Part 6
Aus den gleichzeitigen Klagen über die Zensoren, die ihm die an sich ganz unschuldige Novelle „Herr Prochartschin“ so zusammengestrichen haben, daß er sich von diesem Werk lossagt, ist zu ersehen, daß die _Richtung_ Dostojewskis bereits die Aufmerksamkeit der Zensoren auf sich gelenkt hatte. Man wird bei der Beurteilung der erwähnten Novelle die zerstörende Arbeit der Zensoren natürlich nicht vergessen dürfen ... Der Schluß dieses Briefes (vom 17. September 1846) verrät wieder Unzufriedenheit: „Bei uns herrscht entsetzliche Langeweile. Die Arbeit geht daher schlecht vorwärts. Ich habe bei euch wie im Paradiese gelebt; wenn es mir gut geht, muß ich immer alles mit meinem verdammten Charakter verderben ...“
In den folgenden Briefen spricht er wieder von Plänen und Berechnungen, wie er seine Arbeiten im Selbstverlage herausgeben könnte, von den Unannehmlichkeiten mit den Verlegern Njekrassoff und Krajewski ... Er denkt an eine Buchausgabe der „Armen Leute“ und des „Doppelgängers“, die ihm die Mittel zum Leben verschaffen soll ... Am 26. November schreibt er jedoch, daß aus allen seinen Absichten nichts geworden sei und er auch die Arbeit an dem „Rasierten Backenbart“ aufgegeben habe, da er eingesehen, daß „alles nur eine Wiederholung des Alten und längst von mir Ausgesprochenen ist.“
Inzwischen scheint er in einem nicht mehr vorhandenen Briefe die Absicht geäußert zu haben, ins Ausland zu reisen – am 7. Oktober schreibt er gleichsam zu seiner Rechtfertigung: „Ich reise nicht zum Vergnügen, sondern zur Kur. Petersburg ist eine Hölle für mich,“ – dasselbe Petersburg, ohne das er vor noch nicht langer Zeit glaubte, nicht leben zu können und „verloren“ zu sein!
In einem Brief vom 26. November 1846 teilt er seinen Bruch mit Njekrassoff mit und daß sich Krajewski darüber so sehr gefreut hat, „daß er mir Geld gab und außerdem alle meine Schulden zum 15. Dezember zu bezahlen versprach. Dafür muß ich bis zum Frühjahr für ihn arbeiten.“
Trotz aller Sorgen finden wir Dostojewski nicht mutlos, offenbar weil eine neue Arbeit („Das junge Weib“) ihm „wieder so leicht und frisch“ gelingt, wie ehedem die „Armen Leute“: „mein Herz bebt jetzt wie noch nie vor all den neuen Gestalten ... Ich mache jetzt nicht nur eine moralische, sondern auch eine physische Wandlung durch ... ich verdanke dies in hohem Grade meinen guten Freunden ... Ich machte ihnen schließlich den Vorschlag, zusammen zu wohnen. Wir mieteten uns eine große Wohnung und teilen alle Auslagen, sodaß höchstens 1200 Rubel für das Jahr auf den Kopf kommen. So groß sind die Segnungen des Genossenschaftsprinzips! Ich habe ein eigenes Zimmer und arbeite den ganzen Tag.“
Zu den hier erwähnten guten Freunden – den Brüdern Beketoff, Saljubezki und anderen –, die einen so günstigen Einfluß auf ihn gehabt hätten, gehörte auch S. D. Janowski, an den Dostojewski 1872 in einem Brief, in dem er auf diese Jugendjahre zu sprechen kommt, u. a. schreibt: „Sie liebten mich und gaben sich mit mir ab – der ich damals _seelisch krank_ war (dessen bin ich mir ja jetzt bewußt), krank, bis zu meiner Reise nach Sibirien, wo ich dann gesund wurde.“
Von dieser nervösen Krankhaftigkeit spricht Dostojewski auch 1861 in seinem Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ offenbar aus eigener Erinnerung, wo er den jungen Schriftsteller Iwan Petrowitsch von sich sagen läßt, daß er jedesmal mit Beginn der Dämmerung einer Stimmung verfalle, die er ... sein _mystisches Grauen_ nenne. (Im I. Teil, Kapitel 10 folgt dann eine ausführliche psychiatrische Charakterisierung dieses Zustandes.)
