Samoafahrten

Part 30

Chapter 303,460 wordsPublic domain

Mit einigen der neuen Freunde kletterten wir ins Boot um an Bord zurückzukehren, da sich die Dörfer links am Eingange von Beccari-Cove doch nicht erreichen ließen. Ich sah hier ein größeres, aus acht großen und acht kleinen Häusern bestehend, das Ingros genannt wurde, dahinter auf einer kleinen Insel (Janus-Eiland) noch einige Häuser: Kai. Diese Dörfer lagen jetzt bei Ebbe unnahbar auf einer großen Sand- und Schlammbank, welche die Beccari-Cove nach Süd zu schließen schien. Doch ließ sich in der nördlichen Ecke hinter Tobadi noch eine kleine Insel, Timsau (Slavante-Eiland der holländischen Karte) erblicken, auf der anscheinend Häuser stehen. Beccari-Cove zieht sich übrigens bei Hochwasser noch ziemlich weit nach Südost, hinter dem schmalen Kokosuferstreif hin, ist aber für Schiffe unzugänglich. Alles in allem mag es, mit Einbegriff der Siedelungen in Challenger-Cove, elf Dörfer in Humboldt-Bai geben, hinsichtlich deren Namen zum Teil noch arge Verwirrung herrscht. Die Gesamtbevölkerung schätze ich auf 1500 bis 1800, gegen 5000 in dem Etnareisewerk. Dieser Unterschied rührt wohl weniger von dem Rückgange der Bevölkerung her, sondern liegt hauptsächlich an den viel zu hoch gegriffenen Schätzungen der ersten Besucher.

Die kleine »Samoa« war von weitem kaum zu erkennen; nur Masten und Schornstein ragten aus einer wirren Masse von Kanus hervor. Herr, du meine Güte! welch ein Gewimmel! etliche siebenzig Kanus lagen um den Dampfer, als wäre Jahrmarkt, und es kostete Mühe, sich durchzuarbeiten. Ja, ich wollte gern glauben, daß der Steuermann und die Zehn, welche ihm noch geblieben waren, alle Mühe aufwenden mußten, um die Gesellschaft von Bord abzuhalten. Jetzt kam Hilfe, denn ich besaß ja einigermaßen Erfahrung, um das Geschäft mit übernehmen zu können. Da die »Samoa« so niedrig über Wasser lag, daß ein im Kanu stehender Mann mit dem ausgestreckten Arme den Deckrand erreichen konnte, so war es den Eingeborenen freilich leichter gemacht als auf den sieben Kriegsschiffen, welche sie bisher kennen lernten. Bald an Steuer- bald an Backbord zum Rechten sehend, hatte ich gute Gelegenheit, das interessante Bild zu betrachten. Die Männer glichen ganz den vorhergesehenen, und der junge Krieger von Massilia (S. 333), könnte ebenso gut als Type eines Humboldtianers gelten. Gewöhnlich war ihr Ausputz aber nicht so reich als an diesem, und rote Bemalung, oft das ganze Gesicht und Brust bedeckend, bildete einen hervorragenden Teil desselben, wie Hibiscusblumen und Blätterschmuck. Ziernarben, oft sehr regelmäßige auffallend erhabene Figuren bildend, fanden sich nicht nur an Männern, sondern auch bei Frauen. Die beigegebene Abbildung zeigt eine solche Ziernarbe auf der linken Achsel und zugleich die eigentümlichen Muster der Tätowierung. Ich hatte diese Körperverschönerung seit Dinner-Insel nicht mehr gesehen und freute mich, sie hier wieder zu finden. Übrigens schienen nur Frauen tätowiert und trugen das Haar in dünnen, rotgefärbten Strähnen, ganz wie die Mädchen in Friedrich-Wilhelmshafen (S. 108). Bei der Mehrzahl der Weiber war auf das Haar keine Pflege verwendet. Wenige hatten auch einen so reichen Ohrschmuck an dünnen Schildpattreifen aufzuweisen als die hübsche Frau unseres Bildes. Es gab übrigens mehr niedliche Gesichter, und Humboldt-Bai scheint in ganz Neu-Guinea die schönsten Frauen zu besitzen.

