Sämtliche Werke 11

Part 7

Chapter 73,318 wordsPublic domain

„Die einen traten mutig für die Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen ein; die anderen sahen das ganze Heil in der Freiheit der Presse; die dritten proklamierten das Wahlrecht“ usw. „... Da sagte Sslobodin leise und langsam: ‚Die Befreiung der Bauern wird zweifellos der erste Schritt in unsere große Zukunft sein‘. Diese Worte, die in dem ruhigen Tone einer schon längst gewonnenen und abgeklärten Überzeugung gesagt wurden, wirkten stark auf die erhitzten Streiter und versöhnten alle Meinungen.“

Und an einer anderen Stelle des Romans, wo der Streit den politischen Umschwung in Frankreich berührt, äußert Sslobodin:

„... politische Fragen interessieren mich wenig ... es ist mir, offen gestanden, ganz gleichgültig, wen sie dort bekommen – Louis Philippe oder irgend einen Bourbonen, oder meinethalben auch die Republik ... Wem ist damit geholfen? Das Volk gewinnt ein paar wohltönende Phrasen, wird auf der Liste seiner Märtyrer ein paar neue Namen hinzufügen können, und am Ende wieder dieselbe Arbeit aufnehmen, die nur dem Bourgeois einen Gewinn einbringt, – folglich wird das Leben nicht um ein Haar dadurch besser werden ... Nein, ich glaube nicht, daß dieses Spiel mit alten politischen Formen irgendwelchen Nutzen bringen kann.“

Es entspricht dies übrigens der Lehre Fouriers und stimmt mit dem überein, was Miljukoff in seinen Erinnerungen an Dostojewski berichtet. Nur seiner Bemerkung, daß Dostojewski die sozialistischen Schriftsteller zwar gelesen, sich aber kritisch zu ihnen verhalten habe, muß die Aussage von I. Desbut[40] gegenübergestellt werden, nach der Dostojewski jene Schriften gar nicht selbst studiert hat, vielmehr nur mit ihrem Inhalt durch Chanykoff[41] bekannt geworden ist.

Aus manchem geht hervor, daß Dostojewski eine Gefahr für das russische Volk nicht nur in den offiziellen Regierungskreisen sah. Wie von anderer Seite verlautet, soll er sogar zu einer unmittelbaren Annäherung an die Unzufriedenen im Volk bereit gewesen sein. „Sslobodin“ knüpft in dem erwähnten Roman von Palm Beziehungen zu der Sekte der Raskolniki an. Auch nach der Aussage eines „Petraschewzen“ (d. h. eines der in dem Fall Petraschewski Mitverhafteten) hat Dostojewski tatsächlich an eine Annäherung an die Raskolniki gedacht. Aus den Untersuchungsakten geht nur hervor, daß Dostojewski „eingesteht, sich an Gesprächen über die Möglichkeit einzelner Veränderungen und Verbesserungen beteiligt zu haben, jedoch aussagt, daß sein Vorsatz gewesen sei, die Einführung dieser Veränderungen und Verbesserungen von der gesetzmäßigen Regierung abzuwarten“. Welche Veränderungen und Verbesserungen er eigentlich anstrebte, ist nicht gesagt, aber daß sie für die meisten hauptsächlich auf die Befreiung der Bauern hinausliefen, ist aus dem Verhör Golowinskis[42] zu ersehen, der „zwar einmal in der Hitze gesagt hat, daß zu diesem Zweck jedes Mittel recht sei, im allgemeinen sich aber über die Bauernbefreiung in dem Sinne geäußert haben will, daß die Regierung diese ja kraft ihres autokratischen Rechts einfach verfügen könne“.

