Part 25
Von Kap de la Torre verläuft die Hansemannküste ca. 30 Meilen in westlicher Richtung und wendet sich dann W.-N.-W. bis zu Kap Dallmann, welches die weite Krauel-Bucht, oder besser Bai nach Westen begrenzt. Das bergige Kap erschien von weitem wie eine Insel, bei der wir gute Ankerung zu finden hofften, hierin aber getäuscht wurden. Ein heftig aufspringender Ost nötigte überdies zurückzugehen und an der Küste einen passenden Platz zu suchen, den wir auch vor der Mündung eines Flusses, des Caprivi, kurz vor Sonnenuntergang fanden. An seinem linken Ufer waren zwei kleine Siedelungen, deren Bewohner die ganze Nacht Feuer unterhielten, und schon vor Anbruch des Tages (11. Mai) in ihren Kanus herbeieilten. Ganz ungeniert und ohne Zeichen von Furcht kamen sie sogleich an Bord, obwohl auch sie offenbar noch keine Weißen gesehen hatten und Eisen anfänglich verächtlich zurückwiesen. Man sieht, wie verschieden das Betragen Eingeborener beim ersten Zusammentreffen mit Fremdlingen sein kann, zuweilen furchtsam und zurückhaltend, zuweilen furchtlos und offen bis dreist und unverschämt. Das letztere ließ sich nun von diesen Eingeborenen nicht sagen, denn nirgends hatte ich vorher so liebenswürdige und manierliche »Wilde« kennen gelernt als hier. Da gab es kein wüstes Schreien, wie dies sonst meist der Fall ist, sondern die Leute verhielten sich ruhig, ja sprachen mit leiser Stimme, und zwar nicht etwa infolge von Angst. Auch hielten sie uns nicht für Götter, wie sich Weiße dies meist einbilden, kümmerten sich um die Blässe unserer Haut nicht im mindesten, gaben aber ihrem Erstaunen durch ein eigentümliches Schnalzen mit der Zunge Ausdruck, wobei sie die Backen aufbliesen. Da den Leutchen natürlicherweise alles und jedes an Bord neu war, so wollte das Schnalzen gar kein Ende nehmen. Meine bisherigen Erfahrungen, daß dem Kanaker »schenken« unbekannt ist, wurde übrigens hier zum erstenmale glänzend widerlegt, denn zu meinem Erstaunen kamen die Capriviten nicht mit leeren Händen. Sie brachten einen Korb mit etwas Yams, Kokosnüsse (die auch hier Niu heißen), gekochten Sago in Blätter gehüllt, spanischen Pfeffer, gekochtes und geräuchertes Schweinefleisch, in Stücke geschnitten und in eigentümlicher Weise zwischen Stöckchen gepreßt, sowie frische Holothurien (S. 275) und boten dieses alles als wirkliche Geschenke an, d. h. ohne Gegengabe dafür zu verlangen. Eine solche Freigebigkeit mußte natürlich belohnt werden, aber ich fürchte, daß die ersten Wohlthaten der Civilisation den Samen der Zwietracht in die Herzen dieser noch unberührten Naturkinder säten, denn da nicht alle gleichmäßig bedacht werden konnten, so werden Neid und Mißgunst wohl nicht ausgeblieben sein. Bei einem so kurzen Aufenthalte als dem unseren merkte man davon freilich nichts, sondern es herrschte eine Harmonie, wie sie schöner nicht gedacht werden kann. Aber ich weiß aus Erfahrung, daß eine solche Idylle gewöhnlich nicht von langer Dauer ist, selbst wenn in formeller Weise Friedenszeichen ausgetauscht wurden. Das der hiesigen Eingeborenen bestand in einem ca. 45 cm langen, schmalen Streif Kokosblatt, in welches ein alter Mann acht Knoten knüpfte und mir denselben überreichte. Ob dabei die Zahl acht irgend eine symbolische Bedeutung hatte, vermochte ich natürlich nicht zu erörtern, denn für solche Fragen läßt die Zeichensprache im Stiche. Die Biedermänner vom Caprivi waren übrigens im allgemeinen schwächlich aussehende Leute, aber echte Papuas, meist so dunkel gefärbt als Neu-Britannier (zwischen Nr. 28 und 29 der Broca'schen Farbentafel), zuweilen heller, ja ich hatte wieder einmal die Freude, einen Albino kennen zu lernen. Mit Ausnahme der von der Sonne stark geröteten Stellen (Brust und Schultern) war seine Färbung so hell, als bei einem Europäer (Nr. 23 bis 25 von Broca), sein Haar blond; aber die lichtscheuen Augen konnten die Sonne nicht vertragen, wie dies meist bei Albinos der Fall ist.
