Part 38
Man muß den Augenblick benutzen. Diese Vereinigung der beiden Feinde wird zweifellos stattfinden, sobald Frankreich politisch gefallen ist, denn diese beiden Feinde haben in Frankreich immer einen organischen Zusammenhang gehabt. Der Katholizismus war fast bis zur jüngsten Zeit Frankreichs vereinigende und wesentlichste Idee. Und aus ihr heraus ist in Frankreich der Sozialismus entstanden. So hofft denn Fürst Bismarck, auch dem Sozialismus einen starken Schlag zu versetzen, wenn er Frankreichs politisches Leben vernichtet. Der Sozialismus aber als Fortsetzung des Katholizismus und als Ausdruck Frankreichs – ist für den echten Germanen das Verhaßteste von allem Verhaßten, und so ist es wohl verzeihlich, daß die führenden Männer Deutschlands glauben, leicht mit ihm fertig werden zu können, wenn sie Frankreich als seine Quelle und Basis politisch vernichten. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach wird etwas ganz anderes geschehen, wenn Frankreich politisch fällt. Der Katholizismus, der mit dem Sturze Frankreichs sein Schwert verliert, wird sich dann zum erstenmal an das von ihm so lange verachtete Volk wenden. Früher hatte er noch die Könige und Kaiser dieser Welt, jetzt jedoch hat er niemanden mehr, außer dem Volk. Und so wird er sich denn an die beweglichsten, unruhigsten Elemente desselben wenden – an die Sozialisten. Dem Volke wird Rom sagen, daß alles, was die Sozialisten den Menschen verkünden, schon von Christus gepredigt worden sei. Noch einmal wird Rom Christus entstellen und diesmal an das Volk verkaufen, so wie es ihn früher schon so oft für weltliche Herrschaft verkauft hat, wie z. B. damals, als es für das Recht der Inquisition eintrat. Vergessen wir nicht, daß diese Inquisition die Menschen für ihre Gewissensfreiheit im Namen Christi folterte, – Christi, dem nur ein freiwilliger Jünger lieb war, nicht aber ein abgekaufter oder durch Furcht gezwungener. Und der Katholizismus verkaufte Christus, als er die Jesuiten segnete und ihren Wahlspruch „Der Zweck heiligt das Mittel“ guthieß. Die ganze christliche Lehre hat er ja nur zum Erwerb irdischen Gutes und zur Erlangung der erträumten Herrschaft über die ganze Welt benutzt. Als die katholische Menschheit sich von jenem Ungeheuer, als das ihnen Christus zu guter Letzt gezeigt wurde, abwandte, da tauchen denn – nach einer Reihe von Jahrhunderten der Proteste und Reformationen – zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts Versuche auf, sich ohne Gott und Christus einzurichten. Doch ohne den Instinkt der Bienen und Ameisen zu haben, die sich fehlerlos ihre Stöcke und Ameisenhaufen schaffen, wollten auch die Menschen sich in der Art der Ameisen von neuem einrichten. Sie verstießen die von Gott herkommende und durch die Offenbarung dem Menschen verkündete einzige Formel seiner Rettung: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst“, und ersetzten sie durch praktische Folgerungen von der Art des „_Chacun pour soi et Dieu pour tous_“, oder durch wissenschaftliche Axiome von der Art des „Kampf ums Dasein“. Da die Menschen den Instinkt der Tiere, der diese lehrt, ihren Staat fehlerlos einzurichten, nicht haben, verließen sie sich stolz auf die Wissenschaft, – wobei sie natürlich ganz vergaßen, daß die Wissenschaft einer solchen Tat, wie es die Schaffung der Gleichheit wäre, noch längst nicht gewachsen ist, ja, im Verhältnis zu ihr gleichsam noch in den Windeln liegt. Man baute Luftschlösser. Der zukünftige Turm von Babel wurde einerseits zum Ideal und andererseits zum Schreckgespenst der Menschheit. Doch nach den Träumern kamen bald andere Lehrer, die einfach und allen verständlich ungefähr folgendes predigten: „Zuerst die Reichen plündern, die Welt mit Blut überschwemmen, dann aber _wird alles schon von selbst irgendwie von neuem entstehen_!