Part 29
Der Hügel im Vordergrund links, mit den kahlen (rot und weiß gefärbten) Felsflecken ist Kap Bonpland (wohl nicht höher als 500 bis 600 Fuß), die Bergpyramide in der Tiefe der Mera, eine treffliche Landmarke für aus Ost kommende Schiffe und Wegweiser zum besten Ankerplatze. Er mag an 800 bis 1000 Fuß hoch sein und erhielt den bezeichnenden Namen mera = rot, weil sich in der dichten Bewaldung ein ziegelroter Streif schon von weitem bemerkbar macht, der von rotem Thon herrührt. Kap Caillié, die nordwestliche Ecke der Einfahrt, trat erst später deutlich hervor als ein ca. 400-500 Fuß hoher, steiler, dichtbewaldeter Hügel, mit einer kahlen Felsstelle an der Basis. Die Entfernung zwischen den beiden Kaps beträgt ca. vier Meilen, die Tiefe der ziemlich halbkreisförmigen Bai, deren Pforten sie bilden, etwa ebenso viel. Da uns, wie erwähnt, eine Spezialkarte fehlte, so mußten wir in diesem ausgedehnten Wasserbecken erst einen Ankerplatz suchen. Die Aussichten dafür sahen nicht eben günstig aus: soweit das Auge reichte, nichts als Sandstrand mit Kokospalmen und -- Brandung. Als wir aber den letzten hügeligen Vorsprung (Hagenaarshoek) passierten, öffnete sich in Südost eine hübsche kleine Buchtung, mit einigen kleinen Inseln (Muskiet- und Meeuweneiland) oder vielmehr bewachsenen Felsen am Eingange und in diese schlüpfte die Samoa hinein und ankerte in fünf Faden. Da lagen wir gar prächtig und vor allem ruhig; denn nur Vogelstimmen ertönten aus dem dichten Urwalde, welcher die »Samoa-Cove« (wie ich sie später nannte) säumt, und nirgends waren Anzeichen von Menschen zu sehen oder zu hören. Und das sollte Humboldt-Bai sein mit den wunderbaren Pfahlbauten, den lärmenden und zudringlichen Eingeborenen, über die ich selbst geschrieben hatte? Das war freilich schon lange her, und in zwanzig Jahren kann das Gedächtnis über so entfernte Gegenden, die man nicht aus eigener Anschauung kennt, wohl wackelig werden. Ja, ganz richtig! ich hatte mich geirrt und die gesuchte Binnenbai mußte ja gerade in entgegengesetzter Richtung in West liegen. Sehen konnte man sie freilich nicht; nur kahle grasige Berge, sanft abfallende Ausläufer des Cyclopgebirges[89], dessen Gipfel häufig Wolken einhüllten, traten dem Auge wenig anlockend entgegen, aber hinter einem felsigen Hügel, da mußte das gesuchte Ziel liegen.
Diesmal irrten wir uns nicht, denn noch während des Ankerhievens wirbelten Rauchsäulen in jener Gegend auf, zum Zeichen, daß auch wir bemerkt waren. Und als wir längs der Küste, die aus einem fast ununterbrochenen Kokoswald zu bestehen scheint, in Fahrt waren, da kamen hinter jenem Felsenhügel bereits Kanus hervor, -- eins, zwei, -- sechs, -- eine ganze Menge! Als handle es sich um eine Regatta, suchte ein Kanu das andere zu überholen, denn jedes wollte ja das erste längsseit sein, um zuerst beschenkt zu werden, wie dies die Eingeborenen im Verkehr mit Weißen gelernt hatten. Ja, diese Leute kannten bereits Schiffe, das konnte man schon am Ersten sehen, der herankam. Er wußte gleich, wo er sich festhalten müsse, um an Bord zu voltigieren, und ich hatte wieder Arbeit, um schmutzige Papuafinger, die sich bereits an die Reiling klammerten, los zu machen und ihre Besitzer ins Kanu zurück zu spedieren. Ganz nahe des felsigen Hügels, der, wie sich später zeigte, das Ende der Landzunge Anessau (Rotshoek der holländischen Karte) ist, ankerte die »Samoa« heut zum zweitenmal. Da hatten wir nun bald die gefürchteten Humboldtianer in jeder Auswahl um uns, und immer mehr Kanus