Sämtliche Werke 1-2

Part 45

Chapter 453,617 wordsPublic domain

»Jetzt ist mir alles vollkommen klar,« -- fuhr Raskolnikoff fort und wandte sich an Lebesjätnikoff. -- »Gleich am Anfange der Geschichte hatte ich den Verdacht, daß irgendein gemeiner Kniff dahinter stecke; ich schöpfte ihn infolge gewisser besonderer Umstände, die nur mir allein bekannt sind, und die ich sogleich allen erklären will, -- um sie dreht sich auch die ganze Sache. Sie, Andrei Ssemenowitsch, haben durch Ihr wertvolles Zeugnis mir alles endgültig erklärt. Ich bitte alle, alle zuzuhören. Dieser Herr,« -- er zeigte auf Luschin, -- »freite vor kurzem um ein junges Mädchen, und zwar um meine Schwester, Awdotja Romanowna Raskolnikowa. Nach seiner Ankunft in Petersburg hatte er sich vorgestern bei unserem ersten Zusammentreffen mit mir überworfen, und ich habe ihn hinausgejagt, ich habe zwei Zeugen dafür. Dieser Mensch ist sehr boshaft ... Vorgestern wußte ich noch gar nicht, daß er hier bei Ihnen, Andrei Ssemenowitsch, lebt, und daß er an demselben Tage, wo wir uns überworfen hatten, das heißt vorgestern, Zeuge war, wie ich, als Freund des verstorbenen Herrn Marmeladoff, seiner Gattin Katerina Iwanowna etwas Geld zur Beerdigung übergab. Er schrieb sofort an meine Mutter einen Brief und teilte ihr mit, daß ich das Geld nicht Katerina Iwanowna, sondern Ssofja Ssemenowna abgegeben hätte, wobei er in den niederträchtigsten Ausdrücken über ... über den Charakter Ssofja Ssemenownas sich äußerte, das heißt über die Art meiner Beziehungen zu Ssofja Ssemenowna. Dies alles tat er, wie Sie verstehen, in der Absicht, mich mit meiner Mutter und Schwester zu entzweien, indem er ihnen glaubhaft zu machen suchte, daß ich zu unanständigen Zwecken ihr letztes Geld, mit dem sie mich unterstützten, verprasse. Gestern abend stellte ich, in Gegenwart meiner Mutter und Schwester und in seiner Anwesenheit, die Wahrheit fest, ich bewies, daß ich das Geld Katerina Iwanowna zur Beerdigung und nicht Ssofja Ssemenowna überreicht habe, und daß ich vorgestern mit Ssofja Ssemenowna noch nicht bekannt war und sie sogar zum erstenmal gesehen habe. Dabei fügte ich hinzu, daß er, Peter Petrowitsch Luschin, mit allen seinen Vorzügen nicht mal des kleinen Fingers von Ssofja Ssemenowna, über die er sich so schlecht geäußert habe, wert sei. Auf seine Frage, ob ich Ssofja Ssemenowna neben meine Schwester hinsetzen würde, -- antwortete ich, daß ich es bereits am selben Tage getan hätte. Da er darüber böse wurde, daß meine Mutter und Schwester auf seine Verleumdungen hin sich mit mir nicht überwerfen wollten, begann er ihnen unverzeihliche Frechheiten zu sagen. Es kam zu einem endgültigen Bruche und man jagte ihn aus dem Hause. Dies alles war gestern abend vorgefallen. Ich bitte Sie jetzt um besondere Aufmerksamkeit, -- stellen Sie sich vor, wäre es ihm jetzt gelungen, Ssofja Ssemenowna des Diebstahls zu überführen, so hätte er doch damit meiner Schwester und Mutter bewiesen, erstens, daß er recht hatte mit seinen Verdächtigungen; zweitens, daß er mit vollkommenem Rechte darüber böse wurde, weil ich meine Schwester und Ssofja Ssemenowna auf gleiche Stufe gestellt habe, und drittens, daß er mit seinem Angriffe auf mich die Ehre meiner Schwester und seiner Braut verteidigte und in Schutz nahm. Mit einem Worte, er konnte mich durch dieses alles mit meinen Verwandten entzweien, und hoffte sicher, dadurch wieder bei ihnen zu Gnaden zu kommen. Ich rede schon gar nicht davon, daß er zugleich an mir persönlich Rache nahm, weil er Gründe hat anzunehmen, daß die Ehre und das Glück Ssofja Ssemenownas mir teuer sind. Das war seine ganze Berechnung! In dieser Weise fasse ich die Sache auf. Das ist der ganze Grund, und einen anderen kann es nicht geben!«

