Part 55
»Ah, also du lügst! Ich sehe ... du hast gelogen ... du hast alles gelogen! ... Ich glaube dir nicht! Ich glaube nicht! Ich glaube nicht!« schrie Dunetschka in wahrer Wut und verlor vollkommen den Kopf.
Sie fiel fast ohnmächtig auf einen Stuhl hin, den Sswidrigailoff sich beeilte, ihr unterzuschieben.
»Awdotja Romanowna, was ist mit Ihnen, kommen Sie zu sich! Hier ist Wasser! Trinken Sie einen Schluck ...«
Er bespritzte sie mit Wasser. Dunetschka fuhr zusammen und kam zu sich.
»Es hat stark gewirkt!« murmelte Sswidrigailoff vor sich hin und sein Gesicht verdüsterte sich. -- »Awdotja Romanowna, beruhigen Sie sich! Vergessen Sie nicht, daß er Freunde hat. Wir werden ihn retten, herausreißen. Wenn Sie es wollen, bringe ich ihn ins Ausland? Ich habe Geld; in drei Tagen verschaffe ich einen Reisepaß. Und was das anbetrifft, daß er getötet hat, so wird er noch so viel Gutes tun, so daß dies alles sich ausgleichen wird; beruhigen Sie sich. Er kann noch ein großer Mann werden. Wie geht's mit Ihnen? Wie fühlen Sie sich?«
»Sie böser Mensch! Er verspottet es noch. Lassen Sie mich ...«
»Wohin? Wohin wollen Sie?«
»Zu ihm. Wo ist er? Sie wissen es? Warum ist diese Tür verschlossen? Wir sind durch diese Tür hereingekommen und jetzt ist sie verschlossen. Wann haben Sie sie abschließen können?«
»Man konnte doch nicht durch alle Zimmer schreien, was wir hier sprachen. Ich spotte gar nicht; ich bin bloß überdrüssig, diese Sprache zu führen. Nun, wohin wollen Sie in diesem Zustande gehen? Oder wollen Sie ihn verraten? Sie bringen ihn in Wut und er wird sich selbst anzeigen. Sie sollen wissen, daß man ihn schon verfolgt, daß man auf seine Spur gekommen ist. Sie werden ihn bloß verraten. Warten Sie, -- ich habe ihn gesehen und mit ihm soeben gesprochen; man kann ihn noch retten. Warten Sie, setzen Sie sich, überlegen wir es zusammen. Ich habe Sie auch darum gerufen, um mit Ihnen allein darüber zu sprechen und alles gut zu überlegen. Ja, setzen Sie sich doch!«
»Wie können Sie ihn retten? Kann man ihn denn retten?«
Dunja setzte sich. Sswidrigailoff setzte sich neben sie.
»Das alles hängt von Ihnen ab, von Ihnen, von Ihnen allein,« begann er mit funkelnden Augen, fast im Flüstertone, verwirrt und manche Worte vor Erregung nicht aussprechend.
Dunja wich erschrocken vor ihm zurück. Er zitterte auch am ganzen Körper.
»Sie ... ein einziges Wort von Ihnen, und er ist gerettet! Ich ... ich werde ihn retten. Ich habe Geld und Freunde. Ich werde ihn sofort ins Ausland senden, ich selbst nehme den Reisepaß, zwei Reisepässe. Den einen für ihn, den anderen für mich. Ich habe Freunde; ich habe Geschäftsleute an der Hand ... Wollen Sie? Ich will auch für Sie einen Reisepaß nehmen ... für Ihre Mutter ... wozu brauchen Sie Rasumichin? Ich liebe Sie auch ... Ich liebe Sie grenzenlos. Lassen Sie mich den Saum Ihres Kleides küssen, lassen Sie mich! Lassen Sie mich! Ich kann nicht hören, wie es rauscht. Sagen Sie zu mir, -- tue das, und ich will es tun! Ich will alles tun! Ich will das Unmöglichste tun! Woran Sie glauben, will ich auch glauben! Ich will alles, alles tun! Sehen Sie mich, sehen Sie mich nicht so an! Wissen Sie es auch, daß Sie mich töten ...«
Er fing selbst an zu phantasieren. Mit ihm war plötzlich etwas geschehen, als wäre es ihm zu Kopfe gestiegen. Dunja sprang auf und stürzte zur Türe.
