Sämtliche Werke 14

Part 31

Chapter 313,724 wordsPublic domain

„Hier kann von Serenaden nicht die Rede sein,“ dachte unser Held, „besser ist sicher, ich verhalte mich still! Und suche mir einen anderen Platz!“ Und richtig, er suchte sich einen Platz aus, gerade den Fenstern gegenüber, bei seinem Holzstoß. Natürlich gingen über den Hof verschiedene Leute, Stalljungen und Kutscher, die Wagen rasselten, die Pferde wieherten usw. Immerhin war der Platz sehr bequem: ob man ihn nun bemerkte oder nicht bemerkte – jedenfalls hatte der Platz den Vorteil, daß die Sache im Schatten vor sich ging und Herrn Goljädkin niemand sehen konnte, er selbst aber alles sah.

Die Fenster der Wohnung waren hell erleuchtet. Es schien wieder eine feierliche Gesellschaft bei Olssuph Iwanowitsch versammelt zu sein. Musik war übrigens noch nicht zu vernehmen.

„Es wird wohl kein Ball stattfinden, sondern nur so eine Gesellschaft sein,“ dachte Herr Goljädkin. „Ja, ist es denn auch heute?“ ging es ihm dann durch den Kopf, „habe ich mich nicht im Datum getäuscht? Es kann sein, alles kann sein ... alles ist möglich! Vielleicht war der Brief gestern geschrieben worden und hat mich nicht erreicht, weil Petruschka ihn vergessen hatte. So ein Schurke! Oder er ist zu morgen bestimmt ... so, daß ich ... erst morgen alles hätte vorbereiten sollen, das heißt, mit dem Wagen hätte warten sollen ...“

Hier überlief es unseren Helden eiskalt, er griff nach dem Briefe in der Tasche, um sich zu überzeugen. Doch zu seiner Verwunderung fand sich kein Brief in der Tasche.

„Wie kommt denn das?“ flüsterte zu Tode erschrocken Herr Goljädkin: „Wo kann er sein? Sollte ich ihn verloren haben? Das fehlte noch!“ stöhnte er auf. „Wenn er jetzt in schlechte Hände kommt? Ja, vielleicht ist es schon geschehen! Herrgott! Was kann sich daraus ergeben! Das wäre ja ... Ach, du mein verfluchtes Schicksal!“

Herr Goljädkin zitterte wie ein Espenblatt bei dem Gedanken, daß vielleicht sein übelwollender Doppelgänger, als er ihm den Mantel über den Kopf geworfen, damit das Ziel verfolgt hatte, ihm den Brief zu entwenden, von dem er vielleicht bei den Feinden Herrn Goljädkins etwas erfahren hatte. „Da hätte er einen Beweis!“ dachte Herr Goljädkin, „einen Beweis ... und was für einen Beweis! ...“

Nach dem ersten Anfall dieses kalten Entsetzens stieg Herrn Goljädkin das Blut heiß in den Kopf. Stöhnend und zähneknirschend faßte er nach seiner glühenden Stirn, setzte sich wieder auf den Holzklotz und fing an nachzudenken ... Aber seine Gedanken hatten keinen Zusammenhang. Es tauchten verschiedene Gesichter auf und er erinnerte sich plötzlich bald undeutlich, bald wieder fest umrissen längst vergessener Vorgänge – Motive dummer Lieder, die ihm durch den Kopf gingen ... Es war ein Elend, ein Elend, ein übernatürliches Elend! „Gott, mein Gott!“ dachte unser Held, sich mühsam fassend, zugleich mit dem Versuch, das dumpfe Schluchzen in der Brust zu unterdrücken, „gib mir Festigkeit in der unerschöpflichen Tiefe meines Mißgeschicks! Daß ich verloren bin, vollständig verloren – darüber besteht kein Zweifel, das liegt in der Ordnung der Dinge, denn es kann ja doch nicht anders sein! Erstens habe ich meine Stellung verloren, ganz und gar verloren, wie sollte ich auch nicht ... Zweitens – ... Oder sollte es doch noch eine Möglichkeit geben? Mein Geld, nehmen wir an, reicht noch für die erste Zeit: ich nehme mir irgendeine kleine Wohnung, einige Möbel sind nötig. Petruschka wird zwar nicht mehr bei mir sein. Doch ich kann auch ohne den Schuft auskommen ... nun schön, ich kann ausgehen und zurückkommen, wann es mir paßt, und Petruschka wird nichts mehr zu brummen haben, wenn ich spät nach Hause komme. Darum ist es auch besser ohne ihn ... Nun, nehmen wir also an, daß das alles sehr gut ginge. Nur handelt es sich noch immer nicht darum, noch immer nicht darum! ...“

