Samoafahrten

Part 24

Chapter 243,165 wordsPublic domain

Unsere Vorgänger. -- Vulkan-Insel. -- Weithin schmutzig gefärbtes Meer. -- Bei Venushuk. -- Eingeborene. -- Ethnologisches und Anthropologisches. -- Bedenken gegen die Weiterreise. -- Schouten und le Maire. -- Längs unbekannter Küste. -- Wir entdecken den Kaiserin Augustafluß. -- Hansemann-Küste. -- Zusammentreffen mit Eingeborenen. -- Krauel-Bucht. -- Eingeborene am Caprivifluß. -- Albino. -- Kap Dallmann. -- Neue Buchten. -- Prinz Alexander-Gebirge. -- Dallmannhafen. -- Eingeborene. -- Landexkursion. -- Dorf Rabun. -- Hausbau. -- Frauen. -- Tabuhaus. -- Gastfreundschaft. -- Ein Papuadinner. -- Papuanische Auffassung europäischer Utensilien. -- Spielzeug. -- Elektrisiermaschine. -- Ich soll Häuptling werden. -- Muschu. -- Insel Guap. -- Eingeborene derselben. -- Brustbeutel. -- Äußerer Ausputz derselben. -- Inhalt. -- Waffen. -- Kanus. -- Wiedersehen. -- Pâris oder Aarsau. -- Finschküste. -- Neue Flüsse. -- Kaskadefluß. -- Malgari und seine beiden Söhne. -- Macht der Musik. -- Wieder neue Flüsse. -- Tagai. -- Auf Palmblättern. -- Pfeil und Bogen. -- Paradiesvögel. -- Kolossales Haar. -- Torricelli-Gebirge. -- Kein Passier-Point. -- Sainson-Inseln. -- Berlinhafen. -- Sanssouci. -- Kopradistrikt. -- Neue Flüsse. -- Große Lagune. -- Schacher mit Eingeborenen. -- Ethnologisches Sammeln. -- Kein Karan-Riff. -- Massilia. -- Eingeborene. -- Berg Bougainville. - Angriffshafen. -- Eingeborene -- im Kriegsschmuck. -- Neues ethnologisches Gebiet. -- Enorme Nasenkeile. -- Anthropologisches. -- Pfiffigkeit. -- Aussicht auf Humboldt-Bai. -- Germaniahuk. -- Zu Anker am Sechstrohfluß. -- Eingeborene. -- Vorsicht nötig. -- Schwieriger Handel. -- Ethnologisches. -- Eßbare Erde.

Von allen Küsten Neu-Guineas war wohl keine weniger bekannt als die nordöstliche zwischen Astrolabe- und Humboldt-Bai, eine Strecke, die, in der Luftlinie gemessen, sechs Grade oder nahezu 360 Meilen deckt. Was die Karten hier verzeichneten, ist den Entdeckungsreisen der französischen Kriegsschiffe »Coquille« unter Duperrey (1823) und »Astrolabe« unter Dumont d'Urville (1827) zu verdanken, wie schon aus der französischen Namengebung hervorgeht. Sie bezieht sich, außer richtig festgelegten Inseln, auf 16 vorspringende Punkte der Küste, Kaps oder Huks, mit erheblichen Lücken dazwischen. Für große Strecken hatten die Schiffe nämlich so weit vom Lande abzuhalten, daß sie die Küste nur sichteten, an wenigen Stellen kamen sie ihr näher, nirgends betraten sie dieselbe. Nur einmal war dies überhaupt geschehen, aber lange, lange vorher und zwar bei der denkwürdigen Weltreise von Jacob le Maire und Willem Schouten (sprich: Schauten), die im Juli 1616 an einem nicht mehr genau auszumachenden Punkt, auf den wir noch zurückkommen, als die Ersten und Letzten wirklich landeten. Das Schicksal hatte uns vergönnt in die Fußstapfen der glorreichen niederländischen Seehelden zu treten, denn unsere bisherigen Reisen ließen in Kaiser Wilhelmsland nur jene oben erwähnte Küste übrig, die unbekannteste überhaupt. So bezeichnete sie Robidé van der Aa, der beste Kenner der Litteratur über Neu-Guinea, noch Ende 1883. Das beigegebene Kärtchen (S. 290)[70] wird, im Verein mit der Übersichtskarte, wenigstens soweit zur Orientierung dienen, um unserer Reise einigermaßen folgen zu können.

Beinahe hätte ich diese Reise überhaupt nicht mitmachen können und unfreiwillig eine andere machen müssen, die jedem früher oder später einmal bevorsteht. Wie ein Dieb in der Nacht kam nämlich ganz plötzlich ein Choleraanfall über mich, und hätte den Namen meines kleinen Hauses in Mioko »onverwacht« (unerwartet) bald in einer Richtung wahr gemacht, die mir bei der Verleihung am allerwenigsten vorschwebte.

Mit aller Macht wurde zu der bevorstehenden großen Reise gerüstet. Wie fast immer in Mioko ging dies aber, schon des Kohlenladens wegen, nicht so rasch und erst am 5. Mai (1885) verließ die »Samoa« seeklar, den Hafen. Sie führte, »all hands« gerechnet, 18 Mann an Bord, eine Macht, die es auch ohne Kanonen mit den Eingeborenen aufnehmen konnte, wegen denen wir uns überhaupt keine Sorge machten. Aber was wir in unserer diesmaligen Ausrüstung mit Bedauern vermißten, waren Hunde, da die von Sydney und Cooktown mitgebrachten leider, meist an Hitzschlag, eingegangen waren. Hunde sind namentlich für kleinere Schiffe nützlicher als Kanonen, und nichts hilft wirkungsvoller das Deck von Eingeborenen klären, als ein kläffender Köter.

Für Abergläubige bot gleich der Anfang unserer Reise ungünstige Vorzeichen. Denn kaum waren wir außerhalb der Passage, so stand die Maschine still, bald darauf ein zweites Mal! Glücklicherweise gelang es aber Meister Nielsen beidemale, sie wieder in stand zu setzen, so daß wir wenigstens nicht umzukehren brauchten. In der Frühe des vierten Tages zeigte sich hohes Land, die in Wolken eingehüllte Insel Vulkan, bald darauf Lesson und erst später, gleich einem schmalen blauen Streif am Horizont, die Festlandsküste. Wir dampften ihr zu und sahen die bisher isolierten Hügel bereits zu Ketten vereint, als plötzlich das Kommando »stopp« die Fahrt unterbrach. Eine besondere Erscheinung veranlaßte dasselbe, denn soweit das Auge reichte, war auf einmal grüngefärbtes Wasser voraus, das von dem dunkelblauen, wie mit einem Messer, durch einen weißen Streif abgeschnitten erschien. Der ganze Eindruck war der eines ungeheuern Riffs und mahnte zur Vorsicht wie zum Loten. Aber »sechzehn Faden und kein Grund«, ließ sich der Mann mit der Leine unabänderlich vernehmen, und so dampften wir durch die Kabbelung des weißen Gischtstreifes in das trübe grüne Wasser hinein. Es schmeckte wenig salzig und ließ keinen Zweifel, daß wir es mit Auswässerung von Flüssen zu thun hatten, wie dies Unmassen von Treibholz, darunter ganze Baumstämme mit Ästen und Blättern, vollends bewiesen. Nach der Küste zu steuernd, die wie ein ununterbrochener Waldstreif erschien, später reiche Palmenbestände zeigte, gingen wir gegen Abend kaum mehr als zwei Meilen vom Ufer in fünf Faden Mudd zu Anker. Eine Gruppe besonders hoher Kasuarinen ca. sechs Meilen zu West war Venus-Point der Karten, eine andere ganz ähnliche, noch weiter westlich Cap de la Torre[71]. Vor uns am Ufer lagen, versteckt unter Kokospalmen, drei Dörfer, deren Bewohner mächtige Feuer anzündeten und bald in Kanus abkamen. Schon die letzteren zeichneten sich durch merkwürdigen Putz der Mastspitze aus. An der einen war die Nachbildung eines Fregattvogels aus Federn (Atlas VIII. 4), an einer anderen sonderbarer Faserschmuck mit einem Kreuz an der äußersten Spitze (VIII. 3) befestigt. Noch mehr interessierten uns aber die Insassen selbst, deren sonderbare Haartracht am meisten auffiel. Sie vereinigt das Haar am Hinterkopf zu einem abstehenden, dichtverfilzten Zopf, der häufig in einem zierlich geflochtenen konischen Körbchen (XVIII. 1) steckte, das oft noch besonders geschmückt war. Neben diesem Haarputz imponierten gewaltige Zwickelbärte, wie ihn der Mann auf der Abbildung zeigt, der zugleich mit einem jener reichverzierten Schamschurze aus Tapa bekleidet ist, die ich nur hier beobachtete. Für gewöhnlich sind sie, zwar sorgfältiger und decenter als sonst, viel einfacher (wie T. XVI. 2). Der übrige Körperausputz war sehr mannigfach. Schnüre aufgereihter kleiner Muscheln (Nassa) und Hundezähnen, um Stirn, Hals oder Hüfte geschlungen, spielten eine hervorragende Rolle. Kopfputz aus Wülsten von geschorenen Kasuarfedern, ganz wie solcher an der Südostküste vorkommt, war auch hier vorhanden. Selbstredend fehlten Armbänder nicht und zwar waren gewöhnliche, aus Pflanzenfaser geflochten, am häufigsten; es gab aber auch solche aus gebogenem Schildpatt, mit kunstvoller Gravierung, wie wir sie in Astrolabe (XIX. 2) kennen lernten. Ohr- und Nasenschmuck war kaum vertreten und statt des Ohrläppchens der Ohrrand durchbohrt. Kunstvolle Rosetten aus Hundezähnen (XXI. 4) als Brustschmuck erschienen mir neu, ebenso Leibschnüre (XXIV. 4) aus eigentümlich auf Baststreifen geflochtenen Muscheln (Nassa), die wahrscheinlich auch als Geld dienen. Ich sah auch sehr hübsche Frauenfaserschurze, in der bekannten Weise rot, gelb und schwarz gefärbt, aber sehr elegant mit Muscheln und Ringen aus Conus verziert. Die meisten Männer trugen hübsche, zuweilen reich mit Scherben von Cymbiummuschel verzierte, gestrickte Brustbeutel und führten noch eine besondere Art Tragkörbe[72] mit sich. Sie waren aus Pandanus- oder Kokosblatt geflochten und in eigentümlicher Weise mit buntgefärbter, kurzgeschorener Pflanzenfaser, plüschartig besetzt, außerdem mit kleinen Muscheln verziert.

Die Leute schienen ganz unbewaffnet, waren aber doch für alle Fälle vorgesehen und brachten nach und nach Unmassen Speere und Wurfpfeile zum Tausch, die sie sorgfältig in den Kanus versteckt hatten. Diese Wurfspeere, 1,60 bis 2,40 Meter lang, waren aus Rohr, mit langen Holzspitzen, zum Teil in sehr verschiedenartige und kunstvolle Kerbzähne und Widerhaken ausgeschnitzt. Für den Handwurf zu leicht, für den Bogen zu schwer, wußte ich anfangs nicht recht, wie ich diese Speere deuten sollte, bis die Frage durch ein besonderes Gerät gelöst wurde. Dasselbe bestand in einem ca. 70 cm langen Stück Bambu mit feingeschnitzter hölzerner Handhabe und erwies sich als Wurfstock (T. XI. 3), zum Werfen jener Pfeile (XI. 2), eine Methode, die bisher nicht in Neu-Guinea beobachtet wurde und ethnologisch ganz besonderes Interesse verdient. Bogen fehlten; aber ich beobachtete schöne Dolche aus Kasuarknochen. In Schnitzarbeiten schienen die Leute sehr geschickt, wie dies namentlich ihre Kanus zeigten, deren Schnäbel und Borde zuweilen in kunstvoller Weise damit verziert waren. Krokodilfiguren kamen dabei nicht selten und zwar in recht naturgetreuer Darstellung vor. So sehen wir auf der Abbildung (S. 292) an einem solchen Kanuschnabel ein Krokodil, dessen Schwanz in den Kopf eines Nashornvogels (Buceros) übergeht und im Atlas (VII. 5) einen Krokodilkopf in Verbindung mit einem Menschengesicht, dem Augen aus Perlmutter eingesetzt waren. Die Kanus bestanden übrigens nur in 20 bis 30 Fuß langen ausgehöhlten Baumstämmen und ähnelten in der Bauart denen von Astrolabe-Bai. Einzelne trugen 18 Mann.

Die eigentümlichen Haarzöpfe gaben diesen Eingeborenen ein mikronesisches Ansehen, aber sie waren echte Papuas, etwas heller als Neu-Britannier gefärbt, wie die meisten Papuas Neu-Guineas. Sie erschienen im ganzen kräftiger als die an der Ostspitze, und es gab wenig Hautkrankheiten unter ihnen, aber ich beobachtete bei einzelnen Pockennarben. Obwohl sehr lärmend und untereinander häufig streitend, ließ sich doch gut mit den Leuten handeln. Sie besaßen nichts an europäischen Sachen[73], interessierten sich weder für rotes Zeug, Glasperlen noch Tabak, gaben nichts um Messer, erhoben aber ein Freudengeschrei, als ich Bandeisen (kiram) zeigte. Sie brachten sehr schöne große Kokosnüsse, etwas Taro, Bananen und Unmassen aufgereihter zweischaliger Flußmuscheln (Batissa violacea und Finschii), die gegessen werden. Außer Betel und Tabak, der in derselben Weise wie in Astrolabe (S. 59) geraucht wird, beobachtete ich hier zuerst eßbare Erde und -- einen Kolben Mais. Er war sehr klein und wurde von einem Manne als Zierat im Haar getragen. Es wäre sehr interessant gewesen, heraus zu bekommen, ob dieser Mais angebaut wird, denn bisher kannte man diese Nutzpflanze nicht aus Neu-Guinea. Aber Maclay brachte sie nach Astrolabe-Bai.

Wie auf ein gegebenes Zeichen verließen uns die Eingeborenen vor Sonnenuntergang, wahrscheinlich um noch vor Einbruch der Dunkelheit durch die Brandung zu kommen. Sie schieden als Freunde, denn unser Bündnis war durch eine besondere Ceremonie besiegelt worden. Ein Häuptling nahm ein Kokosblatt, an dem die Fiedern bis auf einen kurzen Basisteil abgeschnitten waren und spaltete dasselbe in zwei Längshälften, wovon die eine am Mast seines Kanus befestigt, die andere mir als Friedenszeichen übergeben wurde. Auch ich ließ dasselbe am Maste anbinden, was den Leuten sichtliche Freude machte.

Es war ruhig geworden, aber wir konnten diese Ruhe und den wunderbar schönen Sonnenuntergang mit darauffolgendem herrlichen Zodiakallicht nur wenig genießen, da andere wichtigere Betrachtungen uns zu lebhaft beschäftigten. Sie betrafen die Weiterreise, wegen der Schiffsrat gehalten wurde. Wir waren in jener Region, wo trübgefärbtes Wasser unsere Vorgänger veranlaßt hatte, der Küste auszuweichen, und Kapitän Dallmann neigte anfangs sehr dazu d'Urville's Beispiel zu folgen. Als Schiffsführer verantwortlich, durfte es ihm gewagt erscheinen, die Fahrt in Gewässern fortzusetzen, deren unsichtbaren Gefahren (toten Riffen u. s. w.) nur wenig Sicherheitsmaßregeln gegenüber gestellt werden konnten. Denn Lotungen genügten nicht, um ein Aufrennen zu verhindern und das einzige wirksame Hilfsmittel, eine Dampfbarkasse, fehlte leider. Aus naturwissenschaftlichen Gründen konnte ich wohl mit ziemlicher Gewißheit den Mangel von Korallriffen infolge des geringen Salzgehaltes des Meerwassers begründen, aber nicht zugleich auch das Fehlen von Felsen und anderen Schiffahrtshindernissen garantieren. Freilich fuhren wir nicht zum erstenmale in trübgefärbtem Wasser und lagen auch hier bereits in solchem gemütlich vor Anker, aber wer konnte voraussagen, ob die Verhältnisse immer so günstig bleiben würden. Zu einer unfreiwilligen Robinsoniade verspürte ich selbst, wie alle, zwar auch keine Lust, aber eine Fortsetzung der Reise weitab von der Küste hatte überhaupt keinen Zweck und schließlich mußte doch überhaupt einmal der Anfang gemacht werden, dieselbe auch in der Nähe kennen zu lernen. Der Gedanke, kurz vor jenen Flüssen wieder umzukehren, über deren Vorhandensein hier herum schon Schouten und le Maire berichteten, war zu niederdrückend und ihr leuchtendes Vorbild konnte mit als Argument dienen. Sie waren die Ersten, welche am 6. Juli 1616 die brennende Insel »Vulkanus« entdeckten und durch Mangel an Lebensmitteln und Wasser gezwungen mit ihrem Segelschiff »de Eendracht« (Eintracht) in das trübgefärbte Wasser hinein bis an die Küste zu gehen, wo man am 9. und 10. Juli in einer Bucht ankerte. Sie erhielt später den Namen Cornelis Kniers-Bai, läßt sich aber nicht mehr mit Sicherheit ausmachen. Nach meinem Dafürhalten muß sie ca. 50 Meilen West von Kap de la Torre (Vlaken Hoek) liegen, denn damit stimmt noch am besten das Wenige überein, was Schouten über die Eingeborenen sagt. Sie waren (wie wir es auch fanden) freundlich, hatten aber nur wenig Kokosnüsse, und gaben »für einen Faden Leinwand nur vier Stück«. Ja, ja! das waren noch Entdeckungsreisen! und niemand konnte die Thaten der alten Seefahrer besser beurteilen und würdigen als wir an dieser Stelle. Gegen Sonnenuntergang kam die Spitze des Berges frei von Wolken und erschien wie die ganze Insel in wunderbar scharfer Beleuchtung. Rosiger Schein umfloß den Kraterrand, dessen im Westen eingestürzter Trichter deutlich eine feurige Stelle, wie einen brennenden Spalt zeigte, die nach Einbruch der Dunkelheit weit intensiver hervortrat, bis nach und nach Wolken den Berg verhüllten. Aber er hatte zu uns gesprochen im Geiste le Maire's und Schouten's, die vor mehr als 250 Jahren vielleicht auch hier herum über die Weiterreise nachdachten. Und wir, mit einem Dampfer, hätten umkehren sollen? nimmermehr! Die Erinnerung an die kühnen Niederländer gab den Ausschlag, und die Reise wurde am anderen Morgen längs der Küste fortgesetzt. Sie erscheint flach, dicht bewaldet, mit niedrigen Hügelreihen, weiter inland einer höheren Bergkette und dürfte brauchbares Kulturland aufweisen. Berg Jullien der Karten ließ sich nicht sicher ausmachen.

Wir hatten jetzt Broken-Water-Bay vor uns, von Powell so benannt, der aber im übrigen nichts über dieselbe berichtet, (l. c. S. 512). Zahlreiche Treibholzstämme und die von Grün in ein trübes Lehmbraun übergehende Farbe des Meeres zeigten immer deutlicher, daß Flußmündungen nicht fern sein konnten. Wirklich passierten wir bald darauf eine solche[74] und etwa fünf bis sechs Meilen weiter westlich einen anderen ansehnlichen Fluß, den ich Prinz Wilhelmfluß zu nennen mir erlaubte. Da sich vor demselben Brandung zeigte, so hielten wir nach Kap de la Torre zu, einem nicht sehr auffallenden Küstenvorsprung mit einer Gruppe höherer Bäume. Aber noch ehe wir das Kap erreichten, färbte sich das Wasser wieder trüb braun, und bald darauf zeigte sich die Mündung eines bedeutenden Flusses, vor der die »Samoa« ca. zwei Meilen in fünf Faden bereits in Süßwasser ankerte. Mit dem ersten Offizier Sechstroh machte ich sogleich im Walboot eine Rekognoszierung, aber die Strömung nahm bald so zu, daß sich mit Rudern nicht gegen dieselbe ankämpfen ließ. Glücklicherweise erlaubte eine aufspringende Brise Segel zu setzen und so war es möglich, bis in die eigentliche Mündung vorzudringen, deren Breite wir auf ca. eine halbe Meile schätzten. Die Ufer zeigten, wie die der ca. vier Meilen breiten Mündungsbucht dichten Baumwuchs, darunter viel Nipapalmen, die auf sumpfige Beschaffenheit schließen lassen. Am linken Ufer bemerkten wir zuerst ein paar schlechte Hütten, dann zwei größere Häuser, deren Bewohner aber in ihren großen Kanus eiligst flüchteten. Später sammelten sich circa fünfzig bewaffnete Eingeborene auf der mit viel Treibholz besetzten Sandbank des rechten Ufers, aber da hier gerade der stärkste Strom läuft, so war es nicht möglich, mit ihnen zu verkehren oder ihnen nur Geschenke zuzuwerfen. Überhaupt hatten wir auch Wichtigeres zu thun, nämlich zu loten, und kamen dabei zu dem wichtigen Resultat, daß der Fluß vollkommen frei und für Schiffe wie die »Samoa« (mit ca. drei Meter Tiefgang) voraussichtlich befahrbar sein dürfte. Wie weit? blieb freilich späteren Untersuchungen vorbehalten, da wir selbst natürlich an eine solche nicht denken konnten. Aber der seit mehr als 250 Jahren hier herum vermutete Fluß war endlich gefunden, und wahrscheinlich zugleich der größte, nicht nur in Kaiser Wilhelmsland, sondern an der ganzen Ostküste Neu-Guineas überhaupt. Mit der Entdeckung eines solchen Flusses durften Hoffnungen auf eine praktikable Wasserstraße, fruchtbare Uferstrecken u. s. w. verknüpft werden, die sich seitdem zum Teil erfüllten. Der »Kaiserin Augustafluß«, wie ich ihn benannte, ist wiederholt und ohne Schwierigkeiten mit Dampfern, zuletzt 380 Meilen weit, befahren, und seine Wasserstraße größer als die des Rheines geschätzt worden. Er bietet einen Weg zur Erschließung des Binnenlandes bis nahe zur Grenze des holländischen Gebietes von eminentester Wichtigkeit. Ja, wer in Australien einen solchen Fluß entdecken könnte, dem wäre geholfen!

Am anderen Morgen (10. Mai) dampfte die »Samoa« in W.-N.-W.-Kurs längs jener bisher nur punktiert auf den Karten eingetragenen, 65 Meilen langen Küste weiter, die ich, nach dem eigentlichen Urheber der Samoafahrten und der deutschen Kolonisation in Neu-Guinea, Hansemann-Küste benannte. Sie verläuft ohne tiefere Buchten gleich- und einförmig waldgesäumt, dürfte aber für Kulturzwecke einmal hohe Bedeutung erlangen, denn nirgends hatte ich bisher so ausgedehntes Flachland angetroffen als an dieser Küste, die nur weiter inland niedrige Hügelreihen zeigt. Sie scheint wenig bewohnt, denn nur an der Mündung zweier Flüsse (Hammacher- und Eckardtstein-Fluß), die das Meer weithin trüb färbten, beobachtete ich Kokospalmen und zählte fünf Siedelungen. Die Landungsverhältnisse der Hansemannküste scheinen übrigens nicht günstig, da wir längs derselben Brandung beobachteten. In der Nähe des Hammacher-Flusses circa zehn Meilen West von Kap de la Torre kamen sechs Segelkanus (T. VIII, 5, 7) mit Eingeborenen ab und längsseit; doch getrauten sich die letzteren nicht an Bord. Sie glichen den zuerst gesehenen von Venushuk und trugen wie diese das Haar in einem Körbchen oder wie der Mann auf der Abbildung einen dicken Zopf, der mit Binden aus Hundezähnen und Blättern verziert ist. Der weitere Ausputz besteht in einem Brustschmuck aus einer konkaven Scheibe von Cymbiummuschel, mit Kettchen aus schwarzen Samenkernen und Kauris, der mit das Wertvollste zu sein scheint. Am Backenbart sind Stückchen Perlschale, Hundezähne oder Muschelringe befestigt, im durchbohrten Ohrrande wie in den Nasenflügeln stecken grüne Blattstückchen. Andere Männer trugen eigentümliche, reichverzierte, lange Kämme (T. XVII, 2) mit Kettchen und Federn im Haar und besonderen Nasenschmuck aus Perlmutter (XX, 5).

Zu meiner Freude erhielt ich auch einen jener kostbaren zirkelrunden Eberhauer (S. 91), welche die Eingeborenen bei Venushuk um keinen Preis hergeben wollten. Dieser Zahn war noch außerdem in der Mitte zierlich mit rotem Strohgeflecht umwickelt, das dazu diente -- die Fälschung zu verdecken, denn er bestand aus zwei Stücken. Ja! nicht alle können echte Brillanten tragen, und auch bei den Papuas muß sich mancher mit Simile behelfen. -- Alle waren mit Schamschurzen aus Tapa bekleidet. Ein eigentümliches Musikinstrument interessierte mich besonders deshalb, weil ich es in ganz gleicher Weise auch an der Südostküste (Port Moresby) erhalten hatte. Es besteht aus einem Stück Bambu mit einem zungenartigen Einschnitt und dient zum Taktschlagen bei Begleitung der Gesänge. An Waffen sah ich dieselben als vorher (S. 293) beschriebenen, aber auch schwerere Wurfspeere mit kunstvoll geschnitzter, reich verzierter Spitze (T. XI. 1) und sehr eigentümliche, mit Halswirbeln vom Kasuar verzierte. Die guten Leute fürchteten sich anfangs sehr, was man ihnen gewiß nicht verdenken konnte, denn offenbar hatten sie vorher keinen Weißen gesehen. Zu meiner Verwunderung kannten sie nämlich kein Eisen, und erst als ich praktisch den Nutzen eines Beiles zeigte, schien es bei ihnen aufzudämmern und jeder verlangte nun »maiang«! Um andere Dinge wie Glasperlen, Spiegel, Streichhölzer gaben sie nichts, jedenfalls weil sie den Zweck noch nicht recht begriffen, eine Erfahrung, die ich häufig gemacht habe. Das Erstaunen des sogenannten Wilden beim ersten Anblick von Weißen ist überhaupt in der Regel viel minder lebhaft, als gewöhnlich angenommen wird, sein Interesse, obwohl in erster Linie praktisch, unberechenbar und individuell sehr verschieden. Dem einen gefällt dies, dem anderen jenes, gerade wie dies bei uns und allenthalben der Fall ist.