Sämtliche Werke 1-2

Part 17

Chapter 173,808 wordsPublic domain

»Das habe ich aus Schuftigkeit gesagt ... Meine Mutter muß beinahe betteln gehen ... und ich log, damit man mich wohnen ließe und ... mir zu essen gebe,« sagte Raskolnikoff laut und deutlich.

»Ja, das hast du vernünftig gemacht. Nur die Sache war die, daß sich ein Herr Tschebaroff einfand, Hofrat und Geschäftsmann. Die liebe Praskovja hätte ohne ihn nichts unternommen, sie ist doch zu schüchtern. Na, ein Geschäftsmann aber ist nicht schüchtern, und das erste, was er selbstverständlich tat, war, ihr die Frage vorzulegen, ob Aussicht da sei, daß der Wechsel eingelöst werde? Die Antwort lautete, -- ja, denn es gibt so eine Mutter, die mit ihrer Pension von hundertundfünfundzwanzig Rubel dem Rodenka helfen würde, wenn sie auch selbst hungern müßte, und es gibt noch eine Schwester, die für ihren Bruder sich schinden lassen würde. Darauf baute der Geschäftsmann ... Halte dich nur ruhig! Ich habe jetzt alle deine Geheimnisse erfahren, Bruder, du warst nicht umsonst gegen die liebe Praskovja offen, als du noch auf verwandtschaftlichem Fuße mit ihr standest, jetzt aber sage ich dir dies alles in aller Liebe ... Da haben wir es, ein ehrlicher und gefühlvoller Mensch ist offen, spricht sich aus, ein Geschäftsmann aber hört zu und kaut dazu und verspeist zu guter Letzt. Sie überließ also diesen Wechsel, als hätte sie dafür Zahlung erhalten, jenem Tschebaroff, und er genierte sich nicht und forderte die Summe auf gesetzlichem Wege. Ich wollte, als ich dies alles erfuhr, ihm zur Beruhigung meines Gewissens mit einem kalten Strahl kommen, aber da begann zwischen mir und der lieben Praskovja die Harmonie, und ich ordnete an, daß die Sache im Keime sozusagen erstickt werden sollte, indem ich mich verbürgte, daß du bezahlen wirst. Ich habe mich für dich verbürgt, Bruder, hörst du? Tschebaroff wurde hergerufen, man warf ihm zehn Rubel in den Rachen, nahm den Wechsel ihm ab, und da habe ich die Ehre, ihn Ihnen zu übergeben, -- man glaubt Ihnen nun aufs Wort -- nehmen Sie ihn, er ist von mir, wie es sich gehört, eingerissen.«

Rasumichin legte den Wechsel auf den Tisch; Raskolnikoff blickte ihn an und wandte sich ohne ein Wort zu sagen gegen die Wand. Rasumichin berührte es peinlich.

»Ich sehe, Bruder,« sagte er nach einer Weile, »daß ich wieder eine Dummheit gemacht habe. Ich dachte dich zu zerstreuen und mit Geplauder zu erheitern, habe aber, wie es scheint, deine Galle aufgerührt.«

»Du warst es, den ich im Fieber nicht erkannte?« fragte Raskolnikoff nach einigem Schweigen, ohne den Kopf umzuwenden.

»Ja, ich war es, und du gerietest sogar aus diesem Grunde in Wut, besonders, als ich einmal Sametoff mitbrachte.«

»Sametoff? ... Den Sekretär? ... Warum?« Raskolnikoff wandte sich schnell um und starrte Rasumichin an.

»Ja, was ist dir ... Warum regst du dich auf? Er wollte mit dir bekannt werden; hatte selbst den Wunsch geäußert, weil ich viel mit ihm über dich gesprochen habe ... Von wem hätte ich denn sonst soviel über dich erfahren. Er ist ein prächtiger Bursche, Bruder, wundervoll ... selbstverständlich in seiner Art. Jetzt sind wir Freunde, fast täglich sehen wir uns. Ich bin in dieses Revier übergesiedelt. Du weißt es noch nicht? Ich bin soeben umgezogen. Bei der Louisa waren wir ein paarmal. Erinnerst du dich an Louisa Iwanowna?«

»Habe ich phantasiert?«

»Und ob? Du warst ja ganz ohne Bewußtsein.«

»Worüber habe ich phantasiert?«

»Nanu! Worüber du phantasiert hast? Es ist begreiflich, worüber man phantasiert ... Nun, Bruder, wir wollen jetzt keine Zeit mehr verlieren, zur Arbeit.«

Er stand vom Stuhle auf und nahm seine Mütze.

