Part 23
»Dimdim stop mission« (ein Weißer lebt im Missionshause) sagte ein Zögling, der gleich mit dem ersten Kanu längsseit und an Bord gekommen war; es stand uns also eine Überraschung bevor, als wir an Land ruderten. Und in der That, unter der uns erwartenden Menge war ein Dimdim, ein wirklicher Weißer. Er stellte sich in englischer Sprache als »Harry Smith« vor und erkundigte sich zunächst nach der Nationalität unserer Flagge. Als er hörte, daß es die deutsche sei, da entpuppte er sich plötzlich als ein Landsmann von der Ostsee, der den englischen Namen, Gott weiß aus welchem Grunde, nur angenommen hatte. Ja, ja, so werden Deutsche über die ganze Welt umhergeschleudert, und man wundert sich an irgend einem Orte keinen Deutschen zu finden. Von Nordkap und Nord-Sibirien an bis auf den entlegensten Inselchen im Indischen und Stillen Ozean, wie z. B. Diego Garcia, in den Gilberts u. s. w., allenthalben habe ich Landsleute angetroffen, nicht immer mit besonderer Freude. Daß Harry als früherer deutscher Matrose die deutsche Flagge nicht kennen sollte oder wollte, durfte befremden und der Umstand, daß er zur Besatzung des berüchtigten Werbeschiffes »Hopeful« gehört hatte, war ebenfalls als keine Empfehlung zu betrachten. Die gegen Eingeborene verübten Unthaten dieses Sklavenschiffes kamen zufälligerweise einmal heraus, ein seltener Fall in der Geschichte der Labourtrade. Die Missionslehrer hatten Anzeige gemacht, und die Urheber wurden diesmal wirklich vor Gericht gestellt. Der in Brisbane verhandelte Fall, bei welchem die Lehrer die Haupt-Belastungszeugen bildeten, machte damals großes Aufsehen in Australien. Das Urteil sprach nämlich den Kapitän, Steuermann und Arbeiteragent oder »Agent of immigration«, wie er euphonistisch heißt, des Todes schuldig. Drei Weiße wegen einer Handvoll Niggers!! Ein solcher Fall war noch nie dagewesen und erschien so ungeheuerlich, daß die Zeitungen ein furchtbares Geschrei erhoben. Schließlich sind denn auch die Übelthäter dem Galgen entronnen und zu lebenslänglichem Kerker (davon drei Jahre in Ketten!) begnadigt worden.
Harry führte übrigens hier im Hause des Missionars ein beschauliches Leben als Händler (Trader), kaufte Kokosnüsse, um Kopra zu machen, und war dabei, eine Tripangstation zu errichten. Tripang oder Bêche de mer --?? -- ja das wollte ich ja eben sagen --, heißen jene zur Ordnung der Stachelhäuter (Echinodermata) gehörenden Meerestiere der Gattung Seewalzen oder Seegurken (Holothuria), wenn sie gehörig zubereitet und getrocknet sind. Diese Tiere bilden im Leben einen langgestreckten, runden, walzenförmigen Körper von einhalb bis drei Fuß Länge und erinnern an runzlige, plumpe, kolossale Würste, die träge auf dem seichten Grunde des Korallriffs liegen (daher englisch »Sea slug«) und wenig animalisches Leben verraten. Beim Anfassen entleeren sie eine Menge Wasser und in langen, schleimigen, klebrigen Fäden ihre Eingeweide, wodurch das Unappetitliche ihrer Erscheinung nur noch erhöht wird. Die Bereitung von Tripang ist im ganzen nicht schwierig. Die Tiere werden in großen, flachen, eisernen Pfannen in Seewasser gekocht, am andern Tage der Länge nach aufgeschnitten, vollends gereinigt, etwas an der Sonne getrocknet und dann geräuchert. Man errichtet zu diesem Zwecke ein höchst primitives Räucherhaus, in welchem der »Fish«, wie die Tripangfischer auch Holothurien nennen, auf übereinanderliegenden Horden getrocknet wird. Es erfordert dies große Aufmerksamkeit, da es hauptsächlich auf ein allmähliches, recht langsames Trocknen ankommt. In diesem Zustande hält sich die Ware jahrelang. Sie geht hauptsächlich nach Hongkong und zwar meist von Cooktown oder Thursday-Insel aus. In China bildet Tripang, für uns nur ein trockenes, lederartiges, unangenehm riechendes Produkt, eine große Delikatesse der Tafel, auf der sie in verschiedener Zubereitung erscheint.
