Part 22
Killerton-Inseln. -- Missionsstation auf Aroani. -- Die Londoner Mission in Neu-Guinea. -- Farbige Lehrer (teacher) -- die wahren Pioniere. -- Betragen der Eingeborenen. -- Stellung der Lehrer. -- Günstiger Einfluß der Mission. -- Ein Sonntag in der Mission. -- Christliche und heidnische Kunst. -- Kirärauchen. -- Beschaffenheit der Insel. -- Ein schöner Sänger. -- Milne-Bai. -- Mita. -- Higiba. -- Schilde. -- Häuser. -- Baumhaus. -- Eingeborene. -- Chinastraße. -- Moresby-Archipel. -- Dinner-Insel. -- Ein »Dimdim«. -- Bestrafte Arbeiterwerber. -- Tripang und Tripangfischer. -- Missionsstation. -- Eingeborene. -- Tätowierung. -- Basiraki. -- Glockenfels. -- Chas oder Teste-Insel. -- Häuser. -- Verschiedener Baustil. -- Prähistorische Töpferei. -- Reger Handelsverkehr. -- Ethnologie. -- Eingeborene. -- Haartrachten. -- Tätowieren. -- Bekleidung und Schmuck. -- Einfluß der Mission. -- Idande der Lehrer. -- Die verunglückte Sylvesterbowle. -- Nach Cooktown. -- Aufregung.
Die Südseite der Ostkap-Landzunge zeigt eine ähnliche Beschaffenheit als die nördliche. Aber die Hügel und Berge fallen zum Teil steiler ab und haben ausgedehnteres Kulturland, längs dem Strande dichtere Kokospalmbestände aufzuweisen; trotzdem bemerkt man wenig Siedelungen und Menschen. Bald sahen wir die Killerton-Inseln vor uns. So heißt eine Gruppe von drei kleinen und acht bis zehn sehr kleinen Korallen-Inselchen, die zum Teil untereinander und mit der Küste durch Riff verbunden, den nördlichen Eingang von Milne-Bai säumen. Mit Ausnahme der östlichsten Insel, Aroani oder Merari, sind sie unbewohnt, und auch diese ist erst durch die Londoner Mission besiedelt worden, welche hier ihre östlichste Station in Neu-Guinea besitzt. Chalmers nennt sie »a perfect model farm, splendidly laid out«; was man sich dabei für Vorstellungen zu machen hat, wird meine Abbildung zeigen. Die beiden Hauptgebäude sind links die Kirche, rechts das Lehrerhaus; die übrigen Häuser und Hütten (an 15 und mehr) dienen ca. 60 Missionszöglingen zur Unterkunft. Diën, der Lehrer (teacher), der uns schon in Hihiaura besuchte, kam uns in seinem Boote entgegen, um den besten Ankerplatz gegenüber der Station anzuweisen, der übrigens auch nicht frei von Korallriffen ist. Bald folgte in Kanus und Catamarans die Gemeinde, Eingeborene von der Küste, die mit der Mission leben, teilweise als Bekehrte oder weil es ihnen überhaupt bequemer ist. Sie waren meist heller gefärbte Menschen als ihr Lehrer, der von der Insel Lifu (Loyalitätsgruppe) stammte und den dunklen melanesischen Typus repräsentierte. Dennoch hatte er schlichtes Haar, was auf Lifu sehr häufig ist und mich weniger verwunderte, als rothaarige Individuen unter den Eingeborenen, weil natürlich-rotes Haar bei Papuas zu den höchst seltenen Ausnahmen gehört.
