Part 56
Man erfuhr später, daß er am selben Abend, in der zwölften Stunde, noch einen sehr exzentrischen und unerwarteten Besuch gemacht hatte. Der Regen hatte noch immer nicht aufgehört. Ganz durchnäßt, trat er zwanzig Minuten nach elf in die kleine Wohnung der Eltern seiner Braut ein. Mit großer Mühe hatte er sich Einlaß verschafft und zuerst alle in große Aufregung versetzt; aber Arkadi Iwanowitsch konnte, wenn er wollte, ein Mann von bezauberndem Benehmen sein, so daß die ursprüngliche, übrigens sehr naheliegende Annahme der Eltern der Braut, daß Arkadi Iwanowitsch wahrscheinlich sich irgendwo stark berauscht habe und seiner selbst nicht mächtig sei, -- von selbst zunichte wurde. Den gelähmten Vater rollte in einem Sessel die mitleidige Mutter der Braut selbst zu Arkadi Iwanowitsch herein und begann nach ihrer Gewohnheit mit weitausholenden Fragen. Diese Frau stellte nie direkte Fragen, sondern lächelte und rieb sich die Hände zuerst, dann aber, wenn sie etwas unbedingt erfahren wollte, wie z. B., -- wann Arkadi Iwanowitsch den Wunsch habe, die Hochzeit zu bestimmen, so begann sie mit den neugierigsten Fragen über Paris und das dortige Hofleben, um schließlich langsam bis zu ihrer Wohnung in Petersburg zu gelangen. Zu anderer Stunde wurde dies alles ruhig hingenommen, aber jetzt war Arkadi Iwanowitsch zu ungeduldig und wünschte kategorisch seine Braut zu sehen, obgleich man ihm schon bei seinem Eintritt erklärt hatte, daß sie schon schlafe. Die Braut erschien selbstverständlich, und Arkadi Iwanowitsch teilte ihr sofort mit, daß er wegen einer sehr wichtigen Angelegenheit auf eine Zeit lang Petersburg verlassen müsse, und aus diesem Grunde ihr fünfzehntausend Rubel in allerhand Papieren mitgebracht habe; er bat sie, dies als ein Geschenk von ihm anzunehmen, da er schon längst die Absicht gehabt habe, ihr diese Kleinigkeit schon vor der Hochzeit zu überreichen. Ein besonderer logischer Zusammenhang zwischen dem Geschenk und der unverzüglichen Abreise und der Notwendigkeit, deswegen in der Nacht bei Regen herzukommen, zeigte sich in keiner Weise bei seinen Erklärungen, jedoch es verlief alles sehr gut. Sogar die unvermeidlichen Ausrufe von »ach« und »wie,« das Fragen und Staunen wurden rasch gemäßigt und zurückgehalten; dafür aber wurde eine überströmende Dankbarkeit an den Tag gelegt und sogar von den Tränen der vernünftigsten aller Mütter unterstützt. Arkadi Iwanowitsch stand auf, lachte, küßte die Braut, streichelte ihre Wangen, wiederholte noch einmal, daß er bald zurückkommen werde, und als er in ihren Augen eine zwar kindliche Neugier, aber zugleich eine sehr ernste stumme Frage bemerkte, sann er eine Weile nach, küßte sie zum zweitenmal und ärgerte sich darüber, daß das Geschenk unverzüglich zur Aufbewahrung der vernünftigsten aller Mütter übergeben werden würde. Er ging fort und hinterließ alle in einer ungewöhnlichen Aufregung. Aber die gutherzige Mama löste sofort im Flüstertone einige sehr wichtige Bedenken, und zwar, daß Arkadi Iwanowitsch ein Mann der großen Welt, ein Mann mit Unternehmungen und großen Verbindungen, ein reicher Mann sei; weiß Gott, was in seinem Kopfe vorgehe, er habe plötzlich den Entschluß gefaßt, abzureisen, habe eben plötzlich den Gedanken bekommen, das Geld gegeben, man soll sich nicht darüber wundern. Gewiß sei es merkwürdig, daß er ganz durchnäßt war, aber die Engländer seien z. B. noch exzentrischer, überhaupt alle Menschen aus der höchsten Gesellschaft achteten nicht darauf, was man von ihnen sagen werde, und genierten sich nicht. Vielleicht gehe er absichtlich in dieser Weise herum, um zu zeigen, daß er nichts fürchte. Die Hauptsache aber sei, niemand ein Wort davon zu sagen, denn Gott weiß, was dabei noch herauskommen könne, das Geld müsse sofort eingeschlossen werden, und sicher sei es das beste, daß das Mädchen in der Küche war und nichts gesehen habe, noch wichtiger sei es aber, nichts, gar nichts dieser Spitzbübin, dieser Rößlich davon zu sagen, und so ging es in gleicher Weise fort. Sie blieben bis zwei Uhr sitzen und flüsterten die ganze Zeit. Nur die Braut ging etwas früher schlafen, über die ganze Sache verwundert und ein wenig traurig.