brachten neue Zuschauer um jene Felsenecke heran. Auch aus Nord von den Mathilden- und Magdalenen-Inseln vor Challenger-Cove zeigten sich Segel. Der erste Eindruck dieser Leute war allerdings, auch für das an Papuas gewöhnte Auge, kein günstiger, schon deshalb weil sie, mit Ausnahme des bekannten Halsstrickchens und Grasarmbandes, total unbekleidet waren. Doch bemerkten wir auch bei ihnen einzeln die bereits (S. 337) erwähnten Kalebassen. Hautkrankheiten, namentlich Ichthyosis, waren nicht so häufig als anderwärts aber ich bemerkte eine Menge Leute mit Pockennarben, anscheinend vierzig Jahre alte Individuen. Im übrigen waren aber auch diese Eingeborenen echte Papuas, im allgemeinen vielleicht von etwas dunklerer Hautfarbe als an der Ostspitze, aber es gab, wie überall, auch hellere Individuen (bis Nr. 30). Der vorherrschende Färbungston hielt sich zwischen Nr. 28 und 29 aber mehr zu 28 neigend. Das wenig gepflegte Haar ist echt melanesisch. Powells Angabe, die hiesigen Eingeborenen seien »von mehr malayischem Typus«, fand ich daher nicht zutreffend, auch war keiner, der ein holländisches, geschweige ein englisches Wort verstanden hätte. Die guten Leute schienen übrigens ziemlich verblüfft, nicht an Bord kommen zu dürfen, betrugen sich aber nicht schlimmer als ihre Nachbarn am Sechstroh. Die Kanus, ganz in der Bauart wie dort, und mit ebensolchen geschnitzten Schnabelaufsätzen, trugen meist nur drei bis sechs, höchstens acht Mann. Ein alter pockennarbiger Kerl offerierte mir sehr bereitwillig seine Wasserdroschke, um mich in die Nebenbai zu rudern, was ich aber freundlich ausschlug, da ich mein Leben bereits zweimal in solchen Seelentränkern riskiert hatte. Freilich »der Ausleger verhindert das Umschlagen«, steht in den meisten Büchern, aber wer so manches Kanu umkippen sah wie ich, der weiß das besser. In unserem Whaleboot konnte das nicht passieren, welches zur Fahrt soeben klar gemacht wurde, zu der sich auch unsere Mioko-Schwarzen als Ruderer in den besten Staat werfen mußten. Sie sahen bald in roten englischen Uniformröcken, Mützen der »Heilsarmee«, Sachen, die ich für derartige Gelegenheiten eigens in Sydney gekauft hatte und in weißen Pantalons gar stattlich aus, machten aber betrübte, lange Gesichter. »Doctor! me like Market!« (ich wünsche eine Muskete), sagte Jimmy, »bye and bye Kanaker he fight, me kill« (damit ich die Kanaker totschießen kann, wenn sie uns angreifen). -- »Ja, nicht wahr? das möchtest du wohl, so ein bißchen schießen, aus purer Angst! es wäre auch groß schade, wenn einer von euch erschlagen würde!« gab ich ihm tröstlich zur Antwort -- und »down! pull« (rein! rudert!) da gingen wir schon dahin. Aber nicht in Windeseile, denn unsere furchtsamen Kanaker ließen sich Zeit und bemühten sich nicht, eine Wettfahrt einzugehen, zu welcher die uns begleitenden zum Teil nur von Frauen geführten Kanus so sehr reizten. Übrigens setzt bei Ebbezeit, wie wir sie hatten, ein starker Strom um die Felsenhuk, den die Eingeborenen, sich dicht am Ufer haltend, vermeiden konnten. Alle Erwartungen waren gespannt, als wir um die verhängnisvolle Ecke in die kleine Nebenbai einbogen, die ich später Beccari-Cove nannte. Sie zeigt im Norden dichtbewaldete Felsenhügel, zum Teil mit Plantagen, weiter West höhere Berge; der südlichere Kokosuferstreif endet in eine ausgedehnte Sand- und Schlickbank, die bei Hochwasser überflutet wird. Noch zeigte sich nichts von Siedelungen, aber dort, hinter einer zweiten Huk, in einer kleinen Buchtung, da standen Häuser