Part 47
»Sei kein Kind, Ssonja,« -- sagte er leise. -- »Welche Schuld habe ich vor ihnen? Wozu soll ich hingehen? Was soll ich ihnen sagen? Das sind alles bloß Gespenster ... Sie vertilgen selbst Millionen von Menschen und halten es noch für eine Tugend. Sie sind Gauner und Schufte, Ssonja! ... Ich gehe nicht. Und was soll ich sagen, -- daß ich getötet und nicht gewagt habe, das Geld zu nehmen, daß ich es unter einem Stein versteckt habe?« -- fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. -- »Sie werden doch selbst über mich lachen, werden sagen, -- er ist ein Dummkopf, daß er es nicht genommen hat. Ein Feigling und ein Dummkopf! Sie werden nichts, gar nichts verstehen, Ssonja, und sie sind nicht wert, es zu verstehen. Wozu soll ich hingehen? Ich gehe nicht hin. Sei kein Kind, Ssonja ...«
»Du wirst dich zu Tode quälen, zu Tode quälen,« -- wiederholte sie und streckte ihm in verzweifeltem Flehen die Hände entgegen.
»Ich habe mich vielleicht _bloß_ verleumdet,« -- bemerkte er finster, wie sinnend, -- »vielleicht bin ich _doch_ ein Mensch und keine Laus, vielleicht habe ich mich übereilt verurteilt ... Ich will _noch_ kämpfen.«
Ein hochmütiges Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.
»Solche Qual zu tragen! Und das ganze, ganze Leben hindurch! ...«
»Ich werde mich gewöhnen ...,« -- sagte er düster und nachdenklich. -- »Höre,« -- begann er nach einer Weile, -- »es ist genug geweint, jetzt ist Zeit, die Sache zu bedenken, -- ich bin gekommen, dir zu sagen, daß man mich jetzt sucht, mir nachstellt ...«
»Ach!« -- rief Ssonja erschrocken aus.
»Nun, warum schreist du? Du willst doch selbst, daß ich nach Sibirien gehe, jetzt aber erschrakst du? Eins aber will ich sagen, -- ich ergebe mich ihnen nicht. Ich will mit ihnen noch kämpfen, und sie werden mir nichts tun können. Sie haben keine wirklichen Beweise. Gestern war ich in großer Gefahr und dachte, daß ich schon verloren sei; heute hat es sich verbessert. Alle ihre Beweise haben zwei Seiten, das will sagen, -- ich kann ihre Beschuldigungen zu meinen Gunsten verwenden, verstehst du? Und ich werde sie zu meinen Gunsten verwenden, denn ich habe es jetzt gelernt ... Ins Gefängnis aber wird man mich sicher sperren. Wenn nicht ein Zufall hinzugekommen wäre, hätte man mich vielleicht schon heute geholt; vielleicht geschieht es heute _noch_ ... Aber das tut nichts, Ssonja, -- ich werde eine Zeitlang sitzen und man wird mich freilassen ... denn sie haben keinen einzigen wirklichen Beweis und werden ihn auch nicht bekommen, ich gebe mein Wort darauf. Mit dem aber, was sie besitzen, kann man einen Menschen nicht verurteilen. Nun, genug ... Ich sagte es bloß, damit du es weißt ... Mit meiner Mutter und Schwester will ich es so einzurichten versuchen, daß sie nicht daran glauben, damit sie nicht erschrecken ... Meine Schwester ist jetzt übrigens, wie es scheint, versorgt ... also auch meine Mutter ... Nun, das ist alles. Sei übrigens vorsichtig. Willst du zu mir ins Gefängnis kommen, wenn ich dort sein werde?«
»Oh, ich werde, werde kommen!«
Sie saßen nebeneinander, traurig und niedergeschlagen, als wären sie nach einem Sturme allein an einen einsamen Strand geschleudert worden. Er sah Ssonja an und fühlte ihre große Liebe, und seltsam, es fiel ihm plötzlich schwer und schmerzlich aufs Herz, daß er so geliebt wurde. Es war ein seltsames und furchtbares Gefühl! Als er zu Ssonja ging, empfand er, daß in ihr seine ganze Hoffnung und sein letzter Ausweg liege; er glaubte wenigstens einen Teil seiner Qualen abzuwälzen und jetzt, wo ihr ganzes Herz sich ihm zugewandt hatte, fühlte und erkannte er, daß er um vieles unglücklicher geworden war.