Sswidrigailoff wanderte indessen punkt zwölf Uhr über die K.sche Brücke in der Richtung nach dem --schen Stadtteil. Es hatte zu regnen aufgehört, jedoch der Wind wehte noch stark. Sswidrigailoff begann zu zittern, und einen Augenblick sah er mit einer auffallenden Neugier und fragend das schwarze Wasser der Kleinen Newa an. Als er so über das Wasser geneigt dastand, fühlte er auf einmal ein unangenehmes Kältegefühl, er drehte sich um und ging den X.schen Prospekt entlang. Er wanderte lange, fast eine halbe Stunde, durch diesen endlosen Prospekt, stolperte ein paarmal in der Dunkelheit auf dem hölzernen Trottoir und hörte nicht auf, etwas auf der rechten Seite der Straße aufmerksam zu suchen. Er hatte hier, fast am Ende des Prospekts kürzlich im Vorbeifahren ein hölzernes, aber geräumiges Gasthaus bemerkt, und sein Name, soweit er sich erinnern konnte, hatte etwas mit »Adrianopel« zu tun. Er hatte sich nicht getäuscht, -- dieses Gasthaus in dieser abgelegenen Gegend war so auffallend, daß es selbst in der Dunkelheit unmöglich übersehen werden konnte. Es war ein langes hölzernes, schwarzgewordenes Gebäude, in dem trotz der späten Stunde noch Lichter brannten und ein gewisses Leben zu bemerken war. Er trat ein und fragte einen im Korridor stehenden, zerlumpten Kerl nach einem Zimmer. Der warf einen Blick auf Sswidrigailoff, nahm sich zusammen und führte ihn in ein dumpfes, enges Zimmer, das am Ende des Korridors an einer Ecke unter der Treppe lag. »Es ist kein anderes da, alle Zimmer sind besetzt.« Der Kerl blickte ihn fragend an.
»Gibt es Tee?« fragte Sswidrigailoff.
»Kann besorgt werden.«
»Was gibt es noch?«
»Kalbfleisch, Schnaps, Aufschnitt.«
»Bring mir Kalbfleisch und Tee.«
»Sonst keine Wünsche?« fragte der Kerl erstaunt.
»Nichts mehr.«
Der Kerl verschwand, ganz verwundert.