im Wasser, nur sieben, das Dorf Ungrau. Ja, solche Pfahlbauten hatte ich in Neu-Guinea noch nirgend gesehen; sie erschienen gegen die armseligen Hütten an der Südostküste (P. Moresby, Hood-Bai etc.), wie Paläste. Das Separatbild S. 352 zeigt einen Teil des Dorfes Tobadi (auch Tobari ausgesprochen), der Perle von Humboldt-Bai und des Pfahlbauertums der Steinzeit überhaupt, wie ich es an Ort und Stelle skizzierte. Das Dorf liegt ebenfalls in einer kleinen Einbuchtung versteckt, der nächsten von Ungrau, und machte mit seinen düsteren, von Wetter und Rauch gebräunten Häusern, einen äußerst fremdartigen Eindruck. Von weitem glaubt man ungeheuer große Wigwams, oder Ostiaken-Dschums, im Wasser schwimmend zu erblicken, aber bald sehen wir, daß es solide auf Pfählen ruhende Bauten sind, die im wesentlichen aus einem spitzen, meist viereckigen Dache bestehen, dessen Spitze 30 Fuß und mehr Höhe erreichen mag. Sie ist häufig mit einer runden Holzscheibe gekrönt, auf der als besonderer Schmuck eine roh geschnitzte, menschliche Figur, in sitzender Stellung hockt. Diese aus Ried oder Gras sehr sorgfältig gedeckten Dächer ruhen auf ca. fünf Fuß hohen Seitenwänden aus gespaltenem Bambu und haben zwei gegenüber liegende Eingänge, vor denen Plattformen errichtet sind. Letztere ragen (bei Ebbe) an sieben bis neun Fuß über die Wasserfläche und stehen ebenfalls auf Pfählen. Dabei darf man sich aber nicht Pfähle nach unseren Begriffen, starke, gerade, behauene Stammstücke vorstellen, sondern schiefe, krumme Stämmchen, die gegenüber dem gewaltigen Bau unverhältnismäßig dünn erscheinen.
Ohne viel zu fragen, voltigierten wir, über den Rücken eines Schwarzen, auf die Plattform, deren Betreten allerdings Vorsicht erheischt, da sie aus morschen, wackeligen Brettern (Seitenborden alter Kanus) besteht, und treten, ein Heck überkletternd, ins Innere. Zunächst ist natürlich nicht viel zu sehen, denn die Thüren und die Öffnung in der Dachspitze spenden nicht viel Licht, aber das Auge gewöhnt sich nach und nach an die Dunkelheit. So konnte ich denn den Grundriß eines solchen Hauses skizzieren, wie ihn Taf. II. 2 des Atlas darstellt. Es ist ein Familienhaus mit Scheidewänden in jeder Ecke, beherbergt also voraussichtlich vier Familienverbände. Die Feuerstellen bestehen aus viereckigen mit Sand gefüllten Rahmen und sind mit Töpfen besetzt, die überhaupt einen hervorragenden Teil des Hausrates bilden und zu denen der Mera das Material liefert. Diese Töpfe (Uro) haben dieselben Formen als am Sechstroh (IV, 1, 2), sind oft von bedeutender Größe und zuweilen mit bunter Malerei, in Schwarz, Weiß, Rot, zum Teil Figuren von Vögeln und Fischen darstellend, verziert. Den meisten Hausrat hatte man hängend, zum Teil auf großen Horden untergebracht und noch besonders mit etwas höher befestigten, großen hölzernen Scheiben bedeckt, um die Vorräte vor den Ratten zu sichern, von denen es unter solchen Grasdächern wimmelt. Da der beständige Rauch alles schwärzt, so sind die meisten Gegenstände, wie dies überhaupt Papuasitte ist, in Blätter oder Tapa eingeschlagen. Doch bemerkte ich schöne Fischnetze und weitmaschige Netze aus dicken Stricken, die bei den Treibjagden auf Wildschweine dienen; an Waffen nur lange Speere (keine Keulen, Schilde und Kürasse). Gerüste zum Schlafen fehlen, da dafür die sehr saubere und ebene Diele benutzt wird, welche aus schmal gespaltenen (ca. drei Zoll breiten) Latten (wohl von der Betelpalme) besteht. Als Kopfunterlage dienen die bekannten kleinen Bänkchen (S. 312).
