Part 37
Eigentümlich klangen für ihn diese Worte aus der Bibel und wieder erfuhr er eine Neuigkeit, -- sie hatte mit Lisaweta geheimnisvolle Zusammenkünfte gehabt und beide waren religiös wahnsinnig.
»Man kann hier selbst geisteskrank werden! Es steckt an!« dachte er.
»Lies!« rief er plötzlich hartnäckig und gereizt.
Ssonja war noch immer unentschlossen. Ihr Herz klopfte. Sie wagte nicht ihm vorzulesen. Er sah mit Qual die »unglückliche Geisteskranke« an.
»Wozu denn? Sie glauben doch nicht daran? ...« flüsterte sie leise und mit stockendem Atem.
»Lies! Ich will es haben!« bestand er. »Du hast doch auch Lisaweta vorgelesen.«
Ssonja schlug das Buch auf und suchte die Stelle. Ihre Hände zitterten, die Stimme versagte. Zweimal begann sie und konnte über das erste Wort nicht hinwegkommen.
»Es lag aber einer krank mit Namen Lazarus, von Bethanien ...« sagte sie endlich mit Anstrengung, aber bei dem dritten Worte zitterte plötzlich ihre Stimme und brach ab, wie eine zu straff gespannte Saite. Der Atem versagte ihr und die Brust schnürte sich zusammen.
Raskolnikoff begriff zum Teil, warum Ssonja sich nicht entschließen konnte, ihm vorzulesen, und je mehr er es begriff, um so entschiedener und gereizter bestand er darauf. Er verstand zu gut, wie schwer es ihr jetzt fiel, alles _eigene_ preiszugeben und zu enthüllen. Er hatte begriffen, daß diese Gefühle tatsächlich ihr wahres und vielleicht seit langer Zeit gehegtes _Geheimnis_ bildeten, vielleicht schon seit der Jugendzeit, schon in der Familie, neben dem unglücklichen Vater und der vor Kummer wahnsinnig gewordenen Stiefmutter, mitten unter den hungrigen Kindern, ihrem häßlichen Geschrei und den fortwährenden Vorwürfen. Aber gleichzeitig erkannte er, und zwar mit Sicherheit, daß sie trotz ihres Grams und ihrer Furcht, in dem sie jetzt vorzulesen begann, doch gern, sehr gern es tat und zwar vor ihm, damit er es höre und unbedingt _jetzt_ -- mochte kommen, was da wolle! ... Er hatte das in ihren Augen gelesen und es aus ihrer verzückten Erregung entnommen! ... Sie überwand sich, unterdrückte den Krampf im Halse, der ihr die Stimme am Anfange benommen hatte, und fuhr fort, aus dem elften Kapitel des Evangeliums St. Johannis vorzulesen. So kam sie bis zum 19. Vers: »Und viele Juden waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trösten über ihren Bruder. Als Martha nun hörete, daß Jesus kommt, gehet sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen. Da sprach Martha zu Jesu: Herr, wärest du hiergewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben; aber ich weiß auch noch, daß, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.«
Hier blieb sie wieder stehn, in schamhafter Vorahnung, daß ihre Stimme zittern und versagen würde ... »Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich weiß wohl, daß er auferstehen wird in der Auferstehung am jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: (und wie mit Schmerz atemholend, las Ssonja deutlich und voller Kraft, als lege sie selbst öffentlich ein Glaubensbekenntnis ab):
>Herr, ja, ich glaube, daß du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.<«
Sie hielt einen Moment inne, erhob schnell zu _ihm_ die Augen, überwand sich aber rasch und las weiter. Raskolnikoff saß und hörte unbeweglich zu, ohne sich umzuwenden, den Ellbogen auf den Tisch gestützt und zur Seite blickend. Sie las bis zum 32. Vers:
»Als nun Maria kam, da Jesus war, und sahe ihn, fiel sie zu seinen Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Als Jesus sie sahe weinen und die Juden auch weinen, die mit ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betrübte sich selbst. Und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu ihm: Herr, komm und siehe es. Und Jesu gingen die Augen über. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt! Etliche aber unter ihnen sprachen: Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, daß auch dieser nicht stürbe?«
Raskolnikoff wandte sich zu ihr um und sah sie mit Erregung an, -- ja, es ist so! Sie zitterte am ganzen Körper in wahrem, wirklichem Fieber. Er hatte es erwartet. Sie näherte sich den Worten über das größte und unerhörte Wunder, und das Gefühl eines großen Triumphes erfaßte sie. Ihre Stimme wurde klingend wie Metall; Triumph und Freude klangen darin und stärkten sie. Die Zeilen verwischten sich, weil es vor ihren Augen dunkel wurde, aber sie kannte auswendig, was sie las. Bei dem letzten Vers: »Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat ...« ließ sie die Stimme sinken und gab heiß und leidenschaftlich den Zweifel, den Vorwurf und Tadel der ungläubigen, blinden Juden wieder, die gleich darauf, nach einer Minute, wie vom Donner getroffen, niederfallen, schluchzen und glauben werden ... »Auch er, er -- ebenfalls verblendet und ungläubig, wird es gleich hören, auch er wird glauben, ja, ja, gleich, jetzt gleich,« durchzuckte es sie und sie bebte in freudiger Erwartung.
