Sämtliche Werke 1-2

Part 48

Chapter 483,295 wordsPublic domain

»Einer Pension für junge Mädchen, ha! ha! ha! Was weit herkommt, hat gut lügen -- sagt das Sprichwort!« -- rief Katerina Iwanowna aus; nach dem Lachen überfiel sie ein starker Husten, -- »nein, Rodion Romanowitsch, der Traum ist vorüber! Alle haben uns verlassen! ... Und dieser Kerl von einem General ... Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, ich habe ihm ein Tintenfaß an den Kopf geworfen, -- es stand gerade eins da, im Vorzimmer, neben dem Buche, wo alle ihre Namen eintragen, auch ich habe mich eingetragen, ich warf ihm das Tintenfaß an den Kopf und lief davon. Oh, gemeine, niederträchtige Menschen! Ich pfeife auf sie alle, ich will selbst die da füttern, will niemanden mehr anbetteln! Wir haben sie genug gequält!« -- und sie wies auf Ssonja. -- »Poletschka, wieviel haben wir eingesammelt, zeige mir mal! Wie? Bloß zwei Kopeken? Oh, schändliche Menschen! Sie geben nichts, laufen uns bloß mit ausgestreckter Zunge nach! Nun, was lacht dieser Holzklotz?« -- sie zeigte auf einen in der Menge. -- »Das kommt alles daher, weil Kolja so einfältig ist, man hat nur Schererei mit ihm! Was willst du, Poletschka? Sprich mit mir französisch, _parlez moi français_{[12]}. Ich habe dich doch gelehrt, du kennst doch einige Sätze! ... Wie kann man denn erkennen, daß ihr aus feiner Familie, wohlerzogene Kinder seid und keine Leierkastenleute. Wir machen doch kein Kasperletheater auf den Straßen, wir wollen eine schöne feine Romanze singen ... Ach ja! Was sollen wir denn singen? Ihr unterbrecht mich in einem fort, wir sind ... sehen Sie, Rodion Romanowitsch, wir sind hier stehen geblieben, um auszusuchen, was wir singen sollen, -- etwas, was auch Kolja vortanzen kann ... denn alles machen wir, Sie können es sich vorstellen, ohne Vorbereitungen. Wir wollen uns besprechen, um alles ordentlich durchzunehmen, dann gehen wir auf den Newski Prospekt, wo es bedeutend mehr Menschen aus der höchsten Gesellschaft gibt, die uns sofort bemerken werden. Lene kennt das Lied >Die Troika< ... Aber das kann man doch nicht immerwährend singen, die ganze Welt singt es ja! Wir müssen etwas viel Besseres singen ... Nun, was meinst du, Poletschka, du könntest doch der Mutter helfen! Ich erinnere mich an nichts mehr, ich habe alles vergessen! Ach, wollen wir doch französisch >_Cinq sous_<{[13]} singen! Ich habe es euch doch gelehrt! Und da es französisch ist, werden alle sofort sehen, daß ihr adlige Kinder seid, und das ist bedeutend rührender ... Wir könnten sogar >_Malbrough s'en va-t-en guerre!_{[14]}< singen, da es ein ausgesprochenes Kinderlied ist und in allen aristokratischen Häusern gesungen wird, wenn die Kinder zum Schlafen gebracht werden.«

_Malbrough s'en va-t-en guerre_ _Ne sait quand reviendra ..._{[14]}

begann sie zu singen ... »Nein, es ist besser >_Cinq sous!_{[13]}< Nun, Kolja, stemme die Händchen in die Seiten, aber schneller, und du Lene, drehe dich in entgegengesetzter Richtung, ich werde mit Poletschka singen und in die Hände klatschen!

_Cinq sous, cinq sous_ _Pour monter notre ménage ..._{[15]}

Kche--kche--kche!« (Und sie krümmte sich vor Husten.) »Bring dein Kleid in Ordnung, Poletschka, die Schultern sind entblößt,« bemerkte sie, zwischen dem Husten atemholend. -- »Ihr müßt euch jetzt besonders anständig und in feinem Tone benehmen, damit es alle sehen, daß ihr adlige Kinder seid. Ich habe damals gesagt, daß man die Taille länger und in doppelter Breite zuschneiden soll. Du kamst aber mit deinen Ratschlägen, Ssonja, -- es kürzer und kürzer zu machen, nun jetzt siehst du, ist das Kind völlig verunstaltet ... Ihr weint wieder! Ja, warum weint ihr Dummen! Kolja, fang schneller an, schneller, -- ach, wie dies Kind unerträglich ist! ...