»Worüber habe ich phantasiert?«

»Er läßt nicht davon. Hast du Angst vor einem Geheimnis? Sei ruhig, von -- einer Gräfin wurde nichts geredet. Aber von einer Bulldogge, von Ohrgehängen und von allerhand Ketten, von der Krestowski-Insel und von einem Hausknecht, von Nikodim Fomitsch und von Ilja Petrowitsch, seinem Gehilfen hast du viel gesprochen. Ja, und außerdem geruhtest du dich sogar sehr für deinen Strumpf zu interessieren. Klagtest: >Gebt ihn,< sagtest du, >bitte<. Sametoff suchte in eigener Person in allen Winkeln deine Strümpfe zusammen und überreichte dir den Schund mit seinen parfümierten und mit Ringen besetzten Händen. Dann erst beruhigtest du dich und hieltest diesen Schund Tag und Nacht in den Händen, man konnte es dir nicht wegnehmen. Wahrscheinlich liegt er auch jetzt irgendwo unter deiner Decke. Und dann batest du um Fransen von den Hosen, du batest mit Tränen darum. Wir versuchten zu erfahren, was für Fransen du wünschtest? Aber man konnte nichts verstehen ... Nun, an die Arbeit. Hier sind fünfunddreißig Rubel, ich nehme zehn davon, und nach ein paar Stunden werde ich Rechenschaft darüber abgeben. Unterdessen will ich Sossimoff benachrichtigen, obwohl er ohnedem längst hier sein müßte, denn es geht auf zwölf. Sie aber, Nastasja, sehen öfters nach, während ich fort bin, und sorgen für ein Getränk oder etwas anderes, was er wünschen sollte ... Und der lieben Praskovja werde ich selbst gleich sagen, was nötig ist. Auf Wiedersehen!«

»Liebe Praskovja nennt er sie! Ach, du schlauer Kerl!« -- sagte Nastasja hinter ihm drein.

Dann öffnete sie die Tür und begann zu horchen, aber sie hielt es nicht aus und lief hinunter. Es interessierte sie doch zu sehr, was er mit der Wirtin sprach; überhaupt konnte man sehen, daß sie von Rasumichin ganz bezaubert war.

Kaum schloß sich die Tür hinter ihr, als der Kranke die Decke von sich warf und wie wahnsinnig aus dem Bette sprang. Mit brennender, krampfhafter Ungeduld hatte er gewartet, daß sie schneller fortgehen würden, um sofort etwas zu tun. Aber was denn, was wollte er tun? -- ihm schien es, als mußte es so sein, jetzt vergessen zu haben.

»Oh, Gott! Sag' du mir nur eins -- wissen sie alles oder wissen sie noch nichts? Aber wenn sie schon alles wissen und sich bloß so anstellen, mich irreführen, solange ich liege, um dann plötzlich einzutreten und zu sagen, daß alles schon längst bekannt sei und daß sie bloß so ... Was soll ich jetzt tun? Ich habe es vergessen, vergessen; plötzlich ist es mir entschwunden und eben noch wußte ich es! ...«

Er stand mitten im Zimmer und blickte in qualvoller Unentschlossenheit ringsumher; er ging zur Tür, öffnete sie und lauschte, aber das war es nicht. Plötzlich, als hätte er sich erinnert, stürzte er zu der Ecke, wo hinter den Tapeten das Loch war, sah alles nach, steckte die Hand in das Loch und scharrte nach, aber auch das war es nicht. Er ging zum Ofen, öffnete die Tür und begann in der Asche zu scharren; die Fransen von der Hose und die Fetzen der zerrissenen Tasche lagen noch umher, wie er sie hineingeworfen hatte, also hat niemand nachgesehen. Da erinnerte er sich des Strumpfes, von dem Rasumichin soeben erzählt hatte. In der Tat, er lag auf dem Sofa unter der Decke, aber er war so abgenutzt und beschmutzt, daß Sametoff sicher nichts hatte sehen können.

