, Makar Alexejewitsch, geschildert und damit bloßgestellt. – Fedor Fedorowitsch ist der Name eines der Vorgesetzten jenes kleinen Helden der Erzählung. E. K. R.
[9] Ein Stadtteil von St. Petersburg. E. K. R.
[10] Große Kaufhalle in Petersburg. E. K. R.
[11] Berühmte Kolonialwarenhandlungen in St. Petersburg. E. K. R.
[12] Armer Schlucker. E. K. R.
[13] Das Warnungszeichen von der Peter-Paulus-Festung, daß das Wasser der Newa steigt und die niedriger gelegenen Stadtteile zu überschwemmen droht. E. K. R.
[14] Der eigentliche Name des falschen Demetrius. E. K. R.
Anmerkungen zur Transkription
Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:
F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. Zweite Abteilung: Vierzehnter Band R. Piper & Co. Verlag, München, 1920. Sechstes bis zehntes Tausend
Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.
Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Bandes verschoben. Inhaltsverzeichnis und Überschriften im Text wurden harmonisiert.
Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
Ssjetotschkin (Ssetotschkin)
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 87]: ... Was wollen Sie denn noch von mir? Fedora sagt, das ... ... Was wollen sie denn noch von mir? Fedora sagt, das ...
[S. 98]: ... geschehen? Nun, sagen wird zum Beispiel, und nehmen ... ... geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen ...
[S. 124]: ... Ihr Gehalt, daß Sie sich noch dazu vorauszahlen ... ... Ihr Gehalt, das Sie sich noch dazu vorauszahlen ...
[S. 180]: ... weil Sie schutzlos sind, weil sie keinen starken ... ... weil Sie schutzlos sind, weil Sie keinen starken ...
[S. 261]: ... ihm auch, Herr Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er ... ... ihm auch, Herrn Goljädkin zum Sitzen zu bringen: er ...
[S. 314]: ... der nächsten Laterne, so daß man ihm deutlich erkennen ... ... der nächsten Laterne, so daß man ihn deutlich erkennen ...
[S. 417]: ... etwas endgültig vor ihm Erworbenes an. ... ... etwas endgültig von ihm Erworbenes an. ...
[S. 418]: ... „Ja, heute ging der Kanzleidiener Micheleff zu ... ... „Ja, heute ging der Kanzleidiener Michejeff zu ...
[S. 431]: ... trat in Begleitung einiger Beamten heraus. Alle, die ... ... trat in Begleitung einiger Beamter heraus. Alle, die ...
[S. 465]: ... auf dem Liteinij Prospekt stand. Das Wetter war ... ... auf der Liteinaja stand. Das Wetter war ...