Sämtliche Werke 13

Part 30

Chapter 303,362 wordsPublic domain

Die Stadt M. ist eine große Gouvernementsstadt im Westen, und es gibt dort sehr viele Juden, Deutsche, Russen natürlich, Polen und Litauer, und alle diese Nationalitäten liebten den Alten, als ob er zu ihrer Nationalität gehört hätte. Selbst aber war er Protestant und Deutscher, – gerade ein Deutscher: die Art und Weise, wie er dem armen Juden die Kuh schenkte, ist ein echt deutscher Witz. Zuerst verblüfft er ihn: „Wie wirst du mir nun alles bezahlen?“ Und natürlich hat der Arme, als er hinging, um seine letzte Ziege zu verkaufen, um den „Wohltäter“ bezahlen zu können, keineswegs gemurrt, sondern nur in tiefster Seele bedauert, daß die Ziege im ganzen nicht mehr als 4 Rubel wert war. Was aber sind 4 Rubel für alle von dem armen Doktor ihm und seiner Familie erwiesenen Wohltaten? Und wie zufrieden muß der alte Doktor bei sich gelächelt haben, als die Kuh zum Juden gebracht wurde. „Na, ich werde ihm mal unseren deutschen Witz zeigen,“ sagt er sich und ist womöglich die ganze Nacht, die er am Bette einer armen Wöchnerin verbringt, in froher Stimmung. Wenn ich Maler wäre, würde ich bestimmt ein Bild in diesem Genre malen, so eine Nacht in einer grauenvollen armen Hütte. Über alles liebe ich den Realismus in der Kunst, doch in den meisten Bildern unserer heutigen Realisten fehlt das „_sittliche Zentrum_“, wie sich vor kurzem ein großer Dichter und feiner Künstler in seiner Kritik über Semiradskis Bild ausgedrückt hat. Hier, in diesem von mir für ein Genrebild vorgeschlagenen Stoff würde, glaube ich, solch ein sittliches Zentrum sein. Und welch ein prachtvoller Stoff für einen Künstler! Erstens, die ideale, die schier unmögliche, schmutzigste Armut der jüdischen Hütte. Man kann sogar noch viel Humor hierbei verwenden; Humor ist ja doch die Spitzfindigkeit eines tiefen Gefühls – diese Bezeichnung gefällt mir ungemein. Mit feinem Gefühl und Verstand könnte der Künstler viel aus dem alten Hausgerät der armen Hütte machen. Und prachtvoll würde sich die Beleuchtung ausnehmen: ein brennendes Stümpfchen Talglicht auf einem schiefen Tisch und durch das einzige bereifte Fenster, durch die Eisblumen der Scheibe, das Morgengrauen des anbrechenden Tages. Die Frau hat erst bei Tagesanbruch geboren, und nun müht sich der alte Doktor um das Neugeborene. Keine Windeln, kein einziger Lappen im Hause (es gibt solche Armut, meine Herrschaften, ich versichere Sie, es ist der reinste Realismus – ein Realismus, der sozusagen bis ans Phantastische reicht) – und da hat denn der Greis schon seinen fadenscheinigen Rock ausgezogen und darauf das Hemd, das er nun zu Windeln zerreißt. Sein Gesicht ist ernst und nachdenklich. Der kleine neugeborene Judenbengel zappelt vor ihm auf dem Bett, und der Christ nimmt das Jüdchen auf seinen Arm und wickelt es in das Hemd, das er von seinen eigenen Schultern gezogen. Darin steckt die wahre Lösung des Judenproblems, meine Herrschaften! Der achtzigjährige nackte und von der Morgenkälte zitternde Körper des Doktors kann im Bilde im Vordergrunde stehen. Viel läßt sich natürlich aus seinem Gesichtsausdruck, sowie dem der jungen Mutter machen: sie sieht auf ihr Neugeborenes und wundert sich über das, was der Doktor mit ihm anstellt. „Dieser arme, kleine Jude wird groß werden und vielleicht auch einmal sein Hemd abziehen, um es einem Christen zu geben, wenn er sich der Geschichte seiner Geburt erinnert“ – denkt vielleicht in naivem und edlem Glauben der Alte bei sich. Wird das je geschehen? Wahrscheinlich nicht, aber es ist doch nicht ausgeschlossen, daß es geschieht. Das Beste, was wir tun können, ist – glauben, daß es geschehen könne und werde. Der Doktor aber hat schon ein Recht, daran zu glauben; denn in ihm ist es ja schon geschehen: „Habe ich es getan, so wird es auch ein anderer tun; bin ich denn besser als ein anderer?“ sagt er sich, um sich zu stärken ... Ja, dieses Bild würde, glaube ich, ein „sittliches Zentrum“ haben.

