Sämtliche Werke 1-2

Part 16

Chapter 163,768 wordsPublic domain

Er drückte die Münze fest in die Hand, ging etwa zehn Schritte und wandte sich mit dem Gesichte zur Newa, in der Richtung des Winterpalais. Der Himmel war ohne die geringste Wolke und das Wasser fast blau, was so selten auf der Newa vorkommt. Die Kuppel des Domes, der von keinem Punkte sich besser hervorhebt, als von der Brücke aus, leuchtete förmlich, durch die reine Luft konnte man jede Verzierung deutlich wahrnehmen. Der Schmerz vom Peitschenhieb hatte nachgelassen, und Raskolnikoff hatte den Hieb vergessen; ein unruhiger und nicht ganz klarer Gedanke beschäftigte ihn jetzt ausschließlich. Er stand und schaute lange und unverwandt in die Ferne; diese Stelle kannte er besonders gut. Als er noch zur Universität ging, geschah es gewöhnlich, -- meistens auf dem Rückwege nach Hause, -- daß er gerade an dieser Stelle stehn blieb, um unverwandt dieses prachtvolle Panorama zu betrachten, und jedesmal mußte er über den Eindruck, den er sich nicht erklären konnte, staunen. Eine unerklärliche Kälte wehte ihm stets von diesem wundervollen Panorama entgegen; dieses prächtige Bild war für ihn von einem stillen und dumpfen Geiste erfüllt ... Er wunderte sich jedesmal über seinen düsteren und rätselhaften Eindruck und schob die Lösung, ohne zu wissen warum, in die Zukunft. Jetzt erinnerte er sich deutlich seiner früheren Fragen und Zweifel, und es schien ihm, als hätte er sich nicht rein zufällig ihrer erinnert. Schon der Umstand erschien ihm merkwürdig und wunderlich, daß er auf derselben Stelle, wie früher, stehengeblieben war, als bilde er sich wirklich ein, daß er jetzt über dasselbe, wie ehedem, nachsinnen und sich für ebensolche Themen und Bilder interessieren könne, wie er es früher ... noch unlängst getan. Ihm wurde fast lächerlich zumute und gleichzeitig schnürte es ihm die Brust zu. In der Tiefe, tief unten in einem ungeheuren Abgrunde versunken, erschien ihm jetzt die ganze Vergangenheit, die früheren Gedanken, die alten Ziele und Probleme, die damaligen Eindrücke und dieses ganze Panorama, und er selbst und alles ... Ihm schien, als fliege er irgendwo hinauf, und alles verschwinde aus seinen Augen ... Indem er eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand machte, fühlte er wieder in seiner geballten Faust die zwanzig Kopeken. Er öffnete die Hand, blickte aufmerksam das Geldstück an und schleuderte es ins Wasser; dann wandte er sich um und ging nach Hause. Ihm schien es, als hätte er in diesem Augenblick seine ganze Vergangenheit mit einer Schere abgeschnitten.

Es war am Abend, als er nach Hause kam, also mußte er im ganzen gegen sechs Stunden gewandert sein. Welchen Weg, und wie er zurückgekommen war, erinnerte er sich gar nicht. Er kleidete sich aus, und zitternd am ganzen Körper, wie ein abgehetztes Pferd, legte er sich auf das Sofa, zog seinen Mantel über sich und fiel sofort in Bewußtlosigkeit ...

