Samoafahrten

Part 28

Chapter 283,368 wordsPublic domain

Die Kanus schienen im ganzen klein und trugen drei bis sieben Mann; doch waren einzelne mit Mast und Segel versehen; letzteres aus dem bastartigen Zeug von der Basis des Kokospalmblattes. Die Fahrzeuge zeichneten sich übrigens durch einige Besonderheiten aus. So ist die anscheinende Randborte nicht aufgebunden, sondern in einem Stück mit dem Kanu aus dem Baumstamm gezimmert (vergl. T. VII 2). Außer eingravierten Verzierungen der Seiten, sind die Enden der Kanus häufig mit einem kunstvoll geschnitzten, buntbemalten, S förmigen Schnabel versehen, der gewöhnlich in einen Vogelkopf endet und angebunden wird. Kanuspitzen mit Schnitzereien von Krokodilen (wie VII 4, 5) kommen hier und weiter westlich nicht mehr vor. Zwei auf dem Ausleger befestigte Stöcke, die nach innen zu in einen Haken enden, öfters ebenfalls bemalt und zierlich ausgeschnitzt, dienen wie ein schmaler Gitterkasten an der entgegengesetzten Seite zur Aufbewahrung der Waffen, die hier sehr handlich liegen. Sie bestanden hauptsächlich in Bogen und Pfeilen, wie wir sie schon in Tagai (S. 324) kennen lernten, indes ohne Federschmuck, aber ich war erfreut, hier auch Schilde zu finden und noch mehr durch Kürasse überrascht, die, wie ich glaube, bisher nur im Inneren des Flyflusses beobachtet wurden. Diese Armaturstücke verleihen, wie die Abbildung zeigt, dem hiesigen Krieger im vollen Staate ein gar martialisches Aussehen. Die Schilde zeichnen sich durch besonders schöne, erhaben geschnittene Ornamentik aus und gehören mit zu den besten Kunstleistungen des Papuafleißes. Die Kürasse sind feine Modelle sauberer Korbflechtarbeit aus gespaltenem Rotang und werden durch Bänder über die Achsel festgehalten. Für unsere Panzerreiter würden sie freilich, schon ihres Umfanges wegen, nicht passen, denn es gehören Leute von weniger als 83 cm Hüftenweite dazu, um hineinzuschlüpfen. Lendenbinden aus Tapa, wie sie die Krieger, (siehe Abbildung) gürten, gehörten zu den Ausnahmen. Die meisten Männer begnügen sich nämlich mit einer Kalebasse (T. XVI. 7), die ich einzeln schon in Massilia gesehen hatte, und die für hier, wie weiter westlich, als Bekleidung charakteristisch ist.