Ein einzelner Fall! Vor zwei Jahren schrieb man aus dem Süden Rußlands – ich habe vergessen, aus welch einer Stadt – von einem Doktor, der am Morgen eines heißen Tages aus der Badeanstalt kam und gerade schnell nach Hause eilte, um Kaffee zu trinken, und deshalb an einem beim Baden Ertrunkenen keine Wiederbelebungsversuche machen wollte, trotz der Bitte der Volksmenge. Ich glaube, er ist deswegen verurteilt worden. Aber das war vielleicht ein gebildeter Mensch, ein Anhänger der neuen Ideen, ein Fortschrittler, der bloß „im Prinzip“ neue Gesetze und Gleichberechtigung verlangte, „einzelne“ Fälle jedoch nicht weiter beachtete. Vielleicht glaubte er sogar, die einzelnen Fälle könnten eher schaden, indem sie die allgemeine Entscheidung hinausschöben, und daß es in betreff einzelner Fälle „je schlimmer, desto besser“ sei. Jener „Allmensch“, wie ich den anderen Typ, jenen alten Doktor, nennen möchte, hat doch, wenn er auch nur ein einzelner war, über seinem Grabe die Bevölkerung einer ganzen Stadt vereinigt. Die russischen Weiber und die armen Jüdinnen haben gemeinsam seine Füße geküßt, haben sich gemeinsam an seinen Sarg gedrängt und zusammen geweint. Achtundfünfzig Jahre Dienst für die Menschheit, achtundfünfzig Jahre unermüdlicher Liebe haben alle wenigstens einmal um einen Sarg in gleicher Begeisterung und in gemeinsamer Trauer vereinigt. Die ganze Stadt begleitet ihn, die Glocken _aller_ Gotteshäuser läuten, und in allen Sprachen werden die Gebete für ihn gesungen. Der Pastor und der Rabbiner reden an dem offenen Grabe, jeder in seiner Sprache, jeder in seiner Art, und doch mit den gleichen Gefühlen. In diesem Augenblick war doch die „Judenfrage“ überwunden! Der Pastor und der Rabbiner haben sich an diesem Grabe in gemeinsamer Liebe vor allen Christen und Juden vereinigt. Was liegt daran, daß jeder, wenn er vom Kirchhof zurückgekehrt ist, wieder in seine alten Vorurteile verfällt? Steter Tropfen höhlt den Stein: diese „Allmenschen“ besiegen die Welt, indem sie sie vereinigen. Die Vorurteile werden mit jedem „einzelnen“ Fall mehr und mehr verblassen und endlich ganz verschwinden. „Über den Alten haben sich Legenden gebildet,“ schreibt Fräulein L., gleichfalls eine Jüdin. Die Legende aber ist der erste Schritt zur Sache; sie ist eine lebendige Erinnerung und ein unermüdliches Erinnern an diese „Besieger der Welt“, denen die Erde gehört. Hat man aber einmal den Glauben gefaßt, daß das wirklich Besieger sind, und daß solchen Menschen wirklich „die Erde gehören wird“, so hat man sich fast schon mit allem ausgesöhnt. All das ist furchtbar einfach, – schwierig scheint nur eines zu sein: nämlich, sich zu überzeugen, daß jede große Gesamtzahl sich aus Einern zusammensetzt. Alles würde sonst auseinanderfallen, wenn diese Einzelnen nicht wären. Diese Einzelnen geben den Gedanken, geben den Glauben, geben das lebendige Beispiel, somit also auch den Beweis. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, so lange zu warten, bis alle oder wenigstens sehr viele ebenso gut geworden sind wie sie: es sind nur sehr wenige solcher Menschen erforderlich, um die Welt zu retten, dermaßen stark und mächtig sind sie. Ist dem aber so, – wie soll man dann nicht hoffen?

Dritter Teil.