“ Schließlich ging man noch weiter: es kam die Lehre vom Anarchismus. Wenn dieser sich einmal verwirklichen könnte, dann würde bestimmt wieder eine Periode der Menschenfresserei eintreten, und die Menschen wären gezwungen, alles von neuem zu beginnen, wie vor zehntausend Jahren. Der Katholizismus begreift das alles vorzüglich und wird es verstehen, die Führer des unterirdischen Kampfes für sich zu gewinnen. Er wird ihnen sagen: „Ihr habt kein Zentrum, keine Ordnung in der Führung eurer Sache, ihr seid eine über die ganze Welt verbreitete, aber zerstückelte Kraft und seid jetzt durch den Fall Frankreichs sogar völlig haltlos. Ich werde euch vereinigen und euch auch alle diejenigen noch zuführen, die an mich glauben.“ Wie es auch kommen mag: eine Einigung wird jedenfalls stattfinden. Der Katholizismus will nicht sterben; eine soziale Revolution jedoch, eine neue soziale Periode, stehen Europa sicher bevor: diese zwei, wenn auch verschiedenen, Kräfte werden sich unbedingt vereinigen, die zwei Strömungen werden ineinanderfließen müssen. Selbstverständlich wäre für den Katholizismus Zerstörung, Blutvergießen, Plünderung, ja selbst die Menschenfresserei sehr vorteilhaft. Kann er doch hoffen, gerade dann im trüben Wasser noch einmal seinen Fisch zu fangen: im rechten Augenblick, wenn die gequälte Menschheit sich ihm wieder in die Arme wirft, von neuem der „unumschränkte Alleinherrscher und die einzige Autorität dieser Welt“ zu werden und somit endgültig sein Ziel zu erreichen. Dieses Zukunftsbild ist leider – keine Phantasie. Ich bin fest überzeugt, daß es im Westen schon von vielen gesehen wird, und wahrscheinlich sieht man es auch in Deutschland. Doch die Führer des deutschen Volkes täuschen sich bloß in einem: in der Leichtigkeit, die beiden furchtbaren und dann bereits vereinten Feinde zu besiegen. Sie hoffen auf die Kraft des erneuten Deutschland, auf seinen protestantischen, gegen das alte und neue Rom, gegen Roms Grundsätze und deren _Folgen_ protestierenden Geist. Doch nicht sie werden das Ungeheuer zum Stehen bringen: stellen und besiegen wird es nur der wiedervereinte Osten durch das neue Wort, das er der Menschheit bringen wird.
In _jedem Fall_ aber ist eines klar: Deutschland hat uns sogar weit _nötiger_, als wir denken. Denn Deutschland braucht uns nicht zu einem zeitweiligen politischen, sondern zu einem _ewigen_ Bündnis. Die Idee des wiedervereinten Deutschland ist groß und stolz und reicht hinab bis in die Tiefe der Jahrhunderte. Doch was will denn Deutschland mit uns teilen? Die ganze westliche Menschheit ist sein Objekt, die ganze westliche Welt Europas hat es für sich bestimmt: statt der römischen und romanischen Idee soll hier die germanische die Führung übernehmen. Uns aber, Rußland, überläßt es den Osten. Zwei großen Völkern, uns und ihm, ist es bestimmt, das Angesicht der ganzen Welt zu verändern. Das ist kein menschliches Hirngespinst, das ist kein menschlicher Ehrgeiz, der sich das erdacht: so setzt sich die Welt selbst auseinander. Neue und sonderbare Fakta tauchen auf und bestätigen es von Tag zu Tag. Als man bei uns vom Besitze Konstantinopels noch nicht einmal zu träumen wagte, sprachen die deutschen Zeitungen von der Besetzung