Auch in den übrigen Sachen der Eingeborenen zeigten sich allerlei Veränderungen, und man konnte bemerken, daß wir uns in einer neuen ethnologischen Provinz befanden. Hundezähne und Cymbiumscheiben, die weiter im Osten eine so hervorragende Rolle spielen, waren kaum mehr zu sehen, dagegen sind für dieses Gebiet die schönen roten (auch stahlblauen) Paternosterbohnen (von Abrus precatorius) als Material zu Zieraten charakteristisch. Ihre geschmackvollste Anwendung finden sie bei den schon (S. 316) erwähnten Kampfbrustschilden (XXIII. 2), aber auch bei Stirnbinden und Armbändern. Es verdient dabei Beachtung, daß diese Bohnen stets mittelst einer Art Harz aufgeklebt, nicht aufgereiht und aufgeflochten werden, wie dies mit den Samen von Coix lacrymae geschieht, die im hiesigen Schmuck ebenfalls häufige Verwendung finden. So sah ich hübsche Stirnbinden aus Coix, in feines Flechtwerk eingeknüpft, wie überhaupt eine Menge eigenartiger Zieraten. Reich vertreten waren schöne Leibgürtel, (wie Fig. 8, T. XXIV), und dünne Leibschnüre aus Coix und Kokosperlen (wie XXIV, 7), oder eigentümliche, rot gefärbte, aus einem feinen Fasermaterial (wohl vom Blatt der Sagopalme), zum Teil mit Coixsamen durchflochten und mit einzelnen Federn aus den Seitenbüscheln des Paradiesvogels. Gravierte breite Schildpattarmbänder fehlen hier, wie diesem westlichen Gebiet überhaupt, aber schmale, dünne Schildpattreifen sind sehr in Mode und werden, oft in großer Anzahl, im Ohrläppchen getragen. Sie sind häufig noch mit langen Troddeln aus Bindfaden und Coixkernen verziert, ebenso wie die sogenannten Haarkämme, die hier (vergl. T. XVII. 3) in eigentümlicher neuer Form auftreten. Als Nasenschmuck fanden, außer den (S. 333) erwähnten Eberhauern, besonders dicke Keile, aus Rohr (T. XX. 4) oder sehr sauber aus Tridacnamuschel (XX. 3) geschliffen Verwendung. Wenn man bedenkt, daß ein solcher Muschelkeil bei 11 cm Länge bis 17 mm dick ist und 60 Gramm wiegt, so kann man ermessen, was den hiesigen Nasen zugetraut wird. Eine Ausdehnung der Nasenlöcher auf 55 mm in der Runde ist gewiß keine Kleinigkeit, wobei bemerkt sein mag, daß diese Körperöffnung beim Papua keineswegs so unverhältnismäßig viel größer ist als beim Mittelländer, denn ich kenne Nasen von Weißen, die bis auf die Couleur sich in nichts von denen gewisser Papuas unterscheiden. Aber »Hoffart will Zwang haben« gilt auch beim Kanaker, und so unterwirft er sich willig der Mode, wie dies, trotz mancher Inkonvenienzen bei uns auch geschieht. Denn ein solcher Nasenschmuck ist ja eine Zier des Mannes und verschönert ihn, -- wie? -- zeigen die Figuren 1 und 2 Taf. XX. Aber hinsichtlich der Ziernarben (vergl. S. 334, Fig. b) verhält es sich ja ebenso.

Charakteristisch für dieses westliche ethnologische Gebiet sind auch die Steinäxte und zwar durch den Stiel. Derselbe besteht nämlich nicht in einem knieförmig gebogenen, rechtwinkeligen Aste, sondern in einem geraden runden Holzstück (vergl. T. I. 5), in welchem das Holzfutter mit der Steinklinge in einem Bohrloche steckt. Für Menschen der Steinperiode ist es schon ein äußerst schwieriges Stück Arbeit, ein so weites Bohrloch anzufertigen. Wie wollten wir wohl ohne Bohrer damit fertig werden? Diese Manier der Befestigung der Klinge bietet übrigens den Vorteil, daß die letztere drehbar ist. Manche der hiesigen Axtklingen schienen, soweit sich nach dem Auge urteilen läßt, Nephrit zu sein. Filetgestrickte Brustbeutel sind im westlichen Gebiet zwar vorhanden, aber viel seltener als im östlichen und entbehren meist des reichen Ausputzes, in welchem Scheiben aus Cymbiummuschel gar nicht mehr vertreten sind. Eigentümlich waren aus Kokosblatt geflochtene Tragkörbe, in besonders reicher und eigentümlicher Ausschmückung (darunter Faserbüschel, Paradiesvogelfedern, Krebsscheren und bemalte Tapa).

Außer Kokosnüssen und etwas Yams brachten die Angriffshafener Blättertabak, geräucherte Fische und verschiedene Nährmuscheln (Batissa violacea und angulata, sowie Neritina petiti und rhytidophora), die hier sehr beliebt zu sein scheinen, sowie etliche schlechte Paradiesvögelbälge.