Man unterscheidet in der Südsee drei bis vier Arten Tripang, die im Preise von 40 bis 110 Lstl. (800 bis 2200 Mark) per Tonne (2200 Pfund engl.) variieren. Tripang ist also ein wertvoller Artikel, an dem die Fischer reich werden müssen, sollte man denken! Aber das letztere kommt wohl kaum vor, denn es giebt keine größeren Abenteurer als diese Tripangfischer. In kleinen, schlechten Fahrzeugen, nicht selten einem offenem Boote, gehen sie mit wenigen Leuten, meist von Cooktown, nach der Küste Neu-Guineas bis zur Louisiade, um nach Fischereigründen zu suchen und ihre ambulante Station aufzuschlagen. Mit einigen Tafeln Wellblech läßt sich da schon viel thun, und eine solche sogenannte Station ist das primitiveste, was man sich denken kann. Aber ohne die Hilfe der Eingeborenen läßt sich nichts machen. Sie sind es, welche die Holothurien bei Ebbe auf dem Riff oder tauchend sammeln, welche Feuerholz zum Räuchern herbeischleppen, wozu große Quantitäten erforderlich sind, und sonst allerlei Dienste leisten. Glasperlen und andere Kleinigkeiten erhalten den Eifer der Eingeborenen bis zum Abschluß der einige Monate dauernden Campagne rege, mit der die eigentliche Bezahlung stattfinden soll. Aber gar häufig verschwindet der biedere Weiße ohne dieselbe, vielleicht noch unter Mitnahme einiger Eingeborenen, die anderswo gratis zu arbeiten haben, manchmal ihre Heimat überhaupt nicht wiedersehen. Das merken sich die Eingeborenen natürlich, und gar mancher Tripangfischer hat für die Missethaten seiner Fachgenossen, wenn nicht für eigene, büßen müssen. Am Dubu in Maupa an der Südostküste sah ich selbst die Schädel neun chinesischer Tripangfischer, die durch brutales Betragen ihr Schicksal verschuldet hatten, ein Fall, der von einem englischen Schiffe untersucht, aber zu Gunsten der Eingeborenen entschieden wurde.
Das Missionshaus auf Dinner-Insel, ganz aus Wellblech, auf hohen Pfählen erbaut, mit wirklichen Glasfenstern, erschien gegenüber der schuppenartigen Kirche gleich einem Palast. Die Bekehrten und die Missionszöglinge waren in zwei großen Grashäusern untergebracht, und die ganze Station machte einen sehr freundlichen Eindruck. Von der Insel selbst läßt sich dies nicht sagen. Sie besteht an der Westseite meist aus Sand und nur die Hügel der Nordostseite besitzen kulturfähigen Boden, während das flache Innere zur Regenzeit in eine Lagune verwandelt wird, die jedenfalls einen gesundheitsschädlichen Einfluß ausübt. Infolge des steilen Bodens giebt es mehr Gestrüpp als Bäume auf der Insel, wie auch die Kokospalme nur kümmerlich gedeiht. Umso reicher an letzteren sind die Nachbarinseln Rogia und Sariba, wo die Mission auch Filialen und Plantagen besitzt.
