Samoafahrten

Part 27

Chapter 273,259 wordsPublic domain

Es bestand nämlich nur aus zusammengebundenen Palmblattstielen, auf denen sich je ein Knabe oder junger Bursche anderthalb Meilen weit in See wagte, nur um das dampfende Ungetüm zu sehen. Sachen irgend welcher Art ließen sich auf einem solchen Floß freilich nicht mitbringen, denn es ging mehr unter als über dem Wasser und schien höchstens für Schiffbrüchige empfehlenswert. Als Paddel diente ebenfalls ein Palmblattstiel. Die Kanus erwiesen sich übrigens als trefflich gebaute Fahrzeuge von eigentümlicher neuer Konstruktion. Sie hatten Seitenborde und zeichneten sich vorder- und hinterteils durch einen oft mit Schnitzerei verzierten Schnabelaufsatz (T. VII 3), einen gewaltigen Plattformaufbau (VI 2) und zwei sehr lange Querträger des Auslegergestelles aus. An jeder Seite der Plattform war ein hoher, schmaler Kasten aus Gitterwerk angebracht, der zugleich als Sitz diente, im Kriege aber eine gute Brustwehr abgeben mag. Einzelne Kanus waren sehr groß, an 30 bis 40 Fuß lang, und trugen etliche zwanzig Personen, wovon 14 allein auf der Plattform Platz fanden. Solche Fahrzeuge mit Mast und Segel schienen zugleich Kriegskanus in voller Ausrüstung, denn die Seitenkasten der Plattform waren mit Waffen gefüllt. Letztere bestanden fast nur in Bogen und Pfeilen, aber so schönen, sauber gearbeiteten und reich verzierten, wie ich sie in ähnlicher Weise sonst nirgends in Neu-Guinea traf. Die Pfeile (60 cm lang), wie gewöhnlich aus Rohr, mit äußerst kunstvollen, zum Teil durchbrochen gearbeiteten Spitzen aus Holz oder Bambu, zeichneten sich durch einen feingeflochtenen Knauf aus, der mit aufgeklebten Federn und Coixkernen verziert war, ähnlich wie auf Guap. In vollem Einklange mit den Pfeilen standen die (1,70 Meter) langen Bogen, aus Holz der Betelpalme, mit Sehne von Rotang, die durch einen zierlich geflochtenen Knauf festgehalten wird. Sie sind mit fein eingraviertem Muster ornamentiert und haben Troddeln von dünnem Bindfadengeflecht mit daran befestigtem Federschmuck. In dem letzteren spielen Papageienfedern (Haubenfedern von Kakadus, Eclectus, zuweilen Köpfe der letzteren, wie von Lorius) die Hauptrolle, und darunter wiederum die prachtvollen, rot und schwarzen Federn von Dasyptilus Pequeti. Dieser sonst so seltene Papagei muß hier herum häufig vorkommen, denn seine Federn waren auch in Kopfputzen am meisten vertreten, außerdem die gelben Seitenbüschel vom Paradiesvogel. Von letzteren wurden auch Bälge, für die öfters lange Bamburöhre als Behälter dienten, von den Eingeborenen in größerer Anzahl als irgendwo vorher zum Tausch angeboten. Die Art ist der Paradisea minor aus West-Neu-Guinea nahe stehend, fiel mir aber gleich durch ihre Kleinheit auf und erwies sich später in der That als neu Paradisea Finschii. Wie geschickt Eingeborene allerlei Naturprodukte zu benutzen wissen, zeigte sich wiederum an diesen Vogelbälgen, die ohne eiserne Messer präpariert, natürlich sehr zerfetzt waren. Man hatte die Häute über eine Art Pflanzenmark gespannt und mit sehr spitzen Nadeln festgesteckt, die sich als Stacheln eines Landschnabeltieres (Echidna) erwiesen. Von anderen Paradiesvögeln sah ich hier zum erstenmale Federn des seltenen Xanthomelus aureus.

An sonstigem Schmuck und Zierat besaßen die Tagaiten im ganzen nicht viel: Halsketten aus Nassa mit Conusscheiben, schöne Brustringe aus Tridacna, Brustschilde aus Eberhauern (wie XXIII. 2), schmale Schildpattreifen mit Schnüren von Coix als Ohrringe und eigentümlichen Nasenschmuck aus Perlmutter (T. XX. 6). Haarkörbchen kamen hier nur vereinzelt vor, zuweilen mit einem Kranz aus Kasuarfedern verziert, aber im Haarwuchs selbst wurde Erstaunliches geleistet. Einzelne Männer schienen eine Alongeperücke aus der Zeit Louis XIII. zu tragen; es war aber alles eignes Haar, eine dichtverfilzte Masse, die 30 cm breit und 20 cm lang den ausrasierten Nacken deckte. Selbstredend durfte nichts unversucht bleiben, eine solche Monstreperücke zu sichern, und ich freue mich, das Bild des Trägers derselben noch in ungeschorenem Zustande geben zu können.