Im Ausputz unterschieden sich die hiesigen Eingeborenen wenig von den vorher gesehenen (S. 293). Haarkörbchen waren aber seltener und schienen mehr eine Auszeichnung der Häuptlinge zu sein, während die Mehrzahl das Kopfhaar geschoren oder in der gewöhnlichen verfilzten und verzottelten Weise der Papua wachsen ließ. Die Abbildung zeigt einen solchen Häuptling, dessen Haarkörbchen in origineller Weise mit Streifen des weiß und rostgelb gefleckten Felles eines Beuteltieres (Phalangista orientalis) verziert ist, wie solche auch mit Vorliebe als Anhängsel der Armbänder benutzt werden. Der Zwickelbart des Mannes ist mit zwei der Länge nach gespaltenen und dünn geschliffenen Eberhauern geschmückt, die an dieser ganzen Küste sehr beliebt sind. Ein Sack und kleinerer Brustbeutel (mit Placunamuscheln als Zierat) vollenden die Ausstaffierung. Unter sonstigen Kostbarkeiten der hiesigen Eingeborenen bemerkte ich schön gravierte Armbänder aus Schildpatt (Taf. XIX. 3) und Imitationen gebogener Eberhauer aus Tridacna geschliffen (T. XXI. 3).
Von dieser größten aller jetzt lebenden Meeresmuscheln liefert bekanntlich der breite Schloßteil ein weit über die Südsee verbreitetes und allgemein hochgeschätztes Material, nicht nur für Schmuckgegenstände (Brust- und Armringe, Nasenkeile), sondern namentlich auch für Axtklingen, die häufig solchen von Stein vorgezogen werden. Da der Schloßteil einer 66 cm langen Tridacnamuschel kaum 6 cm breit ist, so kann man sich danach eine Vorstellung von der ungeheuren Größe solcher Exemplare machen, aus denen sich ein Ring von 13 cm Diameter herstellen ließ, wie ich sie hier sah. Da ein solcher Ring, bei ca. 1 cm Dicke, 10 cm im Lichten vollkommen kreisrund gearbeitet ist, so verdient, unter Berücksichtigung der bedeutenden Härte des Materials, der Fleiß und die Geschicklichkeit dieser Künstler der Steinzeit volle Bewunderung. Auf der Insel Ponapé in den Karolinen erhielt ich früher sauber gearbeitete Axtklingen aus Tridacna von 50 cm Länge, 11 cm Breite und neun Pfund Schwere. Sie stammten noch aus der guten alten Zeit und gehören wohl mit zu den kolossalsten Stücken, welche aus diesem Material hergestellt wurden.
Die langen, sehr schmalen Kanus der Capriviten zeigten, neben gewissen Eigentümlichkeiten in der Bauart, auch hübsche Verzierungen in Schnitzarbeiten (ähnlich T. VII. 4). Einzelne Kanus führten Mast und Segel; die größten trugen zwölf Mann.