Nun war aber in den Augen mancher Mitglieder der Untersuchungskommission schon der Wunsch, die Bauern befreit zu sehen, ein Verbrechen, selbst wenn man die Tat von der gesetzmäßigen Regierung erwartete; und überdies mögen manche Aristokraten unter ihnen wie auch unter den Richtern sich von gewissen Gefühlen des Adels zu besonderer Strenge haben verleiten lassen, von Gefühlen, denen gerade die hierbei der Autokratie als solcher zugewiesene Machtvollkommenheit in der Frage der Bauernbefreiung unerwünscht war[43].

Dagegen hätte man an Petraschewski selbst einzelne Züge entdecken können, die geeignet waren, den Landadel zu bestechen (und vielleicht hatte es Petraschewski gerade darauf abgesehen). Eine 1848 von ihm verfaßte und bei Gelegenheit der Adelswahlen unter vielen Adligen verteilte Denkschrift war offiziell als schädlich anzusehen, da sie immerhin die Absicht verfolgte, den Adel aufzuwiegeln. Aber dieselbe Denkschrift fand bei vielen der Petraschewzen selbst nicht den geringsten Anklang – besonders bei den Offenen und Unverfälschten nicht, die unfähig zu einer Handlung waren, die man heute _Opportunismus_ nennt.

Einer von ihnen, Kaidanoff, äußerte sich denn auch sogleich über diese Denkschrift in einem Briefe: „... ich kann mit Petraschewskis Plan nicht sympathisieren, ebensowenig mit allem, was zu Merkantilfeudalismus und zur Finanzaristokratie führt ... mich interessiert die Preissteigerung der Adelsgüter nicht im geringsten“ (davon handelte nämlich die Denkschrift), „vielmehr sollten die Preise mehr und mehr zurückgehen, damit der Staat auf diese Weise die Möglichkeit erhält, die Güter von den Gutsbesitzern zu erwerben“. Und Chanykoff rief ohne weiteres aus: „Das ist ja Verrat!“ Petraschewskis Erklärungen, er habe durch die Verquickung des agrarischen Problems mit den finanziellen Interessen des Adels zunächst nur erreichen wollen, daß auch Personen der anderen Stände das Recht zum Erwerb von Gütern mit Leibeigenen erhielten, was dann, nach seiner Meinung, die Lösung des Bauernproblems nur erleichtern konnte, – diese Erklärungen befriedigten die „Fourieristen“ ganz und gar nicht. Jedenfalls weist Petraschewski darauf hin, daß „dieses Problem (die Bauernemanzipation) nicht gelöst werden kann ohne vorhergehende Umgestaltung der Gerichtsverfassung und des Gerichtsverfahrens“. Achscharumoff[44] dagegen war der Ansicht – und soll, wie verlautet, auch Petraschewski zu ihr bekehrt haben –, daß alle diese Probleme an ein und demselben Tage gelöst werden müßten.

Auch die früheren Verschwörer hatten ein „Vorstadium“ im Auge gehabt – zunächst eine vollkommene Änderung der Regierungsform. Nicht grundlos hat Dostojewski gesagt: „Die Idee der Dekabristen war, die Autokratie zu beschränken: Lords zu werden. Sie wollten“ – das erkennt er an – „die Bauern befreien, aber ohne Zuteilung von Land“. Und natürlich wäre es auch so gekommen, wenn sie ihr „Vorstadium“ erreicht hätten.[45]

Zur Kennzeichnung des Unterschiedes der Stellungnahme Petraschewskis sei hier angeführt, wie in dem von ihm (unter dem Pseudonym Kirilloff) herausgegebenen Fremdwörterbuch das Wort „Konstitution“ erklärt ist, – wobei dahingestellt bleiben muß, ob die Erklärung von ihm selbst oder von seinem Mitarbeiter, dem verstorbenen Walerian Maikoff, verfaßt wurde:

„_Konstitution_: diese Regierungsform war in den westlichen Staaten die Folge einer starken Ständeentwicklung ... Ihre Anhänger behaupten, sie gründe sich auf das Recht jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, an der Verwaltung jenes Ganzen, wovon er ein Teil ist, mitbeteiligt zu sein; doch in der Praxis ist dieser Grundsatz in großen Staaten nicht zu verwirklichen. Überall zwingt die Notwendigkeit, die Zahl der Personen zu begrenzen, die das Recht haben, einen Abgeordneten einer Provinz oder eines Standes zu wählen. Da aber das einzige Maß, an das man sich überall hält, die Größe des Besitzes des Staatsbürgers ist, so ist diese gepriesene Regierungsform in der Praxis nichts anderes als eine Aristokratie des Reichtums ... Die Anhänger der Konstitution vergessen, daß der Charakter des Menschen nicht im _Besitz_, sondern in der _Persönlichkeit_ enthalten ist, und daß sie, indem sie die politische Macht der Reichen über die Armen anerkennen, damit die größte Despotie verteidigen. 200000 Reiche, die 33 Millionen Unbemittelte und Arme regieren, ist dasselbe wie die Kaste der atheniensischen oder römischen Bürger, die in Luxus und Wohlleben schwelgten, indem sie die Persönlichkeit von Millionen von Menschen niedertraten.“

Merkwürdigerweise findet sich eine Art „Vorstadium“ auch bei dem Gegner der Dekabristen, Karamsin: für ihn lag es in der Volksbildung und ging zurück auf Rousseaus „Zuerst muß man die Seelen befreien, dann die Leiber“. So haben denn bei uns die Anhänger verschiedener Richtungen die Notwendigkeit eines sogenannten „Vorstadiums“ anerkannt.

Doch daran dachten die „Durowzy“, zu denen auch Dostojewski gehörte, ganz und gar nicht, wie es auch die Folgerichtigen der „Fourieristen“ nicht taten, und wie daran im XVIII. Jahrhundert auch Radischtscheff[46] nicht gedacht hat (deshalb hat sich wohl auch unsere junkerlich-bürokratische Opposition an ihm, dem schon längst Verstorbenen, gerächt, indem sie in einer Zeit, als die Bauern bereits befreit waren, seine Werke offiziell verbrannte).

Ich erwähne das alles, weil ich es für notwendig halte, den Standpunkt Dostojewskis sowie vieler anderer unter den „Petraschewzen“ von dem Standpunkt desjenigen Mannes abzusondern, der dem ganzen Prozeß den Namen gegeben hat: Petraschewskis selbst. Dostojewski hatte alle Ursache zu sagen, der Inhalt des in Leipzig erschienenen kleinen Buches „Über die Propagandagesellschaft“ sei zwar „richtig, aber nicht vollständig. Ich sehe da nicht meine Rolle ...“ „Viele Umstände,“ fügt er hinzu, „sind der Darstellung vollständig entglitten; die ganze Verschwörung ist in dieser Darstellung verschwunden.“

In der Tat, wenn es in dem Bericht der Geheimpolizei heißt, daß es sich „hierbei weniger um eine kleine, abgesonderte Verschwörung handle, als um den allumfassenden Plan einer allgemeinen Bewegung des Umsturzes und der Zerstörung“, so geht doch aus der Sache selbst hervor, daß eine Verschwörung eigentlich gar nicht vorhanden war, und zwar „infolge der Verschiedenheit der Anschauungen der Beteiligten“. Petraschewski leitete sie gewissermaßen an. Gleichwohl war er vielen von ihnen recht unsympathisch. In der Erinnerung Dostojewskis hat sich aber augenscheinlich die Empfindung erhalten, daß _in der Absicht_ eine Verschwörung bereits bestand – will sagen bevorstand, d. h. in der Zukunft sicher war. Sie ging allem Anscheine nach aus der allgemeinen Unzufriedenheit hervor, und diese Unzufriedenheit war schließlich das Hauptbindemittel zwischen den einzelnen Vertretern der „Propagandagesellschaft“, wie die ganze Bewegung in dem Leipziger Büchlein sehr richtig benannt worden ist. Man beabsichtigte, Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung der Dinge überall zu propagandieren, zunächst in den Lehranstalten, sodann Beziehungen anzuknüpfen überall dort, wo schon Unzufriedenheit herrschte – also Beziehungen zu den Raskolniki und zu den leibeigenen Bauern.