Die guten Geschöpfe kamen gleich kanuweis an und brachten eine Menge Bananen, Yams, Taro, Zuckerrohr, wenig Kokos (Niu) und geräucherte Fische, die sie gern los sein wollten. Aber an Tauschhandel war bei dem Gewimmel gar nicht zu denken. Wollte man irgend etwas haben, dann kletterten gleich so viele herauf, daß man Last hatte, sie wieder herunterzuwerfen. Dazu ein Rufen und Streiten untereinander, kurzum ein unbeschreiblicher Lärm. Es war gut, daß ich meine Einkäufe am Sechstroh gemacht hatte, und ich konnte mein ethnologisches Gewissen beruhigen, indem alle Gegenstände, Geräte, Schmucksachen u. s. w. mit den dortigen ganz übereinstimmten. Da die Gesellschaft nicht an Bord kommen durfte, also nicht stehlen konnte, wurde sie immer zudringlicher. »Whistle«! (pfeife) Da schrillte die Dampfpfeife, aber diesmal wirkungslos, denn die Leute kannten ja ihren Ton. Etwas mehr Luft schaffte Abblasen des heißen Wasserdampfes aus den Ventilen an Bordseite. Da wurde im Augenblick Platz gemacht, und es gab ein Drängeln und Stoßen, wobei mancher Ausleger abknackte. Aber die Sache erwies sich als ganz harmlos und wurde bald unter brüllendem Beifall als Scherz aufgefaßt. Trotz aller Vorsicht war eine Konservebüchse gemaust, dem Thäter der Raub aber sofort abgejagt worden. Er zeigte sich sehr beleidigt und legte schon einen Pfeil auf die Bogensehne, aber gleich wieder nieder, als ihm einige plattdeutsche Flüche an den Kopf flogen. So ein bißchen Anlegen ist ja noch nicht geschossen, das muß man nicht so übel nehmen; es war gewiß nicht bös gemeint. Hatten die Leute Absicht, uns anzugreifen, dann würde nicht ein einzelner angefangen haben, sondern es giebt gleich einen ganzen Hagel von Pfeilen. Und dazu fehlte es nicht an Gelegenheit und Material, da sie ein wahres Arsenal an Bogen und Pfeilen mit sich führten. Da wir mit dem Gesehenen zufrieden sein konnten, so war ein weiteres Abmühen mit den Eingeborenen, das schließlich doch vielleicht zu ernsterem Streit führen konnte, nutzlos und wir lichteten Anker. Eigentlich sollte weiterhin ein ruhigerer Platz für die Nacht aufgesucht werden, aber die Leute schienen unseren Plan zu erraten. Was Hände hatte, versuchte sich am Schiffe festzuhalten und an Bord zu klettern, kurzum die ganze Flottille folgte uns nach. Diese Hetzjagd schien den brüllenden Insassen gerade ein besonderes »Gaudi«, wie der Wiener sagen würde. Das sah wenig nach Ruhe aus, und da wir an dem Lärm und Spektakel gerade genug hatten, so nahmen wir Abschied von Humboldt-Bai und dampften seewärts. In wohlthuender Stille ließ ich die Erlebnisse des Tages an meinem Geiste vorüber ziehen und kam hinsichtlich der Eingeborenen zu dem Schluß, daß auch die vielgeschmähten und verleumdeten Humboldtianer besser sind als ihr Ruf. Überall wird ihre Hinterlist und Verräterei hervorgehoben, aber bis jetzt liegen keinerlei Beweise dafür vor. Schreien und ein mehr als ungeniertes Wesen, das ist ihnen eigen, wie sie auch nicht von Stehlsucht freizusprechen sind. Aber daran sind hauptsächlich die ersten Besucher mit schuld, die sich soviel gefallen ließen und die Schwächen der armen, nackten »Wilden« zu rücksichtsvoll über sich ergehen ließen. Wenn auf Kriegsschiffen allerlei, selbst anscheinend gesicherte Gegenstände gestohlen wurden, wie wäre es da wohl der kleinen »Samoa« ergangen, wenn wir die Gesellschaft an Bord gelassen hätten? Es wurde aber immer gut aufgepaßt, und so kamen während aller unseren Reisen nur ein paar unbedeutende Diebstähle durch Eingeborene vor.