Mit dem Caprivifluß endet das Flachland, und Berge säumen nun die Küste, ein Charakter, den sie bis Humboldt-Bai beibehält. Wir dampften längs den niedrigen Hügeln, welche an der Westseite von Krauel-Bai ziemlich steil bis zum Meere abfallen und deren dichte Bewaldung stellenweis durch grüne Flächen unterbrochen wird, welche der Landschaft ein liebliches Aussehen verleihen. Hie und da waren auch an steilen Abhängen Plantagen sichtbar, sowie einzelne Häuser. Aber Siedelungen, und zwar sehr kleine, die sich schon von weitem durch gelbe Bäume kenntlich machten, trafen wir erst in den Buchten vor Kap Dallmann. Es sind deren drei: Ritter-, Buchner- und Nachtigal-Bucht, die dicht hintereinander folgen und von denen namentlich die letztere einer genaueren Untersuchung wert scheint. Mit Kap Dallmann, einem ca. 400 Fuß hohen, steil abfallenden, dicht bewaldeten Hügel, bekamen wir d'Urville-Insel in Sicht und sahen eine weite Bai vor uns. Wie sich später zeigte, zerfällt sie in drei Buchten: Dove, Jannasch und Gauß, und wird im Westen durch Bessels-Huk begrenzt. Dieser ganze Küstenstrich, dicht mit Laubwald bedeckte Hügel und Vorland, hie und da mit sanft ansteigenden Grasflächen, scheint sehr versprechend, aber wenig bewohnt, wie sich schon aus dem Mangel von Kokospalmen schließen läßt. In der That bemerkten wir nur bei Kap Dallmann ein Dorf von ca. zehn Häusern und bei Sahl-Huk etliche Kokospalmen und Eingeborene. Doch werden jedenfalls mehr Ansiedelungen vorhanden sein, die ja häufig unter Bäumen versteckt unbemerkt bleiben. Die landschaftlichen Schönheiten dieser Küste erhalten durch ein weiter inland liegendes Gebirge, das Prinz Alexandergebirge[75], erhöhten Reiz, dessen malerische Kuppen sich über 3000 Fuß erheben mögen. D'Urville-Insel, ein langgestreckter, dichtbewaldeter Bergrücken, mit einem grünen Vorland, das sich als Gressien-Insel erwies, trat immer näher heran, und als wir die kleine Meta-Insel, etwas nördlich von Bessels-Huk passierten, öffnete sich der Blick auf eine breite Meeresstraße, die Dallmannstraße, mit zwei Inseln an ihrem westlichen Eingange. Gegenüber Gressien bemerkten wir eine hübsche Bucht, die im Osten durch das von Meta-Insel sich ausdehnende Riff einen schönen Hafen bildet, den Dallmannhafen. Wir ankerten hier sehr zur Freude von Eingeborenen, die uns in drei Kanus schon seit einer Stunde unverdrossen folgten. Auch am Ufer wurde es lebendig: Knaben winkten mit grünen Zweigen, und eine Menge Eingeborener harrte sehnlichst auf unsere Ankunft. Bald wurde ihr Wunsch erfüllt, und sie sahen, wohl zum erstenmal, europäische Bleichgesichter unter sich. Denn auch diese Eingeborenen kannten kein Eisen, und der Gebrauch von Beilen und Messern mußte ihnen erst gezeigt werden. Ja, wie sollten solche unverfälschte Naturkinder der Steinzeit auch wissen, was ein Beil ist? Uns würde es in Bezug auf die Benutzung gewisser Geräte der Eingeborenen ebenso gehen, und unsere Museen besitzen gar manche Belegstücke dafür, deren Bezeichnung »Zweck unbekannt« häufig für immer unerklärbar bleibt. Das ungenierte Wesen, mit dem wir von diesen Eingeborenen ohne Scheu und Mißtrauen empfangen und behandelt wurden, war erstaunlich, und wer möglichst unverdorbene Menschen studieren will, dem ist Dallmannhafen zu empfehlen. Freilich würde der gute Rousseau manche seiner Vorstellungen über die Glückseligkeit des Naturmenschen zu verbessern gehabt haben, da sich eine solche überhaupt nirgends findet. Aber soweit sie überhaupt möglich ist, erfreuten sich diese guten Eingeborenen derselben, ein Völkchen, das, weiß Gott seit welchen Zeiten, ohne Civilisation ein sorgenfreies, behagliches Dasein führt. Für mich war es wiederum eine Freude, dieses fröhliche Leben und Treiben zu beobachten, denn es wird ja mit jedem Tage schwieriger, auf diesem Erdenrunde noch ein Fleckchen zu finden, wo man solche Beobachtungen machen kann. Wenn diese Eingeborenen als Typen möglichst unverdorbener Naturmenschen gelten dürfen, so ist Freigebigkeit eine angeborene Tugend des Menschengeschlechts und Bettelei erst später entstanden. Denn diese Leute schenkten mir freiwillig einige ihnen gewiß wertvolle Dinge, so einen schönen Knochendolch, einen Brustbeutel u. a., ohne gleich die Hand nach einer Gegengabe auszustrecken, wie dies sonst unabänderlich Kanakerbrauch ist. Meine bisherigen Erfahrungen hatten mich gelehrt, mit der Annahme von Geschenken Eingeborener vorsichtig zu sein, denn was sie heute schenken, erwarten sie morgen vielfältig zurückerstattet. Hier schien alles ohne die sonst übliche Berechnung, mit der man die Wurst nach der Speckseite wirft, und es herrschte vom ersten Begegnen an ein Ton, als wären wir lang erwartete liebe Freunde und schon seit Jahren in traulichem Verkehr.