»Jesus aber ergrimmete abermals in ihm selbst und kam zum Grabe. Es war aber eine Kluft und ein Stein daraufgelegt. Jesus sprach: Hebet den Stein ab. Spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinket schon; denn er ist vier Tage gelegen.«
Sie betonte energisch das Wort -- _vier_.
»Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen? Da hoben sie den Stein ab, da der Verstorbene lag. Jesus aber hob seine Augen empor und sprach: Vater, ich danke dir, daß du mich erhöret hast; doch ich weiß, daß du mich allezeit erhörest; sondern um des Volkes Willen, das umher stehet, sage ich es, daß sie glauben, du habest mich gesandt. Da er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazare, komme heraus! _Und der Verstorbene kam heraus_ ...« (Laut und verzückt las sie es, zitternd und fröstelnd, als sähe sie es mit eigenen Augen.)
»Gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Angesicht verhüllet mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löset ihn auf und laßt ihn gehen.«
»_Viele nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn._«
Weiter las sie nicht und konnte auch nicht lesen, sie schloß das Buch und stand schnell vom Stuhle auf. »Das ist alles über die Auferstehung des Lazarus,« flüsterte sie abgerissen und streng und blieb unbeweglich, zur Seite gekehrt, stehen, ohne zu wagen und als schäme sie sich, die Augen zu ihm zu erheben. Ihr fieberhaftes Frösteln dauerte noch an. Der Lichtstumpf begann in dem schiefen Leuchter auszugehen und beleuchtete trübe in diesem armseligen Zimmer den Mörder und die Dirne, die so sonderbar beim Lesen des ewigen Buches zusammengekommen waren. Es vergingen fünf Minuten oder noch mehr.
»Ich bin gekommen, um über eine Angelegenheit mit dir zu sprechen,« sagte Raskolnikoff plötzlich laut und mit düsterem Gesichte, stand auf und trat an Ssonja heran. Sie erhob schweigend die Augen zu ihm. Sein Blick war besonders streng und drückte eine wilde Entschlossenheit aus.
»Ich habe heute meine Verwandten verlassen,« sagte er, »meine Mutter und Schwester. Ich werde nicht mehr zu ihnen gehen. Ich habe mit allem dort gebrochen.«
»Warum?« fragte ihn Ssonja bestürzt. Ihre Begegnung mit seiner Mutter und Schwester hatte in ihr einen ungewöhnlichen, wenn auch ihr selbst nicht klaren Eindruck hinterlassen. Die Mitteilung von seinem Bruche mit ihnen hörte sie fast mit Entsetzen.
»Ich habe jetzt dich allein,« fügte er hinzu. »Gehen wir zusammen ... Ich bin zu dir gekommen. Wir sind beide verflucht und so wollen wir auch beide zusammengehen!«
Seine Augen leuchteten. »Wie ein Wahnsinniger!« dachte Ssonja.
»Wohin sollen wir gehen?« fragte sie voll Angst und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
»Woher soll ich es wissen? Ich weiß nur eins, daß wir einen und denselben Weg haben, das weiß ich sicher, -- und weiter nichts. Ein und dasselbe Ziel.«
Sie blickte ihn an und verstand nichts. Sie begriff nur eins, daß er furchtbar, grenzenlos unglücklich sei.
»Niemand von ihnen wird etwas verstehn, wenn du zu ihnen sprechen wirst,« fuhr er fort, »ich aber habe dich verstanden. Ich brauche dich, darum bin ich auch zu dir gekommen.«
»Ich begreife nicht ...« flüsterte Ssonja.