»Öffnen Sie! Öffnen Sie!« schrie sie durch die Türe, als riefe sie jemand zu Hilfe und rüttelte an der Türe. -- »Öffnen Sie doch! Ist denn niemand da!«
Sswidrigailoff war aufgestanden und zur Besinnung gekommen. Ein boshaftes und spöttisches Lächeln zeigte sich langsam auf seinen noch bebenden Lippen.
»Niemand ist dort zu Hause,« sagte er leise und mit Nachdruck, »die Wirtin ist fortgegangen, und es ist unnütze Mühe, so zu schreien, -- Sie regen sich bloß unnütz auf.«
»Wo ist der Schlüssel? Öffne sofort die Türe, sofort, du gemeiner Mensch!«
»Ich habe den Schlüssel verloren und kann ihn nicht finden.«
»Ah! Also das ist Gewalt!« rief Dunja aus, erblaßte wie der Tod und stürzte in eine Ecke, wo sie sich schleunigst mit einem Tischchen schützte, das ihr in die Hand fiel. Sie schrie nicht, aber sie bohrte sich mit den Blicken an ihren Peiniger fest und verfolgte scharf jede seiner Bewegungen. Sswidrigailoff rührte sich auch nicht vom Fleck und stand ihr gegenüber am anderen Ende des Zimmers. Er hatte sich gefaßt, wenigstens äußerlich. Aber sein Gesicht war, wie früher, bleich. Ein spöttisches Lächeln verließ es nicht.
»Sie sagten soeben >Gewalt<, Awdotja Romanowna. Wenn es Gewalt ist, so können Sie selbst begreifen, daß ich die nötigen Maßregeln getroffen habe. Ssofja Ssemenowna ist nicht zu Hause; bis zu Kapernaumoffs ist es sehr weit, fünf leere Zimmer liegen dazwischen. Schließlich bin ich wenigstens doppelt so stark, als Sie, und außerdem brauche ich nichts zu befürchten, denn Sie können auch nachher sich nicht beklagen, -- Sie werden doch nicht Ihren Bruder verraten wollen? Ja, und Ihnen wird auch niemand glauben, -- warum ist denn ein junges Mädchen allein zu einem alleinstehenden Herrn gegangen? Wenn Sie also auch Ihren Bruder opfern, so beweisen Sie noch lange nichts, -- eine Gewalttat ist schwer zu beweisen, Awdotja Romanowna.«
»Schuft!« flüsterte Dunja empört.
»Wie Sie wünschen, merken Sie sich, ich habe es bloß als eine Mutmaßung ausgesprochen. Meiner persönlichen Überzeugung nach aber haben Sie vollkommen recht, -- eine Gewalttat ist eine Schändlichkeit. Ich sagte es bloß, um zu beweisen, daß Ihr Gewissen nichts verliert, wenn Sie ... wenn Sie sich sogar entschließen sollten, Ihren Bruder freiwillig zu retten, wie ich es Ihnen angeboten habe. Sie haben sich bloß den Umständen gefügt, meinetwegen auch der Gewalt nachgegeben, wenn es sich ohne dieses Wort nicht auskommen läßt. Denken Sie darüber nach; das Schicksal Ihres Bruders und Ihrer Mutter liegt in Ihren Händen. Ich will aber Ihr Sklave sein ... mein ganzes Leben ... ich will hier Ihre Entscheidung erwarten ...«
Sswidrigailoff setzte sich auf das Sofa hin, etwa acht Schritte von Dunja entfernt. Für sie gab es nicht den geringsten Zweifel an seinem unerschütterlichen Entschlusse. Außerdem kannte sie ihn ...
Plötzlich holte sie aus ihrer Tasche einen Revolver hervor, spannte den Hahn und ließ die Hand mit dem Revolver auf den Tisch sinken. Sswidrigailoff sprang von seinem Platz auf.
