Part 36
Es war ein großes Zimmer, aber außerordentlich niedrig, das einzige Zimmer, das Kapernaumoffs vermieteten; in der Wand links war eine verschlossene Tür, die zu ihnen führte. Auf der entgegengesetzten Seite, rechts in der Wand, befand sich noch eine Tür, die immer verschlossen war. Hinter ihr war eine andere Wohnung unter einer anderen Nummer. Ssonjas Zimmer glich einer Scheune, hatte die Gestalt eines unregelmäßigen Vierecks, was ihm etwas Eigentümliches verlieh. Die eine Wand mit drei Fenstern, die auf den Kanal hinausgingen, durchschnitt das Zimmer etwas schief, wodurch die eine Ecke sehr spitz war und in der Tiefe verlief, so daß man bei schwacher Beleuchtung sie nicht gut überschauen konnte; die andere Ecke war wieder häßlich stumpf. In diesem ganzen Zimmer waren fast gar keine Möbel. In einer Ecke rechts war ein Bett, neben ihm näher zur Türe ein Stuhl. An derselben Wand, wo das Bett war, standen an der Türe gegen die fremde Wohnung ein einfacher Tisch, bedeckt mit einem blauen Tischtuche und daneben zwei geflochtene Stühle. An der entgegengesetzten Wand, in der Nähe der spitzen Ecke, befand sich eine kleine Kommode aus einfachem Holze, verloren wie in einer Wüste. Das war das ganze Mobiliar. Die gelblichen, abgerissenen und beschmutzten Tapeten waren an allen Ecken schwarz geworden; im Winter mußte es hier feucht und dunstig sein. Die Armut war offensichtlich; selbst am Bette waren keine Gardinen angebracht.
Ssonja blickte schweigend ihren Besucher an, der so aufmerksam und ungeniert ihr Zimmer betrachtete und begann vor Angst zu zittern, als stände sie vor einem Richter, der über ihr Schicksal entscheiden sollte.
»Ich komme spät ... Es ist wohl schon elf Uhr?« fragte er sie und erhob noch immer nicht die Augen zu ihr.
»Ja,« murmelte Ssonja. »Ach, ja, es ist soviel!« beeilte sie sich zu sagen, als wäre es ein Ausweg, »soeben schlug bei dem Hauswirte die Uhr ... und ich habe die Schläge gezählt ... Es ist soviel.«
»Ich komme zum letztenmal zu Ihnen,« fuhr Raskolnikoff düster fort, obwohl es doch zum erstenmal war, daß er hier war, »ich werde Sie vielleicht nicht mehr sehen ...«
»Reisen Sie ... fort?«
»Ich weiß es nicht ... alles hängt von morgen ab ...«
»Also, Sie werden morgen nicht bei Katerina Iwanowna sein?« bebte Ssonjas Stimme.
»Ich weiß es nicht. Alles hängt von morgen früh ab ... Aber darum handelt es sich nicht, ich bin gekommen, Ihnen ein paar Worte zu sagen ...«
Er erhob seinen nachdenklichen Blick zu ihr auf und bemerkte jetzt erst, daß er saß, während sie noch immer vor ihm stand.
»Warum stehen Sie denn? Setzen Sie sich doch,« sagte er mit veränderter Stimme leise und weich.
Sie setzte sich. Er blickte sie freundlich, fast mitleidig eine Minute an.
»Wie mager Sie sind! Sehen Sie nur Ihre Hand! Ganz durchsichtig. Diese Finger, wie bei einer Toten.«
Er nahm ihre Hand. Ssonja lächelte schwach.
»Ich war immer so,« sagte sie.
»Auch, als Sie zu Hause lebten?«
»Ja.«
»Ach, selbstverständlich ja!« sagte er abgerissen, und sein Gesichtsausdruck und der Ton seiner Stimme veränderten sich wieder.
Er blickte sich noch einmal um.
»Sie mieteten das Zimmer von Kapernaumoff?«
»Ja ...«
»Diese wohnen dort hinter der Türe?«
»Ja ... Sie haben auch ein solches Zimmer.«
»Sie leben alle in einem Zimmer?«
»Ja, in einem Zimmer.«
»Ich würde mich nachts in Ihrem Zimmer fürchten,« bemerkte er düster.