Die Bemerkung „so groß sind die Segnungen des Genossenschaftsprinzips“ verrät schon seine wohl auf den Verkehr mit Bjelinski zurückzuführende Beschäftigung mit dem Sozialismus und seine damalige Begeisterung für ihn.
In seinen weiteren Briefen an den Bruder – bis zu seiner „Reise nach Sibirien“, wie er sich ausdrückt – schreibt er am 17. Dezember 1846, daß er mit Arbeit überhäuft sei: „Zum 5. Januar habe ich Krajewski versprochen, ihm den ersten Teil des Romans ‚Njetotschka Neswanowa‘ zuzustellen“. Er schreibt Tag und Nacht, gönnt sich nur hin und wieder Erholung in der Italienischen Oper, wo er einen Platz auf der Galerie hat (wohl ein Hinweis auf seine Sparsamkeit). Seine Gesundheit ist gut. „Es scheint mir immer, daß ich einen Kampf gegen unsere gesamte Literatur aufgenommen habe ... mit diesem Roman stelle ich auch für dieses Jahr meinen Vorrang zum Ärger meiner Feinde fest.“
Der Gedanke an eine Reise ins Ausland ist aufgegeben; statt dessen will er im Sommer wieder zum Bruder. Er lebt dann zusammen mit Beketoffs auf einer der Newa-Inseln – „nicht langweilig, gut und sparsam“. Er besucht Bjelinski, „der immer kränkelt“.
„Ich bezahle meine Schulden durch Krajewski,“ schreibt er weiter. „... Wann werde ich jemals aus den Schulden herauskommen: es ist ein Elend, als Tagelöhner zu arbeiten! Damit verdirbt man alles – Begabung, Jugend, Hoffnung, die Arbeit wird leblos und man selbst wird schließlich zum Schmierer und nicht zum Schriftsteller.“
Diese materielle Seite seines damaligen Zustandes hat Dostojewski später gleichfalls in seinen „Erniedrigten und Beleidigten“ geschildert: wenn er auch den Fürsten in der Schilderung der Lage des armen Iwan Petrowitsch das Selbsterlebte ein wenig übertreiben läßt, so stimmt doch die Hoffnung des letzteren, für die beendete Novelle vom Verleger, trotz seiner Verschuldung bei ihm, „_wenigstens fünfzig Rubel_“ zu bekommen, buchstäblich: auf 50 Rubel hofft F. M. auch in seinen Briefen. Auf die Bemerkung der Heldin des Romans, daß bei anderen Schriftstellern alles so sorgsam durchgearbeitet sei, erwidert Iwan Petrowitsch, daß jene eben materiell sichergestellt seien und nicht zu einem bestimmten Termin fertig werden müßten, er aber müsse wie ein Postgaul arbeiten. (III. Teil, 10. Kap. und im Schlußkapitel „Letzte Erinnerungen“.)
Im nächstfolgenden Briefe, zu Anfang des Jahres 1847, bedauert er den Bruder, daß er, zwar in einer geliebten Familie, doch „ohne Menschen in der Umgebung“ lebe. „Verliere aber nicht den Mut, Bruder!“ ermuntert er ihn. „Es werden noch bessere Tage kommen ... Natürlich, schrecklich ist die Dissonanz, schrecklich die Ungleichheit des Gewichts zwischen uns und der Gesellschaft ... Mein Gott! Es gibt so viele widerliche, gemeine und beschränkte graubärtige Weltweise, Kenner und Pharisäer des Lebens, die auf ihre Erfahrenheit, das heißt auf ihre Unpersönlichkeit (denn sie sind alle nach einer Schablone gearbeitet) _stolz_ sind, nichtswürdig, die ewig Zufriedenheit mit dem Schicksal, einen Glauben an irgend etwas, Beschränkung im Leben und Zufriedenheit mit dem eigenen Platz predigen – eine Zufriedenheit, die der klösterlichen Selbstkasteiung und Beschränkung gleichkommt, und die mit unerschöpflicher, kleinlichster Gehässigkeit jede starke, glühende Seele verurteilen, die ihr triviales Tagesprogramm und ihren Lebenskalender nicht erträgt. Schurken sind sie mit ihrem vaudevillehaften irdischen Glück! Schurken sind sie! ...“
Diese Zeilen enthalten zweifellos jenen Protest in verneinendem Sinne, den Bjelinski aus dem Roman „Arme Leute“ vor allem herauslesen wollte. Hier wird die klösterliche Selbstbeschränkung bereits verurteilt, während Dostojewski dort noch zweifellos einen _positiven_ Zug darin sah, daß der arme Beamte Makar Djewuschkin sich schämte, Tabak zu rauchen, während Warenjka nicht einmal das Notwendigste besaß. Nach den angeführten Zeilen dieses Briefes ist anzunehmen, daß Bjelinski einen entscheidenden Einfluß auf Dostojewski erlangt hatte.