»Aha! So ist die Geschichte!« rief er verwundert aus und lächelte hämisch. »Nun, das ändert vollkommen die Sache! Sie erleichtern mir wesentlich die Sache, Awdotja Romanowna! Ja, woher haben Sie sich diesen Revolver verschafft? Etwa von Herrn Rasumichin? Bah! Der Revolver gehört ja mir! Ein alter Bekannter von mir! Und ich habe ihn damals so gesucht! ... Unser Schießunterricht auf dem Lande, den ich die Ehre hatte, zu erteilen, ist nicht unnütz gewesen.«
»Es ist nicht dein Revolver, sondern Marfa Petrownas, die du ermordet hast, du Bösewicht! Du hattest nichts eigenes in ihrem Hause. Ich nahm ihn, als ich zu ahnen begann, wozu du fähig bist. Wage bloß einen Schritt zu machen und ich schwöre dir, -- ich erschieße dich!«
Dunja war außer sich. Den Revolver hielt sie bereit.
»Nun, und Ihr Bruder? Ich frage aus Neugier?« sagte Sswidrigailoff und stand immer noch auf derselben Stelle.
»Zeige ihn an, wenn du willst! Nicht vom Platze! Rühr dich nicht! Ich werde schießen! Du hast deine Frau vergiftet, ich weiß es, du bist selbst ein Mörder!«
»Sind Sie fest davon überzeugt, daß ich Marfa Petrowna vergiftet habe?«
»Du hast! Du hast mir es selbst angedeutet; du hast mir von Gift gesprochen ... ich weiß, du hast dir Gift verschafft ... Du hattest alles vorbereitet ... Du hast es unbedingt getan ... Schuft!«
»Wenn es auch wahr wäre, so habe ich es doch deinetwegen ... du warst doch die Ursache!«
»Du lügst! Ich habe dich stets, stets gehaßt ...«
»Na, Awdotja Romanowna! Sie scheinen vergessen zu haben, wie Sie in der Hitze der Propaganda geneigter wurden und dahinschmolzen ... Ich habe es an den Augen gemerkt, erinnern Sie sich eines Abends, der Mond schien und eine Nachtigall trillerte?«
»Du lügst!« in Dunjas Augen funkelte Wut, »du lügst, Verleumder!«
»Ich lüge? Nun, meinetwegen, ich lüge. Ich habe gelogen. Frauen soll man an diese Dinge nicht erinnern.« -- Er lächelte halb. -- »Ich weiß, daß du schießen wirst, du schönes, wildes Tier! Nun, schieße doch!«
Dunja erhob den Revolver und sah ihn totenblaß, mit kreidebleichen bebenden Lippen, mit großen schwarzen, feurig funkelnden Augen entschlossen an und wartete die erste Bewegung von ihm ab. Noch niemals hatte er sie so schön gesehen. Das Feuer, das in ihren Augen in dem Augenblick aufleuchtete, als sie den Revolver erhob, schien ihn verbrannt zu haben, und sein Herz zog sich schmerzlicher zusammen. Er tat einen Schritt und ein Schuß knallte. Die Kugel streifte seine Haare und traf die Wand hinter ihm. Er blieb stehen und lachte leise.
»Eine Wespe hat gestochen! Sie zielt auf den Kopf ... Was ist das? Blut!« -- Er zog ein Taschentuch hervor, um das Blut abzuwischen, das ganz fein an seiner rechten Schläfe herunterrann; wahrscheinlich hatte die Kugel die Haut seines Schädels geritzt. Dunja ließ den Revolver sinken und sah Sswidrigailoff nicht etwa erschreckt, sondern stutzig an. Es war, als begreife sie selbst nicht, was sie getan hatte und was vorgegangen war!
»Nun, das ging vorbei! Schießen Sie noch einmal, ich warte,« sagte Sswidrigailoff leise, finster lächelnd. »So kann ich Sie packen, ehe Sie den Hahn noch einmal aufspannen!«
Dunetschka fuhr zusammen, spannte schnell den Hahn und erhob wieder den Revolver.
»Lassen Sie mich!« sagte sie voll Verzweiflung. »Ich schwöre es Ihnen, ich werde von neuem schießen ... Ich ... werde Sie erschießen! ...«
»Nun was ... auf drei Schritte muß man auch treffen können. Nun, wenn Sie aber mich nicht erschießen ... dann ...« -- Seine Augen funkelten und er trat noch zwei Schritte näher.
Dunetschka drückte ab, -- die Waffe versagte!