»Bah, Sametoff ... das Polizeibureau! ... Warum ladet man mich ins Polizeibureau? Wo ist die Vorladung? Bah! ... ich verwechsele ... das war damals! Ich habe schon da den Strumpf besehen und jetzt ... jetzt war ich krank. Warum ist aber Sametoff hergekommen? Warum hat Rasumichin ihn mitgebracht? ...« murmelte er, ganz schwach, und setzte sich auf das Sofa. »Was ist denn? Phantasiere ich weiter oder ist es Wirklichkeit? Es scheint Wirklichkeit zu sein ... Ah, ich erinnere mich, ich muß fliehen! Schnell fliehen, unbedingt, unbedingt fliehen! Ja ... aber wohin? Und wo sind meine Kleider? Die Stiefel sind nicht da. Man hat sie weggeschafft! Hat sie versteckt! Ich verstehe es! Ah, da ist der Mantel -- den haben sie übersehen. Hier auf dem Tische liegt auch Geld, Gott sei Dank! Da ist auch der Wechsel ... Ich nehme das Geld und gehe fort, will mir eine andere Wohnung mieten, sie werden mich nicht finden! ... Ja, aber das Adreßbureau? Sie werden mich finden! Rasumichin wird mich finden. Es ist besser, ganz weit zu fliehen ... nach Amerika ... und ich pfeif' auf sie! Ich will auch den Wechsel nehmen ... dort kann er von Nutzen sein ... Was soll ich noch mitnehmen? Sie denken, ich sei krank. Sie wissen es nicht, daß ich gehen kann, hehehe! ... Ich habe es an ihren Augen erraten, daß sie alles wissen. Wenn ich nur die Treppe hinunterkäme! Aber wenn sie dort Wächter aufgestellt haben ... Polizeibeamte! Ist das Tee? Ah, Bier ist auch übriggeblieben, eine halbe Flasche, es ist kalt!«

Er nahm die Flasche, in der noch ein ganzes Glas übrig war, und trank sie in einem Zuge mit Genuß aus, als lösche er ein Feuer in seiner Brust. Aber es verging kaum eine Minute, da stieg ihm das Bier zu Kopfe und längs dem Rücken durchzog ihn ein leichtes, doch angenehmes Frösteln. Er legte sich hin und zog die Decke über sich. Seine Gedanken, die ohnedem krankhaft und ohne Zusammenhang waren, verwirrten sich immer mehr, und bald überfiel ihn ein leichter und angenehmer Schlaf. Mit Wonne suchte er mit dem Kopf eine Stelle in den Kissen aus, wickelte sich fester in die weiche wattierte Decke ein, die jetzt an Stelle des zerrissenen Mantels über ihm lag, seufzte leise und fiel in einen tiefen, festen, kräftigenden Schlaf.

Er erwachte, als er jemand in das Zimmer eintreten hörte, öffnete die Augen und erblickte Rasumichin, der die Türe weit geöffnet hatte und auf der Schwelle stand, unentschlossen, ob er eintreten solle oder nicht. Raskolnikoff erhob sich schnell und blickte ihn an, als gäbe er sich Mühe, sich auf etwas zu besinnen.

»Ah, du schläfst nicht; nun, da bin ich! Nastasja, schlepp' das Bündel her!« rief Rasumichin hinunter. »Du erhältst sofort Abrechnung ...«

»Wieviel Uhr ist es?« fragte Raskolnikoff und blickte erregt um sich.

»Du hast tüchtig geschlafen, Bruder; es ist Abend, etwa um sechs Uhr. Du hast über sechs Stunden geschlafen ...«

»Oh, Gott! Was ist mit mir! ...«

»Ja, was soll denn sein? Zur Gesundheit ist's! Wohin treibt's dich denn? Zu einem Stelldichein etwa? Die ganze Zeit gehört jetzt uns. Ich warte schon drei Stunden, war ein paarmal hier, da du schliefst. Bei Sossimoff war ich auch zweimal, er ist nicht zu Hause und basta! Das tut nichts, er wird schon kommen! ...