»Das muß ein guter Ort sein,« dachte Sswidrigailoff, »wie kam mir das nicht in den Sinn. Ich habe wahrscheinlich auch das Aussehen eines Menschen, der irgendwo aus einem Café chantant kommt und auf dem Wege schon etwas erlebt hat. Es wäre interessant, zu erfahren, wer hier alles absteigt und übernachtet.«
Er zündete ein Licht an und besah sich das Zimmer genauer. Es war eine ganz kleine Kammer, so niedrig, daß Sswidrigailoff beinahe an die Decke stieß, mit einem Fenster; ein sehr schmutziges Bett, ein einfacher, gestrichener Tisch und ein Stuhl nahmen fast den ganzen Raum ein. Die Wände hatten das Aussehen, als wären sie aus Brettern zusammengeschlagen und mit alten abgerissenen Tapeten beklebt worden, die so staubig und beschmutzt waren, daß man ihre Farbe, ursprünglich gelb, erraten mußte, das Muster aber nicht mehr unterscheiden konnte. Der eine Teil der Wand und der Decke war schräg abgeschnitten, wie man es gewöhnlich in Mansarden sieht, hier aber war es wegen der Treppe. Sswidrigailoff stellte das Licht auf den Tisch, setzte sich auf das Bett und versank in Gedanken. Aber ein eigentümliches und ununterbrochenes Flüstern im Nebenzimmer, das zuweilen fast in ein Schreien überging, lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Flüstern hatte seit dem Augenblicke, als er im Zimmer eingetreten war, nicht aufgehört. Er begann zu lauschen, -- jemand schimpfte und machte einem anderen fast weinend Vorwürfe, man hörte nur eine Stimme; Sswidrigailoff stand auf, verdeckte mit der einen Hand das Licht und an der Wand zeigte sich sofort eine Ritze; er trat drauf zu und begann hindurchzusehen. In dem Zimmer, das ein wenig größer war, als das seine, befanden sich zwei Menschen. Einer von ihnen ohne Rock, mit einem lockigen Kopfe und rotem erregten Gesichte, stand in Rednerpose; er hatte die Beine auseinandergespreizt, um das Gleichgewicht zu bewahren, schlug sich vor die Brust und warf dem anderen pathetisch vor, daß er ein Bettler sei und daß er nicht mal einen Rang habe, daß er ihn aus dem Schmutz herausgezogen habe, und daß er ihn, wenn er wolle, fortjagen könne und dies alles sehe der Finger Gottes allein. Der angeschnauzte Genosse saß auf einem Stuhl und hatte das Aussehen eines Menschen, der sehr gern niesen möchte, aber es absolut nicht fertig brachte. Er sah zuweilen mit einem trüben Schafsblicke den Redenden an, aber augenscheinlich hatte er keinen Begriff davon, worüber jener sprach und höchstwahrscheinlich hörte er es nicht einmal. Auf dem Tische brannte der Rest eines Lichtes, und eine fast leere Karaffe Branntwein mit Gläsern, Brot, Gurken und ein Teegeschirr standen darauf. Nachdem Sswidrigailoff dieses Bild aufmerksam betrachtet hatte, verließ er teilnahmslos die Ritze in der Wand und setzte sich wieder auf das Bett hin.
Der Kerl, der mit Kalbfleisch und Tee gekommen war, konnte sich nicht enthalten, noch einmal zu fragen, ob nichts weiter gewünscht würde, und nachdem er wieder eine verneinende Antwort erhalten hatte, ging er endgültig aus dem Zimmer. Sswidrigailoff stürzte sich über den Tee, um sich zu erwärmen, und leerte ein Glas, essen konnte er nichts, da er den Appetit völlig verloren hatte. Er begann sichtlich zu fiebern. Er nahm seinen Mantel und Jacke ab, hüllte sich in die Decke ein und legte sich auf das Bett. Er ärgerte sich, -- »es wäre diesmal doch besser, gesund zu sein,« dachte er und lächelte bitter. Es war im Zimmer dumpf, das Licht brannte trübe, draußen heulte der Wind, irgendwo in einer Ecke nagte eine Maus, im ganzen Zimmer überhaupt roch es nach Mäusen und nach Leder. Er lag und träumte, -- ein Gedanke löste den anderen ab. Es schien, als wolle er seiner Phantasie eine bestimmte Richtung geben. »Hinter dem Fenster muß ein Garten sein,« -- dachte er, -- »Bäume rauschen; was ich in der Nacht nicht liebe, im Sturme und in der Dunkelheit bringt das Rauschen der Bäume ein unangenehmes Gefühl hervor!« Und er erinnerte sich, wie er vorhin im Vorbeigehen mit Widerwillen an den Petrowski-Park gedacht hatte. Dann tauchte in seiner Erinnerung auch die K.sche Brücke und die Kleine Newa auf, und wieder überrieselte es ihn kalt, wie vorhin, als er über das Wasser geneigt stand.