Konstantinopels durch uns Russen schon wie von einer ganz selbstverständlichen Sache. Das ist beinahe sonderbar im Vergleich zu den früheren Beziehungen Deutschlands zu uns. Man kann annehmen, daß die Freundschaft Rußlands zu Deutschland aufrichtig und stark ist, und daß diese Freundschaft mehr und mehr im Volksbewußtsein beider Nationen erstarken wird. Infolgedessen aber ist für Rußland noch keine Zeit zur endgültigen Entscheidung der Orientfrage so günstig gewesen wie gerade die gegenwärtige. In Deutschland wartet man auf die Beendung des Krieges vielleicht noch ungeduldiger als bei uns. Und doch kann man jetzt noch nichts voraussagen, und wäre es auch nur auf drei Monate. Werden wir den Krieg noch vor den letzten und schicksalsschweren Umwälzungen in Europa beenden? Alles dies ist noch ungewiß. Doch ob wir Deutschland noch werden zu Hilfe eilen können oder nicht, jedenfalls rechnet Deutschland auf uns nicht als zeitweiligen, sondern als _ewigen_ Bundesgenossen. Was aber die Gegenwart anbetrifft, so kann man nur sagen, daß der Schlüssel zur Katastrophe in Frankreich und in der Wahl des neuen Papstes liegt. So kann denn der jetzt schon so gut wie sichere Zusammenstoß Deutschlands mit Frankreich bald erfolgen, besonders da England sich die größte Mühe gibt, sie aufeinander zu hetzen, und dann auch Österreich das Seine dazu beitragen wird ...
Auf jeden Fall muß Rußland diesen günstigen Augenblick benutzen, denn wir wissen nicht, wie lange er noch währen wird. Solange die jetzigen großen Führer Deutschlands noch am Ruder sind, ist die Zeit für uns wahrscheinlich am günstigsten ...
Vierter Teil.
Asien
Die Asienfrage
Was ist Asien für uns?
Geok-Tepe, die Festung der Achal Teke, ist erstürmt! Die Tekinzen sind geschlagen, und wenn sie sich uns auch noch nicht ganz unterworfen haben, so ist doch unser Sieg gewiß![50]
Die Gesellschaft und die Presse sind wieder einmal stolz ... Doch wie lange ist es denn her, daß sich diese wie jene noch vollkommen gleichgültig zu unseren transkaspischen Angelegenheiten verhielten? War das nicht, wenn ich mich recht erinnere, noch vor kurzem, noch nach dem ersten Mißerfolge General Lomakins, und sogar noch zu Anfang der Vorbereitungen zum zweiten Angriff?
„Was suchen wir dort, was schert uns dieses Asien?“ hieß es damals. „Wieviel Geld ist dafür verschwendet worden, während bei uns Hungersnot und Diphtheritis herrschen und Schulen gebaut werden müssen!“
Natürlich waren längst nicht alle derselben Meinung – o nein! Doch trotzdem laßt es sich nicht leugnen, daß es eine Zeit gab, in der sich sogar sehr viele zu unserer Offensivpolitik in Asien feindselig verhielten. Allerdings trug die Ungewißheit der unternommenen Expedition manches zu dieser Feindseligkeit bei. Aber trotz alledem kann man nicht sagen, daß unsere Gesellschaft sich unserer Mission in Asien klar bewußt sei, noch dessen, was Asien überhaupt für uns bedeutet oder in Zukunft bedeuten wird. Die meisten europäischen Russen sehen auf unser russisches Asien – auch Sibirien einbegriffen – immer noch wie auf irgendein Anhängsel, an das man am liebsten überhaupt nicht denkt. „Wir sind Europäer,“ heißt es, „was sollen wir in Asien machen?“ oder: „Ach, dieses ewige Asien! Wir können ja nicht einmal in Europa Ordnung schaffen, da lädt man uns nun zum Überfluß auch noch Asien auf den Hals! Ach was, – schütteln wir es einfach ab!“ Diese Auffassung wird selbst jetzt noch von unseren „Klugen“ geteilt (die haben sie natürlich nur von ihrem allzu großen Verstande) ...