Es war ein stattlicher Kerl, mit wertvollem Muschelring als Halsschmuck und eigentümlicher Bemalung der Brust in Grau, die ich hier zuerst bemerkte. Im Haar trug er einen weit über die Stirn vorragenden, sogenannten Kamm, mit Haubenfedern der Krontaube (Goura) verziert, auf dem Scheitel zwei Seitenbüschel von Paradiesvögeln, wohl für lange Zeit zum letztenmal. Denn schon hielten mein Helfershelfer, der Steuermann, und ich die Waffen bereit, harmlos aussehende Scheren, die diese Eingeborenen ja noch nicht kannten, und ehe das Opfer noch recht ja oder nein sagen konnte, setzten wir an, und der seltene Schatz war für die Wissenschaft gerettet. Das Stück ziert jetzt das Berliner Museum, sofern es überhaupt zur Aufstellung gekommen ist. Als ich den Mann seine Veränderung im Spiegel betrachten ließ, machte er freilich ein verblüfftes und anscheinend nicht sehr erfreutes Gesicht, aber ich schenkte ihm den Spiegel und einiges andere dazu, unter der Versicherung, daß die Haare ja wohl wieder wachsen würden. Ich irre aber gewiß nicht, wenn ich eine derartige Perücke als Häuptlingsschmuck ansehe, denn unter fast ein paar Hundert Tagaiten, die uns in etlichen zwanzig Kanus umlagerten, trugen kaum mehr als ein halbes Dutzend solchen Haarwuchs. Die übrigen hatten gewöhnliches Papuahaar, in Form einer wolligen oder zottligen Kappe, und waren auch sonst echte Papuas, aber viele von ziemlich heller Färbung (wie Nr. 29 bei Broca). Hautkrankheiten zeigten sich nur wenig, aber ich beobachtete bei einzelnen Pockennarben. Die Männer trugen als Bekleidung die bekannten Tapastreifen, und auch bei Mädchen sah ich hier zum erstenmale Tapaschürzen statt der sonst üblichen Faserröckchen. Die Sprache war, wie fast überall, wo wir auf dieser Reise mit Eingeborenen verkehrten, verschieden von der vorher gehörten, das Betragen der Leute ein lobenswertes. Ohne Scheu kamen sie gleich an Bord, und ein Arbeiter-Werbeschiff hätte hier in der kürzesten Zeit ein wertvolles Cargo Rekruten mitnehmen können. Für alles wurde übrigens »Bodé« -- Eisen, verlangt, wie dies immer der Fall ist, wenn Eingeborene solches erst kennen lernen. Außer wenigen Kokosnüssen, etwas Yams und Betel brachten sie nur zwei Hühner und ein Schwein (Bor), in dem Seite 327 dargestellten gefesselten Zustande. Es war leider ein junges und kaum des Schlachtens wert; nach vielen Verhandlungen holten die Leute dann noch ein zweites größeres. Man sieht daraus, daß es in Neu-Guinea mit Lebensmitteln des Landes in der Regel gar schlecht bestellt ist und man ohne eigenen Proviant verhungern könnte.

Schon vom Kaskadefluß an machte sich weiter inland eine höhere Bergkette bemerkbar, die nach und nach bedeutender wurde und sich zu einem Gebirge entfaltete, das d'Urville nach dem großen, italienischen Physiker Torricelli benannte. Es bildet einen dichtbewaldeten, in seiner Kammlinie ziemlich einförmig verlaufenden Rücken und mag an oder über 3000 Fuß Höhe erreichen. Als wir in der Früh (14. Mai) von unserem Ankerplatz bei Tagai westlich dampften, trat dieses Gebirge besonders deutlich hervor mit einer sehr markierten Kuppe, der Langenburg-Spitze[78], wie sie die beigegebene Abbildung (S. 329) darstellt. Diese Bergspitze zeichnet sich durch ein paar kahle Stellen aus, die von Erdrutschen oder ähnlichen Erscheinungen herzurühren scheinen. Von Tagai verläuft der Ufersaum weiter West in einem breiteren, dicht bewaldeten Vorlande und scheint noch ca. drei Meilen ziemlich bewohnt, soweit sich dies aus einzelnen Häusern mit kleinen Palmgruppen schließen läßt.