»Ssonja,« -- sagte er, -- »komm lieber nicht zu mir, wenn ich im Gefängnis sein werde.«
Ssonja antwortete nicht, sie weinte. Es vergingen ein paar Minuten.
»Hast du ein Kreuz?« -- fragte sie plötzlich unerwartet, als sei es ihr eben eingefallen.
Er verstand zuerst die Frage nicht.
»Nein, du hast keins? -- Hier, nimm dieses Kreuz aus Zypressenholz. Ich habe ein anderes, kupfernes von Lisaweta. Ich habe mit Lisaweta getauscht, -- sie hat mir ihr Kreuz gegeben und ich ihr mein Heiligenbildchen. Ich will jetzt das Kreuz von Lisaweta tragen, dieses aber gebe ich dir. Nimm ... es gehört doch mir! Es ist doch mein Kreuz!« -- bat sie ihn, -- »wir werden doch zusammen gehen und leiden, also wollen wir auch zusammen das Kreuz tragen! ...«
»Gib her!« sagte Raskolnikoff.
Er wollte sie nicht betrüben, zog aber gleich wieder die Hand zurück, die er nach dem Kreuze ausgestreckt hatte.
»Nicht jetzt, Ssonja. Lieber später,« -- fügte er hinzu, um sie zu beruhigen.
»Ja, ja, es ist besser, es ist besser,« -- pflichtete sie ihm mit Begeisterung bei, -- »wenn du gehst, um das Leiden auf dich zu nehmen, dann legst du es um. Du kommst dann zu mir, ich werde es dir umhängen, wir wollen dann beten und beide gehen.«
In diesem Augenblicke klopfte jemand dreimal an die Türe.
»Ssofja Ssemenowna, kann ich hereinkommen?« -- ertönte eine sehr bekannte höfliche Stimme.
Ssonja stürzte erschrocken zur Türe. Herr Lebesjätnikoff blickte in das Zimmer hinein.
V.
Lebesjätnikoff sah aufgeregt aus.
»Ich komme zu Ihnen, Ssofja Ssemenowna. Entschuldigen Sie ... Ich dachte mir, daß ich auch Sie treffen werde,« -- wandte er sich schnell an Raskolnikoff, -- »das heißt, ich dachte nichts ... in dieser Hinsicht ... aber ich dachte ... Dort bei uns ist Katerina Iwanowna verrückt geworden,« -- schloß er plötzlich, zu Ssonja gewandt.
Ssonja schrie auf.
»Das heißt, es scheint wenigstens so ... Wir wissen nicht, was wir tun sollen, das ist es! Sie kam zurück ... man scheint sie irgendwo hinausgejagt, vielleicht auch geschlagen zu haben ... es scheint wenigstens so ... Sie war zu dem Vorgesetzten des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch gelaufen, hatte ihn nicht zu Hause getroffen; er war bei einem anderen General zu Mittag geladen ... Und stellen Sie sich vor, sie lief dann dorthin, ... zu diesem anderen General, stellen Sie sich vor, -- sie bestand auf ihrem Verlangen, den Vorgesetzten von Ssemjon Sacharytsch zu sehen, und sie hat, wie es scheint, ihn von der Tafel rufen lassen. Sie können sich denken, was passiert ist. Man jagte sie selbstverständlich hinaus; sie erzählte, daß sie den General beschimpft und ihm sogar etwas ins Gesicht geschleudert habe. Das kann man ihr schon glauben ..., daß man sie nicht zur Polizei gebracht hat, -- verstehe ich nicht! Jetzt erzählt sie es allen, auch Amalie Iwanowna, doch es ist schwer zu verstehen, was sie meint, denn sie schreit und wirft sich dabei mit dem Kopfe an die Wand ... Ach ja -- sie sagt und schreit, da sie jetzt von allen verlassen sei, jetzt wolle sie mit den Kindern auf die Straße gehen, die einen Leierkasten tragen sollen, die Kinder müßten singen und tanzen, auch sie würde singen und Geld einsammeln, und Tag für Tag wolle sie vor den Fenstern des Generals stehen ... >Mögen alle sehen,< sagt sie, >wie die edlen Kinder eines angesehenen Beamten als Bettler in den Straßen herumgehen müssen!< Sie schlägt die weinenden Kinder, Lene lehrt sie ein Lied singen, den Knaben tanzen und Poletschka ebenfalls; reißt alle Kleider entzwei; macht ihnen Mützen, wie die Gaukler sie haben; sie selbst will ein Becken tragen, darauf schlagen, an Stelle der Musik ... Uns will sie gar nicht anhören ... Stellen Sie sich vor, wie soll das werden? Das geht doch nicht an!«
Lebesjätnikoff hätte noch weiter gesprochen, aber Ssonja, die ihm mit angehaltenem Atem zugehört hatte, griff rasch nach ihrer Mantille und ihrem Hut, lief aus dem Zimmer und kleidete sich im Gehen an. Raskolnikoff ging ihr nach und Lebesjätnikoff folgte ihm.