»Die Wirtsleute sind sehr gut, sehr freundlich,« antwortete Ssonja, die immer noch nicht zu sich gekommen schien und seine Bemerkung nicht verstanden hatte, »und alle Möbel und alles ... alles gehört den Wirtsleuten. Sie sind sehr gut, und die Kinder kommen auch oft zu mir ...«
»Die stotternden?«
»Ja ... Er stottert auch und ist dazu auch lahm. Und die Frau auch ... Das heißt, sie stottert nicht so sehr, sie spricht bloß nicht alles aus. Sie ist sehr gut. Er ist früher Leibeigener gewesen. Und sie haben sieben Kinder ... und bloß der Älteste stottert, die anderen sind nur immer krank ... stottern nicht ... Woher wissen Sie das aber?« fügte sie ein wenig verwundert hinzu.
»Ihr Vater hat es mir damals erzählt. Er hat mir auch alles über Sie erzählt ... Auch davon, wie Sie um sechs Uhr fortgingen und um neun zurückkamen, auch, wie Katerina Iwanowna an Ihrem Bette auf den Knien gelegen hat.«
Ssonja wurde verlegen.
»Mir schien es, als hätte ich ihn heute gesehen,« flüsterte sie unentschlossen.
»Wen?«
»Den Vater. Ich ging in die Straße dort, nebenan, an der Ecke in der zehnten Stunde, und er schien vor mir zu gehen, ganz, als wäre er es. Ich wollte eben zu Katerina Iwanowna hingehen ...«
»Waren Sie spazieren gegangen?«
»Ja,« flüsterte Ssonja abgerissen, wurde wieder verlegen und senkte die Augen.
»Katerina Iwanowna hat Sie doch wohl geschlagen, als Sie beim Vater lebten?«
»Ach nein, wie kommen Sie darauf, nein, nein!« Ssonja blickte ihn voll Schrecken an.
»Also, Sie lieben sie?«
»Sie? Warum denn nicht!« sagte Ssonja klagend und faltete mit leidendem Ausdruck die Hände. »Ach! Sie ... Wenn Sie nur wüßten. Sie ist ja ganz wie ein Kind ... Ihr Verstand ist ja wie gestört ... vor lauter Kummer. Und wie sie klug war ... wie großmütig ... wie gut! Sie wissen nichts, nichts ... ach!«
Ssonja sagte dies wie in Verzweiflung, aufgeregt, darunter leidend und händeringend. Ihre bleichen Wangen erröteten wieder und in ihren Augen drückte sich eine tiefe Qual aus. Man sah, daß in ihr sehr vieles durch seine Worte wachgerufen worden war und daß sie gern etwas äußern und sagen und für Katerina Iwanowna eintreten wollte. Ein _unerschöpfliches_ Mitleid, wenn man sich so ausdrücken darf, lag in ihrem Gesichte.
»Sie soll mich geschlagen haben! Ja, wie kommen Sie dazu! Oh, Gott, sie mich schlagen! Und wenn sie mich auch geschlagen hätte, was wäre dabei! Was wäre dabei! Sie wissen nichts, gar nichts ... Sie ist so unglücklich, ach, wie unglücklich sie ist! Und sie ist krank ... Sie sucht Gerechtigkeit ... Sie ist rein. Sie glaubt so daran, daß in allem Gerechtigkeit sein müsse und verlangt sie ... Und Sie können sie quälen, sie wird nichts Ungerechtes tun. Sie merkt selbst nicht, wie unmöglich es ist, daß es unter den Menschen gerecht zugehe und ist reizbar ... Sie ist wie ein Kind, wie ein Kind! Sie ist gerecht, gerecht!«
»Und was wird mit Ihnen geschehen?«
Ssonja blickte ihn fragend an.
»Die Last ist doch auf Ihren Schultern geblieben. Es ist wahr, auch früher lag alles auf Ihren Schultern, und der Verstorbene kam auch zu Ihnen mit seinen Bitten, um zu einem Gläschen zu kommen. Aber was wird jetzt werden?«
»Ich weiß es nicht,« erwiderte Ssonja traurig.