So etwa schloß Raskolnikoff seine Rede, oft durch Ausrufe der Anwesenden unterbrochen, die sehr aufmerksam zuhörten. Aber trotz der Unterbrechungen sprach er scharf, ruhig, genau, klar und entschlossen. Seine scharfe Stimme, sein überzeugter Ton und sein strenges Gesicht machten auf alle einen ungewöhnlichen Eindruck.

»Ja, so wird es gewesen sein, ja, so ist es!« -- pflichtete Lebesjätnikoff entzückt bei. -- »Es muß richtig sein, denn er hat mich gerade gefragt, als Ssofja Ssemenowna zu uns ins Zimmer eintrat, -- ob Sie hier wären? Ob ich Sie unter den Gästen von Katerina Iwanowna nicht gesehen hätte? Er rief mich aus diesem Grunde zum Fenster und fragte mich dort leise. Also war es für ihn von Wichtigkeit, daß Sie da sind! Das ist richtig, das stimmt!«

Luschin schwieg und lächelte verächtlich. Er war aber sehr blaß geworden. Es schien, als überlege er sich, wie er sich aus der Affäre ziehen könne. Er hätte vielleicht gern alles mit Vergnügen im Stiche gelassen und wäre fortgegangen, aber es war unmöglich; es wäre gleichbedeutend gewesen mit einer Anerkennung der Wahrheit der angeführten Beschuldigung, daß er Ssofja Ssemenowna verleumdet hatte. Die Anwesenden waren zudem etwas angetrunken und zu erregt. Der Proviantmeister, der zwar nicht alles verstanden hatte, schrie am meisten und schlug einige für Luschin ziemlich peinliche Maßregeln vor. Es waren aber auch nicht Angetrunkene darunter; aus allen Zimmern hatten sich Menschen eingefunden. Die drei Polen waren furchtbar aufgebracht und riefen in einem fort »Pane Strolch!« ihm zu, wobei sie noch einige Drohungen in polnischer Sprache murmelten. Ssonja hörte mit Anstrengung zu, aber sie schien nicht alles zu begreifen, es war, als erwache sie aus einer Ohnmacht. Sie wendete ihre Augen nicht von Raskolnikoff ab, sie fühlte, daß er ihr einziger Schutz war. Katerina Iwanowna atmete schwer und heiser und schien schrecklich erschöpft zu sein. Am allerdümmsten stand Amalie Iwanowna da mit offenem Munde und begriff gar nichts. Sie begriff bloß, daß Peter Petrowitsch irgendwie ertappt sei. Raskolnikoff bat wieder ums Wort, aber man ließ ihn nicht zu Ende reden, -- alle schrien und drängten sich mit Geschimpfe und Drohungen um Luschin. Ihm aber wurde nicht bange. Als er sah, daß die Sache mit der Beschuldigung Ssonjas vollständig verspielt sei, ergriff er seine Zuflucht zur Dreistigkeit.

»Erlauben Sie, meine Herrschaften, erlauben Sie, drängen Sie nicht so, lassen Sie mich durchgehen!« -- sagte er und zwängte sich durch die Menge hindurch, -- »und tun Sie mir den Gefallen und drohen Sie nicht. Ich versichere Sie, daß daraus nichts wird, daß Sie nichts tun werden, ich bin nicht von den Ängstlichen, im Gegenteil, meine Herrschaften, Sie werden noch zur Verantwortung gezogen dafür, daß Sie durch Gewalt eine Kriminalsache vertuscht haben. Die Diebin ist mehr als überführt, und ich werde sie gerichtlich belangen. Im Gerichte ist man nicht so blind und ... nicht betrunken, und wird nicht gleich zwei abgefeimten Gottesleugnern, Aufrührern und Freigeistern glauben, die mich aus persönlicher Rache beschuldigen, was sie selbst in ihrer Dummheit zugeben ... Erlauben Sie!«