Die Eingeborenen betrugen sich übrigens sehr anständig, ja sogar gastfrei, denn eine alte Frau gab uns etliche geröstete, sehr gute Yams und in einer Schöpfkelle aus Kokosnuß Wasser zum Trinken. Das galt aber nicht als Begrüßungszeremonie, sondern geschah nur ganz zufällig. Es ging uns also besser als den Besuchern vom »Challenger«, die nicht einmal in ein Haus gelassen wurden. Freilich machten wir nicht viel Umstände, und andererseits hütete ich mich wohl, die Hobeleisen, Messer und Glasperlen, die ich in einer Tasche bei mir trug, zu zeigen, sonst wäre es mit Notizenmachen aus gewesen und gewiß zu einem Radau gekommen. Ich begnügte mich, nur alte Weiber mit Streifen roten Zeuges zutraulich zu machen, und diese lockten dann auch die anfangs schreiend ausreißende jüngere Damenwelt herbei, von welcher die vorherige Abbildung Typen zeigt.
Verheiratete tragen ein großes Stück Tapa, mit einem Strick um die Hüften befestigt, das sehr dezent und ganz wie die Lavalavas der Polynesier kleidet. Diese Tapa ist zuweilen weiß gebleicht oder in bunten Mustern bemalt; zum Festbinden dienen manchmal hübsche Schnüre aus Coix- und Adenanthera-Kernen, mit allerlei Anhängseln. Unverheiratete begnügten sich, wenn auch schon in heiratsfähigem Alter, mit dem bescheidenen Kostüm Evens vor dem Fall. Aber die Mädchen eilten bei unserer Ankunft ihre Blöße, durch ein Stück Tapa oder ein Faserschürzchen zu decken. Auch diese hübschen, dunklen Gestalten wurden mit roten Streifen bedacht, machten dem Vorrate aber bald gegen meinen Willen ein Ende. Die Zeugfetzen folgten nämlich Dallmanns seidenem Taschentuche nach, das schon im ersten Hause gestohlen worden war. Ja, das mahnte zur Vorsicht; denn diese lieben Naturkinder verstanden so geschickt als ein großstädtischer Taschendieb zu stehlen.
Von großen spitzdachigen Familienhäusern waren in Tobadi[90], das im ganzen nur 32 Baulichkeiten zählte, nur ein Dutzend vorhanden, die anderen hatten die gewöhnliche Hausform mit schrägem, meist geradfirstigem, zuweilen sattelförmigem Dach.
Über einen nichts weniger als bequemen Steg, aus einem unbehauenen Baumstamme, turnten wir nach der Plattform des merkwürdigsten Bauwerkes von Tobadi, dem sogenannten »Tempel« hinüber. Schon diese an den Längsseiten ca. 50-60 Fuß messende Plattform, war ein gewaltiges Werk, konnte ihren Zweck als Tanzplatz aber nicht mehr erfüllen, da sie bedenkliche Senkungen zeigte.