Es folgt wieder ein Hinweis auf seine Geldlosigkeit. „Wenn es nicht gute Menschen gäbe, wäre ich verloren. Die Zerfetzung meines Ruhmes in den Zeitschriften gereicht mir mehr zum Vorteil als zum Nachteil. Um so schneller werden meine Verehrer, die, wie ich glaube, sehr zahlreich sind, nach dem Neuen greifen und mich verteidigen. Ich lebe in großer Armut: habe, seit ich Euch verließ, 250 Rubel verbraucht und 300 Rubel Schulden“ (welch ein Unterschied zu dem, was er früher ausgab). „Am schlimmsten hat mich Njekrassoff hineingelegt, dem ich seine 150 Rubel zurückgab. Zum Frühjahr hin nehme ich einen großen Vorschuß von Krajewski und schicke Dir dann bestimmt 400 Rubel.“ Ferner spricht er von einer Wasserkur im Sommer bei Prießnitz, mit dem Vorbehalt, das sei erst nur so „in der Phantasie“. Mit Reue denkt er daran zurück, wie schwerfällig und eckig er sich beim Bruder in Reval benommen habe, „ich war damals krank ... ich habe ja wirklich einen so schlechten, abstoßenden Charakter. Ich habe Dich aber immer über mich gestellt ... Ich kann mich nur dann als ein Mensch von Herz und Gemüt zeigen, wenn die äußeren Umstände mich gewaltsam aus dem ewigen Alltag herausreißen ... Der Roman ‚Njetotschka Neswanowa‘ wird wie der ‚Goljädkin‘ meine Beichte sein, wenn auch anders im Ton. Über ‚Goljädkin‘ bekomme ich oft solche Äußerungen zu hören, daß mir ganz bange wird ... Manche sagen, dieses Werk sei ein wirkliches, doch unverstandenes Wunder ... Nun fange ich schon wieder an, mich zu loben. Wie angenehm ist es aber, Bruder, richtig verstanden zu werden! ... Wünsche mir Erfolg. Ich arbeite jetzt an dem ‚Jungen Weibe‘.“
In seiner Beurteilung dieses Werkes sehen wir wieder eine Überschätzung, wie seinerzeit in der seines „Romans in neun Briefen“. „Eine Quelle von Begeisterung, die meiner Seele entspringt, leitet meine Feder. Es ist ganz anders als beim ‚Prochartschin‘, an dem ich den ganzen Sommer gelitten habe ...“
Nach einem solchen Entzücken mußte das vollkommen absprechende Urteil Bjelinskis begreiflicherweise einen sehr schweren Eindruck auf ihn machen. Doch aus seinen Briefen erfahren wir nichts davon.