In eigenen Angelegenheiten war ich auch fortgewesen. Ich bin ja heute umgezogen, fix und fertig umgezogen mit meinem Onkel zusammen. Ich habe nämlich jetzt einen Onkel ... Nun aber zum Teufel damit, jetzt zur Sache. Gib mal das Bündel her, Nastasja. Wir wollen es gleich besorgen. Und wie fühlst du dich?«

»Ich bin gesund, bin nicht krank ... Rasumichin, bist du schon lange hier?«

»Ich sage dir, ich warte seit drei Stunden.«

»Nein, ich meine vorher?«

»Was vorher?«

»Seit wann kommst du hierher?«

»Ich habe es dir doch erzählt oder erinnerst du dich nicht?«

Raskolnikoff sann nach. Wie im Traume schwebte ihm das vorhin Geschehene vor. Allein er konnte sich nicht entsinnen und blickte fragend Rasumichin an.

»Hm!« sagte dieser. »Du hast es vergessen. Mir schien es schon damals, daß du noch nicht ganz ... Jetzt nach dem Schlafe hast du dich erholt ... Tatsächlich, du siehst besser aus. Braver Junge! Nun aber zur Sache. Du wirst dich gleich erinnern. Sieh mal her, lieber Bursche.«

Er begann das Bündel aufzumachen, das ihn sichtlich außerordentlich interessierte. »Das, glaube mir, lag mir besonders auf dem Herzen. Denn man muß doch aus dir einen Menschen machen. Wollen wir anfangen, und zuerst von oben. Siehst du dieses Kaskett?« sagte er, indem er aus dem Bündel eine ziemlich hübsche, aber auch sehr einfache und billige Mütze hervorholte. -- »Laß es dir mal anprobieren.«

»Nachher ... später,« -- sagte Raskolnikoff, sich mürrisch wehrend.

»Nein, Rodja, sträube dich nicht, sonst wird es zu spät und auch ich werde die ganze Nacht nicht einschlafen können, weil ich es ohne Maß aufs Geratewohl gekauft habe. Es paßt genau!« -- rief er triumphierend aus, nachdem er die Mütze anprobiert hatte, -- »paßt, wie angemessen! Die Kopfbedeckung, Bruder, ist der wichtigste Teil des Anzuges, eine tote Empfehlung. Mein Freund Tolstjakoff muß jedesmal seine Kopfbedeckung abnehmen, wenn er irgendwo hinkommt, wo alle anderen in Hüten und Mützen herumstehen. Alle glauben, er tue es aus sklavischer Empfindung, nein, er schämt sich einfach seines Vogelnestes; er ist mal schon so schüchtern. Nun, Nastenka, hier haben Sie zwei Kopfbedeckungen (er holte aus einer Ecke den zerdrückten runden Hut von Raskolnikoff, den er Gott weiß warum Palmerston nannte) -- diesen Palmerston und dieses Kleinod. Taxiere mal. Rodja, was meinst du, das ich dafür bezahlt habe? Nastasjuschka?« -- wandte er sich an sie, als er sah, daß Raskolnikoff schwieg. »Zwanzig Kopeken wirst du wahrscheinlich gegeben haben«, -- antwortete Nastasja.