Der Sieg Skobeleffs wird in ganz Asien, selbst in seinen weltfernsten Winkeln, Widerhall finden. „Also hat sich wieder ein wildes und stolzes mohammedanisches Volk dem weißen Zaren unterworfen,“ werden jetzt die asiatischen Völker denken. Möge das Echo unseres Sieges über ganz Asien hallen, bis nach Indien hin! Möge es in diesen Millionen von Menschen den Glauben an die Unbesiegbarkeit des weißen Zaren verstärken! Auf diesem Wege können wir nicht mehr stehenbleiben. Diese Völker können ihre Chans und Emire behalten, in ihrer Phantasie mag England, dessen Macht sie in Erstaunen setzt, als drohende Wolke fortbestehen, – doch der Name des weißen Zaren muß über den Chans und Emiren stehen, muß über dem der Kaiserin von Indien leuchten, ja sogar über dem des Kalifen. Der weiße Zar ist Zar auch des Kalifen. Diese und keine andere Überzeugung muß dort Wurzel schlagen! Und das geschieht ja auch schon von Jahr zu Jahr immer mehr, und das ist es, was not tut, denn es bereitet die Zukunft vor und gewöhnt jene Völker an das Unvermeidliche.
„Was für eine Zukunft? Worin besteht die Notwendigkeit, Asien uns einzuverleiben? Was sollen wir denn in Asien tun?“
„Es ist eine Notwendigkeit, weil Rußland nicht nur in Europa liegt, sondern auch in Asien, weil der Russe nicht nur Europäer, sondern auch Asiate ist. Weil in Asien vielleicht noch mehr unserer Hoffnungen liegen als in Europa. Und das ist noch nicht alles: in unserem zukünftigen Schicksal wird gerade Asien unser Ausweg sein!“
Ich fühle schon im voraus den Unwillen, mit dem viele meine rückständige Anschauung lesen werden; – für mich aber ist das Gesagte bereits ein Axiom. Ja, wenn es eine wichtige kranke Wurzel bei uns gibt, eine, die man um jeden Preis heilen muß, so ist das gerade unsre Auffassung von Asien. Wir müssen die knechtische Furcht, Europa könnte uns asiatische Barbaren nennen und von uns sagen, wir seien überhaupt noch nicht Europäer geworden, doch endlich einmal überwinden. Diese Angst vor der „Schande“, Europa könnte uns vielleicht doch für Asiaten halten, verfolgt uns ja fast schon zweihundert Jahre lang. Doch in diesem neunzehnten Jahrhundert hat diese Scham sich in uns noch ganz besonders verstärkt: sie ist beinahe schon in Panik ausgeartet. Diese falsche Scham und falsche Selbstbeurteilung, wenn wir uns ausschließlich für Europäer halten und nicht auch für Asiaten (die zu sein wir nie aufgehört haben), sind uns in diesen letzten zwei Jahrhunderten teuer, sehr teuer zu stehen gekommen: wir haben ihretwegen unsere geistige Selbständigkeit eingebüßt und sie mit unserer mißlungenen europäischen Politik bezahlt, und schließlich noch mit Geld, und Geld, und Geld, das, Gott weiß wieviel, dafür verschwendet worden ist, nur um Europa zu beweisen, daß wir ausschließlich Europäer seien und keineswegs Asiaten ... Aber der Vorstoß Peters nach Europa ist denn doch zu stark gewesen, wenn er am Anfang auch notwendig und erlösend war, und so tragen eigentlich nicht wir die Schuld an unserer schiefen Stellung. Was haben wir nicht alles getan, damit Europa uns als die _Seinigen_ anerkenne, als Europäer, als _Nur_-Europäer und _Nicht-Tataren_! Allstündlich und unermüdlich sind wir hingelaufen und haben uns immer wieder aufdringlich angeboten. Bald haben wir Europa