»Bei Passier-Point sind ausgedehnte Lagunenriffe und mehrere kleine Inseln« sagt Powell in dem Vortrage[79] über seine Reise an dieser Küste (?). Ja wohl! auf den Karten ist hier sogar eine zwei Meilen lange und breite Landzunge oder ein Riff verzeichnet, nach welcher wir vergebens Ausguck hielten. Herr Powell wird daher wohl etwas weitab gewesen sein, denn sonst müßte er gesehen haben, daß Passier-Point überhaupt nicht existiert. Ein isolierter Bestand dunkler Kasuarinen, welcher plötzlich in den sonst herrschenden Laubwaldscharakter der Küste einsetzt, war höchstwahrscheinlich die Ursache, daß d'Urville hier eine Huk verzeichnete. Schiffe, welche wie die Astrolabe weiter von der Küste segeln, können durch solche Kasuarinenhaine leicht getäuscht werden, da dieselben sich wegen der dunklen Färbung schärfer als die übrige Küste markieren und von weitem wie vorspringende Felsenkaps aussehen. Bald zeigten sich kleine Inseln, die Sainson-Gruppe, von d'Urville aus Nord gesichtet, auf welche wir, immer der Küste folgend, zuhielten. Durch eine vollkommen rifffreie Straße, die Babelsbergstraße, lief der Dampfer in die schöne Lagune ein, welche von diesen Inseln gebildet wird. Im Osten derselben liegen Faraguet und Sainson, niedrige, dichtbewaldete Inseln, von denen nur die letztere an der Südseite Kokospalmen und drei Siedelungen besitzt, und die durch Riff verbunden, ein hufeisenförmiges Becken umschließen, das ich Berlinhafen benannte. An der Südwestspitze von Sainson und durch Riff verbunden, schließt ein Inselchen, Sanssouci, das Hufeisen. Es ist kaum eine Viertelmeile lang, besteht aber fast nur aus Kokospalmen und Häusern, deren Bewohner sich jedoch versteckt hielten, während von Sainson ein Segelkanu abzukommen versuchte. Ähnlich reich an Kokospalmen und Bevölkerung ist die Küste, welche ausgedehntes Waldvorland, dahinter niedrigere bewaldete Hügel- und Bergreihen zeigt. Dieses Kopragebiet, das einzige von einiger Bedeutung an der ganzen Nordostküste Neu-Guineas, scheint sich an zehn Meilen weit bis Lapar-Point hinzuziehen. Dieser letztere von d'Urville benannte Küstenpunkt ist nur ein dichtbewaldeter, etwas vorspringender Uferhügel, durch schwarze Felsen und Steine ausgezeichnet, welche sich bis Dudemain-Insel hinzuziehen und uns den direkten Weg westwärts zu versperren schienen. Wir versuchten also, den nach der Karte durch Riffe geschlossenen Durchgang zwischen Faraguet und Dudemain, fanden ihn aber glücklicherweise vollkommen frei (16 Faden und kein Grund!) und gelangten wieder einmal in klares dunkelgrünes Wasser. Dudemain mit dicht bewaldeten Korallfelsen erscheint wie eine hohe Insel; an der Südseite sind ein paar kleine Siedelungen, an der Nordseite ziemlich viel Kokospalmen.

Von Lapar-Point verläuft die Küste fast geradlinig nach W.-N.-W. bis zu einer sanftgerundeten Ecke, der Baudissin-Huk[80]. Auch dieser an 20 Meilen lange Strich, ausgedehntes, dichtbewaldetes Vorland, von bewaldeten Hügeln begrenzt, hinter denen höhere Berge folgen, scheint sehr beachtenswert. Ich notierte vier Flüsse, (Arnold-, Joest-, Bastian- und Lagunenfluß), deren Mündungen indes wie bei fast allen vorhergehenden unzugänglich erschienen. Zwischen dem Joest- und Lagunenflusse gab es wieder ziemlich viel Kokospalmen, aber ich beobachtete nur wenig Siedelungen. Der Lagunenfluß ist der Ausfluß eines großen Wasserbeckens, das vom Mast aus wie ein ausgedehnter See erschien, mit einer bewaldeten Insel in der Mitte; auch Dörfer, Pfahlbauten, ließen sich mit bloßem Auge im Wasser erkennen. Gewiß eine sehr interessante Gegend und der Untersuchung wert, für die wir leider keine Zeit hatten. Diese Lagune dehnte sich scheinbar bis zu einer Hügelkette aus, hinter welcher weiter inland wohl an 3000 Fuß hohe Kuppen vorragten.