»Werden sie dort bleiben?«
»Ich weiß nicht, sie sind der Wirtin die Wohnung schuldig; und die Wirtin hat heute gesagt, ich hörte es, daß sie ihr kündigen will; Katerina Iwanowna jedoch sagte schon, daß sie auch selbst keinen Augenblick länger dort bleiben will.«
»Aus welchem Grunde ist sie denn so tapfer? Hofft sie auf Sie?«
»Ach, nein, sagen Sie nicht so etwas ... Wir leben zusammen, gehören zueinander,« Ssonja wurde wieder erregt und selbst gereizt, genau wie wenn ein Kanarienvogel oder ein anderer kleiner Vogel böse wird. »Ja, was soll sie denn tun? Was denn, was soll sie tun?« fragte sie, sich ereifernd und erregt. »Und wie, wie lange sie heute geweint hat! Ihr Verstand ist gestört, haben Sie es nicht gemerkt? Er ist gestört; bald regt sie sich wie ein Kind darüber auf, ob morgen auch alles anständig sei, die Speisen und alles da sei ... bald ringt sie die Hände, speit Blut, weint und schlägt die Stirne gegen die Wand aus lauter Verzweiflung. Dann wird sie wieder ruhiger, hofft auf Sie, -- sagt, daß Sie ihr ein Helfer sein werden und daß sie bei irgend jemand Geld leihen und nach ihrer Heimatsstadt mit mir reisen wird; sie will dort eine Pension für junge Mädchen aus guter Familie errichten, mich als Aufseherin anstellen, und ein ganz neues, schönes Leben soll für uns beginnen; sie küßt mich, umarmt und tröstet mich und glaubt fest an die Ausführung ihres Planes. Sie glaubt so stark an diese Träume. Kann man ihr denn da widersprechen? Und sie wusch, säuberte und besserte heute den ganzen Tag alles aus; hat selbst mit ihren schwachen Kräften eine Wanne ins Zimmer hereingeschleppt, geriet dabei außer Atem und fiel auf das Bett hin. Wir sind heute am frühen Morgen mit ihr in den Läden gewesen, um Poletschka und Lene Stiefel zu kaufen, denn die ihrigen sind ganz zerrissen, da reichte das Geld nach der Berechnung nicht aus, es fehlte noch sehr viel. Und sie hat so hübsche Stiefelchen ausgesucht, denn sie hat Geschmack, Sie glauben nicht ... Sie fing dort selbst in dem Laden, in Gegenwart der Verkäufer, zu weinen an, da das Geld nicht ausreichte ... Ach, wie leid es einem tat, sie zu sehen.«
»Dann ist es begreiflich, daß Sie ... so leben,« sagte Raskolnikoff mit bitterem Lächeln.
»Und tut es Ihnen denn nicht auch leid? Nicht auch weh?« fuhr Ssonja wieder fort. »Ich weiß doch, Sie haben selbst Ihr letztes abgegeben, ohne je wieder etwas davon zu sehen. Und wenn Sie erst alles wüßten, oh, Gott! Und wie oft, wie oft habe ich sie zu Tränen gereizt! In der vorigen Woche noch! Ach, ich ... Genau eine Woche vor seinem Tode. Ich habe grausam gehandelt! Und wie oft, wie oft war ich es! Ach, wie es weh tut, ich wurde heute den ganzen Tag daran erinnert!«
Ssonja rang in schmerzlicher Erinnerung die Hände, während sie sprach.