Wir waren wieder einmal in offener See; unter uns tiefblaues Meer, über uns lichtblauer Tropenhimmel, der sich an einem Morgen sogar fast durchaus wolkenlos zeigte, was ich deswegen bemerke, weil dies in diesem Teile der Tropen äußerst selten vorkommt. Der nicht unerhebliche Weststrom, gegen den die »Samoa« tapfer arbeitete, ließ es Kapitän Dallmann, im Hinblick auf den Kohlenvorrat, rätlich erscheinen, direkt nach Mioko zurückzukehren. Aber noch blieb zur Vollendung unserer Küstenfahrt die Strecke von Vulkan-Insel bis Kap Croissilles übrig, und diese Lücke von lumpigen 70 Meilen durfte doch unmöglich ungesehen bleiben. So willigte der Kapitän ein, O.-S.-O. zu steuern, nach jenen Inseln, die sich von Vulkan, ca. 20 Meilen von der Küste, an 80 Meilen weit nach W.-N.-W. hinziehen. D'Urville benannte sie Schouten-Inseln, was deshalb eine Neubenennung nötig macht, weil gleichnamige Inseln an der Küste Neu-Guineas (in Geelvinks-Bai) schon viel früher so getauft wurden. Der Name Le Maire's, des verdienstvollen Gefährten Schouten's, dessen Andenken bis jetzt kein Name auf der Karte Neu-Guineas ehrt, soll deshalb die Stelle des Irrtum erregenden fortan ersetzen.

Wir hatten am zweiten Tage D'Urville-Insel gesichtet und nach und nach kamen auch Roissy, Deblois und Jacquinot zum Vorschein, von denen die erstere die größte und an sechs Meilen lang sein mag. Diese westlichen Le Maire-Inseln erscheinen als dichtbewaldete, mäßig (400-600 Fuß) hohe Bergrücken, von wenig vulkanischem Gepräge, das in Garnot schon deutlicher hervortritt. Diese Insel bildet einen ebenfalls dicht bewaldeten stumpfen Kegel, ca. 600 bis 800 Fuß hoch, scheint aber keine Kokospalmen zu besitzen. Aber eine kleine Insel ca. anderthalb Meilen Südwest davon, die ich Hirt-Insel benannte, ist fast ganz mit solchen bewachsen und voraussichtlich stark bevölkert.

Das Bild eines typischen Vulkans zeigt Blosseville, ein steil aus dem Meere aufsteigender, dichtbewaldeter, ca. 1200 Fuß hoher Kegel, der immer interessanter wurde, je mehr wir ihm näher kamen. Da zeigten sich die kahlen grünen und braunen Flecke als Plantagen, zum Teil mit Kokospalmen, und oben am Kraterrande stand ein großes Dorf mit 20 Häusern, etwas weiter von demselben zählte ich noch zwei Siedelungen von sechs, resp. vier Häusern. Diesen Häusern fehlten nur blinkende Glasfenster und man würde sich in die Heimat versetzt gefühlt haben. Das muß ein luftiges und lustiges Wohnen sein, da oben in ca. 1000 Fuß Höhe, wenn man erst oben ist. Wie die Leute überhaupt hinaufkommen, blieb mir unerklärlich, denn von irgend einem Pfade war, auch mit dem Fernrohr, keine Spur zu entdecken. Wenn die andere Seite der Insel nicht günstigere Verhältnisse bietet, dann können die Bewohner nur in den beiden fast senkrechten Schluchten, wie in einem Schornsteine emporklettern. Aber gesichert sind sie hier, das ist kein Zweifel, und es wird wohl noch lange dauern, ehe ein Weißer auf diesem Hort der Steinzeit mit Bandeisen und Glasperlen erscheint, um Civilisation einzuführen. Schon einige Meilen West von Garnot waren wir aus tiefblauem in scharf abgesetzt tiefgrünes Wasser gekommen und sahen ca. zehn Meilen Südost von Blosseville einen weißen Schaumstreif voraus, hinter dem wir an sieben Meilen durch trüb lehmbraun gefärbtes Wasser dampften. Dasselbe rührt vom Kaiserin Augusta-, Prinz Wilhelm- und Ottilienfluß her, die sich noch 15 Meilen von der nur schwach erkennbaren Küste in dieser Weise kennzeichnen, Färbungsverhältnisse, die nach dem jeweiligen Wasserstande natürlich sehr variieren. Die Kabbelung des östlichen Schaumstreifes »kochte«, wie der Schiffer sagt, so stark, daß Spritzwellen auf Deck schlugen, eine Erscheinung, die wir sonst nirgends beobachteten. Treibholz[92] gab es in Menge, darunter ganze Baumstämme, die Schiffen oft gefährlich werden können. So geriet der »Basilisk« neun Meilen Nordwest von Lesson in ein Gewirr von Treibholz, aus dem er mit Mühe und nicht ungeschunden herauskam. An solchen Kabbelungen pflegen sich Scharen von Fischen zu tummeln und, durch sie angelockt, Vögel (Sterna Bergii, Anous, Fregattvögel und Tölpel), die sich auch gern auf Treibholz niederlassen.