Dabei tauchte wieder das Bewußtsein der Lage in Herrn Goljädkin auf, in der er sich unmittelbar befand. Er blickte um sich. „Ach, du mein großer Gott! Herr, du mein Gott! Was rede ich denn jetzt davon?“ dachte er, und griff wieder ganz und gar verloren nach seinem brummenden Kopf.

„Belieben Sie nicht bald zu fahren, Herr?“ ertönte plötzlich eine Stimme neben ihm. Herr Goljädkin fuhr zusammen, denn vor ihm stand sein Kutscher, gleichfalls bis auf die Haut durchnäßt. Er war vom Warten ungeduldig geworden und wollte nach seinem Herrn hinter dem Holzstoß sehen.

„Ich, mein Lieber, tut nichts ... Ich, mein Freund, komme bald, sehr bald, sehr bald – warte noch ein wenig ...“

Der Kutscher ging fort und brummte etwas in den Bart.

„Was mag er da brummen?“ dachte Herr Goljädkin unter Tränen, „ich habe ihn doch für den ganzen Abend genommen, ich bin durchaus in meinem Recht, so ist es! Für den Abend habe ich ihn genommen, und damit ist die Sache erledigt. Mag er da stehen, einerlei! Das hängt von meinem Willen ab. Willigt er ein, oder willigt er nicht ein. Und wenn ich hier hinter dem Holz stehe, so ist das ganz gleich ... – er hat hier nichts zu meinen: will der Herr hinter dem Holz stehen, so mag er es tun ... seiner Ehre wird das nicht schaden! So ist’s!

So ist’s meine Dame, wenn Sie es wissen wollen. Und in einer Hütte, meine Dame, das heißt, so und so, kann in unserer Zeit niemand mehr leben. Und ohne gute Sitten geht es in unserer erwerbstätigen Zeit auch nicht mehr, meine Dame, wofür Sie selbst jetzt ein bedauernswertes Beispiel sind ... Das heißt, Titularrat soll man sein, und dabei am Ufer des Meeres in einer Hütte leben! Erstens, meine Dame, braucht man an den Ufern des Meeres keine Titularräte und zweitens hätten wir da überhaupt nicht zum Titularrat aufrücken können. Nehmen wir an, ich sollte beispielsweise eine Bittschrift einreichen: das heißt, so und so, möchte Titularrat werden ... begünstigen Sie mich trotz meiner Feinde ... dann wird man Ihnen sagen, meine Dame, daß es ... viele Titularräte gibt, und daß Sie hier nicht bei der Emigrantin sind, wo Sie gute Sitten lernen sollen, um als gutes Beispiel zu dienen. Sittsamkeit, meine Dame, bedeutet, zu Hause bleiben, den Vater ehren und nicht vor der Zeit an Freier denken. Die Freier, meine Dame, finden sich schon mit der Zeit von selbst – so ist’s! Freilich muß man verschiedene Talente besitzen wie: Klavierspielen, Französisch sprechen, in der Geschichte, Geographie, Religion und Arithmetik bewandert sein, – so ist’s! Mehr ist auch nicht nötig. Und dazu dann die Küche. Jedenfalls sollte jedes sittsame Mädchen die Küche beherrschen! Aber so? Erstens wird man Sie, meine Schöne, meine verehrte Dame, nicht sich selbst überlassen, man wird Ihnen nachsetzen und wird Sie zwingen, in ein Kloster zu gehen. Und was, meine Dame, was befehlen Sie denn, das ich tun soll? Befehlen Sie mir dann vielleicht, meine Dame, daß ich wie in dummen Romanen mich auf den nächsten Hügel setzen und in Tränen zerfließen soll, indem ich auf die kalten Mauern sehe, die Sie umschließen? Oder soll ich etwa der Vorschrift einiger schlechter deutscher Poeten und Romanschriftsteller folgen und freiwillig sterben? Wollen Sie das, meine Dame?