»Scheren Sie sich aus meinem Zimmer, ziehen Sie sofort aus. Zwischen uns ist alles aus! Und wenn ich denke, wie ich mich angestrengt und bemüht habe, ihm alles erklärt habe ... volle zwei Wochen ...«

»Ich habe Ihnen, Andrei Ssemenowitsch, doch vorhin selbst gesagt, daß ich ausziehe, als Sie mich noch baten zu bleiben. Jetzt will ich bloß hinzufügen, daß Sie ein dummer Kerl sind. Ich wünsche Ihnen Ihren Verstand und Ihre halbblinden Augen zu kurieren. Erlauben Sie, meine Herrschaften!«

Er drängte sich durch, aber der Proviantmeister wollte ihn nicht so leichten Kaufes, bloß mit Schimpfwörtern, herauslassen, -- er ergriff vom Tische ein Glas, holte aus und schleuderte es gegen Peter Petrowitsch, doch das Glas traf Amalie Iwanowna. Sie kreischte auf, der Proviantmeister verlor das Gleichgewicht und fiel schwer unter den Tisch. Peter Petrowitsch ging in sein Zimmer, und nach einer halben Stunde hatte er das Haus verlassen. Ssonja, schüchtern von Natur, wußte es längst, daß man sie leichter als jeden anderen zugrunde richten konnte, und daß jeder sie fast straflos beleidigen durfte. Trotzdem aber glaubte sie bis zu diesem Augenblick, daß man einem Unglück irgendwie, durch Vorsicht, Sanftmut, Nachgiebigkeit allen und jedem einzelnen gegenüber entgehen konnte. Ihre Enttäuschung war zu schwer. Sie konnte gewiß mit Geduld und ohne zu murren alles, -- auch dies letzte ertragen. Aber im ersten Augenblicke war es ihr doch zu schwer gefallen. Trotz ihres Triumphes und ihrer Rechtfertigung, -- als der erste Schreck und die erste Erstarrung vorüber waren, als sie alles deutlich und klar verstanden hatte, -- schnürte das Gefühl der Hilflosigkeit und Kränkung ihr qualvoll das Herz zusammen. Sie bekam einen nervösen Anfall und hielt es nicht länger aus, stürzte aus dem Zimmer und lief nach Hause. Das geschah fast unmittelbar, nachdem Luschin fortgegangen war. Als Amalie Iwanowna unter lautem Lachen der Anwesenden von dem Glase getroffen wurde, -- hatte sie genug davon, nur für andere zu büßen. Mit Gekreisch stürzte sie wie wahnsinnig auf Katerina Iwanowna zu und maß ihr die Schuld an allem bei.

»Hinaus aus der Wohnung! Sofort! Marsch!« -- und mit diesen Worten begann sie alles, was ihr von den Sachen Katerina Iwanownas unter die Hände kam, auf die Diele zu werfen.

Katerina Iwanowna, ohnedem fast halbtot und einer Ohnmacht nahe, sprang vom Bette, auf das sie in völliger Ermattung hingesunken war, schweratmend und bleich auf und stürzte sich auf Amalie Iwanowna. Der Kampf aber war zu ungleich; die letztere stieß sie, wie eine Feder, von sich.

»Wie! Nicht genug, daß man mich gottlos verleumdet hat, -- auch diese Kreatur ist gegen mich! Wie! Am Tage der Beerdigung meines Mannes jagt man mich, nach meinem Festmahl, mit den Waisen auf die Straße hinaus! Ja, wohin soll ich denn!« -- sagte die arme Frau mit Schluchzen und beinahe erstickend. -- »Oh, Gott!« -- rief sie plötzlich mit funkelnden Augen, -- »gibt es denn keine Gerechtigkeit! Wen sollst Du denn schützen, wenn nicht uns verlassene Waisen? Aber wir wollen mal sehen? Es gibt noch in der Welt Recht und Wahrheit, es gibt sie noch, und ich will sie finden! Warte, du gottlose Kreatur! Poletschka, bleibe bei den Kindern, ich komme bald zurück. Wartet auf mich, meinetwegen auf der Straße! Wir wollen sehen, ob es in der Welt Gerechtigkeit gibt!«