Balkan und Orient

Idealisten oder Zyniker

Erinnert sich vielleicht noch jemand der Abhandlung über die Orientfrage, die der unvergeßliche Professor und unvergleichliche Russe Timofei Nikolajewitsch Granowski – wenn es wahr ist – im Jahre 1855 geschrieben hat, also gerade zur Zeit unseres Krieges mit Europa, zu Beginn der Belagerung von Sebastopol? Ich habe sie jetzt[40] in Anbetracht der wieder akut gewordenen Orientfrage nach langen Jahren nochmals durchgelesen: und dieses alte ehrwürdige Schriftstück interessierte mich diesmal weit mehr als damals, da ich es zum erstenmal las und mit ihm vollkommen übereinstimmte. Es fiel mir jetzt besonders zweierlei auf: erstens – die Anschauung eines damaligen Westlers über unser Volk; und zweitens, und hauptsächlich – die, sagen wir, psychologische Bedeutung des Artikels. Ich kann es nicht unterlassen, meine Eindrücke hier mitzuteilen.

Granowski war ein beispiellos reiner, edler, guter Mensch: Idealist der vierziger Jahre, dabei zweifellos eine ganz eigene, sonderbare und äußerst originelle Erscheinung in der Reihe unserer damaligen bekannteren führenden Geister. Er war unser ehrlichster Stepan Trophimowitsch Werchowenski (in meinem Roman „Die Dämonen“ der Typ des Idealisten der vierziger Jahre; ich liebe diesen Stepan Trophimowitsch und achte ihn sehr), und vielleicht hatte Granowski nicht einmal den geringsten komischen Zug, der doch sonst diesem Typ gewöhnlich anhaftet. Übrigens sagte ich, daß mich die _psychologische_ Bedeutung dieses Aufsatzes frappierte; und diese Bedeutung erschien mir sogar sehr ergötzlich. Ich weiß nicht, ob man mir zugeben wird, daß unser russischer Idealist, der sogenannte „patentierte“ Priester des „Schönen und Erhabenen“, wenn er plötzlich bei irgendeiner Gelegenheit das Bedürfnis empfindet, seine Meinung über eine Sache kundzutun – nicht etwa über ein Gedicht, o nein, sondern über eine praktische, wichtige und ernste Sache, sagen wir: über eine politische oder soziale Angelegenheit, und wenn er sie nicht nur nebenbei bemerken, sondern ein entscheidendes und richtendes Wort über diese Frage sagen und noch obendrein mit diesem Worte einen Einfluß ausüben will –, sich plötzlich wie durch ein Wunder nicht nur in einen fanatischen Realisten und Prosaiker verwandelt, sondern sogar in einen Zyniker. Ja, und nicht nur das: gerade auf diesen Zynismus, auf diese Prosaik ist er dann noch ganz besonders stolz. Die Ideale läßt er dann ganz beiseite: Ideale sind Unsinn, sind Poesie, sind Gedichte; an ihre Stelle aber setzt er die „reale Wahrheit“. Doch aus ebendieser Wahrheit wird dann immer gleich Zynismus: im Zynismus sucht er sie, im Zynismus allein scheint sie ihm enthalten zu sein. Je gröber, je trockener, je herzloser – desto „realer“ ist es seiner Meinung nach. Warum? Nun, weil unser Idealist im gegebenen Falle sich seines Idealismus schämt. Außerdem fürchtet er, man könnte ihm sagen: „Ach, Sie Idealist, was verstehen Sie denn von solchen Dingen! Predigen Sie doch das Schöne, wenn’s Ihnen Spaß macht, uns aber überlassen Sie die Geschäfte.“ Sogar Puschkin hatte diesen Zug: der große Dichter schämte sich mehr als einmal, daß er „_nur_ Dichter“ war. Vielleicht gibt es diese Charaktereigenschaft auch bei Dichtern anderer Völker, doch ist es kaum anzunehmen, – wenigstens werden sie sie nicht in dem Maße haben wie wir Russen. In Europa haben sich die Menschen dank der uralten Gewöhnung aller und eines jeden an die Arbeit in den vielen Jahrhunderten schon klassifizieren können, je nach ihrer Beschäftigung und Stellung, und fast ein jeder von ihnen kennt, versteht und achtet sich – wie in seiner Tätigkeit so auch in seiner Bedeutung. Bei uns aber ist es nach zweihundertjähriger Entwöhnung von jeglicher Arbeit etwas anderes. Die heimliche, tiefinnerliche Nichtachtung seiner selbst finden wir sogar bei so großen Menschen wie Puschkin und Granowski. Da letzterer, dieser unschuldige, aufrichtige Mensch, es plötzlich für durchaus nötig fand, sich aus einem Professor der Geschichte in einen Diplomaten zu verwandeln, verstieg er sich in seinen Urteilen sofort bis zu den sonderbarsten Behauptungen – z. B., daß