durch unsere Kraft erschreckt, unsere Heere hingeschickt, um die „Könige zu retten“; bald wiederum haben wir uns vor ihm gebeugt und geschworen, unsere einzige Aufgabe sei, nur ihm, Europa, zu dienen und es glücklich zu machen! Als wir 1812 Napoleon vertrieben hatten, versöhnten wir uns nachher nicht mit ihm, wie es damals einige kluge und einsichtsvolle Russen rieten und wünschten, sondern rückten in geschlossenen Reihen weiter, um Europa zu beglücken, da wir es nun einmal von dem großen Thronräuber befreit hatten. Das gab natürlich ein schönes Bild ab: auf der einen Seite stand der Despot und Räuber, auf der anderen – der Friedensstifter und Befreier. Doch unser politisches Glück lag damals durchaus nicht in diesem Bilde, sondern wäre anderswo zu finden gewesen. Dieser Räuber war nämlich gerade zu der Zeit, zum ersten Male während seiner ganzen Laufbahn, in einer solchen Lage, daß er sich aufrichtig und fest mit uns verbündet haben würde. Unter der Bedingung, ihn in Europa nicht zu stören, hätte er uns den Orient überlassen, und unsere heutige Orientfrage – das Unglück und das drohende Gewitter unserer Gegenwart und Zukunft – wäre jetzt schon längst abgetan. Der Usurpator hat es später selbst gesagt und hat bestimmt nicht nachträglich gelogen; denn er hätte wahrlich nichts Klügeres tun können, als auch hinfort mit uns verbündet zu bleiben, – unter der Bedingung, wie gesagt, daß wir für den Osten ihm den Westen überließen. Die europäischen Völker waren damals noch viel zu schwach, um uns im Orient zu stören; selbst England hätte es nicht gekonnt. Napoleon wäre später vielleicht gestürzt oder, wenn nicht er, dann nach seinem Tode seine Dynastie; der Orient aber wäre uns verblieben, und wir hätten jetzt das Meer und könnten England auch zur See entgegentreten. Wir aber gaben alles hin für dieses schöne lebende Bild! Und was war die Folge? Alle diese von uns befreiten Völker blickten sofort, noch bevor sie Napoleon gänzlich geschlagen hatten, mißgünstig und mit den gehässigsten Verdächtigungen auf uns. Auf den Kongressen verbündeten sie sich alle gegen uns und nahmen alles für sich, uns aber ließen sie nichts, und außerdem zwangen sie uns noch zu Versprechungen, die für Rußland selbst nur nachteilig waren. Und trotz dieser erhaltenen Lehre, – was haben wir in all den folgenden Jahren des Jahrhunderts und noch bis auf den heutigen Tag getan? Haben wir nicht zur Verstärkung der deutschen Mächte noch beigetragen? Haben wir nicht ihre Kraft so anwachsen lassen, daß sie jetzt vielleicht mächtiger sind als wir selbst? Es ist wirklich nicht übertrieben, wenn man sagt, daß wir ihr Wachstum und ihre Stärke gefördert haben. Sind wir nicht auf ihren Ruf hingegangen, um ihre Zwietracht beizulegen, haben wir nicht ihren Rücken geschützt, wenn ihnen Gefahr drohte? Und siehe – waren es nicht gerade sie, die uns in den Rücken fielen, als _uns_ Gefahr drohte, und wollten sie uns nicht in den Rücken fallen, als eine andere Gefahr sich uns näherte? Und die Folge ist, daß jetzt jeder in Europa, jede Rasse, jede Nation einen Stein für uns in der Tasche bereit hält und nur auf den ersten Anlaß wartet, um ihn auf uns zu schleudern. Was haben wir also von den Europäern dadurch erworben, daß wir ihnen so oft gedient? – Nur ihren Haß!