»Sie ist ganz gewiß verrückt geworden!« -- sagte er zu Raskolnikoff und trat mit ihm auf die Straße, -- »ich wollte nur Ssofja Ssemenowna nicht so erschrecken und sagte deshalb -- >es scheint<, aber es kann keinen Zweifel darüber geben. Man hört oft, daß bei Schwindsucht im Gehirn solche Knollen entstehen; schade, daß ich nicht Medizin studiert habe. Ich versuchte übrigens, sie zu überzeugen, aber sie will nichts hören.«
»Haben Sie ihr von diesen Knollen gesprochen?«
»Das heißt, eigentlich nicht von den Knollen. Sie würde es doch nicht verstanden haben. Ich sage aber, -- wenn man einen Menschen logisch überzeugen kann, daß er eigentlich keinen Grund hat, zu weinen, so hört er auch auf zu weinen. Das ist klar. Oder meinen Sie, daß er nicht aufhören wird?«
»Dann wäre das Leben leicht,« -- antwortete Raskolnikoff.
»Erlauben Sie, erlauben Sie bitte; gewiß, bei Katerina Iwanowna würde es ziemlich schwer fallen, sie verstände es nicht. Aber ist Ihnen nicht bekannt, daß in Paris schon ernste Versuche gemacht worden sind über die Möglichkeit, durch Anwendung von logischer Überredung Wahnsinnige zu heilen? Ein Professor dort, der vor kurzem gestorben ist, ein großer Gelehrter, hat sich ausgedacht, daß man sie in dieser Weise heilen kann. Sein Grundgedanke ist, daß bei den Wahnsinnigen eine besondere Störung im Organismus nicht vorgeht, und daß der Wahnsinn sozusagen ein logischer Fehler, ein Fehler der Urteilsfähigkeit, eine falsche Ansicht von Dingen ist. Er widerlegte allmählich den Kranken, und denken Sie sich, er soll Erfolge erzielt haben. Da er außerdem auch Duschen anwandte, so wurden die Erfolge dieser Behandlung bezweifelt ... Es scheint wenigstens so ...«
Raskolnikoff hörte ihm längst nicht mehr zu. Als er an seinem Hause ankam, nickte er mit dem Kopfe Lebesjätnikoff zu und bog in den Torweg ein. Lebesjätnikoff kam zu sich, blickte sich um und lief weiter.
Raskolnikoff trat in seine Kammer und blieb mitten darin stehen. Warum war er hierher zurückgekehrt? Er sah diese gelblichen, abgerissenen Tapeten, diesen Staub, sein Sofa an ... Vom Hofe drang ein hartes ununterbrochenes Klopfen; man schien Nägel einzuschlagen ... Er trat an das Fenster, hob sich auf den Zehen und blickte lange mit außerordentlicher Aufmerksamkeit im Hofe umher. Der Hof aber war leer und man sah die Klopfenden nicht. Links, im Seitengebäude war hie und da ein geöffnetes Fenster; auf den Fensterbrettern standen kleine Töpfe mit schwächlichen Geranien. Vor den Fenstern hing Wäsche ... Das ganze Bild kannte er auswendig. Er wandte sich ab und setzte sich auf das Sofa. Noch nie, nie hatte er sich so furchtbar einsam gefühlt!
Ja, er fühlte es noch einmal, daß er vielleicht Ssonja hassen werde, und zwar jetzt, wo er sie unglücklicher gemacht hatte.
Warum war er zu ihr hingegangen? Um um ihre Tränen zu bitten? Warum mußte er so unbedingt ihr Leben verkümmern? Oh, welche Gemeinheit.