Das Bekehrungswerk in Neu-Guinea ist bekanntlich in Händen der Londoner Gesellschaft, der größten und reichsten der Welt, die hier im Jahre 1871 die ersten Missionslehrer einsetzte. Jetzt verfügt sie über etliche dreißig, die in gewissen Gebieten der Südostküste, von Saibai bis Milne-Bai, in etwa 25 Stationen verteilt sind. Die Centralstation mit dem »Institute« zur Erziehung eingeborener Lehrer ist auf Erub (Darnley-Isl.), in der östlichen Torresstraße, unter der Leitung von ein bis zwei englischen Geistlichen, zwei andere residieren in Port Moresby, dem Centrum für Neu-Guinea selbst. Alle übrigen Stationen sind mit sogenannten Lehrern (teachers) besetzt, Südsee-Insulanern, die entweder von der Loyalitäts-Gruppe (Lifu und Maré) oder aus Ost-Polynesien (Savage-Island, Rarotonga u. s. w.) herstammen. Das Missionswerk hat diesen dunklen Sendboten unendlich viel zu verdanken und ihre Verdienste sind bei uns viel zu wenig bekannt. Sie waren und sind die eigentlichen Pioniere nicht nur der Mission, sondern der Civilisation überhaupt, die es wagten, sich als Erste unter sogenannten »Wilden« niederzulassen, die noch niemand kannte, mit denen niemand zu sprechen verstand, und von denen kein Mensch voraussehen konnte, welche Aufnahme den Fremdlingen zu teil werden würde. Wie dem Händler (Trader) ein notdürftiges Haus gebaut wird, in welchem man ihn mit einigen Vorräten und Lebensmitteln seinem Schicksale überläßt, bis das Schiff wiederkehrt, so machte es auch die Mission[65]. Während aber dem Händler schon die weiße Hautfarbe stets ein Übergewicht verleiht, fällt dieser Rassenvorteil beim farbigen Missionslehrer weg, denn der Eingeborene hat vor seinesgleichen, wenn auch in europäischer Kleidung, natürlich nicht den Respekt als vor dem weißen Manne. Die Geschichte der Missionsgründung in Neu-Guinea liefert den besten Beweis, daß es mit der so arg verschrieenen Wildheit der Papuas nicht so schlimm bestellt ist. Auch sie haben sich meist als Menschen gezeigt, indem sie die Fremdlinge, welche man auf unbestimmte Zeit ihrer Obhut anvertraute, nicht nur unbehelligt ließen, sondern dieselben hie und da noch unterstützten. Auch das Missionsschiff blieb zuweilen länger aus als erwartet, und die Lehrer waren mitunter lediglich auf die Eingeborenen angewiesen. Wenn es auch nicht an Bedrohungen fehlte, die selbst das zeitweilige Verlassen einer Station nötig machte, so verdient doch hervorgehoben zu werden, daß bei der Gründung der Mission nur auf Bampton-Insel, nahe der Mündung des Flyflusses zwei Lehrer zu Märtyrern[66] wurden, während die Tücke des Klimas eine Menge Opfer forderte. Diese Thatsache lautet gewiß sehr zu Gunsten der Eingeborenen und sollte in goldenen Lettern allgemein Anerkennung finden; aber wer spricht von den »Wilden« um sie zu loben? Wer das Wesen des Eingeborenen kennt, wird freilich wissen, daß dies gute Betragen nicht aus purer Humanität entsprang, sondern daß, wie so häufig im menschlichen Leben, Eigennutz die Triebfeder zu dieser Handlungsweise war. Schon der weiße Mann, welcher die fremden, braunen Gäste installierte, verlieh den letzteren in den Augen des Eingeborenen einen gewissen Nimbus. Aber man wußte auch, daß das Schiff zurückkommen würde und fürchtete Bestrafung für etwaige Missethaten. Mehr als diese Furcht wirkte jedoch das Auftreten der Sendlinge selbst zur Anknüpfung guter Beziehungen. Sie waren ruhige Leute, welche die Eingeborenen nicht inkommodierten, und die letzteren fanden sich schon aus Neugierde beim Gottesdienst ein, der ihnen ja etwas durchaus Neues war. Bald erkannte der Eingeborene auch den praktischen Nutzen der Mission, die ihm zuerst eiserne Geräte, allerlei Tand, und ganz besonders Tabak zuführte und dem betreffenden