Warum nur haßt uns Europa so sehr, warum können die Menschen dort nicht ein für allemal Zutrauen zu uns fassen und uns glauben, daß wir ihre Freunde und Diener sind, ihre guten, treuen Diener? Und daß sogar unsere ganze europäische Bestimmung nur ist: Europa und seiner Wohlfahrt zu dienen. Oder wenn das vielleicht auch nicht ganz stimmen sollte, so haben wir doch das ganze Jahrhundert hindurch danach gehandelt. Haben wir denn etwas für uns getan, etwas für uns erstrebt? Alles doch nur für Europa, immer nur für Europa! ... Nein, sie können kein Zutrauen zu uns fassen! Warum nicht? – Weil es ihnen unmöglich ist, uns als _Ihresgleichen_ anzuerkennen.
Niemals und für keinen Preis werden sie es glauben, daß wir fähig sind, zusammen mit ihnen und auf ihrer Höhe an der ferneren Entwicklung der Kultur mitzuwirken. Sie sagen, wir seien unfähig, ihre Kultur zu begreifen, seien Fremdlinge in Europa, Namensusurpatoren. Sie nennen uns Diebe, die ihre Bildung stehlen und sich mit ihren Kleidern schmücken. Türken und Semiten stehen ihrem Herzen näher als wir Arier. All dieses hat nun natürlich einen gewichtigen Grund: wir tragen eine ganz besondere Idee, eine andere als sie, in die Menschheit – das ist die Ursache! Und das tun wir – trotz der krampfhaften Versicherungen unserer „russischen Europäer“ in Europa, daß es bei uns überhaupt keine besondere Idee gebe, und es auch weiterhin keine geben werde, daß Rußland überhaupt nicht fähig sei, eine eigene Idee zu haben, sondern höchstens nachahmen könne, und es dabei auch bleiben werde, also beim Nachahmen, und daß wir keineswegs Asiaten oder Barbaren seien, sondern durchaus ganz so wie sie – „Europäer“. Europa jedoch glaubt unseren „russischen Europäern“ _wenigstens dieses eine nicht_. Was dies anbetrifft, so stimmt es in seinen Schlüssen eher mit den Slawophilen überein, obgleich es die letzteren höchstens vom Hörensagen kennt, oder selbst das nicht einmal. Diese Übereinstimmung besteht in folgendem: Europa glaubt, ganz wie die Slawophilen, daß wir eine „Idee“ haben, eine eigene, besondere und nicht europäische Idee, und daß Rußland fähig sei, eine Idee zu haben. Vom Wesen dieser Idee weiß Europa natürlich noch nichts, – denn wenn es etwas von ihm wüßte, würde es sich sofort beruhigen, ja sogar freuen. Doch einmal wird es unsere Idee bestimmt kennen lernen, und zwar gerade in dem Augenblick, wenn seine kritische Zeit anbricht. Jetzt jedoch traut uns Europa noch nicht; indem es uns überhaupt eine Idee zugesteht, fürchtet es sie bereits. Und schließlich: wir erregen in den Europäern doch nur Ekel, sogar persönlichen Ekel, obgleich man dort zuweilen auch höflich gegen uns ist. Man gibt dort gerne zu, daß die russische Wissenschaft, so jung sie sei, doch schon mehrere bemerkenswerte Vertreter aufzuweisen hat, sowie mehrere gute Arbeiten, die sogar ihrer europäischen Wissenschaft zustatten gekommen sind. Doch um nichts in der Welt würde uns Europa jetzt glauben, daß bei uns in Rußland nicht nur Arbeiter in der Wissenschaft – sogar sehr begabte – geboren werden können, sondern auch Genies, Führer der Menschheit, von der Art der europäischen! Daran werden die Europäer niemals glauben, denn sie können doch nicht _uns_ Kulturfähigkeit zugestehen, und von unserer aufsteigenden Idee wissen sie ja noch nichts. Nach den Tatsachen zu urteilen, haben sie ja schließlich auch recht; denn ganz gewiß werden wir weder einen Bacon, noch einen Newton, noch einen Kant hervorbringen, so lange wir uns nicht „gerade“ auf den Weg stellen und geistig selbständig werden. Was das übrige betrifft, so ist es dasselbe – in der Kunst, wie im Gewerbe: Europa ist bereit, uns zu loben, uns wie einem braven Jungen den Kopf zu streicheln, doch als die Seinigen erkennt es uns nicht an, o nein! Dazu verachtet es uns innerlich und äußerlich viel zu sehr! Es hält uns für niedriger als Menschen, niedriger als Rasse, und zuweilen flößen wir ihm sogar Ekel ein, Ekel im allgemeinen – und Ekel im besonderen, wenn wir uns mit brüderlichen Küssen ihm an den Hals werfen.