»Ich bleibe allein!« -- sagte er plötzlich entschlossen, -- »und sie soll nicht ins Gefängnis zu mir kommen!«
Nach etwa fünf Minuten erhob er den Kopf und lächelte eigentümlich. Es war ein merkwürdiger Gedanke: -- »Vielleicht ist es in Sibirien tatsächlich besser.«
Er erinnerte sich nicht, wie lange er in seinem Zimmer sich mit den einstürmenden unklaren Gedanken abgegeben hatte. Da öffnete sich plötzlich die Türe und Awdotja Romanowna trat herein. Sie blieb zuerst stehen und blickte ihn von der Schwelle an, so wie er gestern Ssonja angeblickt hatte; kam dann herein und setzte sich auf einen Stuhl, auf ihren gestrigen Platz, ihm gegenüber. Er sah sie schweigend und augenscheinlich gedankenlos an.
»Sei mir nicht böse, Bruder, ich komme nur auf einen Augenblick,« -- sagte Dunja.
Der Ausdruck ihres Gesichtes war nachdenklich, aber nicht streng. Der Blick war klar und still. Er sah, daß auch sie mit Liebe zu ihm gekommen war.
»Bruder, ich weiß jetzt alles, _alles_. Mir hat Dmitri Prokofjitsch alles erklärt und erzählt. Man verfolgt und quält dich mit einem dummen und schändlichen Verdacht! ... Dmitri Prokofjitsch hat mir gesagt, daß für dich keine Gefahr vorhanden sei, daß du dich unnütz mit solch einem Schrecken befassest. Ich denke nicht, wie er, ich _verstehe vollkommen_, wie alles in dir empört sein muß, und daß diese Empörung in dir für immer Spuren hinterlassen kann. Davor habe ich Angst. Ich verurteile dich nicht und darf dich nicht verurteilen, daß du uns verlassen hast, verzeih mir, daß ich dir dies vorgeworfen habe. Ich weiß selbst, daß auch ich von allen fortgehen würde, wenn ich solch einen großen Kummer hätte. Ich werde der Mutter _davon_ nichts sagen, will aber mit ihr immer über dich sprechen, und will in deinem Namen sagen, daß du sehr bald kommen wirst. Quäle dich nicht ihretwegen; _ich_ werde sie beruhigen; aber quäle auch sie nicht zu sehr, -- komm wenigstens noch einmal zu ihr; erinnere dich, daß sie unsere Mutter ist! Ich bin nur gekommen, um zu sagen,« -- Dunja stand auf, -- »daß, falls du irgendwie mich brauchen solltest und wenn es ... mein Leben gälte ... so rufe mich, ich werde kommen. Leb wohl!«
Sie wandte sich schnell um und ging zur Türe.
»Dunja!« -- rief Raskolnikoff, stand auf und ging zu ihr, -- »dieser Dmitri Prokofjitsch Rasumichin ist ein sehr guter Mensch.«
Dunja errötete ein wenig.
»Nun!« -- fragte sie nach einer Weile.
»Er ist ein tüchtiger, fleißiger, ehrlicher Mensch und ist starker Liebe fähig ... Leb wohl, Dunja.«
Dunja errötete, dann wurde sie unruhig.
»Was ist dir, Bruder, trennen wir uns denn wirklich für immer, daß du mir ... solch ein Vermächtnis machst?«
»Wie dem auch sei ... leb wohl ...«
Er kehrte sich um und ging zum Fenster. Sie blieb eine Weile stehen, sah ihn sorgenvoll an und ging mit dem Gefühle der Angst hinaus.
Er war ihr gegenüber nicht kälter! Es hatte einen Augenblick, in letzter Minute, gegeben, wo er die größte Lust verspürte, sie innig zu umarmen, von ihr _Abschied zu nehmen_ und ihr alles zu _sagen_, aber er wagte ihr nicht einmal die Hand zu reichen.
»Sie würde vielleicht später noch erschauern bei dem Gedanken, daß ich sie umarmt habe, und würde sagen, daß ich ihr einen Kuß gestohlen hätte!«
»Würde sie dies ertragen können oder nicht?« -- fügte er nach einigen Minuten hinzu. -- »Nein, sie würde es nicht ertragen können; eine _solche Natur_ nicht ...«
Er dachte an Ssonja.
Vom Fenster kam eine kühle Luft. Draußen war es nicht mehr hell. Er nahm seine Mütze und ging hinaus.