Lesson-Insel, die wegen bedeckter Luft erst später zu sehen war, ist ein getreues Abbild von Blosseville, nur bedeutend größer, an 1800 bis 2000 Fuß hoch und in der oberen Hälfte kahl. Die Wolken, welche meist den Gipfel bedecken, lassen über die vulkanische Thätigkeit Zweifel, aber einmal glaube ich sicher Rauch gesehen zu haben.

Noch vor Sonnenuntergang winkte uns das Feuer von Vulkan-Insel seinen Gruß entgegen, und in der Früh des anderen Tages passierten wir Hansastraße, welche Vulkan und die kleine Aris-Insel im Nordwesten zwei Meilen breit trennt. Letztere Insel ist nichts als ein ca. 200 Fuß hoher, dichtbewaldeter toter Krater, in den man an einer eingestürzten Randstelle förmlich hineinsehen kann. Sie scheint unbewohnt, wie die Nordwestspitze von Vulkan. Wir gingen hart längs der Westküste und sahen die Insel in ihrer ganzen imposanten Schönheit vor uns. Als die Maschine gestoppt wurde, konnte man die unterirdischen Kräfte arbeiten hören, gewaltiges, immer stärker werdendes Brausen, das in ein schwächeres Stöhnen und Ächzen überging, bis es eine Weile ganz schwieg, um bald aufs neue zu beginnen. Das wundersame, unheimliche Geräusch erinnerte an einen Riesenblasebalg und oben, aus der Esse, da wälzten sich gewaltige weiße Rauchmassen; wahrlich eine unterirdische Werkstatt der Natur, die den Beobachter mit stummer Bewunderung erfüllt.

Der stattliche, in seiner Form an den Stromboli erinnernde, aber höhere Berg mag über 4000 Fuß erreichen und ist bis zum oberen Drittel dichtbewaldet, am unteren Teile mit ausgedehnten grünen Flächen und ein paar grünen Hügeln versehen. Das Bett eines alten Lavastromes, den man bis zum Meere verfolgen kann, bildet eine gewaltige Schlucht und weiterhin sieht man die fast senkrechte kahle Wand des gegenwärtigen Hauptkraters, der etwas niedriger als die eigentliche Spitze liegt. Kokospalmen und Menschen, deren Häufigkeit Schouten 1616 gedenkt, waren nur spärlich vertreten. Denn nur an drei Stellen bemerkten wir einige Eingeborene, die mit Zweigen winkten und uns in Kanus einzuholen versuchten. Aber später sahen wir an der Ostseite viele Anzeichen von Bewohntsein in Plantagen und Rauch, und die sanft abfallenden, ausgedehnten Flächen hier werden ohne Zweifel treffliches Kulturland bieten. Die Landungsverhältnisse scheinen übrigens nicht günstig, und wie es in Bezug auf Wasser aussieht, bleibt noch zu ermitteln. Da es bereits an der Westspitze von Neu-Britannien eine Vulkan-Insel giebt, so verdient diese, um Verwechselung vorzubeugen, eine Sonderbezeichnung. Ich nenne sie daher Hansa-Vulkan, die nordwestliche Spitze Bremen, die südwestliche Hamburg, die nordöstliche Lübeck, zu Ehren der altehrwürdigen Hansestädte, deren Bürger ich bin.

