Sämtliche Werke 13

Part 29

Chapter 293,516 wordsPublic domain

Haben aber die Juden wirklich solch ein besonderes inneres, strenges Gesetz, das sie zu etwas Ganzem und Besonderem zusammenbindet, so kann man ja noch über die Frage, ob man ihnen die volle Gleichberechtigung mit dem eigenen Volke geben soll, nachdenken. Selbstverständlich muß alles, was Menschlichkeit und Gerechtigkeit verlangen, für die Juden getan werden. Doch wenn sie in ihrer vollen Rüstung und Eigenart, in ihrer nationalen und religiösen Absonderung, im Schutze ihrer Regeln und Prinzipien, die den Grundsätzen, nach denen sich bis jetzt die ganze europäische Welt entwickelt hat, so durchaus entgegengesetzt sind, – wenn sie bei alledem noch die vollständige Gleichberechtigung mit der autochthonen Bevölkerung in _allen möglichen_ Rechten verlangen: bekämen sie dann nicht, wenn man sie ihnen gewähren würde, bereits mehr als das, was das autochthone Volk selbst hat, etwas, was sie _über_ letzteres stellen würde? Hierauf wird man natürlich auf die anderen Fremdvölker in Rußland hinweisen: „Die sind gleichberechtigt oder doch so gut wie gleichberechtigt, wir Israeliten aber haben von allen Fremdvölkern die geringsten Rechte, und das nur, weil man uns fürchtet, weil wir Juden, wie es heißt, schädlicher als alle anderen Fremdvölker sein sollen. Doch wodurch sind denn gerade wir Israeliten schädlich? Wenn unser Volk auch einige schlechte Eigenschaften haben mag, so hat es sie doch nur, weil das russische Volk selbst zur Entwicklung dieser Eigenschaften beiträgt, und zwar einfach durch seine eigene Unwissenheit, durch seine Unbildung, durch seine Unfähigkeit, selbständig zu sein, durch seine geringe ökonomische Begabung. Das russische Volk verlangt ja selbst nach einem Vermittler, einem Leiter, einem Vormund in den Geschäften, einem Gläubiger, ruft ihn selbst und verkauft sich ihm freiwillig! Seht doch, wie es in Europa ist: dort haben die Völker einen festen und selbständigen Willen, eine starke nationale Entwicklung und Verständnis für die Arbeit, an die sie von jeher gewöhnt sind – dort fürchtet man sich auch nicht, den Israeliten dieselben Rechte zu geben! Hört man etwa in Frankreich von einem Schaden, den der _status in statu_ der dortigen Israeliten der französischen Nation verursachte?“

Allem Anschein nach ein starker Einwand; aber geht aus ihm nicht hervor, daß die Juden es gerade dort gut haben, wo das Volk noch unwissend ist oder unfrei oder wirtschaftlich wenig entwickelt, – daß es für sie also gerade dort vorteilhaft ist, zu leben? Anstatt nun durch ihren Einfluß das Niveau der Bildung zu heben, das Wissen zu verbreiten, die wirtschaftlichen Fähigkeiten in der eingeborenen Bevölkerung zu entwickeln, wie es die anderen Fremdvölker tun, haben die Juden überall, wo sie sich niedergelassen, das Volk noch mehr erniedrigt und verdorben, überall dort ist die Menschheit noch niedergebeugter, und ist das Niveau der Bildung noch tiefer gesunken, hat sich noch schrecklicher aussichtslose, unmenschliche Armut verbreitet, und mit ihr die Verzweiflung. Man frage doch in unseren Grenzgebieten die eingeborene Bevölkerung, was die Juden treibt, und was sie so viele Jahrhunderte hindurch getrieben hat? Man wird nur eine einzige Antwort erhalten: „Die _Unbarmherzigkeit_! ... Getrieben hat sie so viele Jahrhunderte bloß ihre Gier, sich an unserem Schweiß und Blut zu sättigen.“ Die ganze Tätigkeit der Juden in unseren Grenzgebieten hat bloß darin bestanden, daß sie die eingeborene Bevölkerung in eine rettungslose Abhängigkeit von sich gebracht haben, und zwar unter einer wirklich bewunderungswürdigen Ausnutzung der Verhältnisse. Oh, in solchen Angelegenheiten haben sie es immer verstanden, die Möglichkeit zu finden, über _Rechte_ zu verfügen. Sie haben es immer verstanden, gut Freund mit denen zu sein, von denen das Volk abhängt; in dieser Beziehung wenigstens sollten sie doch über ihre _geringen Rechte im Verhältnis zum russischen Volke_ nicht klagen. Sie haben ihrer bei uns schon übergenug –, dieser Rechte über das russische Volk! Was in den Jahrzehnten und Jahrhunderten aus dem russischen Volke dort geworden ist, wo die Juden sich niedergelassen haben – davon zeugt die Geschichte unserer russischen Grenzgebiete. Bitte jetzt irgendein anderes Volk von den Fremdvölkern Rußlands zu nennen, das sich in dieser Beziehung mit den Juden messen könnte? Man wird keines finden. In dieser Beziehung behaupten die Juden ihre ganze Originalität, im Vergleich zu den anderen Fremdvölkern Rußlands, und die Erklärung dieser Tatsache ist natürlich in diesem ihrem _status in statu_ zu suchen, dessen Wesen gerade diese Unbarmherzigkeit allem gegenüber, was nicht Jude ist, gerade diese Verachtung jedes Volkes und jeder Rasse und jedes menschlichen Wesens, das nicht Jude ist, ausmacht. Und was ist denn das für eine Rechtfertigung, daß im Westen Europas die Völker sich nicht haben besiegen lassen, und daß somit das russische Volk selbst die Schuld daran trägt, wenn der Jude es knechtet? Weil das russische Volk in den Grenzgebieten sich schwächer als die europäischen Völker erwiesen hat – infolge seiner schrecklichen, viele Jahrhunderte langen politischen Darniederlage –, nur deswegen soll man es also endgültig durch Ausbeutung erwürgen, anstatt ihm zu helfen?