Und nun berichtet uns Ippolit Desbut, daß den Mitgliedern der verschiedenen Kreise die leidenschaftliche Natur Dostojewskis als für die Propaganda besonders geeignet erschien, da er auf die Zuhörer einen hinreißenden Eindruck machte.

„Ich sehe Fjodor Michailowitsch noch vor mir,“ berichtet Desbut, „und glaube noch jetzt zu hören, wie er bei Petraschewski von einem Feldwebel erzählt, der sich an seinem Kommandeur für seine und seiner Kameraden barbarische Behandlung gerächt hatte und dafür Spießruten laufen mußte; oder wenn er schilderte, wie Gutsbesitzer mit ihren Leibeigenen umgehen ... Nicht minder lebendig habe ich in der Erinnerung, wie er seine Geschichte von der ‚Njetotschka Neswanowa‘ erzählte – viel ausführlicher, als sie im Druck erschienen ist; und ich weiß noch, mit wie lebendig empfundener Menschlichkeit er sich auch damals zu jenem öffentlichen ‚Prozentsatz‘ verhielt, als dessen Verkörperung später seine Ssonetschka Marmeladowa erschien“ (natürlich nicht ohne Einfluß der Lehre Fouriers). „Begreiflicherweise wurde Dostojewski deshalb auch von den ‚Fourieristen‘ besonders geschätzt, und gerne hätten sie ihn unter den Ihrigen gesehen. Die Möglichkeit, ihn zu sich hinüberzuziehen, war nicht ausgeschlossen bei seiner Empfänglichkeit für Eindrücke und seiner noch unfesten Stellungnahme.“

Nach der Aussage Speschnjoffs hat Petraschewski auf Fjodor Michailowitsch dadurch einen abstoßenden Eindruck gemacht, daß er gottlos war und sich über den Glauben lustig machte. Er sei auch nicht oft zu Petraschewski gekommen.

Wie wir schon sahen, hätte Petraschewski es nicht verschmäht, als Mittel zum Zweck auch „merkantile und feudale Instinkte“ auszunutzen, und einzelne der Propagandisten waren bereit, zwecks Erhöhung der Unzufriedenheit den Pauperismus zu verbreiten (wenn man dem Bericht der Geheimpolizei trauen darf) – oder sie haben in den Verhören über die eigenen Gefährten falsche, belastende Aussagen gemacht: vermutlich um das Ganze als weit gefährlicher darzustellen, als es war, und um die Regierung zu erschrecken oder einzuschüchtern. Diesen Elementen aber standen andere gegenüber, die bezüglich der Mittel und Wege sittlich wählerischer waren, und zu diesen gehörte zweifellos Dostojewski.

Ganz abgesehen von seiner persönlichen Antipathie gegen Petraschewski, hat er schon damals darauf hingewiesen, daß alle diese sozialistischen Theorien für Rußland gar keinen Wert hätten, daß bei uns in der Dorfgemeinde (Mir), der Einrichtung der Genossenschaft (Artel) und der gegenseitigen Bürgschaft schon längst Grundlagen geschaffen seien, die sicherer und natürlicher waren als alle Träume Saint-Simons und seiner Schule. Später hat er seine eigene Richtung einen „Christlichen Sozialismus“ genannt, – aber schon damals haben sich an ihm, wie uns Miljukoff berichtet, die ersten Anzeichen von Slawophilentum bemerkbar gemacht. Nur vollzog sich die weitere Entwicklung dieser ersten Ansätze sowie ihr schließlicher Sieg über die aufgepfropften Theorien, wie Dostojewski 1873 selbst sagt, „nicht so schnell, sondern allmählich und erst nach längerer Zeit.“[47]

Doch diese ganze Besonderheit der Richtung Dostojewskis ist in den Untersuchungsakten mit keinem Worte erwähnt. Nur von A. Palm heißt es, daß aus seinen Schriften „eine große Liebe zu Rußland“ zu ersehen sei.