Stephanstraße überquerend, begannen wir die weitere Küstenreise, da wo die Karten »Laing-Insel« verzeichnen, hinter der sich eine hübsche Bucht mit viel Kokospalmen in der Tiefe hineinzieht. Wir hatten aber keine Zeit, und ich mußte mich mit der Tagebuchnotiz »wäre sehr der Untersuchung wert«[93] begnügen.

Mit Laing-Insel endet das Flachland und hinter dem dichtbewaldeten Ufer beginnen wieder Hügelketten, deren ausgedehnte grüne Grasflächen der Landschaft ein »liebliches und civilisiertes Aussehen« verleihen, heißt es in meinem Tagebuche. »Urbargemachtes Land läßt auf Bevölkerung schließen«. Wirklich erblickten wir schon in der nächsten Buchtung, die »wahrscheinlich guten Ankerplatz bietet«[94] mehrere hübsche Dörfer, mit oft beträchtlichen Kokoshainen. Die Küste bildet jetzt eine sanfte Huk (»Podbielsky«: v. Schleinitz), hinter der sich eine kleine, dicht bewaldete Buchtung, Davidabucht und eine größere Bucht (»Prinz Albrechthafen«: v. Schleinitz) öffnet, die ebenfalls dichte Kokosbestände und vier größere Dörfer (bis zu zwanzig Häusern) zählt. Ihre Bewohner winkten mit grünen Zweigen und versuchten in Kanus abzukommen, aber wir durften uns nicht aufhalten. Vor der letzten Bucht liegen zwei kleine, bisher nicht notierte Inseln, die ich nach unserem Maschinenmeister Nielsen-Inseln benannte. Sie sind, wie die folgenden zwei Legoarant-Inseln, dicht bewaldet wie das Ufer, hinter dem sich immer noch grüne, ca. 500 bis 600 Fuß hohe, Hügelketten hinziehen, die fast nur in den Schluchten mit Gehölz bestanden sind. Aber weiter östlich nehmen die etwas höheren Hügelzüge wieder vorherrschend Waldcharakter an, wie die Küste selbst. Sie verläuft bis zu zwei kleinen Inseln, welche sich jetzt voraus zeigten, in fünf sanften Buchtungen, die vielleicht auch gute Ankerplätze geben dürften und scheint weniger bevölkert, denn ich zählte von den Legoarants an nur neun Siedelungen. Die erwähnten beiden Inseln schienen anfangs durch Riff versperrt, aber wir fanden eine treffliche Einfahrt und lagen bald darauf in einem nicht minder guten Hafen zu Anker. Er erhielt den Namen Hatzfeldt-Hafen, die westliche Insel Mahde (»Tschirimotsch« der Eingeborenen), die östliche Sechstroh (»Patakai« der Eingeborenen), nach unseren Steuerleuten.