»Sie haben nicht gut geladen. Tut nichts! Sie haben noch eine Patrone drin. Bringen Sie es in Ordnung, ich will warten.«
Er stand zwei Schritte vor ihr, wartete und sah sie voll wilder Entschlossenheit mit einem leidenschaftlichen und schweren Blicke an. Dunja begriff, daß er eher sterben würde, als daß er sie losließ. »Und sie ... wird ihn jetzt sicher auf zwei Schritte Entfernung töten! ...«
Plötzlich schleuderte sie den Revolver fort.
»Hat ihn fortgeworfen!« sagte Sswidrigailoff und holte tief Atem. Etwas schien mit einem Male sich von seinem Herzen losgelöst zu haben, und es war vielleicht nicht bloß die Last der Todesangst, -- es war auch fraglich, ob er sie in diesem Augenblicke empfunden hatte. Es war eine Erlösung von einem anderen, mehr kummervollen und düsteren Gefühle, das er selbst nicht in seiner ganzen Macht definieren konnte.
Er trat an Dunja heran und legte still seinen Arm um ihre Taille. Sie widersetzte sich ihm nicht, aber sie blickte ihn, am ganzen Körper wie ein Blatt bebend, mit flehenden Augen an. Er wollte etwas sagen, seine Lippen aber verzogen sich bloß und er konnte nichts sprechen.
»Laß mich!« sagte Dunja flehend.
Sswidrigailoff zuckte zusammen, -- dieses _du_ war in einer anderen Weise, als vorhin, gesagt.
»Also du liebst mich nicht?« fragte er leise.
Dunja schüttelte verneinend den Kopf.
»Und ... kannst auch nicht? ... Niemals?« flüsterte er verzweifelt.
»Niemals!« antwortete Dunja im Flüstertone.
Es war der Moment eines schrecklichen stummen Kampfes in Sswidrigailoffs Seele. Mit einem unaussprechlichen Blicke sah er sie an. Plötzlich zog er seine Hand zurück, wandte sich ab, ging schnell zum Fenster und stellte sich dort hin.
Noch ein Augenblick verging.
»Hier ist der Schlüssel zur Türe!« er nahm ihn aus der linken Tasche seines Mantels hervor und legte ihn auf den Tisch hinter sich, ohne Dunja anzublicken und ohne sich umzudrehen. -- »Nehmen Sie ihn; gehen Sie schnell fort! ...«
Er sah starr zum Fenster hinaus.
Dunja trat an den Tisch, um den Schlüssel zu nehmen.
»Schneller! Schneller!« wiederholte Sswidrigailoff, ohne sich zu rühren und umzudrehen. Aber in diesem »schneller« klang deutlich ein schrecklicher Ton hindurch.
Dunja begriff, erfaßte den Schlüssel, stürzte zur Türe, schloß sie eilig auf und sprang aus dem Zimmer. Nach einer Minute lief sie schon, wie wahnsinnig, ganz außer sich den Kanal entlang in der Richtung zu der X-schen Brücke.
Sswidrigailoff blieb am Fenster noch etwa drei Minuten stehen, wandte sich endlich langsam um, warf einen Blick ins Zimmer und fuhr sich leise mit der Hand über die Stirn. Ein merkwürdiges Lächeln verzog sein Gesicht; es war ein klägliches, trauriges, schwaches Lächeln, ein Lächeln der Verzweiflung. Das Blut, das schon einzutrocknen begann, hatte seine Hand beschmutzt; er blickte das Blut zornig an; dann machte er ein Handtuch naß und wusch sich die Schläfe ab. Der Revolver, den Dunja von sich geworfen hatte und der zur Türe geflogen war, fiel ihm plötzlich in die Augen. Er hob ihn auf und besah ihn. Es war ein kleiner dreiläufiger Taschenrevolver alten Systems; es steckten noch zwei Patronen darin und eine Kapsel. Einmal konnte man noch daraus schießen. Er sann eine Weile nach, steckte den Revolver in die Tasche, nahm seinen Hut und ging hinaus.
VI.
Diesen ganzen Abend bis zehn Uhr zog er in allerhand Wirtshäusern und Spelunken umher. Irgendwo traf er auch Katja, die einen anderen Gassenhauer sang, von einem »Schuft und Tyrannen,« der
»Fing Katja an zu küssen«.