Mit dem Lagunenflusse beginnen wieder einmal Kasuarinen das Ufer zu säumen, welche, im Gegensatze zu Kokospalmen, fast ausnahmslos das Fehlen von Menschen andeuten. Ich bedauerte dies nicht im mindesten, als wir am Abend ca. fünf Meilen West von dem Flusse zu Anker gingen, denn eine ruhige Nacht that mir nach den Anstrengungen der vorhergehenden Tage mehr als je not. Den ganzen Tag Notizen zu machen und zwischendurch mit den Eingeborenen zu verkehren, um Sachen einzutauschen, ist ein gar hartes Stück Arbeit, denn schon die Zeichensprache ist ermüdend und erfordert mehr geistige Anstrengung als irgend eine andere, und vor allem Geduld, die Geduld eines Engels. Wie oft merkt man nicht heraus, daß die Eingeborenen sehr gut begreifen, was man will, sich aber nur absichtlich dumm stellen, wie ein Beispiel aus dem Verkehrsleben mit ihnen am besten zeigen wird. Zahlreiche Kanus mit Eingeborenen lagern um den Dampfer und fischen die roten Lappen auf, die zunächst als Köder über Bord geworfen werden. Aber sie haben nichts Rechtes; schlechte Speere, alte geflickte Tragbeutel, verschlissene Grasarmbänder, ein paar schlechte Muscheln und ähnlichen Plunder. Das Gute, die feinen Sachen, sind noch versteckt, denn es ist erstaunenswert, was so ein spärlich bekleideter, nach unseren Begriffen nackter Mensch alles an seinem Körper verbergen kann. Wie ich wohl weiß, liegen aber die besten Sachen in Blätter und Tapastreifen eingepackt, unsichtbar für uns, am Boden des Kanu. Um wenigstens mit dem Handel zu beginnen, fange ich an Plunder zu kaufen; aber die Eingeborenen wollen gegen rotes Zeug, Glasperlen und dergleichen nicht recht etwas hergeben. Mein Kennerblick hat die ganze Gesellschaft gemustert; nur einer unter ihnen trägt als begehrenswert einen hübschen Ring, aus Muschel gearbeitet, an einem Strickchen um den Hals. Wohlgefällig ruht mein Auge auf diesem Schmucke, ich deute durch Zeichen an, ihn zu kaufen. Aber der Eingeborene hat ebenfalls begriffen, was mich reizt, und als mein einen Moment abgewandter Blick den Träger sucht, findet er ihn nicht mehr. Er ist verschwunden! nämlich der Schmuck; zuerst auf den Rücken gedreht, dann abgebunden und im Kanu verborgen. Vergebens suche ich klar zu machen, was ich wieder haben will. Man versteht mich sehr gut, aber der Mann, der das kostbare Stück überhaupt nicht verkaufen will, stellt sich dumm und zeigt allerlei Dinge, nur nicht das Gewünschte. -- Das ist eine kleine Probe im Geduldsspiel »Schacher mit Eingeborenen«, dessen Früchte später, wenn alles gut geht, unsere Museen zieren. Ja, ja, man sieht es den oft sehr bescheidenen Dingen nicht an, welche Mühe ihre Erwerbung kostete; alles im »Dienste der Wissenschaft«, aber im Schweiße des Angesichts errungen und erschachert.

Ist man endlich die Eingeborenen glücklich los, dann bleibt noch die nötigste Arbeit, die erhaltenen Stücke mit dem Fundort zu bezeichnen und -- last not least -- das Gesehene und Erlebte selbst ins Tagebuch zu schreiben. Das hat mir manche Nachtstunde gekostet und geht auf rollendem Schiffe nicht so bequem als daheim im Studierzimmer. Freilich meinen die Herren des letzteren gar häufig, daß ethnologisches Sammeln reines Kinderspiel sei, aber da haben sie wohl nicht selbst praktische Erfahrungen gemacht, denn es kauft sich nicht so leicht wie auf einem Bazar bei uns. Eine so anstrengende Lebensweise stellt, im Verein mit der Hitze, welche meist einen Teil der Nachtruhe raubt, bedeutende körperliche Anforderungen, die das ewige Einerlei der Schiffskost mit Konserven und immer wieder Konserven nicht befriedigen kann. Ein tüchtiger Koch vermag freilich viel, aber das war der unsere nicht, mit dem überhaupt sehr zart umgegangen werden mußte. Schon am dritten Tage der Abreise machte er mich darauf aufmerksam, daß alles Wasser an Bord vergiftet sei. Das ließ keinen Zweifel, daß wir es mit einem Verrückten zu thun hatten. In der That stellte sich immer mehr heraus, daß der Mann an Verfolgungswahnsinn litt, und ein solches Mitglied an Bord zu haben, ist eben nichts Angenehmes.