Und im übrigen – da sie auf Europa, auf Frankreich z. B., hinweisen: auch dort ist dieser _status in statu_ wohl kaum so unschädlich gewesen, wie es anfänglich scheinen mag. Das Christentum und seine Idee sinken dort natürlich nicht durch die Schuld der Juden, sondern durch jener Völker eigene Schuld, doch nichtsdestoweniger kann man auch in Europa auf einen großen Sieg des Judentums, das viele früheren Ideen schon durch seine Idee verdrängt hat, hinweisen. Oh, selbstverständlich hat der Mensch zu allen Zeiten den Materialismus vergöttert und ist immer geneigt gewesen, die Freiheit bloß in der Sicherstellung seiner selbst durch „aus allen Kräften angesammeltes und mit allen Mitteln erhaltenes Geld“ zu sehen und zu verstehen. Doch noch niemals sind diese Bestrebungen so offen und so dogmatisch zum höchsten Prinzip erhoben worden, wie in unserem neunzehnten Jahrhundert. „Jeder für sich und nur für sich und alle Gemeinschaft zwischen den Menschen einzig für mich“ – das ist das moralische Prinzip der Mehrzahl der heutigen Menschen[38] und nicht einmal schlechter, sondern arbeitender Menschen, die weder morden noch stehlen. Und die Unbarmherzigkeit zu den niedrigeren Massen, der Verfall der Brüderlichkeit, die Ausnutzung des Armen durch den Reichen – oh, natürlich ist das auch früher schon und überhaupt immer gewesen, aber – aber es ward doch nicht zu einer Wahrheit und Weltanschauung, sondern ist vom Christentum stets bekämpft worden! Jetzt aber wird es im Gegenteil zur Tugend erhoben! So darf man wohl annehmen, es sei nicht einflußlos geblieben, daß an den Börsen dort allenthalben Juden herrschen, daß nicht umsonst _sie_ die Kapitale lenken, nicht umsonst _sie_ die Kreditgeber, und nicht umsonst, ich wiederhole es, _sie_ die Beherrscher der ganzen internationalen Politik sind!