In ihrem Äußeren stimmten diese Eingeborenen ganz mit denen vom Caprivi überein, ebenso hinsichtlich ihres Ausputzes. Cuscusfell (von einer Phalangista-Art) war häufig als Schmuck, für Glatzköpfe zuweilen auch als Kopfbedeckung verwendet. Außer den bekannten Haarkörbchen, die übrigens nur einzeln vorkamen, gab es noch eine andere besonders auffallende Kopfbedeckung, durch welche sich ein Mann auszeichnete. Er trug, wie die Abbildung zeigt, eine ca. 40 cm lange Röhre aus Pandanusblatt und ich freute mich, die Urform des Cylinders bei den Papuas entdeckt zu haben. In der That fehlt nur Deckel und Krämpe und die Angströhre ist fertig. Die Befestigung derselben geschieht mittelst Nadeln aus Vogelknochen, die in dem dichten Haarpelz sehr gut haften. Besondere Sorgfalt war auch auf Bartschmuck in Form von allerlei Breloques (wie S. 299) verwendet, und einzelne hätten sich damit bei uns für Geld sehen lassen können. So mein Freund Wulim, ein biederer Oberhäuptling, dessen sorgfältig mit kleinen Muscheln umwickelter, an der Spitze in Rohr eingeflochtener Zwickelbart eine Röhre von 35 cm Länge bildete. Der gute Alte schien meine Gedanken erraten zu haben, denn er erlaubte mir, die nicht wiederzuersetzende Körperzier abzuschneiden. So konnte ich, auch ohne Oberons Zauberhorn, einen Bart mit nach Hause nehmen, wie ihn der Kalif von Bagdad schwerlich besessen haben dürfte, und gleich mit Zähnen daran, freilich nicht die des Trägers, sondern Eberhauer, die auch hier als Schmuck sehr beliebt sind.
Unter Führung der Eingeborenen marschierten wir über schönes, fruchtbares Grasland nach ihren Niederlassungen, die an der Westseite von Gauß-Bucht liegen, da Dallmannhafen, mit Ausnahme von ein paar Häusern, unbewohnt ist. Unweit dieser Siedelungen in Gauß-Bucht mündet ein hübscher, leider unzugänglicher Fluß, der Herbert. Treffliche Kultivationen, in denen hauptsächlich Bananen und Tabak (Sagum) gezogen wurden, lehnten sich unmittelbar an das für papuanische Verhältnisse ebenso große als schöne Dorf Rabun oder Labuhn. Es zählte, von Bäumen und Kokospalmen beschattet, an 20 Häuser, solide und stattliche Bauten, denen nur Fenster fehlten, um gar manche viel armseligere Hütte daheim zu übertreffen. Einzelne dieser Pfahlhäuser (Rum) waren 40 bis 50 Fuß lang, 24 Fuß breit und bis unter die Giebelspitze an 20 Fuß hoch. Das Dach bestand aus Ried oder Gras, die Seitenwände aus sehr sauber befestigten, zuweilen rot und schwarz bemalten Blattscheiden der Nipa- oder Sagopalme, die Diele aus gespaltenen Latten von Betelpalmen. Charakteristisch für den hiesigen Baustil ist das Fehlen eines Vorplatzes oder einer Plattform, da die Treppe gleich unter der in eigentümlicher Weise verschiebbaren Thür liegt (vergl. Abbildung S. 308). Die im Inneren der Häuser herrschende Dunkelheit erlaubte erst allmählich Orientierung, ließ aber die gewöhnliche Einfachheit der Einrichtung erkennen: in der Mitte die Feuerstelle, aus einem mit Sand gefüllten Rahmen bestehend, an den Seiten Lagerstätten aus gespaltenem Bambu mit Kokosmatten belegt und Töpfe. Letztere stimmten in der Form (T. IV. 3, 4) mit denen von Bilibili überein und wie ich sie auch am Caprivi sah; es gab aber auch Töpfe von kolossaler Größe, die als Behälter für Sago dienten. Keramik