Erlauben Sie mir, Ihnen in aller Freundschaft auszudrücken, daß die Dinge so nicht gehen, und daß man Sie und Ihre Eltern ordentlich strafen müßte, weil sie Ihnen französische Bücher zum Lesen gegeben haben. Denn französische Bücher lehren einen nichts Gutes. Das ist Gift ... reines Gift, meine Dame! Oder denken Sie etwa, erlauben Sie, daß ich Sie frage, denken Sie etwa, wir entfliehen ungestraft und ... leben dann in einer Hütte am Meer! Fangen an, von Gefühlen zu reden, miteinander wie die Tauben zu girren und verbringen so unser Leben in Zufriedenheit und Glück! Und wenn dann ein Kleines kommt, dann werden wir ... – dann sagen wir so und so, lieber Vater und Staatsrat Olssuph Iwanowitsch, ein Kleines ist da, also nehmen Sie bei der Gelegenheit Ihren Fluch zurück und segnen Sie uns!

Nein, meine Dame, das geht wieder nicht an und auf das Girren hoffen Sie nicht, denn von alledem wird’s nichts geben. Heute ist der Mann der Herr, und eine gute wohlerzogene Frau muß ihm in allem gehorchen. Zärtlichkeiten liebt man in unserer erwerbstätigen Zeit nicht, die Zeiten Jean Jacques Rousseaus sind vorüber. Heutzutage kommt der Mann zum Beispiel hungrig aus dem Dienst, und ‚Herzchen‘, fragt er seine Frau, ‚hast du nicht etwas zu essen, einen Hering, ein Gläschen Schnaps?‘ Also müssen Sie, meine Dame, Schnaps und Hering bereit halten. Der Mann ißt mit Appetit, um Sie aber kümmert er sich gar nicht, er sagt nur: ‚Geh in die Küche, mein Kätzchen, und sieh nach dem Mittagessen.‘ Er küßt Sie vielleicht nur einmal in der Woche, und auch das tut er sehr gleichgültig! ...

So ist unsere Art, meine Dame, ja, und auch das tun wir nur gleichgültig! ... So ist es, wenn man sich’s genau überlegt, wenn es darauf ankommt ... Ja, und was soll ich dabei? Warum, meine Dame, haben Sie denn gerade mich mit Ihren Launen bedacht? ‚Tugendhafter, für mich leidender und meinem Herzen teurer Mann‘ usw. Ich passe ja gar nicht zu Ihnen, meine Dame! Sie wissen ja selbst, daß ich im Komplimentemachen kein Meister bin und es nicht liebe, Damen gefühlvollen Unsinn vorzuschwatzen, meine Erscheinung ist auch nicht danach. Lügenhafte Prahlerei und Falschheit werden Sie bei mir nicht finden, das sage ich Ihnen jetzt in aller Aufrichtigkeit. Ich besitze einen offenen Charakter und einen gesunden Verstand: mit Intrigen gebe ich mich nicht ab. Das heißt: ich bin kein Intrigant und darauf bin ich stolz – so ist’s! ... Guten Menschen gegenüber trage ich keine Maske, und um Ihnen alles zu sagen ...“

Plötzlich fuhr Herr Goljädkin zusammen. Das rote Gesicht seines Kutschers mit ganz durchnäßtem Bart blickte wieder nach ihm hinter den Holzstoß ...

„Ich komme sofort, mein Freund! Ich komme sofort, mein Freund, weißt du. Ich komme sofort, sofort ...“ wiederholte Herr Goljädkin wie beschwörend mit zitternder und weinerlicher Stimme.

Der Kutscher kratzte sich hinter den Ohren, glättete seinen Bart, trat einen Schritt zurück, blieb wieder stehen und blickte mißtrauisch Herrn Goljädkin an.

„Ich komme sofort, mein Freund: Ich, siehst du ... mein Freund ... ich werde nur ein wenig, nur eine Sekunde noch – hier ... Siehst du, mein Freund ...“

„Wahrscheinlich werden Sie gar nicht fahren?“ sagte endlich der Kutscher und trat entschlossen auf Herrn Goljädkin zu.