Katerina Iwanowna warf dasselbe grüne große Umlegetuch über den Kopf, das der verstorbene Marmeladoff in seiner Erzählung erwähnt hatte, drängte sich durch die unordentliche und betrunkene Menge der Mieter, die noch immer das Zimmer anfüllten, und lief mit Geheul und unter Tränen auf die Straße hinaus, -- mit der unbedingten Absicht, irgendwo sofort, unverzüglich und um jeden Preis Gerechtigkeit zu finden. Poletschka verkroch sich voller Angst mit den Kindern in einer Ecke; sie umschlang, am ganzen Körper zitternd, die beiden Kleinen und begann die Rückkehr der Mutter zu erwarten. Amalie Iwanowna lief aufgeregt im Zimmer herum, kreischte, klagte, schleuderte alles, was ihr in den Weg kam, auf die Diele und lärmte. Die Mieter schrien durcheinander, -- einige besprachen das Geschehene, wie sie es verstanden, andere zankten sich und schimpften, einige wieder stimmten ein Lied an ...

»Jetzt muß ich auch gehen!« -- dachte Raskolnikoff. -- »Nun, Ssofja Ssemenowna, wir wollen sehen, was Sie jetzt sagen werden!«

Und er ging nach Ssonjas Wohnung.

IV.

Raskolnikoff war ein tüchtiger und mutiger Fürsprecher Ssonjas gegen Luschin gewesen, trotzdem so viel eigener Schrecken und eigenes Leid auf seiner Seele lasteten. Weil er aber am Morgen so stark gelitten hatte, so war er gewissermaßen froh, seine Eindrücke, die ihm unerträglich wurden, zu ändern, ganz abgesehen davon, wieviel Persönliches und Herzliches in seinem Bestreben lag, für Ssonja einzutreten. Außerdem ging ihm die bevorstehende Zusammenkunft mit Ssonja nicht aus dem Sinn und beunruhigte ihn in manchen Augenblicken furchtbar, -- er _mußte_ ihr sagen, wer Lisaweta ermordet hat, fühlte die schreckliche Qual im voraus und suchte sich ihrer zu erwehren. Als er die Wohnung Katerina Iwanownas verließ und ausrief: -- »Nun, was werden Sie jetzt sagen, Ssofja Ssemenowna?« -- da befand er sich offenbar noch in einem äußerlich erregten Zustande der Rüstigkeit und Kampflust, der Freude über den eben errungenen Sieg. Aber das hielt nicht vor. Als er die Wohnung von Kapernaumoff erreicht hatte, empfand er eine plötzliche Erschlaffung und Furcht. Er blieb in Gedanken vor der Türe stehen und legte sich die sonderbare Frage vor, -- »muß ich denn sagen, wer Lisaweta ermordet hat?« Die Frage war sonderbar, denn er fühlte doch zugleich, daß es gesagt werden müsse, und jetzt gleich ohne den geringsten Aufschub. Er wußte selber nicht, warum; aber er _fühlte_ es, und dieses qualvolle Bewußtsein seiner Schwäche der Notwendigkeit gegenüber erdrückte ihn fast. Um nicht mehr zu überlegen und sich nicht mehr zu quälen, öffnete er schnell die Türe und schaute Ssonja von der Schwelle aus an. Sie saß auf den Tisch gestützt und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt; als sie Raskolnikoff erblickte, stand sie schnell auf und ging ihm entgegen, als hätte sie ihn erwartet.

»Was wäre aus mir geworden ohne Sie!« -- sagte sie hastig, als sie in der Mitte des Zimmers mit ihm zusammentraf.

Offenbar hatte sie ihn erwartet, um ihm dies zu sagen.

Raskolnikoff ging zu dem Tisch und setzte sich auf den Stuhl, von dem sie soeben aufgestanden war. Sie blieb zwei Schritte vor ihm stehen, genau wie gestern.

»Nicht wahr, Ssonja?« -- sagte er und fühlte plötzlich, daß seine Stimme zittere, -- »die ganze Sache beruhte doch auf >der gesellschaftlichen Lage und auf den damit zusammenhängenden Gewohnheiten<. Haben Sie es vorhin verstanden?«

Tiefes Leid zeigte sich auf ihrem Gesichte.