Dorfe dadurch ein Übergewicht verschaffte. Der nüchterne, berechnende Kanaker-Vorstand fand schnell heraus, daß eine solche Zufuhrsquelle erhalten werden müsse, und man hütete sich daher wohl, die Gans mit den goldenen Eiern umzubringen. Die geringen Vorräte einer Missionsstation vermögen die Habsucht der Eingeborenen auch nicht in dem Maße zu reizen, wie dies gegenüber den viel reicheren Handelsstationen eintreten kann, um durch einen Handstreich auf einmal in den Besitz von Schätzen zu gelangen. Bald hatte die Mission hie und da durch den Einfluß eines Häuptlings unterstützt, die in Neu-Guinea meist wenig bedeuten, Freunde unter den Eingeborenen und gewann dadurch immer festeren Boden. Selbst entferntere Dörfer verlangten nach einem Missionär, um gleiche Vorteile zu genießen und darauf ist so häufig der »Schrei nach dem Evangelium« zurückzuführen. Diese Erfolge sind zum großen Teil den farbigen Lehrern zu verdanken, da die weißen Missionsleiter ja nur in längeren Zwischenräumen die über neun Längengrade ausgebreiteten Stationen besuchen können. Während die Mission bisher glücklicherweise keinen Europäer verlor, hat der Tod unter den eingeborenen Lehrern um so reichere Ernte gehalten, denn gar viele erlagen dem Klimafieber. Fern von der Heimat und ohnehin fatalistisch veranlagt, ist der energielose Kanaker viel weniger widerstandsfähig als der Europäer, ja mancher stirbt, weil er sterben will. Das klingt freilich paradox, ist aber wahr, und gilt auch für die braunen Sendboten des Evangeliums, die trotz ihres civilisatorischen Anstriches doch Kanaker blieben. Wenn so ein Mensch plötzlich erkrankt und die Medizin, welche man ihm zurückließ, nicht bald hilft, dann hält er sich häufig für verloren, giebt sich selbst auf und unterliegt nicht selten einer Krankheit, die ein Europäer bei einiger Behandlung überwinden würde. Der Missionslehrer stirbt in vollem Gottvertrauen und in der Beruhigung eines gottergebenen Lebens, der Tod hat also keine Schrecken für ihn. In der That verdient die Selbstverleugnung dieser Leute die größte Anerkennung, denn sind sie auch meist von geringer Herkunft, so standen sie sich doch meist in ihrer Heimat besser. Mancher hatte hier ansehnlichen Besitz, andere lernten die Welt als Matrosen kennen, und für die wenigsten sind daher die zwanzig Pfund Sterling (400 Mark), welche ein Missionslehrer an Jahresgehalt empfängt, gleichwertig seiner früheren Lebensstellung. Aber das neue Amt verschafft ihm ein ganz anderes Ansehen. Früher gewohnt zu gehorchen, kann er jetzt kommandieren und sich zum Herrn und Gebieter einer Gemeinde aufschwingen, wie dies den meisten Lehrern sehr bald gelingt und wiederum für die gute Art der Eingeborenen spricht. Sie sind es, welche gegen geringes Entgelt in Tauschwaren das Feld mitbestellen helfen, das die Lehrerfamilie ernährt, die ja an Eingeborenenkost gewöhnt, nur wenig Bedürfnisse hat. Im Verein mit gelegentlichen kleinen Nebeneinnahmen sind sogar noch Ersparnisse möglich. Die farbigen Lehrer der Londoner Missionsgesellschaft stehen sich daher weit besser, als die der Wesleyaner im Bismarck-Archipel, die außer Kleidung (d. h. Lavalava oder Lendentücher) nur mit etwas Tabak und vier Pfund Glasperlen jährlich ihren Unterhalt zu bestreiten haben. Wenn gegenüber dem Aufwande an Mühe und Kosten, den Verlusten an Menschenleben und Gesundheit, die Bekehrungserfolge[67] auch keine großen sind, so läßt sich das segensreiche Wirken der Mission doch nicht verkennen und verdient volle Anerkennung. Eine Missionsstation ist stets ein Hort des Friedens, namentlich in solchen Gebieten, wo der Verkehr mit den Eingeborenen durch Weiße gestört wurde, deren Betragen nicht selten auch die Mission in bedrohliche Lage brachte.
