Part 44
»Nicht? Sie wissen nichts?« fragte Luschin sie noch einmal und schwieg wieder. »Denken Sie nach, Mademoiselle,« begann er dann streng, aber als rede er ihr immer noch im Guten zu, »überlegen Sie es sich, ich bin bereit, Ihnen noch einige Zeit zum Überlegen zu geben. Sehen Sie, -- wenn ich nicht so fest überzeugt wäre, so hätte ich selbstverständlich bei meiner Erfahrenheit nicht riskiert, Sie in dieser direkten Weise zu beschuldigen; denn für eine solche öffentliche und direkte, aber falsche oder nur auch irrtümliche Beschuldigung kann ich selbst zur Verantwortung gezogen werden. Ich weiß es. Heute Morgen wechselte ich, zu meinen eigenen Zwecken, einige fünfprozentige Staatspapiere in der nominellen Summe von dreitausend Rubel. Die Berechnung ist in meinem Notizbuche eingetragen. Nach Hause gekommen, begann ich, -- mein Zeuge ist Andrei Ssemenowitsch, -- das Geld zu zählen, und nachdem ich zweitausend und dreihundert Rubel aufgezählt hatte, steckte ich sie in meine Brieftasche und die Brieftasche in die Seitentasche meines Rockes. Auf dem Tische blieben fünfhundert Rubel in Banknoten liegen und unter ihnen drei Noten zu je hundert Rubel. In diesem Augenblick kamen Sie -- auf meine Bitte hin -- und die ganze Zeit waren Sie äußerst verlegen, so daß Sie dreimal mitten im Gespräch aufstanden und sich aus irgendeinem Grunde beeilten, fortzugehen, obgleich unsere Unterredung noch nicht beendet war. Andrei Ssemenowitsch kann dies alles bestätigen. Wahrscheinlich werden Sie selbst, Mademoiselle, nicht ablehnen, zuzugeben, daß ich Sie durch Andrei Ssemenowitsch nur aus dem einzigen Grunde rufen ließ, um mit Ihnen über die schlimme und hilflose Lage Ihrer Verwandten Katerina Iwanowna, zu der ich zum Gedächtnismahl nicht kommen konnte, zu sprechen und Ihnen vorzuschlagen, wie es von Nutzen wäre, zu ihren Gunsten irgend etwas, wie eine Sammlung, eine Verlosung oder ähnliches, zu veranstalten. Sie haben mir gedankt und sogar Tränen vergossen -- ich erzähle alles, wie es war, um Sie erstens an alles zu erinnern, und zweitens, um Ihnen zu zeigen, daß meinem Gedächtnisse nicht das Geringste entschwunden ist. Darauf nahm ich vom Tische einen Zehnrubelschein und überreichte ihn Ihnen, als vorläufige Unterstützung für Ihre Verwandten. Das alles hat Andrei Ssemenowitsch gesehen. Dann begleitete ich Sie zur Türe, -- Sie waren immer noch sehr verlegen. Ich blieb mit Andrei Ssemenowitsch allein, unterhielt mich mit ihm etwa zehn Minuten, und Andrei Ssemenowitsch ging bald hinaus. Ich wandte mich von neuem zu dem Tische, wo das Geld lag, mit der Absicht, es nachzuzählen und es, wie ich vorher schon beschlossen hatte, gesondert aufzuheben. Zu meiner Verwunderung fehlte von den übrigen eine Banknote von hundert Rubel. Bitte, überlegen Sie es sich, -- Andrei Ssemenowitsch kann ich in keinem Falle in Verdacht haben, ich würde mich selbst bei diesem Gedanken schämen. Bei der Berechnung konnte ich mich auch nicht irren, denn eine Minute vor Ihrem Kommen hatte ich alles nachgezählt und die Summe richtig gefunden. Sie müssen selbst zugeben, daß, wenn ich Ihrer Verlegenheit, Ihrer Eile wegzugehen und des