Sswidrigailoff gab Katja und dem Leiermann, den Chorsängern, den Kellnern und zwei Schreibern zu trinken. Diese Schreiber hatte er eigentlich bloß aufgefordert, weil sie beide schiefe Nasen besaßen, -- die Nase des einen stand nach rechts, die des anderen nach links. Das hatte Sswidrigailoffs Aufmerksamkeit erregt. Zuletzt schleppten sie ihn in eine Gartenwirtschaft mit, wo er für sie das Eintrittsgeld bezahlen mußte. Dieser Garten bestand aus einer dünnen dreijährigen Tanne und drei Sträuchern. Das Restaurant war im Grunde genommen nur ein Ausschank, man konnte aber auch Tee erhalten und es standen einige grüne Tische und Stühle dort. Ein Chor minderwertiger Sänger und ein betrunkener Deutscher aus München, eine Art Clown, mit roter Nase, der aber aus irgend einem Grunde sehr niedergeschlagen war, amüsierten das Publikum. Die Schreiber fingen mit einigen anderen Schreibern einen Streit an und schickten sich schon an, handgreiflich zu werden. Sswidrigailoff wurde von ihnen zum Schiedsrichter gewählt. Er waltete über eine Viertelstunde seines Amtes, aber sie schrien derartig, daß es nicht die geringste Möglichkeit gab, irgend etwas zu verstehen. Am wahrscheinlichsten war die Sache so -- einer von ihnen hatte etwas gestohlen und hatte Zeit gefunden, es sofort an Ort und Stelle einem Juden zu verkaufen, der sich zufällig eingefunden hatte, aber er wollte das Geld mit seinem Kameraden nicht teilen; es ergab sich schließlich, daß der verkaufte Gegenstand ein Teelöffel war, der dem Restaurant gehörte; man vermißte dort den Löffel und die Sache begann eine unangenehme Wendung zu nehmen. Sswidrigailoff bezahlte den Löffel, erhob sich und verließ den Garten. Es war gegen zehn Uhr. Er selbst hatte während der ganzen Zeit keinen einzigen Tropfen Wein getrunken und hatte in der Gartenwirtschaft sich nur Tee bestellt, und das nur, um überhaupt etwas zu nehmen. Der Abend war schwül und düster. Gegen zehn Uhr hatte sich der Himmel mit dunklen Wolken überzogen; es fing an zu donnern und der Regen strömte nieder. Das Wasser fiel nicht in Tropfen, sondern peitschte in ganzen Strömen die Erde. Es folgte Blitz auf Blitz. Ganz durchnäßt kam Sswidrigailoff nach Hause, schloß sich ein, öffnete seinen Schreibtisch, nahm sein ganzes Geld an sich und zerriß einige Papiere. Er steckte darauf das Geld in die Tasche, wollte seine Kleider wechseln, aber nachdem er zum Fenster hinausgeblickt und dem Gewitter und dem Regen gelauscht hatte, tat er es doch nicht, ergriff seinen Hut und ohne seine Wohnung abzuschließen, ging er hinaus und direkt zu Ssonja. Sie war zu Hause.
Sie war nicht allein; sie hatte die vier Kinder von Kapernaumoff um sich. Ssofja Ssemenowna gab ihnen Tee zu trinken. Sie begrüßte Sswidrigailoff schweigend und ehrerbietig, warf einen erstaunten Blick auf seine durchnäßten Kleider, sagte aber kein Wort. Die Kinder liefen sofort in unbeschreiblicher Furcht davon.
Sswidrigailoff setzte sich an den Tisch und bat Ssonja, neben ihm Platz zu nehmen. Sie schickte sich schüchtern an, ihm zuzuhören.