Ein Besuch auf der Insel Aroani zeigte das Leben und Treiben, wie es an jeder Missionsstation herrscht. Alles eilte herbei, um dem weißen Fremdlinge die Hand zu geben und ihn mit »denani« zu begrüßen; einzelne ließen wohl auch ein »good morning« und den leisen Wunsch nach Tabak einfließen, ohne eigentlich zu betteln. Eine Menge Wörter der hiesigen Sprache zeigte übrigens nahe Verwandtschaft mit dem Motu von Port Moresby. Es war gerade Sonntag, und jeder erschien im besten Staate, aber gerade daran konnte der Erfahrene merken, daß wir uns an einer entfernten Nebenstation befanden. Denn während am Sabbath in Port Moresby Kanakerinnen nicht selten in Kleidern mit Volants paradieren, mußten sie sich hier mit den landesüblichen Volant-Grasröcken begnügen. Nur wenige besaßen außerdem ein Kattunjäckchen oder ein Strohhütchen mit künstlichen Blumen, wie die possierlich ausstaffierten Mädchen in der lebensvollen Gruppe unserer Abbildung. Sie zeigt so recht den Gegensatz zwischen den Anfängen einer mit europäischem Plunder übertünchten Civilisation und der ursprünglichen Eingeborenentracht. Die letztere dürfte dabei als die vorteilhaftere erscheinen, da die rot und gelben Grasröcke, aus Blattfasern der Sagopalme, die braunen Gestalten in der That trefflich kleiden. Tätowierung ist in Milne-Bai nicht Sitte, und die damit verzierten Frauen unseres Separatbildes waren Gäste von Dinner-Insel. Die Vorderseite der Kirche giebt einen weiteren interessanten Vergleich christlicher und heidnischer Kunst, die ebenfalls zum Vorteil der letzteren ausfällt. Denn die skelettartige Karikatur über der Thür ist nur aus schwarz und weißgefärbtem Pandanusblatt verfertigt, hat also wenig Mühe gemacht, während wir in dem Aimaka auf Bilibili (S. 73) noch solide Holzbildhauerei kennen lernten. Und wenn ich hier auf die Decenz beider Darstellungen eingehen dürfte, dann hätte ich für beide drastische Bemerkungen zu machen. Die Kirche war im übrigen ein solider Pfahlbau, welchem ein mit Kerben versehener Baumstamm als Treppe diente. Bald läutete der Lehrer zum Gottesdienst, dem einige 40 Eingeborene, meist weiblichen Geschlechts mit Kindern und Säuglingen, beiwohnten. Nach den Regeln der Londoner Mission wurde in der Landessprache geredet und gesungen, denn die Eingeborenen lernen Singen gar schnell. Im übrigen herrscht natürlich am Sonntage die Ruhe der englischen Kirche, welche den Missionszöglingen aber wenigstens das Rauchen gestattet. Die Londoner Gesellschaft ist überhaupt viel toleranter als z. B. die amerikanische in Mikronesien, welche nicht allein das Rauchen verbietet, sondern auch die Tracht der Eingeborenen durch allerlei Satzungen verändert und dadurch bald alle Originalität auslöscht. Was würde sie erst zu dem eigentümlichen Rauchgerät sagen, das ich nach langer Zeit zuerst hier wiedersah, und welchem der Eingeborene wahrhaft frönt! Es ist dies der an der ganzen Südostküste bekannte Baubau, hier Kirä genannt, ein langes Stück Bambu mit einem Loche. Das letztere dient zur Aufnahme einer kleinen mit Tabak gefüllten Blattdüte, einer Art Zigarette. Ist die letztere angezündet, so wird das Rohr voll Rauch gesogen, dann die Zigarette herausgenommen und aus dem kleinen Loch der Rauch eingesogen oder vielmehr verschlungen, wobei der Kirä von Mund zu Mund wandert. Ich darf versichern, daß diese Rauchmethode sehr wirkungsvoll ist, denn sie betäubt förmlich, aber kleine Kinder sind bereits daran gewöhnt, und der »Baubau« ist unzertrennlich mit dem Leben des Papuas der Südostküste Neu-Guineas verknüpft.