Mit gewohnter Pünktlichkeit wurde am anderen Morgen (15. Mai) aufgebrochen, und kaum hatten wir Baudissin-Huk passiert, so zeigte sich wieder weithin trüb lehmfarbenes Wasser voraus. Es wird durch den Goßler erzeugt, einen ansehnlichen, aber ebenfalls durch Barre versperrten Fluß, dessen Mündung wir bald darauf erblickten. Der weiße, scharf abgesetzte Schaumstreif, welchen die Kabbelung dieser Flußauswässerung hervorbringt, mag im Verein mit den hellgefärbten Felsen der Uferbasis der darauf folgenden Küste die Veranlassung gewesen sein, daß d'Urville ein ausgedehntes Riff vor sich zu sehen glaubte. In Wirklichkeit existiert das 12 Meilen lange Karan-Riff der Karten aber nicht. Diese ganze Küste zeichnete sich übrigens durch intensive Einförmigkeit, ja Langeweile aus; überall dieselben niedrigen, eintönig dunkelgrünen Hügelketten, die wie mit einer einzigen Laubholzart bewaldet scheinen, keine Kokospalmen und damit keine Menschen. Erst viel weiter westlich, nachdem wir noch eine Flußmündung (des Thorspecken) passiert hatten, zeigten sich wieder Palmen und damit Eingeborene, obwohl sich von ihren Siedelungen nichts bemerken ließ. Sie mochten im Dickicht des Urwaldes verborgen sein, aber jedenfalls kamen Kanus ab und zwar eine ganze Anzahl, so daß gestoppt wurde. Diese Fahrzeuge unterschieden sich im wesentlichen von den gestern gesehenen durch den Mangel eines Schnabelaufsatzes und einer erhöhten Plattform, waren kleiner, aber eigentümlich durch aufgebundene Randleisten und Bemalung der Seiten (vergl. T. VII 1). Einzelne Kanus führten auch Segel[81] und als Verzierung der Mastspitze einen Büschel Kasuarfedern.

Von den Eingeborenen selbst wird die beigegebene Abbildung eines jungen Kriegers die beste Vorstellung geben. Er trägt eines der geschmackvollen Brustschilde aus Platten von Eberhauern mit roten Abrusbohnen und Nassa besetzt (XXIII. 2), um den Arm Ringe aus Querschnitten von Trochusmuschel, durch die Nasenscheidewand zwei längsgespaltene und dünn geschliffene Eberhauer (T. XX. 8), die im Verein mit der schwarzen und weißen Bemalung des Gesichtes, die übrigens als Verschönerung dienen soll, ein gar wildes Aussehen verleihen. Im linken Ohr steckt ein runder Ball aus Cuscusfell, im rechten sind Schnüre aufgereihter Coixkerne befestigt. Ein breiter Gürtel aus Baumrinde, mit welchem der Leib unnatürlich eng eingeschnürt wird, und ein Tapastreif um die Lenden würde den Ausputz eines hiesigen Eingeborenen vollenden. Breite Kopfbinden aus Cuscusfell waren hier auch sehr beliebt, wie eine besondere Art eleganter Leibschnüre von schwarzen Perlen aus Kokosnußschale und Conusringen (T. XXIV. 3). Sonst sah ich nur bereits Bekanntes. So Bogen wie von Tagai (S. 324), aber ohne Federschmuck, und Pfeile wie von Guap (S. 318). Haar und Bart erfreuten sich keiner besonderen Pflege; doch beobachtete ich noch einzelne verfilzte Haarperücken und bei jungen Leuten eine Haarwulst längs der Scheitelmitte, eine Frisur, die in Neu-Irland sehr häufig ist und an die Raupe des bayerischen Helmes erinnert. Nicht selten waren jene erhabenen Narben, die durch wiederholtes Einschneiden der Haut hervorgebracht werden, eine sehr schmerzhafte Operation, die als Verschönerung weit über Melanesien verbreitet ist. Figur a der Abbildung (S. 334) zeigt die blattförmige Ziernarbe eines hiesigen Kriegers und zugleich die Art und Weise, wie der Dolch aus Kasuarknochen in den Armbändern von Trochusreifen getragen wird.