Anthropologisch zeigten sich auch die hiesigen Eingeborenen als echte Papuas von gewöhnlicher, dunkler Hautfärbung (zwischen Nr. 28 und 29 Broca's), und erschienen im allgemeinen als kräftige und gut gebaute Menschen. Mit vieler Mühe gelang es mir, einige zu messen, denn sie hatten schreckliche Furcht und zitterten wie Espenlaub, schier als solle es ihnen an den Kragen gehen. Die gewöhnliche Höhe ergab 1,57 Meter, wie dies sonst bei Papuas[83] der Fall ist; die stärksten Männer maßen 1,67 bis 1,70 Meter. Schuppenkrankheit und Ringwurm waren sehr verbreitet, aber ich sah keine Pockennarben. Bezüglich des Kopf- und Barthaars gilt das bei Massilia gesagte (S. 333); rote Erde war nicht selten ins Kopfhaar geschmiert, sonst sah ich wenig Bemalung.

Obwohl ich bei den Leuten nur eine Glasperle als einziges europäisches Erzeugnis beobachtete, die sehr alt zu sein schien und an einem Kamm befestigt war, so schienen sie doch Eisen zu kennen. Denn sie machten die Pantomime des Schneidens und nahmen sonderbarerweise Messer, die sonst am wenigsten begehrt sind, lieber als Hobeleisen.

Durften die Massilianer schon als Radaumacher gelten, so waren es diese Eingeborenen in erhöhtem Maße. Jeder wollte zuerst seinen Kram los werden, und dabei wurde geschrieen, daß man kaum das eigene Wort verstehen konnte, ein wahrer Höllenspektakel! Und nach des Tages Last und Hitze sehnte man sich wirklich nach Ruhe und bedurfte derselben; aber der hereinbrechende Abend schien den Handelsgeist der Leute nicht im mindesten abzuschwächen. Hundertmal hatte ich ihnen angedeutet, daß nichts mehr gekauft würde, aber immer wieder wurden Sachen, oft dieselben Stücke angeboten. Da ist z. B. ein langer Kerl, der um jeden Preis seinen schlechten Knochendolch zu hohem Preise los sein will, obwohl ich ihn schon so viele Male zurückgewiesen. Das Stück erscheint immer aufs neue und in verändertem Aussehen auf der Bildfläche. Bald ist es mit grünen Blättern, bald mit Baststreifen verziert oder mit roter Farbe angeschmiert, aber immer wird es durch einen anderen offeriert. Nicht wahr, diese Schwarzen sind pfiffige Leute? Aber wir waren es auch, und zwar in einer den braven Eingeborenen durchaus neuen Weise. Ein paar Worte mit dem Maschinisten und plötzlich gellte die Dampfpfeife. Hei, wie sie das Wasser schaufelten und in wilder Hast heimwärts stürmten! »Ja, nicht wahr? der Schreck ist euch in die Glieder gefahren« dachte ich, als mit dem Pfiff Luft geschafft worden war und zündete mir ein Pfeifchen an, um bei der matten Kajütenlampe und 27° R. Wärme die Erlebnisse des Tages niederzuschreiben. Prioritätsrechten zufolge muß diesem Hafen der odiöse Name verbleiben, der lehrt, wie verschieden die Aufnahme an ein und demselben Platze sein kann, zu der allerdings das Auftreten der Fremden nicht selten die Veranlassung giebt. Kap »Eintracht«, in Erinnerung an das gute Einvernehmen mit uns, wird die Angriffshafener etwas versöhnen, denen ich noch außerdem das Epitheton »Lärmonkels« stifte.