Von den Petraschewzen selbst verhielten sich einzelne sogar feindlich zu den Slawophilen. Toll[48] meinte: „... ihre Gesellschaft baut sich auf den dümmsten Grundsätzen auf, denn sie verneint die Verdienste Peters des Großen ... Die Regierung verfolgt sie, weil sie daran denken, einen Staat von der Art, wie er im mittelalterlichen Nowgorod bestand, einzuführen, mit einem Wjetsche“ (beratende Volksversammlung) „und mit Statthaltern“. Und A. Pleschtschejeff[49] schreibt aus Moskau von den Führern der Slawophilen: Chomjäkoff sei „ein Mensch ohne ernste Überzeugungen“, und Akssakoff „ein Fanatiker, der einen Bart bis zu den Knieen trägt, wie in der Sage Zar Berendei, dazu altrussischen Kittel, die Hosen in die Stulpstiefel gesteckt, fast täglich in die Kirche geht und alles für Sünde hält, auch das Theater, auch die Literatur (!!).“ Ja, es ist möglich, daß Pleschtschejeff gerade deshalb, weil er um das Vorhandensein gewisser slawophiler Keime in Dostojewski wußte, sich beeilte, ihm aus Moskau eine Abschrift des berühmten Briefes von Bjelinski an Gogol zu senden. In diesem Brief Bjelinskis an den religiös gewordenen Gogol sah man damals geradezu ein Manifest des siegenden Westlertums.

Dostojewski, der mit sehr vielem in Gogols Briefen ebensowenig zufrieden war, wie die bekannten Slawophilen, und der ihre Unzufriedenheit mit den Anschauungen Gogols über die Leibeigenschaft vollkommen teilte, las diesen Brief Bjelinskis bei Petraschewski mit ganzer Sympathie vor: und eben dies wurde nun zu einem der Hauptpunkte der Anklage gegen ihn (in den Akten wird dieser Brief bezeichnet, als „ein Schreiben voll von frechen Ausdrücken gegen die rechtgläubige Kirche und die oberste Macht“).

An dem betreffenden Abende war auch I. L. Jastrshemski[50] anwesend und hörte Dostojewski zum ersten Male vorlesen. Er erinnert sich lebhaft des starken Eindrucks, den die angenehme Stimme Dostojewskis auf ihn machte. „Er war ein Meister im Vorlesen“ bezeugt er. „Doch diese Vorlesung war der Grund, weshalb Dostojewski verurteilt wurde, und auch ich, weil ich zu den in dem Briefe ausgesprochenen Gedanken Beifall und Zustimmung geäußert und _sogar mit dem Kopfe genickt_ hatte.“

Dostojewski hat selbst noch auf eine andere gegen ihn erhobene Anklage hingewiesen, auf die aber in dem Material, das von der Untersuchungskommission veröffentlicht worden ist, keine Hinweise zu finden sind.

„Ich bin unter anderem auch dafür verurteilt worden, daß ich gesagt hatte, Rußland diene der Politik Metternichs.“ Dieser Ausspruch wird zweifellos gleichfalls mit seinen frühen slawophilen Neigungen in Verbindung gestanden haben.