Die Leute hatten viel Tabaksblätter in Bündeln, sonst kaum etwas anzubieten. Neu waren mir aber in eigentümlicher Form geräucherte Fische, die ich anfänglich für irgend eine Art Armbänder oder dergleichen hielt. Wie eine Spirale windet sich, an einem Stocke befestigt, Fisch an Fisch, jeder mit der Schwanzspitze die Schnauze berührend, eine Methode, die ihrer Originalität halber, auf einer Ausstellung gewiß ausgezeichnet werden würde. Der Geschmack dieser Fischkonserve konnte indes nur Papua reizen.

Diese Eingeborenen betrugen sich übrigens längst nicht so manierlich als ihre Rassengenossen der vorhergehenden Tage; sie lärmten gar sehr und kriegten oft untereinander Streit. Doch ließ sich ganz gut mit ihnen kramen, und sie waren anfänglich sogar mit rotem Zeuge zufrieden. Als ich aber Eisen, Hobeleisen, zum Vorschein brachte, da wurden sie, wie der Kapitän zu sagen pflegt, förmlich »wild«, das heißt vor Freude. »Massilia!« und »Massilia« ertönte es ohne Ende, ein Name, dessen Bedeutung mir zwar unklar blieb, den ich aber kartographisch mit dieser Stelle verbinde. Sie ist jetzt wenigstens auffindbar, falls jemand Lust haben sollte, hierher zu gehen, um Aufklärungen über Massilia zu geben.

Weiter nach West behält die Küste denselben Charakter, zeigt keine Spuren von Bevölkerung, und das einzige, was wir entdeckten, waren zwei Flüsse, (Ratzel und Neumayer) die vielleicht nur Arme eines und desselben sind, und drei Inseln, nahe der Küste, oder vielmehr Inselchen, so klein, daß ich sie »Däumlinge« nannte. Wenn sich nicht etwa Gold oder »Sowas« auf ihnen findet, wird diese Entdeckung ziemlich wertlos bleiben, aber nichtsdestoweniger eine Entdeckung. Hinter der dichtbewaldeten Uferhügelkette traten jetzt höhere Berge hervor, einförmige Rücken, die im Westen durch einen Berg von eigentümlicher Form, wie ihn die nachstehende Skizze (rechts) zeigt, einen vorläufigen Abschluß fanden. Es ist der circa 3000 Fuß hohe Bougainville von d'Urville und, wie sich später erwies, identisch mit dem Mount Eyries von Belcher. Der Hügel gleich im Vordergrund meiner Skizze ist Kap Concordia, das uns schon längst aufgefallen war und hinter dem wir einen Ankerplatz für die Nacht zu finden hofften. Wirklich zeigte sich hier der Eingang zu einer kleinen hübschen Bucht, welche unserem Wunsch durchaus entsprach. Es war die »anse de l'attaque«, von d'Urville am 11. August 1827 nur gesichtet, aber nicht besucht[82], in der wir bald wohlbehalten ankerten. Sie bildet ein rings von bewaldeten Bergen umschlossenes rundes Becken, mit freier, jederseits durch Riffe geschützter Einfahrt, gutem Ankergrunde (7 bis 15 Faden) und giebt einen prächtigen und sicheren Hafen ab. Längs dem Sandstrande, welcher Angriffshafen säumt, sind dichte Reihen Kokospalmen, aber keine Siedelungen, die, wie wir später bemerkten, westlich von Reiß-Huk in der angrenzenden schmalen Friederichsen-Buchtung liegen.

Ganz wie zu d'Urvilles Zeiten kamen, noch ehe der Anker fiel, Eingeborene in ihren Kanus angerudert; zehn, zwanzig, bis eine ganze Flotte von dreißig bis vierzigen den Dampfer umlagerte. Die Leute stellten förmliche Wettrudern an, als solle das Schiff gleich genommen werden und führten, wie damals, Unmassen von Waffen mit sich. Ich kannte die Art der Eingeborenen aber besser und wußte, daß ich bald eine Menge ihrer Armaturstücke einhandeln und daß ev. ein Gewehrschuß genügen würde, die Flotte in wilder Flucht auseinander zu jagen.