wir von Österreich für die Hilfe, die wir ihm während seines Kampfes mit den Ungarn gebracht, überhaupt keine Dankbarkeit erwarten dürften, und das nicht etwa, weil Österreich undankbar und falsch wäre – keineswegs! Nein, er sieht in der Haltung Österreichs nichts Schlechtes und behauptet sogar, daß es so, wie es gehandelt hat, habe handeln _müssen_, und daß unsere Hoffnung auf seine Dankbarkeit ein unverzeihlicher und lächerlicher Fehler unserer Politik gewesen sei. Ein Privatmann, sagt er, ist einer für sich, ein Staat aber – ist etwas anderes; ein Staat muß seine höheren Ziele, seine eigenen Vorteile im Auge behalten; und daher wäre Dankbarkeit verlangen, und zwar eine, die sogar bis zur Zurücksetzung der eigenen Interessen ginge, – einfach lächerlich. „Bei uns ist die Undankbarkeit und Falschheit Österreichs schon zu einem Gemeinplatz geworden,“ sagt Granowski, „doch ist in politischen Dingen von Dankbarkeit oder Undankbarkeit reden – nur ein Beweis der eigenen Naivität in der Politik. Der Staat ist keine Privatperson; er kann nicht aus Dankbarkeit seine Interessen opfern, um so weniger, als in politischen Dingen selbst die Großmut _niemals uneigennützig zu sein pflegt_.“ Dem Sinne nach heißt das etwa, daß sie es auch nicht sein soll. Mit einem Wort, der ehrenwerte Idealist behauptet sehr viel Vernünftiges und, was die Hauptsache ist, nur _Reales_: nicht immer also schreiben wir Gedichte! ... Seine Anschauung ist sehr klug, gewiß, sehr klug, – um so mehr, als sie nichts Neues ist, sondern etwas, das so lange schon existiert, wie es Diplomaten gibt. Doch trotzdem: die Haltung Österreichs mit solch einem Feuer zu verteidigen, ja, nicht nur zu verteidigen, sondern sogar zu behaupten, daß es so hat handeln _müssen_ ... Nun, man kann ja niemandem das Wort verbieten; doch es ist dabei etwas, was man nicht zugeben kann, und das einem verbietet, ihm recht zu geben, trotz der außergewöhnlichen praktischen Klugheit, die unser Historiker, Dichter und Priester des Schönen so unerwartet kundtut. Mit dieser Anerkennung der Heiligkeit des jeweiligen Vorteils, des unmittelbaren und sofortigen Gewinnes, mit dieser Anerkennung, daß es recht und billig sei, auf Ehre und Gewissen zu spucken, wenn man einen Bissen an sich reißen will – allerdings: damit kann man es sehr weit bringen! Damit kann man ja auch die Politik Metternichs durch „höhere _reale_ Ziele des Staates“ rechtfertigen! Aber machen denn nur die praktischen Vorteile, der sofortige Gewinn den wirklichen Vorteil der Nation und ihre „höhere“ Politik aus, im Gegensatz zum „Schillertum“ der Gefühle und Ideale? Das ist doch noch die Frage! Ist nicht im Gegenteil gerade die Politik der Ehre, Großmut und Gerechtigkeit, wenn auch scheinbar zum Nachteil der eigenen Interessen, – in Wahrheit aber nie zum Nachteil – die vorteilhaftere Politik für eine _große_ Nation? Sollte unser Historiker wirklich nicht gewußt haben, daß es nur diese großen und ehrlichen Ideen sind – nicht aber die kleinlichen der zeitweiligen Vorteile –, die zum Schluß in den Völkern und Nationen triumphieren, trotz der ganzen, wie es scheint, lächerlichen „Unvernünftigkeit“ dieser Ideen und ihres ganzen Idealismus, der in den Augen der Diplomaten und Metterniche so erniedrigend ist? Und daß diese Politik der Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit für eine große Nation nicht nur die „höhere“, sondern vielleicht auch die „vorteilhaftere“ ist, eben weil sie großzügig ist? Die Politik, die sich nach dem zeitweilig Praktischeren richtet, das ununterbrochene Hin und Her der Jagd nach dem nächsten Vorteil, führt die Nation ins Kleinliche und schließlich zur inneren Kraftlosigkeit des Staates. Der diplomatische Geist, der Geist des „Praktischen“ und Nächsten, des Tagesvorteils, hat sich stets als geringer denn Wahrheit, Ehre und Anstand erwiesen, und Wahrheit, Ehre und Anstand haben zum Schluß immer gesiegt; oder wenn sie noch nicht immer gesiegt _haben_, so _werden_ sie siegen, denn also wollen es die Menschen. Als der Negerhandel aufgehoben wurde, gab es da nicht hunderttausend schwerwiegende Einwände, wie z. B., daß diese Aufhebung äußerst unpraktisch