_Cinq sous, cinq sous --_{[13]}

Wieder ein Schutzmann! Nun, was willst du?«

Es drängte sich ein Schutzmann durch die Menge. Gleichzeitig näherte sich ihr ein Herr im Dienstrocke und Mantel, ein höherer Beamter, mit einem Orden am Halsbande -- dieser Umstand war Katerina Iwanowna sehr erwünscht und hatte selbst Einfluß auf den Schutzmann, -- und überreichte ihr schweigend einen grünen Dreirubelschein. Sein Gesicht drückte aufrichtiges Mitleid aus. Katerina Iwanowna nahm das Geld und verbeugte sich höflich, fast förmlich.

»Ich danke Ihnen, mein Herr,« begann sie von oben herab, »die Gründe, die uns gezwungen haben ... nimm das Geld, Poletschka. Du siehst, es gibt noch edle und großmütige Menschen, die sofort bereit sind, einer armen adligen Dame im Unglücke zu helfen. Sie sehen adlige Waisen vor sich, mein Herr, man kann sogar sagen, mit aristokratischsten Verbindungen ... Und dieser Kerl von einem General saß am Tische und aß Haselhühner ... stampfte mit den Füßen, weil ich ihn gestört habe ... >Eure Exzellenz,< sagte ich, >schützen Sie die Waisen, da Sie den verstorbenen Ssemjon Sacharytsch gut kannten,< sagte ich, >und weil der gemeinste aller Schufte seine leibliche Tochter an seinem Todestage verleumdet hat ...< Wieder kommt dieser Schutzmann! Schützen Sie mich!« rief sie dem Beamten zu, -- »was will dieser Schutzmann von mir? Wir sind schon vor einem weggelaufen ... Nun, was geht es dich an, Dummkopf!«

»Es ist in den Straßen verboten. Machen Sie keinen Skandal!«

»Du bist selbst ein Skandalmacher! Ich gehe herum, wie jeder Leierkastenmann, was geht es dich an?«

»Zu einem Leierkasten muß man eine Erlaubnis haben. Sie sammeln aber in dieser Weise das Volk an. Wo wohnen Sie?«

»Wie, Erlaubnis,« schrie Katerina Iwanowna. -- »Ich habe heute meinen Mann beerdigt, was ist da für eine Erlaubnis nötig!«

»Bitte, beruhigen Sie sich, Madame,« begann der vornehme Beamte, »kommen Sie, ich will Sie begleiten ... Hier unter den Leuten ist es unpassend ... Sie sind krank ...«

»Mein Herr, mein Herr, Sie wissen gar nicht!« schrie Katerina Iwanowna, »wir wollen auf den Newski Prospekt gehen ... Ssonja, Ssonja! Wo ist sie denn? Sie weint auch! Was ist denn mit euch allen! ... Kolja, Lene, wohin geht ihr denn?« rief sie plötzlich im Schreck, »oh, die dummen Kinder! Kolja, Lene, ja, wohin laufen sie denn? ...«

Als Kolja und Lene, bis aufs äußerste von der Menschenmenge und von der wahnsinnigen Mutter erschreckt, den Schutzmann erblickten, der sie nehmen und irgendwohin führen wollte, faßten sie einander wie auf Verabredung an den Händchen und liefen davon. Mit Geschrei und Weinen stürzte die arme Katerina Iwanowna ihnen nach, um sie einzuholen. Es war widerwärtig und traurig zu sehen, wie sie weinend und keuchend lief. Ssonja und Poletschka eilten ihr nach.

»Bring sie zurück, bring sie zurück, Ssonja! Oh, die dummen, undankbaren Kinder! ... Polja! Fange sie ein ... Ich habe es doch für euch ...«

Sie stolperte im vollen Laufe und fiel hin.

»Sie hat sich blutig geschlagen! Oh, Gott!« rief Ssonja aus, sich über sie beugend.

Alle liefen hin und drängten sich um sie. Raskolnikoff und Lebesjätnikoff waren als die ersten zur Stelle, der Beamte eilte auch hinzu und ihm folgte der Schutzmann, der etwas wie »Ach ja!« brummte und den Kopf schüttelte, in der Vorahnung, daß die Sache ihm viel zu schaffen machen würde.

»Geht weiter, geht!« er jagte die Menschen, die umherstanden, auseinander.

»Sie stirbt!« rief jemand.