schien auch hier eine Quelle des Wohlstandes und Reichtums, denn es gab Töpfe im Überfluß; so waren unter anderem auch besondere an Stricken befestigte Horden mit solchen versehen. Große Häuser enthielten zwei Abteilungen und werden, wie schon die doppelte Feuerstelle andeutete, wohl von mehr als einer Familie bewohnt. In einem Hause bemerkte ich eine roh geschnitzte Holzfigur, einen sogenannten Götzen, ähnlich den Telums von Astrolabe (T. XV. 1), aber ohne die für jenes Gebiet charakteristische langausgestreckte Zunge. Wenn auch Holzschnitzereien an den Häusern fehlten, so fanden sich doch andere Arbeiten, welche von der Geschicklichkeit der hiesigen Eingeborenen in diesem Genre zeugten. So die kolossalen trogförmigen Signaltrommeln, die, (wie auf der Abbildung), gewöhnlich vor den Häusern standen, also wohl nicht tabu sein mochten, sowie die Spitzen der Kanus. Einzelne waren in sehr naturgetreuen Figuren, Krokodil und Menschengesichter darstellend (wie T. VII. 4) ausgeschnitzt, und diese Verzierungen häufig sorgfältig eingepackt, um sie vor Bestoßen zu schützen. Auch sonst stimmten die Kanus in der Bauart mit denen am Caprivi überein. Als Mastschmuck dienten Bastbüschel und artig aus Pflanzenfaser geflochtene Ketten; als Segel war, wie auch anderwärts, der zeugartige Bast von der Basis der Blattscheide des Kokosblattes verwendet. Waffen irgend welcher Art kamen mir nicht zu Gesicht, werden aber ohne Zweifel nicht fehlen. Von Musikinstrumenten sah ich Holztrommeln in der gewöhnlichen sanduhrartigen Form (ähnlich T. XIII. 2), mit Eidechsenhaut (von Monitor) überzogen.
Bei unserer Ankunft flüchteten die Weiber und Kinder eiligst in die Häuser, deren Thüren zugeschoben, aber gar bald wieder etwas geöffnet wurden, denn die so berechtigte Neugier, welche dem ganzen Menschengeschlecht eigen ist, überwand auch hier die Furcht, und nach und nach kamen, aufgemuntert durch die Männer, die Schönen zum Vorschein. In der That gab es sehr hübsche Gestalten von tadellosen Formen unter diesen braunen Mädchen, die in ihren bunten Faserschürzchen (T. XVI. 9) gar niedlich aussahen. Sie trugen das Haar meist kurz geschoren, in Form runder Pelzkäppchen, Frauen durch schwarze Farbe verschmierte Zotteln, ähnlich wie in Astrolabe-Bai (S. 40). Kleinen Kindern von drei bis fünf Jahren war der Kopf meist rasiert, bis auf eine Skalplocke zur Befestigung von Schmuck aus Muschelringen und dergleichen.
Außer den vorherbeschriebenen Häusern entdeckte ich übrigens noch zwei besondere, von ganz eigentümlicher Form, wie sie mir in Neu-Guinea sonst nirgends vorkamen. Sie waren lang und schmal mit schüsselförmigem Dach, standen auf niedrigen Pfählen (vergl. Abbild. S. 310), und hatten an jeder Seite eine Thür mit spitzwinkeligem Vorplatz, den vom Dachrande herabhängende, lange Blattfasern wie mit einer Portière verhüllten. Aus Rücksicht für die Eingeborenen, die sich sehr ängstlich zeigten, und deren Geduld ich ohnehin schon genug auf die Probe gestellt hatte, ließ ich das Innere unbetreten. Der Zweck dieser Gebäude blieb daher unaufgeklärt, aber ich werde wohl nicht irren, wenn ich sie für jene Versammlungs-, Junggesellen- oder Tabuhäuser halte, wie sie sich in verschiedenen Formen allenthalben in Melanesien finden.