»Zwanzig Kopeken, Dummkopf!« -- rief er beleidigt aus, -- »heutzutage kauft man auch dich nicht mal für zwanzig Kopeken. Achtzig Kopeken habe ich bezahlt! Und auch deshalb nur, weil sie schon getragen ist. Jedoch mit der Bedingung, daß du im nächsten Jahre eine andere umsonst erhältst, wenn diese abgetragen ist, bei Gott! Nun wollen wir zu den Vereinigten Staaten von Amerika, wie man bei uns im Gymnasium sagte, übergehen. Ich sage im voraus, daß ich auf die Hosen stolz bin!« -- und er breitete vor Raskolnikoff ein paar graue Beinkleider aus leichtem, wollenem Sommerstoff aus. -- »Weder ein Löchlein, noch ein Fleckchen, dafür aber sehr anständig, obwohl sie getragen sind, ebensolch eine Weste, in derselben Farbe, wie es die Mode verlangt. Und daß sie getragen sind, ist offen gestanden auch besser, sie sind weicher, zarter ... Siehst du, Rodja, um in der Welt eine Karriere zu machen, genügte es, meiner Meinung nach, sich stets nach der Saison zu richten; wenn man im Monat Januar keinen Spargel ißt, behält man im Beutel ein paar Rubel mehr; ebenso ist es mit diesem Kauf. Wir haben jetzt die Sommersaison, und da habe ich auch danach den Einkauf gemacht, denn zur Herbstsaison wird so wie so ein wärmerer Stoff vonnöten sein, also muß man es fortwerfen ... um so mehr, als dies alles bis dahin von selbst verfallen wird, wenn nicht aus stärker gewordenem Luxusbedürfnis, so aus inneren Zerrüttungen. Nun taxiere sie mal. Wieviel meinst du? -- Zwei Rubel fünfundzwanzig Kopeken! Und vergiß nicht mit derselben Bedingung, hast du sie vertragen, erhältst du im nächsten Jahre ein anderes Paar umsonst. In Fedjajeffs Laden handelt man nicht anders: man bezahlt nur einmal und hat fürs ganze Leben genug, denn ein zweites Mal geht man selbst nicht hin. Jetzt zu den Stiefeln, -- wie gefallen sie dir? Man sieht es wohl, daß sie getragen sind, aber ein paar Monate halten sie noch aus, denn es ist ausländische Arbeit und ausländische Ware; der Sekretär der englischen Botschaft hat sie vorige Woche auf dem Trödelmarkte losgeschlagen, er hat sie nur sechs Tage getragen, brauchte aber sehr notwendig Geld. Der Preis ist ein Rubel fünfzig Kopeken. Ist das nicht ein glücklicher Einkauf?«

»Aber vielleicht passen sie nicht!« -- bemerkte Nastasja.

»Nicht passen! Und was ist das?« -- er zog aus der Tasche den alten, eingetrockneten, zerrissenen, ganz mit altem Schmutz bedeckten Stiefel Raskolnikoffs. -- »Ich bin mit Vorrat hingegangen; nach diesem Scheusal hat man das richtige Maß festgestellt. Alles war sorgfältig bedacht. Und wegen der Wäsche habe ich mich mit der Wirtin beraten. Da sind drei leinene Hemden, mit modernen Kragen ... Also nun die Rechnung: achtzig Kopeken die Mütze, zwei Rubel fünfundzwanzig die übrigen Kleider, im ganzen drei Rubel und fünf; ein Rubel und fünfzig die Stiefel, -- weil sie gar so gut sind, -- macht vier Rubel fünfundfünfzig und die ganze Wäsche fünf Rubel -- wir haben einen Engrospreis gemacht, -- ist in Summa neun Rubel fünfundfünfzig Kopeken. Den Rest -- fünfundvierzig Kopeken in Kupfer bitte ich zurückzunehmen, da lege ich sie hin. Und nun, Rodja, bist du in deiner ganzen Kleidung hergestellt, denn dein Mantel kann, meiner Meinung nach, nicht bloß weiterdienen, sondern er macht sogar einen besonders anständigen Eindruck; das macht, wenn man bei einem guten Schneider arbeiten läßt. Was Strümpfe und das übrige anbelangt, das überlasse ich dir selbst; wir haben an Geld noch fünfundzwanzig Rubel; wegen der lieben Praskovja und der Miete kannst du ruhig sein. Ich sage dir, du hast einen unbegrenzten Kredit. Jetzt aber erlaube mal, dir die Wäsche zu wechseln, Bruder, vielleicht steckt die Krankheit jetzt bloß noch im Hemde ...«

»Laß es! Ich will nicht!« wehrte sich Raskolnikoff, der voll Widerwillen dem gesucht neckischen Bericht Rasumichins über den Einkauf der Sachen zugehört hatte.

»Das geht nicht an, Bruder. Warum habe ich mich denn abgeschunden!« bestand Rasumichin auf seinem Verlangen. »Nastasjuschka, genieren Sie sich nicht, sondern helfen Sie, -- so, so!«

Und ungeachtet des Widerstandes Raskolnikoffs, hatte er ihm doch die Wäsche gewechselt. Der aber fiel auf die Kissen zurück und ein paar Minuten redete er kein Wort.

»Die werde ich noch lange nicht los!« dachte er.

»Von welchem Gelde ist denn dies alles gekauft?« fragte er endlich, indem er nach der Wand blickte.