Er wurde in völliger Dämmerung von einem furchtbaren Geschrei aufgestört. Oh, Gott, was ist das für ein Geschrei! Solche unnatürlichen Töne, solch ein Geheul, Stöhnen, Knirschen, Weinen, Schläge und Schimpfen hatte er noch nie vernommen. Er konnte sich nicht mal solchen Greuel, solche Raserei vorstellen. Voll Schrecken erhob er sich und setzte sich in seinem Bette auf; schwer atmend litt er Qualen. Die Schläge, das Geschrei und die Schimpfwörter wurden immer stärker und stärker. Er vernahm zu seiner größten Verwunderung die Stimme seiner Wirtin. Sie heulte, kreischte und klagte, sie sprach die Worte in so eiliger Hast, daß man nicht verstehen konnte, um was sie flehte, -- gewiß, daß man aufhören sollte, sie zu schlagen, denn man prügelte sie auf der Treppe unbarmherzig. Die Stimme des Schlagenden war so schauerlich vor Wut und Raserei, daß er bloß noch röchelte, und er sprach ebenso unverständlich, hastig und sich verschluckend. Plötzlich bebte Raskolnikoff am ganzen Körper; er hatte die Stimme von Ilja Petrowitsch erkannt. Er ist hier und schlägt die Wirtin! Er schlägt sie mit Fäusten, stößt ihren Kopf auf die Stufen, -- das ist klar, man hörte es an dem Ton, am Geheul, an den Schlägen! Was ist denn geschehen, hat sich die Welt gewendet? Man hörte, wie aus allen Stockwerken, auf der ganzen Treppe sich Menschen ansammeln, Stimmen, Ausrufe erschallen, man läuft, trampelt, schlägt die Türen zu, rennt zusammen. »Aber weshalb denn, weshalb und wie ist es denn möglich?« wiederholte er und glaubte in allem Ernste, er hätte den Verstand verloren. Aber nein, er hört es doch zu deutlich! ... Also wird man auch zu ihm gleich kommen, »denn ... das ist sicher wegen desselben ... wegen des gestrigen ... Oh, Gott!« Er wollte die Tür zuhaken, konnte aber die Hand nicht erheben ... und es wäre ja nutzlos. Die Angst lag auf seiner Seele wie Eis, hatte ihn zermartert, ihn erstarrt ... Aber nach und nach hörte dieser Spektakel, der sicher gegen zehn Minuten gedauert hatte, auf. Die Wirtin stöhnte und ächzte, Ilja Petrowitsch drohte und schimpfte noch immer ... Endlich schien auch er ruhiger geworden zu sein; jetzt hörte man ihn nicht mehr. »Ist er fortgegangen? Oh, Gott!« Ja, nun geht auch die Wirtin fort, sie stöhnt und weint noch immer ... nun schlug sie auch ihre Türe zu ... Jetzt gehen die Menschen die Treppe hinunter in ihre Wohnungen, -- sie bedauern, streiten, rufen einander zu, bald erhebt sich ihr Gerede bis zum Geschrei, bald sinkt es zum Flüstertone. Wahrscheinlich waren es viele gewesen, fast das ganze Haus war zusammengelaufen. »Aber, mein Gott, ist denn das alles möglich! Und warum, warum kam er hierher!«

Raskolnikoff fiel kraftlos auf das Sofa hin, aber er konnte kein Auge schließen; er lag etwa eine halbe Stunde in solcher Qual, in dem unausstehlichen Gefühle eines grenzenlosen Schreckens, wie er ihn noch nie empfunden hatte. Plötzlich erhellte ein greller Schein sein Zimmer, -- Nastasja kam mit einem Lichte und einem Teller Suppe herein. Sie sah ihn aufmerksam an und als sie bemerkte, daß er nicht schlafe, stellte sie das Licht auf den Tisch und begann das Mitgebrachte aufzustellen: Brot, Salz, einen Teller und Löffel ...

»Hast seit gestern wahrscheinlich nichts gegessen? Hast dich den ganzen Tag umhergetrieben, -- im Fieber, wie du bist.«

»Nastasja ... warum schlug man die Wirtin?«

Sie sah ihn aufmerksam an.

»Wer hat die Wirtin geschlagen?«

»Soeben ... vor einer halben Stunde. Ilja Petrowitsch, der Gehilfe des Revieraufsehers, auf der Treppe ... Warum hat er sie so geschlagen. Und ... warum kam er her?«

Nastasja betrachtete ihn schweigend und mit zusammengezogenen Augenbrauen, und sah ihn lange so an. Ihm wurde dieses Anstarren sehr unangenehm, beängstigend.

»Nastasja, warum schweigst du?« sagte er schließlich zaghaft mit schwacher Stimme.

»Das ist das Blut,« antwortete sie leise, als rede sie mit sich selbst.

»Blut! ... Was für ein Blut? ...« murmelte er erbleichend und rückte zur Wand.

Nastasja fuhr fort ihn schweigend zu betrachten.

»Niemand hat die Wirtin geschlagen,« sagte sie endlich in strengem und entschiedenem Tone.