»Du wirst später begreifen. Hast du denn nicht ebenso gehandelt. Auch du bist hinüber geschritten ... du hast es vermocht. Du hast Hand an dich gelegt, du hast ein Leben zugrunde gerichtet ... _dein Leben_, das ist einerlei! Du hättest im Geist und in der Vernunft leben können und wirst auf dem Heumarkte enden ... Auch du kannst es nicht aushalten, und wenn du _allein_ bleibst, wirst du den Verstand verlieren, wie ich auch. Du bist schon jetzt wie geistesgestört; also müssen wir zusammengehen, ein und denselben Weg! Gehen wir ihn also!«
»Warum? Warum sagen Sie das?« sagte Ssonja eigentümlich berührt und tief erregt durch seine Worte.
»Warum? Weil es so nicht bleiben darf -- das ist der Grund! Man muß doch endlich ernst und offen es bedenken, und nicht wie ein Kind weinen und ausrufen, daß Gott es nicht zulassen wird! Nun, was wird geschehen, wenn man dich morgen tatsächlich ins Krankenhaus schleppt? Die da ist nicht bei Verstand und hat Schwindsucht, wird bald sterben und was soll aus den Kindern werden? Wird denn Poletschka nicht auch zugrunde gehen? Hast du denn nicht hier Kinder an allen Ecken gesehen, die ihre Mütter betteln schicken? Ich habe mich erkundigt, wo diese Mütter leben und in welcher Umgebung. Dort können die Kinder nicht Kinder bleiben. Dort ist ein siebenjähriger lasterhaft und ein Dieb. Und die Kinder sind doch Ebenbilder Christi. >Ihrer ist das Himmelreich.< Er hat geboten, sie zu achten und zu lieben, sie sind das künftige Menschengeschlecht ...«
»Was soll, was soll ich denn tun?« wiederholte Ssonja nervös weinend und händeringend.
»Was tun? Ein für allemal das, was nötig ist, abbrechen und weiter nichts, -- und das Leiden auf sich nehmen! Was? Du verstehst es nicht? Du wirst es nachher verstehen ... Freiheit und Macht, hauptsächlich Macht! Über alle zitternde Kreaturen und über den ganzen Ameisenhaufen! ... Das ist das Ziel! Denk daran! Das ist mein Geleitwort dir auf den Weg! Vielleicht spreche ich mit dir zum letzten Male. Wenn ich morgen nicht zu dir komme, wirst du selbst von allem hören, und dann erinnere dich meiner jetzigen Worte. Und irgendwann, nachher, nach Jahren, mit der Zeit, wirst du auch vielleicht verstehn, was sie bedeuteten. Wenn ich aber morgen zu dir komme, will ich dir sagen, wer Lisaweta ermordet hat. Leb wohl!«
Ssonja fuhr vor Schreck zusammen.
»Ja, wissen Sie denn, wer sie ermordet hat?« fragte sie und erstarrte vor Entsetzen und blickte ihn wild an.
»Ich weiß es und will es sagen ... Dir, nur dir allein! Ich habe dich gewählt. Ich werde nicht kommen zu dir, um Verzeihung zu bitten, ich will es bloß sagen. Ich habe dich seit langem gewählt, um es dir zu sagen, damals noch, als dein Vater über dich erzählte, und ich dachte daran, als Lisaweta noch lebte. Leb wohl. Gib mir nicht die Hand. Morgen!«
Er ging hinaus. Ssonja sah ihm wie einem Geistesgestörten nach; aber auch sie selbst war wie verrückt und fühlte es. Der Kopf schwindelte ihr.
»Mein Gott, wie weiß er es, wer Lisaweta ermordet hat? Was bedeuteten diese Worte? Es ist furchtbar!«
Aber _ein_ Gedanke kam ihr nicht in den Sinn. Durchaus nicht! ...
»Oh, er muß furchtbar unglücklich sein! ... Er hat Mutter und Schwester verlassen. Warum? Was ist vorgefallen? Und was für Absichten hat er? Was hat er zu ihr gesagt? Er hat ihren Fuß geküßt und gesagt ... gesagt ... ja, er hat es deutlich gesagt, daß er ohne sie nicht mehr leben kann ... Oh, Gott!«
Ssonja verbrachte in Fieber und Träumen die ganze Nacht. Sie sprang zuweilen auf, weinte, rang die Hände und bald verfiel sie wieder in Fieberträume und sie träumte von Poletschka, Katerina Iwanowna, Lisaweta, von Vorlesen aus dem Evangelium und von ihm ... ihm mit dem bleichen Gesicht, mit den funkelnden Augen ... Er küßt ihr die Füße, weinte ... Oh, Gott!