In einem Briefe ohne Datum – vermutlich im Frühjahr 1847 geschrieben – schreibt er an den Rand: „Es ist nun schon das dritte Jahr meiner literarischen Tätigkeit, und ich bin wie im Rausche. Ich sehe das Leben um mich herum gar nicht, habe keine Zeit, zur Besinnung zu kommen; ich habe auch keine Zeit, um etwas zu lernen ... Sie haben mir einen zweifelhaften Ruhm geschaffen, und ich weiß nicht, wie lange noch diese Hölle, diese Armut und die vielen eiligen Arbeiten dauern werden; o könnte ich einmal Ruhe haben!!“
Eine Schuld, die er Maikoffs nicht wiedergeben kann, quält ihn, „obgleich sie mich nicht daran erinnern“. Im Herbst hofft er nach dem beendeten Roman „Njetotschka Neswanowa“ von Krajewski 1000 Rubel als unbefristeten Vorschuß zu erhalten. Njekrassoff und die anderen vom „Zeitgenossen“ wollten ihn schon endgültig begraben – um so mehr werde sie dieser Roman verblüffen. In diesem Briefe denkt er auch wieder an Übersetzungen, doch – „in zehn Jahren wird man nicht mehr an sie zu denken brauchen“.
In dem Briefe erwähnt er zum erstenmal die Familie Maikoff. Nach den Aufzeichnungen S. D. Janowskis versammelten sich im Hause des bekannten Malers Nikolai Apollonowitsch Maikoff an jedem Sonntagabend „jene jungen Leute, die von Gott mit einer gewissen Dosis Begabung ausgestattet waren, deren Herz von Geburt an in Liebe zum Nächsten, zum Guten und zur Wahrheit brannte und deren Verstand in allem und überall Licht und nur Licht suchte. Neben dem Hausherrn und seiner Gattin Jewgenia Petrowna nahm den ersten Platz in diesem Kreise der an Jahren bereits etwas ältere I. A. Gontscharoff ein. Außer ihm erschienen gewöhnlich S. S. Dudyschkin (der Kritiker der ‚Vaterländischen Annalen‘ nach Bjelinskis Tode) und Walerian Maikoff[25], die Brüder Drushinin, der Dichter M. A. Jasykoff u. a.“
In diesem Kreise geschah es nun nicht selten, daß Fjodor Michailowitsch „mit der ihm eigenen bis ins Kleinste eindringenden Analyse die Charaktere der Werke Gogols und Turgenjeffs auseinandersetzte und dann auch seinen ‚Herrn Prochartschin‘ erklärte, der damals den meisten Lesern unverständlich blieb, bis schließlich alle Zuhörer nicht nur die an und für sich vollendeten Charaktere begriffen, sondern auch die Beziehung jeder kleinsten Einzelheit zu diesem oder jenem Charakter erkennen lernten“.
Mit dem Sohn des Hausherrn, dem bekannten Dichter A. Maikoff[26], hat Dostojewski in späteren Jahren einen umfangreichen Briefwechsel geführt.
Doch außer diesen Sonntagabenden bei Maikoffs gab es in jener Zeit noch andere Kreise, die sich gleichfalls an bestimmten Tagen versammelten, und die von Fjodor Michailowitsch mit nicht minderem Eifer besucht wurden.
Über seinen Verkehr in diesen Kreisen geben uns seine Briefe an den Bruder gar keinen Aufschluß. Der Briefwechsel weist hier eine große Lücke auf. Der letzte aus dieser Zeit noch vorhandene Brief Fjodor Michailowitschs an den Bruder nimmt Bezug auf Michail Michailowitschs Absicht, den Dienst zu quittieren. Er rät dem Bruder, nicht auf diejenigen zu hören, die ihm davon abraten, und sich nicht dadurch abschrecken zu lassen, daß ihm, Fjodor Michailowitsch, „der erste Pfannkuchen mißriet“ ... „Warte nur, Bruder, wir werden uns schon durchschlagen ... es ist doch unmöglich, daß wir beide nicht auf den Weg kämen ...“. Er erwähnt auch sein jüngstes Werk, das er soeben beende, sagt, daß er keine Zeit habe, den Roman „Arme Leute“ in Buchform herauszugeben, obgleich er es durch eine Druckerei auf Kredit würde machen können. „Wie schade, daß du Schillers Dramen nicht zu Ende übersetzt hast.“ Eine Randbemerkung lautet: „Erkennst du nun, was Zusammenschluß bedeutet? Wenn wir jeder für sich arbeiteten – würden wir fallen ... Aber beide zusammen und für ein gemeinsames Ziel – das ist etwas ganz anderes.“
Inzwischen bereiteten sich im Leben Fjodor Michailowitschs mehr und mehr die Ereignisse vor, denen bestimmt war, in diesem Leben eine entscheidende Erschütterung hervorzurufen.