»Sie wollen grausam sein?«
»Ja, ich, ich bin es! Ich kam damals hin,« fuhr sie weinend fort, »als der Verstorbene zu mir sagte, >lies mir vor, Ssonja,< sagte er, >mein Kopf tut mir etwas weh, lies mir vor ... hier ist ein Buch<, er hatte irgendein Buch von Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff erhalten; er wohnt auch dort und hat immer solche spaßige Bücher. Und ich sagte, >ich muß gehen<, wollte ihm also nicht vorlesen. Ich war hauptsächlich zu ihnen gekommen, um Katerina Iwanowna die Kragen zu zeigen, hübsche, neue und ausgewählte Kragen und Manschetten, die mir Lisaweta, eine Händlerin, billig besorgt hatte. Und Katerina Iwanowna gefielen sie sehr, sie legte einen Kragen um, besah sich im Spiegel, und sie gefielen ihr sehr. >Schenk sie mir, Ssonja,< sagte sie, >bitte schenk sie mir.< Sie hatte bitte gesagt, und sie wollte sie so gern haben. Wann soll sie aber die Kragen umlegen? Sie dachte nur an die frühere, glücklichere Zeit. Sie sah sich im Spiegel, betrachtete sich mit Wohlgefallen und hat doch keine passenden Kleider, gar keine Sachen dazu, -- wer weiß, wie viele Jahre schon! Und niemals wird sie etwas von jemand erbitten, -- sie ist stolz und gibt eher das letzte fort, nun aber hatte sie mich gebeten, -- so hatten ihr die Kragen gefallen! Mir aber tat es leid sie wegzugeben. >Wozu brauchen Sie sie, Katerina Iwanowna<, sagte ich, so direkt: wozu? Das hätte ich ihr nicht sagen dürfen. Sie blickte mich schmerzlich an und wurde sehr traurig, daß ich sie ihr abgeschlagen hatte, und es war so traurig anzusehen ... Nicht der Kragen wegen, sondern weil ich es ihr abgeschlagen habe, ich hatte doch ... Ihnen ist dies doch gleichgültig!«
»Haben Sie diese Händlerin Lisaweta gekannt?«
»Ja ... Sie auch?« fragte Ssonja ihn mit einigem Erstaunen.
»Katerina Iwanowna hat die Schwindsucht im höchsten Grade, sie wird bald sterben,« sagte Raskolnikoff nach einigem Schweigen, ohne auf ihre Frage zu antworten.
»Ach nein, nein, nein!« Und Ssonja ergriff unbewußt seine beiden Hände, als ob es an ihm läge, dies zu verhindern und als könnte sie das von ihm erflehen.
»Es ist doch besser, wenn sie stirbt!«
»Nein, es ist nicht, es ist gar nicht besser!« wiederholte sie erschrocken und ohne Überlegung.
»Und was wird aus den Kindern? Sie werden sie sicher zu sich nehmen?«
»Ach, ich weiß es nicht!« rief Ssonja fast in Verzweiflung aus und faßte sich an den Kopf.
Man merkte, daß dieser Gedanke schon viele Male ihr aufgetaucht war und daß sie ihn immer wieder abgewiesen hatte.
»Und wenn Sie noch bei Katerina Iwanownas Lebzeiten krank werden und man Sie ins Krankenhaus schafft, was dann?« drang er erbarmungslos weiter in sie.
»Ach, wie ist es möglich! Das kann doch nicht sein!« und Ssonjas Gesicht verzog sich in furchtbarem Schrecken.
»Wieso kann es nicht sein?« fuhr Raskolnikoff mit einem harten Lächeln fort. »Sie sind doch nicht davor geschützt? Was wird dann mit jenen geschehen? Sie werden auf die Straße alle zusammen gehen, Katerina Iwanowna wird husten und betteln und mit der Stirn an die Wand schlagen, wie heute, und die Kinder werden weinen ... Dann wird sie hinfallen, man bringt sie zur Wache, nachher ins Krankenhaus, nachher wird sie sterben, und was wird aus den Kindern ...«
»Ach nein! ... Gott wird es nicht zulassen!« entrang es sich der zusammengeschnürten Brust Ssonjas.
Sie hörte ihm ängstlich zu, blickte ihn flehend an und faltete in stummer Bitte die Hände, als hinge alles von ihm ab. Raskolnikoff stand auf und begann im Zimmer auf- und abzugehen. Es vergingen Minuten. Ssonja stand mit gesenktem Kopfe und herabhängenden Händen da in unsäglichem Leid.
»Kann man nicht sparen? Einen Notgroschen sammeln?« fragte er und blieb vor ihr stehen.
»Nein,« flüsterte Ssonja.
»Versteht sich, nein! Haben Sie es aber auch schon versucht?« fragte er spöttisch.
»Ich habe es versucht.«
»Und es gelang nicht! Nun, das ist ja selbstverständlich! Was ist da noch zu fragen!«
Und er wanderte wieder im Zimmer auf und nieder. Es verstrich wieder eine Weile.
»Sie erhalten nicht jeden Tag Geld?«
Ssonja wurde noch mehr betreten, und wieder stieg ihr das Blut ins Gesicht.
»Nein,« flüsterte sie mit qualvoller Anstrengung.