Hinter der Türe rechts, hinter derselben Türe, die das Zimmer Ssonjas von der Wohnung von Gertrude Karlowna Rößlich abteilte, war ein Durchgangszimmer, seit langem unbewohnt, das zu der Wohnung der Frau Rößlich gehörte und das zu vermieten war, worauf die Zettel an dem Tore und an den Scheiben der Fenster, die zum Kanal hinausgingen, hinwiesen. Ssonja war seit langem gewöhnt, dieses Zimmer als unbewohnt zu betrachten. Indessen aber hatte in dem leeren Zimmer die ganze Zeit an der Türe Herr Sswidrigailoff gestanden und heimlich gelauscht. Als Raskolnikoff fortgegangen war, blieb er stehn, dachte nach, ging auf den Fußspitzen in sein Zimmer, das an das leere grenzte, holte dort einen Stuhl und stellte ihn leise an die Türe, die zu Ssonjas Zimmer führte. Das Gespräch erschien ihm amüsant und bedeutungsvoll und hatte ihm sehr gefallen, -- hatte ihm so gefallen, daß er einen Stuhl hinbrachte, um künftig, zum Beispiel morgen schon, nicht wieder der Unannehmlichkeit ausgesetzt zu sein, eine ganze Stunde stehen zu müssen, sondern sich's bequemer zu machen, um in jeder Beziehung völlig befriedigt zu werden.
V.
Als Raskolnikoff am anderen Morgen, punkt elf Uhr, in das Haus des --schen Polizeireviers, in die Abteilung des Untersuchungsrichters eingetreten war und gebeten hatte, ihn Porphyri Petrowitsch anzumelden, war er verwundert, wie lange man ihn warten ließ, -- es vergingen mindestens zehn Minuten, ehe man ihn rief. Seiner Berechnung nach mußte man sich sofort auf ihn stürzen. Er stand indessen im Wartezimmer, es gingen Menschen an ihm vorüber, die offenbar sich gar nicht für ihn interessierten. In dem anderen Zimmer, das einer Kanzlei glich, saßen und schrieben einige Schreiber, und es war ersichtlich, daß niemand auch eine Ahnung davon hatte, -- wer und was Raskolnikoff sei? Mit unruhigem und mißtrauischem Blicke beobachtete er alles umher, und suchte, -- ob nicht neben ihm irgendeine Wache stehe, und ob er keinen geheimnisvollen Wink sähe, bestimmt, auf ihn acht zu geben, daß er nicht entrinne? Aber nichts von alledem, -- er sah bloß sorgenvolle Kanzleigesichter und einige andere Leute, und niemand kümmerte sich um sein Kommen und Gehen. Immer mehr befestigte sich in ihm der Gedanke, daß, wenn dieser geheimnisvolle Mensch von gestern, dieses Gespenst, das aus der Erde hervorgestiegen schien, tatsächlich alles wußte und alles gesehen hatte, -- man ihm, Raskolnikoff, nicht erlauben würde, jetzt so dazustehen und ruhig abzuwarten? Und würde man auf ihn bis elf Uhr gewartet haben, bis es ihm selbst eingefallen wäre, zu erscheinen? Es zeigte sich also, daß dieser Mensch entweder noch nichts mitgeteilt hatte, oder ... oder er einfach nichts wußte und mit seinen eigenen Augen nichts gesehen hatte, -- ja, und wie konnte er es auch gesehen haben? -- und schließlich war alles, was gestern mit ihm, Raskolnikoff, vorgefallen war, nichts als eine Wahnerscheinung, die seine gereizte und kranke Einbildung übertrieben hatte. Diese Vermutung hatte ja gestern schon während der stärksten Aufregungen und der Verzweiflung in ihm sich zu befestigen angefangen. Nachdem er sich dies alles jetzt noch einmal überlegt hatte und sich zu einem neuen Kampfe anschickte, fühlte er plötzlich, daß er zittre, -- und eine Empörung erfaßte ihn bei dem Gedanken, daß er aus Furcht vor dem verhaßten Porphyri Petrowitsch zittere. Am schrecklichsten für ihn war es, mit diesem Menschen wieder zusammenzutreffen; er haßte ihn über alle Maßen, grenzenlos, und fürchtete direkt, seinen Haß irgendwie zu offenbaren. Seine Empörung über sich selbst war so stark, daß das Zittern sofort aufhörte; er schickte sich an, mit einer kalten und frechen Miene hineinzugehen und versprach sich selbst, möglichst viel zu schweigen, zu beobachten und zuzuhören und dieses Mal um jeden Preis seine krankhafte gereizte Natur zu überwinden. In diesem Augenblicke rief man ihn zu Porphyri Petrowitsch hinein.