Er konnte und wollte nicht auf seinen krankhaften Zustand achten. Aber diese ununterbrochenen Aufregungen und diese seelischen Erschütterungen konnten nicht ohne Folgen bleiben. Und wenn er noch nicht an einem heftigen Fieber daniederlag, so war es vielleicht darum, weil diese inneren ununterbrochenen Aufregungen ihn vorläufig noch aufrecht und bei Bewußtsein hielten.
Er irrte ziellos herum. Die Sonne ging unter. Eine eigenartige Angst begann in der letzten Zeit seiner Seele sich zu bemächtigen. Es war kein bohrender oder brennender Schmerz; etwas Beständiges oder Bleibendes aber ging von ihm aus; die Ahnung einer Reihe endloser kalter, toter Jahre lag darinnen, einer Ewigkeit auf dem »ellenbreiten Raume«. In den Abendstunden war dieses Gefühl stärker und peinvoller.
»Und mit diesen dummen, rein physischen Schwächen, die vom Sonnenuntergang abhängen konnten, soll man sich vor Dummheiten hüten! Da läuft man dann nicht bloß zu Ssonja hin, auch zu Dunja!« -- murmelte er haßerfüllt vor sich hin. Man rief ihn beim Namen. Er blickte sich um; Lebesjätnikoff eilte auf ihn zu.
»Denken Sie, ich war bei Ihnen, ich suchte Sie. Stellen Sie sich vor, sie hat wirklich ihre Absicht ausgeführt und die Kinder mitgenommen. Ich habe sie mit Ssofja Ssemenowna nur mit Mühe gefunden. Sie selbst schlägt auf eine Pfanne, und läßt die Kinder tanzen. Die Kinder weinen. Sie bleiben an Straßenecken und vor Läden stehen. Das dumme Volk läuft ihnen nach. Wir wollen hingehen!«
»Und Ssonja?« -- fragte Raskolnikoff unruhig und eilte Lebesjätnikoff nach.
»Sie ist ganz außer sich. Nicht Ssofja Ssemenowna, sondern Katerina Iwanowna ist außer sich; aber auch Ssofja Ssemenowna ist außer sich. Katerina Iwanowna ist aber ganz und gar aufgelöst. Ich sage Ihnen, sie ist vollkommen verrückt. Man wird sie noch zur Polizei bringen. Sie können sich vorstellen, wie das erst auf sie wirken wird ... Jetzt sind sie am Kanal bei der N.schen Brücke, gar nicht weit von Ssofja Ssemenownas Wohnung.«
Am Kanal, nicht weit von der Brücke und zwei Häuser von der Wohnung Ssonjas entfernt, hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt. Besonders Knaben und Mädchen liefen hin. Von der Brücke aus konnte man die heisere, überanstrengte Stimme von Katerina Iwanowna hören. Es war ein merkwürdiges Schauspiel, fähig, das Straßenpublikum zu fesseln. Katerina Iwanowna hatte ihr altes, abgetragenes Kleid an, einen Schal umgelegt und einen zerrissenen Strohhut auf; sie war tatsächlich ganz außer sich. Dabei war sie müde und rang nach Atem. Ihr abgehärmtes schwindsüchtiges Gesicht sah noch leidender aus; außerdem sieht ein Schwindsüchtiger draußen im Sonnenlicht stets kränklicher und mehr entstellt aus als zu Hause, -- ihr aufgeregter Zustand nahm kein Ende, sie wurde mit jedem Augenblicke gereizter. Bald stürzte sie sich auf die Kinder, schrie sie an, redete ihnen zu, lehrte sie auf der Straße in Gegenwart aller, wie sie tanzen und was sie singen sollten, begann ihnen zu erklären, warum dies nötig sei, geriet in Verzweiflung, daß sie nicht begreifen wollten, und schlug sie ... Dann stürzte sie wieder ins Publikum, -- wenn sie einen einigermaßen besser gekleideten Menschen entdeckte, der stehen blieb, um sich die Sache anzusehen, beeilte sie sich sofort, ihm zu erklären, daß es so weit, -- mit -- den Kindern »aus einem feinen, man kann sogar sagen aristokratischen Hause,« gekommen war. Wenn sie unter den Zuschauern Lachen oder ein freches Wort hörte, wandte sie sich sofort an die Dreisten und begann sie zu schelten. Einige lachten darüber, andere wieder schüttelten die Köpfe; aber allen war es interessant, die Wahnsinnige mit ihren erschrockenen Kindern anzusehen. Die Pfanne, die Lebesjätnikoff erwähnt hatte, war