Er sah sie an und atmete kaum.

»Ich habe selbst gehört ... ich habe nicht geschlafen ... ich saß,« sagte er noch zaghafter. »Ich habe lange zugehört ... Der Gehilfe des Revieraufsehers war gekommen ... Alle waren auf der Treppe zusammengelaufen, aus allen Stockwerken ...«

»Niemand ist dagewesen. Es ist das Blut, das in dir spricht. Wenn es keinen Ausweg hat und sich in Klumpen zusammenballt, dann erscheinen einem allerhand Dinge ... Wirst du essen?«

Er antwortete nicht. Nastasja stand immer noch bei ihm, blickte ihn aufmerksam an und ging nicht weg.

»Gib mir zu trinken ... liebe Nastasja.«

Sie ging hinunter und nach ein paar Minuten kehrte sie mit Wasser in einer weißen Tasse zurück, weiter erinnerte er sich nichts mehr, nur noch, wie er einen Schluck kalten Wassers genommen und aus der Tasse auf die Brust verschüttet hatte. Dann hatte er das Bewußtsein verloren.

III.

Er war jedoch nicht ganz besinnungslos während seiner Krankheit; es war ein fieberhafter Zustand mit Traumgesichten und halbem Bewußtsein. An vieles konnte er sich später erinnern. Bald schien es ihm, als versammle sich eine Menge Menschen um ihn, die ihn irgendwohin fort tragen wollten und sich seinetwegen sehr viel stritten und zankten. Bald war er wieder allein im Zimmer, alle waren weggegangen und fürchteten sich vor ihm, nur zuweilen öffnete man die Türe, um ihn zu betrachten, man drohte ihm, verabredete unter sich etwas, lachte und reizte ihn. Nastasja sah er oft um sich, auch unterschied er noch einen Menschen, der ihm sehr bekannt schien, aber wer es war -- konnte er nicht herausbekommen, das peinigte ihn, und er weinte sogar. Manchmal schien es ihm, als liege er schon einen Monat, ein anderes Mal aber -- als wäre es noch derselbe Tag. _Jenes_ aber, _jenes Ereignis_ hatte er völlig vergessen; dafür aber dachte er immerfort, daß er etwas vergessen habe, was er nicht hätte vergessen dürfen, -- er quälte sich, marterte sich, um darauf zu kommen, stöhnte, es überfiel ihn eine rasende Wut oder eine schreckliche unerträgliche Angst. Dann versuchte er aufzustehen, wollte fliehen, aber stets hielt ihn jemand mit Gewalt zurück und er verfiel wieder in Schwäche und Bewußtlosigkeit. -- Endlich kam er ganz zu sich.

Das geschah an einem Morgen um zehn Uhr. Um diese Stunde zog an heiteren Tagen die Sonne stets einen langen Streifen über die rechte Wand des Zimmers und beleuchtete die Ecke an der Tür. An seinem Bette stand Nastasja und noch ein Mann, der ihn mit großem Interesse betrachtete und der ihm völlig unbekannt war. Das war ein junger Bursche in langem Rock, mit einem kleinen Barte, der seinem Aussehen nach ein Kontordiener sein mochte. Hinter der halbgeöffneten Tür blickte die Wirtin hervor. Raskolnikoff erhob sich.

»Wer ist das, Nastasja?« fragte er und wies auf den Burschen.

»Sieh mal, er ist zu sich gekommen!« sagte sie.

»Zu sich gekommen,« wiederholte der Kontordiener.

Als sie hörte, daß er zu sich gekommen sei, schloß die Wirtin sofort die Tür und verschwand. Sie war immer schon schüchtern und vertrug mit Mühe Gespräche und Auseinandersetzungen; sie war gegen vierzig Jahre alt, dick und fett, hatte schwarze Augenbrauen und schwarze Augen, war gutmütig aus Wohlgenährtheit und Faulheit, ziemlich hübsch, genierte sich aber über alle Maßen.

»Wer sind ... Sie?« wandte sich fragend Raskolnikoff an den Kontordiener. In diesem Augenblicke wurde die Türe von neuem weit geöffnet, und gebückt, da er viel zu groß war, trat Rasumichin ein.