Von diesen Inseln ruderten bald Eingeborene heran, in Kanus, die zum Teil nur in einem ausgehöhlten Baumstamm, ohne Ausleger, bestanden. Sie brachten nur wenig zum Tausch, darunter kleine Schilde (Jessi) aus weichem Holz, die jetzt eigens für den Handel gemacht werden, aber auch noch einiges aus der guten alten Zeit. Darunter Gaiagaia, Armbänder aus einem menschlichen Unterkiefer, die von nahen Anverwandten herstammen und als teure Andenken getragen werden. Dagegen schienen einige Schädel (Romaroma) Trophäen erschlagener Feinde zu sein, wie noch vor wenigen Jahren Kannibalismus auf diesen Inseln herrschte und vielleicht im Kriege mit den Festlandsbewohnern noch heute im stillen betrieben wird. Am meisten überraschte es mich, hier Tätowierung zu finden, die ich auf allen unseren bisherigen Reisen nicht beobachtet hatte, und die selbst auf den nahen d'Entrecasteaux und in Milne-Bai fehlt. Es zeigt dies wiederum, daß manche Sitten und Gebräuche außerordentlich lokalisiert verbreitet sind. Die Tätowierung der Frauen und Mädchen, denn nur solche wenden diesen Körperschmuck als Verschönerungsmittel an, ist eine sehr eigentümliche und reiche, die zuweilen in Grecmuster Gesicht, Arme und die Vorder- und Rückseite des Körpers bedeckt. Die beigegebene Abbildung einer Frau von Rogia zeigt diese charakteristische Tätowierung und zugleich kostbare Armringe (Massuoro) aus dem Querschnitt einer großen Kegelschnecke (Conus millepunctatus), wie wir dieselben schon auf Normanby (S. 215) kennen lernten.
Ich beschloß Teste-Insel (Chas oder Tschas der Eingeborenen) anzulaufen, die äußerste, südöstlichste Insel des Moresby-Archipel, welche zuweilen schon zur Louisiade gerechnet wird. Sie liegt ziemlich isoliert und scheint ein Überbleibsel des großen gesunkenen Barrier-Riffs zu sein, das sich von Neu-Guinea bis auf die Louisiade erstreckt, dessen Brandung die ersten Seefahrer so lange von der Entdeckung der Südostspitze Neu-Guineas abhielt. Wir genossen auf dieser Reise den Anblick herrlicher, fruchtbarer Inseln, die sich fast ununterbrochen von West nach Ost erstrecken, unter denen Moresby (Basiraki, Wasilaki) mit seinem über 1200 Fuß hohen Bergrücken besonders hervortritt. Eine hübsche Abwechselung gewährten die flinken Segelkanus der Eingeborenen (Atlas VIII. 9), die sehr rasch vor dem Winde laufen und mit zu den besten Fahrzeugen der Südsee gehören.
Bald zeigte sich Teste-Insel mit seiner charakteristischen Landmarke, dem Glockenfels, (S. 279) einem über 400 Fuß hohen, isoliert aus dem Meere aufsteigenden Fels, wie ihn die Skizze zeigt. Die 2½ Meilen lange Insel selbst gleicht an der Nordseite, wo die »Samoa« ankerte, einem langgestreckten, grünen Hügel, mit viel urbargemachtem Lande, am Strande von Bäumen und Kokoshainen eingefaßt. Auf der kahlen ca. 500 Fuß hohen Mittelkuppe machen sich drei hohe Bäume schon von weitem bemerkbar und kennzeichnen die Insel. Obwohl die Nordseite unbewohnt ist, so war unsere Ankunft doch bemerkt worden, und Eingeborene erwarteten uns am Strande als Führer nach dem Dorfe und der Missionsstation. Redensarten in gebrochenem Englisch, wie »How is that Captain me no smok?« oder »What for you no pay me cigar?« zeigten, daß die biederen Insulaner gut mit Weißen bekannt, und das Verlangen nach Zigarren, Holzpfeifen und zwölfzölligen Messern, daß sie bereits verwöhnt sind. In der That wird Teste-Insel häufig von kleinen Handelsfahrzeugen, namentlich Tripangfischern besucht, und verschiedene Eingeborene haben an Bord von solchen sogar Cooktown kennen gelernt. Von der Höhe des Hügels eröffneten sich dem Auge schöne Fernblicke auf die kaum 20 Meilen entfernten Moresby-Inseln, die Engineer-Gruppe bis Normanby hin, aber Neu-Guinea war nicht sichtbar. Seine Südostspitze liegt noch etliche 30 Meilen ab und die Gebirge derselben sind nicht hoch genug.