Die Katastrophe.
In den „Hellen Nächten“[27] finden wir die folgende Schilderung:
„... Es gibt hier in Petersburg recht merkwürdige Winkel ... Es ist, als schiene in diese Winkel niemals dieselbe Sonne, die sonst für Petersburger Menschen leuchtet, sondern als komme dorthin das Licht einer anderen, einer neuen Sonne, die gleichsam nur für diese Winkel bestellt ist, und ... als schiene sie auf alles mit einem ganz anderen, einem besonderen Lichte. In diesen Winkeln ... wird gleichsam ein ganz anderes Leben gelebt, eines, das gar nicht jenem Leben gleicht, das uns sonst umgibt, sondern eines, das es in einem tausend Meilen fernen unbekannten Staate geben könnte, nicht aber bei uns, in unserer so ernsten, so überernsten Zeit ... In diesen Winkeln leben seltsame Menschen ... Wesen, die man Träumer nennt.“
In unserer Presse ist die Ansicht vertreten worden, daß Dostojewski selbst ein solcher „Träumer“ gewesen sei. Ich erlaube mir dagegen die Annahme, daß in den angeführten Zeilen eine Anspielung auf jene _besondere_ Art von „Träumerei“ enthalten ist, die Dostojewski schließlich nach „Sibirien“ gebracht hat.
Aber schon hier verhält Dostojewski sich einigermaßen kritisch zu der rätselhaften Bevölkerung in den von ihm erwähnten Winkeln. Er sieht in ihrem Leben „eine Mischung von etwas rein Phantastischem, glühend Idealem und zugleich trüb Prosaischem und Gewöhnlichem, um nicht zu sagen: bis zur Unglaublichkeit Gemeinem“.
„Eine traurige, für mich verhängnisvolle Zeit,“ nennt Dostojewski später jene Jahre, die am Ende seines ersten Lebensabschnittes stehen, als auch er sich infolge von Einflüssen, denen er seit seinem ersten literarischen Hervortreten ausgesetzt war, an gewissen Zusammenkünften beteiligte ... Diese Beeinflussung geht zunächst von der bezaubernden Persönlichkeit des „großen Kritikers“ aus (Bjelinski), der Dostojewski das zu erklären suchte, was dieser, wie Bjelinski meinte, von sich aus nicht begriff. „Ich nahm damals mit Leidenschaft seine Lehre an,“ erzählt Dostojewski später, und wohl deshalb nennt er jene Zeit „eine traurige, für mich verhängnisvolle Zeit“[28]. Nach dieser klaren Aussage sind die Zweifel, ob wirklich Bjelinski es war, der Dostojewski mit den sozialistischen Lehren bekannt gemacht hat, wohl nicht mehr berechtigt. Andererseits geht aus Bjelinskis im Jahre 1847 veröffentlichtem „Überblick über die russische Literatur“ ebenso unzweifelhaft hervor, daß die Beeinflussung eine gegenseitige war: daß die Unterhaltungen mit Dostojewski ihn dazu gebracht haben, die von ihm so leidenschaftlich übernommenen antichristlichen Theorien einer Prüfung zu unterziehen und sich mit Begeisterung wenigstens über den sittlichen Einfluß des Christentums im sozialen Sinne zu äußern.