„Nein, mein Freund, ich werde sofort fahren. Ich, siehst du, mein Freund, warte nur ...“

„Ja, Herr ...“

„Ich, siehst du, mein Freund ... Aus welchem Dorfe bist du, mein Lieber?“

„Wir sind Leibeigene ...“

„Ist dein Herr gut? ...“

„Ziemlich.“

„Ja, mein Lieber, ja. Danke der Vorsehung, mein Freund! Suche gute Menschen! Gute Menschen sind jetzt selten geworden, mein Lieber. Er gibt dir Essen und Trinken, mein Lieber, also ist er ein guter Mensch. Denn oft erlebst du, mein Freund, daß auch bei Reichen die Tränen fließen ... Du siehst hier ein beklagenswertes Beispiel. So ist’s, mein Lieber ...“

Dem Kutscher schien Herr Goljädkin leid zu tun. „Nun, wie Sie wollen, ich werde warten. Wird es noch lange dauern?“

„Nein, mein Freund, nein. Ich werde, weißt du, nicht mehr lange warten, mein Lieber ... Wie denkst du darüber, mein Freund? Ich werde mich auf dich verlassen. Ich werde hier nicht länger mehr warten ...“

„Dann werden Sie also fahren?“

„Nein, mein Lieber! Nein, ich danke dir ... hier ... wieviel hast du zu bekommen, mein Lieber?“

„Was wir abgemacht, Herr: bezahlen Sie, bitte. Ich habe lange gewartet, Herr, Sie werden mich armen Menschen nicht schädigen, Herr.“

„Nun, da, nimm, mein Lieber, da hast du’s!“ Dabei gab ihm Herr Goljädkin sechs Rubel und beschloß ernstlich, keine Zeit mehr zu verlieren, das heißt, einfach fortzugehen, um so mehr, da die Sache jetzt doch schon entschieden und der Kutscher entlassen war. Folglich brauchte er hier nicht mehr zu warten, er kletterte also hinter dem Holz hervor, ging zum Hoftor hinaus, wandte sich nach links und begann, ohne sich umzusehen, keuchend und doch fast freudig, davonzulaufen.

„Vielleicht wird sich noch alles zum besten wenden,“ dachte er, „und ich bin auf diese Weise dem Unglück entronnen.“

Und wirklich wurde Herrn Goljädkin plötzlich ganz leicht ums Herz. „Ach, wenn doch alles wieder gut würde!“ dachte unser Held, glaubte aber selbst kaum daran. „Ich werde von dort ...“ dachte er. „Nein, besser, von der Seite, das heißt, so ...“

Während er sich auf diese Weise mit Zweifeln quälte und den Schlüssel zu ihrer Lösung suchte, war unser Held bis zur Ssemjonoffbrücke gerannt und beschloß hier, nachdem er sich’s reiflich überlegt hatte, – wieder umzukehren.

„So wird’s besser sein!“ dachte er. „Ich komme von der anderen Seite, das heißt, so. Dann bin ich ein unbeteiligter Zuschauer und die Sache hat ihr Ende. Ich bin also nur Zuschauer, eine Nebenperson, weiter nichts, und was da auch vorgehen mag – daran bin ich nicht schuldig! So ist’s! So wird es jetzt sein!“

Nachdem er einmal beschlossen hatte, umzukehren, kehrte unser Held auch wirklich wieder um – sehr zufrieden darüber, daß er, dank seinem glücklichen Einfall, jetzt nur eine ganz unbeteiligte Person vorstellen würde. „So ist es besser: so hast du nichts zu verantworten, du siehst nur zu – weiter nichts!“ Die Rechnung war richtig, und die Sache mochte damit ihr Ende haben!

Durch diesen Gedanken beruhigt, begab er sich wieder in den friedlichen Schatten des ihn beschützenden Holzstoßes und begann von neuem aufmerksam nach den Fenstern zu blicken.