Umstandes denke, daß Sie die Hände eine Weile auf dem Tische hatten, und wenn ich schließlich Ihre gesellschaftliche Lage und die mit ihr verknüpften Gewohnheiten in Betracht zog, ich sozusagen zu meinem Entsetzen und gegen meinen Willen _gezwungen_ war, bei diesem Verdachte stehen zu bleiben, -- der sicher grausam, aber -- gerechtfertigt ist! Ich füge hinzu und wiederhole, -- daß trotz meiner ganzen _klaren_ Überzeugung ich vollkommen verstehe, daß dennoch in meiner jetzigen Beschuldigung ein gewisses Risiko für mich liegt. Aber, ich habe es nicht unterlassen; ich bin gegen Sie aufgetreten und will Ihnen auch sagen warum, -- einzig und allein, meine Dame, auf Grund Ihres schwärzesten Undankes! Wie? Ich fordere Sie aus Interesse für Ihre ärmste Verwandte auf, ich überlasse Ihnen eine meinen Kräften entsprechende Gabe von zehn Rubel, und Sie danken mir gleich darauf, auf der Stelle, für alles mit dieser Handlung! Nein, das ist nicht mehr schön! Eine Lehre ist notwendig! Denken Sie nach; noch mehr, ich bitte Sie, als Ihr aufrichtiger Freund, -- denn einen besseren Freund können Sie in diesem Augenblicke nicht haben, -- besinnen Sie sich! Sonst werde ich unbarmherzig sein! Nun, also!«
»Ich habe nichts von Ihnen genommen,« -- flüsterte Ssonja entsetzt, -- »Sie gaben mir zehn Rubel, bitte, nehmen Sie sie wieder, hier.«
Ssonja zog ihr Taschentuch aus der Tasche hervor, suchte den Knoten, löste ihn, nahm einen Zehnrubelschein heraus und streckte ihn Luschin entgegen.
»Und die übrigen hundert Rubel wollen Sie nicht gestehen?« -- sagte er vorwurfsvoll und eindringlich, ohne den Schein zu nehmen.
Ssonja blickte ringsum. Alle schauten sie mit schrecklichen, strengen, spöttischen und haßerfüllten Gesichtern an. Sie blickte Raskolnikoff an ... er stand mit gekreuzten Armen an der Wand und sah sie mit einem brennenden Blick an.
»Oh, Gott!« -- entrang es Ssonja.
»Amalie Iwanowna, man muß die Polizei benachrichtigen, und darum bitte ich Sie sehr, vorläufig nach dem Hausknecht zu schicken,« -- sagte Luschin leise und freundlich.
»Gott der Barmherzige! Ich wußte, daß sie es gestohlen hat!« -- schlug Amalie Iwanowna die Hände zusammen.
»Sie wußten es?« -- fiel Luschin ein, -- »also hatten Sie auch früher wenigstens gewisse Gründe, solches zu glauben. Ich bitte Sie, verehrteste Amalie Iwanowna, sich an Ihre Worte zu erinnern, die übrigens in Gegenwart von Zeugen ausgesprochen sind.«
Von allen Seiten erhob sich plötzlich lautes Reden. Alle rührten sich.
»Wie -- wie!« -- rief plötzlich Katerina Iwanowna, zu sich gekommen, und stürzte zu Luschin, -- »wie! Sie beschuldigen sie des Diebstahls? Ssonja? Ach, ihr Schufte, ihr Schufte!«
Und sie eilte zu Ssonja und umarmte sie fest mit ihren hageren Armen.
»Ssonja! Wie durftest du von ihm zehn Rubel nehmen! Oh, du Dumme! Gib sie her! Gib mir sofort diese zehn Rubel -- da haben Sie sie!«
Katerina Iwanowna entriß Ssonja das Papier, zerknüllte es und warf es direkt Luschin ins Gesicht. Der Papierknäuel traf ihn ins Auge und fiel auf die Diele nieder. Amalie Iwanowna beeilte sich, das Geld aufzuheben. Peter Petrowitsch wurde böse.
»Halten Sie diese Verrückte!« -- rief er.