Das Haus des Lehrers war ein ähnlicher Bau als die Kirche und, wie diese, von Eingeborenen gemacht worden. Es enthielt im Inneren drei Abteilungen und außer selbstgefertigten Tischen und Bänken den üblichen Wandschmuck, Bilder aus London Illustrated News, Graphic, Modezeitungen u. s. w., sowie einige Kisten und Kasten, denn auch der Hausrat eines Missionslehrers ist meist sehr bescheiden. Aber Diën baute an einem neuen Wohnhause, das sehr gut zu werden versprach. So wurden die Wände außen mit Kalk (aus Korallen gebrannt), verputzt und sollten innen tapeziert werden und zwar -- mit Segeltuch, was sich freilich schon der Kosten wegen unausführbar erwies.
Aroani, zum großen Teil von Mangrove-Lagunen eingeschlossen, mit schlechtem korallinischem Boden, ist jedenfalls sehr ungesund. Aber ich erstaunte, trotz des kümmerlichen, korallbesäten Erdreiches so gute Plantagen zu finden. Außer den üblichen Feldfrüchten Yams, Taro, Bananen und Zuckerrohr wurden auch Kürbisse, Wassermelonen und Mais angebaut; alles schien trefflich zu gedeihen, bis auf die wenigen jungen Kokospalmen.
Lieblicher Vogelgesang, eine Seltenheit in den Tropen, den ich schon von Bord aus gehört hatte, und der mir mit seinen nachtigallähnlichen Strophen durchaus neu war, reizte den Urheber zu erlangen. Bald war er in meinen Händen, ein unscheinbares Vögelchen, Ptilotis sonoroides, das bisher nur auf Waigiu und Mysol beobachtet wurde. Sonst erlangte ich nur noch wenige Kleinvögel, denn die großen Fruchttauben waren zu scheu, und so mußte ich mich mit der kleinen Ptilinopus aurantiifrons begnügen, einem jener reizenden, kleinen Täubchen, welche Neu-Guinea in so überraschender Fülle und Farbenpracht eigen sind.
Milne-Bai bildet eine an 20 Meilen lange und ca. 10 breite Einbuchtung im Ostende Neu-Guineas, deren Nordrande wir bis über die Hälfte folgten, um dabei ein Kopragebiet von seltenem Reichtum kennen zu lernen. Das Vorland an dieser Seite der Ostkap-Halbinsel ist viel ausgedehnter als an der nördlichen und zeigt stellenweis förmliche Wälder von Kokospalmen. Nach der Aussage der Lehrer würde sich dieses Kopragebiet in noch größerer Ausdehnung bis in die Tiefe und längs dem West- und Südwestrande der Bai erstrecken, so daß dasselbe reiche Ausbeute verspricht, deren Verwertung inzwischen schon in Angriff genommen sein dürfte. Trotz dieses Überflusses schien die Bevölkerung unbedeutend. Nur selten zeigte sich ein einzelnes Haus am Strande, und an den grünen Vorbergen wurden Kultivationen seltener. Das allmählich höher ansteigende Stirlings-Gebirge ist, wie sich schon an der dichten Bewaldung erkennen ließ, unbewohnt.