Dieses Mal hatte er nicht lange zu beobachten und zu warten. Es zeigte sich plötzlich an allen Fenstern eine lebhafte Bewegung, Gestalten tauchten auf, die Vorhänge wurden geöffnet, eine ganze Gruppe von Leuten drängte sich an die Fenster Olssuph Iwanowitschs, alle sahen auf den Hof hinaus und schienen etwas zu suchen. Geschützt durch seinen Holzstoß, begann auch unser Held seinerseits neugierig der allgemeinen Bewegung zu folgen, er wandte voll Teilnahme seinen Kopf nach links und nach rechts, soweit es ihm der Schatten seines Holzstoßes, der ihn verbarg, erlaubte.

Plötzlich fuhr er zusammen und hätte sich beinahe vor Schreck hingesetzt. Ihm schien es mit einem Male, und er war sofort vollkommen davon überzeugt, daß man, wenn man jemanden suchte, niemand anderen suchen konnte, als ihn selbst: als Herrn Goljädkin. Denn alle blickten nach ihm hin. Davonzulaufen war unmöglich: man hätte ihn gesehen ... Der entsetzte Herr Goljädkin preßte sich enger und enger, so nah als es möglich war, an das Holz und bemerkte dabei erst jetzt, daß der Schatten des Stoßes ihn nicht mehr ganz bedeckte. Wie gern wäre unser Held nun in ein Mauseloch gekrochen! und hätte dort ruhig und friedlich gesessen! wenn es nur gegangen wäre! Doch ging es nicht, entschieden ging es nicht! In seiner Angst sprang er endlich auf und sah entschlossen nach allen Fenstern zugleich hin. Das war noch das Beste! ... Und plötzlich errötete er über und über. Alle hatten sie ihn bemerkt, alle winkten sie ihm mit den Händen und nickten mit den Köpfen, alle riefen sie ihm zu. Die Fenster wurden geöffnet, Viele Stimmen hörte man rufen ... „Ich wundere mich, warum man diese Mädchen nicht von Kindheit an durchgeprügelt hat,“ murmelte unser Held vor sich hin, ganz und gar verwirrt.

Plötzlich kam _er_ (es ist bekannt _wer_) die Treppe herunter gelaufen, im Uniformrock ohne Hut, kam atemlos auf ihn zugestürzt und heuchelte äußerste Freude darüber, daß er endlich Herrn Goljädkin erblickt hatte.

„Jakoff Petrowitsch!“ lispelte der verworfene Mensch. „Jakoff Petrowitsch, Sie hier? Sie werden sich erkälten. Hier ist es kalt, Jakoff Petrowitsch. Kommen Sie doch hinein!“

„Nein, Jakoff Petrowitsch, es tut mir nichts, Jakoff Petrowitsch,“ murmelte unser Held mit schüchterner Stimme.

„Aber das geht nicht! Das geht nicht! Jakoff Petrowitsch, man bittet Sie, gefälligst einzutreten, man erwartet Sie. Erweisen Sie uns doch die Ehre und kommen Sie, bitte, Jakoff Petrowitsch, kommen Sie!“

„Nein, Jakoff Petrowitsch, ich, sehen Sie – es wäre besser ... wenn ich nach Hause ginge. Jakoff Petrowitsch ...“ antwortete unser Held, und verging zugleich vor Scham und vor Schreck.

„Nein, nein, nein!“ flüsterte der widerliche Mensch, „nein, nein, nein, für nichts in der Welt! Gehen wir!“ sagte er entschlossen und zog Herrn Goljädkin den Älteren mit sich zur Treppe. Herr Goljädkin wollte durchaus nicht gehen, da aber alle nach ihm sahen und ein Widerstreben dumm gewesen wäre, so ging unser Held – übrigens, man kann nicht sagen, daß er ging, denn er wußte selbst nicht, was mit ihm geschah. Es war ja doch alles gleichgültig!

Noch bevor sich unser Held recht besinnen und sein Äußeres etwas in Ordnung bringen konnte, befand er sich schon im Saal. Er sah bleich, zerstört und verwirrt aus, seine trüben Augen irrten über die ganze Gesellschaft – Entsetzen! Der Saal, alle Zimmer – alles, alles war überfüllt. Menschen gab es in Unmengen, Damen, ein ganzer Blumengarten: sie alle drängten sich um Herrn Goljädkin, sie alle strebten auf ihn zu, sie alle wollten Herrn Goljädkin auf ihre Schultern heben, wobei er das Gefühl hatte, er schwebe in einer bestimmten Richtung. „Doch nicht etwa zur Tür,“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf. Und wirklich, sie trugen ihn, zwar nicht nach der Tür – wohl aber gerade zum Lehnstuhl von Olssuph Iwanowitsch.