Es traf sich, daß in diesem Momente Porphyri Petrowitsch in seinem Arbeitszimmer allein war. Sein Arbeitszimmer war weder klein, noch groß; es standen darin ein großer Schreibtisch vor einem Divan, der mit Wachstuch bezogen war, ein Schrank in einer Ecke und einige Stühle, -- alles gehörte dem Staate und war aus gelbem poliertem Holze. In einer Ecke der Hinterwand oder besser gesagt der Scheidewand, war eine verschlossene Türe, -- also, mußten hinter dieser Wand sich noch andere Zimmer befinden. Nach Raskolnikoffs Eintritt schloß Porphyri Petrowitsch sofort die Türe, durch die er eingetreten war, und sie waren allein. Er begrüßte seinen Besuch mit sichtlich fröhlichstem und freundlichstem Ausdruck, und erst nach einigen Minuten merkte Raskolnikoff aus einigen Anzeichen eine gewisse Bestürztheit, als sei er plötzlich aus dem Konzept gebracht, oder als hatte man ihn auf etwas Verstecktem und Geheimem ertappt.
»Ah, Verehrtester! Da sind Sie ja ... in unserer Gegend ...« begann Porphyri Petrowitsch und streckte ihm beide Hände entgegen. »Nun, nehmen Sie Platz, Väterchen! Oder vielleicht haben Sie es nicht gern, daß man Sie Verehrtester und ... Väterchen nennt, -- sozusagen _tout court_{[7]}? Halten Sie es bitte nicht für familiär ... Bitte, hierher auf den Divan.«
Raskolnikoff setzte sich, ohne die Augen von ihm zu wenden.
»Ja unserer Gegend,« Entschuldigung wegen Familiarität, das französische »_tout court_{[7]}« und dergleichen mehr, dies alles waren charakteristische Anzeichen. »Er hat mir beide Hände entgegengestreckt, hat aber keine Hand gereicht, hat sie rechtzeitig zurückgezogen,« dachte er mißtrauisch. Beide beobachteten einander, aber kaum begegneten sich ihre Blicke, als sie beide mit Blitzesschnelle sie voneinander abwandten.
»Ich habe Ihnen diese Anmeldung ... über die Uhr gebracht ... hier haben Sie es. Ist es richtig geschrieben, oder soll ich es umschreiben?«
»Was? Die Anmeldung? Ja, so ... machen Sie sich keine Sorge, es ist richtig,« sagte Porphyri Petrowitsch, als hätte er Eile, und erst nachdem er das gesagt hatte, nahm er das Schriftstück und sah es durch. »Ja, es ist richtig. Mehr ist auch nicht nötig,« bestätigte er noch einmal schnell und legte das Papier auf den Tisch.
Nach einer Minute, als er schon von etwas anderem sprach, nahm er es wieder in die Hand und legte es in seinen Schreibtisch.
»Ich glaube, Sie sagten gestern, daß Sie wünschten, mich ... in aller Form ... über meine Bekanntschaft mit dieser ... Ermordeten zu fragen?« begann wieder Raskolnikoff. »Nun, warum habe ich >ich glaube< gesagt?« durchfuhr es ihn. »Warum beunruhige ich mich denn so, daß ich dieses >ich glaube< hinzugefügt habe?« kam ihm alsbald ein zweiter Gedanke. Und plötzlich empfand er, daß seine Zweifelsucht, nur bei der Berührung mit Porphyri Petrowitsch, nur nach zwei Worten, nur von zwei Blicken, in einem einzigen Augenblick schon ins Ungeheure gestiegen sei ... und daß dies sehr gefährlich sei, -- seine Nerven wurden gereizt, die Erregung steigerte sich. »Es ist ein Unglück! Ein Unglück! ... Ich werde mich wieder versprechen.« --
»Ja, ja, ja! Haben Sie keine Sorge! Es hat Zeit, hat Zeit!« murmelte Porphyri Petrowitsch und ging vor dem Tische auf und ab, wie absichtslos. Bald eilte er zu dem Fenster, bald zum Schreibtisch, bald zu dem anderen Tisch, bald mied er den mißtrauischen Blick Raskolnikoffs, bald blieb er plötzlich stehen und sah ihm unverwandt ins Gesicht. Sonderbar erschien dabei seine kleine, dicke und runde Gestalt, die wie ein Gummiball überall hinrollte und sofort von den Wänden und den Ecken absprang.