Auch auf der Weiterreise (16. Mai) zeigte die Küste denselben einförmigen Charakter: dichtbewaldete Hügel, die steil bis ins Meer abfallen, hie und da mit kahler Felssohle, im Hintergrunde höhere Berge. Wir hatten Angriffshafen noch nicht lange verlassen, als sich westlich von einer sanft gerundeten Huk (Robidé), in weiter Entfernung höheres, in Wolken gehülltes Land zeigte, daß sich später als Teil des Cyclopgebirges erwies. Humboldt-Bai, das Endziel unserer Reise war also nicht mehr fern und der Eingang zu derselben deutlich zu erkennen, nachdem wir Robidé-Huk[84] passiert hatten. Das Meer zeigte hier wieder seine eigentliche tiefblaue Farbe, aber einige Meilen weiter erschien es, soweit das Auge reichte, aufs neue scharf abgesetzt grün, wie ein großes Riff. Wir hatten diese Erscheinung aber bereits so häufig beobachtet, daß der Kapitän ohne Zögern in das grüne Wasser hineindampfte, welches bald schmutzig lehmfarben wurde. Es mußte also in der Nähe ein Fluß münden, nach dem der Kapitän zu suchen schien. Statt nach dem Eingange von Humboldt-Bai, die mit Kap Bonpland so deutlich voraus lag, wurde nämlich O.-S.-O. gesteuert, in eine Art sanfte Bucht, die östlich von einem steilen, dichtbewaldeten Hügel begrenzt wird. Ich nannte ihn später Germania-Huk, weil sie den letzten Küstenvorsprung auf deutschem Gebiete bezeichnet. Bald sahen wir die erwartete Mündung eines Flusses, des Sechstroh, (nach unserem ersten Offizier). Obwohl sich die Unzugänglichkeit desselben schon jetzt erkennen ließ, so fehlen der Kapitän, welcher wie immer aus der Marsraae[85], die Navigation leitete, doch Absichten mit diesem Flusse zu haben. Es wurde ein Boot ausgesetzt, fleißig gelotet und -- »schmiet daal!« -- da rasselte der Anker in die Tiefe. »Willkommen in Humboldt-Bai« hieß es, als Kapitän und Steuermann aus ihrer luftigen Höhe wieder an Deck festen Fuß faßten. »Humboldt-Bai? I, Gott bewahre! die liegt ja dort, noch über fünf Meilen zu West« -- Und so verhielt es sich auch; übrigens ein verzeihlicher Irrtum, da keine Spezialkarte dieser Bai an Bord war, die ich diesmal besser kannte. Hatte ich mich doch einmal mit Humboldt-Bai eingehend zu beschäftigen gehabt, als ich vor vielen Jahren mein erstes Buch[86] über Neu-Guinea schrieb, eine jener gutgemeinten Kompilationen, in denen trotz aller Sorgfalt eine Menge Fehler unterlaufen. Ich konnte damals freilich nicht ahnen, daß ich noch einmal Gelegenheit haben würde, dieselben an Ort und Stelle zu korrigieren. Da lagen wir nun, kaum drei Viertel Meilen, in sieben Faden Schlick, vor dem neuen Flusse, dessen Mündung sich durch mächtige Brandung und Treibholzstämme kennzeichnete, aber ebenso wenig versprechend aussah, als die Küste selbst. Sie zieht sich als dichtbewaldetes Flachland, an dem es brandet, anscheinend bis Kap Bonpland hin, das durch mehrere hellgefärbte Flecke, kahlen Fels, so kenntlich ist. Das Kap bildet den steilabfallenden Ausläufer einer bewaldeten Hügelkette, welche das Vorland begrenzt und auf deren Kammlinie sich zwei Kuppen (Alexander-Spitze, ca. 1200 Fuß und Aimé-Kuppe, ca. 1000 Fuß) besonders markieren. Bei der sehr bedeckten Luft war Kap Caillié nicht deutlich auszumachen, wohl aber die Ausläufer des Cyclopgebirges und die Berge in der Tiefe von Humboldt-Bai zu erkennen. Der Mangel von Kokospalmen an der Vorlandsküste ließ auf den gleichen an Menschen schließen, und so konnte eine Revision der Maschine, welche zum Bleiben nötigte, in aller Ruhe vorgenommen werden. In Humboldt-Bai wäre das, wie wir später sehen werden, gewiß nicht mehr möglich gewesen. Der unfreiwillige Aufenthalt hier erwies sich daher als eine Fügung des Himmels, für die wir in jeder Beziehung dankbar sein konnten. Freilich dauerte die Ruhe