Wie in der Beschreibung der Etnaexpedition zu lesen, hatten sich die ersten Besucher nur dadurch Erlaubnis zum Eintritt verschafft, daß sie als Zeichen der Verehrung vor dem Tempel niederknieten, wovon die Papuas wohl wenig begriffen haben dürften. Wir aber machten keine langen Faxen. Ich sagte den Leuten auch hier, »daß ich Finsch aus Bremen« und ein »Wapimé« (Freund) sei, und hie und da einen auf die Schultern klopfend, andere sanft zurückdrängend, befanden wir uns bald im Heiligtum. Diesem »fait accompli« gegenüber konnten die Eingeborenen nichts Besseres thun, als die gewöhnlichen Friedenszeichen anzubieten: niederzusitzen und Betel, was wir durch einige Zigarrenstummel erwiderten. Es litt mich aber nicht lange auf dem Baststück, das hier die Stelle von Matten vertritt, zu hocken, sondern ich begann, wie stets, sogleich mit Aufzeichnungen, denen der Grundriß (T. II. 1) sein Entstehen verdankt. Ein schräger Steg führte von der Plattform auf die etwas höher liegende Hausdiele, die 40 bis 50 Fuß Durchmesser haben mochte und so schön war als in den Familienhäusern. Erst im Innern konnte man recht die staunenswerte Konstruktion des an 60 Fuß hohen Daches bewundern, um so besser, als die im obersten Teil offene Spitze ziemlich viel Licht einließ. Das ist ein Gewirr von schiefen und geraden Stützen und Querhölzern in allen Richtungen, in welchen man, auch ohne Architekt zu sein, doch System erkennen konnte, und dabei waren alle Teile nur mittelst Lianen oder Stricken zusammengebunden. Dem ganzen merkwürdigen Turmbau schienen übrigens nur vier Hauptpfeiler als Grundfesten zu dienen; die niedrigen Seitenwände des von außen achteckigen Gebäudes schlossen in den Ecken gerundet ab, so daß das Innere fast kreisförmig erschien. Feuerstätten und Kopfbänkchen zeigten, daß das Haus auch als Wohnung dient und zwar für die unverheiratete junge Männerwelt, denn alte Junggesellen giebt es bei den Papuas wohl im ganzen wenig. Der so berühmte »Tempel« hat eben mit Religion nichts zu thun und ist einfach eins jener Versammlungshäuser der Männer, wie sie überall in Melanesien vorkommen und die aus bekannten Gründen für das weibliche Geschlecht »tabu« sind. Ja, in diesem Tempel mochte schon manches Festessen gehalten worden sein, denn wohl ein paar Hundert Schweineschädel, in allen Stadien der Verräucherung, waren in Querleisten eingesteckt und bildeten den hauptsächlichsten Ausputz. Wie das stärkere Geschlecht bei den Papuas in ungalanter Weise die Damenwelt am Bankett nicht teilnehmen läßt, um das »Poro« (Schwein) allein verzehren zu können, so besorgt es auch den Tanz ohne die schöneren Hälften. Das übliche Begleitinstrument, die Holztrommel (Meschink), in der bekannten Form, fehlte auch im »Tempel« nicht, ebenso wenig als das unerläßliche Lärmrequisit, eine Signaltrommel (Kaduar). Sie war außerordentlich groß, wohl 10 bis 12 Fuß lang, kanuförmig und der besseren Resonanz wegen aufgehangen. Bald hätte ich die Flöten (Ariho) vergessen, auf denen »die Jünglinge des Tempels bei den religiösen Tänzen musizieren«, wie es in der Etnareise heißt. Ich versuchte sogleich eine dieser »heiligen« Flöten, was die guten Eingeborenen-Seelen unendlich amüsierte, denn ich brachte keinen Ton hervor. Hätte ich es gewagt, ein Hobeleisen hervorzuholen, so würden sie mir gern eine solche Flöte verkauft haben, so mußte ich mich mit einer Abbildung (XIII. 5) begnügen. Es waren eben Flöten, Rohrflöten, wie anderwärts in Melanesien, ohne alle religiöse Bedeutung, sind aber wahrscheinlich wie manche andere Instrumente für die Frauen »tabu«. Waffen sah ich nicht, wahrscheinlich weil die Männer alle Vorräte mit in die Kanus geschleppt hatten; ebenso wenig hier, wie in irgend einem anderen Hause, Menschenschädel. Bloß unter den Talismanen, welche an den Brustschilden befestigt werden (meist Stückchen Rinde, Blätter und Vogelknochen) habe ich ein paarmal ein menschliches Schlüsselbein gesehen. Figuren, sogenannte »Götzen«, die man doch eigentlich in einem »Heidentempel« erwartet, fehlten ebenfalls. Nur im Vestibül standen drei kleine, anscheinend aus dem weichen, zelligen Stamme von Cycas roh geschnitzte Figuren (T. XV. 8), wohl die schüchternen Versuche angehender Künstler der Holzbildnerei. Dafür diente der »Tempel« außerdem als Werkstatt, und ich hatte die seltene Freude, Holzschnitzer der Steinzeit noch in voller Thätigkeit zu sehen. Mehrere junge Leute arbeiteten an einem ca. 15 Fuß langen Fries (Drom), der Figuren von Eingeborenen, Eidechsen und Fischen zum Teil zierlich durchbrochen ausgearbeitet zeigte. Mit Flußmuscheln (Batissa) und Raspeln aus Rochenhaut schabten und feilten noch einige daran, während andere bereits mit Bemalen begonnen hatten. Die Farben (schwarz, weiß, rot und ockergelb) waren in Topfscherben oder Kokosnußschalen angerieben und wurden mit Federn als Pinsel aufgetragen. An sonstigem Ausputz bemerkte ich nur noch lange Büschel von Pflanzenfaser, ebenfalls Erinnerungszeichen an gehaltene Feste.