»Ich habe niemals im Leben das Wasser, nicht mal auf Bildern, geliebt,« dachte er und lächelte über einen sonderbaren Gedanken. »Jetzt müßte mir doch diese ganze Ästhetik und der Komfort gleichgültig sein, aber nein, jetzt gerade werde ich wählerisch, wie ein Tier, das sich seine Stelle ... in ähnlichem Falle aussucht. Ich sollte vorhin in den Petrowski-Park einbiegen! Ist mir aber zu dunkel, zu kalt erschienen, he! he! Als suchte ich angenehme Gefühle dabei! ... Ja, warum lösche ich das Licht nicht aus?« Und er löschte das Licht. »Meine Nachbarn haben sich auch schlafen gelegt,« dachte er, als er keinen Schein mehr durch die Ritze sah. -- »Nun, Marfa Petrowna, jetzt wäre es Zeit für Sie, zu erscheinen, -- es ist dunkel, der Ort sehr passend und ein origineller Augenblick. Jetzt werden Sie sicher nicht kommen ...«
Es kam ihm auch in den Sinn, daß er vorhin, eine Stunde bevor Dunja in seiner Wohnung war, Raskolnikoff empfohlen hatte, sie der Obhut Rasumichins anzuvertrauen. »Ich habe es damals wirklich mehr gesagt, um mich selbst zu reizen, was Raskolnikoff auch erraten hat. Dieser Raskolnikoff ist ein feiner Kopf. Er hat vieles durchgemacht und kann mit der Zeit etwas Großes werden, wenn der Unsinn in ihm vergangen sein wird, jetzt aber hat er noch ein _zu großes_ Verlangen zu leben. In diesem Punkte sind alle diese Leute -- Feiglinge. Nun, mag ihn der Teufel holen, mag er tun, was er will, was geht es mich an.«
Er konnte immer noch nicht einschlafen. Allmählich begann vor ihm das Bild von Dunetschka aufzutauchen, wie sie vorhin aussah, und ein Zittern fuhr durch seinen Körper. -- »Nein, das muß man jetzt schon lassen,« dachte er zu sich kommend, »ich muß an etwas anderes denken. Es ist sonderbar und lächerlich, -- ich habe niemals jemand stark gehaßt, habe auch niemals besonders gewünscht, an jemand Rache zu nehmen, das ist doch ein schlimmes Zeichen, ein schlimmes Zeichen! Habe auch nicht geliebt, mich herumzustreiten und war nie heftig gewesen, -- ist auch ein schlechtes Zeichen! Und was habe ich ihr vorhin versprochen, -- pfui, Teufel! Sie hätte aus mir doch etwas machen können! ...«
Er verstummte wieder und preßte die Zähne aufeinander, -- wieder erschien ihm Dunetschkas Bild, wie sie nach dem ersten Schuß erschrocken war, den Revolver sinken ließ und leichenblaß ihn ansah, so daß er sie zweimal hätte greifen können, ohne daß sie die Hand zur Gegenwehr hätte erheben können, wenn er selbst sie nicht daran erinnert hätte. Er erinnerte sich, wie sie ihm in diesem Augenblicke so leid tat, und wie sich sein Herz zusammengeschnürt hatte ... »Ah! Zum Teufel! Wieder diese Gedanken, man muß sie alle fallen lassen, ja, fallen lassen!«
Er verfiel wieder in Schlaf, -- das fieberhafte Zittern ließ nach; da schien etwas unter der Decke über seine Hand und seinen Fuß zu laufen. Er zuckte zusammen, -- »pfui, Teufel, das ist ja eine Maus!« dachte er, »ich habe das Fleisch auf dem Tische stehen gelassen ...« Er wollte nicht die Decke abwerfen, aufstehen und frieren, da stach ihn schon wieder etwas am Fuße; er riß die Decke von sich und zündete das Licht an. Zitternd vor fieberhafter Kälte, bückte er sich, um im Bette nachzusuchen, -- es war nichts da; er schüttelte die Decke und plötzlich sprang eine Maus auf das Bettlaken. Er wollte sie fangen; die Maus aber sprang vom Bette nicht herunter, sondern lief im Zickzack nach allen Seiten hin, glitt ihm durch die Finger, lief über seine Hand und verschwand plötzlich unter dem Kissen; er warf das Kissen herunter und fühlte sogleich, wie sie ihm unter das Hemd sprang und auf seinem Rücken herumkrabbelte. Er erbebte nervös und erwachte. Im Zimmer war es dunkel, er lag wie vorhin in der Decke eingewickelt auf dem Bette, hinter dem Fenster heulte der Wind. »Wie schaurig!