In Mita, ca. fünf Meilen von Aroani, der zweiten Missionsstation, ließ ich mich an Land setzen und wurde von Dick, dem Lehrer, einem dunklen Maré-Mann, begrüßt. Hilfreiche Hände zogen das Boot durch die Brandung und reichten geöffnete Kokosnüsse als Willkommen, noch ehe wir das Land betreten hatten. Die Station ist viel kleiner als die auf Aroani und besteht nur aus zwei Häusern, von denen eins als Kirche dient; auch war der Anhang von Eingeborenen viel geringer. Unter den letzteren zeichnete sich ein mit Hemd, Hose und Filzhut bekleideter ältlicher Mann aus, der König, denn er sagte wiederholt »me king«, alles, was er an englischen Worten wußte, und empfing natürlich den üblichen Tribut in einigen Stücken Tabak. In Begleitung des »Königs« und Dicks Sohn Joana, einem fixen Knaben, der ziemlich englisch sprach, ging ich nach dem nächsten Dorfe, um wenigstens etwas von Land und Leuten kennen zu lernen. Der Weg führte teils durch Urwälder, in denen außer anderen Vogelstimmen sich auch die von Paradiesvögeln (Paradisea Raggiana) vernehmen ließen, teils durch Plantagen, welche den Reichtum und die Fruchtbarkeit des Bodens bekundeten. Joana erzählte, daß ein anderer »King« seinem Vater nach dem Leben trachte, aber gleich ausreißen würde, wenn er mich mit dem Gewehre sähe. Bald kamen wir an eine hübsche Bucht, welche zur Anlage einer Station wie geschaffen scheint, besonders da sie auch für Segelschiffe sichere Ankerung bietet. Längs dem Sandstrande dieser Bucht gelangten wir zuerst zu dem kleinen Dorfe Higiba, (Higäbei), das nur aus drei Häusern besteht, weiterhin, einen seichten Fluß durchwatend, nach dem etwas größeren Baragom, das sich durch einen großen Kanuschuppen auszeichnete. Er stimmte ganz mit dem auf Goulvain (S. 224) überein, und wie wir solche in Hihiaura und an der Ostkap-Landzunge kennen lernten. Diese Kanuschuppen scheinen, in Ermangelung anderer Baulichkeiten, zugleich als Versammlungshaus der Männer zu dienen, in welches man Fremde nicht gern eintreten läßt. Außer dem Kanu, das Eigentum des Häuptlings oder der Gemeinde ist, enthielt der Schuppen nur eine Anzahl großer hölzerner Kampfschilde, die ganz mit denen in Bentley-Bai übereinstimmten. Von diesen Schilden giebt es zwei Formen, länglich-ovale und rechteckige (ca. 1 m hoch und 40 cm breit), die zum Teil mit erhabener Schnitzerei und bunter Bemalung verziert sind und mit zu den besten Erzeugnissen des Kunstfleißes zählen.
Die Häuser unterschieden sich von denen in Bentley-Bai (S. 237) hauptsächlich dadurch, daß sie auf sehr hohen Pfählen wohl zehn Fuß über der Erde stehen und aus Sagopalmblatt gebaut sind, deren lohfarbene Färbung sie schon von weitem auszeichnet. Ich sah übrigens auch Häuser auf niedrigen Pfählen und solche von ovaler Form, denen gewisse Häuser auf Aroani wohl als Muster gedient hatten. Besonders überraschte mich ein Baumhaus, das noch im Bau begriffen war, wie dies die Abbildung (S. 272) zeigt. Solche Baumhäuser, die ich aus dem Inneren von Port Moresby kannte, gehören zu den kunstvollsten Bauwerken der Steinzeit. Denn es ist nicht so leicht in den Ästen und im Wipfel eines Baumes, oft in einer Höhe von 50 bis 60 Fuß, ein Haus zu bauen, das den Winden widersteht. Diese Häuser dienen als Festen und Warten, in welche sich die Dorfbewohner bei einem feindlichen Überfall zurückziehen. Die primitive Leiter aus Lianen, welche zu dem luftigen Bau führt, wird hinaufgezogen und die Festung ist zur Verteidigung fertig. Sie enthält außer Wasservorräten Unmassen von Wurfgeschossen in Gestalt von Speeren und Steinen, womit gar mancher Sturm abgeschlagen werden kann, wenn auch das Dorf in Flammen aufgehen sollte.