»Das ist ja die reinste Schiffskajüte,« rief er beim Eintreten, »immer stoße ich mit der Stirn an. Und das nennt sich eine Wohnung? Und du bist zu dir gekommen, Bruder! Die liebe Praskovja sagte es mir.«

»Er ist soeben zu sich gekommen,« sagte Nastasja.

»Soeben zu sich gekommen,« bestätigte wieder der Kontordiener mit einem Lächeln.

»Wer sind Sie aber, mein Herr?« fragte er plötzlich Rasumichin, sich an ihn wendend. »Ich bin, sehen Sie, Rasumichin, Student, Sohn eines Edelmannes, und er ist mein Freund. Nun, und wer sind Sie?«

»Ich bin in unserm Kontor Diener, beim Kaufmann Schelopajeff, und komme in Geschäften.«

»Nehmen Sie bitte Platz auf diesem Stuhl.«

Rasumichin setzte sich auf einen andern, an der anderen Seite des Tischchens.

»Das hast du gut getan, Bruder, daß du zu dir gekommen bist,« fuhr er fort, sich an Raskolnikoff wendend. »Den vierten Tag schon hast du kaum etwas gegessen oder getrunken. Löffelweise hat man dir ein wenig Tee gegeben. Ich brachte ein paarmal Sossimoff mit. Erinnerst du dich seiner? Er hat dich genau untersucht und sagte sofort, es sei nichts von Bedeutung, -- es hat sich in den Kopf gezogen. Irgendein Unsinn mit den Nerven, sagt er, schlechte Ernährung, zu wenig Bier und Meerrettich habe man dir gegeben, daher auch die Krankheit, aber es habe nichts auf sich, wird bald vergehen und gut werden. Sossimoff ist ein tüchtiger Kerl! Fängt glänzend an damit, daß er dich kuriert. Na, ich will Sie nicht aufhalten,« wandte er sich wieder an den Kontordiener, »wollen Sie Ihre Wünsche erklären? Denk dir, Rodja, das ist schon der zweite Bote aus dem Kontor, mit dem ersten habe ich gesprochen. Wer war es, der vor Ihnen da war?«

»Ich glaube, es war vorgestern; ja es stimmt. Das war Alexei Ssemenowitsch, er ist auch aus unserem Kontor.«

»Er ist wohl gescheiter als Sie, he?«

»Ja, Sie haben recht, er ist solider.«

»Das lobe ich mir, nun, fahren Sie fort.«

»Also, Afanassi Iwanowitsch Wachruschin, von dem, wie ich annehme, Sie öfter gehört haben, sendet Ihnen auf Wunsch Ihrer Frau Mutter, durch unser Kontor eine Anweisung,« begann der Diener, sich direkt an Raskolnikoff wendend.

»Falls Sie wieder bei Bewußtsein sind, soll ich Ihnen fünfunddreißig Rubel überreichen, die an Ssemjon Ssemenowitsch von Afanassi Iwanowitsch auf Wunsch Ihrer Frau Mutter, wie in früheren Fällen, überwiesen werden. Sie kennen ihn doch?«

»Ja ... ich erinnere mich ... Wachruschin ...« sagte Raskolnikoff sinnend.

»Hören Sie -- er kennt den Kaufmann Wachruschin!« rief Rasumichin aus. »Ist er nun nicht bei Bewußtsein? Übrigens, ich merke jetzt auch, daß Sie ebenfalls ein gescheiter Mann sind. Na! Kluge Reden hört man gern.«

»Ja, er ist es, Wachruschin, Afanassi Iwanowitsch, und zufolge des Wunsches Ihrer Frau Mutter, die schon einmal auf diesem Wege Ihnen Geld gesandt hatte, hat er es auch diesmal nicht abgelehnt und hat Ssemjon Ssemenowitsch in diesen Tagen Order erteilt, Ihnen fünfunddreißig Rubel bis auf weiteres zu übergeben.«

»Das ist gut: >bis auf weiteres,< nicht übel war auch das >von Ihrer Frau Mutter<. Nun, also wie ist Ihre Ansicht, -- ist er bei vollem Bewußtsein oder nicht, he?«

»Mir ist es gleich. Sehen Sie, nur die Unterschrift müßte ich haben.«

»Er wird sie schon hinkritzeln. Was haben Sie da, ein Buch etwa?«

»Ein Quittungsbuch, hier.«

»Geben Sie es her. Nun, Rodja, erhebe dich. Ich will dich stützen; unterschreibe mal, nimm die Feder, denn Geld brauchen wir jetzt mehr als Syrup, Bruder.«

»Ist nicht nötig,« sagte Raskolnikoff und stieß die Feder von sich.