»Sie hat den Verstand verloren!« sagte ein anderer.

»Gott schütze sie!« bemerkte eine Frau und schlug ein Kreuz. -- »Hat man den Jungen und das Mädel gekriegt? Ja, da bringt man sie, die älteste hat sie eingeholt ... Was ihnen nur einfiel!«

Als man aber Katerina Iwanowna näher betrachtet hatte, sah man, daß sie sich gar nicht an den Steinen blutig geschlagen hatte, wie Ssonja angenommen, sondern daß das Blut, das den Fahrdamm besudelte, aus Brust und Mund kam.

»Das kenne ich aus Erfahrung,« sagte der Beamte leise zu Raskolnikoff und Lebesjätnikoff, »das ist Schwindsucht; das Blut stürzt hervor und man erstickt. Einer Verwandten von mir ist es jüngst ähnlich gegangen, ich habe es selbst gesehen, ein halbes Glas kam ... und so plötzlich ... Was soll man tun, sie wird gleich sterben.«

»Bringt sie zu mir, hier in der Nähe!« flehte Ssonja, »ich wohne hier ... in dem Hause, das zweite von hier ... Schnell, schnell! ...« wandte sie sich aufgeregt an alle. »Holt einen Arzt ... Oh Gott!«

Dank der Bemühungen des Beamten ging die Sache glatt vor sich, sogar der Schutzmann half Katerina Iwanowna hinübertragen. Man brachte sie fast tot in Ssonjas Zimmer und legte sie auf das Bett. Das Blut hörte noch nicht auf zu fließen, aber Katerina Iwanowna kam langsam zu sich. In das Zimmer traten gleichzeitig außer Ssonja, Raskolnikoff und Lebesjätnikoff, der Beamte und der Schutzmann, nachdem er vorher die Menge auseinandergejagt hatte, von der einige bis zur Türe gefolgt waren. Poletschka kam auch mit Kolja und Lene, die zitterten und weinten; sie hielt sie an den Händen. Auch von Kapernaumoff kamen Leute, er selbst, lahm und krumm, von seltsamem Aussehen mit borstigen Haaren und Backenbart; seine Frau, die immer ein erschrockenes Aussehen hatte und einige ihrer Kinder mit offenem Munde und immer erstauntem, hölzernem Gesichtsausdruck. Unter diesem Publikum befand sich auch Sswidrigailoff. Raskolnikoff blickte ihn verwundert an, ohne zu begreifen, wie er hierher gekommen sei, da er sich seiner unter der Menge nicht entsann. Man sprach davon, einen Arzt und einen Priester holen zu lassen. Obwohl der Beamte Raskolnikoff auch zugeflüstert hatte, daß ein Arzt, wie es ihm schien, jetzt wohl überflüssig sei, sandte man doch nach ihm. Kapernaumoff lief selbst fort.

Unterdessen war Katerina Iwanowna zu sich gekommen und das Blut hörte für eine Weile auf zu fließen. Sie sah unverwandt mit einem schmerzlichen und durchdringenden Blick auf die bleiche und bebende Ssonja, die ihr mit einem Taschentuche die Schweißtropfen auf der Stirn abtrocknete; schließlich bat sie, man möge sie aufrichten. Man setzte sie auf und stützte sie von beiden Seiten.

»Wo sind die Kinder?« fragte sie mit schwacher Stimme. -- »Hast du sie gebracht, Polja? Oh, ihr dummen ... Warum lieft ihr fort ... Ach!«

Blut bedeckte noch ihre trockenen Lippen. Sie blickte sich um.

»Also, hier lebst du, Ssonja! Ich war nie bei dir gewesen ... jetzt erst bin ich dazu gekommen ...«

Sie blickte sie unendlich traurig an.

»Wir haben dich ausgesaugt, Ssonja ... Polja, Lene, Kolja, kommt her ... Da sind sie alle, Ssonja, nimm sie ... aus meiner Hand ... ich bin fertig! ... Das Fest ist aus! H--a ... Legt mich nieder und laßt mich wenigstens ruhig sterben ...«

Man legte sie wieder auf die Kissen zurück.

»Was? Einen Priester? ... Ist nicht nötig. Habt ihr einen überflüssigen Rubel? ... Ich habe keine Sünden! ... Gott muß mir auch ohnedem vergeben ... Er weiß, wie ich gelitten habe! ... Und wenn er nicht vergibt, so ist es auch gut! ...«

Ein unruhiges Phantasieren bemächtigte sich ihrer mehr und mehr. Zuweilen fuhr sie auf, blickte um sich, erkannte alle auf einen Augenblick, und das Bewußtsein schwand wieder. Sie atmete schwer und röchelnd.