Und das Ergebnis: ihr Reich nähert sich, ihr volles Reich! Es beginnt der Triumph der Ideen, vor denen die Gefühle der Menschenliebe, der Wahrheitsdurst, die christlichen und die nationalen Gefühle, und sogar der Rassen_stolz_ der europäischen Völker sich beugen. Der Materialismus triumphiert, die blinde, gefräßige Begierde nach _persönlicher_ materieller Versorgung, die Gier nach persönlichem Zusammenscharren des Geldes, und – der Zweck heiligt das Mittel –: all das wird als höchstes Ziel anerkannt, als das Vernünftige, als Freiheit, an Stelle der christlichen Idee der Rettung einzig durch engste ethische und brüderliche Vereinigung der Menschen. Man wird hierauf vielleicht lachend erwidern, daß das keineswegs durch die Juden so gekommen sei. Natürlich nicht durch die Juden allein; doch wenn die Juden in Europa gerade seit der Zeit – da diese neuen Grundsätze dort den Sieg davongetragen – die Oberhand gewinnen und gedeihen, sogar in dem Maße, daß ihre Grundsätze zum moralischen Prinzip erhoben werden, so kann man doch wohl sagen, daß das Judentum einen großen Einfluß gehabt hat. Meine Gegner weisen immer daran hin, daß die Juden im Gegenteil arm sind, und zwar überall, in Rußland nur noch ganz besonders; daß nur der kleine Wipfel dieses Volksbaumes reich ist, die Bankiers und die Könige der Börsen, von den übrigen aber fast neun Zehntel buchstäblich Bettler sind, die sich für ein Stück Brot zerreißen und Maklerdienste tun, um eine Kopeke zu erhaschen. Ja, das ist wahr, doch was sagt das schließlich? Sagt das nicht gerade, daß sogar in der Arbeit der Juden, daß sogar in ihrer ausbeutenden Tätigkeit selbst etwas Unrechtes, Unnormales, etwas Unnatürliches ist, das seine Strafe bereits in sich trägt? Der Jude verdient durch Vermittlergeschäfte, er – handelt mit fremder Arbeit. Ein Kapital ist angesammelte Arbeit; der Jude schlägt sein Kapital aus fremder Arbeit! Doch all das ändert bis jetzt noch nichts an dem Gesagten: dafür erobern die reichen Juden immer mehr die Herrschaft über die Menschheit und streben immer eifriger darnach, der Welt ihr jüdisches Antlitz aufzudrücken und ihr jüdisches Wesen zu verleihen. Spricht man über diese Eigenschaft der Juden, so sagen sie immer, auch unter ihnen gäbe es gute Menschen. Herrgott! Handelt es sich denn hier etwa darum? Ich spreche doch in diesem Fall nicht von _guten_ oder _schlechten_ Menschen. Und gibt es unter den Juden nicht gleichfalls gute? War denn der verstorbene James Rothschild etwa ein schlechter Mensch? Ich spreche doch nur im allgemeinen vom _Judentum_ und von der _jüdischen Idee_, die die ganze Welt ergreift, an Stelle des „mißlungenen“ Christentums.

Doch es lebe die Brüderlichkeit!

Aber – was rede ich eigentlich, und wozu? Oder bin ich vielleicht wirklich ein Judenhasser? Sollte es doch wahr sein, was mir eine zweifellos gebildete und edle junge Israelitin schreibt – bin ich wirklich, wie sie sagt, ein Feind dieses „unglücklichen“ Volkes, das ich „bei jeder Gelegenheit grausam angreife“? „Ihre Verachtung für das jüdische Volk, das an nichts anderes als an sich selbst denkt, wie Sie sagen,“ schreibt sie mir, „ist nur zu augenscheinlich“. – Nein, gegen diese Augenscheinlichkeit lehne ich mich auf und bestreite sie. Im Gegenteil, ich sage und schreibe gerade, daß „alles, was Menschlichkeit und Gerechtigkeit verlangen, alles, was die Gebote Christi von uns fordern, für die Juden getan werden muß“. Diese Worte habe ich schon einmal geschrieben und jetzt füge ich nur noch hinzu: ja, trotz aller Bedenken, die von mir ausgesprochen worden sind, bin ich doch für die größte Erweiterung der Rechte unserer Juden in der russischen Gesetzgebung und, wenn es nur durchführbar ist, auch für die vollste Gleichheit der Rechte mit denen der eingeborenen Bevölkerung – NB. obgleich sie schon jetzt vielleicht mehr Rechte haben, oder richtiger, mehr _Möglichkeiten, sich ihrer zu bedienen_, als das eingeborene Volk selbst. Hier geht mir nun wieder etwas anderes durch den Sinn: wenn unsere Dorfgemeinde, die unseren armen Bauern vor so viel Bösem bewahrt[39] aus irgendeinem Grunde ins Wanken und Zerbröckeln käme – wie, wenn dann diesen befreiten Bauer, der so unerfahren ist und so wenig der Verführung zu widerstehen weiß, und den bis jetzt gerade die Dorfgemeinde bevormundet hat, die Juden überfielen – was dann? Dann würde es ja mit ihm einfach zu Ende sein, dann hätte er im Augenblick alles verloren: sein ganzes Eigentum, seine ganze Kraft würde dann schon am nächsten Tage in die Hände der Juden übergehen – und dann käme eine Zeit, die man nicht nur mit der Zeit der Leibeigenschaft vergleichen könnte, sondern eher mit der des Tatarenjoches.