»Was ist nicht nötig?«

»Ich werde nicht unterschreiben.«

»Zum Teufel, wie denn ohne Quittung?«

»Ich brauche nicht ... das Geld ...«

»Das Geld brauchst du nicht? Nun, da lügst du, Bruder, ich kann es bezeugen! ... Bitte, beachten Sie es nicht, er tut bloß so ... phantasiert wieder. Das passiert ihm übrigens auch in wachem Zustande ... Sie sind ein verständiger Mann und wir wollen ihn leiten, das heißt, einfach seine Hand führen, er wird dann unterschreiben. Helfen Sie ...«

»Übrigens, ich kann auch ein andres Mal kommen.«

»Nein, nein, warum wollen Sie sich bemühen. Sie sind ein verständiger Mann ... Nun, Rodja, halte den Besuch nicht auf ... du siehst, er wartet,« und er schickte sich in allem Ernste an, Raskolnikoffs Hand zu führen.

»Laß, ich will selbst ...« sagte jener, nahm die Feder und quittierte im Buche.

Der Kontordiener zählte das Geld auf und ging.

»Bravo! Willst du nun essen, Bruder?«

»Ich will essen,« antwortete Raskolnikoff.

»Haben Sie Suppe?«

»Ja, von gestern,« antwortete Nastasja, die die ganze Zeit dabei gestanden hatte.

»Mit Kartoffel und Reis?«

»Ja, mit Kartoffel und Reis.«

»Ich kenne das auswendig. Bringe die Suppe und gib auch Tee.«

»Gleich.«

Raskolnikoff blickte auf alles mit großem Erstaunen und einer dumpfen sinnlosen Angst. Er beschloß zu schweigen und abzuwarten, was weiter kommen würde. »Ich träume nicht, wie es scheint,« dachte er, »es scheint Wirklichkeit zu sein ...«

Nach ein paar Minuten kam Nastasja mit der Suppe zurück und erklärte, daß sofort auch der Tee da sein werde. Mit der Suppe erschienen auch zwei Löffel, zwei Teller und das ganze Zubehör: ein Salzfaß, Pfeffer, Senf für das Fleisch und alles übrige, in einer Ordnung, die schon lange nicht mehr geherrscht hatte. Sogar das Tischtuch war sauber.

»Es wäre nicht schlecht, liebe Nastasja, wenn Praskovja Pawlowna ein paar Flaschen Bier beordern würde. Wir würden sie gerne trinken.«

»Auch noch!« murmelte Nastasja, ging aber, den Befehl auszuführen.

Raskolnikoff begann starr und angestrengt zu beobachten. Unterdessen hatte sich Rasumichin zu ihm auf das Sofa gesetzt; ungeschickt, wie ein Bär, umfaßte er mit der linken Hand Raskolnikoffs Kopf, trotzdem dieser selber sich erheben konnte, und brachte ihm mit der rechten Hand den Suppenlöffel an seinen Mund, nachdem er ein paarmal vorher darauf geblasen hatte, damit er sich nicht verbrenne. Die Suppe war kaum warm. Raskolnikoff verschlang voll Gier einen Löffel, dann einen zweiten und einen dritten. Nachdem er aber ihm noch einige Löffel gereicht, hielt Rasumichin plötzlich inne und erklärte, daß man des weiteren wegen Sossimoff fragen müsse.

Nastasja kam mit zwei Flaschen Bier herein.

»Willst du Tee?«

»Ja, ich möchte gern.«

»Bring mal schnell den Tee, Nastasja, denn was Tee anbelangt, so kann man wohl auch ohne Konsultation auskommen. Na, und hier ist Bier!«

Er setzte sich auf seinen Stuhl, rückte die Suppe und das Fleisch zu sich und begann mit solch einem Appetit zu essen, als hätte er drei Tage nichts bekommen.