In diesem Augenblicke erschienen in der Türe neben Lebesjätnikoff noch einige Gesichter, zwischen denen auch die der beiden zugereisten Damen hervorguckten.
»Wie! Verrückt? Ich soll verrückt sein? Dummkopf!« -- schrie Katerina Iwanowna. -- »Du bist selbst ein Dummkopf, du Rechtsverdreher, niederträchtiger Mensch! Ssonja, Ssonja soll von ihm Geld genommen haben! Ssonja soll eine Diebin sein! Sie wird dir noch Geld geben, Dummkopf!« -- Und Katerina Iwanowna lachte hysterisch. -- »Habt ihr schon so einen dummen Kerl gesehen?« -- wandte sie sich nach allen Seiten und zeigte auf Luschin. -- »Wie! Auch du!« -- sie erblickte die Wirtin, -- »auch du, Wurstmacherin, bestätigst, daß sie gestohlen hat, du gemeines preußisches Hühnerbein in Krinoline! Ach, ihr! Ach, ihr! Ja, sie hat das Zimmer nicht verlassen, und als sie von dir, Schuft, zurückkam, hatte sie sich hier neben Rodion Romanowitsch hingesetzt! ... Untersucht sie doch! Wenn sie nirgendwo hingegangen war, muß doch das Geld bei ihr sein! Suche, suche, suche doch! Wenn du aber nichts findest, dann, lieber Freund, wirst du bestraft! Zu Seiner Majestät, zu Seiner Majestät, zum Zaren selbst laufe ich hin, werfe mich dem Barmherzigen zu Füßen, sofort, heute noch! Ich bin verwaist! Man wird mich zulassen! Du denkst, man wird mich nicht zu ihm lassen? Du lügst, ich komme hin! Ich komme zu ihm hin! Du hast darauf gerechnet, daß sie schüchtern ist? Du hast darauf gehofft? Ich aber, Bruder, bin dafür kühn! Du wirst dein Spiel verlieren! Suche doch! Suche, suche, nun suche doch!«
Und Katerina Iwanowna zerrte Luschin in Wut zu Ssonja.
»Ich bin bereit und trage die Verantwortung ... aber nehmen Sie sich zusammen, meine Dame, nehmen Sie sich zusammen. Ich sehe zu gut, daß Sie kühn sind! ... Das ... das ... das geht nicht an!« -- murmelte Luschin, -- »das muß in Gegenwart der Polizei ... obwohl, übrigens, auch jetzt genügend Zeugen vorhanden sind ... Ich bin bereit ... Aber in jedem Falle ist es für einen Mann peinlich ... des Geschlechtes wegen ... Wenn Amalie Iwanowna helfen würde ... obwohl, übrigens, die Sache nicht so gehandhabt wird ... Das geht nicht an!«
»Wenn Sie wünschen! Mag wer da will sie untersuchen!« -- schrie Katerina Iwanowna. -- »Ssonja, wende deine Taschen um! Da! da! Sieh, Scheusal, diese Tasche ist leer, hier lag das Taschentuch, die Tasche ist leer, siehst du! Da ist die andere Tasche, da, da! Siehst du! Siehst du!«
Und Katerina Iwanowna wandte, nein besser gesagt, riß die beiden Taschen, eine nach der anderen mit dem Futter hervor. Aber aus der zweiten, rechten Tasche sprang plötzlich ein Stück Papier hervor, beschrieb in der Luft einen Bogen und fiel zu den Füßen Luschins hin. Alle hatten es gesehen, manche schrien. Peter Petrowitsch bückte sich, hob das Stück Papier mit zwei Fingern von der Diele auf, hielt es so, daß alle sehen konnten und faltete es auseinander. Es war ein Hundertrubelschein, dreimal zusammengefaltet. Peter Petrowitsch umschrieb mit seiner Hand einen Bogen und zeigte allen den Schein.