sei und sogar den Interessen aller Völker schaden werde? Man verstieg sich sogar bis zu der Behauptung, der Negerhandel sei moralisch durchaus notwendig, und rechtfertigte diese Notwendigkeit dann noch mit dem Rassenunterschied und schließlich mit der Folgerung, daß der Neger eigentlich überhaupt kein Mensch sei ... Als die nordamerikanischen Kolonien sich zum Kampf gegen England erhoben, schrie man da nicht im praktischen England, daß die Befreiung der Kolonien von der Herrschaft Englands der Untergang der englischen Interessen, eine Erschütterung, ein Unglück sein werde? Und erhoben sich nicht auch bei uns solche Stimmen, als unser leibeigener Bauer befreit werden sollte? Sagten da nicht alle praktischen Geister, daß der Staat einen schlechten, unbekannten, gefährlichen Weg einschlage, zum Unglück des ganzen Volkes, und daß nicht darin die höhere Politik bestünde; daß der Staat vielmehr reale Interessen verfolgen müsse, nicht aber Interessen, die bloß auf modernen ökonomischen Erwägungen oder auf noch nicht erprobten Theorien begründet sind, kurz, daß der Staat die Führung niemals dem „Sentiment“ überlassen dürfte!? Doch wozu so weit zurückgreifen! Vor uns steht jetzt die Slawenfrage: – rät man uns etwa nicht, sie auf immer auszuschalten!? Zwar behauptet Granowski, daß wir uns durch die Balkanslawen nur bereichern und im Westen befestigen wollen, doch glaube ich, daß er sich auch hierin täuscht; denn welch einen Vorteil könnte uns der Besitz der Balkanslawen einbringen (selbst in der Zukunft), und wodurch würden wir uns denn bereichern? Durch das Mittelländische Meer etwa, oder gar durch Konstantinopel, „das man uns nie und nimmer geben wird“? Das ist doch nur ein schöner Vogel, der in den Wolken herumfliegt und uns, wenn wir ihn fangen wollten, lediglich Ärger und Mühe bereiten würde – auf tausend Jahre womöglich. Wäre das nun ein praktischer Vorteil? Die Slawen werden uns nur Sorgen und viel Mühe bereiten; besonders jetzt, da sie noch nicht zu uns gehören. Ihretwegen sieht Europa schon hundert Jahre lang eifersüchtig auf uns Russen, und ihretwegen ist es auch jetzt noch bereit, das Schwert zu ziehen und seine Kanonen auf uns zu richten. Da ist es doch das Beste, die Slawen einfach Slawen bleiben zu lassen, um Europa endlich zu beruhigen. Würden wir aber selbst dann das Gewünschte erreichen? Europa würde uns doch bestimmt nicht mehr glauben, daß wir auf den Besitz der Balkanslawen verzichten wollten; also würden wir das Gegenteil erst zu beweisen haben: würden uns selbst auf die Slawen stürzen, sie brüderlichst erwürgen und die Türkei gegen sie unterstützen müssen. „Ja, ja, liebe Brüder, der Staat ist keine Privatperson: er kann doch nicht aus Großmut seine Interessen opfern! Wußtet ihr das wirklich noch nicht?“ Und wieviel praktische Vorteile – reale, nicht nur erträumte – hätte dann Rußland mit einem Schlage! Die Orientfrage würde sofort aufhören zu existieren, Europa würde uns, wenn auch nur auf kurze Zeit, sein Vertrauen schenken, unser Kriegsbudget würde entlastet werden, unser Kredit und der Wert unseres Rubels würden wieder steigen – was will man mehr! Und überdies würde ja der Vogel immer noch über unserem Haupte bleiben ... Aber die Frage muß doch einmal beantwortet werden! Und da sollen wir nun Finten machen und abwarten –: „Der Staat ist keine Privatperson, er darf nicht aus Großmut seine Interessen opfern, – doch mit der Zeit ... wenn es den Slawen nun einmal beschieden ist, ohne uns nicht auszukommen, so werden sie sich uns von selbst anschließen. Nun, und dann werden wir uns wieder mit unserer Liebe und Brüderlichkeit an sie heranschlängeln können.“ Übrigens findet Granowski, daß unsere Politik das ganze letzte Jahrhundert hindurch geradeso gehandelt habe (nämlich die Slawen unterdrückt und sie den Türken ausgeliefert), daß unsere Balkanpolitik immer eine Eroberungspolitik gewesen sei und anders überhaupt nicht hätte sein können, – also nach seiner Meinung so hätte sein „_müssen_“. Rechtfertigt er doch bei anderen Nationen dieselbe Politik, warum verteidigt er sie dann nicht auch bei uns, wenn wir, wie er sagt, dieselbe Politik treiben –?