Wenn aus den Akten überhaupt nicht zu ersehen ist, daß die in ihnen erwähnte Verschiedenheit in den Anschauungen der Petraschewzen zum Teil auf den Unterschied zwischen zwei Typen hinauslief – auf die Westler einerseits und die Selbständigen oder Slawophilen andererseits –, auf Typen, die sich damals schon in ihren Anfängen zu unterscheiden begannen, so ist man sich über ihre religiösen Anschauungen noch weniger klar gewesen: in der Beziehung sind alle übereinstimmend als nicht religiös oder sogar als antireligiös dargestellt. In Wirklichkeit war nur Petraschewski ein Atheist. Wenn man den Akten folgen will, so hätten Toll, Achscharumoff u. a. sich „feuerbachisch“ zur Religion verhalten. Dagegen wissen wir, daß z. B. Duroff und Dostojewski unbedingt religiös waren, ersterer nach Dostojewskis Worten sogar „bis zur Lächerlichkeit“. Derselbe Duroff soll, nach Dostojewski, „klug, doch nach einer Seite hin auch gutmütig“ gewesen sein, nach Jastrshemski: „von großer Zartheit, sowohl seelisch wie physisch, dabei in Pflege und Verzärtelung aufgewachsen“. Das alles erinnert natürlich wenig an einen Verschwörer. Dagegen bemerkt ein Bekannter Speschnjoffs[51], daß nach dem Äußeren der echte Typ des Verschwörers in Dostojewski zu sehen gewesen sei: er war schweigsam, sprach mit Vorliebe unter vier Augen und war eher verschlossen als aufrichtig. Zudem wirkte er – nach Speschnjoff – niemals eigentlich jung, da er krank aussah (dabei war er damals erst 27 Jahre alt). Ähnlich schildert ihn auch Jastrshemski: „er war still, bescheiden, anscheinend ein sehr angenehmer und liebenswerter junger Mann. Seinem Gesicht sah man Kränklichkeit an. Er sprach wenig und immer leise.“ Wir alle sahen in ihm einen weichen, nervösen Menschen, fähig der zartesten Empfindungen. In vertraulichem Gespräch konnte man in ihm stets den Verfasser der ‚Njetotschka Neswanowa‘ erkennen. Doch dieser selbe stille und bescheidene Mensch war imstande, wie Desbut sagt, seinen Reden ein erschütterndes Pathos zu geben.

Seit wann waren denn nun diese „Verschwörer“ bei uns aufgekommen, oder wie Dostojewski sie in seinen „Hellen Nächten“ nennt, diese „Träumer“?

Wenn man den Angaben der Geheimpolizei folgen will, so hat es die „Propagandagesellschaft“ bereits im Jahre 1842 gegeben. Doch die Aussagen im Prozeß bezeugen übereinstimmend, daß man erst Ende des Jahres 1845 bei Petraschewski zusammenkam. Dostojewski hat diese Abende drei Jahre lang, also seit dem Winter 1846 besucht, wenn auch nur ziemlich selten. Somit gehörte er zu den älteren Besuchern, da die meisten erst seit 1848 kamen. Im Winter 1846–47 hatte auch Leutnant N. Mombelli[52] solche Zusammenkünfte eingeführt, Kaschkin[52] seit Ende 1848, Duroff aber erst seit dem März 1849. Briefe von Dostojewski aus dieser wichtigsten Zeit, von 1846–49, haben sich nicht erhalten, d. h. es ist sehr möglich, daß sie mit Absicht vernichtet worden sind. Wie mir N. Mombelli mündlich mitteilte, hatte man bei Petraschewski nach und nach das Verfahren eingeführt, daß die Debatten über die Referate (u. a. über den Atheismus, über die Bauernreform und ähnliche) von einem Präsidenten geleitet wurden.

Nun sollte man meinen, daß all dies schon längst die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich hätte lenken müssen – besonders in jener Zeit. Die Verzögerung lag aber zum Teil daran, daß die Polizei ein ganzes Jahr lang vergeblich einen passenden Spion suchte, d. h. einen, der, wie der Chef der Geheimpolizei Liprandi schreibt, „nicht nur auf der Bildungsstufe der versammelten Gesellschaft stand, sondern auch über das Vorurteil erhaben war, das in dem Ruf eines Angebers so ungerechterweise ... einen Schandfleck sieht. Solche Agenten findet man nicht für Geld“. Schließlich aber fand man doch so einen „über das Vorurteil Erhabenen“ in dem Sohn eines Künstlers, Antonelli, der die Petersburger Universität besucht hatte und, gleich Petraschewski, eine Anstellung im Auswärtigen Amt hatte. Dieser Antonelli erschien nun vom 11. März bis 15. April jeden Freitag bei Petraschewski. Wie Dostojewski später erzählte, hätten sie alle, als Antonelli zum ersten Male auftauchte, sofort gewußt, daß es ein Spion sei, und dies auch Petraschewski gesagt; und als Antonelli sie zu sich einlud, habe niemand der Einladung Folge geleistet.