Die alte Schuld der total unrichtigen Abbildung des »Tempels« aus dem Reisewerk der Etna durch Kopie zur weiteren Verbreitung verholfen zu haben, konnte ich nach fast zwanzig Jahren sühnen durch eine an Ort und Stelle aufgenommene korrekte Skizze (vergl. Separatbild). Derselben sind nur einige Worte zur Beschreibung des Äußeren hinzuzufügen. Die vier Absätze des achteckigen Bauwerkes tragen buntbemalte Holzschnitzereien, Friese, wie wir sie im Innern soeben arbeiten sahen; vom unteren Dachrande hängen lange Fransen aus Palmfaser und (wie auch an anderen Stellen) Festons von aufgereihten Eierschalen (wohl Krokodil oder Megapodien), im Dache selbst stecken Palmwedel und verschiedene buntbemalte Tierfiguren. Sie stellen Vögel, Eidechsen und besonders kenntlich Fische dar; auf der äußersten Dachspitze thront eine menschliche Figur, darüber ein Vogel, in fliegender Stellung, auf dem lärmende Glanzstare (Lamprotornis metallicus) lustig ihr Wesen trieben. Gleich neben dem Tabuhause baute man an einem anderen ähnlichen großen Gebäude, das schöne Gelegenheit zu Pfahlbau-Studien gab. Ich will aber nur erwähnen, daß das Gerüst (Hauptbild S. 352 in der Mitte des Hintergrundes) mit unseren baupolizeilichen Verordnungen sehr im Widerspruch stand und eben für Papuas praktikabel war, die im Klettern Großartiges leisten. Voll Bewunderung nahm ich Abschied von dem Bauwerk. Wenn der Ankömmling die Verfertiger desselben, draußen in der Bai in ihren Kanus, als »nackte Wilde« bezeichnen durfte, so mußte er ihnen das angesichts dieser Leistung im stillen abbitten. Menschen, die derartiges fertig bringen, sind gewiß keine Wilden mehr, sondern haben sich bereits auf die Stufen einer Kultur hinaufgeschwungen, die nur zu wenig bekannt ist, um Anerkennung zu finden. Dem civilisierten Herrn der Schöpfung ist es eben mit der Civilisation eingeimpft, seine nacktgehenden Speciesgenossen für wild und schamlos und wo möglich für bildungsunfähig obendrein zu halten. Das sind die Papuas nun aber keineswegs. Ob sich diese Bürger der Steinperiode jedoch in dem von uns gewünschten Sinne entwickeln lassen werden, das ist freilich eine ganz andere Frage, deren Beantwortung bis jetzt nur sehr ungenügend versucht wurde. An Bildungsfähigkeit mangelt es ihnen gewiß nicht, aber es ist zu bezweifeln, ob sie die Notwendigkeit, eine höhere Bildungsstufe zu erlangen, überhaupt einsehen und bei gebotener Gelegenheit benutzen werden. Jedenfalls fühlt sich der Papua im Kulturzustande der Steinzeit sehr wohl; warum sollte er also eine Änderung wünschen, die nur nach unseren Anschauungen eine Aufbesserung seiner Verhältnisse ist. Daß solche sogenannte Naturmenschen viel mehr zu leisten verstehen und leisten, als ihre geringen Bedürfnisse erheischen, das zeigte sich wieder einmal recht deutlich angesichts dieser Bauwerke. Wozu diese hohen, mühsam herzustellenden Dächer? kleine unbedeutende Hütten genügen ja anderwärts! Aber auch dem Papua wohnt Schönheitssinn inne. Er beseelt ihn eine Menge Dinge zu verzieren und auszuschmücken, die ohne diesen Kunstfleiß ihren Zwecken ebenso gut entsprechen würden.