»Mit Poletschka wird sicher dasselbe geschehen,« sagte er plötzlich.
»Nein, nein! Das darf nicht sein, unmöglich!« rief sie laut, vollkommen verzweifelt, als hätte man ihr einen Stich ins Herz gegeben. »Gott, Gott wird so was Schreckliches nicht zulassen! ...«
»Bei Ihnen läßt er es doch zu.«
»Nein, nein! Gott wird sie schützen! ...« wiederholte sie ganz außer sich.
»Ja, vielleicht gibt es gar keinen Gott,« antwortete Raskolnikoff mit einem Anflug von Schadenfreude, lachte und blickte sie an. Ssonjas Gesicht verzerrte sich krampfhaft. Mit einem unbeschreiblichen Vorwurf schaute sie ihn an, wollte etwas sagen, konnte aber nichts herausbringen, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte dann bitterlich.
»Sie sagen, Katerina Iwanownas Verstand sei gestört. Ihr eigener ist auch gestört,« sagte er nach einigem Schweigen.
Es vergingen wieder etwa fünf Minuten, während er schweigend auf und ab ging, ohne sie anzublicken. Endlich trat er an sie heran; seine Augen funkelten. Er packte sie mit beiden Händen an den Schultern und sah in ihr weinendes Gesicht. Seine Augen hatten einen heißen, trockenen, durchdringenden Blick, und seine Lippen bebten vor Erregung ... Plötzlich beugte er sich nieder, warf sich auf den Boden und küßte ihren Fuß. Ssonja fuhr entsetzt vor ihm zurück, wie vor einem Irrsinnigen. Er sah wirklich ganz wie ein Irrsinniger aus.
»Was ist mit Ihnen, was tun Sie? Vor mir!« murmelte sie erbleichend, und ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.
Er stand sofort auf.
»Ich habe mich nicht vor dir verneigt, sondern vor dem ganzen menschlichen Leiden,« sagte er mit eigentümlichem Ton und ging zum Fenster hin. »Höre,« setzte er hinzu, als er nach einem Augenblick zu ihr zurückkam, »ich habe vorhin zu einem bösen Menschen gesagt, daß er deinen kleinen Finger nicht wert sei ... und daß ich meiner Schwester heute eine Ehre erwiesen habe, indem ich sie neben dich hingesetzt habe ...«
»Ach, was haben Sie gesagt! Und in ihrer Gegenwart?« rief Ssonja erschrocken aus. »Neben mir zu sitzen! Eine Ehre! Ja, ich bin doch ... ehrlos ... Ach, warum haben Sie das gesagt?«
»Nicht wegen deiner Ehrlosigkeit und Sünde habe ich es von dir gesagt, sondern wegen deines großen Leides. Daß du eine große Sünderin bist, ist wahr,« fügte er fast entzückt hinzu, »und am meisten bist du dadurch eine Sünderin, weil du dich _umsonst_ getötet und verkauft hast. Ist das nicht entsetzlich! Ist es nicht entsetzlich, daß du in diesem Schmutze lebst, den du so haßt und gleichzeitig es selbst weißt, -- man braucht dir nur die Augen zu öffnen -- daß du niemandem damit hilfst und niemanden dadurch rettest! Ja, sage mir doch endlich,« fuhr er fast in Wut fort, »wie kannst du solche Schande und solche Gemeinheit mit deinen anderen besten und heiligsten Gefühlen in dir vereinigen? Es wäre doch gerechter, tausendmal gerechter und vernünftiger, sich mit dem Kopfe voran ins Wasser zu stürzen und allem ein Ende zu machen!«
»Und was wird mit ihnen allen geschehen?« fragte Ssonja mit schwacher Stimme, blickte ihn leidend an, zeigte aber über seinen Vorschlag gar kein Erstaunen. Raskolnikoff blickte sie eigentümlich an.