Neben dem Lehnstuhl an der anderen Seite stand Klara Olssuphjewna, bleich, düster und traurig, doch wundersam geschmückt. Besonders fielen Herrn Goljädkin die kleinen weißen Blümchen auf, die in ihren schwarzen Haaren eine prachtvolle Wirkung übten. Auf der anderen Seite des Lehnstuhls stand Wladimir Ssemjonowitsch, im schwarzen Frack, mit seinen neuen Ordensbändern im Knopfloch.

Herrn Goljädkin führte man, wie gesagt, an der Hand gerade aus Olssuph Iwanowitsch zu. Auf der einen Seite führte ihn Herr Goljädkin der Jüngere, der sich sehr anständig und ehrbar hielt, worüber Herr Goljädkin der Ältere außer sich vor Freude war – und auf der anderen Seite wurde er von Andrej Philippowitsch begleitet, der eine höchst feierliche Miene zur Schau trug.

„Was soll das?“ dachte Herr Goljädkin. Als er aber bemerkte, daß man ihn zu Olssuph Iwanowitsch brachte, wurde er plötzlich wie von einem Blitz erleuchtet. Der Gedanke an den entwendeten Brief tauchte in seinem Kopfe auf. In schrecklicher Angst stand unser Held vor dem Lehnstuhl Olssuph Iwanowitschs.

„Was werden sie jetzt mit mir tun?“ dachte er bei sich. „Natürlich werden sie mit Aufrichtigkeit, unerschütterlicher Ehrbarkeit ... das heißt ... so und so, usw.“

Doch was unser Held befürchtet hatte, trat nicht ein. Olssuph Iwanowitsch schien Herrn Goljädkin sehr wohlwollend zu empfangen, und wenn er ihm auch nicht die Hand reichte, so wiegte er doch seinen ehrfurchteinflößenden Graukopf, feierlich und zugleich traurig, mit einem gütigen Ausdruck. So schien es wenigstens Herrn Goljädkin. Ihm kam es sogar vor, als ob Tränen im Blick Olssuph Iwanowitschs lägen: er schlug seine Augen auf und bemerkte, daß auch an den Wimpern Klara Olssuphjewnas eine Träne blinkte – und mit den Augen Wladimir Ssemjonowitschs schien es ihm nicht anders zu sein – sogar die unerschütterliche ruhige Würde Andrej Philippowitschs war dem allgemeinen tränenreichen Mitgefühle verfallen, – auch der Jüngling, der dem alten Staatsrat Olssuph Iwanowitsch so ähnlich sah, weinte bereits bittere Tränen ... Oder schien das vielleicht alles Herrn Goljädkin nur so, da er selbst deutlich fühlte, wie ihm die heißen Tränen über die kalten Backen rannen ...

Die Stimme voll Tränen, versöhnt mit den Menschen und seinem Schicksal und im Augenblick voll Liebe, nicht nur zu Olssuph Iwanowitsch, sondern zu allen Gästen, sogar zu seinem gefährlichen Doppelgänger, der durchaus nicht mehr böse, der gar nicht mehr der Doppelgänger zu sein schien, sondern ein ganz gleichgültiger und liebenswürdiger Mensch, – also wandte sich unser Held an Olssuph Iwanowitsch. Aber er vermochte nicht auszudrücken, was seine Seele erfüllte, in der sich so viel angesammelt hatte, er konnte nichts sagen, nicht das geringste, und nur mit einer beredten Handbewegung wies er schweigend auf sein Herz ...