Allem Anscheine nach hat ein am 7. April zu Ehren Fouriers veranstaltetes Diner den letzten Anlaß zur Verhaftung der Petraschewzen gegeben. Dostojewski hat an diesem Diner nicht teilgenommen.

Wie er verhaftet wurde, erzählt er später – 1860, bereits nach seiner Rückkehr aus Sibirien – nicht ohne einen gewissen Humor. Er hat diesen Bericht der Tochter seines Freundes A. P. Miljukoff ins Album geschrieben:

„Am 22., oder richtiger gesagt, am 23. April (1849) kam ich gegen halb vier Uhr morgens von Grigorjeff nach Hause, legte mich zu Bett und schlief sofort ein. Nicht später als nach ungefähr einer Stunde merkte ich, noch im Schlaf, daß in mein Zimmer irgendwelche verdächtige und jedenfalls ungewöhnliche Besucher eingedrungen waren. Es klirrte plötzlich ein Säbel, der an irgend etwas anstieß. Sonderbar! Was hatte das zu bedeuten? Mit Anstrengung schlage ich die Augen auf und höre eine weiche, freundliche Stimme: ‚Stehen Sie auf!‘ – Ich sehe: ein Polizeioffizier? ein Pristaw – jedenfalls ein Polizeimensch mit einem hübschen Backenbart. Doch nicht er hatte gesprochen: gesprochen hatte ein Herr in hellblauer Uniform mit Oberstleutnants-Epauletten.

„‚Was ist geschehen?‘ fragte ich, mich aufrichtend.

„‚Auf Befehl.‘ ... – Ich sehe: Tatsächlich ‚auf Befehl‘. In der Tür stand ein Soldat, gleichfalls in Hellblau. Sein Säbel war es, der geklirrt hatte.

„‚Aha! also das ist es,‘ dachte ich ...

„‚Ja erlauben Sie mir ...‘ begann ich.

„‚Macht nichts, macht nichts! kleiden Sie sich nur an. Wir warten so lange,‘ fügte der Oberstleutnant mit noch freundlicherer Stimme hinzu. – Während ich mich also ankleidete, verlangten sie von mir meine Bücher und begannen zu suchen; – sie fanden nicht viel, aber sie durchwühlten alles. Die Papiere und Briefe banden sie sorgfältig mit einem Schnürchen zusammen. Der Pristaw legte hierbei viel Umsicht an den Tag; er steckte die Nase in meinen Ofen und scharrte mit meinem Pfeifenrohr in der alten Asche herum. Der Gendarmerieunteroffizier stieg auf seinen Wunsch auf einen Stuhl und versuchte, auf den Ofen zu klettern, glitt aber vom Gesimse ab, fiel mit einem Krach auf den Stuhl und dann mit dem Stuhl auf den Fußboden. Da waren denn die scharfsinnigen Herren überzeugt, daß sich auf dem Ofen nichts befand. Aber auf dem Tisch lag ein Fünfkopekenstück, ein altes, verbogenes. Der Pristaw betrachtete es aufmerksam und gab dem Oberstleutnant mit einer Kopfbewegung einen Wink.

„‚Ist’s am Ende eine falsche Münze?‘ fragte ich.

„‚Hm ... Das muß man noch untersuchen‘ ... brummte der Pristaw und erledigte die Frage zunächst damit, daß er auch die Münze den anderen beschlagnahmten Sachen hinzufügte.