»Von welchem Gelde? Das ist mal eine Frage! Doch von deinem eigenen. Vorhin war doch der Bureaudiener von Wachruschin hier, deine Mutter hat es dir gesandt, oder hast du auch das vergessen?«

»Jetzt erinnere ich mich ...« sagte Raskolnikoff nach langem und düsterem Nachdenken. Rasumichin sah ihn hin und wieder voll Unruhe mit zusammengezogenen Brauen an. Da öffnete sich die Türe und ein großer kräftiger Mann trat ein, der dem Aussehen nach Raskolnikoff schon ein wenig bekannt vorkam.

»Sossimoff! Endlich!« rief Rasumichin erfreut aus.

IV.

Sossimoff war groß und dick, mit einem gedunsenen, farblosen, blassen und glattrasierten Gesichte, hatte helles glattes Haar, trug eine Brille und an einem seiner fetten Finger saß ein großer goldener Ring. Er war etwa siebenundzwanzig Jahre alt. Unter einem weiten, eleganten, leichten Überzieher sahen helle Sommerbeinkleider hervor; alles war an ihm weit, elegant und nagelneu, die Wäsche war tadellos und die Uhrkette massiv. Seine Bewegungen waren langsam, es lag in seiner Trägheit gleichzeitig eine gesuchte Ungezwungenheit; eine Überhebung, die er übrigens stark zu verbergen suchte, kam immer wieder zum Vorschein. Alle, die ihn kannten, fanden ihn schwerfällig, gaben jedoch zu, daß er seine Sache verstände.

»Ich bin zweimal bei dir gewesen, Bruder ... Siehst du, er ist zu sich gekommen!« rief Rasumichin aus.

»Ich sehe, sehe es. Nun, wie fühlen wir uns jetzt?« wandte sich Sossimoff an Raskolnikoff, indem er ihn aufmerksam betrachtete und sich zu ihm auf das Sofa zu seinen Füßen setzte, wobei er sich sofort nach Möglichkeit breit machte. »Er ist immer schlechter Laune,« fuhr Rasumichin fort, »wir haben ihm soeben die Wäsche gewechselt, da fing er fast zu weinen an.«

»Das ist begreiflich; die Wäsche konnte man auch später wechseln, wenn er es selbst wünscht ... Der Puls ist prächtig. Der Kopf tut immer noch ein wenig weh, ja?«

»Ich bin gesund, bin vollkommen gesund!« sagte hartnäckig und gereizt Raskolnikoff, indem er sich gleichzeitig vom Sofa erhob und mit den Augen blitzte, er fiel aber sofort auf das Kissen zurück und wandte sich der Wand zu.

Sossimoff beobachtete ihn aufmerksam.

»Sehr gut ... alles, wie es sich gehört,« sagte er träge. »Hat er etwas gegessen?«

Man sagte es ihm und fragte, was man geben könne.

»Ja, alles kann man ihm geben ... Suppe, Tee ... Pilze und Gurken selbstverständlich nicht, na, und Fleisch ist auch nicht nötig und ... was ist da weiter zu reden! ...«

Er wechselte einen Blick mit Rasumichin.

»Die Arznei weg und alles weg; morgen will ich wieder nachsehen ... Es wäre heute ... na, einerlei ...«

»Morgen abend gehe ich mit ihm spazieren!« beschloß Rasumichin. »In den Jussupoff-Garten, und nachher gehen wir in den Kristallpalast.«

»Morgen würde ich ihm noch nicht raten, sich Bewegung zu machen, übrigens aber ... ein wenig ... na, wir wollen sehen.«

»Ach, es ist schade, heute weihe ich gerade meine Wohnung ein, es sind ja nur zwei Schritte von hier; wenn er auch dabei sein könnte! Er könnte ja auf dem Sofa unter uns liegen. Du wirst doch kommen?« wandte sich Rasumichin plötzlich an Sossimoff. »Vergiß es nicht, du hast versprochen.«

»Vielleicht komme ich, aber ein wenig später. Was hast du denn?«

»Ja, nichts besonderes, Tee, Schnaps, Hering. Eine Pirogge gibt es; nur die nächsten Bekannten kommen.«

»Wer denn?«

»Ja, alle aus der nächsten Nachbarschaft und fast lauter neue, ausgenommen den alten Onkel und neu ist der auch. Er ist gestern nach Petersburg in eigenen Angelegenheiten gekommen; alle fünf Jahre sehen wir uns.«