« dachte er ärgerlich. Er stand auf und setzte sich mit dem Rücken gegen das Fenster auf das Bett. »Lieber schlafe ich gar nicht,« beschloß er. Vom Fenster kam Kälte und Feuchtigkeit herein; ohne aufzustehen zog er die Decke über sich und hüllte sich ein. Das Licht steckte er nicht an. Er dachte an nichts und wollte auch an nichts denken; doch ein Phantasiegebilde nach dem andern stand vor ihm auf, abgerissene Gedanken ohne Anfang und Ende und ohne Zusammenhang schwebten ihm vor. Er verfiel in einen Halbschlummer. War es die Kälte oder die Dunkelheit, war es die Feuchtigkeit oder der Wind, der hinter dem Fenster heulte und die Bäume rüttelte, -- die in ihm eine hartnäckige phantastische Neigung und den Wunsch nach Blumen hervorriefen, -- mit Blumen beschäftigte sich seine Phantasie ausschließlich. Ihm schwebte ein reizendes Bild vor, -- ein lichter, warmer, beinahe heißer Tag, ein Festtag, ein Pfingsttag; ein reiches prachtvolles Landhaus, im englischen Geschmack, bewachsen mit duftenden Blumen, und umgeben von Blumenbeeten, die um das Haus sich herumzogen, eine Treppe, umrankt von Schlingpflanzen und umringt von Rosenbüschen; eine lichte kühle Treppe, bedeckt mit einem prächtigen Teppich und ringsum geziert mit seltenen Blumen in chinesischen Vasen. Er hatte auf den Fenstern Sträuße von weißen und zarten Narzissen in Glasvasen, gefüllt mit Wasser, bemerkt, die auf ihren hellgrünen, dicken und langen Stengeln starken aromatischen Duft verbreiteten. Er wollte sich gar nicht mehr von ihnen trennen, endlich stieg er aber doch die Treppe hinauf und trat in einen großen hohen Saal, und wieder standen hier überall auf den Fenstern, an der geöffneten Türe nach der Terrasse, auf der Terrasse selbst, Blumen über Blumen. Die Diele war mit frisch gemähtem, duftendem Heu bestreut, die Fenster waren geöffnet, eine frische leichte kühle Luft drang in das Zimmer, Vögel zwitscherten unter den Fenstern, und mitten im Saale auf einem mit weißem Atlas bezogenen Tische stand ein Sarg. Dieser Sarg war mit weißem Taft ausgeschlagen und mit weißen dichten Rüschen benäht. Girlanden aus Blumen umrankten ihn auf allen Seiten. Ganz in Blumen gebettet lag ein kleines Mädchen in weißem Tüllkleide; ihre wie aus Marmor gemeißelten Hände waren gefaltet und an die Brust gepreßt. Ihr aufgelöstes Haar, ein helles Blondhaar, war naß; ein Kranz aus Rosen umgab ihren Kopf. Das strenge und schon erstarrte Profil ihres Gesichts war auch wie aus Marmor gemeißelt, in dem Lächeln auf ihren blassen Lippen lag ein nicht kindliches grenzenloses Weh, eine stille, herzzerreißende Klage. Sswidrigailoff kannte dieses Mädchen; weder ein Gottesbild noch brennende Kerzen standen an diesem Sarge und man vernahm keine Gebete. Das kleine Mädchen war eine Selbstmörderin, -- sie hatte sich ertränkt. Sie war erst vierzehn Jahre alt und hatte schon ein gebrochenes Herz, sie war zugrunde gerichtet durch eine schändliche Tat, die dieses junge kindliche Bewußtsein mit Entsetzen erfüllt und überfallen, die ihre engelreine Seele mit unverdienter Schmach bedeckt hatte, und die ihr einen letzten Schrei der Verzweiflung entriß, der nicht erhört, sondern mit kaltem Herzen und harter Hand in einer dunklen Nacht, in tiefer Finsternis, in Kälte, in feuchtem Tauwetter unterdrückt wurde, als der Wind heulte.