»Diebin! Hinaus aus der Wohnung! Polizei, Polizei!« -- heulte Amalie Iwanowna, -- »Sie müssen nach Sibirien! Hinaus!«
Von allen Seiten ertönten Ausrufe. Raskolnikoff schwieg, ohne die Augen von Ssonja abzuwenden, nur selten und schnell blickte er Luschin an. Ssonja stand auf derselben Stelle, wie bewußtlos, -- sie schien nicht einmal verwundert zu sein. Plötzlich aber überzog eine Röte ihr ganzes Gesicht; sie schrie auf und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
»Nein, ich war es nicht! Ich habe nichts genommen! Ich weiß von nichts!« -- rief sie mit einem herzzerreißenden Schrei und stürzte zu Katerina Iwanowna.
Jene umfaßte sie und preßte sie fest an sich, als wolle sie mit eigener Brust sie vor allen schützen.
»Ssonja! Ssonja! Ich glaube es nicht! Siehst du, ich glaube es nicht!« -- rief Katerina Iwanowna, trotz des Augenscheins, und schüttelte sie in ihren Armen, wie ein Kind, küßte sie unzählige Male, erfaßte ihre Hände und küßte sie inbrünstig. -- »Du sollst es genommen haben? Ja, wie dumm die Menschen sind! Oh, Gott! Ihr dummen, dummen Leute!« -- rief sie, sich an alle wendend, -- »ja, ihr wißt noch gar nicht, ihr wißt nicht, was das für ein Herz, was das für ein Mädchen ist! Sie soll es genommen haben, sie! Ja, sie wird barfüßig gehen, sie wird ihr letztes Kleid ausziehen und es verkaufen, und euch es abgeben, wenn ihr es braucht, -- so ist sie! Sie hat den gelben Schein genommen, weil meine, meine Kinder vor Hunger umkamen, sie hat sich unseretwegen verkauft! ... Ach, der Verstorbene, der Verstorbene! Siehst du? Siehst du? Da hast du deine Gedächtnisfeier! Oh, Gott! Ja, schützt sie doch, was steht ihr alle! Rodion Romanowitsch! Warum treten Sie nicht für sie ein? Glauben Sie auch etwa daran? Ihr seid ihres kleinen Fingers nicht wert, ihr alle, alle, alle! Oh, Gott! Schütze du sie doch endlich!«
Das Weinen der armen, schwindsüchtigen, verlassenen Katerina Iwanowna schien einen starken Eindruck auf alle Anwesenden gemacht zu haben. Es war so viel Klägliches, so viel Leidendes in diesem vor Schmerz verzogenen, eingetrockneten, schwindsüchtigen Gesichte, in diesen geborstenen, blutbedeckten Lippen, in dieser heiser schreienden Stimme, in diesem Schluchzen und Weinen, das dem Weinen von Kindern glich, in diesem vertrauensvollen, kindlichen und gleichzeitig verzweifelten Flehen um Schutz, daß alle die Unglückliche zu bedauern schienen. Sogar Peter Petrowitsch schien es sofort leid zu tun.
»Meine Dame! Meine Dame!« -- rief er mit eindringlicher Stimme, -- »Sie berührt diese Tatsache nicht! Niemand wird es wagen, Sie der Absicht oder der Teilnahme zu beschuldigen, um so mehr, als Sie es selbst entdeckt haben, indem Sie die Tasche umwandten, -- Sie haben dies nicht vorausgesehen. Ich bin bereit, es sehr, sehr zu bedauern, sollte die äußerste Armut Ssofja Ssemenowna dazu bewogen haben, aber warum wollten Sie, Mademoiselle, es nicht eingestehen? Fürchten Sie die Schande? Der erste Schritt? Sie sind wahrscheinlich bestürzt? Es ist begreiflich, sehr begreiflich ... Aber warum läßt man sich auf solche Sachen ein! Meine Herrschaften!« wandte er sich an alle Anwesenden, -- »meine Herrschaften! Weil ich Bedauern und Mitleid habe, bin ich bereit, es sogar jetzt, trotz der empfangenen persönlichen Beleidigungen, zu verzeihen. Möge Ihnen, Mademoiselle, die jetzige Schande als eine Lehre für die Zukunft dienen,« -- wandte er sich an Ssonja, -- »ich aber unterlasse alle weiteren Schritte und erledige hiermit die Sache. Genug!«
Peter Petrowitsch blickte Raskolnikoff von der Seite an. Ihre Blicke trafen sich. Der flammende Blick Raskolnikoffs wollte ihn zu Asche verbrennen. Katerina Iwanowna schien nichts mehr gehört zu haben, sie umarmte und küßte Ssonja wie wahnsinnig. Auch die Kinder hatten Ssonja von allen Seiten mit ihren Händchen umfaßt und Poletschka, die nicht ganz verstand, was vor sich ging, schien vollkommen in Tränen zu ertrinken, sie krümmte sich vor lauter Schluchzen und verbarg ihr hübsches, von Tränen geschwollenes Gesichtchen an Ssonjas Schulter.