»Wo ist er?«

»Er hat sein Lebelang in einer Kreisstadt als Postmeister vegetiert ... erhält eine kleine Pension, ist fünfundsechzig Jahre alt, es lohnt sich nicht, darüber zu sprechen ... Ich habe ihn übrigens gern. Porphyri Ssemenowitsch wird auch kommen, der hiesige Untersuchungsrichter ... er ist aus dem Richterstande. Ja, du kennst ihn doch ...«

»Ist er auch ein Verwandter von dir?«

»Ganz weitläufig; warum siehst du so verdrießlich aus? Weil ihr euch einmal gezankt habt, wirst vielleicht deshalb nicht kommen?«

»Ah, ich pfeife auf ihn ...«

»Das ist auch das beste. Nun und außerdem -- Studenten, ein Lehrer, ein Beamter, ein Musiker, ein Offizier, Sametoff ...«

»Sag mir bitte, was kann zwischen dir oder dem da,« Sossimoff wies auf Raskolnikoff, »und einem Sametoff gemeinsames sein?«

»Ach, du Nörgler! Prinzipienreiter! ... Du bist ja ganz mit Prinzipien ausgestopft wie ein Kissen mit Federn, bist schon ganz ihr Sklave. Meine Meinung ist, wenn ein Mensch gut ist, -- so ist er mir angenehm, und das ist mein Prinzip. Und Sametoff ist ein ganz prächtiger Bursche.«

»Und läßt sich schmieren.«

»Nun ja, was macht es, wenn er sich schmieren läßt, ich pfeife darauf. Was ist da dabei, wenn er sich schmieren läßt!« rief plötzlich Rasumichin unnatürlich gereizt aus, -- »hab ich ihn denn gelobt, weil er sich schmieren läßt? Ich sagte, daß er nur in seiner Art gut sei. Und wenn man alle so genau nach jeder Seite besehen würde, dann würden nicht viel gute Menschen übrig bleiben. Ich bin überzeugt, daß man dann für mich, mit allen Eingeweiden zusammen, eine gebackene Zwiebel geben würde, und auch nur mit dir als Zugabe! ...«

»Das ist wenig; ich will für dich zwei geben ...«

»Und ich für dich nur eine! Mach mir keine weiteren Witze! Sametoff ist noch ein dummer Junge, ich werde ihn noch oft an den Haaren zupfen, man muß ihn an sich ziehen und nicht von sich stoßen. Wenn man einen Menschen abstößt, verbessert man ihn nicht, um so mehr, wenn er ein unreifer Junge ist. Mit einem Jungen soll man noch einmal so vorsichtig sein. Ach, ihr progressiven Dummköpfe, nichts versteht ihr! Ihr achtet nicht den Menschen, und schadet euch selbst ... Und wenn du es wissen willst, wir haben ein gemeinsames Interesse.«

»Das möchte ich wissen.«

»Ja, es ist in der Sache mit dem Maler, das heißt dem Anstreicher ... Wir werden ihn schon loskriegen! Übrigens ist jetzt auch keine Gefahr mehr. Die Sache ist jetzt klipp und klar! Wir wollen sie bloß beschleunigen.«

»Was ist das für ein Anstreicher?«

»Wie, habe ich dir denn nicht davon erzählt? Ja, richtig, ich habe dir nur den Anfang erzählt ... von der Ermordung der alten Pfandleiherin, der Beamtenwitwe ... nun und darein ist jetzt ein Anstreicher verwickelt ...«

»Von diesem Morde habe ich schon früher gehört, bevor du es mir erzähltest, und ich interessiere mich sehr für diese Sache ... teilweise ... aus einem besonderen Grunde ... ich las in den Zeitungen darüber. Aber siehst du ...«

»Lisaweta hat man auch ermordet!« platzte plötzlich Nastasja heraus, indem sie sich an Raskolnikoff wandte.

Sie hatte die ganze Zeit an die Tür gelehnt zugehört.

»Lisaweta?« murmelte Raskolnikoff mit kaum hörbarer Stimme.

»Lisaweta, die Händlerin, weißt du es nicht? Sie kam öfters hierher in unser Haus, hat dir auch ein Hemd ausgebessert.«