Die Eingeborenen, welche inzwischen zahlreich herbeigeeilt waren, unterschieden sich in nichts von denen in Bentley-Bai und Hihiaura, sprechen auch fast dieselbe Sprache. Sie brachten außer Büscheln buntblättriger Crotons kaum etwas zum Tausch, und ich erlangte mit Mühe wenige Schilde und Steinklingen, da auch hier die Steinzeit ihrem Ende entgegengeht. Die Eingeborenen von Milne-Bai, erwiesenermaßen Kannibalen, stehen in keinem guten Ruf. Aber auch sie sind weit besser als der letztere, wie ich von Hunstein weiß, der länger unter ihnen lebte und sehr gut mit ihnen auskam. Moresby, der zuerst hier war, fand überall freundliche Aufnahme. Aber die Gewaltthätigkeiten der Werbeschiffe, welche hier rekrutierten, und das zuweilen brutale Auftreten von Tripangfischern haben seitdem auch hier dem Weißen keinen guten Ruf verschafft; man darf sich daher über etwaige Massacres als Repressalie nicht wundern.
Die Samoa war inzwischen herangekommen und wir setzten unseren westlichen Kurs noch etwas weiter fort, bis wir die Tiefe der Bai sehen konnten, die aus Flachland zu bestehen scheint. Hier liegen die Dörfer Maivara und Gihara, die wie Wagawaga (Discovery-Bay), am Südwestrande, stark bevölkert sein sollen. Wir wandten dann unseren Bug ostwärts und dampften, im Angesicht der 1500 bis über 3000 Fuß hohen Gebirge am Südrande der Bai, Chinastraße zu, Moresby gab ihr diesen Namen, weil sie einen kürzeren Seeweg zwischen Australien und China eröffnet, der sich in der Praxis aber nicht bewährte. Wir hatten North-Foreland, die Nordspitze der südlichen Halbinsel von Milne-Bai passiert, die aus steilen, an 1800 Fuß hohen Gebirgen besteht, ohne Siedelungen und Kokospalmen, und sahen die malerischen Inseln des Moresby-Archipel vor uns. Sie sind alle bergig, mit zahlreichen Kultivationen der Eingeborenen bedeckt, am Strande dicht mit Kokospalmen gesäumt, und mögen danach zu urteilen ziemlich gut bevölkert sein. Bald hatten wir die kleinen Inseln Meckinley (Maivara) und Paples an Backbordseite und sahen in die Tiefe von Jenkins-Bai, die fast hufeisenförmig von der gebirgigen Basilisk-Insel (Urapotta), nebst Hayter (Sáriwa oder Sariba) umschlossen wird. Am Nordwestrande der letzteren Insel passierten wir Possession-Bay, wo Moresby am 24. April 1873 zum erstenmale die Flagge hißte und im Namen Englands von den Inseln Besitz ergriff. Die Straße erreicht nun ihre schmalste, kaum eine Meile breite Stelle und schien am südwestlichen Ende durch Heath-Insel (Rogia, Logia) geschlossen, aber bald öffnete sich der Blick nach Südost und wir hatten die kleine Dinner-Insel (Samárai) vor uns. Sie ist kaum eine Meile lang, ca. 200 Fuß hoch, und war, ehe die Londoner Missionsgesellschaft (1876 oder 77) eine Station errichtete, unbewohnt. Jetzt siedeln hier an 30 bis 40 Eingeborene der Nachbarinseln, meist von Rogia, die unter der Obhut von Ipunessa, eines Lifumannes, eine kleine Gemeinde bilden.