Bald hatten wir wieder einmal Kanus mit Eingeborenen, nach und nach achtzehn, um das Schiff, immer dieselben Papuagestalten wie überall. Aber gerade aus Humboldt-Bai kommend, erschienen mir die hiesigen Eingeborenen doch etwas lichter gefärbt (zwischen Nr. 28 und 29, aber mehr zu 29 hinneigend). Sie unterschieden sich von den zuletzt gesehenen Humboldtianern überdies in einem wesentlichen Punkte, und zwar sehr vorteilhaft, durch ihr ruhiges Wesen und musterhaftes Betragen. Da mußte wieder einmal an Bord eingeladen werden; und erst nach vieler Mühe wagte es einer hereinzukommen in die gute Stube, die Kajüte. Die Leute schienen aber Eisen zu kennen, denn sie machten die Pantomime des Schneidens; doch beobachtete ich kein einziges Stück bei ihnen. In Bekleidung (Taf. XVI. 3), und Ausputz, wie Haar- und Bartschmuck, glichen sie ganz den bei Laing-Insel gesehenen Eingeborenen, wie denen von Venushuk (S. 292). Aber ich bemerkte keine anderen Waffen bei ihnen als Speere, darunter sehr reich mit Kasuarfedern und Cuscusfell verzierte. Solche Felle, und zwar mit Schwanz und Beinen daran, dienten einzelnen als sonderbare Kopfbedeckung. Als Brustkampfschmuck waren auch hier große Cymbiummuscheln mit allerlei Breloques (wie T. XXIII. 1, von Laing-Insel) das Wertvollste. Sonst erhielt ich noch schöne, äußerst reich verzierte Brusttaschen (vergl. X. 1) und hübsche Äxte mit Muschelklinge (T. I. 6) von Hippopus. Die Kanus weichen nur unbedeutend von denen bei Venushuk ab. Ziernarben waren häufig, oft in schwungvollen Schnörkeln auf Schulter und Achsel.

An Land, wohin ich bald eine Exkursion unternahm, sah es ganz versprechend aus. Hinter dem schwarzen Sandstrande, an welchem sich leicht landen läßt, dehnte sich ein weites, mit Hochgras und Bäumen (hauptsächlich Pandanus) bestandenes Vorland aus, das von dichtbewaldeten Bergen begrenzt wird, die hie und da Plantagen zeigen. »Das Land ist sehr der Untersuchung wert« schrieb ich damals unterstrichen in mein Tagebuch. Heute ist Hatzfeldt-Hafen eine Station der Neu-Guinea-Kompanie, mit Versuchsplantagen, namentlich für Tabak, auf dessen Kultur ich als besonders wichtig und versprechend wiederholt hinwies. Die Eingeborenen boten eine Menge Blättertabak an, den sie, wie in Port Konstantin »Kas« nannten, außerdem spärlich Kokosnüsse (Niu). Zahlreiche Speerträger, darunter auch bewaffnete Knaben, gaben mir das Geleit und zeigten sich ganz zutraulich. Auch hier herrschte, wie überall in Melanesien, die unserem Geschmack wenig behagende Umgangsform, Fremde am Arm oder der Hand zu halten. Es ist ein Zeichen der Freundschaft, von dem ich mich aber stets losmachte, denn man behält doch lieber die Hände frei, um wenigstens nicht ganz wehrlos erschlagen zu werden. Die Leute wollten uns nach ihrem Dorfe haben, das etwas östlich hinter einem Flüßchen lag, aber die anbrechende Dunkelheit nötigte an Bord zurückzukehren. Statt nun das Boot flott machen zu helfen, bemühten sich die Eingeborenen dasselbe festzuhalten, wahrscheinlich aus Freundschaft, was uns nicht hinderte, die Finger zu lösen.

Östlich von Hatzfeldt-Hafen sind die Uferberge wieder vorherrschend dicht bewaldet, und weiter Inland wird ein höheres Waldgebirge[95] sichtbar, das sich O.-S.-O. bis Pallas-Point und vielleicht weiter zu erstrecken scheint. Zwischen Samoahuk und Kap Gourdon, die wie stets an dieser Küste nur sanft gerundete Vorsprünge bilden, findet sich wieder vorzugsweise sehr versprechend aussehendes Grashügelland, ebenbürtig, ja vielleicht schöner als das, welches wir von Laing- bis östlich den Legoarant-Inseln sahen. Dieser ganze Küstenstrich darf überhaupt als der beste in ganz Kaiser Wilhelmsland bezeichnet werden, und ist zugleich der am dichtesten bevölkerte. Ich zählte von Laing-Insel bis etwas östlich von Kap Gourdon 35 Siedelungen und, nur so im Vorüberfahren, neun Mündungen, allerdings meist kleiner Flüsse, so daß auch kein Mangel an Wasser sein wird. Es dürften sich daher in keinem Teile von Kaiser Wilhelmsland günstigere Verhältnisse für Ansiedelung und Kulturen finden als gerade an dieser ca. 30 Meilen langen Küste, die sich auch trefflich zu Viehzucht eignet.