nicht lange, denn bald zeigten sich bekannte dunkle Gestalten am Ufer, die mit grünen Zweigen winkend, uns schreiend an Land einluden. Der Kapitän wollte aber seinen Leuten einmal etwas Ruhe gönnen und hatte überdies nicht Lust, ein Boot zu gefährden, da die Landungsverhältnisse nicht eben sehr günstig aussahen. Die Eingeborenen riefen ohne Aufhören weiter und gaben sich alle erdenkliche Mühe; sie wateten brusttief ins Wasser und erkletterten die Treibholzstämme, auf denen bald eine ganze Reihe, wie brüllende Seelöwen hockte. Die armen Kerle besaßen gewiß keine Kanus und hätten die seltenen fernen Gäste doch so gern gesehen! Ach was! die werden sich schon zu helfen wissen. Und sie halfen sich! Bald sah man braune Körper, auf irgend etwas sitzend, durch die Brandung gondeln und mit der Strömung nach dem Dampfer treiben. Ja, das waren wirklich die denkbar einfachsten Fahrzeuge, Baumwurzeln, jederseits ein dicker Bambu angebunden. Aber, wie die Abbildung (S. 344) zeigt, die Sache ging prächtig. Als wären sie erwartet, ließen die ersten Ankömmlinge ihr Gefährt treiben, um gleich an Bord zu klettern, wovon ich sie jedoch sanft zurückhielt. Bei den mancherlei Arbeiten auf Deck lag allerlei Gerät umher, was für Kleptomanen doch zu verführerisch gewesen wäre. Auch ist es im allgemeinen nicht rätlich Eingeborene, die man noch nicht genauer kennt, an Bord umherschnüffeln zu lassen, und ich hielt stets darauf, diesen Grundsatz durchzuführen, da Vorsicht ja niemals schaden kann. Übrigens wußten sich diese Fouriere trefflich zu akkomodieren, und konnten, an Ruder oder Ankerkette sich festhaltend, gemütlich die Kanus abwarten, welche bald durch die Brandung tanzten. Sie brachten je zwei bis vier, höchstens zehn Eingeborene, in jeder Weise echte Brüder der Angriffshafener, nur daß sie noch viel mehr lärmten. Sie kamen nicht aus Wißbegierde, kümmerten sich weder um den Dampfer noch unsere weiße Haut, sondern ihr einziger Zweck war schachern und -- stehlen. Da wir zu gut aufpaßten, so blieb es in Bezug auf das letztere bloß bei Versuchen, aber schon diese ließen die Gewandtheit der Leute zur Genüge erkennen. So machte es mir viel Spaß, einen Eingeborenen im stillen zu beobachten, der sich bemühte, eine leere Flasche durch die Klüse zu eskamotieren und sie ihm gerade im letzten Moment abzunehmen. Auch beim Schacher hieß es scharf aufpassen, denn hielt man das Tauschobjekt des Eingeborenen nicht bereits mit der einen Hand fest, so durfte man das seinige nicht aus der anderen lassen. Wurde doch ohnehin schon versucht, Sachen aus der Hand zu reißen oder zum Ansehen gegebene zu behalten. Nach diesem in meinem bisherigen Verkehr mit Eingeborenen durchaus neuen, nicht eben sehr angenehmen Betragen zu urteilen, hatten wir es hier mit einem wilderen Stamme als bisher zu thun. So würden nämlich die meisten urteilen; aber ich denke, die hiesigen Eingeborenen lernten diese üblen Manieren erst in Humboldt-Bai, wo sie gewiß schon Schiffe gesehen hatten. Sie warnten uns übrigens vor Lintschu, wie sie die Bai nannten, ein Name, den ich in ihr selbst nicht hörte, aber nur aus Spekulation, um den Eisensegen allein einzuheimsen. Denn ihre einzige Losung war »Szigo« (Eisen), und sie wußten die Gelegenheit, die ihnen wohl zum erstenmal ein Schiff direkt vor ihre Barre führte, nach besten Kräften auszunutzen. Analog unserem Hurra ertönte hier aus allen Kehlen ein kräftiges »i, i, i -- jáh«, jedesmal als Zeichen, daß sie wiederum ein Hobeleisen erschachert hatten. Die Leute besaßen übrigens schöne Sachen, zumeist identisch mit denen von Angriffshafen. So die Kanus (mit Pandanus-Mattensegel), Waffen, Steinäxte, Töpfe (T. IV. 1, 2), Schmuck (darunter die bekannten Brustschilde) und sonstige Zieraten.