Er hatte alles in ihrem Blicke gelesen. Auch sie hatte tatsächlich schon selbst diesen Gedanken gehabt. Vielleicht hatte sie sich in der Verzweiflung oft und ernstlich überlegt, dem Leben schneller ein Ende zu machen, so daß sie jetzt gar nicht über seinen Vorschlag erstaunt war. Sie hatte selbst die Härte seiner Worte nicht empfunden, auch den Sinn seiner Vorwürfe und seine besondere Ansicht über ihre Schande hatte sie nicht erfaßt, das konnte er sehen. Er aber begriff vollkommen, wie grauenhaft und schmerzlich sie schon seit langem der Gedanke an ihre ehrlose und schmachvolle Lage gequält hatte. Was aber war es, was konnte es sein, -- dachte er, -- das ihren Entschluß, mit einem Schlage allem ein Ende zu machen, aufhielt? Jetzt erst verstand er völlig, was für sie diese armen, kleinen verwaisten Kinder und diese beklagenswerte halbverrückte Katerina Iwanowna mit ihrer Schwindsucht und mit ihrer Verzweiflung bedeuteten.
Aber ebenso klar war es ihm, daß Ssonja mit ihrem Charakter und ihrer Bildung, die sie doch immerhin genossen hatte, in keinem Falle weiter in dieser Lage aushalten konnte. Und dennoch blieb die Frage offen, -- wie hatte sie so lange, zu lange schon, in dieser Lage aushalten können, ohne den Verstand zu verlieren, wenn sie nicht die Kraft besaß, sich ins Wasser zu stürzen? Gewiß, er begriff, daß Ssonjas Lage eine häufige Erscheinung in der Gesellschaft war, und unglücklicherweise bei weitem keine einzelne Ausnahme. Aber dieser Umstand selbst, ihre Bildung und ihr ganzes vorheriges Leben hätten sie doch sofort beim ersten Schritt auf diesem widerwärtigen Wege töten müssen. Was hielt sie denn? Doch nicht die Unzucht? Diese ganze Schande hatte sie offenbar nur mechanisch berührt; die echte Unzucht war noch mit keinem Tropfen in ihr Herz gedrungen; er sah es; sie stand völlig rein vor ihm da ...
»Sie hat drei Wege,« dachte er, »entweder sich in den Kanal zu stürzen, ins Irrenhaus zu kommen oder ... oder sich schließlich wirklich dem Laster zu ergeben, das den Verstand betäubt und das Herz versteinert«.
Der letzte Gedanke war ihm am widerwärtigsten; aber er war schon zu sehr Skeptiker, er war jung, abstrakt und somit grausam, darum mußte er auch glauben, daß der letzte Ausweg, das heißt das Laster, am allerwahrscheinlichsten sei.
»Aber ist es denn möglich,« rief er innerlich aus, »soll sich auch dieses Wesen, das sich noch die Reinheit des Herzens bewahrt hat, bewußt in diesen abscheulichen stinkenden Schlamm hinabziehen lassen? Hat diese Erniedrigung schon begonnen und konnte sie etwa dieses Leben schon aus diesem Grunde leben, weil das Laster ihr nicht mehr widerwärtig erschien? Nein, nein, es kann nicht sein!« rief er bei sich aus, wie vorhin Ssonja laut gerufen, »nein, vom Wasser hielt sie bis jetzt der Gedanke an die Sünde zurück und an _jene_ ... Wenn sie aber bis jetzt den Verstand nicht verloren hat ... aber wer sagt es denn, daß sie den Verstand noch nicht verloren hat? Ist sie denn bei gesundem Verstande? Kann man denn so reden, wie sie es tut? Kann man denn bei gesundem Verstande so urteilen, wie sie es tut? Kann man denn so über dem Abgrunde, über dem stinkenden Schlamm sitzen und in der Gefahr, jeden Augenblick hineingezogen zu werden, trotzdem mit den Händen sich gegen die Mahnungen wehren und sich die Ohren zuhalten? Was, erwartet sie etwa ein Wunder? Sicher, so ist es. Sind dies nicht Anzeichen von Geistesstörung?«
Er blieb hartnäckig bei diesem Gedanken stehen. Dieser Ausweg gefiel ihm sogar besser, als jeder andere. Er begann sie aufmerksamer zu betrachten.
»Also du betest sehr oft zu Gott, Ssonja?« fragte er sie.
Ssonja schwieg, er stand neben ihr und wartete auf die Antwort.
»Was wäre ich denn ohne Gott?« flüsterte sie schnell und energisch, indem sie ihn flüchtig mit funkelnden Augen anblickte und seine Hand stark drückte.
»Ja, es ist so, wie ich gedacht!« sagte er zu sich.