»Wir haben Zeit, wir haben Zeit! ... Rauchen Sie? Haben Sie was zu rauchen? Bitte, hier ist eine Zigarette,« fuhr er fort und reichte dem Besucher Zigaretten ... »Wissen Sie, ich empfange Sie hier, meine Wohnung aber ist hier hinter der Zwischenwand ... freie Dienstwohnung, ich wohne jetzt noch in meiner alten, eigenen. Man mußte hier einige kleine Reparaturen vornehmen. Jetzt ist alles fast in Ordnung ... eine freie Dienstwohnung ist eine schöne Sache? Meinen Sie nicht?«
»Ja, es ist eine schöne Sache,« antwortete Raskolnikoff und blickte ihn fast spöttisch an.
»Eine schöne Sache, eine schöne Sache ...« wiederholte Porphyri Petrowitsch, als ob er an etwas ganz anderes denke, »ja! eine schöne Sache!« rief er zum Schlusse laut, erhob plötzlich die Augen zu Raskolnikoff und blieb zwei Schritte vor ihm stehen.
Diese fortwährende dumme Wiederholung, daß eine Dienstwohnung eine schöne Sache sei, widersprach sehr dem ernsten sinnenden und rätselhaften Blicke, mit dem er jetzt seinen Besuch anstarrte.
Dies aber reizte noch mehr die Wut Raskolnikoffs, so daß er eine spöttische und ziemlich unvorsichtige Herausforderung nicht unterdrücken konnte.
»Sie wissen doch,« sagte er unerwartet, indem er ihn fast dreist anblickte, und als empfände er einen Genuß von seiner Dreistigkeit, »daß es eine juristische Regel, ein juristischer Kniff mancher Untersuchungsrichter ist, -- zuerst von weitem her mit Kleinigkeiten, oder auch mit etwas Ernstem aber Fernliegendem zu beginnen, um den zu Verhörenden sozusagen zu ermutigen, oder besser gesagt, abzulenken, seine Vorsicht einzuschläfern, um ihn nachher plötzlich und unversehens mit einer verhängnisvollen und gefährlichen Frage zu betäuben, habe ich recht? Das wird, glaube ich, in allen Lehrbüchern und Vorschriften bis heute als unfehlbarer Kunstgriff festgehalten.«
»Es ist richtig ... und Sie meinen, daß ich es mit der freien Dienstwohnung bei Ihnen versucht habe ... ah?«
Als Porphyri Petrowitsch dies gesagt hatte, kniff er die Augen zusammen und blinzelte ihm zu; etwas Lustiges und Schlaues huschte über sein Gesicht, die Falten auf seiner Stirn glätteten sich, die Augen wurden schmäler, die Gesichtszüge erweiterten sich, und plötzlich brach er in ein nervöses langandauerndes Lachen aus, das seinen ganzen Körper erschütterte, dabei sah er Raskolnikoff unentwegt in die Augen. Raskolnikoff zwang sich in das Lachen einzustimmen. Als aber Porphyri Petrowitsch sah, daß auch er lache, brach er in ein Gelächter aus, daß ihm das Blut zu Kopf stieg. Raskolnikoffs Widerwillen überwog seine Vorsicht, -- er hörte auf zu lachen, sein Gesicht verfinsterte sich und er sah Porphyri Petrowitsch lange und voll Haß an während dieses anhaltenden und wie absichtlich nicht aufhörenden Lachens. Übrigens war die Unvorsichtigkeit beiderseits -- es war doch klar, daß Porphyri Petrowitsch über seinen Besucher lachte und daß er über dessen unverhohlenen Mißmut sich nicht im geringsten kümmerte. Das aber war für Raskolnikoff sehr wichtig -- er hatte begriffen, daß Porphyri Petrowitsch auch vorhin sich gar nicht verlegen gefühlt hatte, daß im Gegenteil er, Raskolnikoff, wahrscheinlich in eine Falle geraten sei, daß es hier etwas gab, was er nicht ahnte, daß vielleicht schon alles vorbereitet sei, um sich im nächsten Augenblick zu zeigen und ihn zu überrumpeln ...
Er ging gerade auf das Ziel los, stand von seinem Platze auf und nahm seine Mütze.