»Ist das gemein!« -- ertönte plötzlich eine laute Stimme in der Türe.
Peter Petrowitsch blickte sich schnell um.
»Welch eine Gemeinheit!« -- wiederholte Lebesjätnikoff und blickte ihm unverwandt in die Augen. Peter Petrowitsch zuckte zusammen. Alle hatten es bemerkt. Nachher erinnerten sie sich dessen. Lebesjätnikoff trat in das Zimmer.
»Und Sie haben es gewagt, mich als Zeugen anzurufen?« -- sagte er und trat an Peter Petrowitsch heran.
»Was bedeutet das, Andrei Ssemenowitsch? Worüber sprechen Sie?« -- murmelte Luschin.
»Das bedeutet, daß Sie ... ein Verleumder sind, das bedeuten meine Worte!« -- sagte Lebesjätnikoff eifrig und blickte ihn streng mit seinen kurzsichtigen, kleinen Augen an.
Er war furchtbar böse. Raskolnikoff starrte ihn an, als fange er jedes Wort auf. Wieder trat ein Schweigen ein. Peter Petrowitsch war bestürzt, besonders im ersten Momente.
»Wenn Sie mir ...« -- begann er stotternd, -- »ja, was ist mit Ihnen? Sind Sie bei Verstand?«
»Ich bin bei Verstand, Sie aber sind ... ein Gauner! Ach, wie ist das gemein! Ich hörte die ganze Zeit zu, ich wartete immer absichtlich, um alles zu verstehen, denn offen gestanden, alles ist mir bis jetzt noch nicht ganz klar ... Aber warum haben Sie dies alles getan -- ich verstehe es nicht!«
»Ja, was habe ich denn getan? Hören Sie doch auf, in Ihren unsinnigen Rätseln zu sprechen! Oder haben Sie vielleicht zu viel getrunken?«
»Sie gemeiner Mensch, Sie trinken vielleicht, ich nicht. Ich trinke nicht mal Schnaps, weil es gegen meine Überzeugungen ist. Denken Sie sich, _er selbst_ hat mit eigenen Händen diesen Hundertrubelschein Ssofja Ssemenowna gegeben, -- ich habe es gesehen, war Zeuge, ich kann es beschwören! Er, er hat es getan!« -- wiederholte Lebesjätnikoff, sich an alle und jeden einzelnen wendend.
»Sind Sie verrückt geworden oder nicht, Sie Milchbart?« -- kreischte Luschin, -- »sie hat doch selbst in Ihrer Gegenwart ... sie hat doch selbst soeben in Gegenwart aller bestätigt, -- daß sie außer den zehn Rubel nichts von mir erhalten hat. Wie konnte ich es denn ihr überreichen?«
»Ich habe es gesehen, ich habe es gesehen!« -- rief Lebesjätnikoff, -- »und obwohl es gegen meine Überzeugungen ist, bin ich doch bereit, gleich vor Gericht jeden beliebigen Eid zu leisten, denn ich habe es gesehen, wie er ihn ihr heimlich zusteckte! Ich Dummkopf aber dachte, daß Sie es ihr aus gutem Herzen zusteckten! Während Sie sich von ihr an der Türe verabschiedeten, als sie sich umwandte und Sie ihr die eine Hand reichten, steckten Sie mit der anderen, mit der linken Hand ihr heimlich das Papier in die Tasche hinein. Ich habe es gesehen! Ich habe es gesehen!«
Luschin erbleichte.