Durch reiche Plantagen, namentlich von Bananen, gelangten wir nach der Siedelung Kasadekaua, der größten der vier, welche die Insel besitzt. Ich war erstaunt über die prächtigen Pfahlbauten, große Häuser, wie man sie auf einer so kleinen Insel nicht erwartet. Sie ähneln im ganzen denen von Normanby, sind aber viel stattlicher, ruhen auf soliden behauenen Pfählen, die zum Schutz gegen Ratten u. s. w. oberseits mit einer runden tellerartigen Scheibe versehen sind. Die Seitenwände bestehen aus Kokosmatten, welche sich praktischerweise verstellen lassen. Das sattelförmig eingebogene Dach ist aus einer Art Schilf gefertigt und mit toten Palmblättern belegt. An ein paar Häusern sah ich Giebelleisten mit etwas buntbemaltem Schnitzwerk, jedoch keine Darstellung menschlicher Figuren. Unsere Abbildung zeigt den vorherrschenden Baustil dieser Insel nebst einer Grabstätte, in Form eines Miniaturhauses, wie sie in ähnlicher Weise auch an anderen Plätzen Neu-Guineas (vergl. S. 173) vorkommen. Aber nicht alle Häuser sind so stattlich, sondern es giebt auch kleinere, lottrig gebaute, sowie ein ganz besonderes Haus. Dasselbe steht ebenfalls auf Pfählen, ist sehr groß (wohl 40 Fuß lang) und zeichnet sich durch ovale Form[68], mit hohem schüsselförmigen Dach aus, ein Stil, der mir bisher nicht vorgekommen war und ethnologisch von ganz besonderem Interesse ist.
Außer den Häusern hat sich auf Teste-Insel aber noch eine andere hochinteressante ethnologische Eigentümlichkeit erhalten, nämlich die Töpferei, welche hier schwungvoll betrieben wird. Die geologische Formation, verwitterter Basalt, mit viel, zum Teil kristallinisch eingesprengten Schörl, liefert dafür in einem reichen Wackenthon treffliches Material. Ich ließ sogleich ein paar Frauen kommen, in deren Händen auch hier, wie überall, allein das Töpfergewerbe ruht, und war hoch erfreut, eine ganz besondere Manier kennen zu lernen. Die Töpfe werden nämlich nicht wie in Bilibili (S. 83) oder Port Moresby aus einem Klumpen Lehm mittelst eines Steines und Klopfers getrieben, sondern nur mit den Händen geformt. Wie unsere Skizze einer Töpferin bei der Arbeit (S. 280) zeigt, macht dieselbe eine wurstförmige, etwa daumendicke Rolle aus Thon, die spiralig aufgebaut und mit den Fingern, sowie einer kleinen Muschelschale (Tellina) platt gestrichen wird. Das Verfahren ist also genau dasselbe, wie es bei unseren pfahlbauenden Vorfahren war, deren keramische Überreste und Fragmente so manchen Gelehrten beschäftigen und sorgfältig zusammengekittet zu den kostbaren Schätzen der Museen zählen. Hier konnte ich prähistorische Töpferei noch von Lebenden gehandhabt, vom Kneten des Lehmes bis zu dem einfachen Brennprozeß (IV. 7) studieren. Die Form des hiesigen Fabrikats ist (vergl. Abbild. S. 280 und IV. 6) eine eigentümliche und erinnert an tiefe Näpfe oder Schüsseln mit rundem Boden. Der obere senkrechte Rand zeigt verschiedene einfache Randmuster (IV. 10), die mit gabelförmigen Instrumenten aus Bambu (IV. 9) eingekratzt werden und nicht als Ornament, sondern als Handelsmarke dienen. Denn auch hier hat jede Frau ihr eigenes Merk (Kulikulikuto), mit dem sie ihr Fabrikat kennzeichnet. Dasselbe findet weithin, bis auf die d'Entrecasteaux, nach Chads-Bai, Südkap (Suau), Woodlark-Insel (Murua, Mulua), vielleicht auch auf der Louisiade, Absatz. Das kleine Chas wird dadurch ein Centrum des Tauschhandels für alle diese Gebiete, denen Töpferei unbekannt ist. Kaum mit brauchbarem Holze zum Hausbau versehen, müssen die Insulaner solches, wie eine Menge fertiger Geräte und Waffen, ja einen Teil der Lebensmittel von anderswo eintauschen, Verhältnisse, die sich inzwischen sehr verändert und zum Teil in andere Bahnen gelenkt haben. Durch den Verkehr mit Weißen und die Mission ist es auf Teste nämlich bereits mit der Steinzeit vorbei und ein großer Teil Originalität verloren gegangen. Ich konnte daher nur letzte Reste einer untergegangenen Kulturepoche retten. So, eigentümliche Holztrommeln, große flache Holzschüsseln (Gaibe) mit hübscher Randverzierung (T. III. 4), kolossale an drei Meter lange, ruderförmige Rührlöffel (Kolopale) für Sago, mächtige Steinbeilklingen (Gune) bis 32 cm lang und 16 cm breit, kurze Handkeulen (Bossim) aus Knochen des Spermwal, die an Meri der Neu-Seeländer erinnern (T. XI, 6), schön geschnitzte Speere (Womari) und Schilde, letztere ganz in der Form, wie die in Milne-Bai (S. 271) und einiges andere. Ein Teil dieser Gegenstände kommt oder kam von den d'Entrecasteaux (Duau und Kulala), von woher ich selbst Obsidian auf Teste sah, andere, darunter die großen, schönen, seetüchtigen Segelkanus von Mulua oder Murua, das in lebhaftem Verkehr gestanden zu haben scheint und worunter die 150 Meilen entfernte Woodlark-Insel zu verstehen ist. Wie in Port Moresby aus dem Papuagolf ganze Handelsflotten eintreffen, um gegen Sago Töpfe einzutauschen, so kommen die Bewohner Muruas nach Teste, um dieses wichtige Küchengerät zu erstehen. Ich beobachtete übrigens, daß die erhandelten Kanus zum Teil erst auf Teste vollendet werden und hier ihren Schmuck an Schnitzereien erhalten. Die letzteren sind in sehr schwungvollen Mustern vertieft gearbeitet und mit roter und schwarzer Farbe ausgeschmiert, wozu man sich eines eigentümlichen Instruments (Keginiß T. VI. 5) aus Muschel (Pinna nigra) bedient. Es mag noch bemerkt sein, daß auf Teste einzeln noch Catamarans benutzt werden; auch sah ich die eigentümlichen Fischfallen von Bentley-Bai (T. IX, 1), hier Wuba genannt.