»Ich esse jetzt jeden Tag bei euch zu Mittag, lieber Rodja,« brummte er, soweit es ihm der vollgestopfte Mund erlaubte, »und zwar bewirtet mich so die liebe Praskovja, deine Wirtin, und ehrt mich von ganzer Seele. Ich bestehe selbstverständlich nicht darauf, aber protestiere auch nicht dagegen. Da ist Nastasja mit dem Tee. Wie flink du bist! Nastasja, willst du Bier?«

»Ne, du Spaßvogel.«

»Und wie steht es mit Tee?«

»Tee möchte ich wohl.«

»Gieß ein. Warte, ich will dir selbst eingießen; setz dich an den Tisch.«

Er machte sich sofort daran, goß eine Tasse ein, dann eine zweite, ließ sein Essen stehen und setzte sich wieder auf das Sofa hin. Wie früher, umfaßte er mit der linken Hand den Kopf des Kranken, richtete ihn auf und begann ihm den Tee löffelweise einzuflößen, wobei er wieder ununterbrochen und sehr eifrig auf den Löffel blies, als bestände in diesem Blasen das wesentlichste und heilsamste Moment für die Genesung. Raskolnikoff schwieg und sträubte sich nicht, obwohl er genügend Kraft in sich fühlte, sich zu erheben und ohne fremde Hilfe auf dem Sofa zu sitzen, nicht bloß die Hände zu benutzen, um den Löffel oder die Tasse zu halten, sondern vielleicht auch herumzugehen. Aber aus einer eigentümlichen, fast tierischen Schlauheit heraus kam es ihm plötzlich in den Sinn, vorläufig seine Kräfte zu verheimlichen, sich zu verstellen und sich auch nötigenfalls den Anschein zu geben, als verstünde er noch nicht alles, indessen aber zuzuhören und zu erfahren, was um ihn vorgehe. Übrigens überwand er nicht seinen Widerwillen, -- nachdem er etwa zehn Löffel Tee geschlürft hatte, befreite er plötzlich seinen Kopf von der Umarmung, stieß den Löffel von sich und sank wieder auf die Kissen zurück. Unter seinem Kopfe lagen jetzt wirklich Kissen, -- gefüllt mit weichem Flaum und mit sauberen Überzügen bezogen; das hatte er auch schon bemerkt und darüber nachgedacht.

»Die liebe Praskovja muß uns heute noch Himbeersaft schicken, um ihm ein Getränk zu machen,« sagte Rasumichin, indem er seinen Platz wieder einnahm und sich an die Suppe und das Bier machte.

»Wo soll sie den Himbeersaft für dich hernehmen?« fragte Nastasja, die die Untertasse auf ihren ausgespreizten fünf Fingern hielt und den Tee durch ein Stück Zucker hindurchsog.

»Den Himbeersaft wird sie im Laden erhalten, mein Freund. Siehst du, Rodja, während du krank warst, ist hier eine ganze Geschichte passiert. Als du in solcher spitzbübischen Weise von mir ausrücktest und mir deine Wohnung nicht sagtest, packte mich plötzlich eine Wut, daß ich beschloß, dich aufzusuchen und zu strafen. Am selben Tage begann ich schon. Ich wanderte und wanderte umher, fragte hier und fragte dort! Deine jetzige Wohnung hatte ich vergessen, erinnerte mich ihrer auch nicht, weil ich sie gar nicht kannte. Nun, und von der früheren Wohnung wußte ich bloß, daß sie an den Fünfecken lag, im Hause Karlamoff. Ich suchte und suchte dies Haus von Karlamoff, -- und später fand sich's, daß es gar nicht Karlamoff, sondern Buch gehörte, wie man sich zuweilen im Klange irren kann. Na, ich wurde böse, und ging auf gut Glück am anderen Tage in das Adreßbureau, und stell dir vor, -- in zwei Minuten hatte man dich dort herausgefunden. Du bist dort eingetragen.«

»Ich bin dort eingetragen.«

»Das stimmt, aber den General Koboleff, siehst du, konnte man dort gar nicht finden. Na, darüber ließe sich viel reden. Kaum war ich hier eingebrochen, als ich sofort mit allen deinen Angelegenheiten bekannt wurde; mit allen, mit allen, Bruder, ich weiß alles. Nikodim Fomitsch lernte ich kennen, Ilja Petrowitsch zeigte man mir, auch mit dem Hausknecht wurde ich bekannt, ebenso Herrn Alexander Grigorjewitsch Sametoff, dem Sekretär in dem Polizeibureau und zu guter Letzt mit der lieben Praskovja, -- das war die Krone vom ganzen. Sie, Nastasja, weiß es auch ...«

»Er hat sich eingeschmeichelt,« murmelte Nastasja mit einem schelmischen Lächeln.