»Ich sagte ihm: >Ew. Exzellenz!< ...!« rief sie und holte nach jedem Worte Atem, »diese Amalie Ludwigowna ... ach! Lene, Kolja! Die Händchen in die Hüften, schneller, schneller, _glissez, glissez, pas de basque_!{[16]} Stampf mit den Füßchen ... Sei ein graziöses Kind.

Du hast Diamanten und Perlen ...

Wie geht es weiter? Das sollten wir singen ...

Du hast die schönsten Augen Mädchen, was willst du noch mehr? ...

Das ist nicht ganz richtig! Was willst du noch mehr -- was sich dieser Holzklotz dabei gedacht hat? ... -- Ach ja, oder ein anderes Lied

In mittäglicher Glut ...

Ach, wie ich es liebte ... Ich habe dieses Lied sehr geliebt, Poletschka! ...

In mittäglicher Glut im Tale Daghestans ...

Weißt du, dein Vater sang es ... als Bräutigam noch ... Oh, die Tage! ... Das sollten wir singen! Nun, wie heißt es denn ... ich habe es vergessen ... helft mir doch dabei ... wie heißt es denn?« -- Sie war in furchtbarer Erregung und versuchte aufzustehen. Mit schrecklicher, heiserer und überschnappender Stimme, bei jedem Worte außer Atem, schreiend und mit einer sich steigernden Angst begann sie zu singen:

»In mittäglicher Glut ... im Tale ... Daghestans ... Mit Blei in der Brust ...

Ew. Exzellenz!« schrie sie plötzlich herzzerreißend und in Tränen ausbrechend, »schützen Sie die Waisen! Eingedenk der Gastfreundschaft des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch! ... Man kann sogar sagen, aus einem aristokratischen ... Ha--a!« fuhr sie auf, zur Besinnung kommend und betrachtete alle mit Entsetzen, erkannte aber sofort Ssonja. -- »Ssonja, Ssonja!« sagte sie sanft und freundlich, als wäre sie erstaunt, sie vor sich zu sehen, »Ssonja, liebe Ssonja, du bist auch hier?«

Man richtete sie wieder auf.

»Genug! ... Es ist Zeit! ... Lebwohl, Armselige! ... Die Stute ist abgehetzt! ... Zu Tode gehetzt!« rief sie verzweifelt und haßerfüllt aus und fiel mit dem Kopfe auf das Kissen zurück.

Sie verlor von neuem das Bewußtsein, und ohne es wieder erlangt zu haben, fiel ihr blaßgelbes abgemagertes Gesicht nach hinten, der Mund öffnete sich, die Füße streckten sich krampfhaft aus. Sie stöhnte tief auf und starb.

Ssonja warf sich auf die Leiche, faßte sie mit den Händen, lehnte den Kopf an die magere Brust der Verstorbenen und verharrte so lange. Poletschka fiel zu den Füßen der Mutter nieder und küßte sie laut schluchzend. Kolja und Lene, die noch nicht verstanden hatten, was geschehen war, aber etwas Schreckliches ahnten, faßten einander mit beiden Händen an den Schultern, starrten einander in die Augen und begannen zu schreien. Beide waren noch aufgeputzt, -- er im Turban, sie in dem Käppchen mit der Straußenfeder.

Und wie kam das Ehrendiplom auf das Bett neben Katerina Iwanowna hin? Es lag neben dem Kissen, Raskolnikoff hatte es gesehen.

Er ging zum Fenster. Lebesjätnikoff kam eilig zu ihm.

»Sie ist gestorben!« sagte Lebesjätnikoff.

»Rodion Romanowitsch, ich muß Ihnen ein paar wichtige Worte sagen,« trat Sswidrigailoff heran.

Lebesjätnikoff trat ihm sofort seinen Platz ab und verschwand zartfühlend. Sswidrigailoff führte den erstaunten Raskolnikoff in eine abgelegene Ecke hin.