»Sprechen Sie nicht mit mir, wie gestern!« -- unterbrach sie ihn. -- »Bitte, fangen Sie nicht an. Es ist schon genug Qual ...«

Sie lächelte schnell, aus Angst, daß ihm vielleicht der Vorwurf mißfallen könnte.

»Es war dumm von mir, von dort wegzugehen. Was mag jetzt dort geschehen? Ich wollte soeben wieder hingehen, aber ich dachte, daß Sie vielleicht ... kommen werden.«

Er erzählte ihr, daß Amalie Iwanowna sie aus der Wohnung jage, und daß Katerina Iwanowna fortgelaufen sei, »Gerechtigkeit zu suchen«.

»Ach, mein Gott!« -- erschrak Ssonja, -- »gehen wir schnell hin ...«

Und sie ergriff ihre Mantille.

»Ewig ein und dasselbe!« -- rief Raskolnikoff gereizt, -- »Sie denken bloß immer an die! Bleiben Sie bei mir.«

»Und ... Katerina Iwanowna?«

»Katerina Iwanowna wird Ihnen sicher nicht entgehen, sie wird selbst zu Ihnen kommen, wenn sie schon einmal das Haus verlassen hat,« -- fügte er mürrisch hinzu. -- »Wenn sie Sie nicht zu Hause antrifft, werden Sie doch wieder daran schuld sein ...«

Ssonja setzte sich in qualvoller Unentschlossenheit auf einen Stuhl. Raskolnikoff schwieg, blickte zu Boden und überlegte.

»Angenommen, Luschin habe es jetzt nicht gewollt,« -- begann er, ohne Ssonja anzublicken. -- »Wie, wenn er es gewollt hätte oder wenn es irgendwie in seinen Absichten gelegen wäre, -- so hätte er Sie ins Gefängnis gebracht, wenn nicht ich und Lebesjätnikoff zufällig dagewesen wären! Nicht?«

»Ja,« -- antwortete sie mit schwacher Stimme, -- »ja!« -- wiederholte sie zerstreut und voll Unruhe.

»Ich konnte doch wirklich verhindert sein! Und Lebesjätnikoff kam ganz zufällig hinzu.«

Ssonja schwieg.

»Nun, und wenn Sie ins Gefängnis gekommen wären, was dann? Erinnern Sie sich, was ich gestern sagte?«

Sie antwortete wieder nicht. Raskolnikoff wartete eine Weile.

»Ich dachte, Sie würden wieder schreien, -- >ach, sprechen Sie nicht, hören Sie auf!<« -- lachte Raskolnikoff, scheinbar gezwungen. -- »Was, Sie schweigen wieder?« -- fragte er nach einem Augenblick. -- »Man muß doch über etwas reden! Mir wäre es interessant zu erfahren, wie Sie jetzt eine >Frage<, wie Lebesjätnikoff sagt, lösen würden.« -- Er schien den Faden zu verlieren. -- »Nein, ich spreche in allem Ernst. Stellen Sie sich vor, Ssonja, daß Sie alle Absichten Luschins im voraus gewußt hätten, Sie hätten gewußt, daß dadurch Katerina Iwanowna und auch die Kinder völlig zugrunde gehen würden, auch Sie, als Dreingabe, -- Sie selber rechnen sich ja nicht, drum sage ich als _Dreingabe_ zu jenen. Poletschka ebenfalls ... denn ihr steht derselbe Weg bevor. Nun, also, -- wenn man Ihnen plötzlich dies alles zur Entscheidung übergeben hätte, -- soll er oder sollen jene am Leben bleiben, das heißt, soll Luschin am Leben bleiben und Scheußlichkeiten vollziehen oder soll Katerina Iwanowna sterben? Wie würden Sie entscheiden, wer von den beiden sollte sterben? Ich frage Sie!«

Ssonja blickte ihn unruhig an, -- sie ahnte etwas besonderes in dieser unsicheren, weit ausgeholten Rede.

»Ich hatte ein Vorgefühl, daß Sie so etwas fragen werden,« -- sagte sie und sah ihn forschend an.