»Ssofja Ssemenowna, ich reise vielleicht nach Amerika,« sagte Sswidrigailoff, »und da wir uns wahrscheinlich zum letzten Male sehen, bin ich gekommen, einige Anordnungen zu treffen. Haben Sie heute diese Dame gesehen? Ich weiß, was sie Ihnen gesagt hat, Sie brauchen es mir nicht zu erzählen,« -- (Ssonja machte eine Bewegung und errötete.) -- »Diese Leute haben eine bestimmte Manier. Was Ihre Schwestern und Ihren Bruder anbetrifft, so sind sie untergebracht und das ihnen zukommende Geld habe ich für jeden gegen Quittung in sicherer Hand deponiert. Nehmen Sie übrigens diese Quittungen für jeden Fall an sich. Nehmen Sie sie! Das ist also erledigt. Hier sind drei fünfprozentige Obligationen, im ganzen dreitausend Rubel. Nehmen Sie das für sich, für sich ganz allein, und mag es unter uns bleiben, damit niemand etwas davon erfährt. Das Geld wird Ihnen von Nutzen sein, denn, Ssofja Ssemenowna, ein Leben, wie Sie es bisher lebten, ist schlimm und Sie haben es nicht nötig.«
»Sie haben mich mit so vielen Wohltaten überschüttet; auch die Waisen und die Verstorbene,« stammelte Ssonja, »wenn ich Ihnen bis jetzt so wenig gedankt habe, so ... halten Sie es nicht ...«
»Aber bitte, es ist nicht der Rede wert.«
»Und für dieses Geld danke ich Ihnen sehr, Arkadi Iwanowitsch, aber ich brauche es jetzt wirklich nicht. Ich kann immer für mich allein sorgen, halten Sie es nicht für Undank, -- wenn Sie schon gütig sind, so soll dieses Geld ...«
»Ihnen, Ssofja Ssemenowna, Ihnen soll es gehören, und bitte ohne viele Worte, denn ich habe auch keine Zeit dazu. Es wird Ihnen sehr von Nutzen sein. Rodion Romanowitsch hat zwei Auswege, -- entweder eine Kugel durch den Kopf oder Sibirien.« -- (Ssonja blickte ihn wild an und erbebte.) -- »Seien Sie ruhig, ich weiß alles von ihm selbst und bin kein Schwätzer; werde es niemand sagen. Sie haben gut daran getan, indem Sie ihm vorschlugen, -- er möge hingehen und sich selbst anzeigen. Das wird ihm bedeutend nützlicher sein. Nun, wenn der Ausweg Sibirien sein wird, werden Sie ihm doch folgen? Nicht wahr? Nicht wahr? Und dann wird Ihnen auch das Geld von Nutzen sein. Für ihn selbst werden Sie es brauchen, verstehen Sie? Indem ich es Ihnen überreiche, gebe ich es damit doch ihm. Außerdem haben Sie versprochen, auch die frühere Wirtin Amalie Iwanowna zu bezahlen; ich habe es gehört. Warum übernehmen Sie immer, Ssofja Ssemenowna, unüberlegt solche Verpflichtungen? Katerina Iwanowna war es doch dieser Deutschen schuldig geblieben, und nicht Sie, also sollten Sie auf die Deutsche pfeifen. In dieser Weise kann man auf der Welt nicht weiterkommen. Und wenn jemand morgen oder übermorgen nach mir fragen sollte, -- und man wird sich an Sie wenden, -- so erwähnen Sie nicht, daß ich jetzt bei Ihnen gewesen bin, und zeigen Sie in keinem Falle das Geld und sagen Sie niemandem, daß ich es Ihnen gegeben habe. Und jetzt auf Wiedersehen.« -- Er stand auf. -- »Grüßen Sie Rodion Romanowitsch. Nebenbei gesagt, -- übergeben Sie vorläufig das Geld meinetwegen Herrn Rasumichin zur Aufbewahrung. Kennen Sie Herrn Rasumichin? Sie kennen ihn sicher. Das ist ein kluger Bursche. Bringen Sie das Geld ihm morgen oder ... wenn Sie Zeit haben, hin. Vorläufig verstecken Sie es gut.« Er erhob sich.
Ssonja sprang ebenfalls vom Stuhle auf und blickte ihn erschrocken an. Sie wollte etwas sagen, etwas fragen, aber sie wagte es nicht gleich und wußte auch nicht, wie sie es anfangen sollte.
»... Wie, wollen Sie denn jetzt in solchem Regen ausgehen?«
»Nun, ich will nach Amerika reisen und soll mich vor einem Regen fürchten, he! he! Leben Sie wohl, liebe Ssofja Ssemenowna! Leben Sie und leben Sie lange, Sie werden anderen von Nutzen sein. Ja ... sagen Sie bitte Herrn Rasumichin, daß ich ihn grüßen lasse. Sagen Sie ihm, -- Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff läßt Sie grüßen, -- mit diesen Worten sagen Sie es ihm. Sagen Sie es unbedingt.«
Er ging fort und hinterließ Ssonja erstaunt und erschrocken in einer unklaren und drückenden Ahnung zurück.