Es ist schwer, sich von dem Fenster nach Europa, das Peter für uns durchbrochen hat, abzuwenden – das ist nun einmal unser Verhängnis. Indessen ist aber Asien ... – Ja, das kann doch tatsächlich unsere Rettung sein! Wenn sich bei uns nur ein etwas richtigeres Verständnis für Asien, für diese Idee „Asien“ durchsetzen würde, welch eine große nationale Wurzel würde dann gesunden! Asien, unser asiatisches Rußland –, das ist ja gleichfalls eine unserer kranken Wurzeln, eine, die man nicht nur pflegen, nein, die man ganz ausgraben und von neuem pflanzen muß! Ein Prinzip, ein neues Prinzip, eine neue Anschauung – das ist es, was uns not tut!
Fragen und Antworten
„Ja, aber warum denn, wozu?“ höre ich gereizte Stimmen fragen. „Asien kostet uns sowieso schon viel verlorenes Geld und ununterbrochen Militär. Und wo ist denn dort Industrie? Und wo findet man dort Abnehmer für unsere Waren? Und da verlangen Sie nun, aus unbekannten Gründen, wir sollen uns auf ewig von Europa abwenden!“
„Nicht auf ewig, nur zeitweilig und auch nicht ganz; wir würden uns doch nicht losreißen können, selbst wenn wir es wollten. Wir dürfen Europa nicht ganz verlassen. Aber das ist auch durchaus nicht nötig. Europa ist und bleibt ‚das Land der heiligen Wunder‘ – wie es der eifrigste Slawophile benannt hat. Europa ist uns gleichfalls eine Mutter, wir haben viel von ihr genommen und werden noch vieles von ihr nehmen, und wir wollen doch nicht undankbar sein. Ich habe einmal über die; große zukünftige Bedeutung des russischen Volkes für Europa – meine Überzeugung – einige Worte im vorigen Jahr zur Puschkinfeier in Moskau gesagt, und man hat mich dafür später mit Schmutz und Schimpf beworfen, und sogar diejenigen haben es getan, die mich damals für meine Worte umarmten – ganz, als ob ich etwas Schmutziges, Gemeines begangen hätte, als ich mein Wort sagte.
Doch vielleicht wird man dieses Wort nicht vergessen. Übrigens, lassen wir das ruhen. Wir haben nichtsdestoweniger das Recht, für unseren Auszug aus Ägypten Sorge zu tragen; denn wir selbst haben uns aus Europa gewissermaßen ein geistiges Ägypten gemacht.“
„Erlauben Sie mal! Wodurch kann uns denn Asien selbständig machen? Wir können dort höchstens asiatisch einschlafen, nicht aber selbständig werden!“
„Sehen Sie, durch die Wendung nach Asien und durch unsere neue Auffassung dieses Landes kann mit uns vielleicht dasselbe geschehen, was zum Beispiel mit Europa geschah, als Amerika entdeckt wurde. Denn genau genommen ist Asien für uns dieses selbe von uns bisher noch nicht entdeckte damalige Amerika. Mit der Strömung nach Asien wird sich unser Geist wieder erheben und werden sich unsere Kräfte wieder stärken. Sind wir erst selbständiger geworden, so werden wir auch sofort wissen, was wir zu tun haben; in und mit Europa aber haben wir uns in zweihundert Jahren nur von jeglicher Arbeit entwöhnt und sind zu Schwätzern und Faulenzern geworden.“