nicht da; Raskolnikoff sah sie wenigstens nicht. Katerina Iwanowna schlug den Takt nicht auf einer Pfanne, sondern mit ihren mageren Händen, wenn sie Poletschka zum singen und Lene und Kolja zum tanzen veranlaßte. Sie fing selbst an mitzusingen, wurde jedoch jedesmal beim zweiten Tone von einem quälenden Husten unterbrochen; dann wurde sie von neuem verzweifelt, fluchte ihrem Husten und weinte sogar. Am meisten brachte sie das Weinen und die Angst Koljas und Lenes auseinander. Sie hatte wirklich den Versuch gemacht, die Kinder aufzuputzen, wie Straßentänzer und Gaukler. Der Knabe hatte einen Turban aus rotem und weißem Stoff, damit er einem Türken ähnle. Für Lene reichte es zu einem Kostüm nicht aus; sie hatte nur ein rotes, gestricktes Käppchen des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch auf dem Kopfe und an dieses Käppchen war eine abgebrochene Straußfeder befestigt worden, die noch der Großmutter von Katerina Iwanowna gehört hatte und die bis jetzt, als ein altes Familienstück, im Koffer aufbewahrt wurde. Poletschka war in ihrem gewöhnlichen Kleidchen. Sie blickte schüchtern und weltvergessen die Mutter an, wich nicht von ihrer Seite, verbarg die Tränen, ahnend, daß die Mutter wahnsinnig geworden sei, und sah unruhig um sich. Die Straße und die Menschenmenge hatten sie äußerst erschreckt. Ssonja wich keinen Schritt von Katerina Iwanowna, weinte und flehte sie an, nach Hause zurückzukehren. Katerina Iwanowna aber blieb unerbittlich.
»Höre auf, Ssonja, höre auf!« -- schrie sie hastig, außer Atem und hustend. -- »Du weißt selbst nicht, was du bittest, du bist wie ein Kind! Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich zu dieser vertrunkenen Deutschen nicht zurückkehren will. Mögen alle, ganz Petersburg sehen, wie die Kinder eines edlen Vaters, der sein ganzes Leben treu und redlich gedient hat, und man kann sagen, im Dienste gestorben ist, betteln gehen müssen.« -- Katerina Iwanowna hing schon an dieser Erfindung eigener Phantasie mit blindem Glauben. -- »Mag es nur dieser schändliche Kerl von einem General sehen. Ja, du bist dumm, Ssonja, -- was sollen wir denn essen, sage mir? Wir haben dich genug gepeinigt, ich will es nicht mehr! Ach, Rodion Romanowitsch, Sie sind es!« -- rief sie aus, als sie Raskolnikoff erblickte, und stürzte zu ihm hin, -- »erklären Sie bitte dieser dummen kleinen Person, daß wir nichts klügeres tun konnten! Sogar Leierkastenmänner verdienen, bei uns aber werden alle bemerken und erfahren, daß wir eine arme feine Familie und Waisen sind, die an den Bettelstab gebracht wurden, und dieser Kerl von einem General wird seine Stelle verlieren. Sie werden es sehen! Wir werden jeden Tag vor seinen Fenstern stehen, und wenn der Kaiser vorbeifahren wird, will ich mich auf die Knie werfen und auf die Kinder will ich zeigen und sagen: -- >Schütze sie, Vater!< Er ist der Vater aller Waisen, er ist barmherzig, er wird sie schützen, Sie werden es sehen, und diesen Kerl von einem General ... Lene! _Tenez vous droite!_{[11]} Du, Kolja, wirst sofort wieder tanzen. Was heulst du? Er heult wieder! Nun, warum fürchtest du dich, Dummköpfchen! Oh, Gott! Was soll ich mit ihnen tun, Rodion Romanowitsch! Wenn Sie wüßten, wie unvernünftig sie sind! Was soll man mit ihnen tun! ...«
Und sie zeigte, fast weinend, was sie jedoch nicht hinderte, ununterbrochen und unaufhörlich zu reden, -- auf die schluchzenden Kinder. Raskolnikoff versuchte sie zu überreden, nach Hause zu gehen und sagte ihr sogar, in der Meinung auf ihre Eigenliebe zu wirken, daß es für sie unpassend sei, wie Leierkastenleute in den Straßen umherzuziehen, weil sie doch beabsichtigte, die Vorsteherin einer Pension für junge Mädchen aus besseren Ständen ...