In den vierziger Jahren hatten sich in Petersburg, unabhängig voneinander, gewisse Kreise gebildet. So war einer an der Universität entstanden, und zwar war er ursprünglich als Gegengewicht zu den damals an ihr bestehenden Korporationen gedacht, die ihr Vorbild in Dorpat hatten. Das überlieferte flotte Burschenleben mit den üblichen Mensuren erschien manchen unserer jungen Leute schließlich als gar zu abgeschmackt. Man wollte lieber Lesekreise einführen, plante die Gründung einer besonderen Studentenbibliothek u. a. m. Man besuchte die Vorlesungen Poroschins, deren Gegenstand man heute „Soziologie“ nennen würde, und so kam es, daß die Studenten – allerdings nicht besonders viele – sich überhaupt für ökonomische Fragen zu interessieren begannen. Allmählich machten sie sich auf eigene Faust mit den Werken von L. v. Stein[29] und Haxthausen[30] einerseits, wie andererseits mit denen von Louis Blanc[31], Fourier[32] und Proudhon[33] bekannt. Alsbald bildeten sich solche Kreise auch außerhalb der Universität. Ihre Mitgliederschaft war nach Bestand und Zusammensetzung eine äußerst bunte. Wie es zuging, daß diese verschiedenen Kreise nach und nach einen politisch-oppositionellen Charakter annahmen, erklärt uns A. P. Miljukoff[34] folgendermaßen:
„... Für unsere damalige gebildete Jugend war es eine schwere Zeit ... In ganz Europa schien neues Leben zu keimen ... Doch in Rußland herrschte in der gleichen Zeit die schwerste Reaktion; Wissenschaft und Presse konnten unter dem harten Drucke der Regierung kaum atmen und jede Äußerung des geistigen Lebens wurde unterdrückt. Aus dem Auslande wurden eine Menge freiheitlicher Schriften eingeschmuggelt.“
Eben diese verbotene Frucht wurde schließlich zur Hauptnahrung in jenen wissenschaftlich-literarischen Kreisen. Es war nun Petraschewski, der diese Kreise, über deren Vorhandensein er unterrichtet war, für seine Pläne zu benutzen gedachte. Der Titularrat Michail Butaschewitsch-Petraschewski hatte zunächst ein Lyzeum besucht, dann (1841) sein Studium an der Universität beendet, und war schließlich im Ministerium des Äußern angestellt worden, trug aber gleichwohl – was eine für jene Zeit erstaunliche Nachsicht seiner Vorgesetzten einer solchen „Schrulle“ gegenüber bezeugt – einen Bart und einen Hut mit einer riesigen Krempe. Diesem Petraschewski nun erschien es wünschenswert, daß sich möglichst viele Kreise von der bezeichneten Art bildeten, damit sie dann von verschiedenen Seiten her ihre Propaganda machen konnten – wobei es nicht nur unnötig, sondern nicht einmal erwünscht war, daß diese einzelnen Kreise sich persönlich kannten oder auch nur um einander Bescheid wußten: es genügte vielmehr, daß er, Petraschewski, allein mit den einzelnen Kreisen in Fühlung stand und sie alle kontrollierte[35].
„Unsere Sozialisten sind aus den Petraschewzen hervorgegangen. Die Petraschewzen haben viele Samen ausgestreut“ – hat Dostojewski selbst einmal in seinen letzten Lebensjahren gesagt. Wie aber der Boden zur Aufnahme dieses Samens vorbereitet wurde, darauf weist Dostojewskis Frage hin: „Kann denn der russische Jüngling dem Einfluß – des fortschrittlichen europäischen Gedankens – und besonders der russischen Seite ihrer Lehren gegenüber gleichgültig bleiben? ... Eine solche russische Seite dieser Lehren gibt es tatsächlich. Sie besteht aus Schlußfolgerungen in Gestalt unerschütterlicher Axiome, wie sie nur in Rußland gezogen werden.“ Diese _russischen_ Schlußfolgerungen aus den europäischen Lehren waren immer deren äußerste Konsequenz, waren Folgerungen, die schließlich, wie Dostojewski 1876 schreibt, „zur Verneinung Europas und seiner Kultur führten, dieser Kultur, die in vielem, in gar zu vielem der russischen Seele fremd ist.“