Was die, stark mit Ichthyosis behafteten, Eingeborenen anbelangt, so sind sie echte Papuas, die sich von denen des Festlandes in nichts unterscheiden, wie das beigegebene Porträt eines jungen Mannes zeigt. Er trägt das Haupthaar in der üblich aufgezausten Wolke, im Nacken lange Zottelstränge, die mit Cypraeamuscheln verziert sind. Ich beobachtete übrigens, wie fast allenthalben, auch vereinzelt schlichthaarige Individuen, nicht selten Kinder mit blondem Haar (ohne Einwirkung von Kalk) und ganz europäische Physiognomien, alles individuelle Abweichungen die, wie besonders erwähnt sein mag, mit Vermischung nichts zu thun haben, denn es giebt auf Teste kein Halbblut. Die Haartracht des weiblichen Geschlechts ist ähnlich wie die des männlichen, und dichtverfilzte Nackensträhne, die Polkalöckchen ähneln, sind auch bei ihm beliebt. Unsere Abbildung veranschaulicht eine junge Schönheit, deren fransenartiger Brustlatz aus fein geflochtenen Strickchen einen Trauerschmuck darstellt, wie er in ähnlicher Weise auch in Finschhafen vorkommt. Eine besondere Art Trauerschmuck heißt Sapisapi, und besteht aus einem dicken Polster von Haaren, mit Spondylusscheibchen verziert, das auf der linken Brustseite getragen wird. Ich offerierte einer Frau hohen Preis, aber vergeblich, da das Haar von ihrer verstorbenen Schwester herrührte, gewiß ein schöner Beweis von Pietät gegen Verstorbene. In derselben Weise wurden früher hier Unterkiefer naher Anverwandten als Armbänder getragen, welche für Unkundige gewöhnlich als Zeichen von Kannibalismus gelten. Diese Armbänder sind durch die Mission abgeschafft worden, aber man muß es der Londoner Gesellschaft nachrühmen, daß sie anderen »heidnischen« Schmuck duldet. So die Tätowierung, die beim weiblichen Geschlecht hier sehr verbreitet ist, in Mustern, welche so ziemlich mit den auf Rogia und Sariba gebräuchlichen übereinstimmen. Ich sah kleine Mädchen noch im Kindesalter, bei denen mit dieser, übrigens wenig schmerzhaften, Körperverzierung bereits begonnen war. Die beigegebene Abbildung zeigt Tätowierung im ersten Stadium des Aufzeichnens, was mit Ruß aus gebrannter Kokosnußschale mittelst eines Hölzchens geschieht. Die schwarze Farbe wird dann mit einem spitzen Instrument (Dorn) in die Haut eingeschlagen und erscheint, nachdem der leichte Schorf abgeheilt ist, viel blässer, (wie dies die Abbild. S. 278 zeigt). Die Bekleidung der Insulaner ist ganz so wie überall an der Ostspitze Neu-Guineas, aber die jungen Mädchen (darunter sehr niedliche), paradierten in besonders feinen, rot- und schwarzgestreiften Faserschürzchen in Volants mit Schärpe (T. XVI. 8). Schmucksachen (Ohrringe und Halsketten) aus Spondylusscheibchen, die von Murua kommen, waren nicht selten, aber meist unverkäuflich, wie die eleganten, etwas gekrümmten Nasenstifte (Panaiate) aus dem Schloßteil einer Hippopusmuschel, mit denen namentlich junge Mädchen kokettierten (vergl. Abbild. oben).
Moresby, der 1872 als der erste Weiße Teste-Insel betrat und sehr freundlich empfangen wurde, sah noch zahlreiche Schädel erschlagener Feinde als Trophäen an den Häusern aufgehangen. Die Insulaner waren damals kriegerisch und wie alle Bewohner des Archipels (und der Louisiade) Kannibalen. Das hat jetzt glücklicherweise aufgehört, die Bewohner brauchen keine Waffen mehr und führen unter der Ägide der Mission ein friedliches Leben, sind aber seitdem an Zahl bedeutend zurückgegangen und auf ca. 300 Köpfe zusammengeschmolzen. Die hiesige Sprache ist, um dies noch zu bemerken, sehr nahe mit der von Rogia und den übrigen Inseln des Moresby-Archipels verwandt. Der farbige Lehrer, Idande, ein dunkler Lifumann, hat großen Einfluß und regiert die, meist der Mission angehörenden, Eingeborenen als der erste Häuptling. Seine Station war sehr gut gehalten, die Kirche aber, wie so häufig, das