Doch abgesehen von allem, was mir in den Sinn kommt und was ich geschrieben habe, bin ich für ihre vollständige Gleichstellung in den Rechten, – denn also will es das Gebot Christi. Wozu aber habe ich dann so viele Seiten geschrieben, was habe ich sagen wollen, wenn ich mir so _widerspreche_? Gerade das habe ich sagen wollen, daß ich mir nicht widerspreche, daß ich russischerseits kein Hindernis für die Erweiterung der jüdischen Rechte sehe. Nur behaupte ich, daß es solcher Hindernisse weit mehr auf der Seite der Juden selbst gibt; und wenn sie bis jetzt noch nicht gleichberechtigt sind, so trägt der Russe weniger Schuld daran als der Jude selbst. Denn gleichwie der einfache Jude mit Russen weder zusammen essen noch mit ihnen verkehren will, und diese sich darüber nicht nur nicht ärgern, sondern es sofort begreifen und verzeihen („das tut er bloß, weil er solch einen Glauben hat“), ebenso sehen wir auch im intelligenten, gebildeten Juden ungemein häufig dasselbe maßlose und hochmütige Vorurteil gegen uns Russen. Oh, man höre nur, wie sie schreien, daß sie die Russen liebten! Einer von ihnen schrieb mir sogar, es bereite ihm großen Kummer, daß das russische Volk „keine Religion hat und sich unter seinem Christentum nichts denkt“! Das ist wohl etwas zu weit gegangen für einen Juden, und es erhebt sich da nur die Frage: was versteht denn dieser hochgebildete Israelit selber vom Christentum? Dieser Eigendünkel und Hochmut ist für uns Russen eine der am schwersten zu ertragenden Eigenschaften des jüdischen Charakters. Wer ist von uns unfähiger, den anderen zu verstehen: der Jude oder der Russe? Ich rechtfertige eher den Russen: der Russe hat wenigstens keinen religiösen Haß auf den Juden – entschieden nicht! Die anderen Vorurteile aber – wer hat davon mehr? Da schreien nun die Juden, daß sie so viele Jahrhunderte lang verfolgt und unterdrückt worden seien, es sogar jetzt noch seien, und daß der Russe dies zum mindesten in Betracht ziehen müsse, wenn er den jüdischen Charakter beurteilt. Gut, wir ziehen es auch in Betracht, was wir sofort beweisen können: in der intelligenten Schicht des russischen Volkes haben sich mehr als einmal Männer erhoben, die für die Rechte der Juden eingetreten sind. Was aber tun die Juden? Ziehen sie etwa die langen Jahrhunderte der Unterdrückung und Verfolgung, die das russische Volk ertragen hat, in Betracht, wenn sie die Russen anklagen? Wäre es möglich, zu behaupten, daß unser Volk weniger Leid und Elend erfahren hätte als die Juden, gleichviel wann und wo? Und wäre es möglich, gleichfalls zu behaupten, daß es _nicht_ der Jude gewesen ist, der sich mehr als einmal mit den Unterdrückern des russischen Volkes vereinigte – daß nicht er zur Zeit der Leibeigenschaft den russischen Bauern aufkaufte und somit sein unmittelbarer Beherrscher war? Das ist doch wahr, ist doch Geschichte, unbestreitbare Tatsache! Doch noch nie haben wir gehört, daß das jüdische Volk darüber Reue empfände; es klagt immer nur den russischen Bauern an und wirft ihm vor, daß er den Juden wenig liebe.