Franklin-Bai ist von bewaldeten Hügelketten gesäumt, die bei Neptun-Point sich in eine höhere, sanft ansteigende Kuppe von ca. 1500-1800 Fuß erheben, welche einige größere grüne Flecke zeigt. Hellblau gefärbtes Wasser, vielleicht von Riffen oder Flüssen herrührend, nötigte den Kapitän ein paarmal von der Küste abzuhalten, so daß wir »Pallas-Point« der Karten nicht mehr deutlich ausmachen konnten, da überdies der Abend hereinbrach. Schon bei Neptun-Point unwirsch von einer steifen Brise aus S.-O. empfangen, hatte die »Samoa« jetzt gegen den heftigen Weststrom anzukämpfen, welcher zwischen Dampier und dem Festlande durch die Izumrudstraße setzt. Da die Kohlen auf die Neige gingen, so rollte das zu leicht beladene Schiff viel ärger als sonst. Aber das war man ja gewöhnt, und auch dabei läßt sich ausgezeichnet schlafen, zumal in einer so kühlen Nacht als dieser mit nur 21° R.

Bei Anbruch des Tages (23. Mai) befanden wir uns in der Nähe von Kap Croissilles und dampften längs der Küste, um zunächst unseren Freunden in Friedrich-Wilhelmshafen einen Besuch abzustatten. Wie beim erstenmale ertönten dumpfe Signaltrommeln, als wir Dallmanns-Einfahrt einliefen, aber nicht um die Krieger herbeizurufen, sondern das freudige Ereignis »Maclay ist wieder da«! über die Inseln zu verbreiten. Das gab wirklich ein gar herzliches Wiedersehen, wenn die Leute bei aller aufrichtigen Freude auch nicht vergaßen an Tabak zu erinnern. Ich besuchte natürlich zuerst die Flaggenhalbinsel. Da war alles noch so wie damals; Kakadus kreischten in den Bäumen mit anderen Vogelstimmen um die Wette, es fehlte nichts als die Flagge. »Ja, die werden die Eingeborenen zu Stirnbinden oder Ähnlichem benutzt haben!« -- Nein, da kannte ich meine guten Friedrich-Wilhelmshafener besser! -- Sie errieten auch gleich, nach was mein Auge suchte, »Die Flagge! ja, die hat Kuram von Bilia«, so verstand ich die Leute, »die ist gut aufgehoben.« Und so war es auch. Da im »Szirit«, dem Rathause, da wickelte Kuram die »Kellkell« aus einem Blätterbündel, in welchem sie mit den hochverehrten »Tohn« (S. 105), tabu wie diese, verpackt war. »Tabu! Nicht wahr, einen besseren Platz konnte die Flagge nicht bekommen?«, schien sein freudestrahlendes Auge zu sagen. Und, nicht wahr? füge ich hinzu, das würde niemand von »Wilden« erwartet haben. Aus dem »Panu« (Dorf), dessen Anlage die Eingeborenen diesmal mit aller Bestimmtheit erwarteten, wurde wieder nichts, -- ich mußte sie auf später vertrösten. Wir durften uns nicht lange aufhalten, um noch bei den anderen Freunden in Astrolabe, auf Bilibili und in Bongu vorzusprechen, die sich nicht minder freuten, uns wiederzusehen und so sehr zum Bleiben nötigten.

Da konnte ich noch einmal das Dschelum und den Telum Mul bewundern, für den man ein neues Haus errichtet hatte und dann dampften wir, Nord um Neu-Britannien, nach Mioko ab, wo die »Samoa« am 28. Mai wohlbehalten zu Anker ging. So war denn eine Reise glücklich vollendet, deren Hauptresultate in dem Nachweis der sicheren Befahrbarkeit einer 250 Meilen langen Küste auch für Segelschiffe, eines schiffbaren Stromes, vier schöner Häfen und ausgedehnten kulturfähigen Landes gipfelten, Ergebnisse, auf die wir mit Befriedigung zurückblicken durften.