»Gut; mag sein, aber, wie soll es entschieden werden?«

»Warum fragen Sie, was unmöglich zu beantworten ist?« -- sagte Ssonja mit Widerwillen.

»Also, es ist besser, daß Luschin weiterlebt und Scheußlichkeiten verübt! Auch dieses haben Sie nicht gewagt zu entscheiden?«

»Ja, ich kenne doch die Vorsehung Gottes nicht ... Und warum fragen Sie, was man nicht fragen darf? Wozu solche leere Fragen? Wie kann es vorkommen, daß dieses von meiner Entscheidung abhängen soll? Und wer hat mich hier zum Richter bestellt, wer leben soll und wer nicht leben soll?«

»Wenn Gottes Vorsehung schon mitredet, da ist freilich nichts zu machen,« -- brummte Raskolnikoff finster.

»Sagen Sie besser offen, was Sie wollen!« -- rief Ssonja gramvoll aus. -- »Sie haben wieder etwas im Sinn ... Sind Sie etwa nur gekommen, um mich zu quälen?«

Sie hielt es nicht aus und weinte plötzlich bitter. Er sah sie mit düsterer Schwermut an. Es verging eine geraume Weile.

»Du hast recht, Ssonja,« -- sagte er endlich leise.

Er war plötzlich verändert; der gemachte dreiste und kraftlos herausfordernde Ton war verschwunden. Selbst seine Stimme war schwächer geworden. »Ich habe dir selbst gestern gesagt, daß ich kommen werde, nicht um Verzeihung zu bitten, habe aber beinahe schon damit begonnen ... Von Luschin und Gottes Vorsehung habe ich meinetwegen gesprochen ... Ich habe damit um Verzeihung bitten wollen, Ssonja ...«

Er wollte lächeln, aber er brachte es nur zu einem kraftlosen und wehen Versuch. Er ließ den Kopf sinken und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Da zog in sein Herz ein eigentümliches Gefühl, wie das eines brennenden Hasses gegen Ssonja. Selber betroffen und erschrocken über dieses Gefühl, erhob er plötzlich den Kopf und blickte sie aufmerksam an, aber er begegnete ihrem unruhigen und qualvoll besorgten Blicke; und vor der Liebe in diesem Blick verschwand sein Haß wie ein Gespenst. Es war nicht also das; er hatte das eine Gefühl für das andere gehalten. Das bedeutete bloß, daß _der_ Augenblick gekommen war.

Wieder bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und senkte den Kopf. Plötzlich erbleichte er, stand vom Stuhle auf, sah Ssonja an und setzte sich, ohne ein Wort gesagt zu haben, mechanisch auf ihr Bett hin.

Dieser Moment war in seiner Empfindung jenem schrecklich ähnlich, als er hinter der Alten stand, das Beil aus der Schlinge schon hervorgezogen hatte und fühlte, daß »kein Augenblick mehr zu verlieren sei«.

»Was ist Ihnen?« -- fragte Ssonja erschreckt.

Er brachte kein Wort hervor. So hatte er sich das Geständnis nicht vorgestellt und begriff selbst nicht, was mit ihm jetzt vorging. Sie ging leise zu ihm hin, setzte sich neben ihn auf das Bett hin und wartete, ohne die Augen von ihm abzuwenden. Ihr Herz klopfte und stockte. Es wurde unerträglich; er wandte sein totenblasses Gesicht zu ihr; seine Lippen verzogen sich kraftlos in der Bemühung, etwas auszusprechen. Und Entsetzen drang in Ssonjas Herz.

»Was ist Ihnen?« -- sagte sie und wich ein wenig von ihm zurück.

»Nichts, Ssonja. Ängstige dich nicht ... Unsinn! Wirklich, wenn man es sich überlegt, -- ist es Unsinn,« -- murmelte er mit dem Aussehen eines besinnungslosen Fieberkranken. -- »Warum bin ich bloß gekommen, um dich zu quälen?« -- fügte er plötzlich hinzu, sie anblickend. -- »Wirklich. Wozu? Ich lege mir immer diese Frage vor, Ssonja ...«

Er hatte sich vielleicht diese Frage vor einer Viertelstunde vorgelegt, jetzt aber sagte er es in völliger Kraftlosigkeit, kaum sich selber bewußt, und fühlte ein ständiges Frösteln im ganzen Körper.