»Was lügen Sie da vor!« -- rief er ihm frech zu, -- »ja, und wie konnten Sie vom Fenster aus das Papier bemerken! Sie haben es geträumt ... Sie, mit Ihren kurzsichtigen Augen. Sie phantasieren!«
»Nein, ich habe es nicht geträumt! Und obwohl ich weit stand, habe ich alles, alles gesehen, und obgleich man vom Fenster aus tatsächlich schwer ein Stück Papier unterscheiden kann, -- hier sagen Sie die Wahrheit, -- wußte ich doch bestimmt, daß es ein Hundertrubelschein war, denn als Sie Ssofja Ssemenowna den Zehnrubelschein gaben, -- ich habe es selbst gesehen, -- nahmen Sie gleichzeitig vom Tische einen Hundertrubelschein. Ich habe es gesehen, weil ich in diesem Augenblicke in der Nähe war und weil mir sofort dabei ein Gedanke durch den Sinn fuhr, weiß ich genau, daß Sie diesen Schein in der Hand hielten. Sie haben ihn zusammengefaltet und hielten ihn die ganze Zeit in der Faust. Ich vergaß es später, als Sie aber aufstanden, legten Sie den Schein aus der rechten in die linke Hand und ließen ihn beinahe fallen; da besann ich mich darauf, weil mir wieder derselbe Gedanke durch den Sinn fuhr, und zwar, daß Sie heimlich ihr eine Wohltat erweisen wollen. Sie können sich vorstellen, wie ich nun beobachtete, -- und da sah ich auch, wie es Ihnen glückte, ihn in ihre Tasche zu stecken. Ich habe es gesehen, habe es gesehen und werde schwören!« Lebesjätnikoff geriet fast außer Atem. Von allen Seiten ertönten allerhand Ausrufe, die meistens Erstaunen bedeuteten, aber in manchen brach auch ein drohender Ton durch. Alle drängten sich um Peter Petrowitsch. Katerina Iwanowna stürzte zu Lebesjätnikoff hin.
»Andrei Ssemenowitsch! Ich habe mich in Ihnen geirrt! Schützen Sie sie! Sie allein treten für sie ein! Sie ist eine Waise, Gott hat Sie gesandt! Andrei Ssemenowitsch, mein Lieber, Väterchen!«
Und Katerina Iwanowna, fast ganz außer sich, warf sich vor ihm auf die Knie hin.