»Diese ganze Schererei, das heißt die Beerdigung und alles übrige nehme ich auf mich. Wissen Sie, es kommt doch bloß auf das Geld an, und ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich überflüssiges habe. Diese zwei Sprößlinge und diese Poletschka will ich in einer besseren Anstalt für Waisenkinder unterbringen und will für jeden bis zur Volljährigkeit fünfzehnhundert Rubel in eine Bank einzahlen, so daß Ssofja Ssemenowna vollkommen unbesorgt sein kann. Auch sie will ich aus dem Pfuhle herausziehen, denn sie ist ein gutes Mädchen, nicht wahr? Und so teilen Sie Awdotja Romanowna mit, daß ich ihre zehntausend in dieser Weise verbraucht habe.«

»Welche Absichten verfolgen Sie bei diesen übergroßen Guttaten?« fragte Raskolnikoff.

»Ach! Sie mißtrauischer Mensch!« lachte Sswidrigailoff. -- »Ich habe doch gesagt, daß dieses Geld bei mir überflüssig liegt. Einfach aus Menschlichkeit, das lassen Sie bei mir nicht gelten? Sie war doch keine >Laus< gewesen -- (er zeigte mit dem Finger auf die Ecke, wo die Verstorbene lag) -- wie irgendeine alte Wucherin. Gestehen Sie doch selbst, -- >soll Luschin tatsächlich weiterleben und Scheußlichkeiten verüben, oder sie sterben?< Und wenn ich nicht helfe, so muß doch Poletschka den nämlichen Weg gehen ...«

Er sagte es spöttisch mit zugekniffenen Augen und ohne den Blick von Raskolnikoff abzuwenden. Raskolnikoff erbleichte, es durchzog ihn ein Schauer, als er seine eigenen Worte wieder hörte, die er zu Ssonja gesprochen hatte. Er fuhr zurück und blickte Sswidrigailoff fassungslos an.

»Wo--woher ... wissen Sie?« flüsterte er, kaum atmend.

»Ich wohne ja hier, hinter der Wand bei Madame Rößlich. Hier wohnt Kapernaumoff und dort Madame Rößlich, eine alte und sehr ergebene Bekannte von mir. Ich bin ihr Nachbar.«

»Sie?«

»Ja, ich,« fuhr Sswidrigailoff fort, sich vor Lachen schüttelnd, »und ich kann Sie auf Ehre versichern, lieber Rodion Romanowitsch, daß Sie mich kolossal interessiert haben. Ich habe doch gesagt, daß wir einander näher kommen werden, ich habe es Ihnen vorausgesagt, -- nun sind wir auch einander näher gekommen. Und Sie werden sehen, wie verträglich ich bin. Sie werden sehen, daß es sich mit mir noch leben läßt ...«

Sechster Teil

I.

Für Raskolnikoff war eine merkwürdige Zeit angebrochen. -- Es war, als wäre plötzlich ein schwerer Nebel auf ihn herabgesunken und hätte für ihn eine undurchdringliche und tiefe Einsamkeit beschlossen. Als er später, lange nachher, sich dieser Zeit entsann, dachte er es sich so, daß sein Bewußtsein zeitweise sich verdunkelte und daß dies mit wenigen Unterbrechungen bis zur endgültigen Katastrophe gedauert hatte. Er war vollkommen überzeugt, daß er sich damals öfters geirrt haben müsse, zum Beispiel in der Zeit und der Dauer verschiedener Ereignisse. Wenigstens, als er sich späterhin auf dies oder jenes besinnen wollte und sich das Erinnerte zu erklären versuchte, erfuhr er vieles über sich selbst, indem er sich nach den Mitteilungen richtete, die er von anderen erhalten. So verwechselte er ein Ereignis z. B. mit einem anderen; ein anderes hielt er für die Folge eines Vorfalls, der nur in seiner Einbildung existierte. Zuweilen erfaßte ihn eine qualvolle Unruhe, die sich zu einem panischen Schrecken steigern konnte. Er entsann sich auch, daß es Minuten, Stunden, vielleicht sogar ganze Tage gab, die er im Gegensatz zu der Angst, in völliger Apathie verbrachte, -- eine Apathie, die dem schmerzhaft gleichgültigen Zustand Sterbender ähnlich war. Überhaupt trieb es ihn in diesen letzten Tagen, einem klaren und vollen Verständnis seiner Lage aus dem Wege zu gehen; alltägliche Dinge, die eine unverzügliche Erledigung verlangten, lasteten auf ihm; wie froh wäre er dagegen gewesen, von manchen Sorgen sich befreien und loslösen zu können, die im Falle ihrer Vernachlässigung ihm den völligen, unvermeidlichen Untergang bringen mußten.

