Part 30
»Sonst wurde nichts zugelassen!« unterbrach ihn Rasumichin voll Eifer, »ich schwindle nicht! ... Ich will dir ihre Bücher zeigen, -- an allem soll die sogenannte >gute Gesellschaft schuld sein< -- und weiter nichts! Das ist ihre Lieblingsphrase! Und daraus geht hervor, daß, wenn die Gesellschaft normal eingerichtet sein wird, mit einem Male auch alle Verbrecher verschwinden werden, weil es nichts mehr geben wird, dagegen zu protestieren, und alle werden auf einmal gerecht werden. Die Natur wird nicht in Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die Natur hat keinen Platz! Bei ihnen wird die Menschheit nicht von selbst sich in eine normale Gesellschaft verwandeln, indem sie den historischen, lebendigen Entwicklungsgang durchmacht, sondern im Gegenteil, ein soziales System, irgendeinem mathematischen Kopfe entsprungen, soll sofort die ganze Menschheit verändern und im Nu sie gerecht und sündenlos machen, ohne jeden historischen und lebendigen Entwicklungsgang, ohne jeglichen lebendigen Prozeß! Darum hassen sie auch so instinktiv die Geschichte, -- >in ihr kommen bloß Scheußlichkeiten und Dummheiten vor<, -- und alles wird bloß durch Dummheit allein erklärt! Darum lieben sie auch nicht den lebendigen Lebensprozeß, -- sie brauchen keine lebendige Seele. Eine lebendige Seele wird Leben verlangen, eine lebendige Seele will nicht einem Mechanismus gehorchen, eine lebendige Seele ist mißtrauisch, eine lebendige Seele ist rückschrittlich! Und bei ihnen kann man die Seele aus Kautschuk machen, tut nichts, daß sie Leichengeruch hat, -- sie ist dafür nicht lebendig, ohne Willen, eine Sklavenseele und wird sich nicht empören. Und im Resultate kommt es darauf hinaus, daß sich alles nur um das Zusammensetzen von Ziegelsteinen und um die Lage der Korridore und der Zimmer in der kommunistischen Kolonie dreht! Die kommunistische Kolonie ist fertig, sie verlangt Leben, hat ihren Lebensprozeß noch nicht abgeschlossen, es ist zu früh für sie, auf den Kirchhof zu kommen! Mit der Logik allein kann man nicht die Natur überspringen! Die Logik will drei Fälle voraussetzen, und es gibt ihrer eine Million! Soll man die ganze Million Fälle abschneiden und alles bloß zur Frage des Komforts konzentrieren? Die leichteste Lösung der Aufgabe! Sie ist verlockend einfach und man braucht nicht zu denken! Und das ist die Hauptsache -- man braucht nicht zu denken! Das ganze Lebensgeheimnis findet auf zwei Druckbogen Platz!«
»Wie es dich gepackt hat, du schlugst fest die Trommel! Man muß dich festhalten,« lachte Porphyri Petrowitsch. »Stellen Sie sich vor,« wandte er sich an Raskolnikoff, »so war es auch gestern abend, und das in einem Zimmer, angefüllt mit sechs Mann, die er dazu noch vorher mit Punsch bewirtet hat, -- können Sie sich so was vorstellen? Nein, Bruder, du schwindelst, -- >die Gesellschaft< hat bei einem Verbrechen viel zu bedeuten; das kann ich dir bestätigen.«
»Ich weiß es selbst, daß sie viel zu bedeuten hat, aber sage mir, -- wenn ein Vierzigjähriger ein Mädchen von zehn Jahren vergewaltigt, -- hat ihn etwa die Gesellschaft, die Umgebung dazu gezwungen?«
»Ja, im strengen Sinne vielleicht auch die Gesellschaft,« bemerkte Porphyri Petrowitsch mit merkwürdiger Wichtigkeit, »ein Verbrechen an einem kleinen Mädchen kann man sehr, sehr gut durch >die Gesellschaft< erklären.«
Rasumichin geriet nun fast in Wut.
»Nun, willst du, so werde ich dir sofort beweisen,« brüllte er »daß du weiße Wimpern einzig und allein darum hast, weil der Turm von Iwan Weliki fünfundsiebzig Meter hoch ist, und ich will es dir klar, genau, fortschrittlich, und sogar mit einem liberalen Anfluge beweisen! Ich übernehme es! Nun, willst du mit mir wetten?«
»Ich nehme die Wette an! Wollen wir mal hören, wie er es beweisen will!«
»Ja, du stellst dich bloß so an, zum Teufel!« rief Rasumichin aus, sprang von seinem Stuhle und wehrte mit der Hand ab. »Nun, lohnt es sich mit dir zu sprechen? Er tut dies nur absichtlich, du kennst ihn noch nicht, Rodion! Auch gestern war er auf ihrer Seite, bloß, um sie alle anzuführen. Und was er gestern alles sagte, oh Gott! Und die waren um ihn froh! ... Er kann in dieser Weise zwei Wochen aushalten. Im vorigen Jahre erzählte er uns aus irgendeinem Grunde, daß er ins Kloster gehe, -- zwei Monate blieb er dabei! Vor kurzem wollte er uns aufbinden, daß er heiraten würde, und daß alles schon zur Hochzeit bereit sei. Sogar einen neuen Anzug hatte er sich bestellt. Wir fingen schon an, ihm zu gratulieren. Keine Braut, nichts war da, -- alles Phantasiespiel!«
»Da hast du wieder geschwindelt! Den Anzug hatte ich vorher bestellt! Wegen des neuen Anzuges kam es mir auch in den Sinn, euch alle anzuführen!«
»Können Sie sich wirklich so verstellen?« fragte Raskolnikoff nachlässig.
»Und Sie glauben es nicht? Warten Sie, auch Sie will ich anführen -- ha--ha--ha! Nein, hören Sie, ich will Ihnen die Wahrheit sagen. Bei allen diesen Fragen, Verbrechen, Gesellschaft, kleinen Mädchen erinnere ich mich plötzlich, -- übrigens habe ich mich stets dafür interessiert, -- an einen Aufsatz von Ihnen, -- >Über Verbrechen ...< oder wie er heißt, ich habe den Titel vergessen, ich erinnere mich nicht genau an ihn. Vor zwei Monaten hatte ich das Vergnügen, ihn in dem >Periodischen Worte< zu lesen.«
»Meinen Aufsatz? In dem >Periodischen Worte?<« fragte verwundert Raskolnikoff, »ich habe tatsächlich vor einem halben Jahre, als ich die Universität verließ, einen Aufsatz geschrieben, aber ich habe ihn damals der Zeitung >Das wöchentliche Wort< und nicht dem >Periodischen< übergeben.«
»Er ist aber im >Periodischen< erschienen.«
»Das >Wöchentliche Wort< hörte damals auf zu erscheinen, darum druckte man ihn auch nicht ...«
»Das ist richtig; und das >Wöchentliche Wort< verschmolz mit dem >Periodischen< und darum erschien auch Ihr Aufsatz vor zwei Monaten dort. Sie wußten es nicht?«
Raskolnikoff wußte tatsächlich nichts davon.
»Erlauben Sie, Sie können doch Geld für den Aufsatz verlangen! Was Sie für ein Mensch sind! Sie leben so einsam, daß Sie selbst von solchen Dingen, die Sie doch direkt angehen, keine Ahnung haben.«
»Bravo, Rodja! Auch ich wußte nichts,« rief Rasumichin aus. »Ich gehe heute noch in die Lesehalle und verlange die Nummer. Vor zwei Monaten war es! Welches Datum? Na, einerlei, ich werde ihn schon finden! Das ist mal eine Sache! Und er sagte nichts davon!«
»Woher haben Sie zu wissen bekommen, daß der Aufsatz von mir ist? Er ist nur mit einem Buchstaben unterzeichnet.«
»Zufällig, und auch erst in diesen Tagen. Durch den Redakteur; ich kenne ihn ... Ich war sehr interessiert.«
»Ich betrachtete, soweit ich mich erinnere, den psychologischen Zustand eines Verbrechers während des ganzen Vorganges.«
»Ja, und Sie behaupteten, daß die Vollbringung eines Verbrechens stets von einer Krankheit begleitet wird. Sehr, sehr originell, aber ... mich interessierte eigentlich nicht dieser Teil Ihres Aufsatzes, sondern ein gewisser Gedanke, der zum Schlusse vorkommt, den Sie aber leider nur unklar andeuteten ... Wenn Sie sich entsinnen, es ist da angedeutet, daß in der Welt offenbar Menschen existieren, die tun können ... das heißt nicht bloß können, sondern volles Recht dazu haben, allerhand Scheußlichkeiten und Verbrechen zu vollbringen, und daß für sie das Gesetz nicht geschrieben ist.«
Raskolnikoff lächelte über die starke absichtliche Verdrehung seiner Idee.
»Wie? Was? Ein Recht auf Verbrechen? Aber doch nicht aus dem Grunde, weil die Gesellschaft schuld ist?« erkundigte sich Rasumichin voll Schrecken.
»Nein, nein, nicht aus dem Grunde,« antwortete Porphyri Petrowitsch. »Die ganze Sache dreht sich darum, daß in seinem Aufsatze die Menschen in >gewöhnliche< und >ungewöhnliche< eingeteilt werden. Die Gewöhnlichen müssen in Gehorsam leben und haben kein Recht, ein Gesetz zu überschreiten, weil sie -- eben Gewöhnliche sind. Und die Ungewöhnlichen haben das Recht, allerhand Verbrechen zu vollbringen und in jeder Weise das Gesetz zu verletzen, und das, weil sie Ungewöhnliche sind. So scheint es mir in Ihrem Aufsatze zu stehen, wenn ich nicht irre?«
»Aber wie ist denn das? Es kann nicht sein, daß es so gemeint ist!« murmelte Rasumichin zweifelnd.
Raskolnikoff lächelte wieder. Er hatte sofort verstanden, wie die Sache stand und worauf man ihn bringen wollte; er entsann sich der Stelle und beschloß, die Herausforderung anzunehmen.
»Es steht nicht ganz so in meinem Aufsatze,« begann er schlicht und bescheiden. »Übrigens, ich muß gestehen, daß Sie ihn nahezu richtig wiedergegeben haben, und wenn Sie es wünschen, auch vollkommen richtig ...« Es paßte ihm anscheinend, zuzugeben, daß der Gedanke vollkommen richtig wiedergegeben war. »Der Unterschied besteht einzig darin, daß ich gar nicht behauptete, daß die ungewöhnlichen Menschen unbedingt allerhand Scheußlichkeiten vollbringen müssen und dazu verpflichtet sind, wie Sie es sagen. Ich glaube auch, daß man einen solchen Aufsatz in der Presse nicht zugelassen hätte. Ich habe einfach angedeutet, daß ein >ungewöhnlicher< Mensch das Recht habe ... das heißt kein offizielles Recht, sondern in sich selbst das Recht trage, seinem Gewissen zu gestatten ... einige Hindernisse zu überschreiten, und einzig in dem Falle, wenn die Erfüllung seiner Idee, -- die zuweilen vielleicht für die ganze Menschheit heilbringend ist, -- dieses verlangt. Sie beliebten zu sagen, daß mein Aufsatz nicht deutlich sei; ich bin bereit, ihn Ihnen nach Möglichkeit zu erklären. Ich irre mich vielleicht nicht, wenn ich annehme, daß Sie es wünschen, gut. Meine Ansicht geht dahin, -- wenn die Entdeckungen von Newton und Kepler, infolge irgendwelcher Kombinationen, in keiner Weise der Menschheit anders bekannt werden konnten als durch den Verlust des Lebens von einem, zehn, hundert und mehr Menschen, die der Erfindung störend waren, oder ihr als ein Hindernis im Wege standen, so hätte Newton das Recht gehabt und wäre sogar verpflichtet gewesen ... diese zehn oder hundert Menschen zu beseitigen, um seine Erfindungen der ganzen Menschheit bekannt zu machen. Daraus läßt sich übrigens gar nicht schließen, daß Newton das Recht hatte, jeden beliebigen, den ersten besten zu ermorden oder jeden Tag auf dem Markte zu stehlen. Weiter entwickelte ich -- soweit ich mich erinnern kann -- in meinem Aufsatze, daß alle ... nun, nehmen wir zum Beispiel die Gesetzgeber und Führer der Menschheit, angefangen von den allerältesten Lykurg, Solon bis Mahomet, Napoleon und so weiter herauf: alle waren ohne Ausnahme Verbrecher, schon dadurch allein, daß sie ein neues Gesetz gaben, das alte, von der Gesellschaft heilig geehrte und von den Vätern übernommene Gesetz verletzten, -- und sie schraken sicher nicht vor dem Blutvergießen zurück, wenn ihnen nur das Blut, -- und es war zuweilen ganz unschuldiges und tapfer für das alte Gesetz vergossenes Blut -- helfen konnte. Es ist sogar auffallend, daß der größte Teil dieser Wohltäter und Führer der Menschheit besonders grausame Blutvergießer waren. Mit einem Worte, ich ziehe den Schluß, daß auch alle, nicht bloß die Großen, sondern auch die kaum über das Maß hervortretenden Menschen, das heißt, die auch nur eine geringe Fähigkeit haben, etwas Neues zu sagen, unbedingt ihrer Natur nach mehr oder weniger Verbrecher sein müssen. Anders würde es ihnen schwer fallen, aus dem Gleise herauszukommen; und im Gleise zu bleiben können sie gar nicht wollen, wiederum ihrer Natur nach, und meiner Ansicht nach sind sie sogar verpflichtet, es nicht zu wollen. Mit einem Worte, Sie sehen, daß bis dato etwas besonders Neues nicht in dem Aufsatze steht. Das wurde schon tausendmal gedruckt und gelesen. Was meine Einteilung der Menschen in gewöhnliche und ungewöhnliche anbetrifft, gebe ich zu, daß sie ein wenig willkürlich ist, aber ich klammere mich auch nicht an genaue Zahlen. Ich glaube nur an meinen Hauptgedanken. Er besteht gerade darin, daß die Menschen infolge eines Naturgesetzes überhaupt in zwei Gattungen zerfallen, -- eine niedrige, die gewöhnlichen, das heißt sozusagen das Material, das einzig zur Weitererzeugung dient, und eigentliche Menschen, das heißt solche, die die Begabung oder das Talent haben, in ihrem Kreise ein neues Wort zu sagen. Selbstverständlich gibt es hier endlose Unterabteilungen, aber die bezeichnenden Merkmale beider Gattungen sind ziemlich scharf, -- die erste Gattung, das heißt das Material, besteht, im allgemeinen gesagt, aus Menschen, die ihrer Natur nach konservativ und gesittet sind, in Gehorsam leben und es lieben, gehorsam zu sein. Meiner Ansicht nach sind sie auch verpflichtet, gehorsam zu sein, denn das ist ihre Bestimmung und dabei ist entschieden nichts Erniedrigendes für sie. Die zweite Gattung, -- die überschreiten alle das Gesetz, sind Zerstörer oder neigen dazu, je nach ihren Fähigkeiten. Die Verbrechen dieser Menschen sind selbstverständlich relativ und verschieden; meistens verlangen sie die Zerstörung des Gegenwärtigen im Namen eines Besseren. Wenn er aber seiner Idee wegen, -- sagen wir -- über eine Leiche schreiten oder Blut vergießen muß, so kann er, meine ich, innerlich von seinem Gewissen aus sich die Erlaubnis geben, über diese Leiche hinwegzuschreiten, -- das heißt, je nach der Idee und ihrem Umfange, -- halten Sie das fest! Nur in diesem Sinne spreche ich auch in meinem Aufsatze über ihr Recht auf Verbrechen. Sie entsinnen sich doch, daß wir mit einer juristischen Frage anfingen. Übrigens, es ist nicht wert, sich viel aufzuregen, -- die Menge erkennt fast nie dieses Recht für sie an, sie läßt sie hinrichten und hängen -- mehr oder weniger -- und erfüllt dadurch vollkommen richtig ihre konservative Bestimmung, jedoch mit dem Unterschiede, daß dieselbe Menge in den folgenden Generationen die Hingerichteten auf das Piedestal stellen und sie anbeten wird -- mehr oder weniger. Die erste Gattung ist immer der Herr der Gegenwart, die zweite -- der Herr der Zukunft. Die ersten bewahren die Welt und vermehren sie der Zahl nach; die zweiten bewegen die Welt und führen sie zum Ziele. Wie die einen, so haben auch die anderen das vollkommen gleiche Recht, zu existieren. Mit einem Worte, in meinem Aufsatze haben alle gleich großes Recht und -- _vive la guerre éternelle_{[1]}, -- bis zum Neuen Jerusalem, versteht sich!«
»Also, Sie glauben trotzdem an Neu-Jerusalem?«
»Ich glaube daran,« antwortete Raskolnikoff fest. Indem er dies sagte, blickte er zu Boden, wie er auch während seiner langen Rede auf einen Punkt des Teppiches geblickt hatte.
»Und, und glauben Sie auch an Gott? Entschuldigen Sie meine Neugier.«
»Ich glaube an ihn,« wiederholte Raskolnikoff und hob die Augen zu Porphyri Petrowitsch empor.
»Und, und glauben Sie an die Auferstehung des Lazarus?«
»Ich glau--be. Warum wollen Sie das wissen?«
»Glauben Sie buchstäblich daran?«
»Buchstäblich.«
»So, so ... ich fragte bloß aus Neugier. Entschuldigen Sie. Aber erlauben Sie, -- ich kehre zu dem Gesagten zurück, -- jene werden doch nicht immer hingerichtet, manche ganz im Gegenteil ...«
»Triumphieren während ihres Lebens? Oh ja, manche erreichen es auch während ihrer Lebenszeit, und dann ...«
»Beginnen sie selbst hinzurichten?«
»Wenn es nötig ist, und wissen Sie, eigentlich meistenteils. Ihre Bemerkung war treffend.«
»Danke. Aber sagen Sie bitte, wie soll man diese Ungewöhnlichen von den Gewöhnlichen unterscheiden? Gibt es etwa bei der Geburt solche Merkmale? Ich meine, daß hier mehr Klarheit, sozusagen mehr äußerliche Genauigkeit sein müßte, -- entschuldigen Sie bei mir die natürliche Besorgnis eines praktischen und loyalen Menschen, aber könnte man hier nicht zum Beispiel eine besondere Kleidung einführen, irgend etwas tragen, irgendwie sie kennzeichnen? ... Denn, gestehen Sie selbst, wenn eine Verwechslung stattfindet, und einer aus der einen Gattung sich einbildet, daß er zu der anderen Gattung gehöre und anfängt >alle Hindernisse zu beseitigen<, wie Sie sich sehr treffend ausdrückten, so kann dabei ...«
»Oh, das kommt sehr oft vor! Ihr letzter Einwurf ist noch besser als der vorige ...«
»Danke sehr ...«
»Keine Ursache; aber ziehen Sie doch in Betracht, daß ein Irrtum nur seitens der ersten Gattung, das heißt der >gewöhnlichen< Menschen, wie ich sie vielleicht sehr unglücklich genannt habe, möglich ist. Trotz ihrer angeborenen Neigung zum Gehorsam lieben es sehr viele von ihnen, aus einem gewissen, lebhaften Naturell, das auch einer Kuh nicht versagt ist, sich einzubilden Fortschrittsmänner, >Zerstörer<, zu sein und glauben es mit einem neuen Worte erreicht zu haben, und sie tun vollkommen aufrichtig. Und die tatsächlich Neuen bemerken sie darüber sehr oft nicht, verachten sie sogar als rückschrittliche und untergeordnete Menschen. Meiner Ansicht nach aber kann hier keine große Gefahr vorliegen, denn sie erreichen nie viel im Leben. Für ihre Verblendung könnte man sie zuweilen züchtigen, um sie an ihren Platz zu erinnern, aber auch nicht mehr; man braucht aber dabei oftmals keinen Vollstrecker, sie werden sich selbst züchtigen, weil sie sehr wohlgesittet sind, -- manche erweisen einander diesen Dienst, andere aber tun es eigenhändig ... Sie legen sich dabei allerhand öffentliche Bußen auf, -- es macht sich das hübsch und wirkt belehrend: mit einem Worte, Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen ... Für sie besteht ein Gesetz.«
»Nun, in diesem Punkte haben Sie mich wenigstens etwas beruhigt, aber da haben wir noch einen bösen Punkt, -- sagen Sie mir bitte, gibt es viele solche Leute, die das Recht haben, andere zu morden, sogenannte >Ungewöhnliche<? Ich bin selbstverständlich bereit, mich vor Ihnen zu beugen, aber Sie müssen doch selbst zugeben, daß es ängstlich ist, wenn es viele von der Art gäbe?«
»Oh, regen Sie sich auch in diesem Punkte nicht auf,« fuhr Raskolnikoff in demselben Tone fort, »Menschen mit neuen Gedanken, sogar solche, die nur einigermaßen befähigt sind, etwas Neues zu sagen, werden überhaupt ungewöhnlich wenige geboren, sogar merkwürdig wenig. Eines ist mir klar, daß die Ordnung für das Entstehen und Gedeihen aller dieser Kategorien und Subkategorien sehr genau und sicher durch irgendein Naturgesetz bestimmt ist. Dieses Gesetz ist uns selbstverständlich unbekannt, aber ich glaube, daß es existiert und späterhin vielleicht auch einmal bekannt werden wird. Die ungeheure Menge Menschen, das Material existiert bloß in der Welt, um schließlich durch irgendeine Anstrengung, durch einen geheimnisvollen Vorgang, durch eine Kreuzung von Geschlechtern und Gattungen sich zusammen zu fassen und einen einzigen -- sagen wir von tausend -- einigermaßen selbständigen Menschen in die Welt zu setzen. Mit einer noch größeren Selbständigkeit wird vielleicht nur ein einziger von zehntausend geboren, -- ich spreche bildlich. Mit einer noch größeren von hunderttausend ein einziger. Geniale Menschen von Millionen und große Genies, die Vollender der Menschheit, kommen vielleicht zur Welt nach dem Ableben von vielen tausend Millionen Menschen. Mit einem Worte, ich habe keinen Blick in die Retorte geworfen, in der dies alles vorgeht. Aber ein bestimmtes Gesetz existiert unbedingt und muß existieren; hier kann es keinen Zufall geben.«
»Ja, sagt einmal, scherzt ihr etwa beide?« rief Rasumichin endlich aus. »Führt ihr einander an der Nase herum oder nicht? Sie sitzen und treiben miteinander Spaß! Meinst du es ernst, Rodja?«
Raskolnikoff erhob sein bleiches und fast trauriges Gesicht zu ihm und antwortete nichts. Und merkwürdig erschien Rasumichin, im Vergleiche zu diesem stillen und traurigen Gesichte, der offene, zudringliche, gereizte und unhöfliche, beißende Spott von Porphyri Petrowitsch.
»Nun, Bruder, wenn es tatsächlich ernst ist, so ... Du hast gewiß recht, wenn du sagst, daß dies nicht neu sei und allem, was wir tausendmal gelesen und gehört haben, gleiche. Aber was tatsächlich originell in alledem ist, -- und in der Tat dir zu meinem Entsetzen allein gehört, ist der Punkt, daß du trotzdem Blutvergießen dem Gewissen nach gestattest und es -- entschuldige mich, -- sogar mit so einem Fanatismus tust ... In diesem also besteht auch der Hauptgedanke deines Aufsatzes. Diese Erlaubnis, dem Gewissen nach Blut zu vergießen, das ... das ist meiner Meinung nach schrecklicher als eine offizielle Erlaubnis, Blut zu vergießen, sozusagen eine gesetzliche ...«
»Vollkommen richtig, -- es ist schrecklicher,« pflichtete Porphyri Petrowitsch bei.
»Nein, du hast dich von irgend etwas hinreißen lassen! Das muß ein Irrtum sein. Ich will den Aufsatz lesen ... Du hast dich bestimmt hinreißen lassen! Du kannst nicht so denken ... Ich will es lesen.«
»Im Aufsatze steht dies alles nicht, es ist dort bloß angedeutet,« sagte Raskolnikoff.
»So, so,« Porphyri Petrowitsch rückte auf seinem Stuhle hin und her, »mir ist es jetzt ziemlich klar, wie Sie belieben Verbrechen zu betrachten, aber ... entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit, -- ich belästige Sie zu sehr, schäme mich selbst darüber, -- aber sehen Sie, -- Sie haben mich vorhin sehr beruhigt über die Möglichkeit einer Verwechslung der beiden Kategorien, aber ... mich quälen nun allerhand praktische Fälle! Nehmen wir an, irgendein Mann oder Jüngling bildet sich plötzlich ein, er sei Lykurg oder Mahomet ... ein Zukünftiger, verstehen Sie, und -- beginnt nun alle Hindernisse zu beseitigen ... Es steht ihm, sagt er sich, ein langer Weg bevor und für diesen Weg braucht er Geld ... so beginnt er sich das Geld zu verschaffen ... wissen Sie?«
Sametoff prustete plötzlich vor Lachen; Raskolnikoff würdigte ihn nicht eines Blickes.
»Ich muß zugeben,« antwortete er ruhig, »daß solche Fälle in der Tat vorkommen müssen. Dümmere und besonders eitle Menschen fallen darauf herein; insbesondere die Jugend.«
»Sehen Sie. Nun, was soll da geschehen?«
»Ja, was denn,« lächelte ein wenig Raskolnikoff, »ich bin doch daran nicht schuld. So ist es einmal und wird immer so bleiben. Er« -- er wies auf Rasumichin -- »sagte soeben, daß ich Blutvergießen gestatte. Was ist denn dabei? Die Gesellschaft ist doch mit Verbannung, Gefängnissen, Untersuchungsrichtern, Zuchthäusern genug gesichert, -- wozu denn sich beunruhigen? Sucht den Dieb! ...«
»Nun, und wenn wir ihn finden?«
»Fort mit ihm.«
»Das ist sehr logisch. Nun, und wie steht es mit dem Gewissen?«
»Was kümmert Sie das?«
»Doch, aus Humanität.«
»Wer ein Gewissen hat, mag darunter leiden, wenn er seinen Irrtum einsieht. Das ist auch eine Strafe für ihn, -- außer der Zwangsarbeit.«
»Nun, und die tatsächlich Genialen,« fragte Rasumichin mit düsterem Gesichte, »die nämlich, denen das Recht gegeben ist zu morden, die sollen gar nicht, auch nicht wegen des vergossenen Blutes leiden?«
»Warum sagst du: sollen? Es gibt hier weder eine Erlaubnis, noch ein Verbot. Mag er leiden, wenn ihm das Opfer leid tut ... Leiden und Schmerz hängen immer mit einer weiten Erkenntnis und einem tiefen Herzen zusammen. Die wirklich großen Menschen müssen auf Erden großes Leid empfinden,« fügte er plötzlich nachdenklich, nicht im Tone des Gespräches, hinzu.
Er hob die Augen auf, blickte alle sinnend an, lächelte und nahm seine Mütze. Er war im Vergleiche mit seinem Eintritt zu ruhig, und er fühlte es auch. Alle erhoben sich.
»Nun, schelten Sie mich oder nicht, ärgern Sie sich über mich oder nicht, aber ich kann es nicht unterlassen,« sagte Porphyri Petrowitsch wieder, »erlauben Sie mir noch eine kleine Frage -- ich belästige Sie sehr, -- nur eine einzige kleine Idee möchte ich aussprechen, bloß um es nicht zu vergessen ...«
»Gut, sagen Sie Ihre kleine Idee.« Raskolnikoff stand ernst und bleich in Erwartung vor ihm.
»Ja, sehen Sie ... ich weiß wirklich nicht, wie ich mich glücklich ausdrücken soll ... die Idee ist zu gelungen ... ist psychologisch ... Sehen Sie, als Sie Ihren Aufsatz schrieben, -- da war es doch nicht ganz ohne, he--he--he--, -- daß Sie sich selbst, -- nun, sagen wir, ein bißchen vielleicht, -- auch für einen >ungewöhnlichen< Menschen hielten, der ein neues Wort -- in Ihrem Sinne, versteht sich, -- sagt ... War es nicht so?«