»Blödes Zeug!« -- brüllte Luschin, rasend vor Wut, -- »Sie reden blödes Zeug, mein Herr ... >Ich vergaß es, besann mich, vergaß< -- was soll das heißen! Also, ich soll ihr den Schein absichtlich zugesteckt haben? Wozu? Zu welchem Zwecke? Was habe ich gemein mit dieser ...«
»Wozu? Das ist es ja, was ich selbst nicht begreife, das aber ist sicher, daß ich die Wahrheit erzähle! Ich irre mich nicht, Sie niederträchtiger Mensch, Sie Verbrecher; ich entsinne mich, daß mir sofort damals die Frage in den Sinn kam, und zwar, als ich Ihnen dankte und Ihnen die Hand drückte. Warum haben Sie es ihr heimlich in die Tasche gesteckt? Das heißt warum heimlich? Vielleicht bloß aus dem Grunde, weil Sie es vor mir verbergen wollten, da Sie wissen, daß ich entgegengesetzter Ansicht bin und die Privatwohltätigkeit, als nicht radikal heilend, verneine? Nun, und ich kam zu der Überzeugung, daß Sie sich in der Tat vor mir schämen, solch einen Haufen Geld fortzugeben, und außerdem meinte ich, daß Sie ihr vielleicht eine Überraschung bereiten und sie in Staunen setzen wollten, wenn sie in ihrer Tasche volle hundert Rubel finden wird. Denn manche Wohltäter lieben es sehr, ihre Wohltaten so anzubringen, -- das weiß ich. Ich dachte auch, daß Sie sie auf die Probe stellen wollen, das heißt, ob sie, wenn sie es gefunden hat, kommen würde, um sich zu bedanken! Ich hatte auch den Gedanken, daß Sie jeden Dank vermeiden möchten, damit ... nun, wie man es sagt ... damit die rechte Hand nicht wüßte ... kurz, wie man es sagt ... Nun, mir kamen so viele Gedanken in den Sinn, daß ich beschloß, mir alles nachher genauer zu überlegen, ich hielt es auch für unzart, Ihnen zu zeigen, daß ich Ihr Geheimnis kenne. Mir kam aber der Gedanke, daß Ssofja Ssemenowna möglicherweise das Geld verlieren könnte, ehe sie es selbst bemerkt hat. Darum beschloß ich, hierher zu kommen, sie herauszurufen und ihr mitzuteilen, daß man ihr einen Hundertrubelschein in ihre Tasche gesteckt hat. Auf dem Wege hierher ging ich zuerst in das Zimmer der Damen Kobyljätnikoff hinein, um ihnen die >allgemeinen Ergebnisse der positiven Methode< zu überbringen und ihnen besonders den Artikel von Piderit -- übrigens auch von Wagner -- zu empfehlen. Ich kam dann hierher, und hier ist diese schlimme Geschichte passiert. Sagen Sie, konnte ich, konnte ich alle diese Gedanken und Erwägungen gehabt haben, wenn ich tatsächlich nicht gesehen hätte, daß Sie ihr hundert Rubel in die Tasche gesteckt haben?«
Als Andrei Ssemenowitsch seine langatmige Rede mit so einem logischen Abschluß beendet hatte, war er furchtbar ermüdet, und von seinem Gesichte rann der Schweiß. Er konnte nicht einmal ordentlich russisch sprechen, -- ohne jedoch eine andere Sprache zu kennen, -- so daß er mit einem Male vollkommen erschöpft und nach seiner Advokatentat ganz bleich war. Trotzdem hatte seine Rede eine außerordentliche Wirkung. Er hatte mit solch einer Heftigkeit und solch einer Überzeugung gesprochen, daß ihm alle offensichtlich glaubten. Peter Petrowitsch fühlte, daß seine Sache schlecht stehe.
»Was geht es mich an, daß Ihnen allerhand dumme Fragen in den Kopf gekommen sind,« -- rief er aus. -- »Das ist kein Beweis! Sie konnten dies alles im Schlafe geträumt haben, das ist das ganze! Und ich sage Ihnen, daß Sie lügen, mein Herr! Sie lügen und verleumden mich aus Wut, und zwar aus Ärger, weil ich nicht bereit war, auf Ihre freigeistigen und gottlosen sozialen Ideen einzugehen, das ist es!«
Aber diese Ausrede nützte Peter Petrowitsch nicht. Im Gegenteil, von allen Seiten vernahm man mißbilligendes Gemurmel.
»Ah, damit kommst du!« -- rief Lebesjätnikoff. -- »Du lügst! Laß die Polizei holen, ich werde schwören! Eins kann ich bloß nicht begreifen, -- warum hat er so eine gemeine Handlung riskiert! Oh, gemeiner, niederträchtiger Mensch!«
»Ich kann es erklären, warum er diese Handlung riskiert hat, und wenn es nötig ist, werde auch ich einen Eid ablegen!« -- sagte endlich Raskolnikoff mit fester Stimme und trat hervor.
Er schien fest und ruhig. Allen wurde es klar bei seinem Anblicke, daß er tatsächlich wußte, um was es sich handle, und daß es zu einer Lösung gekommen war.