Einmal wird volle und geistige Einheit unter den Menschen herrschen, und es wird kein Unterschied in den Rechten mehr bestehen. Darum bitte ich meine Herren Israeliten-Gegner und -Korrespondenten vor allem, doch auch uns Russen gegenüber nachsichtiger und gerechter zu sein. Ist der Hochmut der Juden, ihr ewiger „mäkelnder Widerwille“ der russischen Rasse gegenüber nur ein Vorurteil, ein „historischer Auswuchs“, und _verbirgt sich darunter nicht irgendein viel tieferes Geheimnis ihrer Gesetze oder ihres Wesens_ – so wird sich all das nur um so früher zerstreuen, und wir werden uns einmütig in guter Brüderlichkeit zusammentun zu gegenseitigem Beistand und für die große Sache: unserer Erde, unserem Staate und unserem Vaterlande zu dienen! Die gegenseitigen Anklagen werden allmählich aufhören, und damit wird auch die Ausnutzung dieser Anklagen, die das klare Verständnis der Dinge verhindern, verschwinden. Für das russische Volk kann man bürgen: oh, es wird dem Juden die größte Freundschaft entgegenbringen, trotz des Glaubensunterschiedes, und doch wird es volle Achtung für die historische Tatsache dieses Unterschiedes bewahren. Trotzdem aber ist zu einer vollständigen Brüderlichkeit – _Brüderlichkeit beiderseits erforderlich_. Also möge doch der Jude wenigstens ein wenig brüderliche Gefühle zeigen, um den Russen zu ermutigen. Ich weiß, daß es unter den Juden auch jetzt schon viele gibt, die sich nach der Beseitigung der Mißverständnisse sehnen und wirklich äußerst menschenfreundlich sind – ich will die Wahrheit nicht verschweigen. Und eben damit diese nützlichen und menschenfreundlichen Leute nicht den Mut verlieren, ihre Vorurteile ein wenig abzuschwächen und damit den Anfang der Sache zu erleichtern, wünschte ich die Erweiterung der Rechte des jüdischen Volkes, wenigstens soweit sie möglich ist: eben soweit das jüdische Volk die Fähigkeit beweist, sich dieser Rechte zu bedienen, _ohne daß die eingeborene Bevölkerung darunter zu leiden hat_. Nur eines fragt sich noch: werden diese tapferen und guten Israeliten auch viel erreichen, und inwieweit sind sie selbst befähigt zu der neuen schönen Aufgabe der _wirklichen_ brüderlichen Vereinigung mit Menschen, die ihnen dem Glauben und dem Blute nach fremd sind?

Die Beerdigung des Allmenschen

Ich hatte eigentlich die Absicht, mich über sehr vieles in dieser Märznummer meines „Tagebuches“ auszusprechen; doch nun ist es wieder geschehen, daß ich über ein einziges Thema, über das ich nur einige Worte hatte sagen wollen, ganze Seiten geschrieben habe. So nehme ich mir, zum Beispiel, immer vor, etwas über Kunst zu sagen! Auch wollte ich über das neueste Bild Semiradskis sprechen – nur ein wenig –, und vor allen Dingen über den Idealismus und den Realismus in der Kunst, über Repin und Raphael; aber das werde ich noch aufschieben müssen. Und wie lange nehme ich mir schon vor, über die Briefe, besonders die anonymen, die ich so oft erhalte, zu schreiben!

Nun aber will ich doch einen Brief anführen, keinen anonymen, sondern einen von einer mir sehr gut bekannten Dame, Fräulein L., einer jungen Jüdin, deren Bekanntschaft ich in Petersburg gemacht habe. Sonderbarerweise haben wir kein einziges Mal über die „Judenfrage“ gesprochen, obgleich sie eine strenge und ernste Israelitin zu sein scheint. Wie ich sehe, hat ihr Brief eine Beziehung zu dem heute von mir geschriebenen Kapitel über die Juden. Es wäre vielleicht zuviel über dasselbe Thema, doch hier handelt es sich um etwas anderes: der Brief zeigt eine ganz andere Seite der Frage, vielleicht die entgegengesetzte, und außerdem enthält er geradezu einen Hinweis auf die Lösung des Problems. Ich hoffe, Fräulein L. wird mir verzeihen, wenn ich hier jenen Teil ihres Briefes wörtlich wiedergebe, der von der Beerdigung des Doktors Hindenburg in M. handelt. Unter dem frischen Eindruck dieser Beerdigung hat sie so aufrichtige und in ihrer Wahrheit so rührende Worte gefunden. Ich will nochmals hervorheben, daß dieser Brief von einer Jüdin geschrieben ist, daß diese Gefühle – Gefühle einer Jüdin sind ...

„Ich schreibe Ihnen unter dem tiefen Eindruck des Trauermarsches. Der 84jährige Doktor Hindenburg ist heute beerdigt worden. Da er Protestant war, wurde er zuerst in der lutherischen Kirche aufgebahrt, und von dort aus erfolgte dann die Überführung auf den Kirchhof. Solche Trauer, so von Herzen kommende Worte, so heiße Tränen habe ich noch an keinem Grabe gesehen ... Er starb in der größten Armut, so daß man zuerst nicht wußte, wie die Beerdigungskosten bestritten werden sollten.