Unter den letzteren erhielt ich einige neue Leibschnüre; so eigentümliche aus aufgereihten Vogelknochen (meist von Buceros) und Krebsbeinen mit großen kugelförmigen Samenkernen (T. XXIV. 2), und sehr elegant aussehende von Coixsamen, abwechselnd mit den kirschbraunen Samen von Adenanthera pavonina (XXIV. 6). Letztere waren auch zu langen Schnüren als Hals- und Brustketten aufgereiht. Eine neue Art Collier bestand in zwei kolossalen Eberhauern (Taf. XXI. 1), die einen Ring von 12 cm Durchmesser bilden. Neu war auch ein Nasenschmuck aus Tridacna geschliffen (XX. 7). Zirkelrunde, abnorm gewachsene Eberhauer (wie XX. 2), scheinen diesem westlichen Gebiete zu fehlen und wurden in Krauel-Bai zuletzt beobachtet. Ein neues Steingerät waren Sagoklopfer mit gleichem Holzstiel wie Steinäxte (T. I. 5), aber mit einem ca. 12 cm langen, konischen, runden, sauber bearbeiteten Stein. An Waffen erhielt ich nur Bogen und Pfeile. Letztere (1,45 bis 1,80 Meter lang), zeichnen sich durch mehrere schwarzgemalte Ringe auf dem Rohrschafte aus, dessen erster Abschnitt mit hübschen eingebrannten Mustern verziert ist; bunte Bemalung und Federschmuck fehlen daran. Dolche aus Kasuarknochen waren sehr häufig, und manche zeichneten sich durch kunstvolle Gravierung aus, wie das schöne Stück auf T. XI. 7. Die Bekleidung der Männer bestand ausnahmslos in den (S. 337) erwähnten Kalebassen, zuweilen mit zierlich eingebrannten Mustern, und viel reicher als die Kalkkalebassen ornamentiert. Die Bambubüchsen für Tabak zeigten hübsche Gravierungen. Fischhaken sah ich (wie seit Astrolabe) auch hier nicht, erhielt aber Fischspeere in der bekannten Form, mit mehrzinkiger Holzspitze, wie sie sich überall findet. Beiläufig mag erwähnt sein, daß die Speerstange deshalb ausnahmslos aus Bambu besteht, weil eine solche schwimmt. -- Ziernarben waren auch hier häufig (vergl. S. 334 Fig. c, d). An Sonstigem wurden nur wenig Kokosnüsse, Pandanusfrüchte, ein paar junge Hunde der echten Papuarasse und eßbare Erde[87] angeboten, letztere in Form flacher, 20 cm breiter Kuchen, mit einem Loch in der Mitte, um ein Tragband hineinzuknüpfen. Als Jagdtrophäe erhielt ich den Unterkiefer eines Krokodil. Das Fleisch des letzteren ist bekanntlich bei den Papuas sehr beliebt, aber sie werden sich dieses Bratens wohl nur selten erfreuen. Wie ich selbst auf all diesen ausgedehnten Reisen nur ein paarmal Krokodile zu sehen bekam, so wurde mir von den Eingeborenen, außer hier, nur noch einmal auf Guap ein Schädel dieses Sauriers angeboten, und später sah ich einen in Humboldt-Bai.