schlechteste Gebäude. Es mag dabei bemerkt sein, daß die Lehrer die Häuser ohne besondere Entschädigung zu bauen haben. Außer Hühnern, die überall an Missionsstationen gehalten werden, aber selten zu haben sind, besaß Idande auch Gänse und Schweine europäischer Rasse, sowie treffliche Hunde. Letztere sind auch durch Tripangfischer nach der Ostspitze Neu-Guineas gebracht worden und haben hier an manchen Orten die eingeborene Rasse bereits verdrängt. Ich übernachtete bei Idande, der als früherer Matrose auf einem Walfischfahrer mancherlei zu erzählen wußte und sich als geborener Franzose mit lebhaftem Interesse nach dem deutsch-französischen Kriege erkundigte, über den ich ihm zu seiner Freude aus eigener Anschauung berichten konnte. Er gehörte zu den Veteranen der Mission, welche 1871 zuerst von den Rev. Murray und Mac Farlane in Neu-Guinea eingesetzt wurden und die im Anfange gar viel durchzumachen hatten. Mit Dankbarkeit erinnerte er sich Kapitän Moresby's, der ihn, wie so manchen der schlecht versorgten Lehrer, fast vom Hungertode[69] rettete. Wie Missionslehrer gewöhnlich zu thun pflegen, klagte auch Idande, infolge des langen Ausbleibens des Missionsschiffes, über Mangel verschiedener notwendiger Provisionen, wie Salz, Zucker, Streichhölzer, Mehl, Petroleum, Tabak, und ich freute mich, ihm aushelfen zu können. Als Gegengeschenk ließ er zum Abschiede zwei alte Hähne und eine Ananas an Bord bringen, die erste und einzige, welche ich auf unseren bisherigen Fahrten gesehen hatte. Ich bestimmte sie zu einer Bowle, mit der wir Silvester feiern wollten, aber es kam, wie so oft, anders! In Bewunderung der spiegelglatten See und eines herrlichen Zodiakallichtes, das mit Untergang der Sonne 6 Uhr 21 Minuten den westlichen Himmel bis 7, 23 in verschiedenen zarten Tinten färbte, saßen wir gemütlich auf dem kleinen Quarterdeck. Die Bowle stand auf dem Kajütstische und war im Wasserfilter angerichtet. Eben wollte ich den letzteren vorsichtshalber festbinden, da machte das Schiff eine Bewegung -- krach! und mit unserer Bowle und Silvesterfeier war es vorbei!
Teste-Insel liegt nur etwa 400 Meilen von Cooktown entfernt, unserem damaligen Reiseziel, wo die Ankunft eines Dampfers unter deutscher Flagge große Aufregung verursachte. Man erging sich in allerlei wunderlichen Vermutungen, hatte aber die Beteiligung der »Samoa« bei der Besitzergreifung Deutschlands in Neu-Guinea bald heraus.
Und daß man, bei den damaligen Ansichten der Kolonisten, darüber nicht eben erbaut war, läßt sich begreifen; betrachtete doch Australien, besonders Queensland und Victoria, die Papuaregion, insonderheit Neu-Guinea als ihr angestammtes Erbe. In der Town-Hall wurde ein »Indignation-Meeting« unter dem Vorsitz des Mayor abgehalten und Englands Politik, die Übergriffe Deutschlands überhaupt zugelassen zu haben, auf das ärgste getadelt. Da man den armen Gladstone nicht bei der Hand hatte, konzentrierte sich der ganze Unmut von Presse und Publikum auf mein Haupt. Während die erstere einmal faktisch drohte, mich mitsamt der »Samoa« in die Luft zu sprengen, hörte ich nicht selten beim Vorübergehen die Worte »that is the fellow who stol us New Guinea«! Wahrhaftig, wer die Kolonien mit ihrem »free and easy« nicht gekannt hätte, konnte sich in Cooktown unbehaglicher als unter Wilden fühlen, die wenigstens keinen Dynamit besitzen.
Aber ich kümmerte mich nicht um die Leute und ließ sie reden, was sie wollten. Wußte ich doch zur Genüge, daß es nicht schlimm werden würde, und daß ich nichts zu fürchten hatte. Dafür bürgte schon der mächtige Schutz der deutschen Flagge und der Respekt vor unserem großen Reichskanzler, der, wie sich die Leute nicht ausreden ließen, den Doktor mit der »Samoa« ausgesandt haben sollte.
Siebentes Kapitel.
Kaiser Wilhelmsland.
I. Längs der unbekannten Nordküste.