In der neuesten europäischen Lehre – dem Sozialismus – erfordert nach L. von Stein unsere größte Aufmerksamkeit „die Kritik der gegenwärtigen Zivilisation“ ... – „Aber diese gegenwärtige Zivilisation ist ja ... eine _europäische_ Zivilisation,“ folgerten alsbald einzelne bei uns, „sie wurzelt ja in der europäischen Vergangenheit, in den Grundlagen der europäischen Geschichte. Bei uns aber“ – so entschlossen sich einige, weiterzudenken – „bei uns sind die Grundlagen der geschichtlichen Vergangenheit ganz andere; um so weniger Wert hat für uns diese Zivilisation, und um so mehr Wert hat für uns das, was sich gegen sie erhebt.“
So sah Dostojewski in der Geschichte unserer sozialistischen Bewegung – als einer, der zu Anfang an derselben unmittelbar beteiligt gewesen war und als tiefer Psychologe – einerseits eine rückhaltlose Hingabe an Europa, und andererseits die geheime Gegenwehr unserer russischen Natur gegen dieses Europa, das uns überwältigen wollte. In dieser Doppelseitigkeit der Beziehung liegt vielleicht die Erklärung dafür, daß die Bewegung, wie Dostojewski sagt, „sich bis heute fortsetzt und keineswegs die Absicht zu haben scheint, stehen zu bleiben ...“
Und nun – nach so viel verehrten europäischen Namen und von uns aufgenommenen Ideen – vernimmt man plötzlich von einem Manne wie Louis Blanc diesen Ausbruch des Unwillens gegen eine solche europäische Koryphäe wie Voltaire: „_Non, Voltaire n’aimait pas assez le peuple_“,{[5]} usw. Als Bjelinski das las, entfuhr ihm unwillkürlich der Ausruf: „Alle Heiligen! Das ist ja Schewyreff!“[36] Denn Bjelinski war und blieb bei all seinem _Sozialismus_ bis an sein Lebensende ein glühender Verehrer der europäischen _Kultur_, weshalb ihn ein solches Urteil abstoßen mußte. Andere dagegen konnte dieser Umstand, daß Louis Blanc an „Schewyreff“ gemahnte, nur um so mehr anziehen – den einen bewußt und offen, den anderen unbewußt und in Unklarheit über sich selbst[37].
A. P. Miljukoff, der im Winter 1848 gleichfalls zu dem kleinen Kreise gehörte, der bei dem Kollegienassessor a. D. und Schriftsteller Duroff[38] zusammenkam, erzählt, daß man aus Dostojewskis Urteilen immer den Verfasser der „Armen Leute“ erkennen konnte, und daß er sich stets gegen alle Maßnahmen, die geeignet waren, irgendwie das Volk zu bedrücken, ausgesprochen habe. Als man einmal die Frage erörterte, ob die Befreiung der Bauern „von unten oder von oben kommen werde, und jemand die Ansicht äußerte, die Aufhebung der Leibeigenschaft auf gesetzlichem Wege sei höchst zweifelhaft, äußerte Fjodor Michailowitsch schroff, daß er an keinen anderen Weg glaube“. An diese Erinnerung schließt sich die Aussage des Leutnants der Leibjäger A. Palm[39] an, nach der Dostojewski, als die Debatte sich zu der Frage zugespitzt hatte: „Nun, wenn es sich aber zeigt, daß man die Bauern nicht anders als durch einen Aufstand befreien kann?“ mit der ihm eigenen Empfänglichkeit für jeden Eindruck ausgerufen habe: „Dann, meinetwegen, auch durch einen Aufstand!“
Überhaupt scheint der Kreis um Duroff aus recht hitzköpfigen jungen Leuten bestanden zu haben. Diese Tollköpfigkeit verleitete sie u. a. zu der unvorsichtigen Absicht, eine geheime Druckerei zwecks Vervielfältigung und Verbreitung von Reden und Schriften anzulegen, – eine Unvorsichtigkeit, mit der Petraschewski sehr unzufrieden war, da sie bei den damaligen Zensur- und Polizeiverhältnissen durchaus nicht als ein unschuldiges Unterfangen angesehen werden konnte. Im übrigen schildert der erwähnte Leutnant A. Palm in seinem Roman „Alexei Sslobodin“ nicht nur eben diesen Kreis, sondern er hat auch, wie er mir selbst sagte, der Gestalt des Sslobodin einzelne Züge des jungen F. M. Dostojewski verliehen. So finden wir in der Wiedergabe der Debatten die folgende Stelle: