Sämtliche Werke 1-2

Part 29

Chapter 293,390 wordsPublic domain

»Vor dem muß man auch ein Klagelied anstimmen,« dachte er erbleichend und mit Herzklopfen, »und es recht natürlich machen. Am besten wäre vielleicht, nichts vorzuklagen. Absichtlich nichts vorklagen! Nein, absichtlich wäre wieder nicht natürlich ... Nun, wie es sich macht ... wir werden ja sehen ... bald genug ... aber ist es gut oder nicht gut, daß ich hingehe? Der Schmetterling fliegt von selbst ins brennende Licht. Mein Herz klopft, das ist nicht gut! ...«

»In diesem grauen Hause wohnt er,« sagte Rasumichin.

»Am wichtigsten ist es, ob Porphyri es weiß oder nicht, daß ich gestern in der Wohnung dieser Hexe war ... und von dem Blut sprach? Sogleich muß ich es erfahren, beim ersten Schritt, wenn ich hineinkomme, muß ich es ihm am Gesichte anmerken; sonst ... und wenn ich zugrunde gehe, ich muß es erfahren!«

»Weißt du auch?« wandte er sich plötzlich an Rasumichin mit einem schelmischen Lächeln, »ich habe bemerkt, Bruder, daß du dich seit heute früh in einer ungewöhnlichen Aufregung befindest? Ist es so?«

»In was für einer Aufregung? In gar keiner Aufregung,« fuhr Rasumichin auf.

»Nein, Bruder, es ist dir tatsächlich anzusehen. Auf dem Stuhl saßest du vorhin, wie du sonst nie sitzest, so nur auf einem Endchen und die ganze Zeit durchzuckte es dich, wie wenn du Krämpfe hättest. Du sprangst mir nichts dir nichts auf. Bald sahst du böse aus, bald verzog sich dein Gesicht plötzlich zu einem süßen Lächeln. Sogar rot wurdest du, besonders als man dich zu Mittag einlud.«

»Nichts von alledem ist wahr, du lügst! ... Was denkst du dir?«

»Ja, und jetzt drehst und wendest du dich wie ein Schulbube? Pfui! Teufel! Er ist schon wieder rot geworden!«

»Was du für ein Schwein bist!«

»Ja, warum wirst du so verlegen? Romeo! Warte, ich will es irgend jemanden heute noch erzählen, ha--ha--ha! Ich werde Mama zum Lachen bringen ... und noch jemand ...«

»Höre mal, höre, aber im Ernste, es ist doch ... Was soll das bedeuten, zum Teufel!« Rasumichin wurde ganz verwirrt und starr vor Schrecken. »Was willst du ihnen erzählen? Ich bin, Bruder ... Pfui, welch ein Schwein du bist!«

»Du bist wie eine Frühlingsrose! Und wie es dir steht, wenn du es nur wüßtest. Romeo, ein neuer Romeo! Und wie du dich heute gewaschen hast, vielleicht auch die Nägel gereinigt? Ah? Wann war dies zuletzt der Fall? Und du hast dich, bei Gott, mit Pomade eingeschmiert! Beuge dich mal!«

»Schwein!«

Raskolnikoff lachte so stark, daß er sich nicht mehr halten konnte, mit Lachen traten sie auch in die Wohnung von Porphyri Petrowitsch ein. Das wollte eben Raskolnikoff bezwecken, -- drinnen in den Zimmern konnte man es hören, daß sie lachend ins Vorzimmer eingetreten waren und dort immer noch lachten.

»Kein Wort hier, oder ich ... zerschmettere dich!« flüsterte Rasumichin und packte wütend Raskolnikoff an der Schulter.

V.

Sie gingen hinein. Raskolnikoff sah aus, als hielte er mit Gewalt an sich, um nicht loszuplatzen. Ihm folgte mit gänzlich verändertem Gesichte Rasumichin, rot wie eine Päonie, vor Scham und Wut, und verlegen. Sein Gesicht und die ganze Gestalt waren in diesem Augenblicke lächerlich und rechtfertigten Raskolnikoffs Heiterkeit. Raskolnikoff, dem Hausherrn noch nicht bekannt, verbeugte sich vor ihm, der mitten im Zimmer stand und sie fragend anblickte, reichte ihm die Hand und drückte die seinige, immer noch mit sichtlicher, großer Mühe seine Lustigkeit bekämpfend, um wenigstens ein paar Worte sagen und sich vorstellen zu können. Aber kaum war es ihm gelungen, eine ernste Miene anzunehmen und etwas hinzumurmeln, -- als er plötzlich, wie unwillkürlich wieder Rasumichin anblickte und da hielt er es nicht mehr aus, -- sein unterdrücktes Lachen brach um so ungestümer hervor, je stärker er es bis jetzt zurückgehalten hatte. Die ungewöhnliche Wut, mit der Rasumichin dieses »herzliche« Lachen auffaßte, verlieh diesem ganzen Auftritt das Aussehen von aufrichtigster Lustigkeit und, was die Hauptsache war, Natürlichkeit. Rasumichin trug, als beabsichtigte er's, noch viel dazu bei.

»Pfui, zum Teufel!« brüllte er, holte mit der Hand aus und traf einen kleinen runden Tisch, auf dem ein leeres Teeglas stand. Alles fiel hin und zerbrach.

»Ja, warum müssen denn gleich Stühle zerschlagen werden, meine Herren, das ist ein Verlust für den Staat!« rief Porphyri Petrowitsch lachend aus.

Der Auftritt stellte sich wie folgt dar, -- Raskolnikoff lachte weiter, seine Hand in der Hand des Hausherrn lassend, aber er kannte das Maß und wartete nur auf den Augenblick, um schnell und natürlich zu enden. Rasumichin, durch den Fall des Tisches und des zerschlagenen Glases völlig verwirrt, blickte düster auf die Scherben, spie aus und drehte sich schroff nach dem Fenster, wo er sich mit dem Rücken gegen die übrigen hinstellte und mit fürchterlich finsterem Gesichte hinausschaute, aber nichts sah. Porphyri Petrowitsch lachte und hätte noch mehr gelacht, wenn er nur eine Erklärung dafür gehabt hätte. In der Ecke auf einem Stuhle hatte Sametoff gesessen, der sich beim Eintritt der Besucher erhob und in Erwartung dastand; sein Mund war zu einem Lächeln verzogen, aber er schaute stutzig und mißtrauisch dem ganzen Auftritt zu und sah Raskolnikoff verwirrt an. Die unerwartete Anwesenheit Sametoffs überraschte Raskolnikoff unangenehm.

»Da muß man sich in acht nehmen!« dachte er.

»Entschuldigen Sie, bitte,« begann er plötzlich ganz verlegen, »Raskolnikoff ...«

»Erlauben Sie aber, sehr angenehm, und Sie kamen so angenehm herein ... Was, will er nicht mal >Guten Tag< sagen?« wies Porphyri Petrowitsch auf Rasumichin.

»Bei Gott, ich weiß nicht, warum er auf mich wütend ist. -- Ich sagte ihm bloß auf dem Wege hierher, daß er Romeo ähnlich sei und ... habe es bewiesen, sonst war nichts.«

»Du bist ein Schwein!« rief Rasumichin, ohne sich umzuwenden.

»Er hatte also sehr ernste Gründe, um wegen dieses einzigen Wortes so böse zu werden,« lachte Porphyri Petrowitsch.

»Nun auch der Untersuchungsrichter! ... Zum Teufel mit euch allen!« schnitt Rasumichin ab, plötzlich aber lachte er selbst und ging mit heiterem Gesichte, als wäre nichts vorgefallen, auf Porphyri Petrowitsch zu.

»Schluß damit! Alle seid ihr Dummköpfe. Jetzt zur Sache, -- hier ist mein Freund, Rodion Romanytsch Raskolnikoff, der erstens von dir viel gehört hat und mit dir bekannt werden wollte, und der zweitens ein kleines Ansuchen an dich hat. Ah! Sametoff! Wie kommst du hierher? Kennt ihr denn einander? Seid ihr schon lange bekannt?«

»Was bedeutet das!« dachte Raskolnikoff voll Unruhe.

Sametoff schien ein wenig verlegen zu werden.

»Wir haben uns gestern doch bei dir kennengelernt,« sagte er ungezwungen.

»Also hat mich Gott vor Schererei behütet; in der vorigen Woche hat er mich geplagt, ihn mit dir, Porphyri, irgendwie bekannt zu machen, und nun habt ihr euch, ohne meine Hilfe, gefunden ... Wo hebst du deinen Tabak auf?«

Porphyri Petrowitsch war in Hauskleidung, -- in einem Schlafrock, sehr reiner Wäsche und in abgetretenen Pantoffeln. Es war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, unter Mittelgröße, dick, mit einem Bäuchlein, glattrasiert, ohne Schnurrbart, mit kurz geschnittenem Haare auf dem großen runden Kopfe, der nach hinten zu besonders gewölbt war. Sein volles, rundes und ein wenig stumpfnäsiges Gesicht hatte eine kränkliche, dunkelgelbe Farbe, war aber munter und sogar spöttisch. Es wäre gutmütig zu nennen, wenn nicht der Ausdruck der Augen, die mit fast weißen, zwinkernden Wimpern bedeckt waren, mit ihrem wässerigen Glanze störend gewirkt hätte. Der Blick dieser Augen paßte wenig zu der ganzen Gestalt, die entschieden etwas Weibisches an sich hatte, und machte ihn viel ernster, als man beim ersten Anblick vermutete.

Als Porphyri Petrowitsch vernahm, daß der Besucher ein kleines Ansuchen an ihn habe, bat er ihn sofort, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er setzte sich selbst in die andere Ecke und sah den Besucher voll Erwartung mit einer starken und zu ernsten Aufmerksamkeit an, die bedrücken und vollends gleich beim ersten Zusammensein verwirren mußte, um so mehr, wenn das, was man vorzubringen hat, durchaus in keinem Verhältnisse zu einer so ungewöhnlichen Aufmerksamkeit zu stehen scheint. Raskolnikoff jedoch legte seine Angelegenheit in kurzen und bündigen Worten, deutlich und klar dar, und war mit sich so zufrieden, daß er noch Gelegenheit fand, Porphyri Petrowitsch genau zu betrachten. Auch Porphyri Petrowitsch wandte keinen Augenblick seine Augen von ihm ab. Rasumichin hatte an demselben Tische ihnen gegenüber Platz genommen und verfolgte eifrig und ungeduldig die Darstellung der Sache, wobei er alle Augenblicke und ziemlich auffällig seine Augen von einem zu dem andern gleiten ließ.

»Dummkopf!« schimpfte Raskolnikoff bei sich.

»Sie müssen eine Eingabe an das Polizeibureau machen,« antwortete mit Geschäftsmiene Porphyri, »daß Sie über diesen Vorfall, das heißt von diesem Mord erfahren haben, und bitten den Untersuchungsrichter, der diese Sache führt, zu benachrichtigen, daß die und die Sachen Ihnen gehören, und daß Sie sie einlösen möchten ... oder Ähnliches ... man wird Ihnen das übrigens sagen.«

»Das ist ja das Unbequeme, daß ich in diesem Augenblicke,« Raskolnikoff bemühte sich, möglichst verlegen zu werden, »nicht recht bei Kassa bin ... und sogar so eine Kleinigkeit nicht kann ... sehen Sie, ich möchte jetzt nur erklären, daß es meine Sachen sind, und daß, wenn ich Geld haben werde, ich ...«

»Das ist einerlei,« antwortete Porphyri Petrowitsch, die Erklärung über die Finanzlage kalt aufnehmend, »übrigens, Sie können auch direkt an mich, wenn Sie wollen, in demselben Sinne schreiben, daß Sie das und das in Erfahrung gebracht haben und die und die Sachen als Ihr Eigentum angeben und bitten ...«

»Man kann es auf einfachem Papiere schreiben?« beeilte sich Raskolnikoff, ihn zu unterbrechen, wieder ein Interesse für die Geldfrage zeigend.

»Oh, auf dem allereinfachsten Papiere!« und plötzlich blickte ihn Porphyri Petrowitsch spöttisch mit zusammengekniffenen Augen an und schien ihm zuzuzwinkern.

Vielleicht hatte es auch Raskolnikoff bloß so geschienen, denn es dauerte nur einen Augenblick. Etwas war wenigstens gewesen. Raskolnikoff hätte darauf schwören mögen, daß er ihm zugezwinkert habe, weiß der Teufel warum.

»Er weiß alles!« durchzuckte es ihn wie ein Blitz.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie mit solchen Kleinigkeiten belästigt habe,« fuhr er etwas verwirrt fort, »meine Sachen sind im ganzen höchstens fünf Rubel wert, aber sie sind mir besonders teuer, als ein Andenken an die, von denen ich sie erhalten habe und, offen gestanden, als ich es hörte, erschrak ich sehr ...«

»Darum fuhrst du auch gestern so auf, als ich Sossimoff erzählte, daß Porphyri die Pfandgeber ausfrage!« bemerkte Rasumichin mit deutlicher Absicht.

Das war schon unerträglich. Raskolnikoff konnte sich's nicht versagen, ihn wütend mit seinen vor Zorn funkelnden schwarzen Augen anzublicken. Er besann sich aber sofort.

»Du scheinst dich über mich lustig zu machen, Bruder?« wandte er sich an ihn mit geschickt gespielter Gereiztheit. »Ich sehe es ein, daß ich vielleicht meine Sorge um diesen Schund übertreibe, der er doch in deinen Augen ist, aber man darf mich darum weder für einen Egoisten, noch für einen habgierigen Menschen halten, und für mich brauchen diese zwei geringen Gegenstände gar kein Schund zu sein. Ich sagte dir schon vorhin, daß diese silberne Uhr, die einen Spottwert hat, das einzige ist, was mir von meinem Vater geblieben ist. Du kannst dich über mich amüsieren, aber soeben ist meine Mutter angekommen,« wandte er sich plötzlich an Porphyri, »und wenn sie erfahren würde,« kehrte er sich wieder schnell zu Rasumichin und gab sich besondere Mühe, um mit der Stimme zu zittern, »daß diese Uhr verloren sei, so würde sie -- schwöre ich -- in Verzweiflung sein! Sie ist doch eine Frau!«

»Ich sagte es gar nicht in dem Sinne! Ganz im Gegenteil!« rief Rasumichin gekränkt.

»War es auch gut? War es natürlich? Habe ich nicht übertrieben?« sagte Raskolnikoff bebend zu sich selbst. »Warum sagte ich -- sie ist doch eine Frau!«

»Ihre Frau Mutter ist zu Ihnen gekommen?!« erkundigte sich aus irgendeinem Grunde Porphyri Petrowitsch.

»Ja.«

»Wann denn?«

»Gestern abend.«

Porphyri Petrowitsch schwieg, als überlege er etwas.

»Ihre Sachen konnten in keiner Weise verloren gehen,« fuhr er ruhig und kalt fort. »Ich erwarte Sie schon seit langem.«

Und als wäre nichts vorgefallen, schob er sorgsam einen Aschbecher Rasumichin zu, der unbarmherzig die Asche von seiner Zigarette auf den Teppich streute. Raskolnikoff zuckte zusammen, aber Porphyri schien ihn nicht anzublicken, noch immer um Rasumichins Zigarette besorgt.

»Was? Du hast ihn erwartet! Wußtest du denn, daß auch er dort versetzt hatte?« rief Rasumichin aus.

»Ihre beiden Sachen, der Ring und die Uhr, waren _bei ihr_ in einem und demselben Stück Papier eingewickelt, und auf dem Papier war mit Bleistift deutlich Ihr Name vermerkt, ebenso auch das Datum, wann sie sie von Ihnen erhalten hatte ...«

»Wie genau Sie sind! ...« lächelte ein wenig ungeschickt Raskolnikoff und versuchte, ihm in die Augen zu sehen, er konnte sich aber nicht enthalten, hinzuzufügen:

»Ich sage das nur deshalb, weil wahrscheinlich sehr viele Pfandgeber waren ... so daß es Ihnen doch schwer fallen mußte, sich aller zu erinnern ... Sie aber erinnern sich im Gegenteil an alles so deutlich, und ... und ...«

»Es war dumm! Schwach! Warum habe ich es hinzugefügt!«

»Alle Pfandgeber sind jetzt schon bekannt, so daß Sie der einzige sind, der sich noch nicht meldete,« antwortete Porphyri Petrowitsch mit einem kaum merklichen Anfluge von Spott.

»Ich war nicht ganz gesund.«

»Auch davon habe ich gehört. Habe sogar gehört, daß Sie von etwas sehr mitgenommen waren. Sie sind auch jetzt noch etwas bleich!«

»Ich bin gar nicht bleich ... im Gegenteil, ich bin ganz gesund!« schnitt ihn grob und böse Raskolnikoff ab, plötzlich seinen Ton verändernd.

Die Wut pochte in ihm und er konnte sie nicht unterdrücken. »Und in der Wut werde ich mich versprechen!« durchzuckte es ihn von neuem. »Und warum quälen sie mich! ...«

»Nicht ganz gesund!« hub Rasumichin an. »Wie er aufschneidet! Bis gestern noch phantasierte er und war bewußtlos ... Du kannst es mir glauben, Porphyri, er konnte kaum mehr auf den Füßen stehen, und trotzdem, als wir, Sossimoff und ich, gestern uns nur auf einen Augenblick entfernten, -- zog er sich an, lief heimlich weg und irrte irgendwo fast bis Mitternacht herum, und das, sage ich dir, ganz im Fieber, kannst du dir so etwas vorstellen! Ein ganz merkwürdiger Fall!«

»Und geschah es wirklich ganz im Fieber? Sagen Sie mal?« Mit einer weibischen Bewegung schüttelte Porphyri Petrowitsch den Kopf.

»Ah, Unsinn! Glauben Sie ihm nicht! Übrigens, Sie glauben es ja auch sowieso nicht!« entschlüpfte es Raskolnikoff in seiner Wut.

Aber Porphyri Petrowitsch schien diese seltsamen Worte überhört zu haben.

»Wie konntest du dann weggehen, wenn du nicht im Fieber warst?« ereiferte sich Rasumichin. »Warum bist du weggegangen? Wozu? ... Und warum gerade heimlich? Sag, warst du damals bei gesundem Verstande? Jetzt, wo die ganze Gefahr vorbei ist, sage ich es dir offen!«

»Ich war ihrer gestern überdrüssig geworden,« wandte sich rasch Raskolnikoff an Porphyri Petrowitsch mit einem dreisten, herausfordernden Lächeln, »und ich lief von ihnen fort, mir eine Wohnung zu mieten, damit sie mich nicht wiederfinden sollten, und habe einen Haufen Geld mitgenommen. Herr Sametoff hat das Geld gesehen. Und sagen Sie, Herr Sametoff, war ich gestern vernünftig oder im Fieber, entscheiden Sie unseren Streit!«

Er hätte in diesem Augenblicke Sametoff erwürgen können. Dessen Blick und sein Schweigen waren ihm äußerst peinlich.

»Meiner Ansicht nach redeten Sie sehr vernünftig und sogar schlau, Sie waren bloß sehr reizbar,« erklärte Sametoff trocken.

»Und heute sagte mir Nikodim Fomitsch,« bemerkte Porphyri Petrowitsch, »er hätte Sie gestern noch sehr spät in der Wohnung eines überfahrenen Beamten getroffen ...«

»So nehmen wir diesen Fall her!« begann Rasumichin, »warst du nicht verrückt bei diesem Beamten? Das letzte Geld hat er der Witwe für die Beerdigung gegeben! Und, wenn du helfen wolltest, -- konntest du ihr fünfzehn oder zwanzig Rubel geben und wenigstens drei Rubel für dich behalten, du schenktest ihnen aber alle fünfundzwanzig.«

»Vielleicht habe ich irgendwo einen Schatz gefunden, was du noch nicht weißt? Darum war ich gestern auch so freigebig ... Herr Sametoff weiß, daß ich einen Schatz gefunden habe! ... Entschuldigen Sie, bitte,« wandte er sich mit bebenden Lippen an Porphyri Petrowitsch, »daß wir Sie mit solchem kleinlichen Geschwätz eine halbe Stunde belästigen. Sie sind unserer überdrüssig, ja?«

»Erlauben Sie, im Gegenteil, im Ge--gen--teil! Wenn Sie wüßten, wie Sie mich interessieren! Es ist amüsant, zuzusehen und zuzuhören ... und ich bin, offen gesagt, so froh, daß Sie endlich einmal gekommen sind ...«

»Gib aber doch wenigstens Tee! Die Kehle trocknet einem ein!« rief Rasumichin aus.

»Eine ausgezeichnete Idee! Vielleicht beteiligen Sie sich alle. Willst du aber nicht ... etwas Wesentlicheres vor dem Tee haben?«

»Nein, laß gut sein!«

Porphyri Petrowitsch ging hinaus, um Tee zu bestellen.

Die Gedanken drehten sich wie im Wirbelwinde in Raskolnikoffs Kopfe. Er war aufs äußerste gereizt.

»Das schönste ist, daß sie sich nicht mal verbergen und nicht einmal den Anstand wahren wollen! Aus welchem Grunde aber sprach er, wenn er mich gar nicht kennt, mit Nikodim Fomitsch über mich? Also wollen sie nicht mal verbergen, daß sie wie eine Koppel Hunde mich verfolgen! Sie speien mir ganz offen ins Gesicht!« Er zitterte vor Wut. »Schlagt doch offen zu und spielt nicht wie die Katze mit der Maus. Das ist doch geschmacklos. Porphyri Petrowitsch, das erlaube ich dir einfach nicht! ... Ich stehe auf und schleudere allen die ganze Wahrheit ins Gesicht und Sie werden wenigstens sehen, wie ich Sie verachte!« Er holte schwer Atem. »Wenn mir aber dies alles nur so vorkommt? Wenn dies aber bloß ein Spiel meiner Phantasie ist und ich mich irre, aus Unerfahrenheit mich ärgere und meine gemeine Rolle nicht gut spiele? Vielleicht ist alles ohne jede Absicht? Ihre Worte sind alle gewöhnlich, aber etwas liegt doch in ihnen ... All dieses kann stets gesagt werden, aber etwas ist doch dabei. Warum sagte er einfach -- >bei ihr?< Warum fügte Sametoff hinzu, daß ich schlau gesprochen habe? Warum reden sie in solch einem Tone? Ja ... der Ton ... Aber Rasumichin saß doch auch hier, warum fiel ihm nichts auf? Diesem naiven Holzklotze fällt eben nie etwas auf! Ich habe wieder Fieber! ... Zwinkerte mir Porphyri Petrowitsch vorhin zu oder nicht? Es war sicher nichts; warum sollte er mir zuzwinkern? Wollen sie meine Nerven reizen, oder führen sie mich an der Nase herum? Entweder ist alles ein Phantasiespiel oder sie wissen es! Sogar Sametoff ist dreist ... Ist Sametoff wirklich dreist? Sametoff hat sich's über Nacht überlegt. Ich ahnte es doch, daß er es sich überlegen wird! Er benimmt sich wie zu Hause, ist aber zum ersten Male hier. Porphyri betrachtet ihn nicht als seinen Gast, sitzt mit dem Rücken zu ihm. Sie stecken unter einer Decke! Sie stecken unbedingt meinetwegen unter einer Decke! Sie haben sicher vor unserem Kommen über mich gesprochen! ... Wissen sie etwas von der Wohnung gestern? Mag es schneller herauskommen! ... Als ich sagte, daß ich gestern weggelaufen wäre, mir eine Wohnung zu mieten, ließ er es gelten, erfaßte nicht die Gelegenheit ... Mit der Wohnung habe ich's fein angedeutet, -- es kann mir später nützen! ... Im Fieber war es, kann ich sagen! ... Ha--ha--ha! Er weiß alles über den gestrigen Abend! Von der Ankunft der Mutter wußte er nicht! ... Und die Hexe hat auch das Datum mit Bleistift vermerkt! ... Ihr lügt, ich ergebe mich nicht! Das sind doch keine Tatsachen, bloß Phantasiegebilde! Nein, rückt mal mit Tatsachen heraus! Auch der Besuch der Wohnung ist keine Tatsache, sondern Fieber, -- ich weiß, was ich ihnen sagen muß ... Wissen sie, daß ich in der Wohnung war? Ich gehe nicht fort, ehe ich es nicht erfahre! Warum bin ich hergekommen? Daß ich mich jetzt ärgere, das ist vielleicht eine Tatsache! Wie reizbar ich bin! Vielleicht aber ist es auch gut; es ist die Rolle eines Kranken ... Er betastet mich. Er wird mich verwirren wollen. Warum bin ich überhaupt gekommen?«

Dies alles fuhr ihm durch den Kopf wie ein Blitz.

Porphyri Petrowitsch kehrte bald zurück. Er war auf einmal vergnügter geworden.

»Mein Kopf brummt von dem gestrigen Abend bei dir, Bruder ... und ich bin ganz zerschlagen,« begann er in einem ganz anderen Tone und wandte sich lachend an Rasumichin. »War es interessant? Ich verließ euch doch gestern bei dem interessantesten Punkte. Wer siegte?«

»Niemand, selbstverständlich. Wir kamen später zu den ewigalten Fragen, schwebten in höheren Regionen.«

»Was meinst du, Rodja, worauf sie gestern zu sprechen kamen, -- gibt es oder gibt es keine Verbrecher? Ich sag dir, sie schwatzten das Blaue vom Himmel herunter!«

»Was ist da Merkwürdiges dran? Eine gewöhnliche soziale Frage,« antwortete Raskolnikoff zerstreut.

»Die Frage war nicht so formuliert,« bemerkte Porphyri Petrowitsch.

»Nein, nicht ganz so, das ist wahr,« pflichtete Rasumichin wie gewöhnlich eilig und sich ereifernd bei. »Sieh, Rodion, höre mich an und sage dann deine Meinung. Es wäre mir lieb. Ich wollte gestern geradezu aus der Haut fahren, ich wartete auf dich, denn ich hatte ihnen gesagt, daß du kommen wirst ... Es begann mit der Anschauung der Sozialisten. Die Anschauung ist bekannt, -- das Verbrechen ist ein Protest gegen die anormale soziale Einrichtung, und -- mehr nichts, keine andern Gründe wurden zugelassen, -- nichts mehr! ...«

»Da schwindelst du schon!« rief Porphyri Petrowitsch. Er wurde sichtbar belebter und lachte alle Augenblicke, indem er Rasumichin ansah, der dadurch noch mehr in Hitze kam.