Sswidrigailoff kam zu sich, stand auf und trat an das Fenster. Er fand tastend den Riegel und öffnete es. Der Wind stürmte mit aller Kraft in sein enges Zimmer hinein und bedeckte mit einem Frosthauch sein Gesicht und die nur mit dem Hemde bedeckte Brust. Hinter dem Fenster war wirklich ein Garten und zwar ein Vergnügungsetablissement; am Tage traten wohl hier Sänger auf und es wurde an Tischen Tee serviert. Jetzt flogen Regentropfen von den Bäumen und Sträuchern zum Fenster herein, und es war eine Dunkelheit wie in einem Keller, so daß man kaum einige dunkle Flecken, die Gegenstände vorstellten, unterscheiden konnte. Sswidrigailoff hatte die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt und sich hinausgebeugt, und blickte nun schon fünf Minuten, ohne sich losreißen zu können, in diese Finsternis. Da ertönte in die Nacht hinein ein Kanonenschuß, ihm folgte ein zweiter. »Ah, das Signal! Das Wasser steigt!« dachte er. -- »Gegen Morgen wird das Wasser die Straßen überfluten und die Kellerwohnungen und die Gewölbe überschwemmen, die Kellerratten werden aus ihren Schlupfwinkeln hervorschwimmen und die Menschen werden in Wind und Regen, durchnäßt und schimpfend, ihren Kram in die oberen Stockwerke schleppen ... Um welche Zeit ist es nun?« -- Und kaum hatte er so gedacht, als aus der Nähe, tickend und wie sich mächtig beeilend, eine Wanduhr drei Uhr schlug. -- »Aha, nach einer Stunde wird es schon hell werden! Warum soll ich länger warten? Ich will lieber sofort hier fort und direkt in den Petrowski-Park gehen; dort will ich mir ein großes Gebüsch aussuchen, mit Regentropfen so benetzt, daß, wenn man nur mit einer Schulter drankommt, Millionen von Tropfen den ganzen Kopf mir überströmen werden ...« Er trat vom Fenster zurück, schloß es, zündete das Licht an, zog seine Weste und den Mantel an, setzte den Hut auf und ging mit dem Lichte auf den Korridor hinaus, um in einer Kammer zwischen allerhand Kram und Lichtstumpfen den schlafenden Kerl aufzusuchen, ihm das Zimmer zu bezahlen und dann das Gasthaus zu verlassen. -- »Es ist der beste Augenblick, man könnte ihn nicht besser wählen!«
Er ging lange in dem schmalen und langen Korridor herum, ohne jemand zu finden und wollte schon laut rufen, als er plötzlich in einer dunklen Ecke, zwischen einem alten Schrank und einer Türe, einen sonderbaren Gegenstand, anscheinend etwas Lebendes, erblickte. Er beugte sich mit dem Lichte darüber und sah ein Kind, -- ein kleines Kind, -- ein kleines Mädchen, nicht älter als fünf Jahre, in einem völlig durchnäßten Kleidchen, zitternd und weinend, daliegen. Sie schien vor Sswidrigailoff keine Furcht zu haben, blickte ihn mit ihren großen schwarzen Äuglein voll stillen Staunens an und schluchzte ab und zu, wie Kinder, die lange geweint, doch aufhören und sich getröstet haben. Das kleine Gesicht des Mädchens war bleich und abgemagert; sie war vor Kälte fast erstarrt, aber -- »wie war sie hierher gekommen? Sie mußte sich hier versteckt und die ganze Nacht nicht geschlafen haben?