»Ach, wie Sie sich quälen!« -- sagte sie mit ihm leidend und betrachtete ihn.

»Alles ist Unsinn! ... Höre, Ssonja,« -- er lächelte plötzlich, aber bleich und schwach, einen kurzen Moment -- »erinnerst du dich, was ich dir gestern sagen wollte?«

Ssonja wartete voll Unruhe. --

»Ich sagte, als ich fortging, daß ich vielleicht für immer von dir Abschied nehme, aber wenn ich heute käme, so wollte ich dir sagen ... wer Lisaweta ermordet hat.«

Sie zitterte plötzlich am ganzen Körper.

»Nun, ich bin jetzt gekommen, es dir zu sagen.«

»Haben Sie gestern tatsächlich es ...,« -- flüsterte Ssonja mit Mühe, -- »woher wissen Sie es denn?« -- fragte sie ihn schnell, als wäre sie plötzlich zur Besinnung gekommen.

Ssonja begann schwer zu atmen. Ihr Gesicht wurde immer bleicher und bleicher.

»Ich weiß es.«

Sie schwieg einen Augenblick.

»Hat man _ihn_ gefunden?« -- fragte sie zaghaft.

»Nein, man hat ihn nicht gefunden.«

»Wie wissen Sie _es_ denn?« -- fragte sie wieder kaum hörbar und nach einem fast minutenlangen Schweigen.

Er wandte sich zu ihr um und blickte sie scharf und unverwandt an.

»Errate es,« -- sagte er mit dem früheren wehen und kraftlosen Lächeln.

Ihren ganzen Körper schienen Krämpfe zu durchziehen. »Ja, Sie ... mich ... warum ... ängstigen Sie mich so?« -- fragte sie, lächelnd, wie ein Kind.

»Ich war doch wohl mit _ihm_ sehr gut bekannt ... wenn ich es weiß,« -- fuhr Raskolnikoff fort und blickte ihr in einem fort ins Gesicht, als wäre er nicht imstande, die Augen abzuwenden, -- »er wollte diese Lisaweta ... nicht ermorden ... Er hat sie ... zufällig ermordet ... Er wollte die Alte ermorden ... wenn sie allein war ... und kam hin ... Da trat aber Lisaweta ein ... Er hat sie dann ... auch ermordet.«

Wieder eine furchtbare Pause. Beide blickten die ganze Zeit einander an.

»Also, du kannst es nicht erraten?« -- sagte er plötzlich mit einem Gefühle, als stürze er sich von einem Turme hinab.

»N--nein,« flüsterte Ssonja kaum hörbar.

»Sieh mal ordentlich her.«

Und kaum hatte er es gesagt, als eine schon einmal gehabte Empfindung seine Seele erstarren ließ, -- er sah sie an und ihm war plötzlich, als erblickte er in ihrem Gesichte Lisawetas Ausdruck. So hatte sie ausgesehen, als er sich damals ihr mit dem Beile näherte und sie vor ihm mit vorgestreckter Hand, eine völlig kindliche Angst im Gesichte, zurückwich, genau, wie wenn kleine Kinder vor irgend etwas Angst bekommen, und unbeweglich und unruhig den sie ängstigenden Gegenstand anblicken, zurückweichen, die Händchen nach vorne strecken und sich anschicken, zu weinen. Fast dasselbe geschah jetzt auch mit Ssonja, -- ebenso kraftlos, mit derselben Angst sah sie eine Weile ihn an, plötzlich streckte sie die linke Hand vor, stieß ihn ganz leicht mit den Fingern an die Brust, begann langsam vom Bette aufzustehen, wich immer mehr und mehr vor ihm zurück und ihr auf ihn gerichteter Blick wurde immer unbeweglicher. Ihr Entsetzen teilte sich plötzlich auch ihm mit, -- dieselbe Angst erschien auch in seinem Gesichte, -- er begann sie ebenso anzusehen und sogar fast mit demselben Lächeln eines geängsteten Kindes.

»Hast du es erraten?« -- flüsterte er endlich.

»Oh, Gott!« -- entrang sich ein furchtbarer Schrei ihrer Brust.