»Und was tut Gott dir dafür?« fragte er sie weiter ausforschend.
Ssonja schwieg lange, als könnte sie nicht antworten. Ihre schwache Brust hob und senkte sich in heftiger Aufregung.
»Schweigen Sie! Fragen Sie nicht! Sie sind es nicht wert ...« rief sie plötzlich und sah ihn streng und zornig an.
»Es ist so! Es ist so!« wiederholte er hartnäckig vor sich hin.
»Alles tut er!« flüsterte sie schnell und schlug wieder die Augen nieder.
»Das ist ihr Ausweg! Das ist die Lösung!« entschied er bei sich und betrachtete sie mit gesteigertem Interesse.
Mit einem neuen, eigentümlichen, fast krankhaften Gefühle schaute er in dieses bleiche magere und regelmäßig eckige Gesichtchen, diese sanften blauen Augen, die mit so einem Feuer, mit so einem strengen energischen Blick leuchten konnten, diesen kleinen Körper, der vor Empörung und Zorn noch bebte, und dies alles erschien ihm noch merkwürdiger und unfaßlicher.
»Sie ist närrisch! Sie hat den religiösen Wahnsinn!« wiederholte er für sich.
Auf der Kommode lag ein Buch. Jedesmal, wenn er auf und ab ging, hatte er es bemerkt; jetzt nahm er es und sah es sich an. Es war das Neue Testament in russischer Übersetzung. Das Buch, in Leder gebunden, war alt und viel gebraucht.
»Woher hast du es?« rief er. Sie stand immer noch auf derselben Stelle, drei Schritte vom Tische entfernt.
»Man hat es mir gebracht,« antwortete sie unwillig und ohne ihn anzublicken.
»Wer hat es dir gebracht?«
»Lisaweta hat es gebracht, ich habe sie darum gebeten.«
»Lisaweta! Wie seltsam!« dachte er.
Alles erschien ihm bei Ssonja mit jeder Minute merkwürdiger, wunderlicher. Er holte das Buch zum Lichte und begann darin zu blättern.
»Wo steht hier die Geschichte vom armen Lazarus?« fragte er.
Ssonja blickte unverwandt zu Boden und antwortete nicht. Sie stand ein wenig abgewandt vom Tische.
»Von der Auferstehung des Lazarus, wo ist es? Suche es mir, Ssonja.«
Sie sah ihn mit einem Seitenblick an.
»Nicht dort ... im vierten Evangelium steht es ...« flüsterte sie streng, ohne sich ihm zu nähern.
»Suche es und lies es mir vor,« sagte er, setzte sich, stützte die Ellbogen auf den Tisch, den Kopf in die Hand legend, blickte düster zur Seite und bereitete sich vor zuzuhören.
»Nach drei Wochen ist sie im städtischen Irrenhause! Ich werde vielleicht selbst auch dort sein, wenn es nicht noch schlimmer enden wird,« murmelte er vor sich hin.
Ssonja trat unschlüssig an den Tisch, nachdem sie das sonderbare Verlangen Raskolnikoffs mißtrauisch gehört hatte. Sie nahm das Buch.
»Haben Sie es denn nicht gelesen?« fragte sie und blickte ihn unter der Stirn hervor an. Ihre Stimme wurde immer ernster und ernster.
»Vor langer Zeit ... Als ich noch zur Schule ging. Lies!«
»Und haben Sie es nicht in der Kirche gehört?«
»Ich ... bin nie in der Kirche gewesen. Gehst du oft hin?«
»N--nein,« flüsterte Ssonja.
Raskolnikoff lächelte.
»Ich verstehe ... Du wirst wohl morgen auch nicht zur Beerdigung des Vaters hineingehen?«
»Ich werde hingehen. Ich war auch in der vorigen Woche in der Kirche ... habe eine Totenmesse halten lassen.«
»Für wen?«
»Für Lisaweta. Man hat sie mit einem Beile erschlagen.«
Seine Nerven wurden immer reizbarer. Der Kopf begann ihm zu schwindeln.
»Warst du mit Lisaweta befreundet?«
»Ja ... Sie war gerecht ... sie kam ... selten ... sie konnte nicht. Wir lasen zusammen und ... sprachen. Sie wird Gott schauen!«