Am meisten beunruhigte ihn Sswidrigailoff, -- ja, man konnte sagen, daß Sswidrigailoff seine einzige Sorge war. Seit der Zeit, als er von Sswidrigailoff in Ssonjas Zimmer, in Katerina Iwanownas Todesstunde die drohenden und unzweideutigen Worte gehört hatte, schien der gewöhnliche Fluß seiner Gedanken gestört zu sein. Und obgleich ihn diese neue Tatsache äußerst beunruhigte, beeilte sich Raskolnikoff nicht, die Sache aufzuklären. Zuweilen, wenn er sich irgendwo in einem abgelegenen und menschenleeren Stadtteile, in einem kläglichen Restaurant an einem Tische allein in Gedanken versunken vorfand und sich kaum entsann, wie er hierher gekommen war, fiel ihm mit einem Male Sswidrigailoff ein, -- er sah nur zu deutlich ein, daß er sich möglichst schnell mit diesem Menschen verständigen und zu einem Ende mit ihm kommen müsse. Einmal, als er vor die Stadt geraten war, bildete er sich sogar ein, daß er hier Sswidrigailoff erwarte, daß sie hier eine Zusammenkunft verabredet hätten. Ein anderes Mal erwachte er vor Tagesanbruch irgendwo auf der Erde im Gebüsch und begriff nicht, wie er hierhergekommen war. In den zwei, drei auf Katerina Iwanownas Tode folgenden Tagen hatte er ein paarmal Sswidrigailoff getroffen, fast immer in der Wohnung Ssonjas, wohin er ziellos, stets aber nur einen kurzen Augenblick gegangen war. Sie wechselten stets einige kurze Worte und berührten kein einziges Mal den Hauptpunkt, als wäre es zwischen ihnen so verabredet worden, vorläufig darüber zu schweigen. Die Leiche von Katerina Iwanowna lag noch im offenen Sarge. Sswidrigailoff gab die Anordnungen für die Beerdigung und sorgte für alles. Ssonja war auch sehr in Anspruch genommen. Bei der letzten Begegnung hatte Sswidrigailoff ihm mitgeteilt, daß er die Frage bezüglich der Kinder Katerina Iwanownas gelöst habe und sehr glücklich sei, daß dank einiger Verbindungen alle drei Waisen sofort in sehr anständige Anstalten untergebracht werden könnten und daß das für sie deponierte Geld viel dazu beigetragen habe, weil wohlhabende Waisen leichter als arme unterzubringen seien. Er redete auch über Ssonja, versprach Raskolnikoff in den nächsten Tagen selbst aufzusuchen, um sich mit ihm zu beraten, da in dieser Angelegenheit Notwendiges zu besprechen sei.

Das Gespräch fand im Korridor, an der Treppe statt. Sswidrigailoff sah unverwandt Raskolnikoff in die Augen und fragte ihn nach einigem Schweigen mit gesenkter Stimme.

»Was ist mit Ihnen, Rodion Romanowitsch, Sie sind so vollkommen verändert? Wirklich! Sie hören zu und schauen einen dabei an, scheinen aber nichts zu verstehen. Geben Sie acht auf sich. Wir wollen einmal miteinander sprechen; schade nur, daß ich jetzt so viel für andere und für mich selbst zu tun habe ... Ach, Rodion Romanowitsch,« fügte er unmittelbar hinzu, »alle Menschen brauchen Luft, Luft, Luft ... Vor allen Dingen!«

Er trat zur Seite, um den eben heraufkommenden Priester und den Küster vorbeizulassen. Sie kamen, die Totenmesse zu halten. Sswidrigailoff hatte angeordnet, daß pünktlich zweimal am Tage Totenmessen abgehalten würden. Sswidrigailoff ging seinen Angelegenheiten nach und Raskolnikoff blieb eine Weile stehen, dachte nach und folgte dann dem Priester in Ssonjas Wohnung.

Er blieb an der Türe stehen. Der Gottesdienst begann leise, andächtig, traurig. In dem Bewußtsein, sterben zu müssen und in der Empfindung der Gegenwart des Todes lag für ihn stets, von früher Kindheit an, etwas Schweres, Drückendes und Mystisches, und er hatte seit langem keiner Totenmesse mehr beigewohnt. Außerdem peinigte ihn noch ein anderes Gefühl. Er sah auf die Kinder, -- sie lagen alle vor dem Sarge auf den Knien und Poletschka weinte. Hinter ihnen stand Ssonja, still und schüchtern weinend und betete.