Die Höflichkeit der hiesigen »Wilden« übertraf übrigens alle bisher erfahrene und jedenfalls die meinige in der Erwiderung. Man würde es bei uns und mit Recht als Zeichen geringer Achtung und Bildung auslegen, wenn ein Gast den angewiesenen Ehrenplatz (hier ein mit weißem Sand bestreuter Platz vor dem Hause) und die angebotenen Erfrischungen (hier Betel, »Bu« und Naturzigaretten) zurückweist, wie ich es that. Aber es gab soviel zu sehen und aufzuzeichnen, daß ich im Interesse der Wissenschaft selbst gegen die bei Papuas herrschende Etikette verstoßen mußte. Die guten Leute mochten von dem ersten Weißen, der ruhelos umherlief, überall unverständliche Zeichen aufkritzelnd, wohl einen sonderbaren Begriff bekommen und ich würde es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie mich für übergeschnappt gehalten hätten. Sie zeigten sich aber über mein Gebaren nicht unwillig, ja ihre Höflichkeit steigerte sich bis zur Gastfreundschaft, eine bisher von mir bei Kanakern niemals beobachtete Tugend. Die Pantomime des Kauens ließ im Verein mit behaglichem Klopfen und Streicheln der Magengegend keinen Zweifel, daß ein Festschmaus geplant wurde. Am Ende sollten wir als Schlachtopfer dafür dienen, wird vielleicht mancher denken, der da meint, Kannibalen machten allemal ähnliche Zeichen, ehe sie ihre Beute abmurksen! Ach, nein! das thun sie niemals; die braven Rabuniten waren überdies keine Kannibalen, und wenn sie auch solche gewesen wären, so würde uns dies wenig geniert und das Gefühl der Sicherheit nicht im mindesten alteriert haben. Zum großen Leidwesen der Bewohner schieden wir von dem freundlichen Rabun, und wenn wir auch für diesmal der zugedachten gastronomischen Prüfung entgingen, so ereilte uns doch das Schicksal im nächsten Dorfe. Hier wurden wir förmlich überrumpelt und mußten wohl oder übel an dem bereits servierten Festmahle teilnehmen. Ich gebe hier das Menu. Erster Gang: rötliche Sagoklöße (zähkleistrig, unkaubar, daher nach Angabe der Eingeborenen nur ganz zu verschlingen, was uns nicht gelang); zweiter Gang: kleine sprottenartige Fische mit den Eingeweiden geröstet (nicht übel); dritter Gang: gekochte Tiere einer kleinen Muschel (Neritina), mit den Zinken der Haarkämme aus der Schale gezogen (indifferent), dazu als Konfekt eßbare Erde, als Getränk Wasser und frische Kokosnußmilch. Das war freilich keine Bremer Schaffermahlzeit, aber das Hauptstück der Tafel, ein in der Erde zwischen heißen Steinen gedünstetes Schwein (Bohr), sollte ja erst zubereitet werden. Aber wir hatten keine Zeit darauf zu warten, obwohl uns damit ein Genuß entging. Denn ich darf versichern, daß in dieser Manier gar gemachtes Fleisch nicht zu verachten ist und getrost auf unserer Tafel erscheinen dürfte, wenn nicht das für uns unentbehrliche Salz fehlte. Mit Kokosnüssen beladene Eingeborene geleiteten uns, diesmals längs dem Strande, der meist aus Korallen besteht, wovon wir auch ausgedehnte Riffe in Gaußbucht beobachteten, die sich deshalb als Ankerplatz kaum eignen dürfte. Als wir bei unserem Boot anlangten, packten es unsere Freunde fast voll mit Kokosnüssen, was uns auch noch niemals passiert war. Erst jetzt verteilte ich die Gegengeschenke, und erwähne dies deshalb, weil dadurch erst die lobenswerte Uneigennützigkeit der Eingeborenen im rechten Lichte erscheint. Daß uns die guten Leute auch an Bord folgten, ist wohl selbstverständlich. Sie waren inzwischen klüger geworden und brachten allerlei zum Tausch, darunter neue und interessante Gegenstände. So groteske, buntbemalte, aus Holz geschnitzte Masken, mit meist kolossalen, oft vogelschnabelartigen Nasen, häufig mit Bart aus wirklichem Menschenhaar besetzt, wovon Taf. XIV (1, 2) gute Stücke repräsentiert, und kleine Holzgötzen (T. XV. 4, 5, 6). Sie stellen männliche wie weibliche Nachbildungen von Eingeborenen dar, öfters mit Haarkörbchen, zuweilen sogar mit Gesichtsmasken ausgeschnitten und sind jedenfalls keine Idole, wie jeder Missionär deuten würde, sondern mehr als Talismane zu betrachten. Die Leute gaben sie ohne Zögern her und hatten solche sogenannte Götzen nicht selten, wie Miniaturmasken (vergl. T. XIV. 3) als Zierat an ihren Brustbeuteln befestigt. Neu waren auch eigentümliche Kopfruhebänkchen, sogenannte Kopfkissen, aus Holz mit Schnitzerei und Beinen aus Bambu.