« Er begann sie auszufragen. Das Kind wurde plötzlich lebhaft und stammelte etwas sehr schnell in seiner kindlichen Sprache. Es kam darin etwas von »Mamachen« und das »Mama Ruten geben wird,« von einer Tasse, die sie zerschlagen habe, vor. Das Mädchen sprach ununterbrochen; einiges konnte man aus ihrer ganzen Erzählung herausfinden, -- daß sie nicht geliebt werde, daß ihre Mutter, eine ewig betrunkene Köchin, wahrscheinlich im Gartenhause selbst, sie zumeist prügele und ihr Schrecken eingejagt habe; daß das Mädchen der Mutter eine Tasse zerschlagen habe und so erschrocken wäre, daß sie seit gestern Abend weggelaufen sei; wahrscheinlich hatte sie sich lange auf dem Hofe im Regen versteckt, endlich sich ins Haus hineingeschlichen, sich hinter dem Schrank verkrochen und hatte hier in der Ecke, weinend und in Nässe, Dunkelheit und Angst davor zitternd, daß man sie tüchtig verprügeln würde, die ganze Nacht gesessen. Sswidrigailoff nahm sie auf die Arme, ging in sein Zimmer, setzte sie auf das Bett hin und begann sie auszukleiden. Ihre zerlöcherten Stiefel auf die nackten Füße angezogen, waren so feucht, als hätten sie die ganze Nacht in einer Pfütze gelegen. Nachdem er sie entkleidet hatte, legte er sie ins Bett, bedeckte und hüllte sie ganz bis zum Kopfe in die Decke. Sie schlief sofort ein. Nachdem er damit fertig war, versank er wieder in sein düsteres Nachdenken.
»Was fällt mir auch ein, mich damit abzugeben!« dachte er plötzlich mit einem schweren und bitteren Gefühl. -- »Was für ein Unsinn!« Voll Ärger nahm er das Licht, um hinauszugehen und um jeden Preis den Kerl zu finden und schneller von hier wegzukommen. -- »Ach, so ein Mädel!« dachte er fluchend und öffnete schon die Türe, als er sich umkehrte, um noch einmal zu sehen, ob das Mädchen schlafe und wie sie schlafe? Er hob vorsichtig die Decke auf. Das Mädchen lag im festen und seligen Schlafe. Sie war unter der Decke warm geworden, und das Blut war wieder in ihre blassen Wangen gestiegen. Aber sonderbar, -- diese Röte war greller und auffallender, als sonst bei Kindern. »Das ist eine fieberhafte Röte,« dachte Sswidrigailoff, »das ist die Röte nach Weingenuß, es ist, als hätte man ihr ein ganzes Glas zu trinken gegeben. Ihre roten Lippen brennen, scheinen zu flammen, aber was ist das?« Ihm schien es plötzlich, als ob ihre langen schwarzen Wimpern zuckten und blinzelten, als ob sie sich erhöben, als ob unter ihnen ein schelmisches, scharfes, nicht in kindlicher Weise zwinkerndes Auge hervorblickte, als ob das Mädchen nicht schliefe, sich nur so anstelle. Ja, es war auch so, -- ihre Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, die Mundwinkel zucken, es ist, als ob sie das Lächeln noch zurückhalten wollte. Nun aber hört sie auf, sich zurückzuhalten, sie lacht schon, sie lacht deutlich; etwas Freches und Herausforderndes leuchtet in diesem gar nicht kindlichen Gesichte; das ist das Laster; das ist das Gesicht einer Kokotte, das freche Gesicht einer verkäuflichen französischen Kokotte. Jetzt öffnen sich, ohne jede Verstellung, die beiden Augen, -- sie ruhen auf ihm mit einem feurigen und schamlosen Blick, sie locken ihn, sie lachen ... Etwas unendlich Widerliches und Beleidigendes lag in diesem Lachen, in diesen Augen, in diesem ganzen schamlosen Gesichte des Kindes. »Wie! Eine fünfjährige!« flüsterte Sswidrigailoff mit wahrem Entsetzen. -- »Was ... was ist denn das?« -- Nun wendet sie sich ihm mit dem brennenden Gesichtchen ganz zu, streckt die Arme aus ... »Ah, Verfluchte!« rief Sswidrigailoff voll Entsetzen und holte seine Hand zum Schlage aus ... Aber im selben Augenblick erwachte er.
Er lag im Bette, eingehüllt in die Decke; das Licht war nicht angezündet und durch das Fenster leuchtete der volle Tag hinein.