Schließlich führte Andrej Philippowitsch – wohl um das Gefühl des Greises zu schonen – Herrn Goljädkin ein wenig zur Seite. Leise lächelnd und irgend etwas vor sich hinmurmelnd, vielleicht auch verwundert, doch jedenfalls ganz versöhnt mit seinem Schicksal und den Menschen, begann unser Held die dichte Masse der Gäste zu durchschneiden. Alle gaben ihm den Weg frei, alle sahen ihn mit so sonderbarer Neugierde und mit unerklärlicher, rätselhafter Teilnahme an. Unser Held ging ins zweite Zimmer: überall die gleiche Aufmerksamkeit. Er hörte undeutlich, wie alle ihm folgten, wie sie jeden seiner Schritte beobachteten, wie sie sich heimlich gegenseitig anstießen und über etwas sehr Merkwürdiges sprachen, urteilten, flüsterten und die Köpfe wiegten. Herr Goljädkin hätte furchtbar gern erfahren, wovon sie sprachen!

Als er sich umblickte, bemerkte unser Held neben sich Herrn Goljädkin den Jüngeren. Er fühlte die Notwendigkeit, seine Hand zu ergreifen und ihn beiseite zu führen. Herr Goljädkin bat darauf „Jakoff Petrowitsch“ inständigst, ihn bei allen seinen Unternehmungen behilflich zu sein und ihn im kritischen Augenblick nicht zu verlassen. Herr Goljädkin der Jüngere nickte eifrig mit dem Kopf und drückte kräftig die Hand Herrn Goljädkins des Älteren. Vor überströmenden Gefühlen zitterte das Herz in der Brust unseres Helden. Er glaubte zu ersticken, er fühlte, wie ihn irgend etwas mehr und mehr beengte, wie alle die Blicke, die auf ihn gerichtet waren, ihn verfolgten und zu Boden drückten ... Herr Goljädkin sah im Vorübergehen auch jenen Rat, der auf seinem Kopfe eine Perücke trug. Der Herr Rat sah ihn mit strengem, fragendem Blick an, der durch die allgemeine Teilnahme keineswegs gemildert wurde ... Unser Held beschloß, gerade auf ihn zuzugehen, er wollte ihm zulächeln, sich ihm erklären, doch gelang ihm seine Absicht nicht. In dem Augenblick, als er es tun wollte, verlor Herr Goljädkin vollständig sein Gedächtnis ... Als er wieder zu sich kam, bemerkte er, daß er sich, in einem weiten Kreise von Gästen, um sich selber drehte. Plötzlich rief man aus dem anderen Zimmer nach Herrn Goljädkin. Der Ruf verbreitete sich über die ganze Menge. Alles regte sich auf, alles geriet in Bewegung, alles stürzte zur Tür des ersten Saales. Unser Held wurde beinahe auf den Händen hinausgetragen, wobei der Herr Rat mit der Perücke Seite an Seite mit ihm zu stehen kam. Endlich ergriff er seine Hand und setzte sich dem Lehnstuhl Olssuph Iwanowitschs gegenüber, übrigens, in einer ziemlich weiten Entfernung von ihm. Alle, die im Zimmer waren, setzten sich in einem großen Kreise um Olssuph Iwanowitsch und Herrn Goljädkin. Alles wurde still und ruhig, alle beobachteten ein feierliches Schweigen, alle richteten ihre Blicke auf Olssuph Iwanowitsch und schienen etwas Besonderes zu erwarten. Herr Goljädkin bemerkte, wie sich neben dem Lehnstuhl von Olssuph Iwanowitsch, gerade gegenüber dem Herrn Rat, der andere Herr Goljädkin und Andrej Philippowitsch aufstellten. Das Schweigen dauerte an: man erwartete also wirklich etwas. „Genau so, wie wenn in irgendeiner Familie jemand im Begriff ist, eine lange Reise anzutreten. Man müßte nur noch aufstehen und ein Gebet sprechen,“ dachte unser Held. Plötzlich entstand eine ungewöhnliche Bewegung und unterbrach Herrn Goljädkins Gedankengang. Endlich schien das Langerwartete einzutreten.

„Er kommt, er kommt!“ ging es durch die Menge.

„Wer kommt?“ ging es Herrn Goljädkin durch den Kopf und er zuckte vor einem sonderbaren Gefühl zusammen.

„Es ist Zeit!“ sagte der Rat und sah bedeutungsvoll Andrej Philippowitsch an. Dieser sah darauf Olssuph Iwanowitsch an. Feierlich nickte Olssuph Iwanowitsch mit seinem Kopfe.