Da die Leute noch vor Einbruch der Dunkelheit durch die Brandung mußten, so machten sie sich, Gott sei Dank! nach und nach auf den Weg und ich pries den Himmel als das letzte »i, i, i-jah« verhallte. Ja, das war wieder einmal ein schwerer, aufreibender Tag gewesen, dessen Errungenschaften, unter Geduldproben der härtesten Art erworben, hauptsächlich das Museum für Völkerkunde in Berlin bereichern halfen, das aus diesem Gebiete vorher kaum etwas besaß.

II. Humboldt-Bai und heimwärts.

Von d'Urville gesichtet. -- Alte Glasperlen. -- Einfahrt von Humboldt-Bai. -- Samoa-Cove. -- Erster Eindruck der Eingeborenen. -- Besuch von Beccari-Cove. -- Pfahldörfer im Wasser. -- Merkwürdiger Baustil. -- Inneres eines Hauses. -- Frauen. -- Taschendiebe. -- »Tempel« in Tobadi. -- Sein Inneres. -- Staunenswerte Konstruktion. -- Kein Tempel, sondern Versammlungshaus. -- »Heilige« Flöten. -- Holzschnitzereien. -- Äußerer Schmuck. -- Großartiges Bauwerk der Steinzeit. -- Betrachtungen über die Erbauer. -- Hollands Hoheitszeichen. -- Wißbegierde. -- Dörfer und Bevölkerung. -- Zurück an Bord. -- Wieder Tätowierung. -- Tauschhandel unmöglich. -- Wieder in See. -- Le Maire-Inseln. -- Blosseville. -- Lesson. -- Vulkanische Thätigkeit. -- Hansa-Vulkan. -- Wieder an der Küste. -- Laing-Insel. -- Hatzfeldthafen. -- Eingeborene. -- Ethnologisches. -- Versprechendes Land. -- Wieder in Astrolabe-Bai. -- Kuram und die Flagge. -- Hauptresultate der Reise. -- Heimwärts. -- Meerestiere. -- Vögel. -- Delphine. -- Dolphin und Bonite. -- Fliegende Fische. -- Schildkröten. -- Wiedersehen in See. -- Befreite Sklaven. -- Wieder in Blumenthal. -- Auflösung der Station. -- Abschied von der Samoa.

Der Eingang zu der Bai, vor welcher wir lagen, wird keinem Schiffe entgehen können, das von Angriffshafen nahe der Küste westlich segelt. Dumont d'Urville befand sich im August 1827 auf seiner Weltreise mit der Astrolabe in diesem Falle. Er benannte das geschlossene Becken nach unserem großen Landsmanne, Humboldt-Bai; die beiden Felsvorsprünge, welche die Einfahrt so kenntlich markieren, nach seinen eigenen: Kap Bonpland und Kap Caillié, und dabei blieb es. Denn erst dreißig Jahre später (1858) lief das holländische Kriegsschiff »Etna« zum erstenmal in die Bai ein, und so erhielten wir vier Jahre später die erste Kunde über dieselbe. Jedenfalls haben aber schon Portugiesen und Spanier im sechzehnten Jahrhundert diese Küste bereits berührt, wenn sich darüber auch keine sicheren Nachweise mehr erbringen lassen. Wie aber schon Schouten 1616 auf den Arimoa-Inseln eiserne Kessel von spanischer Arbeit bei den Eingeborenen vorfand, so erhielt ich am Sechstroh Belegstücke aus jenen Zeiten der ersten Entdeckungsfahrten. Bei einer Musterung der dort gekauften Brustschilde (XXIII. 2) fand ich zu meiner Überraschung unter den landesüblichen Abrusbohnen auch zwei fremde Gegenstände aufgeklebt. Sie erwiesen sich als Hälften einer schönen länglich runden (12 cm langen) Mosaikglasperle, merkwürdigerweise ein und desselben Stückes, welche ich sogleich als eine altvenezianische erkannte, was von Professor Salviati später bestätigt wurde. Von ähnlicher Herkunft ist ohne Zweifel das berühmte »Palau-Geld«[88]; während dasselbe aber dort noch heute als kostbar betrachtet wird, ist die Wertschätzung für alte Glasperlen im Laufe der Zeit bei den Papuas verloren gegangen und ich rettete wahrscheinlich ein paar der letzten Reste.

In der Frühe des anderen Tages (17. Mai) brachen wir von unserem Ankerplatze auf, passierten die kaum mehr als zwei Meilen entfernte holländische Grenze, ohne von Zollbeamten aufgehalten zu werden und dampften nach Humboldt-Bai, welche bald den folgenden Anblick bot (S. 349).