»Versüßen Sie doch Ihren Tee, Nastasja Nikiforowna.«

»Zum Kuckuck mit dir!« rief plötzlich Nastasja und prustete vor Lachen. »Ich heiße übrigens Nastasja Petrowna und nicht Nikiforowna,« fügte sie hinzu, nachdem sie aufgehört hatte zu lachen.

»Das will ich mir merken. Na, also, Bruder, um nicht viel Worte zu verlieren, ich wollte, siehst du, zuerst hier einen elektrischen Strom durchlassen, um alle Vorurteile in hiesiger Gegend mit einem Male zu vertilgen, aber die liebe Praskovja siegte. Ich hatte gar nicht erwartet, Bruder, daß sie so ... lieb sein würde ... Was meinst du?«

Raskolnikoff schwieg, obwohl er keinen Augenblick seinen erregten Blick von ihm gewandt hatte, und jetzt noch fortfuhr, ihn starr anzublicken.

»Und sogar sehr lieb,« fuhr Rasumichin fort, ohne sich durch Raskolnikoffs Schweigen stören zu lassen, und als bekräftige er dessen Antwort, »und in bester Ordnung in jeder Hinsicht.«

»Das ist einer!« rief Nastasja wieder aus, der dieses Gespräch eine unbeschreibliche Wonne zu bereiten schien.

»Schlimm war es, Bruder, daß du von Anfang an nicht verstanden hast, die Sache richtig anzufassen. Mit ihr mußte man anders verfahren. Sie ist sozusagen ein problematischer Charakter! Doch vom Charakter später ... Eins nur, zum Beispiel, wie konntest du es soweit kommen lassen, daß sie wagte, dir kein Mittagessen zu schicken? Oder zum Beispiel dieser Wechsel? Bist du etwa verrückt geworden, Wechsel zu unterzeichnen. Oder wiederum diese in Aussicht genommene Ehe, als noch die Tochter, Natalja Jegorowna, lebte ... Ich weiß alles! übrigens, ich sehe, daß das eine zarte Angelegenheit ist und ich ein Esel bin; entschuldige bitte. Apropos: Dummheit; Praskovja Pawlowna ist gar nicht so dumm, Bruder, wie man auf den ersten Blick meinen könnte, he?«

»Ja ...« sagte Raskolnikoff gedehnt, indem er zur Seite blickte, aber er begriff, daß es vorteilhafter war, vom Thema nicht abzulenken.

»Nicht wahr?« rief Rasumichin aus, sichtlich erfreut, daß er Antwort bekommen hatte. »Aber auch nicht klug, wie? Ein ganz, ganz unberechenbarer Charakter! Zum Teil bin ich mir selber nicht ganz klar, sage ich dir, Bruder ... Sie wird sicher ihre vierzig sein. Sie sagt, sie sei sechsunddreißig, und das ist ihr gutes Recht. Übrigens, ich schwöre dir, daß ich über sie mehr nach meinem Verstande, rein metaphysisch urteile; hier haben sich Verwicklungen eingestellt, schlimmer, als in der Algebra. Ich begreife nichts! -- Na, das ist lauter Unsinn. Als sie sah, daß du nicht mehr Student bist, weder Stunden noch Kleidung hast, bekam sie Furcht und da sie es nicht nötig hat, nach dem Tode ihrer Tochter dich verwandtschaftlich zu behandeln, und da du deinerseits dich in den Winkel verkrochst und den früheren Verkehr nicht unterhieltest, faßte sie den Entschluß, dich aus der Wohnung hinauszuwerfen. Sie hatte schon lange diese Absicht gehabt, aber der Wechsel tat ihr leid. Außerdem hast du ja selbst versichert, daß deine Mutter bezahlen würde ...«