58 Jahre praktizierte er schon in M. ... Und wieviel Gutes hat er in dieser langen Zeit getan! Wenn Sie wüßten, Fjodor Michailowitsch, was das für ein Mensch war! Er war Doktor und Frauenarzt; sein Name wird hier ewig weiterleben, es sind schon Legenden über ihn entstanden. Alle Armen nannten ihn ‚Vater‘, liebten und vergötterten ihn; doch erst seit seinem Tode begreifen sie ganz, wen sie in ihm verloren haben. Als er noch in der Kirche aufgebahrt lag, gingen alle, aber auch alle hin, um an seinem Sarge zu weinen und seine Füße zu küssen; besonders die armen Jüdinnen, denen er soviel geholfen hat, weinten und beteten für ihn, damit er geradeswegs in den Himmel komme. Heute kam unsere frühere Köchin (sie ist furchtbar arm) zu uns und erzählte, er habe bei der Geburt ihres letzten Kindes, da er gesehen, daß keine Kopeke im Hause war, 30 Kopeken gegeben, damit man ihr eine Suppe koche; und darauf sei er jeden Tag gekommen und habe jedesmal 20 Kopeken hinterlassen; und als sie sich ein wenig erholt hatte, habe er ihr zwei Feldhühner geschickt. So hat er auch einmal bei einer furchtbar armen Wöchnerin (solche wandten sich immer an ihn) sein Hemd ausgezogen und sein Kopftuch abgenommen (sein Kopf war immer mit einem Tuch umwunden) und beides zu Windeln zerrissen. Auch erzählt man sich hier, wie er einen armen Juden, einen Holzfäller, und dessen ganze Familie kuriert hat. Jeden Tag ist er zweimal zu ihnen gekommen und nachdem er alle wieder auf die Füße gebracht, hat er den Mann gefragt: ‚Wie wirst du mir nun alles bezahlen?‘ Der soll ihm geantwortet haben, daß er nichts habe, außer der letzten Ziege, die er sofort verkaufen werde. Das hat er denn auch getan, hat sie für 4 Rubel verkauft und diese dem Doktor gebracht. Der Doktor hat darauf den Holzfäller nach Haus geschickt und seinem Hausknecht 16 Rubel gegeben, damit er eine Kuh kaufe. Nach einer Stunde wird dem Holzfäller eine Kuh gebracht und gesagt, der Doktor habe die Ziegenmilch schädlich gefunden.

So hat er sein ganzes Leben lang Gutes getan. Zuweilen hat er sogar 30 bis 40 Rubel an Arme gegeben. Dafür ist er jetzt wie ein Heiliger begraben worden. Alle Juden hatten ihre Läden geschlossen und folgten dem Sarge. Bei unseren Beerdigungen singen gewöhnlich kleine Knaben Psalmen, doch ist es ihnen verboten, auch zur Beerdigung Andersgläubiger zu singen. Hier aber gingen während der ganzen Prozession unsere kleinen Knaben vor dem Sarge her und sangen ihre Psalmen mit lauter Stimme. In allen Synagogen wurde für seine Seele gebetet, und ebenso läuteten die Glocken _aller_ Gotteshäuser während der Prozession. Die Militärkapelle spielte Trauermärsche und die jüdischen Musikanten waren zum Sohn des Verstorbenen gegangen, um ihn um die Erlaubnis zu bitten, während der Prozession spielen zu dürfen, was sie sich zur Ehre anrechnen würden. Alle armen Israeliten haben 10 oder 5 Kopeken gebracht, um für ihn Kränze zu kaufen; die reichen Israeliten aber haben viel gegeben und einen großen prachtvollen Kranz gestiftet, aus frischen Blumen mit einer schwarz-weißen Schleife, auf der in goldenen Lettern seine Hauptverdienste standen, wie z. B. die Gründung des Krankenhauses und ähnliches. Ich habe nicht alles entziffern können, und kann man denn überhaupt seine Verdienste aufzählen?

An seinem Grabe sprachen der Pastor und unser Rabbiner, und beide weinten. Er aber lag in seinem alten, fadenscheinigen Rock, den Kopf mit dem alten Tuch umwickelt, – dieser liebe Kopf! Es war, als ob er schliefe ...“

Ein einzelner Fall

Das ist ein einzelner Fall, wird man sagen. Nun, dann ist es wieder meine Schuld, wenn ich in einem einzelnen Fall den Anfang der Lösung eines ganzen Problems sehe ...