Zu den großartigsten Denkmälern dieses Kunstfleißes der Steinzeit zählt ohne Zweifel das Tabuhaus in Tobadi. Von einer Handvoll Menschen, nur im Besitz von Steingeräten, errichtet, ist es für diese Periode ebenbürtig einer Pyramide zu vergleichen, und würdig der Bewunderung, welche wir jenen Riesenbauten zollen. Wie viele solche Denksteine aus dem Wiegenalter der Menschheit sind aber bereits dahingeschwunden, unergründet für die civilisierte Welt, und wie bald werden ihnen diese nachfolgen. Schon hängt das Damoklesschwert auch über dieser bisher fast unberührten Oase der Steinzeit. Denn, wenn der Plan einer regelmäßigen Dampferfahrt nach Humboldt-Bai zur Ausführung gelangt, dann werden auch hier bald die letzten Reste jener Periode verschwunden sein.
Kommerzielle Erfolge dürfte eine solche Dampferlinie wohl kaum zu erwarten haben, da außer dem bißchen Kopra, das vielleicht den einen oder anderen Trader ernährt, sich wenig holen lassen wird. Aber die niederländisch-indische Regierung will wahrscheinlich ihre Herrschaft auch einmal in anderer kräftigerer Weise als mit dem bloßen »Je maintiendra« ihres Wappenschildes zeigen. Wir entdeckten dieses ziemlich nutzlose Symbol, womit Holland bis jetzt fast ausschließend seinen Besitz, aber nicht zugleich seine Macht, in Neu-Guinea kennzeichnet, ganz zufälligerweise. Das »wapenbord«, eine gußeiserne Platte mit dem holländischen Wappen und der obigen Devise, war sorgfältig mit Rotang an einem Hauspfosten befestigt, und schien nach den frischen Farben zu urteilen noch neu[91] zu sein. Ja, diese Wappenschilde haben den holländischen Kriegsschiffen schon manchmal etwas zu thun gegeben, den Eingeborenen aber ein paar starke Nägel verschafft. Denn das scheint nach ihrer Auffassung der einzige Zweck, und auch die hiesigen Eingeborenen würden mir das nutzlose Gußeisen, das sie überhaupt gar nicht als »szigo« (Eisen), anerkannten, für irgend eine Kleinigkeit verkauft haben. Ich suchte ihnen aber die hohe Bedeutung dieses Tabuzeichens des weißen Mannes klar zu machen und belobte sie für die gute Verwahrung desselben.
Häuptlinge von irgend welcher Bedeutung scheinen in Humboldt-Bai, wie meist in Neu-Guinea, zu fehlen. Aber einige schwarz- und rotbemalte Kerls mit viel roten Hibiscusblumen im Haar, wahrscheinlich Honoratioren Tobadi's, hatten sich bald angefreundet und spielten die Führer, inkommodierten indes mehr, als sie nützten. Die Wißbegierde dieser Leute war wirklich lobenswert; sie wollten alles sehen, in die Hand nehmen und -- selbst Taschenuhr, Feldstecher und ähnliche Dinge -- geschenkt haben. So zog mir einer den Schuh aus, während ich den Tempel zeichnete, indes ein anderer meine Taschen zu visitieren versuchte. Auffallenderweise schienen sie Gewehre und und deren Wirkung nicht zu kennen.