Wie ist es nur möglich, daß unsere Politik in der Slawenfrage noch immer nicht allen klar geworden ist!?

Früher oder später muß Konstantinopel doch uns gehören

Unser Verhältnis zum Orient[41]

Es war im vorigen Jahr im Juni, daß ich schrieb, früher oder später müsse Konstantinopel doch uns gehören.[42] Es war damals eine heiße, eine herrliche Zeit: der Geist und das Herz ganz Rußlands erhoben sich und das Volk zog freiwillig aus, um Christus und die Rechtgläubigen zu verteidigen, um für unsere dem Glauben und dem Blute nach slawischen Brüder zu kämpfen. Wenn ich auch diesen meinen Artikel „Utopische Geschichtsauffassung“ betitelte, so glaubte ich doch fest an meine Worte und hielt sie keineswegs für utopisch. Die Gedanken, die ich in jenem Artikel aussprach, stellte ich durchaus nicht als solche hin, die sofort in Erfüllung gehen müssen, sondern als solche, die sich einmal in der Zukunft, jedenfalls aber _bestimmt_ verwirklichen werden, dann nämlich, wenn die historische Zeit dazu gekommen sein wird, – die Zeit, deren Nähe oder Ferne man allerdings nicht voraussagen, wohl aber vorausfühlen kann.

Seit dem Erscheinen dieses Artikels sind neun Monate vergangen. Wir erinnern uns noch alle dieser begeisterten Zeit, die anfänglich so voll Hoffnungen war, dann aber so aufregend wurde, und die bis jetzt noch zu nichts geführt hat, so daß nur Gott allein wissen mag – ich glaube, nur so kann man sich ausdrücken –, womit sie enden wird: wird es zum Kriege kommen, oder wird sich die Entscheidung wieder auf lange hinausschieben? Doch was da auch kommen mag – aus irgendeinem Grunde drängt es mich, gerade jetzt noch einige ergänzende und erklärende Worte meinen Gedanken, die ich im Juni über das Schicksal Konstantinopels schrieb, hinzuzufügen. Was jetzt auch kommen mag, sei es Friede, sei es wieder ein Nachgeben von seiten Rußlands, früher oder später wird Byzanz doch uns gehören! Das ist es, was ich nochmals betonen will, doch dieses Mal noch von einem anderen, einem neuen Standpunkte aus.

Ja, Byzanz muß unser werden, und nicht nur als berühmter Hafen, als „Pforte“, als „Mittelpunkt der Welt“; nicht nur vom Standpunkt der längst anerkannten Notwendigkeit für solch einen Riesen wie Rußland, endlich aus seinem verschlossenen Zimmer, in dem er schon bis zur Decke gewachsen ist, in die weite Welt hinaustreten und die freie Luft der Meere und des Ozeans atmen zu können. Ich will nur eines hervorheben, etwas, das gleichfalls von großer Wichtigkeit ist, und demzufolge Konstantinopel Rußland nicht entgehen kann.